Zlnterhaltmigsblatt des Horwärts Nr. 23. Sonnabend den 1. Februar. 1908 (Nachdruck verboten) 28] Schilf und Sd�lamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Von dem Glück gerührt, näherte Paloma sich seinem Sohne, der wie gewöhnlich ernst und verschlossen blieb.„Toni, das Glück ist in unser Haus eingetreten, und man muß es zu benutzen wissen.... Sie wollten dem Kleinen helfen, der mit den Fischereigeschäften noch nicht recht Bescheid wußten dann würde der Handel sich großartig gestalten. Doch der Alte war ganz verdutzt, al�.er sah, mit welcher Kälte ihm sein Sohn antwortete. „Ja, es ist ein großes Glück, den ersten Fischposten zu haben, wenn man zu seiner Ausbeutung auch die nötigen Gerätschaften besitzt. Dazu brauchte man wenigstens tausend Pesetas, allein für die Netze. Hatten sie etwa dieses Geld?" Der Onkel Paloma begann zu lächeln. „Es würde nicht an Leuten fehlen, die es mit Ver- gnügen leihen." Doch Toni schnitt eine schmerzliche Grimasse, als er das Wort leihen hörte. Sie waren so schon viel Geld schuldig. Die Franzosen, die sich in Catarroja niedergelassen, Pferde verkauften und den Bauern l/Md liehen, waren schon keine kleine Qual für ihn. Er hatte Gelegenheit gehabt, sie um Hülfe zu bitten, erstens in den Jahren schlechter Ernte, dann um die Aus- trocknungsarbeiten der Lagune tätiger zu betreiben, und selbst in seinen Träumen sah er diese in Samt herumstolzicrenden Männer, die jeden Augenblick Drohungen ausstießen und bei jedem Schrie ihre Papiere mit dem verzwickten Netz der Zinsen herausholten. Er hatte genug davon. Wenn man in ein böses Abenteuer verwickelt ist, muß man sich retten, wie man kann, aber sich nicht in ein anderes stürzen. Die Schulden, die auf den Aeckern lasteten, waren gerade ge- nügend. Sein einziger Wunsch war, seine Aecker möchten aus dem Wasser herauskommen, ohne daß er sich um etwas anderes zu kümmern brauchte. Der Fischer drehte seinem Sohne den Rücken. Und das war sein Fleisch und Blut?... Da war ihm Tonet mit all seiner Faulheit doch lieber. Er wollte sich mit seinem Enkel zusammentun, und beide würden schon etwas ersinnen, um über die SckWierigkeiten hinwegzukommen. Dem Herrn der Scquiota konnte es ja unmöglich an Geld fehlen. Noch stolz auf den feuchten Blick, den Neleta auf ihn heftete, schritt Tonet in Begleitung seiner Freunde auf und ab. da bemerkte er, daß man ihn rief und ihm dabei auf die Schulter schlug. Es war Canamel, der ihn mit zärtlichen Blicken anzu- schauen schien.„Sie hatten mit einander zu sprechen: nicht umsonst waren sie immer gute Freunde gewesen: war die Sckienke nicht TonetL eigentliches Haus? Er sollte nur so fortfahren, unter Freunden erledigen sich die Geschäfte sehr schnell." Dann gingen sie einige Schritte beiseite, um an- gelegentlich zu plaudern, während die neugierigen Blicke aller ihnen folgten. Der Schenkwirt ging sofort aufs Ziel los. „Tonet hatte gewiß nicht das nötige Geld, um den Fisch- Posten auszubeuten, der ihm zugefallen war. Stimmte daS nicht?... Aber er hatte das Geld. Und er war ein wahrer Freund, der ihm helfen wollte: er würde sich niit ihm zu gemeinsamer Tätigkeit verbinden und für alles Nötige sorgen." Als Tonet schlvieg und nicht wußte, was er antworten sollte, wurde der Schenkwirt, der sein Schweigen für eine Ablehnung hielt, heftiger.„Waren sie Kameraden, ja oder nein? Hatte er etwa die Absicht, es wie sein Vater zu machen und sich an die abscheulichen Fremden von Catarroja zu wenden, die die armen Leute zugrunde richteten? Er war ein Freund, er betrachtete ihn fast als Verwandten, denn— der Teufel sollte ihn holen— er könnte nie vergessen, daß seine Neleta in der Hütte der Palomas gelebt, daß sie dort oft gegessen hatte und Tonet wie einen Bruder liebte." Der pfiffige Gastwirt benutzte mit größter Unverschämt- heit diese Erinnerungen und hob die schwesterliche Zuneigung seiner Frau für den jungen Mann hervor. Dann faßte er einen noch heroischeren Entschluß. Wenn Tonet einen Zweifel hegte, wenn er nicht glaubte, daß sie die Zuneigung einer Schwester für ihn besaß, sollte er Neleta etwa rufen. damit sie ihn selbst überzeugte? Gewiß würde sie. ihn auf den richtigen Weg bringen. Nun, sollte er sie rufen? Diese Vorschläge hatten für Tonet viel Verlockendes, aber er schwankte doch noch stark, ehe er sie annahm. Er fürchtete das Gerede der Leute, dachte an seinen Vater und er- innerte sich an seine strengen Mahnungen. Er schaute sich um, als könne ihm aus der Menge ein Rat kommen, und er- blickte aus der Ferne seinen Großvater, der ihm zustimmende Zeichen mit dem Kopfe machte. Der Schiffer hatte den Gegenstand der Unterhaltung mit Canamel erraten. Er hatte gerade daran gedacht, sich dem Gastwirt als Bundesgenossen zuzugesellen. Darum er- mutigte er seinen Enkel mit neuen, nicht weniger energischen Gesten.„Er durfte nicht ablehnen: das war gerade der Mann, den sie brauchten." Tonet entschloß sich, und Neletas Gatte, der diesen Eilt- schluß in seinen Augen las, teilte ihm schnell die Bedingungen mit. Er wollte das gesamte nötige Geld geben. Tonet und der Vater sollten arbeiten, der Ertrag sollte geteilt werden. Waren sie damit einverstanden? Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und lenkten, von Neleta und dem Onkel Paloma begleitet, ihre Schritte nach der Schenke, um zusammen zu speisen und den Vertrag feierlich zu begießen. Tie Neuigkeit durchschwirrte sofort den Marktplatz. Der Kubaner und Canamel hatten sich zusamniengetan, uin die Sequiota auszubeuten.... Die Samaruca mußte man auf Befehl des Alkaden von dem Platze wegbringen. Von einigeir Weibern begleitet, schlug sie den Weg nach ihrer Hütte ein, schrie wie eine Besessene und beschwor ihre seit mehreren Jahren verstorbene Schwester herauf, während sie mit aller ihr innewohnenden Lungenkraft erklärte, Canamel wäre ein schamloser Kerl, denn um ein Geschäft zu machen, zögere er nicht, den Liebhaber seiner Frau bei sich aufzunehmen. V. Toncts Stellung änderte sich in Canamels Schenke voll- ständig, er war kein Gast mehr, er ivar Kompagnon, der Kamerad des Hausherrn, und trat in die Schenke, indem er die Reden von Neletas Feindinnen mit hochmütiger Geste herausforderte. Wenn er den Tag hier zubrachte, so geschah das nur, um von seinen Geschäften zu sprechen. Er trat in der un- geniertesten Weise von der Welt in alle Zimmer des Hauses, und um den Leuten so recht zu zeigen, daß er auch wirklich zu Hause war, räumte er den Schenktisch ab und ließ sich dahinter neben Canamel nieder. Sehr häufig stiirzte Tonet, wenn Canamel sich mit seiner Frau im Hinterzimmer befand, und ein Gast etwas verlangte, nach dem Schenktisch und servierte mit komischem Ernst und unter dem Lachen seiner Freunde das verlangte Getränk, wobei er sogar die Stimme und die Gesten des Onkel Paco nachahmte. Ter Gastwirt war mit seinem Kompagnon sehr zufrieden. „Ein vortrefflicher Junge," wie er vor seinen Gästen in Tonets Abwesenheit erzählte,„ein guter Freund, der sich aus- gezeichnet betrug... Und dabei fleißig: der wiirde es mit Hülfe eines Protektors, wie er es war, weit, sehr weit bringen." Sogar der Onkel Paloma verkehrte in der Schenke häufiger als sonst. Die Familie hatte sich in einem heftigen Zwist geschieden. Der Onkel Toni und die Borda begaben sich jeden Morgen aufs Feld, um den großen Kampf mit dem See fortzusetzen, den sie noch immer mit ihrer mühsam herbei- geschleppten Erde zuschütten wollten. Tonet und sein Groß- Vater zogen nach der Schenke, wo sie sich von ihrem nächsten Unternehmen unterhielten. Wirklichkeit waren die einzigen, die davon sprachen, der Gastwirt und der Onkel Paloma. Canamel hörte nie auf, sich selbst zu loben und die Großmut zu rühmen, mit der er sich erboten hatte, ihn zu unterstützen. Er stellte sein Kapital zur Verfügung, ohne zu wissen, wie der Fischfang schließlich ausfallen würde, und begnügte sich dabei mit der 'Hälfte des Ertrages. Er bandelte wahrbaktia anders, als diese fremden Geldleiher, die ihr Geld nur gegen gute Hypotheken und stets wachsende Zinsen hergaben. Und sein ganzer Haß gegen die Eindringlinge, die wilde Rivalität in der Kunst, den Nächsten auszubeuten, bebte aus seinen Worten: „Wer waren denn diese Leute, die sich nach und nach der ganzen Gegend bemächtigten? Franzosen, die mit zer- rissenen Stiefeln und einem alten Samtfetzen auf dem Rücken aus Valencia gekommen waren. Leute aus einer französischen Provinz, deren Namen man nicht einmal kannte, deren Bewohner nicht wert waren, als die Galizier seiner Heimat. Es war doch nicht einmal ihr Geld, das sie hergaben. In Frankreich brachten die Kapitalien nur sehr schwache Zinsen, und diese Blutsauger liehen zu Hause zu zwei und drei Prozent, um es dann den unglückseligen Valencianern zu fünfzehn und zwanzig Prozent weiter zu borgen und so an ihnen ein prächtiges Geschäft zu machen. Ferner kauften sie Pferde jenseits der Pyrenäen, schmuggelten sie sehr häufig herüber und vermieteten sie an die Landwirte, wobei sie es so einzurichten wußten, daß die armen Leute nie in den Besitz der Tiere kamen. Ein Diebstahl, Onkel Paloma, ein regel- rechter Betrug, der eines Christen unwürdig ist." Und Canamel geriet in Wut, wenn er von diesen Dingen mit der geheimen Entrüstung und dem Neide des Wucherers sprach, der aus Feigheit nicht dieselben Mittel, wie seine Kon- kurrevten und Rivalen, anzuwenden wagt. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) � Minter am JVIccr. Längs sind di« Fischer daheim vom Flundern- und Herings- fang. Tie meisten lagen den ganzen Sommer über auf der See oder im Hafen der Seestadt wo die Flofsentiere sofort an den Mann gebracht wurden. Run drängen sich die kleinen, meist einmastigen Fischerboote dicht beieinander im Hafen des Boddens, und nichts rührt, nichts regt sich aut ihnen. Nur wenn der Wind einmal allzu sckars zupackt, dann stöhnen di« schwerfälligen Fahrzeuge im Eise, und eS knistert und knackt an allen Enden. Die weite Fläche deS Boddens, dem im Sommer die bunt- bewimpelten Dampfer und Motorboote, die Segler und Ruderboot« ein freundliches Leben geben, liegt schweigend und tot. Noch trägt das Eis nicht; niemand wagt sich hinauf; in der Mitte schlängelt sich schwarz und offen noch der Strom hindurch. In der weiten. weißen Fläche leuchtet es rot auf: das Ziegeldach eines großen Bauernhauses, auf einer Insel gelegen. Es ist eine Welt für sich. Solange das Eis nicht trägt und das Wasser nicht offen ist, sind sie dort drüben abgeschnitten von allem Verkehr. Oder die Beile und Spitzhacken müssen her und dem Boote mühselig Schritt für Schritt einen Weg bahnen. Landeinwärts ragen, vom Winternebel der- schieiert, die Türme der nächsten Stadt auf. Bei hellem Wetter er- scheinen sie ungemein nah; und doch braucht ein rüstiger Fußgänger von unserem Fischerdorf aus drei Stunden, um in ihre Nähe zu ge- langen. Im Winrer. Denn im Sommer schaukelt uns der Dampfer in einer Stunde hin. Aber wer's nicht durchaus nötig hat, der bleibt daheim. Daheim in den niedrigen, torfgeheizteu Stuben, unter dem Strohdach; beim Netzeflicken und den mancherlei häus- lichen Arbeiten, die eine kleine, meist sehr kleine. Landwirtschaft und Viehzucht erfordert. Einige schaffen sich einen kleinen Vcr. dienst durch die Boddenfischerei, die auch dann sortgesetzt wird, wenn das Eis eine dicke, eherne Decke über Strom und Bodden zieht. Das Dorf liegt weiß�und still— ein Bild wie aus einem Märchenbuch. Ein paar Häuser, eine Mühle säumen die sanfte Rundung des Boddenusers und den winzigen Hafen. Ein größeres Hotel ragt unter ihnen auf— wie ein Fremdling, der sich verirrt hat und nun ratlos vor der weiten Wasserfläche steht, die ihn am Weiterkommen hindert. Nach dem Meere zu, über die ganze Breite der Landzunge hinweg, die See und Binnenwaffer trennt, glänzt «s von den weißen, schneegepolsterten Rohrdächern des Torfes. Nicht nur Rohrdächer. Auch rote Ziegel- und blaue Schieferdacher sind darunter. Kleine, verlassene Villen zum größten Teile, die erst mit dem Frühling und Sommer ihr« festverschlossenen Fensterläden wieder öffnen. Totenstill ist's in diesen Häusern, und nur ein paar Spatzen lärmen nn Garten und hüpfen auf der Strohpuppe herum, die den Rosenstrauch schützt. Aus den Veranden gähnen uns die leeren Fensteröffnungen entgegen; zerfetzte Leinwand- jalousien klatschen gegen die Wände. Und oben- hoch oben an der Fahnenstange flattert irgendein Streifen: der traurige Ueberrest einer Flagge, die sie hinabzulassen vergessen haben. Schwarz stehen Hecken und Büsche, von einer dünnen Schueeschicht beteckt. Die Bäume recken ihre dürren, blattlosen Zweige zum Himmel, und nur der immergrüne Efeu bringt eine lebensfrische Farbe in das tote Bild. Nebenan, wo das uralte Rohrdach sich fast bis zur Erde neigt, geht'S etlvas lebhafter her. Hinter dem braunen, windschiefen Bretterzaun quiekt und schnattert und gackert es.»Hol em wistl" („Halt ihn fest!") sagt eine Stimme. Und dann gibts noch ein markerschütterndes Quieken und ein Röcheln, und dann ist'S ganz still, auch die Enten schweigen, und die Hühner flüchten, von Angst gejagt, durch eine Zaunlücke auf die Straße. Das Borstentier ließ sein Leben, und Menschen, Hunde und Katzen feiern Schlachtefest. Der Fischer freut sich des fetten Tages; lange schon steht die Pökel- tonne leer— und Fleisch kaufen? Nicht viele könnens und nicht oft können sie es. Aber auch der Genügsamste mag nicht immer Fische auf dem Tisch sehen; häufig genug fehlen auch diese. Und so '.sts ein sehr armseliges Leben bei den meisten bis zum Schlachtesest. das die Pökeltonne wieder füllt und ein paar Schinken und Würste in den Rauch bringt. Mancher verkauft auch davon noch, um ein wenig bares Geld in die Hand zu bekommen. Der drängende Kaufmann will bezahlt sein; der Holz- und Kohlenhändler macht Ansprüche, und, von der Miete abgesehen, lebt sichs hier kaum billiger als in irgendeiner Großstadt. Nur die Luft ist billig, die reine, lebenspendende Luft. Man kann sie in tiefen Zügen einsaugen, ohne sich um Bakterien sorgen zu müssen. Das Meer hat sie gereinigt, oder die weiten Binnengewässer haben das letzte Stäubchen verschluckt. Zum Segen Aller, die hier ihr armes Dasein hinbringen, zum Segen insbesondere der Kinder, die fast ohne Ausnahme mit roten Wangen herum- laufen. Jetzt vergnügen sie sich auf den zugefrorenen Tümpeln der Dorfstraßen mit plumpen Schlitten und unmöglichen Schlitt- schuhen. Die Untdrnehmungslustigeren�wandern ins Moor. Eine Viertel-, eine halbe Stunde tveit. Im Sommer sticht man dort den Torf. Ter Herbst überschwemmt das Moor. Und der Winter macht eine Eisbahn daraus. Ter Berliner darf nicht an die Rousseau- Insel denken. Niemand fegt das Moor. Aber niemand fordert auch Eintrittsgelder. Ganz frei liegt es. eine ungeheure Wiesen- fläche. Die Winde haben von der See und von allen Seiten her freie Bahn. Mit ausgespannten Jacken fährt sichs gut dort. Aber man darf nicht auf den Sand geraten; nicht in das schwarzbraune Heidekraut, das seine Inseln überall hineingestreut hat. Wie eine unendliche Kette von Seen ist das Moor im Winter. Gräben oder schmale Wasserstreisen verbinden die einzelnen Plätze. Doch wer's Versteht, der saust selbst auf den unmöglichsten Schlittschuhe:, von ?inem zum anderen. Ter Sonntag sieht auch Pärchen hier. Junge Burschen und frische Mädel, denen die Gesundheit aus den Wasser- hellen Augen blitzt. Und wer da meint, daß die Fischermädchen ohne Grazie sind, der irrt sich. Keine geleckte Koketterie, keine Ab- ficht in den Bewegungen, nein. Aber natürliche Kraft und Gc- ivandtheit. Dazu lachende, hübsche Gesichter und kein« Spur groß- städtischer Blasiertheit. Die ausgenommen, die ein paar„Lehr- jähre" in Berlin oder Hamburg erlebt haben und die hier die „Weltdame" markieren. Sie sind nun wie das Hotel am Bodden — Fremdlinge, die wie eine Stilwidrigteit wirken. Eine Poststraß« ruf geschüttetem Damm führt durch das Moor. Tief haben die Räder- und Hufspuren sich in den feuchten Sand gegraben. Der Winter ließ alle Eindrücke erstarren. Nun ists ein schlechtes Wandern hier. Mehr ein Tanzen wie auf Eiern. Vor uns liegt de. Deich, hinter dem Deich die Dünen, und hinter de» Dünen das Meer. Eine gute Viertelstunde, und wir sind ohne Knöchelbruch am Deich, der die Landzunge vor den Einbrüchen deS Meeres schützt. Ein schmaler Pfad führt in die Dünen. Hier wuchert der Strandhafer, und die Zwergtiefer gedeiht. Auch diese beiden sind ein Schutz für das Land: ihre Wurzeln befestigen den losen Dünensand. Wie mächtige erstarrte Wellen, weiß vom Schnee getränt, ziehen die Dünen sich am unendlichen Meer entlang. Ihr höchster Punkt, weit hinten jn der Ferne, glüht tn rötlichem ischein. Die Sonne steht hinter einer Wolkenwand, knapp über dem Wasser. Eine tiefe Glut lündetS. Die Wand spaltet sich; rot flammt das Feuer hervor. Und ein prächtiges Funkeln und Glitzern hebt an. Tie Kiesern in den Dünen scheinen zu brennen, und der Strand ist wie besät von blitzenden Diamanten. Der Horizont schiebt sich hinaus. Die tiefgrüne Färbung deS Meeres hellt sich im Westen aus. Aug Nordosten streicht ein Luft- zug heran, und die gleichmäßigen Wellenschläge am Ufer verstärke» sich. Kein Schiff, kein Segel, kein Mast, soweit das Auge reicht. Nur ein schwacher, ganz schwacher Rniichstrcifen hoch im Norden. Tas ist ein Dampfer auf der deutsch-schwesischen Fahrstraße. Ter breite Strand, auf dem wir zurückwandern, ist vom Frost zu einen, idealen Fußwege gewandelt. Im Sommer sinkt man bis zu den jtnöcheln und tiefer ein, und nur nahe am Wasser läßt fichs mühelos marschieren. Inzwischen hat das Meer seine Wogen wiederholt bis an die Dunen getrieben, hat den«trand reingefegt von allen Unebenheiten, hat ihn durchtrankt mit Feuchtigkeit, und der Winter mit seinem Frost hat ihm die nötige Härte und Festig- keit gegeben. Man geht wie auf dem sauber gewaschenen Asphalt der Großstadt; noch angenehmer, weil der Boden trotz allem nicht die Unnachgiebigkeit deS Asphalts besitzt. Hier und dort ein Häus- che» Tang, ein abgebrochener Mastbaum, eine Schiffsplanke, dle das Meer heranaespült bat.— sonst findet der Fuß keine Uneben- heit. Das Ufer ist garniert mit weißen, gelben, schwarzen Muscheln, die jetzt keiner sucht als allenfalls die Raben, die krächzend am Strande entlangstreifen. Sie sind unsere einzige Gesellschaft. Ein paar Möwen noch, die unweit von uns über dem Wasser schweben. Aber kein Mensch. Stundenlang könnte man wandern, ohne einer Seele zu begegnen. Alles sitzt daheim in den dunstigen Stuben. Oder karrt Dünger auf dem Acker. Oder flickt einen alten, gebrechlichen Zaun. Die meisten aber hocken am Ofen. Sie gehen nicht hinaus, wenn sie nicht müssen. Tie Dämmerung kriecht über das Wasser heran. Die rote Glut im Westen ist längst' erloschen. Immer dunkler wird daS Meer; immer stärker bläst der Wind; es ist, als ob sein? Nadeln an der Arbeit sind, unser Gesicht zu spicken. Immer stärker werden die Wellenschläge, immer weiter spritzt der Schaum auf den Strand. Ter erste Stern blitzt im Osten auf. Nein, kein Stern. Aber so klein und hell wie ein Stern: das Leuchtfeuer von Rügen. Bald darauf kommen sie wirklich, die Sterne. Leuchtend und glitzernd wie Gold und Silber am stahlarauen Abendhimmel. Einer nach dem anderen flammt auf. In ihrem Scheine steigt plötzlich ein Ungetüm auf hohen Pfählen vor uns empor: die Badeanstalt. Noch wenige Minuten also, und wir sind wieder am Dorf. Hier geht eine breite Fahrstrasse über die Dünen. Dunkel, tiefdunkel erstreckt der schmale Tünenwald sich zu beiden Seiten. Noch einen Blick aufs Meer: weihköpfig rollen die Schaumwellen heran; zuweilen blitzt in der Ferne ein Heller Wogenkamm auf; eine Sternschnuppe schiesst in weitem Bogen ins finstere Wasser. Der Wind wird Sturm und ächjt in den niedrigen Bäumen. Grossflockiger Schnee klatscht uns ins Gesicht, und nun wirbelts und stürmt es nieder in das Tors und ziert von neuem alle Hecken und Dächer. Strassenlaternen gibts hier nicht. Mau rechnet mit Mond und Sternen. Und im schlimmsten Fall mit der Handlaterne. Es findet auch jeder seinen Weg im Dunklen. Die weissen Dächer helfen zur Orientierung. Hier und da ein erleuchtetes Fenster. Sonst kaum eine Spur von Leben und Wachsein. Oder gelegentlich eine Stimme, die schülcrmässig vorliest. Aus einem alten Zeitungsblatt oder dem zcrlesenen Bande einer illustrierten Zeitschrift, der von den Sommergästen fortgcworfen wurde. Einige halten wohl auch das Lokalblatt aus der nächsten Stadt. Einsamkeit, Stille ringsum. Auch in den Lokalen kein Laut. Vielleicht sitzen ein paar beim Kartenspiel; oft gähnt nur der Wirt hinterm Tresen. Es ist ein langweiliges Geschäft im Winter. Und mancher mag froh sein, wenn er nicht noch das Petroleum aus der eigenen Tasche zahlen muss. Einsamkeit. Stille. Man kann durch das ganze Torf streifen. ohne in Gefahr zu kommen, im Dunkeln mit einem anderen„Nacht- Wandler" zusamnrenzustossen. Es gibt nur einen hier: den Nacht- Wächter. Und der tritt sein Amt erst später an. So wandern wir wirklich wie in einem Märchen. An den kleinen, weissbedachten Häuschen, an den schiefen Zäunen mit ihren Schneemützen, an den winzigen, hüttenartigen Ställen vorbei. Ganz regellos und weit verstreut steht das alles. Von Gärten, von Aeckern und Wiesen unterbrochen, von Gräben durchzogen, von Hecken umgeben. Ein kleines, helles Fenster dicht unterm über- hängenden Nohrdach; ein Kopf über den Tisch gebeugt— wie eine flüchtige Silhouette sehen wirs, und unsere Gedanken bleiben da- ran hange», bis zufallig ein neues Bild, ein kleiner, ganz kleiner Ausschnitt aus diesem weltfernen Leben uns von neuem fesselt. kliii wenn das Nachtleben der Grossstadt noch braust und wogt wie am Tage, dann erlöschen die Lampen in unserem Dorf. Nur die Sterne flimmern, der Nordost braust um die kleinen Häuser, und die See wogt und singt mit zarter und zuweilen mit donnern- der Stimme das Schlummerlied den einsamen Menschen am Meer. (Nachdruck verboten.) Von den Mmmelserscbemungen im f cbruan 1908 ist ein Schaltjahr; der Gregorianischen Kalenderordnung gemäss hat somit der Februar diesmal 29 Tage. Wir wissen ja, dass die grosse Zeiteinheit, das Jahr, keine Anzahl von Tagen enthält, weil der Umlauf der Erde um die Sonne noch etliche Stunden, Minuten und Sekunden mehr braucht als 395 Tage. Soll also die Zählung der Tage mit derjenigen der Jahre in Uebereiastimmung bleiben, dann müssen wir zu Schaltungen greifen. Der im Jahre 1532 auf Grund der Arbeiten einer von dem Papste Gregor XIII. einberufenen Astronomenkonferenz reformierte und nach ihm ge- nannte Gregorianische Kalender trägt dem Bedürfnis der Praxis für eine richtige Zeiteinteilung aus lange Zeit hinaus Rechnung. Er wurde um 1799 offiziell eingeführt und wird erst in 3399 Jahren um einen ganzen Tag falsch. Der alte Julianische Ks- lender, dessen Einfuhrung schon im Jahre 47 vor Christi von Julius Cäsar unter Beihülfe alexandrinischer Astronomen geschah, ist gegen den Kalender neuen Stils bereits um 13 Tage zurück, und es wäre deshalb erwünscht, dass jener alte Kalender, der gegen- wärtig nur noch in Russland, Griechenland und bei einigen slavischen Völkern im Gebrauch ist, baldigst abgeschafft würde. Der ziveite Kalendcrmonat heitzt nach dem Lateinischen Fe- bruarius; im Altdeutschen hiess er„Hornung" nach dem in ihm gewöhnlich herrschenden hornharten Frost. In der Tat ist der Winter in ihm und im Januar durchschnittlich am schärfsten. Dennoch kündet der Februar in unseren geographischen Breiten bereits das Erwachen der Natur aus dem kurzen Winterschlafe zu neueni Leben an. Denn der starte Aufstieg der Sonne am Tageshimmcl bedeutet die wichtigste Einbusse, welche die Dauer der kalten Winternacht erleidet. Im Februar empfängt unsere Erdzone den größten Zuwachs an Licht- und Wärmestrahlcn von unserem Zentralgestirn. Der Mond ist vornehmlich vom 7. bis zum 14. des Monat» zu beobachten. Tann wird er schon wieder zu voll, als dass sich Oberslächenbeobachtungen an ihm anstellen liessen. Nach dem Voll» mond>17.) geht er erst nach Mitternacht auf. An den mond» scheinfreien Nächten, also in der ersten und letzten Woche de? Monats, bietet sich uns Gelegenheit, das Zodiakal- oder Tierkveislicht zu beobachten. Man erblickt diese zarte aber grossartige Lichterscheinung über dem westlichen Horizont da. wo die Sonne untergegangen ist. Sie ist eine der anziehendsten und rätselhaftesten Erscheinungen, die immer noch einer erschöpfenden Erklärung harrt. Nur wenige Wochen bietet sich uns die günstige Gelegenheit, sie zu beobachten, nämlich im Februar und Oktober, wann sie erst wieder in eine für unsere Gegenden ansehnliche Stellung kommt. Ter Lichtschimmer des Zodiakallichts ist dem der Milchstrasse vergleichvar; sie bildet eine Pyramide, deren Grundlinie auf dem westlichen Horizonte zu ruhen scheint, wäh- rend ihr oberer verjüngt zulaufender Teil sich längs der Ekliptik fortzieht. Die Längsaxe dieser elliptischen Lichtwolke liegt also im Tierkreise, woher die ganze Erscheinung ihren Namen— Tierkreislicht, Zodiakallicht— erhalten hat. Da nun die Lage der Ekliptik jetzt so ist, dass sie am stärksten gegen den Horizont auf- steigt— weshalb ja. wie oben bemerkt, der Zuwachs an Licht und Wärme in diesem Monat am größten wird—, ist auch dieser Teil des Jahres der günstigste für die Beobachtung. Oft ist der Glanz der Erscheinung so bedeutend, dass die hellsten Teile der Milchstrasse von den glänzendsten Partien des Tierkreislichtes übertroffen werden. Das Licht erscheint nicht immer ruhig, sondern oft pul» sierend; auch die Farbe unterliegt bemerkenswerten Aenderungen. Meist erscheint es in gelblichem Tone, aber auch reinstes Weiss, grünliche und rötliche Töne kommen vor. Dass das Zodiakallicht ein selbstleuchtender Stoff wäre, darf jetzt als unwahrscheinlich gelten. Es ist vielmehr die auch schon aus der spektroskopischen Forschungsmethode wahrscheinlich gemachte Annahme, dass uns das Zodiakallicht wesentlich reflektiertes Sonnenlicht zuwendet, als wahrscheinlich anzunehmen. Denn die neuesten Forschungen haben uns eine verwandte Erscheinung als eine Ansammlung kleinster Weltkörperchen in ungeheuerer Anzahl kennen gelehrt, die sich nach den Gesetzen der Himmelsmechanik in engeren elliptischen Bahnen um einen Punkt der über die Erdbahn hinaus verlängerten Linie Sonne— Erde herumbcwegen und so in ihrer ungeheueren A»zahl für uns jenes magische Leuchten hervorrufen, das man sehr oft dem Tierkreislicht gegenüber bemerkt hat und mit dem Namen „Gegenschein" bezeichnet. Bon den periodischen Kometen wird der E n ck e sche zu Anfang Mai wieder seinen Umlauf um die Sonne vollenden. Die Russen Herr Kamensky und Fräulein Korolikow in Petersburg haben eine Vorausberechnung des Laufes der Bahn von Januar bis Ende April geliefert. Danacb wird der 5wmet anfänglich wegen grosser Entfernung von Sonne und Erde sehr schwach und später wegen seiner Stellung in der Abenddämmerung nicht mehr er« kennbar sein. Im Jahre 1332, wo er nur drei Tage später in die Sonnennähe kam. wurde er vor diesem Zeitpunkte auf der Nord- halbkugel der Erde vergeblich gesucht. Nach seiner Sonnennähe wurde er aus verschiedenen südlicben Sternwarten in freilich nur geringer Helligkeit beobacktet. Besser waren die Sicktbarkeitsver- Hältnisse im Jahre 1875, als er schon am 13. April in seine Sonnen- nähe kam. Er wurde schon Ende Januar aufgefunden Erst war er sehr schwach, später aber erheblich Heller und konnte bis kurz vor dem Durchgang vor der Sonne beobachtet werden. Nach diesem war er nur kurze Zeit für die südliche Erdhälfte als schwacher Nebelfleck wahrnehmbar. Es war natürlich zu vermuten, daß der Komet jetzt mit den sehr leistungsfähigeren Instrumenten trotz seiner geringeren Helligkeit eher gefunden würde als je früher. In der Tat hat Prof. Wolf den Kometen schon am 2. Januar mit Hülfe seiner photographischen Instrumente wiedergefunden. Seine Nachforschungen nach dem H a l l e y scheu Kometen dagegen sind bisher erfolglos geblieben, haben fedoch zur Auffindung eineL anscheinend sehr weit entfernten Planetoiden von nur 18. Grösse geführt.— Von Prof. Kopfs wurde ebendaselbst ein sehr heller kleiner Planet von 9.2. Grösse aufgefunden, der sich durch sehr starke Bewegung auszeichnete. Von den grossen Planeten wird auch Merkur in der Mitte des Monats etwa% Stunden lang in der Abenddämmerung ficht- bar. Vom 24. an verschwindet er unteren Blichen wieder.— Die Sichtbarkeitsdauer der Venus nimmt bis auf reichlich drei Stunden am Ende des Monats zu.— Mars ist Mitte des Monats 4V2, am Ende noch reichlich vier Stunden des Abends zu sehen. Im vorigen Jahre hat Lowell. um an der Erdähnlichkeit des Mar» festhalte» zu können, eine Rechnung veröffentlicht, wonach die mittlere Marstemperatur-st 3 Grad wäre. Diese Rechnung kann aber, wie Herr Poynting im„Philosophical Magazine" nachweist, nicht stimmen, die mittlere Temperatur muss um mindestens 39 Grad niedriger sein, es sei denn, daß die geschickten Mars» bewohner ihren ganzen Planeten durch ein Glasdach zu einem Treibhause gemacht hätten.— Der Planetenriese Jupiter, jetzt der hellste Stern an unserem Firmament, bleibt noch bis Ende de» Monats die ganze Nacht hindurch am Himmel sichtbar.—Saturn ist Mitte des Monats 114. am Ende kaum noch eine halbe Stund» zu seher Kleines f euilletom Au» O. e. HartltbenS Briefwechsel. In der„Neuen Rund- fdjau" wird der Briefwechsel O. E. Hartlcbens mit seiner Ge- liebten und späteren Frau in Äuswahl veröffentlicht. Er erstreckt sich von 1887 bis zu seinem Tode USVS). Unsere Leser werden einige Stücke interesiicren von dem jungen Hartlcben, der der sozialistischen Bewegung nahestand. In einem Briefe vom 17. No- vember 1889 schreibt er: „Terminal" im„Volksblatt", dem Vorgänger des„Vor- würts", ist von demselben Zola, der die„Mutter Erde" geschrieben hat. Er erwähnt in seinen Romanen freilich manches, was andere Romanschriftsteller aus sogenannter Wohicrzogcnheit verschweigen — aber das geschieht aus dem echt künstlerischen Drange, den Ein- druck der Lebenstreue und Lebcnswahrheit des Erzählten zu erhöhen, unsere Illusion, daß wir es mit dem Wirklichen zu tun hätten, zu verstärken. Der Romanschriftsteller schreibt seinen Roman nicht, um einem männlichen und weiblichen Damenpublikum seine Wohl- erzogenheit zu beweisen oder zu erhärten, sondern um ein treues und ergreifendes Abbild des wirklichen Lebens zu geben. Das im„Terminal" geschilderte Elend der Bergarbeiter ist keineswegs übertrieben. Ein Jahr nach Erscheinen des Romans brachen in Belgien die großen Streiks aus, welche sich fast wie nach dem Rezept des Zolaschen Romancs abspielten und welche Zustände enthüllten, die zum mindesten ebenso entsetzlich waren, wie die von Zola gc- schilderten. Du würdest hierzu leicht die Belege finden können, wenn Du das„Volksblatt" gelegentlich auch mal über den Feuille- tonstrich nachlesen wolltest." Bon Bildungsfragen spricht ein Brief vom 26. November 1889:„Dil weißt ja, wie wenig ich auf die sogenannte„Bildung" Wert lege, wie widerlich mir die Gesellschaft der„Gebildeten"«st. Wir wollen Menschen, wirtliche Menschen, aber keine„Gebildeten" sein, welche sich wegen irgend welcher angelernten Dinge für wert- vollere Geschöpfe halten als ihre Mitmenschen. Aber außer jener „Bildung" in Anführungszeichen, außer der gesellschaftlich sanktio- nicrten und mit möglichster Engherzigkeit uniformierten Bildung, gibt es noch eine andere, jene, von der man sagt,„Bildung macht freil", d h. frei von den stumpfsinnigen Vorurteilen der legitimen Gesellschaft. DaS ist eine Bildung, welche in dem Begriff„Mensch sei»" enthalten ist. Sie geht nicht auf Aeußercs und Angelerntes — ihr Wesen ist selbständiges Dente.r, natürliches Fühlen, das ist die Bildung, welche wir erstreben, die einzige, welche für uns Wert hat. Das sage ich Dir alles, um nicht den trüben Gedanken in Dir aufkommen zu lasten, als ob, indem ich darauf bestehe, daß Du orthographisch schreibst, ich in dieser Aeußerlichkeit ein Sympton Deiner Unzulänglichkeit, Unebenbürtigkeit oder dergleichen erblickte. Meinetwegen könntest Du Zeit Deines Lebens mit konstanter Bos- heit„das" statt„daß" schreiben, ich meine, meine Wertschätzung Deiner Persönlichkeit würde dadurch nicht modifiziert, ebensowenig, wie Du in meiner Ächtung steigen würdest, wenn Du nun wirklich lernst fehlerfrei zu schreiben. Aber es handelt sich nicht um mich, sondern um Dich und andere. Und erst indirekt, indem ich dar- unter leide, wenn ander Dich nicht für voll nehmen, berührt diese Frage auw mich." Wie Hartleben über Liebe und Ehe dachte, spiegelt eine Aus- cinandersetzung vom 8. Juni 1893 wi-der:„Die Franzosen nennen eine Geliebte: Maitresse, d. h. auf deutsch:„Herrin", und dieser Bezeichnung liegt ein Verhältnis zugrunde, in dem der Mann nach den Launen und Eigcnwilligkeiten des Weibes tanzt und vor ihnen gittert: ein Verhältnis: wie ich es erst jetzt wieder mit Schauder und Schmerz bei H. beobachtet habe. Du achtest aber, wie ich hoffe. Dich und mich zu hoch, um ein solches Verhältnis zwischen uns zu wünschen. Du verstehst, wie ich hoffe, daß das deutsche Wort Gc- liebte, wie ich es auffasse und mit mir alle, die von der lebenden Generation für die Zukunft in Betracht kommen, auf ein Verhältnis sich bezieht, das alle sittlich ernsthaften und schönen Seiten einer „Ehe" in sich begreift, ohne die hätzlichen und gemeinen Seiten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwanges, der zu 99 Prozent das eigentliche Wesen der bürgerlichen„Ehe" bildet. Wenn Du Deinen Verstand zusammennimmst und Dich in diese Anschauung hineindenkst, die einzige, die menschlich vornehm und zugleich wahr- Haft modern ist, dann wirst Du nicht nur eine frohe Sicherheit und Ucberlegcnheit unserer Liebe fühlen, die so viel höher geartet ist, als das jämmerliche Gros der Ehen, Du wirst auch ein für allemal die stumpfsinnige Sorge um die Zukunft los werden, weil Du Dir sagen mußt, daß es damit wohl recht wenig Gefahr haben muß, wenn ich unseren Bund so auffaste. lVorausgesetzt, daß Du Vcr- trauen zu mir hast.) Aus den kleinbürgerlichen Anschauungen, in denen Du herangewachsen bist, mußt Du Dich aber losmachen, das ist eine geistige Arbeit, die ich von Dir verlangen darf, wenn ich das Leben mit Dir teile." Bon der Polarexpedition Kapitän MikkelsenS. Von dem bis- hcrigen Verlaufe der angloamerikanischen Polarexpedition unter dem dänischen Kapitän Mikkelsen, die im Mai>996 von Viktoria in Britisch-Kolumbia auslief, um die schlver zugängliche Nordküste von Alaska und die Verhältnisse der Beaufortsee zu erforschen, gibt jetzt Vilhjalmr Stefansso n, der Ethnologe der Expedition, in„Harpers Monthlv" einen fesselnden Bericht. Von der Expcdi- tion waren eine Zeitlang beunruhigende Nachrichten verbreitet, dir Verantw. Redakteur: Georg Davidfohn, Berlin..— Druck u. Verlag: sich jedoch nicht bewahrheiteten. Der„Duchcß os Bedford", die von der Britischen und Amerikanischen Geographischen Gesellschaft aus« gerüstet wurde, gelang es nach mannigfachen Schwierigkeiten und mit Hülfe der Waifischjäger die Barrowspitze zu umschiffen, allein in der Camden-Bai geboten die Eisverhältnisse einem weiteren Vordringen nach Osten Halt, und mit Eintritt des Winters be- gannen die Schlittenexpeditionen nordwärts', Stefansson hatte den Landweg gewählt und plante, das Schiff an der Mündung de» Mackenzieflusses zu erreichen. So mußte er monatelang unter den Eskimos weilen, ehe es ihm gelang, das Schiff, das die Mackenzie- Bai nicht erreicht hatte, aufzufinden. In den ersten Märztagen wurde der erste Schlittenvorstoß in das zugefrorene Eismeer unter- nommen. Er scheiterte an den unüberwindlichen Eisverhältnissen. wurde dann aber Ende März mit besserem Erfolge wiederholt. Nach einer Svtägigen, entbehrungsreichen Reise traf die Expedition wieder beim Schiffe ein, nachdem sieben von den dreizehn Hunden hatten geschlachtet werden müssen und zwei von den drei Schlitten auf- gegeben waren. Es war ein wenig tröstlicher Empfang, der die Forscher am Winterlager erwartete; das Schiff hatte dem Eisdruck nicht standgehalten, es war geräumt worden und fiel dem Eise anHeim. Erst Ende Juli 1997 wurde die Besatzung von dem Wal- faschfahrer„Belvedere" aufgenommen. Nur Kapitän Mikkelsen und Mr. Lcffingwell blieben zurück, um im kommenden Winter die Forschungen fortzusetzen; auch Stefansson wird sich ihnen wieder zugesellen un-d ferne ethnologischen Untersuchungen unter den Eskimos weiterführen. Als wissenschaftliche Ergebnisse sind eine Reihe interessanter Ncubeobachtungcn und hinsichtlich der Meeres- strömungen der Beaufortsee wichtige Berichtigungen der früheren Annahmen zu buchen. Von besonderem Fntcressc aber sind die einzelnen Beobachtungen und die praktischen Erfahrungen, die Stefansson schon Heute mitteilt. Mit dem Einsetzen des Winters mußte man schnell inne werden, daß die„bewährten arktischen Aus- rüstungen" der Forscher einen Vergleich mit der Eskimokleidung in keiner Hinsicht aushalten konnten.„Die finnischen Stiefel, die „Finnskor", die auch Nansen und andere Polarforscher getragen, wurden von den gewöhnlichen Eskimostiefel sowohl an Leichtigkeit wie an Wärme übcrtroffen. Ein einfacher, in Norwegen gefertigter Pelzrock— wie solche bei fast allen Polarcxpeditionen getragen wurden— wiegt für sich allein soviel wie eine ganze Eskimoaus- rüstung von Ober- und Unterkleidern mit Stiefel und Handschuhen. Der norwegische Rock ist steif wie ein Segeltuch, die Eingeborenen- kleiduug bleibt weich und biegsam wie Lederhandschuhe. Ein gut ?clnachter Eskimoanzug— Socken, Stiefel, Unterkleidung, Bein- leider, Rock und Kopfschutz>— wiegt zehn bis elf Pfund, soviel wie europäisckje Sommerkleidung und damit kann man auf einem Eis- block sitzen, den Wind im Nacken und in einem geöffneten Wasser- loch bei einer Temperatur von 19 Grad Reaumur unter Null ge- mächlich fischen, ohne die Kälte anders zu spüren als im Gesicht, dem einzigen Teil, der frei hleibt. Keiner von uns trug nock' die ameri- kanischen Pelzhüllen, und jeder versuchte sich von den Eskimos neue Kleider zu verschaffen." Bei der ersten Schlittenrcise mußte man bald umkehren und brachte die Erkenntnis mit heim, daß die Schlitten„von erprobtem arktischem Typus" für ihre Zwecke nicht besser geeignet waren als die finnischen Schuhe und norwegischen Pelze. Zu den mannigfachen Schwierigkeiten gesellte sich noch die Plage der Schneeblindheit, von der Stefansson eine an- schauliche Schilderung gibt.„Der Schmerz beginnt nicht unmittel- bar nach der Ueberanstrengung der Augen, die deren Ursache ift. Nach eingm langen Nebeltag fühlt man am Abeftd, wenn man in die Hütte kriecht, ein leichtes Jucken an den Augen und sobald man sich dem Feuer oder überhaupt der Wärme nähert, beginnen sie zu tränen. Später hat der Kranke ein Gefühl, als sei ein beizender Rauch im Zelte und dies Empfinden verstärkt sich schnell; es ist, als ob er ein Sandkorn unterm Augenlid hätte, und dies lästige Gefühl verstärkt sich immer mehr. Jede Bewegung verursacht heftige Schmerzen, die dann schließlich auch ohne Bewegung an- halten. Die Pein verstärkt sich immer mehr. Es ist der einzige Schmerz, der selbst dem Eskimo Schreie der Verzweiflung entlockt. Nack 24 Stunden mäßigt sich etwas der Anfall; der Kranke bleibt gewöhnlich in seiner Hütte, von draußen hört man ihn jammern und zuweilen aufschreien, mit beiden Händen bedeckt er die Augen. um das Licht fern zu halten. Am zweiten oder dritten Tage ist er dann imstande, wieder zu reisen, aber er ist dann außerordentlich kurzsichtig und sieht alle Dinge doppelt. Ist das Wetter neblig und besitzt der Kranke keine Schneebrille, so mag sich nach einer Woche der Anfall wiederholen. Jeder Anfall schivächt die Augen mehr, und nach der Annahme der Eskimos führt eine öftere Wiederholung schließlich zu völliger Blindheit, ein Uebel, das unter den Eskimos stark verbreitet ist. Die Eingeborenen glauben, durch Schonung der Sehkraft und durch ein unausgesetztes Hinstarren auf dunkle Gegenstände, z. V. auf einen schwarzen Hund im Gespann, sich am sichersten gegen die Schneeblindheit zu wappnen. Dieselbe Anschau- ung ist unter den Mannschaften der berittenen Royal North West Polizei verbreitet, die durch ihren Beruf in die arktische Zone gc- führt werden und in den Ebenen des Nordwestens oft von der Schneeblindheit heimgesucht werden. Nichts mag die furchtbaren Qualen der Schneeblindheit deutlicher jzu erklären als die Tatsach«, daß alljährlich im Frühjahr mehrere Selbstmordfälle in der Polizei zu verzeichnen sind, die nur auf die Unfähigkeit, die Schmerzen länger zu ertragen, zurückzuführen sind."— ?orwart? Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer&. Cm, Berlin SW.