Wnttthaltimgsblatl des Horwärts Nr. 30. Mittwoch den 12 Februar. 1905 lNflchvnick verboten.) 80] Schilf und Schlamm. Nomon von Vicente Blcisco I b a n e z. Tie Fronen wurden gerührt, ohne Zu wissen warum, «nd hatten Lust zu weinen. Die Männer richteten ihre, von dem Schifferberufe gebeugten Schultern auf und marschierten mit martialischem Schritt hinter der Musik her, während die Mädchen mit glänzenden Augen und geröteten Wangen ihren KräritigamS zulächelten. Die Musik zog wie ein Hauch neuen Lebens über diese schläfrigen Leute und entriß sie dem Schlummer der toten Gewässer. Sie schrien, ohne zu wissen warum, brachten ein Nwat auf das Jesuskind aus, liefen in kreischenden Gruppen vor den Mrisikanten hin und her. und alle, sogar die Alten, zeigten sich äußerst lebhaft und gcschwähig. wie die Kinder, die mit ihren Säbeln und Holzpferden die Eskorte des Kapellmeisters bildeten, dessen schöne GoldgalonZ sie bc- tlmndertcn. Die Musik schritt mehrmals durch die einzige Straße von Palmar und dehnte ihren Weg aus, dem Publikum zu Gefallen, indem sie durch die kleinen Zwischenräume zog. die sich zwischen den einzelnen Häusern befanden, dann kehrten sie zum 5tanal zurück und von dort wieder zur Straße i die ganze Vevölkening folgte bei diesen Bewegungen und begleiteten mit lautem Geschrei die lebhaftesten Stellen des Marsches. Aber auch dieser Taumel mußte ein Ende nehmen, und die Musik stellte sich schließlich auf dem Marktplatz, der Kirche gegenüber, auf. Dann nahm der Alkade die Verteilung der Wohnungen an die Musiker vor. Tic Weiber stritten sich um die Leute, nach der Bedeutung des Instrumentes, das sie spielten: der Vertreter der großen Trommel durfte sicher darauf rechnen, die beste Wohnung zu erhalten. Tie Musiker, die mit Behagen ihre glänzende Uniform gezeigt, hüllten'ick, in ihre Bauernmäntel und schimpften auf die feuchte Frische von Palmar. Trotzdem die Musiker sich zerstreut Hatten, lichteten sich die Reiben der Menge noch nicht. Am äußeren Ende des Platzes hörte man das dumpfe Rollen eines Tamburins, und kurz darauf vernahm man einen Tanz mit hüpfenden Noten, als wenn die Musik wahre Kapriolen sckzluge. Tie Menge klatschte Beifall. Das war Denwni, der berühmte Spiel- mann, der alle Jahre hierherkam: ein lustiger Geselle, ebenso berühmt durch seine tollen Streiche, wie durch die Kunst, mit der er auf seiner Viola hcrumkratztc. Sangonera war sein bester Freund, und wenn er zum Feste hierherkam, so wich er ihm nicht von der Seite, denn er wußte, daß man schließ- lich das ganze Geld der Einnahme brüderlich vertrinken würde. Der größte Aal des ganzen Jahres wurde verlost. Das war eine alte Sitte, die alle Fischer in Ehren hielten. Wer einen außergewöhnlich großen Aal fing, mußte ihn in seinem Kasten behalten, ohne ihn verkaufctt zu dürfen. Fischte ein anderer einen größeren, so wurde dieser aufbewahrt, und der erste wurde dadurch frei. Auf diese Weise behielt man für die Tombola des Festes daS stärkste Tier, daS im ganzen Jahre im Allmferasec gefangen worden tvar. Diesmal fiel die Ehre de? größten Aales dem Onkel Paloma zu, weil er rn dem ersten Bezirk fischte. Der alte Fischer empfand mit die größte Freude seines Lebens, als er das prächtige Tier auf dem Platze der versammelten Menge vorwies. Er hatte es gefangen... und auf seinen zitternden Armen zeigte er die großs Schlange mit dem grünlick>cn Rücken mid dem weißen Bauch, die so dick wie� ein Schenkel tvar, ein Riescnaal mit einer öligen Haut, auf der sich das Licht wiederspiegclte. Mau mußte daS Tier durch das ganze Dorf beim Klange des Tudelsacks sozusagen spazieren tragen, während die angesehensten Alten der Gemeinde die Lose der Tombola verkauften, deren Gegenstand der appetitliche Aal bildete. „Da, arbeite auch einmal", sagte der Fischer und warf das Riesentier Sangonera in die Arme. Stolz auf das Vertrauen, das man ihm schenkte, setzte sich der Vagabund mit dem?lal in Bewegung, unter den Klängen des Tudelsacks und des Tamburins und von dem Geschrei der Kinder begleitet. Die Frauen kamen herbei» gelaufen, um sich da? liugehcure Tier in der Nähe anzusehen und es mit fast religiöser Bewunderung zu berühren, als wäre es eine geheimnisvolle Gottheit. Sangonera stieß sie ängstlich zur Seite.„Macht, daß Ihr fortkommt, Ihr werdet es noch mit dem vielen Anfassen verderben." Als man aber vor Eanamels Hause angelangt war, meinte er, sich der Volksbewundcrung nun genügend erfreut zu haben, denn die von der Faulheit geschwächten Arme taten ihm weh. Außerdem fiel ihm ein, daß der Aal nicht für ihn bestimmt war, und darum beschloß er, ihn der Kinder» schar anzuvertrauen. Damit trat er in die Schänke, ließ die Tombola weiterziehen und zeigte, wie eine Siegestrophäe, das riesige Tier, das er bis zu seinem Kopfe erhob. Ec ivarcn nur lvenig Leute in der Schänke. Am Schenk- tisch saß Ncleta, ihr Mann und der Kubaner, die von dem Feste des morgigen Tages plauderten. Tie Käufer der Lose waren tvie gewöhnlich diejenigen, die die besten Fischposten bei der Verlosung bekommen hatten, und Tonet und seinem Kompagnon war der Vorzug gesichert. Sie hatten sich schöne schwarze Anzüge in der Stadt machen lassen, um der Messe von der ersten Bank aus beizuwohnen, und sprachen nun eifrig von den Vorbereitungen zum Feste. Mit der Postbarke des nächsten Morgen? würden die Musiker, die Sänger und ein wegen seiner Beredsamkeit be- rühmter Pfarrer kommen, der die Predigt über das Jesuskind. halten lind gleichzeitig die Einfalt und die Tugenden der Fischer des Albuferasces preisen sollte. Eine große Barke war nach dem Strande der Dehesa gefahren, um Myrlhcn zu holen, init denen der Marktplatz ausgeschmückt werden sollte, und in einem Winkel der Taverne bewahrte man verschiedene Körbe nstt Masclets, eins Art von Raketen, die man abschoß, um das Knallen der Kanonenschüsse zu kopieren. Am nächsten Morgen erwachte die ganze Bevölkerung beim Platzen der MaSclets, als fände in Palmar eine große Schlacht statt. Die ganze Gesellschaft versammelte sich sofort ain Ufer des Kanals und verzehrte aus Herzenslust das Morgenbrot, auf dem heute auch etwas Belag prangte. Man erwartete die Musiker von Valencia, und es war nur von der Pracht der Arrangements die Rede. Der Enkel des Onkel Paloma machte seine Cache sehr gut, aber man mußte zu- geben, daß- er mit Eanamels Gelde arbeitete. Als die Postbarke anlangte, stieg zuerst der Prediger aus, ein dicker, fetter Pfarrer von imposantem Aussehen, mit einer großen, roten Tainasttasche, die seine Kircliengewändcr enthielt. Sangonera, der seine alten Mcßnergcwohnheiten nicht verleugnen konnte, stürzte ihm entgegen, um sich seines Gepäckes zu bemächtigen, das er sich auf die Schulter lud. Tann sprangen die Leute der Musikkapelle an Land, die Säilgcr mit den frisierten Haaren und den schönen Gesichtern. Die Musiker trugen die Geigen untenn Arm und die Flöten in Etuis aus grüner Serge: dann kamen die Sopransängcr, junge Leute mit gelben Gesichtern und umränderten Augen, denen man das frühzeitige Laster schon ansah. Alle sprachen von den berühmten Matelotten, die man in Palmar zu essen bekam, als hätten sie die Reise einzig und allein zu diesem Zwecke gemacht. Die Fischer sahen sie in das Dorf treten, ohne sich von dem Ufer zu rühren. Sic wollten die geheimnisvollen Jiistrumcute, die am Fuße des Mastes der Barke lagen und die die Leute bereits herausschleppten, in der Nähe sehen. Die Cymbeln riefen, wenn man sie ans Land brachte, stets eine große Verwunderung hervor, und jeder fragte sich, wie man diese Dinger benutzte, die doch den Fischkcsscln zum Ver- wechseln ähnlich sahen,— den Kontrabässen brachte man eine Ovation und die Menge lief diesen dicken Instrumenten bis zur 5!irche nach. Tie Messe begann um zehn Uhr. Der Platz und die Kirche duftete von den Zweigen, die die blühende Vegetation der Dehesa gespendet hatte. Der Fußboden verschwand unter einem dichten Myrthenblattwerk. Die Kirche strotzte von kleinen angezündeten Kerzen und glich von der Tür aus einem dunklen Himmel, der von kleinen Sternen beleuchtet wurde. Tonet hatte alles wohl vorbereitet und kümmerte sich sogar um die Musik, die bei der Messe spielte. Von den be» rühmten Stücken, bei denen die Leute einschliefen, wollte er nichts wissen. Tas war gut für!>ie Stadtleute, die an die Opern gewöhnt waren� in Palmar muhte man wie in allen Gegenden von Valencia, nichts weiter als die Mercadante- Messe hören. Während des Festes lauschten die Frauen gerührt auf die Tenors, die zu Ehren des Jesuskindes neapolitanische Barcarolen gurrten, während die Männer, taktmäßig den Kopf erhebend, dem Rhythmus des Orchesters lauschten, der wollüstig wie eine Walzermelodie klang. Tas erfreue das Herz, sagte Neleta, weit mehr als eine Theatervorstellung, und war auch zum Seelenheil förderlich. Während dieser ganzen Zeit wurden auf dem Marktplatz, wie ein Donner, nacheinander dicke Raketen abgefeuert, deren Knall � die Mauern der Kirche erzittern ließ und den Gesang der Künstler oder die Worte des Predigers unterbrach. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) jVeue forfcbungcn über den Bau der JVIaterie. Von F. Linke. Wenn sich der Laie Gedanken macht über den inneren Aufbau, die Struktur der Materie, so pflegt er in erster Linie daran zu denken, daß er für entsprechende Versuche eben einen Ver- größerungsapparat, ein Mikroskop, braucht, mit dem er versuchen wird, zu sehen, wie kleine Teilchen Materie aussehen, ob sich an ihnen Eigenschaften zeigen, die ihm Aufschluß geben können über den Aufbau des Stoffes. Darin tut er zweifellos ganz recht. Auch der Physiker würde zuerst so vorgehen, wenn er noch nicht die Kenntnisse hätte, über die die Wissenschaft heute verfügt. Er schließt auf die Fruchtbarkeit dieses Versuches einfach aus der Tat- fache heraus, daß jede Verbesserung des Mikroskopes, die sich vor- nchmlich an die Namen Huygens, Fresnel, Helmholtz und Abbe knüpft, für eine ganze Reche von Wissenschaften jedesmal eine reiche Ernte neuer Entdeckungen gezeitigt hat. Wir wissen jetzt, daß das Licht eine SchwingungSbcwcgung ist, die sich mit der außerordentlichen Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in der Sekunde durch den Raum von der Ursprungsstelle ab fortpflanzt. Die Schwingungsbewegungen such so klein, daß ihrer mehrere Hundert Billionen auf eine Sekunde kommen. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Farben des Lichts nur durch die Zahl der in einer Sekunde erfolgenden Schwingungen. Das rote Licht besteht aus etwa 400 Billionen Schwingungen in der Sekunde, das violette aus etwa 750 Billionen. Die anderen Farben liegen mit ihrer Schwingungszahl dazwischen. Man erkennt hieraus, daß die eigentümliche Erscheinung, die wir nach unseren Empfindungen .Farbe" nennen, eine sehr einfache physikalische Deutung findet, so einfach, wie man sie sich kaum gedacht hätte. Diese Sckwingungs- bcwegungcn erfolgen in einer Wellenform, und die Wellen sind von einer Kleinheit, die für uns unvorstellbar ist, die wir aber direkt nachweisen können. Rote Lichtstrahlen bestehen aus Wellen, deren jede nur'/im» Millimeter lang ist, violette sind gar nur halb so lang. Man darf min natürlich nicht denken, daß damit die Bc- deutung der Länge der Wellen erschöpft ist, sie ist nämlich auch— abgesehen von der Farbe— in vielen Fällen entscheidend für das, was man wahrnimmt. Zu den charakteristischsten Merkmalen des Lichts gehört ja bekanntlich die Gcradlinigkeit seiner Fortpflanzung, die jeder sofort auf die einfachste Weise feststellen kann. Kommen wir aber in die Nähe der Wellenlänge, so bemerken wir, daß es mit der Gcradlinigkeit ein Ende hat. Dann treten die merk- würdigen Erscheinungen der Beugung auf, die ganz neue Auf- scklüsse vermitteln. Fallen Lichtstrahlen durch eine sehr enge Oeffnung, so kann man feststellen, daß sie sich hinter dieser nicht in der gleichen Richtung wie die einfallenden Strahlen fort- pflanzen, sondern daß sie abgebogen werden, sich ausbreiten, als wenn die Oeffnung selbst zu einer Lichtquelle geworden wäre. Kleine undurchsichtige Körper umspülen Lichtwellcn ebenso wie die Wasserwcllcn einen Pfahl umspülen. Die Beachtung dieser Beugungserscheinungen ist es nun, welche die Verdienste Helmholtz' und Abbes in der Theorie und dem Bau des Mikroskops begründen. Sie lehrt, daß von vollkommen scharfen Bildern überhaupt nie die Rede sein kann, weil jeder Punkt eines Körpers in dem Bilde als kleines Scheibchcn abgebildet wird, so daß zwei sehr nahe aneinander liegende Punkte eines Körpers im Bilde zusammenfließen müssen. Das folgt einfach cruS der Natur des Lichts, nicht etwa aus der Mangelhaftigkeit der ver- wendeten Instrumente. Im Bilde kann man daher die feinsten Einzelheiten gar nicht mehr unterscheiden, und das ist es, was der auslöscnoen, vergrößernden Kraft des Mikroskops eine Grenze setzt. Sind alle Ilmstände günstig, so werden Punkte, die einige Wellenlängen auseinander liegen, noch deutlich unterschieden, ist ein Körper jedoch kleiner als eine halbe Wellenlänge, dann ist er nicht imstande, noch Lichtwellcn auszusenden und wir können ihn direkt nicht mehr sehen. Kleinere Gigenstände werden"vn den Lichtwellcn umspült, können uns wohl noch sichtbar werden, aber nicht mehr in ihrer wirklichen Gestalt, nur durch die Veränderungen, die solch Körpcrchen in der Ausbreitung der Lichtschwingungen zu» stände bringt, wird er unserer Wahrnehmung noch zugänglich. Es ist also für uns ein großer Vorteil, daß die Wellenlängen des Lichts so klein sind; wären sie größer, so würde die Grenz« der Sichtbarkeit höher liegen, wir würden Körperchen, deren Gestalt wir jetzt noch erkennen können, dann nicht mehr in wahrer Gestalt sehen. Es gibt aber Mittel, die uns gestatten, die störenden Beugung?» erscheinungen etwas hintanzuhalten, indem wir nämlich das Körperchen in einer stark brechenden Flüssigkeit betrachten. Solche Mikroskopsysteme find unter dem Namen„Jmmersionssysteme" bekannt. Em weiteres Mittel ist uns gegeben in der Verwendung der kurzwelligen Lichtarten. Das violette Licht besteht aus de» kürzesten Wellen, die wir mit dem Auge noch wahrnehmen. Es gibt aber auch Strahlen, die viel kürzere Wellen haben, z. B. die Röntgenstrahlen. Gehen wir aber nicht so weit, sondern betrachten wir die ultravioletten Strahlen, die eine etwas kürzere Wellenlänge haben als die violetten. Bedenken wir, daß wir diese Strahlen durch geeignete Mittel auch dem Auge noch sichtbar machen können, z. B. dadurch, daß wir sie auf einen Baryumplatincyanürschirm wirken lassen, so haben wir ein weiteres Mittel zur Hinaus- schicbung der Sichtbarkeitsgrenze. In der Praxis würde sich dieses Mittel schlecht in dieser Weise anwenden lassen, doch können wir uns der Photographie bedienen. Die photographische Platte ist für viel kurzwelligere Strahlen empfindlicher als unser Auge, und daher können wir mit ihrer Hülfe unter Anwendung ultravioletter Strahlen noch kleinere Körper sehen als mit dem Auge im Mikroskop. Die Schwierigkeiten, die sich bei dem Arbeiten mit diesen Strahlen ergeben sind durch zwei Mitarbeiter des Zeitzschen Instituts in Jena behoben worden. Man muß zu dem Zwecke in den Mikroskopen Linsen aus Bergkristall anwenden, die viel mehr Strahlen ultravioletten Lichtes hindurchlasscn als die Glaslinsen. Da die Wellenlänge des ultravioletten Lichts nur etwa halb so groß ist, wie die des Sonnenlichtes, kommt man in der Auf- lösungsfähigkcit mit ultraviolettem Licht etwa doppelt so weit. Man könnte mit dieser Methode noch weiter kommen, wenn es gelänge, Lmsen herzustellen, die Strahlen noch geringerer Wellen- länge durchließen. Leider aber besteht dafür wenig Aussicht. Das wirklich sichtbare Abbilden hat damit seine äußerste Grenze erreicht. Die Wissenschaft ist jedoch auch darüber scho» hinausgcschritten durch die Methoden von Siedentopf und Zsigmondy. Man bezeichnet ihre Art zu arbeiten als„Ultra- Mikroskopie". Dabei wird von dem Grundgedanken ausgegangen, daß man einen kleinen Gegenstand auch noch sehen kann, wenn nur so viel Licht von ihm ausgeht, daß er sich noch als Beugungs- schcibchen kenntlich machen läßt. Das ist dieselbe Methode zu sehen wie mit den Fixsternen. Diese sind von uns zu weit ent- fcrnt, als daß wir sie noch in Einzelheiten unterscheiden könnten, sie werden im Fernrohre aber als Pünktchen oder gar als Schcibchen sichtbar, deren Größe durch die Unbollkommcnhcit der Linsen und durch die Beugung bestimmt wird.— Man kann nun Metall in Flüssigkeiten zur Auslösung bringen und auf diese Weise Mctalltcilchcn herstellen, die so klein sind, daß sie einzeln mit keinem Mikroskop mehr unterschieden werden können. Die uhtramikroskopische Methode gestattet aber ihre Sichtbarmachung noch. Die letztgenannten Forscher wandten sie zuerst auf durch Gold gefärbtes Glas an. Sie färbten ein Stückchen Glas mit Gcldchlorid und zählten im Ultramikroskop in einem bestimmten Raumteilchen die Lichtpünktckcn, als welche sich die Goldteilchen zeigten. Mit Hülfe einer sehr einfachen Rechnung konnten sie dann die Größe der einzelnen Teilchen bestimmen. Unter Zuhülfe- nähme sehr starken Sonnenlichtes an einem schönen Sommertage konnten sie auf diese Weise noch Goldtcilchen sichtbar machen, die nur 3 bis 6 Milliontel Millimeter Ausdehnung haben. Die Blut- körpcrchen dcS Menschen sind, um einen Vergleich zu geben, zwei» tausendmal so groß(Vi«» Millimeter). Es gibt aber gefärbte Gläser, deren Trlchen sicher noch viel kleiner sind; sie aber kann auch das Ultramikroskop nicht mehr sichtbar machen. Ueber die Aufschlüsse, welche uns die Untersuchungen mit den, U'.tramikroskop gebracht haben, hat der bekannte Physiker Lorentz auf dem II. niederländischen naturwissenschaftlichen und medi- zinischcn Kongreß zu Leiden 1907 einen interessanten Vortrag ge- halten, von dem im folgernden ein kurzer Auszug gegeben werden soll. Es hat sich die überraschende Tatsache gezeigt, daß eine Menge früher für unlöslich angesehener Substanzen wie Gold, Silber usw. in sogenannter colloidaler Lösung erhalten werden. Colloidale Lösungen sind Lösungen von gewissen nicht kristalli- sierenden Körpern, die mit Wasser eine gallertartige Masse bilden (Leim, Gelatine u. a.) und durch eine poröse Scheidewand viel schwerer� hindurchgehen als kristallisierende Körper(wie Zucker, Salze usw.). Auch in solchen colloidalcn Lösungen konnte man mit dem Ultramikroskop die kleinen Stoffteilchen unterscheiden. Da- durch wird die von manchen Forschern verteidigte Auffassung wahr- schcinlich gemacht, daß es einen stetigen Uebergang gebe von den Lösungen im gewöhnlichen Sinne, in denen die Substanzen in fein verteiltem Zustande schweben, zu den Flüssigkeiten, die feste Teilchen nicht mehr enthalten. Diese Art zu beobachten hat für manche Gebiete eine außer- ordentliche Bedeutung; so für die Biologie, für welche die Eiweiß- stoffe eine große Rolle spielen, weil sie mit den Lebenserscheinungcn In engstem Zusammenhange stehen. Es besteht ferner die Mög- lichkeit, dah die Existenz von Mikroben, die klein genug sind, um sich der gewöhnlichen mikroskopischen Wahrnehmung zu entziehen, auf diese Weise ans Licht gebracht werden, wenn sie auch ihrer- Gestalt nach nicht von einander unterschieden werden können. Er- folge dieser Art sind schon zu verzeichnen mit der Mikrobe der „Lungcnkrankheit des Rindes". Man hat ferner in colloidalen Lösungen merkwürdige Erscheinungen wahrgenommen; so eine eigentümliche„Bewegung der schwebenden Teilchen", deren Er- klärung bisher noch sehr große Schwierigkeiten bereitet. (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten.) Er starb und wurde begraben. Von H o l g e r Drachmann. Als Jvar eines Tages am Strande unten stand und den großen neuen Anker und die vierzig Klafter lange eiserne Kette aus dem Boote ziehen wollte, lieh er plötzlich los und fuhr mit der Hand nach rückwärts oberhalb der Lenden. „Was hast Du?" fragte Andreas, sein Gehülfe bei dieser Arbeit. „Ich Hab' ein wenig zu stark angezogen," sagte Jvar und schnappte dabei nach Luft. Hierauf machten sie sich neuerdings an die vierzig Klafter. Dies, meinten einige, sei die ursprüngliche Ursache der langen und schmerzlichen Krankheit Jvar Asmussens gewesen, denn„alles, was bös ist, beginnt mit einem Stich." Andere sagten, dies sei Unsinn: einem Fischer passiere es oft. daß er sich verhebe, und noch viel Schlimmeres; dann müßten sie alle als Krüppel herumgehen. Nein, es hat ihn vielmehr jemand mit einem bösen Blick angeschen. Man ist abergläubisch unter den Fischern. Endlich gab es noch diese letzte Erklärung- Es stamme, sagte man, von dem Februartage her, als beide, Jvar und Andreas, eine halbe Meile vom Lande entfernt, im Boote übersegelt wurden. Es verging eine volle Stunde, bis man zu ihnen hinauskam und sie barg, und das Wasser war natürlich kalt. Jvar war ein abgehärteter Geselle und wollte die Kleider nicht sogleich Ivechseln, als sie heimgekommen waren— und da wollte Andreas auch nicht. Als dann das Frühjahr kam, nahm das Stechen im Rücken Jvars zu, während Andreas nichts fehlte. Sic hatten beide gleich lange im Wasser gelegen, und waren beide gleich naß gewesen— aber was sollte man sich von so einem vermaledeiten Zeug denken, das sich bei dem einen in den Rücken setzte, während es sich bei dem andern gar nirgends ansetzte? Nein, entweder wäre es Unsinn — oder es müßte Zauberei sein... Jemand mußte ihn mit einm bösen Blick angesehen haben. Aber krank war er.— Lene, Jvars Weib, überredete ihn endlich, daß er sich zu Bette legte. Es hielt schwer genug, ihn dahin zu bringen. Denn er war in zäher, dabei wortkarger, trockener Arbeiter, der sich beinahe aufrieb. Ihm gehörte das Boot, Lene besaß die Gerätschaften, als sie heirateten. Andreas hatte keinen Anteil an dem Gewinne; er arbeitete für Lohn— Pcrzente könnte man es nennen; er war ein zäher, dabei wortkarger, trockener Arbeiter, der sich beinahe ein Strich, der sich nie ganz öffnete; er sprach noch weniger als Jvar; deshalb kamen die beiden vielleicht so gut miteinander aus. Er hatte nur eine Leidenschaft: er tanzte gern— aber auch nur des Tanzens wegen. Keine Liebelei, keine Hcrumschwärmen zur Abendzeit. Gab es im Wirtshausc eine Tanzunterhaltung, so begann er mit dem ersten Mädchen bei der Tür, ob sie nun alt oder jung, groß oder klein war, und hörte mit dem letzten auf. Dann war seine Jacke triefend naß, er ging ohne Aufenthalt heim, legte sich in seinem Schweiß nieder, schlief ohne Träume und stand auf ohne Kopfschmerzen. Er hatte einmal mit Lene getanzt— drei Touren hintereinander. Als er sie losließ und sie sich setzte, blickte sie ihn an, lächelte und sagte:„Dir ist heiß!" Er schaute zu Boden und antwortete:„Das nenne ich einen Tanz!" Diese Nacht konnte er gegen seine Gewohnheit nicht einschlafen. Er stand endlich auf und wechselte— einer plötzlichen Eingebung Folg« leistend— sein wollenes Hemd. Es geschah dies zum ersten Male, und es half. Sie tanzten nicht öfter zusammen, denn nun begann das lange Krankenlager. Jvars Rücken war„bös"; es mußte im Boot für zwei gearbeitet, es mußte für den Doktor, für die Fahrt um den Doktor, für die Medizin verdient werden; es mußte in der Nacht gewacht werden, und es sollte doch alles im Hause seinen Gang gehen. Lene und Andreas teilten sich gleichmäßig in die Arbeit— immer ohne ein Wort darüber zu sprechen. Das schwere Krankenlager machte das Haus noch ruhiger; nur Jvars Stöhnen und bisweilen sein Aufschreien in qualvollen Nächten unterbrach die Stille; und nach diesen Aeutzcrungcn, die den schwindendem Kräften abgezwungen wurden, lastete dieselbe noch schwerer über dem kleinen Hausstand. Der lange, niedrige Flügel beherbergte ein halbes Dutzend Familien. Jvar Asmussen hatte die linke Giebclwohnung innc — zwei kleine Bodenräume, die durch eine Bretterwand mit ge- würfeltem Tapetenpapier abgeteilt waren. Di« Küche befand sich unten. Von dieser führte eine Leiter hinauf zu der schweren Bodenfalltür mit dem abgenützten eisernen Ring. Diese Tür blieb nun beständig geschlossen, seit Jvars und Lenes einziges Kind, die kleine Mätte-Marie, rücklings gehend, durch die Luke hinabgestürzt war. Das Kind war mit dem weichsten, wenn auch nicht den edelsten Teil des kleinen, wohlgenährten Körpers in einen Korb mit Heringen gefallen. Die Heringe, wenigstens diejenigen, die zu oberst lagen, waren allerdings gedrückt worden; aber dieses Jahr hatte man Ueberfluß an Heringen. Mätte-Marie war mit dem bloßen Schrecken davongekommen. Ihr Rücken war un» tadelig. Volle neun Jahre hatte diese Leiter mit demselben einförmigen Laute unter Jvar geknackt, wenn er vom Fischfang heimkam oder zu demselben fortging. Er hatte seinen gesunden Rücken gegen diese Falltür gestemmt, die er mit einem kleinen, elastischen Satz auf- stieß und wieder sorgfältig mit einem kurzen, pünktlichen Bums schloß. Nun konnte der Rücken weder den Fang heimtragen noch vie Luke aufstoßen; er konnte kaum ausgestreckt in dem kurzen, breiten Bette liegen, wo von unten das Stroh stach und von oben die Decke heiß machte. Dieser Rücken wurde mit jedem Monat „böser", ja endlich ganz mürbe; es bildeten sich kleine Löcher, die sich zu einem großen Loch vereinigten, welches bald sich schloß, bald wieder aufbrach; es spottete der Kunst des Landarztes den Winter hindurch und der Kunst des Badearztes im Sommer; und so lag Jvar schon das zweite Jahr und siechte dahin, und verbreitete einen üblen Geruch, und wand sich wie ein erbärmlicher Wurm, der vergebens auf die große Ferse wartet, die ihn ganz zertreten und der Qual für immer ein Ende bereiten soll. Für immer?... Das war es, worüber der hartgeprüfte Mann an den langen Tagen und in den noch längeren Nächten grübelte. Der eine und der andere von seinen Verwandten hatte ihn, gleich den Freunden Hiobs, mit Trostsprüchlein, Ratschlägen und Erbauungen versehen in Form kleiner Flugschriften, die in zahllosen Exemplaren zu billigem Preise von einer wohltätigen Gesellschaft hcrausgcgebn werden. Das eingebundene Gebetbuch, mit dem er begonnen hatte, konnte er nicht mehr in den kraft- losen Händen halten; und Lene las so langsam und so schlecht vor und weinte außerdem beständig bei den Versuchen, zu singen, was sie nicht lesen konnte. Mit den kleinen gehefteten Bogen konnte er allein liegen und sie zwischen den zitternden Fingern halten. Er las, bis die Schmerzen ihn übermannten, dann schrie er eine Weile, hierauf las er wieder, während sein Hirn um die Wette glühte mit seiner großen Wunde. Eines Morgens rief er Lene. Er hatte mit dem Nagel— einem langen, schwarzen, krummen Nagel— den Satz angemerkt:„Ihr Wurm stirbt nicht, ihr Feuer verlischt nicht." „Im Grund«— Du— Lene," sagte er,„was Hab' ich im Grunde getan, waS so schlimm sein kann?" Sie antwortete nicht, sondern führte die Hand mit dem Messer, womit sie eine kleine magere Goldbutte gereinigt hatte, zu den Augen hinauf. „Hab' ich Dich jemals geschlagen?" fragte er. „Nein, das weiß Gott!" schluchzte sie und vertauschte daS Messer mit der Schürze. „Oder Mätte-Marie— öfter als das eine Mal» als sie das Ferkel hinausgclassen hatte?" „Nein— nein!" war die Antwort. „Hab' ich vielleicht getrunken— oder war ich ein Spieler— oder...." hier verließen ihn die Kräfte; die Hand fiel schlaff über die Bcttkante nieder, und das kleine Heft lag auf dem Boden zwischen einigen schlimmen Fetzen— dem Verbände, den er in der Nacht abgerissen hatte. Sie bückte sich, hob das Papier samt den Fetzen auf und stieg in die Küche hinab, wo sie beides in die Hcrdglutcn warf. Aber wie über ihre Kühnheit erschreckt, griff sie augenblicklich nach den gedruckten Seiten, fuhr mit der Hand über die verkohlten Stellen und legte das Papier auf das Gesimsbrett über der Tcllerrcihe. Die Fetzen blieben liegen und verbreiteten bald einen stinkenden Qualm. Aber Leu war sowohl gegen den Qualm wie gegen den Gestank abgchärict. Es wurde nie wieder über diese Sache zwischen ihnen ge- sprachen. Jvar las nicht mehr. Er gab Lene mit einem besonderen Blick die Blätter, die er im Bette liegen gehabt hatte. Seine Leiden nahmen zu. Er verdrehte die Äugen so, daß das Weiße — nein, das Zitronengelbe— nach oben kam, so oft die Eisen- platte zwischen seinen Schulterblättern rotglühend wurde— denn so empfand er die Schmerzen. So wie ein Anfall vorüber war, fielen die Augenlider zu, und er lag wie betäubt da; und wieder kamen die Schmerzen, und wieder glühte die Eisenplatte, und wieder wand er sich, und wieder lag er wie betäubt. Es war cm Kampf ums Leben— ein Kampf mit dem Glauben— es war ein Todeskampf— und er wollte nicht enden. „Armer Teufel!" sagte der Landarzt. Und er entschloß sich. Lene mitzuteilen, daß es keine Hoffnung gebe— er könne nichts mehr ausrichten— und er wolle kein Honorar mehr annehmen — und sie sollten ihn nicht mehr holen lassen. Das sei edel, meinte er; er verstand nur nicht, daß Lene diese Mitteilung so ruhig hinnehmen konnte.»Diese Leute haben doch gar kein Ge- füM," backte er mit einem Achselzucken, als er sich in den Wagen sehte. Lcne begleitete ihn hinaus. „Sin? hätte der Doktor im Gründe schon früher sagen können!" meinte sie. „Fahr' zu?" rief der Landarzt. Sie war hoffnungslos, diese Krankheit. Alle wühlen es, und schlichlich sagten cS auch alle; und so hatte es seinen schlimmsten Stactcl verloren— ausgenommen für den Betroffenen selbst. Der schlimme Geruch— dieser unbeschreibliche, unvcrgchliche Geruch— verbreitete sich oben in den beiden Bodenkammern, drang durck die geschlossene Falltür und schlich sich, wie ein ge- spenstischer Teil Idars selbst, lautlos die steile Treppe hinab und wurde in den Winkeln der Küche verspürt. Lene und Mätte-Maric gingen mit ihm in den Kleidern herum, und Andreas trug ihn täglich mit sich zum Boote hinunter, wo er ausgelüftet, um sich abends wieder in der isländischen Wolle festzusetzen. Schlimmer noch als der Geruch— der ja ausgelüftet werden konnte— ivar dieses Jammern oben. Eines Mannes Gewimmer, eines so starken und abgehärteten Mannes Gestöhn unter den auSgcdachtcn Qualen des noch härteren— Todes I Aber auch daran kann die Umgebung sich gewöhnen. Lcne hatte rote Augen, aber keine Tränen mehr. Mättc-Marie hingegen — daS Kind— hatte sich noch nicht ausgeweint. Ihre Sorglosig- keit— die Sorglosigkeit des Kindes— half über ein gutes Stück hinweg; aber an den Tagen, wo cS in der Bodenkammer besonders schlimm zuging, kauerte sie, die kurze Schürze vor dem Gesichte, im Herdwinkel. (Fortsetzung folgt.). kleines feuilleton. Böltcrknnde. Die Jenissei-Ostjnkcn. Ucbcr eine Expedition ins Turuchansche Land(in Sibirien), die sich mit Forschungen unter den Jenijici-Qstjakcn beschäftigte, erstattete der Leiter der Exvcdi- tion, W. A. Anutschin, kürzlich in der Russischen Geographischen Gesellichaft in St. Petersburg Bericht. Die Jcnissci-Oftjakcn waren, wie der„Globus" diesem Be- richte entnimmt, in früherer Zeit ein mächtiges Volk, das mehrmals mit den Russen im Kampfe stand, zuletzt aber in ein Bundes- Verhältnis zu ihnen trat. In neuerer Zeit ist es im Aussterben begriffen und nimmt immer mehr Sprache, Sitten, Gebräuche und Religion der Russen an. Der von ihnen bewohnte Landstrich von der Mündung der Tunguska bis zum Turuchan ist in jeder Bc- Ziehung sehr ärmlich. Tic Hauptverkehrsader ist der Jcnissci, dessen rechtes Ufer ein mit sumpfigem Nadelwald(tajga) bedecktes Hügelland bildet; ja, steklcnwcisc finden sich auch noch verkrüppelte Birken. Da? Klima ist sehr veränderlich; auf eine ziemlich hohe Temperatur am Tage folgt ein kalter Abend. Der hauptsächlich herrschende Wind, der Zyklon, bringt den Jcnissci in starke Bc- wcgung, erschwert die Schiffahrt und hindert den Fischfang, der die Haupterwerbsquellc der Bevölkerung bildet. Die zweite Quelle ist die Jagd, obgleich Wild nicht gerade im Ueberfluss vorhanden ist. Eharaktcristisch ist die grosse Menge von Mücken und Stechmücken, die eine Geißel für Mensch und Tier bilden und sich zum Teil durch die Menge der Sümpfe erklären. Tic Ostjakcn sind vor- wiegend ein Nomadcnvolt. Sie sind fast alle bei den Kauflcutcn bcrsckuldct. Der erste Eindruck von ihrem Aeuhern ist sehr un- günstig und niederdrückend. Ihre Sprache ist sehr„undeutlich"; sie ist charakteristisch durch ihre Schlaffheit, durch die Menge der gleichlautenden Worte, durch den Mangel an jeder Gesetzmässigkeit. Die Wohnungen sind in den meisten Fällen Erdhütten, oben mit Tanncnreisig oder mit Birkenrinde bedeckt, und haben die Form eines Kegels. In der Mitte der Erdhütte wird ein Holzstoss an- gezündet, und das ist fast der einzige Wärmczufluss tvährend der kalten Jahreszeit. Irgend ein System in der Anlage der Wohnungen besteht nicht. Ein" notwendiges Erfordernis der Jenisscicr sind Boote; sie werden aus dem Holze der Zirbelkiefer angefertigt und haben sehr hohe Masten. Gewöhnlich babcn sie die Gestalt der russischen Boote. Tie Kajüten in den Booten dienen den Jenisscicrn während des größten Teiles des Jahres als Wohnung. Im Winter findet der Verkehr, wie bei de» Samo'cdcn, auf Schneeschuhen oder auf Hundeschlitten statt. Handwerke im eigentlichen Sinne des Wortes gibt cS bei dem Volke nicht. Alles für die Wirtschaft Nötige wird im Hause angefertigt, und zwar meistens aus Rinde. Tic Arbeit ist äusserst primitiv. Was nur ein wenig Nachdenken erfordert, z. B. die Netze, das kaufen sie schon bei den Russen. Ebenso primitiv ist ihre Kunst. Die Hauptnahrungsmiitel bilden Brot und Grützebrei. Tee wird auch viel verbraucht, aber bauptsächlich ei» Surrogat, ein besonderes Kraut. An der Spitze dieses Volke? sieben Aelteste oder kleine Fürsten, die auf drei Jahre gewählt werden, doch haben sie keine besondere Bedeutung. Zur Ent- scheidung vorliegender Fragen tritt eine Volksversammlung zu- sammen unter der Teilnahme von Frauen. Im allgemeinen ist aber die Form des sozialen Leben? eher kommim istisch. Alle? wird gemeinschaftlich gemacht, eine scharfe Unterscheidung zwischen Mein und Dein ist nicht bemerkbar. Wer sich vergangen hat, den bestraft die Versammlung dadurch, daß sie ihm das Recht der Eemeindemitglicdschaft entzieht. Alle Jenisscicr zerfallen in Geschlechter, wie es auch bei den altrussischen Slawen der Fall war. Die Ehen sind, vorwiegend legitim, wobei die Eigentümlichkeit besteht, daß nach der Verrichtung der Zeremonien durch die Sckamanen der russische Geistliche die Trauung in christlicher Weise vollzieht. Im Familienleben erscheint die Frau als die Freundin des Mannes, und sie ist ein vollberechtigtes Glied der Familie.„ Aus dem Ticrlebeu. Ikever das Orientierungsvermögen der Insekten bielt kürzlich Prof. G. v. Kenne! aus Dorpat einen sehr interessanten Vortrag, in dem er in das dunkle Gebiet der Psychologie der In« selten einführte. Die Tiere sind zweifellos imstande, sich im Raum zu orientieren. Die Geichmacksorgane sind dabei gar nicht, die Taft- organe nur in geringem Grade beteiligt. Den Tieren, die beweg- liche Ohrmuscheln haben, dient der Gehörsinn zur Bestimmung der Richtung, aus der das Geräusch kommt. Doch dies kommt bei" Insekten nickt in Betracht. Wir wiyen, daß viele Insekten Töne hervorrufen, so zum Beispiel Heu- schrecken und Zikaden durch Reibeinrichtungen. Diese Tonapparatc, die nur die Männchen an Flügeln oder Beinen haben, dienen nur zum Anlocken der Weibchen. Man hat auch bei den Heuschrecken GehörSorgane gefunden; sie sitzen aber an der Brust(bei anderen Arten an den Vorderbeinen) und bestehen ans zarten harten Membranen, die mit Hörzellen und Nervcnleitung im Zusammen- bang stehen. Die Zikaden haben gar im Körperpanzer zerstreute Hörzellen, wobei dieser selbst in Schwingung versetzt wird. Hier mag das Hören unserer Tastempfindung gleichkommen. Jedenfalls lvisien wir nicht, wie die Beschaffenheit der zweifellos vorhandenen Gehörsempfindmigen der Insekten ist. Viele von ihnen haben Ton- apparate, die für unsere Ohren nicht wahrzunehmen sind. Der Geruchssinn hilft dem Menschen bei der Orientierung im Raum wenig, da die Riechorgane tief verborgen liegen uud die Lust, von wo auch der Geruch ausgehen möge, immer denselben Weg durch die Nase zu ihnen nehmen muß. Bei den Tieren spielt der Geruchssinn eine viel grössere Nolle und tritt neben das Gesicht. Man unterscheidet GeruckStiere(Hund) und Gcsichtstiere(Katze). Für die Insekten ist der Geruchssinn vielfach der führende. Ihre GcruchSorgane sind auch hierzu ausgezeichnet geeignet, denn sie liegen nicht verborgen, sondern offen an den sogenannten „Fühlhörnern'. Die Fühler wagen an allen Seiten Riech- zelle»(bis 20 000), die alle durch Nerven mit dem Gehirn verbunden sind. Die Insekten empfinden daher ungeheuer scharf, von welcher Seite der Geruch kommt. Schneidet man die Fühler ab, so verlieren viele jedes Orientierungsvermögen im Raum. Die Feinheit ihres Geruchssinnes übersteigt menschliches Verstehen. Totengräber, Ausfliegen und-Käfer kommen aus ivciter Ferne schnurgerade zur kürzlich krepierte» Maus geflogen. Schmetterlinge (monophagel. deren Raupen nur eine Pflanze fressen, finden diese für unS häufig geruchlose Futterpflanze mit unsehlbarcr Sickcrheit heraus, um ihre Eier abzulegen. So ist die Lust von ungeahnten Düften erfüllt. Doch ist anzunehmen, daß diese Schmetterlinge nur den Duft ihrer Futterpflanze besonders stark riechen, also ganz anders riechen als wir. Noch tvnnderbarer erscheint der Geruchssinn der Schmetterlinge, wenn man beobachtet, wie die winzigen flügellosen Weibchen einiger Arten(zum Beispiel de? SackschmelterlingS) durch den für uns nicht wahrnehmbaren Geruch die Männchen anlocken. Man hat beobachtet, daß sie zu Dutzenden ans geschlossene Fenster eines Sammlers kamen, in dessen Raupenkasten ein Weibchen au? der Puppe geschlüpft war. Selbst mitten in die Siadt kommen Sckmcttcrlingc zum Sammler, der ein ausgcschlüpsteS Weibchen schlauberecbncud im Gazesäckchcn zum Fenster hinanshängr Eine Art der Schlupfwespe bohrt ja, von ihrem Geruchssinn geleitet, zoll- tiefe haardünne Löcher in den Raum, um mit absoluter Sicherheit den im Holz tief verborgenen Holzwurm zu treffen und ihm ihr verderbenbringendes Ei zn applizieren. Auch die Gcsichtsorgane sind bei den Insekten ganz ander? ein- gerichtet als beim Menscken. Dieser setzt beim Fixieren eines- Gegen- staiidcS ungefähr eine Million Schzellcn in Bewegung, die auf einem Ouadratmillimeter der Netzhaut zusammengedrängt sind. Die Augen der Insekten dagegen bilden facettierte Halbkugcln von verschiedener Grösse. Jede Facette ist eine Linse; die Schzellcn von je sechs Facetten liegen aber zusammen und werden durck eine Nervenfaser mit der Zentrale verbunden. Die Augen können bloss einige Dutzend solcher Facetten haben. Die konzentrierten Schzellcn mögen sehr lichtempfindlich sein, sie werden aber, da sie aiiscinanderliegcn, nur Ausschnitte der Ausscntvelt geben, Ivie wenn man durch eine durchlöcherte Pappe hindurchsicht. Bei einer schnellen Bc- ivegung der Pappe erst gewinnt man ein vollständiges Bild. Daher bewegen die Augentiere unter den Insekten.(Fliegen, Libellen) vielfach ihren Kopf und sehen und verfolgen die sich bewegenden Gegenstände. Die Bienen orientieren sich nach dkm GcsichtSsimr. In einer Schachtel fortgetragen, finden sie zum Bienenstock nicht zurück und fliegen wieder in die Schachtel hinein. Noch viel iiltcrcffaine Beispiele über daS Orientierungsvermögen der Tiere führte Prof. Kenncl vor, so die Ameisen, die auf einen ihrer„Wege" gesetzt, am zu- oder abnehmenden„Nestgcruch" der Spuren sofort merken, wohin der Weg nach Hause führt.~ Pcrantio. Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstalt Paul Singer Lc Eo., Berlin SW,