Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 27. Freitag den 7 Februar. 1903 lRachdvuit verboltii.) i 27] Schilf und Schlamm. Roman von Vice nie Blasco Jbanez. Im Hintergrunde des Sees erschien, fern wie ein gespenstischer Strand, an dem sie nie anlegen sollten, die gezahnte Linie der Dehesa. Mit ununterbrochenem Lachen. das etwas Gezwungenes an sich hatte, erinnerte Neleta ihren Freund an die Nacht, die sie im Walde verbracht, an ihre tolle Furcht und an ihren ruhigen Schlummer. Sie glaubte, dieses Abenteuer erst am vorigen Tage erlebt zu haben, so frisch stand, es noch in ihrer Erinnerung. Doch das hartnäckige Schweigen ihres Gefährten, sein starr auf den Boden der Barke gerichteter Blick erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie sah, daß Tonet ihre kleinen, gelben, eleganten Schuhe, die einen hellen Fleck bildeten, und die sie weiter vorstreckte als es bei der Bewegung der Barke nötig gewesen wäre, mit den Augen verschlang. Sie beeilte sich, sie wieder zunickzuziehen und blieb schweigsam, mit streng zusammengepreßtem Munde und geschlossenen Augen, während sich eine schmerzliche Furche durch ihre Stirn zog. Neleta schien eine heftige Anstrengung zu machen, um ihren Willen zu besiegen. Sie fuhren langsam weiter. Es war eine mühsame Arbeit, mit einer beladenen Barke über den Albuferascc zu kommen. Andere, leere Barken, die kein anderes Gewicht, als deS die Nuderstange handhabenden Mannes, aufzuweisen hatten. schössen blitzschnell wie Weberschiffchen an ihnen vorüber und verloren sich im Schatten, der jeden Augenblick dichter wurde. Tonet arbeitete mit der Rnderstange seit mehr als einer Stunde und stützte sich bald auf den Muschetgrund, bald auf die Vegetation, die die Fischer das Fell des Albufera nannten. Man sah ihm an, daß er an eine solche Arbeit nicht ge- wohnt war. Wäre er allein in der Barke gewesen, er hätte sich auf den Grund des Bootes niedergelegt und gewartet, bis der Wind sich erhob oder bis eine gutmütige Seele ihn ins Sckllcpptau nahm. Doch Neletas Anwesenheit erweckte in »hm ein gewisses Ehrgefühl, und er wollte nicht innehalten, bevor er nicht vollständig vor Ermüdung zusammenbrach. Seine Brust keuchte, während er sich auf die Rudcrstange stützte, um die Barke vorwärts zu stoßen. Ohne die Stange los zu lassen, trocknete er sich von Zeit zu Zeit mit dcni Hand- rucken den Schweiß ab. der seine Stirn bedeckte. Neleta rief ihn mit sanfter Stimme, die einlullend wie ein Mutterlaut klang. Man sah nur ihren Schatten auf dem Haufen Bindfaden, die das Hinterteil der Barke füllten. Die junge Frau wünschte, er solle einen Augenblick anhalten und sich ein wenig ausruhen, es kam wenig darauf an, ob nian eine halbe Stunde früher oder später ankam. Sie ließ ihn auk dem Bindfadenhausen Platz nehmen und erklärte, er wurde sich hier behaglicher fühlen als am Schiffshinterteil. Tie Barke blieb unbeweglich, und Tonet, der wieder zu Atem gekommen war, empfand die süße Nähe dieser Frau. Er hatte dieselbe Enipsmdung als wenn sie am Schenktisch des Gasthauses nebeneinander saßen. Tie Dunkelheit war vollständig hereingebrochen. Man sab kein anderes Licht als das bcrrlickie. aber unklare Glitzern der Sterne, die auf dem schwarzen Wasser zitterten. Das tiefe Schweigen wurde nur von den geheinmisvollen Lauten des Wassers unterbrochen, die das Hin- und Herhuschen im- sichtbarer Tiere hervorrief. Die vom Meere kommenden Lubinen machten auf die kleinen Fische Jagd, und die dunkle Oberfläche des Wassers zitterte zeitweise von dem ruckweiscn Aufklatschen einer wilden Flucht. Auf einem benachbarten Felde ließen die Bläßhühncr ihr klagendes Geschrei ver- nehmen, während die Nachtigallen ihre langen Triller aus- stießen. Und in diesem Schweigen, daS von dumpfen Geräuschen und eigentümlichen Lauten bevölkert wurde, hatte Tonet die Empfindung, die Zeit wäre nicht weiter gegangen, er Wäre noch eiii Kind und befände sich in einer Waldlichtung neben seiner Spielgefährtin, der Tochter der Nalhändlerin, die ein Kind war wie er. Jetzt hatte er Furcht! die geheimnisvolle Wärme, die dem Körper seiner Gefährtin entströmte, schüchterte ihn ein. die verwirrende Nähe dieses Körpers be- rauschte ihn und stieg ihm wie ein starkes Getränk zu 5?opfe. , Mit gesenktem Haupte, ohne daß er es wagte, die Augen i na erheben, streckte er den Arm vor und legte ihn um Neletas iTaille. Fast in demselben Augenblick fühlte er eine sehr sanfte Liebk-osung, eine Berührung, weich wie Samt, eine Hand legte sich auf seine Stirn und wischte den Schweiß ab, der sie benetzte. Er erhob den Kopf und sah in kurzer Entfernung den Glanz der beiden starr auf die seinen gerichteten Augen, die das Glitzern eines fernen Sternes wiederspiegelten. Er fühlte aus seinen Schläfen das Prickeln und Kitzeln der hübschen roten und feinen Haare, die Neletas Kopf wie ein Glorienscksein umgaben. Tie heftigen Parfüms, die die junge Frau mit Vorliebe benutzte, drangen ihm plötzlich bis auf den tiefsten Grund seines Wesens. „Tonet, Tonet." murmelte ste mit ersterbender Stimme, die wie ein schwaches Stöhnen klang. Wie in der Dehesa!... Doch sie waren nicht mehr Kinder, ste hatten die einfältige Unschuld verloren, die sie sich aneinandcrschmicgen ließ, um sich zu erwärmen: jetzt um» schlangen sie sich mit vollen Armen, und ihre Lippen preßten sich leidenschaftlich aufeinander. Die Barke stand nock immer unbeweglich mitten auf dem See, als ir-ctre sie verlassen, und in der Ferne ließ sich der schläfrige Gesang einiger Schiffer vernehmen. Sic trieben ihre Ruderstange durch die murmelnden Wellen, ohne zu ahnen, daß gar nicht weit von ihnen in der Stille der Nacht, von den Tönen der Seevögel begleitet, die allmächtige Liebe zweier Menschenkinder in ihren Bann geschlagen hatte. lZ. Das Fest des Jesuskindes, das größte Fest in Palmar, ruckte heran. Es war im Dezember. Ueber den Albuferasee wehte ein kalter Wind, der die Hände' der Fischer anschwellen ließ, während sie die Rnderstange handhabten. Die Männer trugen wollene Mützen, die sie bis über die Ohren gezogen hatten und ließen die gelbe Wachsleinenjacke, die bei jeder Bewegung ein Rascheln hervorbrachte, nicht mehr vom Leibe. Die Frauen wagten kaum noch die Hütten zu verlassen; alle Familien lebten am Herde, in der räucherigen Atmo» sphäre von Eskimohütten. Der Spiegel des Albufera war gestiegen. Der Winter- regen ließ das Wasser anschwellen, die Böschungen und Felder waren mit einem flüssigen Mantel bedeckt, der zeitweise von den Spitzen der überschwemmten Gräser unterbrochen wurde. Der See Llscknen größer. Die vereinzelten Häuser, die am Fcstlandc standen, machten jetzt den Eindruck, als schwammen sie auf den Wassern, und die Barken legten direkt an ihrer Tür an. Dem feuchten und schlammigen Boden von Palmar schien eine unerträgliche, schwarze Kälte zu entsteigen, die die Leute in ihrer Wohnung gleichsam eingesperrt hielt. Die Frauen erinnerten sich nicht, je einen so grausamen Winter erlebt zu haben, s�ie unruhigen und gefräßigen Sperlinge fielen, von der Kälte erstarrt, mit leisem, traurigem Schrei, der ähnlich wie das klägliche Gcjamnier eines Kindes klang, von den Strohdächern. Die Feldhüter der Dehesa waren angesichts des furchtbaren Elends gezwungen, die Augen zu schließen. und jeden Morgen zerstreute sich eine Armee von Kindern in den Wald, um trockenes Holz aufzulesen und die Hutten damit ein bißchen zu wärmen. Canamels Kunden setzten sich am Ofen nieder und ent- ' schlössen sich nur dann, ihren Strohstuhl am Feuer zu verlassen. wenn sie sich am Schenktisch einen neuen Trank eingießen lassen wollten. Palmar schien erstarrt und in Schlaf versunken. Man sah weder Leute auf den Straßen, noch Barken auf dem See. Die ! Fischer gingen morgens einen Augenblick aus, um die Fische herauszunehmen, die sich in der Nacht im Netz gefangen hatten. kehrten dann aber schleunigst ins Dorf zurück. Ihre Füße erschienen riesengroß mit den umgewickelten Wollstückcn, die sie herumlegten, bevor sie ihre Strohschuhe anzogen. In die Borken legte nian Reisstroh, um die Kälte zu mildern. Häufig schwammen wie fahle, undurchsichtige Kristalle bei Tages- anbruch große, spitze Eisstücke aus dem See. Alle fühlten sich von der Temperatur besiegt. Sie waren Söhne der Wärme und daran gewöhnt, den See förmlich fccfien tmS die Felder 6ön den» Tamvfe rauche a zu sehen, Ken ihr verdorbener Atem und der von der Sonne erhitzte Erdboden ausströmte. Soaar die Aale, sogte der Onkel Daloma, wollten bei diesem Hundewetter ihre Schnauzerl nicht aus dem Schlamm stecken. Um die Situation noch zu ver- schärfen, siel häufisi eiil sintflutartiger Regen? verdunkelte den See und lies; Kanäle und Wasserläufe übertreten. Der graue Himmel verlieh dem Albufera ein Aussebcu tiefer Traurigkeit. Die Barken, die in dem Nebel herumschwammen, erschienen rnit den unbeweglich im Stroh liegenden, bis an die Nase mit idicken Lunchen zugedeckten Männern wie regelrechte Särge. Trotzdem schien das Weihnachtsfest und das Fest des IcsuÄindes Palmar zu erwecken, und endlich machte das Tors Miene, den Winterschlaf ablegen zu wollen, in he» es ver- funken war. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Hufetion. Pon R. Schneider. ZtzaZ Kirchdorf Haxered liegt in einem aninuiigcn Tal. Laubige Höheu umrahmen sein Gelände. Ein lvasierreicher Bach gleitet durch die frtchlingsgrünen Wiesen und Saatfelder. Die Natur befriedigt, erfreut,'»vohin nian schaut. In der Mitte des Dorfe« steht die weitzgetn richte Kirche mit deni hölzernen Turm, gegenüber auf der antercn de 5 WegcZ das Schulhau». Zwischen den weitzichnnmernden Virkenstämmen vor dem Schul hause standen heute die Kauf' imd Schaulustigen und die bekümmerten Berantwortlichrn der Gemeinde. I» der Sockenstuga�), die sich im Schulhause befand, sollte Nicküon stattfinden. Pernilla von Hötorch sollte versteigert werden. Solche Lullion war jedesmal ein Kummer für die Väter der Gemeinde. Nicht dag sie gegen die Verauktionierung von Menschen an sich etwas einzuwenden gehabt hätten. Bewahre! Aber daß sie, die Verkäufer bei diesem Handel, auch die Zahler waren und nicht die Empfänger des Preises wie bei Holz- und Sckmfaulnonen. das beschwerte ihr Herz, weil es die Sockenlasse erleichterte. Jbre Amtssorge war, das Wohl der Gemeinde, das heitzi ine Kasse der Zahlungsfähigen, zu beschützen. Und diese Pernilla Föns cm verursachte nun wieder neue ÄuSgaben. Pernilla Jönson vermochte seit dem Tode ihre? Mannes ihre Zungen nicht mehr so zu ätzen, daß sie nicht täglich weinten vor Hunger und die Nachbarn belästigte». Dadurch harte sie ihre Selb- pändigkeit verwirkt. Sie kam unter den Hammer. Die Sorge für sie und ihre Kinder wurde einem Geeignetere» übertrage». Und der Geeignetste war der Mindestsordernde. DaS kostete Geld natürlich. Aber was half'S I Man mutzte die lästigen Sitten nehmen »vis die bequemen. Forderte die Sitte der Barmherzigkeit Unter- Stützung der Armen. 10 gebot die Auklionssitte: so wenig wie möglich! Und die Berauktiomerimg der Gemcindearnicn war eine ebenso nltehrwürdige Sitte wie die Barmherzigkeit. Solch ein Mindestfordernder war wirklich ein geeigneter Mann für die Obhut der Ueberflüssigen. Erstens verminderte er die Lasten der.Mitbürger", zwester.s vermochte er ain besten den Rest von unpassendem Selbstgefühl zu vernichten und drittens bot er einige Garantien dafür, datz solche Ueberfliissigen nicht ewig lebten.— Rechts nebe» dem Eingange zur Sockenstuga stand der Orb- förande, der Vorsteher der'Gemeinde. Den Vorzug seiner Gesell- fchast genoffen zwei Kirchemäte. Lang und bartlos der eine, Abraham Fvhailson, der andere, Peter Nilson, mittelgrotz mit einem fuchSgelben GesicktSrahmen. All« beide so schmächtig. d«tz sie zu- sammen in dem Tchaitc» deS breiten Hauion Platz fanden. .Immer zahlen, zahlen I* klagte halblaut der bartlose Kirchenrat. «Das gibt wieder n netten Skattlapp") zu Weihnachten." fügte der Umrahmte hinzu mit einem zwinkeruden Blick auf den Orb- föranden. «Unter zweihundert wird die Pernilla nicht weggehen.' fuhr sorgenvoll der Lange fort. Er sagte das in traurigem Tone, der fast das Mitleid herausforderte. Er war ein reicher Mann und zahlte die höchsten Stenern im Socken.*") Der Ordförmide pflegte sinnier die Würde zu wahren, die seinem Amte ziemte. Desto stärker wirkte seine Verblüffung. «Zweihundert Kronen?" wiederholte er erschreckt.«Hundert habe ich gerechnet." «Da hast Du falsch gerechnet, Hanson.' bemerkte Nilson. der Gelbdäriige«Unter zweihundert Kronen wird keiner ans die Per- nikla bieten." Der lauge Kirchcnrat wurde ganz schwermütig. «Warum mutzte dieser Karl Beugt so», ihr Mann, sterben' So'n nützlicher Mensch, so'n nichtiger Arbeiter! Pernilla ist eine kränkliche Iran. Wozn taugt die?" «Zum Effen." ,.Ja, zum Effen, zum Essen! Und die ordentlichen Leute müssai'S bezahlen 1" *) Gemeindeziinmer.") Stcuerzeltel.***) Kirchspiel. „Du hättest de» Tod wohl lieber zu Pernilla geschickt, wen» Du Herrgott wärst." „Spotte nicht, Peter.' „Ich sage ja blotz, was Du denkst. Tu denkst doch, der lieb« Gott bat das nicht richtig gemacht." „Was Gott tut. das ist wohl getan!' Durch dies Zitat war Peter RilsonS Witz entwaffnet. Sein Gesicht glättete sich. Sein Mund, der sich stets rundete, wenn ein Scherz passieren wollte, zog sich wieder in die angeborene Breite. „Die erste Rate sür den Anbau vorn Presthause ist nun auch fällig", saglc er dann mit scheinbarer Indolenz und blickte zwischen den Birken hindurch in den blauen Himmel. „Das mutz fein", erwiderte prompt der Ordförande Hanson. „Das mutz fem", echote der banlose Kirchenrat. „Jeder lumpige Bauer bat zwei oder drei Stuben",-suhr der würdige Vorsteher der Gemeinde beinahe indigniert fort,„wie soll da der Prest mit sews anSkomnienl" Nilsons Mimdöffnnng rundete sich. Aber diesmal vergeblich. Es kam kein Witz heraus. Der Ordförande redete weiter, da niemand etwas bemerkte.' „Solange mutzte sich der Prest beHelsen. Zwei Kriech le schliefen mit den Mägden in einer Stube. Aber nun geht das nicht mehr." Peter Nilson machte ein verwundertes Gesicht. „Warniu tüchl? Bei uns geht's ja." Hanson zuckte mit den Achseln. „Der Prest hat's gesagt. Er mutz es doch wisse ii." „Er mutz es wiffen. freilich." Auf der anderen Seite des Vorplätze?, etwas abseii?, stand Albin von Faryd. genannt Fiskcn, der Fisch, uicd redete gedämpft auf seinen Schwager Jon? im Walde ein. „Ich brauä>e dies Weib, diese Pernilla. Ich mntz sie haben. Und wenn ich auf hmidert Kronen heruntergehe. Und wenn ich gar nichts kriege I Aber erzähle das nur keinen, Jöns. Beileibe uicht I Sonst wollen sie sie alle haben, sonst wird sie zu billig. Bielleicht kann ich zweihundert Kronen kriegen. Für ein Dienstmädchen mutz ich hundert zahlen." Er kicherte leise. „Aber Du kriegst zwei Kinder mit.' „Pah, die beiden Bälge werden satt nebenbei. Tie kosten nichts. Die Kartoffeln hoben ja keinen Preis. Und*n bitzchen Grütze, pah k fällt schon ab. fällt schon ab.' JönS nickte überzeugt. Der andere fuhr fort: „Ich kriege kein Dienstmädchen, JönS. Ich kriege kerne. Was willst Du? Und wenn ich zweihundert Kronen gebe. Meine Kran verhaut sie alle. Das gefällt ihnen nicht. Kann ich was dafür Zöns lachte. „Ja, ja, meine Schwester ist ein Racker.' „Sieht nach der Wirtschaft, Jöns. ficht nach der Wirtschast wie keine zweite. So'n Volk mutz doch auch arbeiten, wenn's Esten kriegt. Was willst Du? Wenn's faulenzt, na, da imitz man ein bitzchen aufmuntern." Er kicherte wieder. „Aber Pernilla ist doch kränklich. Die kann doch nicht viel arbeiten." «Dummheit. Jons, Dummheit. Die kenn' ich bester. Ein kräftiges Weib. Die kann arbeiten sür zwei. Aber Faulheit hat sie für vier." «Aber sie hat doch so elend gelebt in den letzten Wochen.' „Die verstellt sich. Was willst Du? Die verstellt sich. Sie denkt, wenn sie vernuktiomert ist. dann kamt sie leben wie'ne Prinzessin. Tann mutz der Socken für sie bezahlen. Und wir arme» Schufte müssen für sie arbeite». Aber sie wird sich wnndernl Ich will ihr schon Beine machen. Aber sag um Gottes willen keinen, was davon. Dte halten sie alle für kränklich. Latz sie man. Desto teurer wird sie. Du willst doch nicht auf sie bieten?' fragte er mit plötzlich verändertem Ton. „Rem. nein, Hab' nur keine Angst. Ich will blotz zuhören. Ich habe beute meine Wolle zum Händler gebracht." Beide blickte» jetzt gleickizeiiig auf. Eine Bewegung ging durch die Warteudcn. Bon der Strotze her schritt eine jüngere Frau zwischen den Birken hindurch auf den Eingang der Sockenstuga zu. Trotz der grotzen Wärine trug sie die übliche Winterhülle der Bau rn- stauen, das grotze wollene Ilnstchlagettich. Und ihr Masses Geficht sagte nichts davon, datz e§ als Sonimerhülle ihr zu warm sei. Diese Frau war Pernilla, das AuktionSobjekt. (Fortsetzung folgt.) Das kleine Raubzeug. Mit diesem Namen bezeichnen die Jäger die folgende Gruppe unserer ei« heimischen Raubtiere: Etenimardcr. Baummarder, Iltis, grotzes und kleines Wiesel. Das Beiwort«kleine" bezieht sich lediglich auf ihre geringe Körpergröße; nach ihrer Raubgier verdienten sie mit Fug und Recht den Superlativ von.groß"; denn alle fünf sind ohne Ausnahme verwegene und blutdürstige Räuber, deren Mordlust schier keine Grenzen kennt. Wenn irgendwo der Satz von der Anpassung deS Körperbaues an die Lebensweise seine Bestätigung findet, dann ist ci hier der Fall: der Körper ist ungemein schlank und kräftig, Nacken- und HalZ» Muskulatur sihr stark entwickelt, so daß der verhältnismäßig kleine Kopf mir wonig abgesetzt erscheint. Tag Gebis; ist messerscharf, und die Sinne, besonders Geruch und Gestör, sind tion einer er- ftaunlichcu Jcrnhcit. In den lebhaften Augen lodert förinlick) die Mordlust. Dir Stimme ist ein böses und heiseres Fauchen oder Zwitschern. Die vorzügliche Llusstattung ihres Körpers wird unl erstützt burch hervorragende Charaktereigenschaften: Mut beim Angriff, zül)e Ausdauer bei der Verfolgung ihrer Leute und eine be- wuNdernngswürdige Slistauheit. Die taufend schliche und Listen des Fuchses werden von jedermann und jederzeit gepriesen: von den Mardern wissen nur die wenigsten etwas zu berichten; das hat natürlich seinen Grund in der meist nächtlichen Lebensweise dieser Tiere, die sie den Augen der Meeschen entzieht. Trotzdem gibt es genug vortreffliche Kenner des kleinen Raubzeuges, die den Mardern in der Schlauheit vor dem Fuchse den Preis zuerkennen. und ich möchte mich auf Grund meiner Erfahrungen diesem Urteil «nschlksten. Aber sehen wir uns die„kleinen" Räuber zunächst etwas genauer an. Der Baummarder(Mnstcla martcs L.) oder Edelmarder ist der stärkste dieser Gruppe. Tie Körperlänge beträgt etwa einen halben Meter. Der dichte Pelz ist von schöner brauner Farbe; das am Grunde fitzende Wollhaar ist gelblich. Das beste aienrizeichen ist der gelbe Fleck vor der Brust. Ter Rufenthalt des Baummarders ist der dichte, einsame Wald; hier liegt er am Tage in hohlen Bäumen ober Eichhörnchen- nestern versteckt und schläft; höchstens verlästt er tagsüber seinen -Schlupfwinkel um feine liebste Fagdbeute. das Eichhörnchen zu jagen; gewöhnlich aber geht er nachts auf Raub aus. Seine e-peifekarte ist sehr reichhaltig: frisch gehetzte Rehkitzen. Hasen, Eichhörnchen, Maulwürfe, Mäuse, jegliche Art von Waldvögeln vom Auerhahn bis zum Goldhähnchen samt deren Eiern, allerlei Insekten und, damit auch Pflanzenkost nicht fehle, Lbst und Beeren- fruchte, vorzüglich die Beeren der Ebereschen. Schon aus dieser Zusammenstellung ergibt sich unschwer, dag der Baummarder der Wildbahn und der Vogelwclt des Wäldes auhcrordcntlich gefähr- dich wird; besonders groß wird fein Schaden in der Brutzeit der Vögel. In die Nähe menschlicher Wohnungen kommt er fast nie. Der Steinmarder(Mustela Joina Briss.) gleicht in vielen Stücken seinem nä eichen Verwandten. Die Körpergröße ist nur wenig geringer, der Pelz mehr graubraun und der Brust- fleck weiß. Seme Sästupfwinkel finden sich fast immer- in der Rühe menschlicher Wohnungen, zum großen Schaden der Gc- flügelställe, denen der Steinmarder seine Besuche abstattet; Fn alten Gemäuern, auf Scheunenböden, unter Holzhaufcn liegt er am Tage schlafend; abends mid nachiS geht er auf Raub aus; er ist im Klettern und Springen nicht minder geschickt als der Baummarder. Seine Lieblingsspeise ist allerlei Hausgeflügel und besten Eier- daneben jagt es natürlich Mick die Vogel in Wald und Feld. Maulwürfe und Mäuse. An Pflanzenkost licbt_er bc- soKderS gebackeire Pflaumen und Birnen, auch Kirschen. Stachel- beeren und Weintrauben. Die Besitzer von zahmem Geflügel find auf den Hausmarder aus leicht erklärlichen Gründen nicht gut zu sprechen; und es ist auch zweifellos, daß der Haus in arder trotz seiner Mäusejagd höchst empfindlichen Schaden anrichtet. Als besondere Eigentümlichleit des LmnsmardcrS muß noch erwähnt werden feine kopflose Aufgeregtheit bei rasselnden Gc- rauschen: Kettenklirren. Sensenwctzen, Donnern u. derzl. Wegen ihres enormen Schadens, den sie der übrigen Tierwelt und dem Menschen zufügen und wegen ihres schönen Pelzes toi cd den Mardern vielfach nachgestelll; indessen gehört schon eine grüud- licke Kenntnis ihrer Lebensweise und eine große Portion Geduld and Ausdauer dazu, um Erfolg zu haben. Dir verschiedenen Aagdarten auf Marder sind sehr umsuiiiMich nnd nur für s�äger möglich, und da die Ausübung der Zagd ein Privilegium der Besitzenden ist. so will ich mich mit ihrer Schilde- rvng nicht' aufhalten. Am meisten wird den Mardern nachgestellt mit Killen; die einfachste ist die sogenannte Knüppclfallc. die in ihrem Bon lebhaft erinnert an jene simple Mausefalle, bei der »an einen flachen Stein mit drei Hölzchen aufrecht stellt. Bei der Rarderfalle nimmt man statt de*«teines einen aus drei armdicke» rohen ftnüppJt« zusammengefügten Rahmen, der wieder ziemlich genau auf eine» gleichen Rahmen paßt. Der obere Rahmen wird mit Zweigen und Klötzen oder auch Steinen ge- «ügend beschwert und mit Stellhölzchen hochgestellt. Ties« Falle kann entweder auf dem Erdboden ruhen, oder aber auf drei starken Stütze» i» Rann es höhe angebracht werde»; im ersten Falle legt man den Köder, Backpflaunieu oder ein frisches Hühnerei, einfach unter die Falle auf den Boden; bei der auf Stützen ruhenden Falle, die aber fast nur beim Baummarder angewendet wird, muß «an de» Köder, etwa eine» frisch getötete» Vogel oder eine» au- orbraicne» Katzenschenkel unter dem oberen Rahmen befestigen. and zwar so. daß der Marder, wenn er danach greifen will, au, das Stellholz treten muß. Gate Fangresultate bei Steinmarder und JrtiS ergeben mich die Lastcafalle«. von denen es verschiedene Arten gibt: die Kon- strukticn möge man aus irgendeinem illustrierten Katalog ciaer Fallenfabrik ersehen. Selbstverständlich gibt es auch Tellereisen für Marder und Iltis. Der IltiS rXlu-nda putorius L.t, auch Ilk, Ratz. Stinlratz genannt, verdankt den letztaufgeführtcn schönen Namen dem Inhakt seiner Afterdrüsen, der einen abscheulichen Gestank verbreitet; auch die„Losung" hat dieselbe unangenehme Eigen- st.aft, während die Losung des Steinmarders sehr kräftig nach Moschus duftet. In der Körpergestalt gleicht der Iltis im allgemeinen den Mardern; im einzelnen weist er einige deutliche llnicrschicdc auf. Zunächst ist er merklich kleiner; auch der Schwanz ist kürzer und der Kopf schmaler und spitzer. Die Färbung ist sehr schön; dunkel- braunes Oberhaar und gelbliches Wollhaar; die Unterseite des HalscS und die Brust ist ganz schwarz. In: Sommer wohnt der Iltis draußen in Wald und Feld. am liebsten nntcr hohlen Bach- und Flußufern, Erdlöchcrn, Baum- wurzeln u. dcrgl.; im Winter dagegen kommt er in die Nähe der Häuser und Ställe und wird alsdann ein gefährlicher Aachbar für das Hausgeflügel. Freilich ist er lange nicht so blutdürstig wie der Steinmarder, sondern würgt bei jedem Besuche des Hühnerstalls immer nur ein Stück ab, das er dann in seinen Schlupfwinkel schleppt, während der Steinmarder in unersättlichem Blutdurst alle Hühner und Tauben erwürgt, die er erlangen kann. Dennoch ist auch der Iltis vorwiegend schädlich. Alle Erdbrüter von der Wildente bis zur Lerche sind seinen Verfolgungen ausgesetzt, und kann er sie selbst nicbt erwischen, so nimmt er Eier oder Junge. Auch Fische und Frösche weiß er sehr geschickt zu sangen. Daß er daneben ein eifriger Mäuse- und Ratkenvcrtilgcr ist, soll nicht verschwiegen werden; aber dieser geringe Nutzen fällt gegenüber dem beträchtlichen Schaden nicht ins Gewicht. Obst niid Becrcnfrüchtc sind auch dem Iltis eine erwünschte Zukost. Tie Fangmcthodcn sind dieselben wie beim Steinmarder; aber der Iltis geht viel leichter in die Falle; wahrscheinlich, weil er weniger scharfsinnig und vorsichtig ist; überhaupt erscheinen alle Eigenschaften des Iltis um einen oder mehrere Grade herab- gemindert gegenüber den Mardern. Echo» im gewöhnlichen Feld- eisen wird er häufig gefangen. Der Iltispelz ivird unbegrciflichcrweise beträchtlich niedriger bewertet als der Mardcrpclz, obschon er mindestens ebenso schön ist; aber hier diktiert natürlich eine gedankenlose Mode die Preise. Es hat nämlich auch schon eine Zeit gegeben, wo man den Iltis- pelz mit etwa 20 M. bezahlte, während er heute kaum 3 M. kostet. Das große Wiesel(�lnstela erminea L.) ist nur ziemlich häufiger Bewohner der Felder und Wiesen; seine Körpergröße beträgt nur etwa 30 Zentimeter; aber der Körper ist von einer unglaublichen Schlankheit und Geschmeidigkeit, so daß es sich durch Ritzen und Löcher zwängt, bei denen man das einfach für un- möglich gehalten hätte. Der Pelz ist im Sommer auf der Ober- feite braun und an der Unterseite weiß; im Winter ist er ganz weiß, nur die Echioanzspitzc ist stets jchnmz. Trotz seiner Kleinheit ist das große Wiefel oder Hermelin ein ausgeprägtes Raubtier und übertrifft an Mordgicr womöglich noch seine größeren Verwandten. Seine Nahrung besteht aus allerlei Vögeln, großen und kleinen, und deren Giern, Fröschen, Käfern und vor allem Mäusen und Ratten; es wird wohl kaum ein anderes Tier geben, das die schädliche» Nager so geschickt und erfolgreich zu jagen versteht. Tic Mordlust des Hermelin ist so groß, daß es beim Augriff größerer Tiere nicht nur einen er- staun Ack'en Mut entwickelt, sondern oit sogar alle Vorsicht vergißt. Das kleine Wiesel f�instela vulgaris L.) ist nur reichlich 15 Zentimcter lang; stimmt in Farbe und Lebensweise mit dem großen Wiesvl ziemlich übcrein; nur wird es im Winter nicht reinweiß, und die Sck»oa»zspitze ist niemals schwarz. Eine Ver- wcchselnng zwischen beiden Arte» ist also nicht leicht möglich. Au Mut. List, Mordgier übertrifft es. wen» das überhaupt möglich, noch das große Wiesel. Seine Nahrung ist dieselbe, wie bei seinem größeren Verwandten, und beide gleichen einander dem- nach auch in Nutze» und Schaden. In frühere» Zeiten wurde,«ehr als heule, der Velz tzeS Hermelin— auch unseres heimischen!— sehr geschätzt; heute lommt hierbei nur der sibirische Hermelin in Frage. Man sängt die Wiesel in kleinen Tellereisen, ausrotten tvird man sie schwerlich, des» sie entwickeln eine ansehnlickv: Frucht». varkcit. Brand, kleines feuilleton. Theater. .Schiller-Thca ter 0.:„Der rote Leutnant-, Schauipiel von Eduard Goldbeck und Hermann K i e» z I. Die Luchausgabe erschien im Lika-V erlag, Berlin-Charloitenburg.) Das Stück behandelt ein ähnliches Thema wie Heijermaw- seiner- zeit von der Freien Volksbühne aufgeführter„Panzer". Ter Held in beiden Dramen ist ein junger, wann empfindender Mensch, der Sohn eines brutalen, tyrannischen Militärs, der. vom Vater zum bunten Rock verurteilt, die Todsünde wider de» heilige» Geist des Militarismus begeht: sei» Rechtsbewußtsein nicht un'er den blinden Machtspruch der Disziplin zu beugen. Ein Befehl, gegen streikende Arbeiter zu»mrschieren, bringt hier wie dort den seelischen Konflikt zum Austrag. In der Kühnheit und Energie des Angriffs wie in dem Stil dramalischew Gestaltung trennt beide Stücke freilich cin außerordentlich breiter Abstand. Heijermantz schleudert seine leidenschaftlich wuchtige Anklage Wider das Ganze des Militarismus, während die beiden deutschen Autoren vor- fichtig ausbcugend den blutdürstig-sanatischen Oberst, wider dessen Order der Sohn sich auflehnt, nach Möglichkeit isolieren und seiner Tücke absichtsvoll die Besonnenheit der oberen, jede unnütze Pro- vokation der Arbeiter verbietenden Instanzen gegenüberstellen. Und während Heijermans, seine Kraft auf die intime Wiedergabe der Charaktere und Stimmungen im sorgsam ausgefeilten natura- listischen Dialog konzentrierend, die Vorgänge aufs äußerste ver- einfacht, arbeiten Goldbeck-Kienzl mit der herkömmlichen glatten Theatersprache und allerhand verzwickt romanhaften Zutaten. Das Stück fand, wie neulich bei seiner Erstaufführung in Wien, so auch im Schiller-Theater starken Beifall, der in erster Reihe wohl seiner immerhin scharf oppositionellen Tendenz, seinem Appell an ein gesundes, freiheitliches Fühlen galt und insofern sicherlich verdient war. Die Braut des jungen Menschen, im„Panzer" das schwerste Hemmnis seiner Selbstbefrciung, ist hier ein feurig-idealistisches Fräulein. An sie wendet sich der Leutnant, als er von dem hinter- listigen Angrisssplane seines Vaters erfährt. Eine Denunziation ist bei dem Oberst eingelaufen, daß die Streikenden vor einer abgelegenen Fabrik dcnwnstricren und— hier beginnt schon die Romantik— die Maschinen kurz und klein schlagen wollen. Statt Soldaten, deren bloßer Anblick die Arbeiter von dem angeblich projektierten Gewaltakt zurückgehalten haben würde, in dem Ge- bäude zu postieren, beschließt er. eine Kompagnie in den Hinter- halt zu legen. Es soll zu dem Tumulte kommen, damit man dann die Demonstranten niederknallen kann. Die einzige Möglichkeit, das Blutvergießen zu verhindern, wäre, daß der Leutnant seinem ehemaligen Jugendfreunde, dem Redakteur des sozialistischen Organs, den ausgegebenen Befehl verriete, damit er dann recht- zeitig die Genossen warnen könnte. Die Geliebte, der der Leutnant seine Zweifelsqualen vorlegt, antwortet wie Schillers Thekla ihrem Max: Folg' Deinem Herzen, handle als Mensch. In wie langer Haft er seinen Disziplinbruch auch zu büßen haben werde, treu in Stolz und Hoffnung will sie seiner Rückkehr aus dem Gefängnis harren. In diesen Szenen wie in der Begegnung der beiden Jugendfreunde hebt sich das Drama bei aller Unwahr- fcheinlichkeit in den Voraussetzungen zu starker Spannung, die leider bald durch einen albernen Theatercoup gestört wird. Der Redakteur läßt sich von dem Besitzer der bedrohten Fabrik in die glänzend dotierte Korrcspondentenstelle eines großbürgerlichen Blattes senden! Er warnt und verrät die Genossen in einem Atemzuge. Das Blutbad wird verhindert, die Arbeiter gewinnen den Streik. Von eindrucksvoller Wirkung war im Schlußakt die Auseinandersetzung zwischen dem bornierten Oberst und dem klug rechnenden, zum Nachgeben gezwungenen Fabrikanten �owie das letzte Aufeinanderprallen von Vater und Sohn. Um die Darstellung machten sich namentlich die Herren Werner-Kahle, Conrad Wiene, Franz Rolan und Paul B i l d t verdient. Letzterer spielte die Rolle des über- arbeiteten, nervösen Redakteurs, von jener schon erwähnten un- sinnigen Pointe abgesehen, mit viel Feinheit. dt. Medizinisches. Neues von der Krebskrankheit. Am Schluß eines äußerst gründlickien Vortrages, in dem Dr. Brand vor der Britischen Medizinischen Vereinigung über die Frage der Ansteckungskraft des Krebses gehalten hat, sind die wichtigsten Entdeckungen zusammen- gefaßt worden, die im Laufe der letzten Jahre mit Bezug aus das Wesen dieses Leidens gemacht worden find. Es werden dort zu- nächst drei neue Tatsachen genannt. Die erste davon besagt, daß die Zellen bösartiger Neuwucherungen in der Art ihrer Teilung von den normale» Zellen oder denen von sogenannten gutartigen Wuche- rungen unlerscheidbar sind, indem die Zellen der Krebswucherungcn sich in ungleichartiger Weise teilen, die anderen in gleichartiger. Zweitens ist jetzt festgestelll worden, daß die Krebskrankheit nicht auf die höheren Wirbeltiere, z. B. auf den Menschen und die Haustiere, beschränkt ist, wie früher angenommen wurde, sondern daß sie bei allen Wirbeltieren vorkommt, vielleicht mit Ausnahme einiger Reptilien, und daß ihre Wucherungen bei alle» Wirbeltieren und in jeder Hinsicht denen beim Menschen gleich sind. Endlich ist die Ueberiragbarleit der Krankheit von einem Tier auf das andere der gleichen Art auch bei anderen Gruppen der Wirbel- tiere erwiesen worden. Die Bedeutung dieser neuen Er- lenntnis liegt auf der Hand. Vor allem wird man nun annehmen müssen, daß der Krebs zu den ansteckenden Krankheiten gehört und durch einen äußeren Erreger veranlaßt wird,»venigstenS ist dies die bestimmte Ueberzeugung von Dr. Brand. Sowohl in seinem Ursprung wie in seiner EntWickelung hat der Krebs eine vollkomnrene Aehnlichkeit mit andere» chronischen Jnfektions- lrankheiten. Technisches. Die neueren Methoden der Farbenphoto- g r a p h i e. Die ersten praktischen Ergebnisse auf dem Gebiete der Naturfarbenphotograph-e wurden durch Uebcreinanderdruck dreier Platten in den Grundfarben rot, gelb und blau erzielt. Aus der Mischung ergaben sich alle übrigen Töne. Die Be- strcbungen, die Herstellung dieser drei Teilbilder zu umgehen und eine Farbenphotographie auf einer einzigen Platte in einer Ope> ratio» zu erzeugen, sind in letzter Zeit vielfach von Erfolg ge- krönt gewesen. Eine Veröffentlichung in der Wochenschrift „Umschau"(Frankfurt a. M.) gibt über die sinnreichen Methoden der jüngsten zwei Jahre eine gute Uebersicht. DaS Prinzip, die Farbenfilter nicht nacheinander, sondern gleichzeitig wirken zu lassen, ist zuerst von Jolly angegeben worden und besteht darin, daß man die Fläche des Bildes in eine möglichst große Anzahl gleichmäßig verteilter farbiger Pünktchen zerlegt, die abwechselnd rotorange, grün und blauviolett gefärbt sind. Praktisch wurde diese Aufgabe von den Brüdern Lumiere in Lyon in der Weise gelöst, daß die Glasplatte durch Aufblasen eines innigen Gemisches ent- sprechend gefärbter feiner Stärkekörnchen in ähnlicher Art bedeckt wurde wie pointillicrte Gemälde mit den confettiartigcn Färb- tüpfelchen. So wie bei diesen die nebcneinandcrgesetzten Tüpfelchen zweier Farben für das Auge zu einer Mischfarbe verschmelzen, so rufen auf den Platten die zahllosen Pünktchen der drei Grund- färben ein mehr oder minder reines Weiß hervor. Die Stärke- körnchen der Lumiereschcn Platten haben einen Durchmesser von ungefähr einem Sechzigste! bis, einem Hundertstel Millimeter. Die Ergebnisse dieser Anordnung sind vorzüglich. Sie haben ver- wirklicht, was Ducos de Hauron vor Jahren vergeblich auszuführen versuchte. Er hat nunmehr neuerdings unter Verwendung der- selben theoretischen Grundlage zusammen mit Jouglas in Paris ein neues Verfahren herausgebracht, nach welchem auf durchsichtiges Papier ein feines Raster in einer der Grundfarben gezogen wird, das durch ein ebensolches in der zweiten Farbe rechtwinkelig durch- kreuzt wird. Da erstcres mit fetter, letzteres mit nasser Farbe aufgedruckt wird, kann an den Kreuzungsstellen keine Ucberdcckung stattfinden. Die winzigen Quadratchen, die das sich kreuzende feine Liniensystem umschließt, werden durch Eintauchen in. ein die dritte Grundfarbe gebendes Bad ausgefüllt. Allerdings läßt sich in dieser Weise bei weitem nicht die Feinheit der Lumiereschen Platten erzielen, da das Korn bei Anwendung eines Rasters von 15 Linien auf das Millimeter immerhin noch viermal gröber ist. Ein gleichfalls auf Anwendung eines Rasters beruhendes Ver- fahren benutzt die Neue Photographische Gesellschaft zur Her- stellung von Photographicnfilms. Von drei in den Grundfarben gefärbten Celluloidblöcken werden mittels eines miktotomartigen Instruments ganz feine Folien abgespalten. Diese werden dann in wechselnder Farbcnfolge zu einem neuen Block vereinigt, von dem nunmehr wiederum Häutchen, die jetzt ein Raster in ab- wechselnden Farben aufweisen, abgeschält werden können. Für große Formate, bei denen es auch auf die relativ geringere Fein- hcit des Rasters weniger ankommt, ist das Verfahren gewiß wert- voll. Für ganz exakte Photogrammc, etwa solche mikroskopischer Präparate, ist selbst das Korn der Lumiereplattcn noch zu grob. Eine Fortschrittsmöglichkeit läge in dem Versuch, statt der Stärke- körner gefärbte Bakterien, mittels deren man Pünktchen von nur ein Tausendstel Millimeter erreichen könnte, zu verwenden. Der Nachteil des von Lumiere angewendeten Systems ist die Unmöglich- kcit, von den Diapositiven, die es liefert, Duplikate herzustellen. Ein praktisches Verfahren, farbige Bilder auf Papier mit einem Schlage herzustellen, bleibt noch zu entdecken. Der Wert der Farbenphotographie ist wohl kaum auf künstlerischem Gebiet zu suchen. Wohl aber hat die getreue und bei dem Lumiereschen Verfahren nicht wie bei dem Dreiplattcnvcrfahren künstlich ver- schiebbare Wiedergabe der natürlichen Farben für den Anschau- ungsunterricht und ähnliches hohen Wert. Wenn nämlich die Farben durch Uebcreinanderdruck der roten, gelben und blauen Tcilplatten erzeugt werden, kann durch verschiedenes Belichten und Kopieren der einzelnen Platte eine vollkommene Verschiebung der Farbwerte erreicht werden. Bei dem Lumiereschen Verfahren dagegen ist mit der richtigen Herstellung des Bildes überhaupt auch die richtige Wiedergabc der Farbentön« gewährleistet und damit ein wissenschaftlich und praktisch wertvolles Ergebnis ge- -Wonnen. Elektrische Fernzündung und Fernsteuerung. Die Pariser Zeitung„Eclair" berichtete, daß eine neue Erfindung von B r a n l y, dem bekannten Konstrukteur des Kohärers, gemacht wurde, nach der mittels elektrischer Wellen, also ohne Draht, Torpedos nach einem bestimmten Punkt gelenkt und auch Land- minen auf gleichcni Wege zur Explosion gebracht werden können. Diese Erfindung, oder zum mindesten ihr erster Teil, ist dem Prinzip nach nicht neu. Schon vor zirka 6 bis 7 Jahren wurde von Axel O r l i n g und Georg Braunerhjelm ein Verfahren angegeben, ein Steuerruder mittels elektrischer Wellen zu diri- gieren. Es wurde von ihnen speziell eine Schaltung angegeben, nach der ein Torpedoboot von einem entfernten Punkt aus lanciert werden kann. Die Steuerung geschieht dadurch, daß man von dem entfernten Punkt aus abwechselnd elektriscke Wellen aussendet und unterbricht. Diese wirken auf einen SVohärer, der einen Hülfs- stromkrcis entsprechend öffnet und schließt, wodurch dann mit Hülfe von Magneten das eigentliche Steuerruder eingestellt wird. Die Steuerung ist nur im Zickzackkurse möglich. Ob dies Verfahren praktisch durchgeprobt wurde, ist fraglich. Möglicherweise bedeutet die jetzige Erfindung Branlys eine bedeutende Verbesserung, da vor allem, wie die Nachricht besagt, die Beeinflussung durch fremd« Wellen ausgeschlossen ist. 8rli. �.dakteur: Georg Davids» hn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.