Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 25. Miltwoch den 5 Februar. 1908 (Äachvruck ve'.dolcn Z W) Hckilf uncl Scklamm. Roman von Viccnte Blasco Jbanez. Sangoncra hatte Tonet gerade in dem Augenblick gesehen, Wo er an Land gegangen war, und ihn angerufen, ohne seine prächiige Lage desKalb aufzugeben. Sein Körper hatte sich vorzüglich dein Stroh angepaßt, und er würde sich schwer hüten, den Schober zu verlassen.... Dann erklärte er, warum er hier wäre. Er hatte in der Schenke mit Fuhrleuten ge- speist, vortrefflichen Leuten, die ihm zu essen gegeben hatten, ihm nach jedem Bissen den Becher reichten und über seine Späßc lachten. Doch der Schenkwirt hatte, schlecht erzogen tvie alle seinesgleichen, ihn sofort nach dem Fortgange seiner Eöästc vor die Tür geseht; denn er wußte, daß er für eigene Rechnung nichts verzehren konnte. Da war er denn hierher gekommen, um die Zeit totzuschlagen, die Zeit, die die größte Feindin des Menschen ist... Waren sie Freunde, ja oder nein? Na also, konnte er ihm da nicht ein Gläschen spendieren? Das bejahende Kopfnicken TonctZ trug über seine Faul- heit den Sieg davon, und er richtete sich, wenn auch mit einiger Mühe, auf. Sie tranken einen Schluck in der Schenke und setzten sich dann an eine mit schwarzen Brettern belegte Stelle des Hafens. Tonet hatte den Vagabunden seit einer langen Reihe von Tagen nicht gesehen, und Sangoncra erzählte ihm sein Leid. In Palmar war nichts zu machen. Nelcta, CanamelS Weib, diese stolze Person, die ihren Ursprung ganz vergessen, hatte ihn unter dem Vorwande, er besudele die Schemel lind die Porzellanfliescn mit dem Schmutz, den er überall mit sich herumschleppe, aus der Schenke gejagt, tzn den anderen Schenken war es ganz erbärmlich, da kam auch nicht ein Gast herein, der ein Glas hätte spendieren können, und er sah sich gezwungen. Palmar zu verlassen und den See abzuklappern: wie in früheren Zeiten sein Vater, mußte auch er von Dorf zu Torf wandern, um sich großmütige Freunde zu suchen. Tonet, der mit seiner Faulheit seiner Fannlie so viel? Sorgen gemacht, fing an, ihm Ratschläge zu erteilen. Warum arbeitete er denn wirklich nicht? Sangoncra inachte eine verzweifelte Bewegung.„Dil atichl Sogar der Kubaner wiederholte dieselben Dummheiten, wie die anderen in Palmar. Mache er sich vielleicht viel auS der Arbeit? Warum half er denn nicht feinem Vater, Erde heranschlcppcn, anstatt den Tag in Eanamcls Hause an Neletas Seite herumzulümmeln und vom Besten und Feinsten zu trinken?" Der Kubaner lächelte. Er wußte wirklich nicht. was er darauf antworten sollte, doch bewunderte er die Logik, mit der dieser Trunkenbold seine Ratschläge ablehnte. Dem Vagabunden schien das Gläschen, das Tonet bezahlt, in gcriihrte Stimmung versetzt zu haben. Die Ruhe des Hafens, die zeitweise von dem Hammer der 5kalfaterer und dem Glucksen der Hennen unterbrochen wurde, reizte seine Geschwätzigkeit und trieb ihn zu Geständnissen. „Nein, Tonet, er konnte nicht arbeiten: er würde nicht arbeiten, und wenn man ihn dazu zwang. Die Arbeit war ein Werk des Teufels, ein Ungehorsam gegen Gott und die schlimmste von allen Sünden. Nur die verrohten Seelen, die sich in ihre Armut nicht zu fügen vermögen, die der Wunsch, zu sparen, guält, und die jede Stunde an den nächsten Tag denken, können sich mit der Arbeit befassen und sich so von Menschen in Tiere verwandeln. Er hatte eifrig darüber nachgedacht, er wußte weit mehr darüber, als der Kubaner glaubte, und hatte keine Lust, seine Seele zu- gründe zu richten, indem er sich an eine regelmäßige und eintönige Arbeit machte, um ein Haus und eine Familie zu haben und daS Brot für den nächsten Tag stets sicher zu besitzen. Ebensogut konnte man am Mitleid Gottes zweifeln: der seine Geschöpfe nie verläßt: er war vor allen Dingen ein Ehrist." Tonet lachte, als er diese Reden hörte, betrachtete sie als die Faseleien eines Menschen, der zu viel getrunken hatte, und stieß seinen zerlumpten Gefährten mit dem Ellbogen an. Wenn er hoffte, sich mit diesen Dummheiten etwa noch ein tveiteres Gläschen zu verdienen, so setzte er sich einer gröb- lichen Enttäuschung aus. Was ihn anbetraf, so hatte er auch einen Abscheu vor der Arbeit, die anderen dächten mehr oder weniger ebenso, aber trotzdem beuge jeder schließlich de» Rücken, wenn auch zähneknirschend. Sangonera warf einen Blick auf den Kanal, der in den Sonnenstrahlen eine purpurne Färbung angenommen hatte: er sprach langsam, mit gewissermaßen mystischer Miene, die zu seinem stinkenden Schnapsatem einen grellen Gegen» satz bildete. „Tonet war ein Dummkopf, wie alle Leute aus Palmar." Er erklärte das mit dem Mute, den der Rausch verleiht, und schien dabei gar nicht zu befürchten, daß sein Freund, der ein recht lebhaftes Temperament hatte, ihn mit einem Ruck seiner Schulter in den Kanal puffen konnte. Behauptete er nicht, daß alle zähneknirschend den Rücken beugten? Was bewies daS? Doch nur, daß die Arbeit der Natur und der Würde des Menschen zuwiderläuft. Er wußte weit mehr darüber als man in Palmar glaubte, weit mehr als viele der Pfarrer, denen er wie ein Sklave gedient. Darum hatte er auch für immer mit ihnen gebrochen. Er besaß die Wahrheit und konnte nicht mit den Armen im Geiste leben. Während Tonet nach dem Lande auf der anderen Seite des Meeres reiste und an großen Schlachten teilnahm, las er die Bücher der Pfarrer und verbrachte seine Nachmittage im Pfarrhausc: das Buch lag aufgeschlagen in seinem Schoß, und er überlegte, während die Bevölkerung nach dem See zog. Er hatte fast das ganze Neue Testament auswendig gelernt, und noch jetzt zitterte er, wenn er an die Aufregung dachte, die ihm die Lektüre der Bergpredigt. als er sie das erstemal gelesen, verursacht hatte. Er glaubte. eine Wolke zerrisse vor seinen Augen. Er hatte schnell bc» griffen, warum sein fester Wille sich jedem Gedanken einer verblödenden und mühsamen Arbeit widersetzte. Nur daS Fleisch, die Sünde war Schuld daran, daß die vor Ermüdung zusammenbrechenden Menschen wie die Tiere lebten, um ihre irdischen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Seele aber protestierte laut gegen diese Sklaverei und sagte zu dem Menschen: arbeite nicht: durch alle Muskeln verbreitete sich der süße Rausch der Faulheit und des Müßigganges, wie ein Vorgeschmack der Glückseligkeit, der ihnen beschiedcn ist, wenn sie im Himmel sind. „Höre, Tonet. Tonet." sagte Sangonera zu seinem Freunde in feierlichem Tone. Dann sprach er ganz zusammenhanglos von seiner Lektüre des Evangeliums und den Vorschriften, die in seinem Gedächtnis haften geblieben waren. Er brauchte sich nicht ängstlich um seine.Kleidung oder um seine Nahrung zu sorgen, denn schon JcsuS sagt, die Vögel des Himmels säen nicht und ernten nicht und essen doch: die Lilien auf den» Felde brauchen nicht zu spinnen, um sich zu kleiden, denn der himmlische Vater sorgt für ihr Gewand. Er war ein Geschöpf Gottes und verließ sich auf ihn. Er wollte den Herrn nicht beleidigen, indem er arbeitete und dadurch an der himmlischen Güte zweifelte. Nur die Leute aus Palmar bc- halten daS Geld in der Tasche, ohne jemand einzuladen, nur sie waren fähig, sich um Geld abzurackern, tveil sie eben immer um den nächsten Tag sich sorgten. Er zog es vor, wie die Vögel deS SeeS und wie die Blumen zu leben,— als Landstreicher, untätig, ohne auf andere Zuflucht, als auf die himmlische Vorsehung zu ver» trauen. Nie zweifelte er in seinem Elend an dem nächsten Tage.„Jedem Tage genügt seine eigene Last und Mühe." Ter nächste Tag würde schon, wenn er wollte, seine Unan- nehmlichkcit bringen: für den Augenblick genügte ihm die Bitterkeit des heutigen Tages und das Elend, das ihm sein fester Entschluß, rein zu bleiben, verursachte: ja, er wollte sich nicht mit der Arbeit oder mit irdischem Ehrgeiz in einer Welt besudeln, in der alle heftig um das Leben kämpften, wo jeder seinen Nachbar belästigte, um ihm ein wenig von seinem Wohlstand zu stehlen. Tonet lächelte noch immer über die Worte deS Trunken- boldS, die dieser mit wachsender Aufregung herausschleuderte. In spöttischem Tone sprach er seine Bewunderung für seine Ideen aus und forderte ihn ans. in ein Kloster zu gehen, wo er sich nicht mehr mit dem Elend herumzuschlagen brauchte. Doch Sangoncra protestierte entrüstet. Er hatte sich mit dem Vikar gezankt, er hatte daS Pfarr« Hans für immer verlassen, weil eS ihm widerwärtig war, ansehen m müssen, wie seine Herren ganz andere Grundsätze fc&en, als sie in den Büchern, die sie lasen, verzeichnet waren Sie waren genau wie alle anderen; auch sie quälte der Wunsch nach dem Besitz des Nachbarn, sie dachten an das Essen, an die Kleidung, klagten unaufhörlich über den Verfall der Frömmigkeit, wenn kein Geld iil ihren Klingelbeutel fiel, sorgten für den nächsten Tag und zweifelten an der Güte Gottes, der seine Geschöpfe nie verläßt. Er hatte den Glauben, er lebte von dem, was man ihm gab oder von dein, was er fand. Auch nicht eine Nacht hatte ihm eine Handvoll Stroh gefehlt, mit der er sich sein Bett hatte machen können, und nie verspürte er so großen Hunger, daß er vor Schwäche umgefallen wäre. Ter Herr, der ihn am Ufer des Sees hatte geboren werden lassen, hatte ihnl auch alle Mittel zuni Leben gespendet, damit er ein wahrer Gläubiger bleiben konnte. Tonet lachte über Sangonera. Wenn er so rein war, warum betrank er sich dann? Schickt ihn Gott von Schenke zu Schenke, damit er später niit dem schwankenden Gange eines Trunkenboldes auf allen Vieren wie eine Katze kroch?... Doch der Vagabund verlor nichts von seinem feierlichen Ernste. Sein Rausch schadete niemand, und der Wein war etwas Heiliges. Schon darum, weil er tagtäglich beim Gottesdienst benutzt wurde Die Welt war wahrhaftig schön, aber durch zwei Gläschen Wein gesehen, war sie heiterer, strahlte in lebhafteren Farben, und man niußte ihren allmächtigen Schöpfer noch mehr bewundern. Jeder hat sein besonderes Vergnügen. Er kannte kein größeres, als die Schönheit der Tehesa zu betrachten. Andere schwärmten für das Geld, und er weinte oft in Be- wunderung eines Sonnenunterganges, wenn die Feuchtigkeit der Luft zur Stunde der Dämmerung, die auf dem See noch schöner war, als auf dem Festlande, die Feuer der Sonne langsam auflöste. Die Schönheit der Landschaft drang ihm in die Seele, und wenn er sie durch mehrere Gläser Wein betrachtete, so seufzte er gerührt wie ein kleines Kind. Er wiederholte es noch einmal, jeder nimmt sich da sein Vor- gniigen, wo er es findet. Canamel z. B., indem er unnütz Geld aufstapelte, und er, der mit so großem Entzücken den Albuferasce betrachtete, daß sich in seinem Haupte schönere Lieder erhoben, als man sie je in den Schenken hörte; er war überzeugt, wenn er wie die Stadtherren lebte, die in den Zeitungen schrieben, er könnte, wenn er getrunken hatte. ganz merkwürdige Dinge erzählen. lFortsetzung folgt.) Oer jVlaler äer äeutfcken (Zu SpihwegS 100. Geburtstag, 5. Februar 1907.) Karl Spitzweg, dessen 100. Geburtstag am S. Februar in den Herzen die Erinnerung an den liebenswürdigen Maler deutscher Kleinstadterei wieder wachruft, war ein echtes Münchener Kind. Gar nickt weit von der Stelle, auf der der alte Peter, Münchens ehrsames Wahrzeichen, steht, hat auch fein Geburtshaus gestanden, und der stillzufriedene, behagliche Geist echt bayerischer Gemütlich- keit hat über seinem Leben wie über seiner Kunst gewaltet. Der Pater wollte nichts wissen von des SohneS Neigungen zur Kunst; er ließ ihn Apotheker werden, und in der Münchener Hofapotheke hat der junge Spitzweg Lehr- und Provisorjahre verbracht. Man sagt bekanntlich den ehrsamen Herren Pillendrehern nach, daß sie einen besonderen Vogel im Kops hätten, und des Schnurrigen, Kuriosen und Kautzigen schwirrte lvohl genug unter den Fläschchen und Mixturen herum, früher noch mehr denn jetzt. Die beiden großen Apothekerlehrlinge der modernen Literatur, Ibsen und Fontane, haben hinausverlangt aus der engen Welt deS Ladens; Svitzweg wußte seinem Berufe die besten Seiten abzugewinnen. Lange Jahre hat er hinterm Ladentische gestanden, bis zum acht- undzwanzigsten, bis der Vater starb und ihm die Freiheitsstunde schlug, die verschwiegenen Wünsche seines Innern ans Licht zu bringen. Das Behutsame, fein Abwägende, sorgsam Mischende, mit dem der Apotheker seine Tränklein bereitet, ist ihm auch in seiner späteren Malarbeit eigen geblieben. Da hantierte er brummig und doch im Innern seelenvergnügt in seiner wunder- liehe» Werkstätte herum, strichelte und kratzte wieder aus, bis endlich aus all den sonderbaren Prozeduren, unter Schimpfen und Stöhnen ein solch buntes blankes Wunderding von einem Bild fertig war, das dem grämlichen Ateister selbst ein befriedigtes Lächeln ablockte. Gern ist der Maler Spitzweg immer wieder ein- gekehrt in dies krause und absonderliche Milieu seiner Jugend- jähre, bei der altertümlichen Architektur des alten HauseS, bei dem gemütlichen Herrn Prinzipal und dem gewichtigen Provisor, bei � 1 den alten Bauern, den Dienstmädchen mit dicken Backen und den kleinen pausbäckigen Kindern, die als Kunden aus- und eingehen, bei den Stelzbeinen und alten Mütterchen, die nachdenklich ver- träumt auf der Bank sitzen und warten. Als Spitzweg seine Maler- laufbahn begann, da hatte er schon sein Stoffgebiet gewählt und manche Skizze, manches sauber ausgeführte Blatt gezeichnet; er schloß sich aber nun an die alte Münchener Tradition an, die schon seit langem neben der offiziellen idealen Malerei blühte und gerade damals in Bürkels kräftiger uunst sich Geltung verschaffte. Es waren das die Dillis, Wagenbauer, der Tiermaler Domenieo Ouaglio mit seinen feinen Architekturen, der bisweilen so köst- liche humorvolle Peter Heß, und Adam, der Eoldatenschilderer. Sie alle hatten noch vom Rocoeo gelernt, von seiner hellen luftigen Harmonie; sie studierten an den alten Niederländern die Deli- katesse farbiger Wirkung und die Feinheit des Pinselstriches. Spitzwcgs besonderer Lehrer war Eduard Schleich, mit dem er zum Studium der Natur auszog und von dem er die gesättigt warme Beleuchtung der Landschaft lernt«. Mit Schleich hat er auch 1851 eine Studienreise nach Paris, London und Antwerpen gemacht; aber am liebsten wanderte er doch durch die kleinen Städtchen, in denen sein Auge so viele entzückende Motive und eine ganze runde Welt des Schönen zu sinden wußte, nach Nördlingen oder Dinkelsbühl, nach Meersburg oder Landsberg, vor allem nach dem lieblichen Wunder Rothenburg a. d. T., kurz überall dahin, wo man auch heute noch ein Etwas von seinem Geiste walten und sich regen sieht, und saß dann still in seinem Atelier, drei Stiegen hoch. wo die alten Giebel miteinander Zwiesprache halten und von wo man das weite Land und die blauenden Berge sehen kann, malte fleißig und unermüdlich vor sich hin, schwer von seinen eigenen Leistungen befriedigt, stets bereit, mit dem Mesier dreinzufahren und auszumerzen und von vorn anzufangen, und doch ein Bild nach dem anderen sich zur Freude schafsend und den Vielen, die ihn liebten und ehrten. So bat er gemalt, bis er nicht weit ent- fernt war von dem Alter seines erlauchten Malcrpatrons Tizian, und dann hat ihm der Tod den Pinsel aus der Hand ge- nommen.... Spitzwcg war kein ongmaler großer Künstler, der ein neues Empfinden, ja nur eine eigenartige Note in die Kunst gebracht hätte. An Ursprünglickkeit des Gefühls, an Stärke und Fülle der Phantasie überragen ihn Scbwind und Richter, von denen beiden er mancherlei gelernt bat. Besonders dem Freunde Schwind ist er in manchen romantischen Nachtszencn, in Serenaden und Märchen- stimmiiiigeii gefolgt. Das Romantische lockte ihn nicht, nicht zog's ihn zum Schweifen in ferne Traumlande, noch nach den dämmernden Fernen der Vergangenheit. Wo er alte Einsiedel und Mönche, Hexcnspnk und Nymphcntänze gibt, ist eS nicht der Duft einer wundersamen Waldstimmung, das Phantastische einer Vision, sondern das Behaglich-Jrdische, Traulich-Vcrsteckte einer eng um. schränkten Existenz. In Spitzweg hat sich jene Einkehr der Romantik in der Wirklichkeit vollzogen, die schon Jean Paul in der Literatur voriveggenommen hatte. Es ist jene Ucbergangszeit von Romantik zu Realismus, zu deren rcizvallsten Vertretern er gehört. Der Umschwung vollzog sich zuerst auf dem Gebiete der Literatur, da das biedermeierische Element stärker vordrang. Die Dichter ließen ab von der unendlich weiten Wanderung nach der blauen Blume; sie blieben bei ihren Rosen. stöcken im Hausgartcn. Von den Wundern der Ver- gangenheit, der Legende und der Sage, von all den traumhaften Verzückungen einer übersteigerten Phantasie wandten sie sich der Umgebung zu. dem Leben, und sahen sie in dem bunten Glanz ihrer romantischen Brillen wunderlich gefärbt. So hat E. T. A. Hoffmann, gcspenstisch-unhcimlichcn Spuk rings um sich wie einen Schwärm Fledermäuse aufflattern sehen, bis noch zuletzt sein Blick, aus des Vetters Eckfenster schauend, gesundete. Brentano sah die Wirklichkeit in dem Zerrspiegel philiströser Dummheit, und Eicken- dorff wurde sie zur gemütlich, still verträumten Idylle. Aber sie alle reizt noch das Skurrile in der Erscheinung; die Originale und Querköpfe, die sonderbaren Käuze und wunderlichen Heiligen waren ihre Leute. Und andere folgten ihnen. Weisflog, ein Schüler HofsmannS, schilderte seine braven Organisten und Dorf- schullehrer, denen das große, bunte Schnupftuch aus der Tasche hängt, und die in Bachs und Schillers Werken schweben, während die Schuljugend tausend Possen treibt. In Schwaben, in den Gedichten Moerickcs wie in den Novellen von Hermann Kurz, traten die alten Herren Dorfpastorcn auf, in tiefe Lektüre eines erbaulichen Buches verloren, während um sie die Hühner gackern und die Levkojen blühen, dann die Licbcspärchen,„als der Groß- vater die Großmutter nahm", die zwischen den bunten Kugeln des Gärtchens schüchtern feurige Blicke tausthen oder sich ehrsam linkisch um den Hals fallen, während der Postillon zum Abschied bläst. Stifter malte mit seinen fein gestrichelten Worten die etwas mürrisch gravitätischen jungen Herren mit den bunten Westen und den blasierten Mienen, das Ehepaar beim Spaziergang oder einem harmlos spießbürgerlichen Spaß, Edmund Hoefer suchte sich die alten Stadtsoldaten mit ihrer bärbeißigen Jovialität für seine Geschichten au», Karl von Holtci das lustige Völkchen der Fahrenden in seiner grotesken Mischung von Glanz und Schein, Elend und Humor. Auerbach gab seine etwas geleckten Bäuerinnen; Franz Trautmann, ein engerer Landsmann und Gcsinnungs- genoffe unseres Spitzweg, schuf seine mittelalterlich verschnörkelten Ritter-, Räuber-, Mönchs- und Abenteuergeschichten. Die Meister des NeaüsniuS, ein Naabe und Gottfried Keller, haben dann diesen Stofskreisen eine klassische Prägung verliehen und überallhin durch die Welt der Dachstübchen und Sonderlinge geleuchtet. Wir haben so ausführlich bei diesen literarischen Anregern SpitzwegZ verweilt, weil es galt, die Atwosphäre zu bestimmen, aus der er herauswuchs, die Einflüsse zu kennzeichnen, die ihn zu seinen Stoffen führten. In ihm lebt jene spezifisch münchnerische Kulturstimmung, die etwa W. H. Riehl in seinen Schriften ge- schildert bat, da München noch viel von der Kleinstadt hatte und ein künstlerisches Leben sich, noch in wunderlich vertrackten Formen, eben zu regen begann. So begegneten sich seine persönlichen Ein- drücke, sein eigenstes Empfinden mit den Kunsttendenzen der Zeit. Die Genremalerei, die die Kunst der Romantiker und Nazarener ablöste, ist ja die Parallelerscheinung zu dieser Seite unserer Lite- ralur. Spitzweg nahm nur Gegenstände zu Inhalten seiner Bilder, die überall behandelt wurden; er aber wusfte sie innerlicher zu ge- stalten und mit einem echten Hauch des Lebens, einem über alles kleinliche hinwcgtragenden Zug des Rührenden und Ewigen zu durchdringen. Schon sein erstes Bild ist dafür Beweis:„Der arme Poet", der 1837 auf der Kunstausstellung sogleich das größte Auf- seben erregte und heute in der Münchencr Reuen Pinakothek ist. Wie da der hungrige Dichter im Bett liegt in der kalten Dach- kammer, in die es hineinrcgnct, unter dem roten Schirm, und Verse skandiert, das könnte Holteis„Lorbeerbaum und Bettelstab" illustrieren oder eine Posse von Ncstroy; aber es ist weder scnti- mental noch zynisch gegeben, sondern mit einer humorvollen schlichten Güte, die trotz alles kleinlichen Beiwerkes, aus dieser malerisch reizenden Enge ausstrahlt. Mit einem Wort: Das Sujet ist malerisch gesehen und gestaltet. Das ist es, was Svitz- weg über seine Zeitgenossen so hoch hinaushebt und seine Bilder noch heute mit Heller Freude und reinem Genießen anschauen läßt. Nicht die Inhalte machen die Welt Spitzwegs auS, nicht die strickenden und lesenden Mönche, die Ed. Erützner bis zum Ueber- druß wiederholt hat, nicht die knickebeinigcn Bürgersoldaten, die schon Heß gemalt hatte, nicht die Freuden und Leiden des Phi- listcrs, an denen sich die Düsseldorfer nicht minder ergötzten. Was aus seinen Bildern uns entgcgenlächclt wie ein Gesicht aus guter alter Zeit, das ist die verklärend'« Wärme eines reichen Gemüts, die in Farben und Formen ausgedrückt ist. Dieser Geist strahlt aus der sauberen blanken Nettigkeit des Ganzen, aus dem bunten, putzigen, überlegt„gekläubelten" Kolorit, aus dem eigensinnig krausen, drollig zierlichen Spiel und Gewirr der Linien, ruht in der spitzen feinen Art, wie die Figürchcn und Gestalten in den Raum gesetzt sind, wie sie sich aus der Natur, aus der Gasse heraus- heben, liegt in den traulich gehaltenen Tönen, in denen die efcu- umsponnenen alten Gemäuer, die Türme, die freundlichen Dächer und Stadtsilhouetten warm und weich gebettet sind, in dem hell- blau lachenden Himmel mit den weißen Schäfchcn-Wolkcn, dem heiteren Rahmen aller Spitzwegschcn Bilder, der das neutrale Braun der Landschaft mit all seinen bunten Tönen und hellen Lichtern zur Einheit zusammenfaßt. Spitzwegs Kunst ist nicht nur eine Freude für die Herzen, sondern auch ein Fest für die Augen. Vom Zeichnerischen, das er zunächst für die„Fliegenden Blätter" mit ergötzlichem Humor des Striches übte, entfernte er sich immer mehr; immer wärmer und leuchtender wurden seine Farben, immer lockerer und leichter seine Harmonien, immer delikater die farbigen Akkorde. Unleugbar hat französische Kunst auf ihn gewirkt; noch stärker freilich der Kolo- rismus der alten Holländer. Für das farbenreiche Bukett seiner Bilder geben Brouwers kostbar leuchtende, warm flimmernde Farbcnsinfonicn am ehesten ein Vorbild. Die Süße und der Wohl- laut seiner Farben, die im Sonnenlicht spielende Helligkeit eines Waldinnern, die lockere Gelöstheit des Auftrags ist ihm dennoch im letzten von den Franzosen, vor allem Diaz. dann den Meistern von Barbizon, wie Daubigny, übermittelt worden. Der beste Beweis für die Veränderung seiner Palette durch die französische Reise ist sein herrliches„Frauenbad von Dieppe", das in seinem ganzen Oeuvre vereinzelt steht. Wie hier von den feinsten Nuancen des Gelb, Grün und Weiß sich einzelne Töne von Blaurot und Rosa pikant abheben, das ist von einer«n Corot oder Chintreuil gemah- nenden Feinheit. Spitzwcg kennt überhaupt nicht die neutralen Töne, die berühmte„braune Sauce", die zu jener Zeit als Ein- heitston herrschte. Dir Schatten hellt er durch rote Lichter, durch hellgrüne, blaugraue Nuancen auf; mit kecken Farbenspritzcrn und Tupfen belebt er die Hintergründe durch rote, grüne, gelbe Flecke und stiinmt die Farben auf das feinste zueinander. Am liebsten aber schwelgt er in vollen starken Akzenten, in Preußischblau oder Violett, in aparten Nuancen von Ocker und Grün und in seiner Leidenschaft für melodisch weiche Farben wird seine Süße sogar zur Süßlichkeit, wenn er sich in Skalen des Rosa ergeht, von einem milchigen Erdbcerton bis zu Lachsfarben und Pfirsichrosa. An seinem Sonderlingen und Hagestolzen gefallen ihm vor allem ihre hellblauen und blaugrüncn Röcke die gelben und mattgraucn Hosen, die apfclgrüncn Westen, die dunkclroten und orangefarbenen Schnupftücher. So erhalten seine Bilder alle etwas Geschmack- lcrisches, Delikates, geben eine»ollendete farbige Sinfonie. Ja bisweilen steigert sich das sogar zu einem juloclcnhaftcn. unruhigen Leuchten und Schimmern, das die enge Alltagswclt in die Märchen- luft von Tausend und eine Nacht taucht. Und dann mag es wohl geschehen durch das Wunder der Kunst, daß plötzlich der Philister zu einem verwunschenen Prinzen wird und der Maler der Klein- stadt zu einem seltsam mächtigen Zauberer... Dr. k. I« («achdmck DudotenO für die Kleinen. Ulk das Röfcli einen preis bekam. Im Bärental am Fcldberg, dem höchsten Kamm deS Schwarz- Waldes, liegt der Gipfelhof. Das mächtige Strohdach reicht aus allen Seiten herab bis fast auf den zwei Meter hohen Schnee, der um den Hof herum aufgetürmt liegt. Aus dem Kamin wirbeln blaue Wölkchen in die kalte Winterluft, und alles in dem weiß- verschneiten Tal ist totenstill. Nur der große Hund bellt manchmal einem am Hof vorüberfahrenden einsamen Skiläufer nach. Drinnen aber in der großen Stube sitzt am Tisch das Gipfelröseli und weint. Es geht wieder einmal nicht, wie das Gipfelröseli gewollt hat. Dieses drei Käse hol>e Mädchen, das an der letzten Ostern in die Schule gekommen ist, hat nämlich von allen harten Köpfen der Eipfelbauern den härtesten. Was es will, das muß geschehen, und wenn's im ganzen Hof drunter und drüber geht. Diesmal aber hatte der Vater ein Machtwort gesprochen und dasselbe mit einigen gut gezielten Streichen mit der Rute gewürzt, die der Sankiniklaus vor einigen Tagen gebracht hatte. Sonst bekam das Röseli nie von den„Fertigen, die nichts kosten", wie sie im Schwarzwald zu den Hieben sagen. Denn es war ein lustiges, gutes und fleißiges Kind; nur eigensinnig, ganz furchtbar eigensinnig. Deshalb glaubte der Gipfelbauer, er müsse es einmal mit der Rute probieren. Da saß also das Röseli an der Tischecke mit verweinten Augen und einem ganz roten Stumpfnäschen, gerade als ob es zu tief in das Glas geguckt hätte. Die Wangen hatte es auf seine zwei kleinen Fäuste gestützt und immer noch rollten Tränen über das Gesicht und hinterließen Spuren, die davon Zeugnis ablegten, daß das Röseli sick gerade nicht sehr gut gewaschen hatte. Das rot- geweinte Gesicht war ganz durchfurcht von kleinen schmutzigen Rinnen, in denen die Tränenbächlein liefen. Und warum nun all dieses Unglück? Die Schule, in die das Röseli ging, machte morgen aus Schnee- schuhen:inen Ausflug auf den Feldberg. Da dürsten alle Kinder mit, nur die Erstkläßler nicht. Die waren noch zu klein, sagte der Lehrer, und könnten auch noch nicht gut genug Schneeschuh» laufen, und schließlich könnte man auch nicht wissen, was so einer Handvoll Menschen passiert bei der großen Kälte, wo Stein und Bein gefroren ist. Das Röseli war aber der Ansicht, daß es gut genug Schneeschuhlaufcn könne und daß ihm nichts passieren würde. Ja, die anderen kleinen Buben und Mädchen in der ersten Klasse, die immer noch Angst hatten, wenn sie der Lehrer nur schief ansah, die sollten ruhig zu Haus' bleiben; aber es, das Röseli, war ja schon viel größer. So hatte es den Lehrer geftagt, und der hatte nein gesagt; dann war es zum Vater gegangen, und der hatte auch nein gesagt; schließlich versuchte es der Mutter zu schnieicheln, aber die wollte auch nichts davon wissen. Dann hatte das Röseli erklärt, es ginge aber doch mit, und dann war der Vater mit der Rute ge- kommen. Das war der Hergang. Da soll einmal so ew kleines Kind nicht weinen! Am anderen Morgen rückte die Därentaler Schule in zwei geordneten Reihen, links die Knaben und rechts die Mädchen, den Feldbcrg hinauf. Hinten drein der Lehrer und der Bürgermeister. Sie waren alle gut eingewickelt, hatten dicke Handschuhe an und die Mädchen trugen große Tücher um den Hals. Als sie an die Walbecke kamen, wo die silberweißen Tannen einen Torbogen bildeten, durch den man hineinschritt in den Wald, wie in einen weißen Wintcrtcmpel, stand auf einmal das Röseli da hinter einer dicken Tanne. Es hatte ein blaues Tuch um den Kopf gewickelt. seine kleinen Schneeschuhe an den Füßen und in der einen Hand einen dicken Stock. Es war zu Hause durchgebrannt, als der Vater die Kühe fütterte und die Mutter mit den Schweinen zu tun hatte, und wollte sich gerade unter die Kinder der zweiten Klasse stehlen, um so unbemerkt mitzukommen. Da aber bemerkte es der Lehrer und schickte es wieder heim. So kleine Kinder können noch nicht mit auf den Fcldberg. Aber das Maidcle wartete nur bis die Schule im Wald verschwunden war und schlurfte dann langsam aber ausdauernd hinten nach. Oben am Feldbergcrhoft dem Wirtshaus, wo sich viele Gäste aus der Stadt zum Schneeschuhlaufcn aufhielten, wurde für die Bärentaler Schule ein Wettrennen veranstaltet und in den benach� harten Kaufhäuschcn eine ganze Menge Preise gekauft. Da gab es die herrlichsten Dinge; weiche, weiße Sckncemützen, Spielzeug, Handschuhe, Hosenträger, Orangen und Konfekt. Der Lehrer gab mit dem Taschentuch den in einer langen Reihe gehenden Knaben und Mädchen ein Zeichen, und dann ging's mit Hurra los, hinauf auf den Sccbuck. Immer kleiner wurden die dahineilenden schwarzen Gestalten und die Abstände unter ihnen immer größer. Bald war der erste oben auf dem Gipfel, wo er rasch umkehrte und dann von einer Sckneewolke umhüllt in sausender Fahrt oben herab kam. die anderen hinter ihm nach. Gerade als die letzten wieder ankamen und die Knaben und Mädchen zur Preisverteilung auf den Feldbergerhof gehen wollten, stand auf einmal das Röseli wieder da. Jetzt wurde aber der Lehrer wild und schickte es mit groben Worten wieder allein nach Hause. DaS war uicht sehr klug und wer weiß, was bei der großen Kälte passiert märe, trenn tcr kleine Hartkopf nicht klüger gewesen Wäre als der Lehrer. Das Röscli machte nämlich einfach, als ob eS nun wieder den Berg hinablaufen wollte; als aber alle, auch der Lehrer und der Bürgermeister, im Feldbergerhof verschwunden waren, kehrte eS wieder um und schnallte seine Schneeschuhe ab. Im Hausgang des Wirtshauses stellte es sich auf und fing auf ein- mal an herzhaft zu weinen. Das half. Die Wirtin kam heraus, und ihr erzählte daS Röscli sein ganzes Unglück. Die Wirtin hatte ihre Freude an dem kleinen unternehmenden Frauenzimmer, und bald sag das Röseli im Büffet an einem kleinen Tischchen vor einer respektablen Portion Mittagessen. Als diese bewältigt war, wuchs ihm der Mut. Es hatte von vorübergehenden Kellnerinnen gehört, das; die anderen drüben im Nebenzimmer sahen und Kaffee tranken und Kuchen dazu ahcn. Das Röseli fand, daß cS auch Kaffee und Kuchen essen könnte, stellte sich wieder hinaus in den Hauscingang und fing wieder an, und zwar noch herzhafter als das erstemal, zu weinen. Da kam der Wirt heraus, und ihm vertraute das Röseli seine Wünsche an. Als der Lehrer und der Bürgermeister davon erfuhren, daß das Röscli wieder da fei, da muhten sie doch lachen, und bald sah daS Maidele unter den anderen und geriet in die engste Bekanntschaft mit Kaffee und Kuchen. Alles war nun nach dem Kopf vom kleinen Gipfclröscli gegangen und alles schien in Ordnung, als c? auf einmal wieder ein furchtbares Weh- geschrei anstimmte. AllcS stürzte nun zu dem kleinen unglücklichen Kind und fragte, weshalb es denn noch weine. Da sagte das Röicli schluchzend und mit einem vorwurfsvollen Blick auf die weihen Mützen. Spielsachen und anderen Preise, welche die anderen in den Händen hielten: .Ich muh so weine, weil ich noch keinen Preis bekommen hab'l" Und das Röseli weinte so lange, bis es auch einen Preis be- kam, obivohl cS den Wcttlauf gar nicht mitgemacht hatte. Es erhielt einen Hampelmann und eine Orange. Den Hampelmann hielt es am Kopf in der Linken, und zog mit der Rechten unten an der Schnur. Und während ihm noch die dicken Tränen über die Backen rollten, lachte es mit dem ganzen Gesicht; denn jetzt war es endlich zufrieden und hatte alles erreicht, was es wollte. Wie aber dann die Geschichte zu Hause auöging. das will ich lieber nicht erzählen. A. F e n d r i ch. Kleines feullleton» Kulturgeschichtliches. Elementarunterricht im alten Florenz. Man glaubt noch vielfach, das; der mittelalterliche Schulunterricht ein Monopol der Kirche gewesen ist Aber das trifft nur allenfalls für die ältesten Zeiten zu. Sobald das neue städlische Leben erwacht, also vom ll. Zadrhunderl in immer stärkerem Mähe, wird auch der Schnlunterricht wie so viele andere Kirchengüter verweltlicht, anfangs der höhere, dann auch der elementare. Während aber für den ersten sich meist öffentliche Schulen bildeten, über die wir aus den amt- lichen und bistoriichen Quellen der Zeit unterrichtet sind, blieb der Etcmentarunlerrichl meist Privawcrsoncn überlasten, über welche wir die Nachrichten mühsam auS zerstremeii Privarurtunden zusammenziehen müssen, ohne bisher viel zu finden. Und doch muh er, als Grund- tage aller weiteren Bildung, sehr bedeutend gewesen sein, besonders in dem auch hierin Deutschland um ein bis zwei Jahrhunderte borauseilenden Italien. Gibt doch der Florentiner Ehronist Billani, DaiircS Zeilgenoste. in glaubwürdiger Weise an. dah zu seiner Zeit 8—10000 Knaben und Mädchen lesen konnten, während zirka 1200 in scchö Schulen rechnen labaous) lcrnlcn und zirka 000 in vier Schulen in lateinischer Grammatik und Logik, diese„Grundpfeiler" der niitielalterlicheii Bildung, unterrichtet wurden. Ueber daS Heer dieser Florentiner Abeschüpen nun erfahren wir auS Dokumenlen des 13. und 14. Jahrhunderts, die der an die Universität Strahburg benlsene Philologe Sontorre Debenedetti in den„Stucü Alodterali" veröffentlicht, allerlei Neue» und Interessantes. Der Elementarumerricht wurde Rindern beiderlei Geschlechts im Alter von sieben Jahren ciustvärts erteilt— Knaben bis zum 14.. Mädchen bis zum 12. Lebensjahre—. obwohl eS auch schon damals nicht an Stimmen fehlte, die stall dieser mechanischen Abgrenzung eine solche nach der Bc- gabung dcS einzelnen forderrcm In der Tat wissen wir von Boceaccio, dafi er schon vor dein siebente» Lebensjabre lcicn und schreiben gelernt hatte. Der Unterricht begann mit dem Alphabet, und zwar muhten die Kinder die auf einzelnen Täfelchen gemalten Buchstaben sauber abschreiben lernen. ivaS bei der damals herrschenden Möncheschrifl gclvih keine Kleinigkeit war. Die Reiben- folge der Buchstaben merkte man sich an gereimten Spnichlvörtern, deren jedes mit dem betreffenden Buchstaben begann und die zu- gleich einen ersten Fonds_ an Lebensweisheit übermitteln solllen. AlS Lesebuch diente das„Psalterium", eine Sammlung von Psalmen und biblischen Geschichten. daS somit zugleich die Grundlage des ReligionsliiiterriwteS abgab. Gar manche kostbare alte Hansschrift ist diesen massenhaft hergestellten Fibeln zum Opfer gefalle», indem Mönche, um Pergament zu sparen, die Schätze ihrer Klosterbibliothek zerschnitten, die Schrift ausradierten und mit den Bibelstellen wieder bemalten. Sofort darauf kam die Lektüre des„Donatus", jener Schrift des um WO lebenden EraminalikerS, aus dem fast da» ganze Mirtelatler die Anfangsgründe des Laleinifchen geschöpft hat. Auf besonderen Wunsch wurde auch das Lesen der notariellen Urkunden mit ihren zahllosen Abkürzungen geübt, um die jungen KailfmannSsöhne sofort für das praktische Leben aus» zurüsten. Wer noch realistischer dachte, gab seinen Sohn nicht in die Schule, sondern sofort in die Lehre und ver» pflichtete den Prinzipal oder einen seiner Prokuristen, den Lehrling auher in die Geheiiniiiste dcS Berufs in die des LeseuS. Schreibens, Rechnens und der kaufmännischen Buchführung einzuweihen, ein Verfahren, das sehr beliebt gewesen sein muh, da uns zahlreiche Verträge dieser Art erhalten geblieben sind. Die Lehrer waren be» scheidene Leute, wir wissen von keinem, der eS zu höherer Stellung oder literarischcin Ruhm gebracht hätte, ganz im Gegenteil zu ihrer« Kollegen, den Lehrern an den höheren Schulen, aus denen viele ge» schichtlich bedeutende hervorgegangen sind. Sie bildete» zusainmen mit diesen eine besondere Zunft, die aber keine» polmschcn Einfluß hatte. Tkcater. Friedrich» Wilhelm st ädtischeS Schauspiel» hauö(Chausscestrasic):„Sein Prinzetzchcn", Lustspiel von Gebhard Schätzlcr-Perasini. Der überaus fruchtbare Romanschreiber und Bühnenautor, der sich vom Dorfschulschützcn auS eigener.Kraft emporgeschwungen, verleugnet nicht seine ehr« lichc schwäbische Offenheit. Er bekennt, dah das obengenannte Lust- spiel keinerlei Anspruch auf literarischen Wert oder auf„Origi- ncllität" der Erfindung mache. ES kommt auch erst, nachdem cS seit einigen Jahren die Runde über die meisten Provinzbühncn gc- macht hat, nach Berlin. Dieser Umstand ist auS zwei Gründen be- zeichnend. Einmal hat unseres Wissen? bisher noch keine rcichS- hauptstädtische Bühne den Autor zu Wort kommen lassen— obwohl er längst Anspruch auf solche Gunst hätte geltend machen können; denn es ist wirklich nicht einzusehen, warum man Gebhard Schätzlcr- Pcrasini verweigerte, was man Dutzenden von ortsansässigen Auch-Tramatikern freigebig gewährt, bloss, weil sie sich auf die Kunst dcS Klinkenwippcns verstehen. Nun endlich fand„Sein Prinzcsschcn" hier eine offene Tür. Dagegen ist gar nichts cinzu- wenden. Warum soll ein Stück, dass drausscn überall Anklang und volle Häuser gefunden hat. nicht auch hier einen frischen Werbe- versuch machen dürfen? Da zeigt sich aber sxfort der Kontrast gross- städtischer und provinzlichcr Anschauungen. Was für die Provinzbühne gut genug ist, muss c? noch lange nicht für Berlin sein. Dort wird man sich weidlich gaudiercn über die Allüren der adligen Stadtbewohner und dem verbauerten Gutsbesitzer Baron von Brenken zujubeln; bei uns dagegen ivird man mit Fug und Recht über ein so oberflächlich behandeltes Thema die Achsel zucken. Hätte der Autor ein wenig tiefer geschürft, würde ihm vielleicht ein prickelnd satirisches Lustspiel geglückt sein. So wie eS jetzt beschaffen ist, ists nur eben ein„Lustspiel" nach Moscr-Schön- thanschem Muster geworden— ein harmloses Ding, bei dem man den Mund zum Lächeln und Gähnen verzieht. ES wurde ganz hübsch gespielt. Rudolf Werner, Grete Müller(Mar- garcte), OLkar Linke waren tüchtig bei der Sache. Die beste Leistung gabAdolfJordanals Hofmeister Bellmann.«. k Bölkerkunde. Das Aussterben der Canadier. Nachdem die enro- päischen Einwanderer in Nordamerika nach Kräften daran gc» arbeitet haben, die eingeborene Bevölkerung zu vernichten, sind sie jetzt bestrebt, deren Neste der Merkwürdigkeit wegen oder auch um der Menschlichkeit willen zu erhalten. Nach den damit gemachte«» Erfahrungen erscheint es jedoch sehr fraglich, ob diese Bemühungen Erfolg haben werden. Die Sterblichkeit unter den Indianern ist ausserordentlich gross, denn die Berührung mit der modernen Kultur Pflegt den Naturvölkern stets unbekömmlich zu fein. Ausser- dem wird der Charakter dieser Menschen dadurch so verändert, dass wenig genug von ihren ursprünglichen Eigenschaften und Sitten übrig bleibt. So wird cS wohl nicht lange tvähren. bis die Indianer teils ausgestorben, teils in die europäische Bevölkerung aufgegangen sind. Am meisten hätte man noch von den canadischen Stämmen erwartet, dass sie sich in ansehnlichen Resten erhalten würden, aber schon vor 25 Jahren betrug die Zahl der Canadier nur noch etwas mehr als 100 000 Seelen. In den letzten Jahr« zehnten hat die Regierung von Canada viel für die geistige lind wirtschaftliche Entwickeluiig der Jlidianerbevölkerung getan, etwa 300 Schulen für sie eingerichtet, den Betrieb von Ackerbau mit Geld und durch besondere landwirtschaftliche Schulen unterstützt, Hand- wcrkerschulcn gegründet usw. Auch das allgemeine Etlmmrecht ist den canadischen Indianern zuteil geworden. Dennoch scheint, wie ein Bericht dcS GcsundheiiSbcauiten für Ottawa lehrt, das AuS» sterben dieser Stämme unaufhaltsam vorwärts zu schreiten. ES hat sich nämlich ergeben, dass durchschnittlich 25 v. H. der Schul- zöglinge seit den letzten 20 Jahren bereits gestorben sind, und für eine Schule betrug die VcrhältmSzahl sogar 09 v. H. Die TodeS» -Ursache ist fast immer Tuberkulose. Veremtw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.