Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 32. Freitag, den 14 Februar. 1903 (Nachdruik verboten.) sz] Schilf und Schlamin. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Doch die Schar war nicht mehr in der Stimmung, Rat- schlage anzichören. Der dritte Vers galt Neleta, der„an- inutigsten Frau von Palmar", die man beklagte, daß sie mit dem Geizhals von Canamel, diesem Nichtsnutz, verheiratet war... Von diesem Verse an venvandelte sich die Sere' nade in giftige Anspielungen, über die sich alle amüsierten. Sie fanden die Lieder jetzt weit angenehmer als den Wein. lachten laut, und aus diesem Lachen drang die eigentümliche Befriedigung der Laudleute, wenn sie sich über chclickzes Unglück lustig machen. Diese Menschen, die die Wut eines Fischers teilten, dem man einen elenden Fisch von vier Heller Wert geraubt, lachten wie die Wahnsinnigen, wenn man etilem sein Weib gestohlen. Tonet zitterte vor Wut und Angst. Zuweilen hatte er Lust, zu entfliehen, denn er ahnte, daß seine Freunde zu weit gehen würden, doch der Stolz hielt ihn zurück und ebenso auch die schwankende Hoffnung, feine Anwesenheit könnte ihnen noch Zügel anlegen. „Nehmt Euch in acht, nehmt Euch vor Euren Worten in acht!" sagte er mit dumpfer Drohung. Doch die Sänger waren die kräftigsten Burschc�i des ganzen Dorfes. Sie waren damals noch Jünglinge, als er in den überseeischen Ländern herumstreifte. Sie wollten recht deutlich zeigen, daß sie keine Furcht vor dem 5lubaner hatten, und erfanden immer neue, immer frechere Lieder, die sie wie Geschosse gegen die Schenke schleuderten. Ein junger Mann, ein Stoffe der Samaruca, brachte Tonets Wut zum Ucberfließcn. Er sang ein Lied auf die Vereinigung Eanamcls und Tonets lind erklärte, sie beuteten nicht nur die Seguiota aus, sondern teilten sich auch in Neleta. Bei diesen Worten stürzte der Lknbaner in die Schar und man sah beim Lichte der Fackel, wie er dem Sänger mit dem SVolben seines Gewehrs ins Gesicht schlug. Als er aufs neue begann, packte Tonet sein Gewehr, trat heftig einen Schritt gurück und gab, ohne zu zielen, einen Schuß ab.... Ein unsagbarer Tumult erhob sich.... Die Lkugcl verlor sich im leeren Raum, doch Saiigonera. dem sie an einem Ohre vorbeigezischt war, warf sich zur Erde und srieß ein lautes Geheul ans. „Ich bin tot! Mörder?" In den Häusern öffneten sich die Jalousien hastig unter lautem Lärm, und man sah weiße Schatten und Gcwchrläufe an den Fenstern auftauchen. Tonet war im Augenblick entwaffnet, von einer Reihe von Armen gepackt und gegen die Wand gedrängt. Er sträubte sich wie ein Wütender und machte die heftigsten An- strengringcn, um das Messer Herauszuziehen, das er in seiner Manteltasche trug. „Laßt mich los!" rief er wutschäumend,„laßt mich los! Dieser Elende muß von meiner Hand sterben!" Der Alkade und seine Leute, die der Serenade gefolgt waren und wohl eine Prügelei oder einen Skandal cnvvrtc- tcn. rissen die Känchfcr auseinander. Der Pater Miguel nahm, eine rote Mütze auf dem Haupte und den Karabiner in der Hand, eine reckst freigebige Verteilung von Kolben- schlügen vor und empfand dabei die innigste Genugtuung, daß er die Burschen, unter dem Deckmantel der Behörde, die ihn beschützte, ungestraft prügeln durfte. Der 5iarabinicrlcutnant brachte Tonet, den er mit seinem Mausergewehr in Schach hielt, zu seiner Hütte, und der Neffe der Samaruca wurde in ein Haus geführt, damit man ihm sein Gesicht abwaschen konnte, das infolge des Kokben- fchlages, den er bekommen hatte, blutüberströmt war. Weit größere Arbeit machte Sangonera. Er wälzte sich noch immer aus der Erde und versicherte, er wäre tot. Um ihn gu beleben, gab man ihm die letzten Tropfen aus dem Wein- tönnchen ,ind der Vagabund, der mit dem Mittel sehr zu- frieden war, erklärte, er wäre durchbohrt und könne sich nicht mehr erheben: doch der energische Pfarrer, der seine List er- riet, versetzte ihm zwei Fußtritte, die ihn augenblicklich wieder auf die Beine brachten. Der Alkade befahl den Sängern, weiter zu gehen. Sie hätten Eanamcl genügend besungen. Der Beamte empfand für den Gastwirt jenen tiefen Respekt, den man in den Dörfern stets für den Neichen hegt, und wollte ihm neue Un- annehmlichkeiten ersparen. Die Serenade entfernte sich etwa? geknickt: umsonst ließ Demonis Dudelsack seine glänzendsten Ritornelle hören, den Sängern war die Kehle wie zugeschmirt, als sie sahen, daß ihr Tönnchen nach wie vor leer blieb. Die Jalousien schlössen sich, die Straße wurde wieder einsam, doch die letzten Neugierigen glaubten beim Fort- gehen im oberen Stockwerk der Schenke Stimmengewirr, das Rücken von Möbeln und daS dumpfe Schluchzen einer Frau zu hören, das von dem Geschrei einer wütenden Stimme unterbrochen wurde. Am nächsten Tage sprach man in ganz Palmar nur von den Ereignissen, die sich in der Nacht vor Eanamels Hause abgespielt haften. Tonet wagte nickst, sich in der Schenke zu zeigen. Er fürchtete sich, der peinlichen Situation ins Auge zu blicken, in dre ihn die grausame Unklugheit seiner Freunde versetzt hatte. Den ganzen Vormittag ging er auf dem Kirchplatz auf und ab und betrachtete aus der Ferne die Tür der Schenke, in die er nicht einzutreten wagte, obwohl sich eine große Menge darin drängte. Es war der letzte Tag deS Bummelns und des Herumsfteichens fiir die Einwohner. Am Slbend sollte sich die Musik nach Catarroja wieder einschiffen, um das arme Palmar für ein Jahr seiner gewöhnlichen Ruhe zu überlassen. Tonet speiste in der Hütte seines Vaters mit der Borda. Onkel Toni und die Borda hatten seit drei Tagen mit großem Bedauern ihre harte Arbeit und den bitteren.Kampf, den sie gegen den See führten, eingestellt, denn sie fürchteten, die Nachbarn könnten es übelnehmen. Der Onkel Toni mußte wohl von den Ereignissen der vorhergehenden Nacht keine Ahnung haben. Wenigstens ließen seine ernsten Bewegungen, die genau dieselben wie sonst waren, barauf schließen. Er hatte die Zeit damit verbracht, den vom Winter hervor- gebrachten Schoden auszubessern, denn seine harte Arbeit ge- stattete ihm diese Tätigkeit zur gewöhnlichen Zeit nicht. Die Borda mußte aber etwas wissen; das las man in ihren reinen Augen, die ihre Häßlichkeit gleichsam verklärten. In dem mitleidigen Blick, den sie auf Tonet richtete, lag noch jetzt die Erinnerung an die Gefahr, der er sich in der vorher- gehenden Nacht ausgesetzt hafte. Einen Augenblick, als die jungen Leute allein waren, machte sie eine traurige Vc- merkung darüber.„Du lieber Gott, wenn sein Vater wußte, was geschehen war. Er könnte ihn töten!" Der Onkel Paloma erschien nicht in der Hütte, er hatte jedenfalls bei Canamel gespeist. Abends begegnete ihm Tonet auf dem Marktplatz. Sein runzliges Gesicht verriet nicht das Geringste, trotzdem sprach er zu seinem Enkel in trockenem Tone und riet ihm, nach der Schenke zu gehen. Der Onkel Paco hatte mit ihm zu sprechen. Tonet verschob seinen Besuch einige Zeit. Er blieb auf dem Platze stehen, wo sich die Musik aufstellte, um den letzten „Aalmarsch" zu spielen. Die Musiker hielten sich nämlich für betrogen, wenn sie bei ihrer Rückkehr aus Palmar ihrer Familie nicht einige Fische mitbrachten. Alljährlich zogen sie noch einmal durch das Dorf und spielten den letzten„Doppel- schritt", während mit Körben versehene Jungen die Fische einsammelten, Aale, Schleie tind Schmerle, ganz abgesehen von dem großen Hecht, der für den Kapellmeister be- stimmt war. Die Musik horte auf zu spielen und schritt langsam weiter, damit die Fischwciber ihre Spenden niederlegen konnten. In diesem Augenblick entschloß sich Tonet, die Schenke zu betreten. „Guten Abend, alle miteinander!" rief er fröhlich, gleich- sam, um sich selbst Mut zu machen. Neleta, die hinter dem Schenktische stand. Warf ihm einen unsagbaren Blick zu und senfte den Kopf, damit er nicht ihre tief umränderten Augen und ihre geröteten Lider sehen sollte. Canamel antwortete ihm aus dem Hintergrund des Zimmers und deutete auf die Tiir der Privatwohnung. „Kommt herein, kommt herein, wir haben zu sprechen." Die beiden Männer traten in ein kleines Zimmer neben fcr Küche, in welchem manchmal die Jäger aus Valencia untergebracht wurden, wenn sie übernachten wollten. Canamel ließ seinem Geschäftsteilnehmer kaum Zeit, sich zu setzen. Er war leichenblaß, seine Augen lagen tiefer als je in den Fettwulsten und seine Hände zitterten nervös. Der Onkel Paco ging gleich aus die Sache ein. Das mußte ein Ende nehmen, sie konnten ihren Verkehr nicht weiter fort- setzen und auch nicht mehr freunde bleiben. Als Tonet Miene machte, zu protestieren, unterbrach ihn der Gastwirt, den eine vorübergehende Energie anzufachen schien, mit einer Hand- Bewegung. Keine leeren Worte, das war alles unnütz. Er war entschlossen, der Sache ein Ende zu machen: jeder gab ihm Recht, sogar der Onkel Paloma. Sie hatten ihren Ver- trag unter folgenden Bedingungen geschlossen: Er sollte das Geld geben und der Kubaner seine Arbeit. An Geld hatte es nicht gefehlt, aber auf die Arbeit seines Teilnehmers wollte er nicht mehr warten. Ter Herr lebte großartig, während sein armer Großvater sich zu Tode rackerte.... Er hatte sich in dieses HauS eingenistet, als wäre es sein Eigentum gewesen. Er tat so, als tväre er der eigentliche Herr der Schenke, er aß und trank vom Besten, er verfügte frei über die Kasse, als wäre überhaupt gar kein Besitzer da, er nahm sich Freiheiten heraus, an die er lieber nicht erinnern wollte. Er bemächtigte sich seiner Hündin, seines Gewehrs und, wie die Leute behaupteten, sogar seines Weibes. „Lügel Lüge!" rief Tonet mit der Angst des Schuldigen. Canamel sah ihn in einer Weise an, daß er eine unklare Befürchtung bekam und scheu zurückwich. Ja, gewiß war es Lüge, er war sogar überzeugt davon. Das war ein Glück für Neleta und Tonet: denn wenn er jemals glauben sollte, daß die Gemeinheiten, die man neulich Nacht vor seiner Tür gesungen, irgendwelche Begründung hatten, so wäre er der Mann, ihn ohne weiteres niederzuknallen und ihr eine Kugel zwischen die Augen zu schießen. Was hatte er sich denn eigentlich eingebildet? Der Onkel Paco war trotz seiner Krankheit kräftig, und er war ebenso gut ein Mann, wie ein anderer, wenn man sein Eigentum anrührte. (Fortsetzung folgt.) Die„Lancken" ckes Kncgöinlrnftere v. Einem. Vor kurzem bezeichnete der Kricgsminister v. Einem im Reichstage die Soldate? der ersten franzosischen Republik als.Banden", wofür er von Bebel sckarf zurechtgewiesen wurde. Wie eö mit der Disziplin dieser.Banden" aussah, und wie die rheinische Bevölkerung von diesen.Banden" im Gegensatz zu den deutsche» Soldaten be- handelt wurde, ist uns von Zeitgenassen und ehrlichen Gegnern Frankreichs aufbewahrt worden. Das Regiment der geistlichen und weltlichen Herrscher am Rheine war vor Ankunft der Franzosen derart, daß die denkenden Köpfe des Landes dem Zusammen- bruch der alten Verhältnisse mit Gleichgültigkeit, Schadenfreude. Hohn und Genugtuung zusahen. Kein Mensch rührte einen Finger für daS alte Regiment, und die Hofschranzen gaben, als die Fran- zosen noch nicht einmal in Sicht waren, mit ihren geistlichen und weltlichen Gebietern Fersengeld. Der hochkonservanve und katholische Verfasser des.Rheinischen Antiquarius", Chr. v. Stramberg, schreibt, daß vor Ankunft der Franzosen unter den deutschen Truppen am Niederrhein.die größte Zügellosigkeit" geherrscht hatte;.Vieh und Gewächs wurden den Bauern aus den Ställen und vom Feld ge- nommen, ohne daß dem Unfug Einhalt geschah. Die französischen Soldaten waren dagegen von ihren Vorgesetzten angewielen, die Rheinländer durch ihr Benehmen zu gewinnen." In einem kurz nach der Besetzung deS linken Rheinufers durch die republikanischen Heere erschienenen Schriftchen, dessen Verfasser zu den entschiedensten Gegnern der Franzosen gehötte, heißt eS unter anderem wörtlich:.Bei dem Fußvolke sowohl wie bei der Kavallerie trifft man Waffenstücke von allen Truppen an, gegen welche die Republik Krieg �führt. Kaiserliche, hollänl ische, englische, hessische Gewehre und Säbel sieht man bei ihnen in Menge, vorzüglich vieke kaiserliche, denn diese Division sMarceau) folgte dem Leichenzuge derselben auf dem Fuße nach. Die Kavallerie, besonders die Jäger zu Pferde, haben ein etwas erträgliches Aussehen, doch stellen sie noch immer daS wahrhafte Bild des Krieges dar. Die reitende Artillerie gefällt am meisten, ist gut gekleidet und hat außerordentlich schone Leute. Was die Organisation des Kriegswesens betrifft, so ist alles im strengsten Sinne des Wortes bürgerlich. Ihre Hand- friste sind wenige und diese wenig m find tzanz einfach: ihre ichwenkungen find völlig ungezwungen und ihr Schritt ist ganz leicht. Ob der Soldat mit gepudertem oder ungepudeNem Haare, mit oder ohne Zopf,. mit gewichsten oder ungewichsten Schuhen zur Wachtparade kommt, darauf wird nicht die geringste Rücksicht gmonunrn: wenn er nur da ist; wie er da ist. gilt gleich- viel. Der Offizier betrachtet und behandelt den gemeinen Mann wie seinen Bruder, und von dem General bis auf den Tambour herrscht unter ihnen— nach oben und unten hin— ein vertrau« liches Du. Keiner zieht vor dem andern den Hut ab, und nur während des Dienstes bemerkt man Grade bei ihnen; außer ihm find alle gleich, der General soviel als der Gemeine. Aus kleine Fehler ist Arrest, auf größere Todesstrafe ge» setzt. An Stockschläge ist gar nicht zu denken.—.Du kannst dir leicht denken"— das Schriftchen ist in Brief» form geschrieben—,.wie wohl es dem Menschenfreunds tun muß. wenn er zwischen den Republikanern und den deutschen Völkern Vcrgleichungen anstellt, in Hinficht der Art. wie beide behandelt werden, zumal wenn ihm das steife, gezwungene Wesen des deutschen Exerzitiums und die despottsche Manier, womit der deutsche Soldat tyrannisiert wird, noch so sehr im frischen An» denken liegt. Ich glaube, ein preußischer oder kaiserlicher Major. wenn er eine stanzöfische Wachparade mustern sollte, bekäme die Auszehrung vor Aerger. Uebrigens wird für die französischen Soldaten in betreff der Lebensmittel bestens gesorgt. Jeder Mann erhält täglich ein und ein halbes Pfund ausgebackenes Brot, ein halbes Plund Fleisch und ebensoviel Reis, etwas Salz und überdies noch IS Sols(7S Pf., aber nach der damaligen Kaufkraft des Geldes erheblich mehr). Soviel Freiheit der stanzöfische Soldat außerhalb des Dienstes genießt, so sehr ist er während desselben eingeschränkt, und so strenge sind die ihm vorgeschriebenen KriegSarttkel. Hier nur einige zur Probe. Der geringste Fehler gegen die Subordination, im Dienste begangen, wird an dem Offizier sowohl wie an dem Gemeinen mit dem Tode bestrast. Diebstahl, er sei noch so unbedeutend als er wolle, zieht, wenn er durch zwei Zeugen bewiesen werden kann, die Todesstrafe nach sich. Wer vierundzwanzig Stunden vermißt wird, hat das Leben verwirkt. Ein französischer Reiter. welcher auf einen einzelnen feindlichen Reiter stößt und vor ihm Reißaus nimmt, ohne sich zuvor mit ihm auf Leben und Tod ge» schlagen zu haben, hat zu erwarten, daß ihm der Kopf ganz unfehl» bar vor die Füße gelegt wird. Wer gegen Freund oder auch Feind Gewalt braucht oder nur die geringste Sache erpreßt, ohne Vollmacht dazu vorzeigen zu können, bekommt eine Kugel durch den Kopf. Die Bewohner der Gegenden, wo die Moselarmee herzog, können die MannS- zucht und das gute Bettagen der Franken nicht genug loben. Nicht der geringste Unfug ist von ihnen ausgeübt worden.— Ihre Spitäler find vortrefflich eingerichtet, und sowohl für Blesfierte als Kranke wird die größtmöglichste Sorgfalt getragen." Der unbekannte Verfasser schreibt schon einige Tage nach der Ankunft der Franzosen, am 7. November 1794:.Alles ttägt setzt stanzöfische Kokarden, sogar die Pfaffen und die Nonnen.— Der Magistrat fing gestern an, sich mit Kokarden öffentlich sehen zu lassen und seinem Beilpicl folgte sogleich Jung und Alt." Die Bewohner von Koblenz hatten daS feige, sittenlose stanzöfische aristokratische Gesindel, daS vor den Republikanern geflohen war, und sich längere Zeit in der alten Rhein- und Moselstadt auf- gehalten hatte, bis zum Ueberdruß kennen gelernt. Keine anständige Frau war vor den unsittlichen Attacken dieser ungerufenen Gäste und Wüstlinge sicher. Als die siegreichen Volksheere Frankreichs die Reichsarmee, unter der Führung deS Herzogs von Braunschweig, in die Flucht geschlagen hatten, gaben die stanzösischen Aristokraten, unter denen sich auch die Brüder des Königs von Frankreich mit ihren Maitteffen befanden, Feriengeld, indem fie Koblenz räumten. In einer Proklamation des Volksrepräsentanten Bourbotte an die Koblenzer Bevölkerung bezüglich der aus der Stadt verwiesenen und geflohenen Emigranten heißt es: ,O. ihr feigen und fluchwürdigen Verräter, die ihr eurem Vaterlande den Rücken kehrtet, um nach Koblenz zu kommen und hier euch zu seinem Untergänge zu verschwören, zittert, denn bald wird die Erde euch zu tragen sich weigern. Der Rhein, Zeuge eurer Missetaten, untersagt eucki bereits den Einttitt in euere ehemaligen Raubhöhlen. Und ihr Tyrannen, ihr Geiseln der Erde, erkennt ihr jetzt, was steie Männer vermögen gegen Heere von Sklaven? Beeilt euch ihr Bewohner von Koblenz, durch euer Benehmen und euere Hingebung für die französische Republik die Wolken der politischen'Mißstimmung zu verscheuchen, mit welcher euch in den Augen Europas die steundliche Aufnahme bedeckt hat, die ihr der infamen Bande der Lasterhasten bereitet, die unter euch den Untergang ihres Vaterlandes und die Hinmetzelung einer edlen Nation anzettelten, in deren Namen ich euch Schutz und Sicherheit für eure Personen und euer Eigenwm zu- sichere." Hinter diesen pathetischen Worten stand ein furchtbarer Ernst. AIS nämlich Koblenzer Bürger aus Freude über das Verschwinden der Einigration an dem Tage, an welchem die republikanischen Soldaten bei ihnen einrückten, Wein in großen Gefäßen aus die Sttatze brachten, taten die übermüdeten Krieger an dem edlen Naß des Guten zu viel, trieben Allotria und groben Unfug. Am anderen Tage, am 2ö. Oktober 1794, erschien eine Ver» ordnung, welche allen Wirten bei 600 Vires Strafe und im Wiederholungsfalle bei Gefängnisstrafe und Konfiskation verbot, den Soldaten Wein zu verkaufen. Das waren die.Banden", welche die Söldnerheere Europas vor sich hertrieben, welche die unmittelbare Herrschast deS Psaffeniums und deS Adels im Rheinland beseitigten, und denen ganz Europa in bezug auf den Anstoß zu steiheitli'chcn Bewegungen so ungemein viel zu verdanken hat. — 127— Als Banden im schlimmsten Sinne des Wortes können jedoch mit Fug und Recht die französischen Emigranten, die Anhänger des absoluten Königtums, bezeichnet werden, die mit den Brüdern Ludwig XVI. in Koblenz hausten, worüber von Stramberg unter anderen: folgendes mitteilt:.. Dem schönen Geschlecht waren sie besonders gefährlich. Es war ihnen gleichviel, ob sie Weiber oder Mädchen zu ihren Ausschweifungen verführten. Bei Hellem Tage redete» sie öfters Weibsleute aus der Straße an, um Liebeshändel mit ihnen anzufangen. Auch waren verschiedene französische Dirnen hier angekommen, mit welchen sie ihre verliebten Ausichweifungen unterhielten... Der Monsieur(der nachherige Ludwig XVIII.), obschon er seine würdige Frau Gemahlin bei sich hatte, führte jedoch Madame de Balbi unter dem Titel einer Obrist- hofmeisterin von seiner Gemahlin mit bei sich und ließ sich durch diese leiren und führen. Der Graf von Artois und alle sprachen sie von Jvar wie von einer anwesen» den Person, einem Kameraden, der noch mit ihnen verkehrte. Und ganz fort war er ja auch noch nicht. Andreas ging herum, schweigsam, wie immer, mit seinem Strich von einem Munde und einer schwarzen Krawatte— eigentlich nur einem dünnen Bande— und schenkte in die Schnapsgläser ein. Der Schmied begann kleine Geschichten zu erzählen, niemand legte sich diesen willkürlichen Begräbnisdämpfer auf, alle meinten — und sprachen eS auch aus— daß es Jvar jetzt so gut gehe, wie lange nicht. Und hierauf zeigte sich Lene an der Tür, sehr blaß, mit ihrem schwarzen, baumwollenen Witwcnschal. Sie gab dem Schmied ein Zeichen, und der Schmied erhob sich sogleich und sagte:„Na, Leute, jetzt gehts los!" Sie gingen alle hinunter und die Nächsten von der Familie brachten Jvar mit einiger Mühe durch die enge Tür hinaus, und hierauf ordnete man sich in Reihen nach den Trägern und setzte sich dann in Bewegung. Hinter dem Sarge ging Lene mit Mättc-Marie an der Hand. Das kleine Mädchen hatte ebenfalls einen schwarzen Schal um- bekommen; die gefransten Zipfel desselben schleifteu auf der Erde nach, und so oft das Kind sich umwandte, um zu sehen, waS gegen die Absätze der neuen Stiefel schlug, drückte die Witwe sie fest an der Hand und forderte sie durch eine schwache Wendung des Kopfes auf, das Taschentuch vor die Augen zu halten. Denn dies tat sie selbst, so lange der Zug durch das Dorf ging. Es war alles an den Fenstern und vor den Türen, was stehen und gehen konnte. Die Flaggen auf Halbmast und Buxbaum gc- streut vor dem Garten des Kaufmannes. Bor dem Dorfe wurde Halt gemacht. Die Wagen fuhren vor; Jvar wurde auf den Lastwagen gehoben, und zwei Fischer setzten sich zu ihm. um auf die Kränze acht zu geben. Das Gefolge ver« feilte sich auf We drei Miarabanls. und hierauf rollte»nan längs de» WegcZ hinauf, der landeinwärts führt, die gute Meile zur Kirche, in oem fein rieselnden Staubregen, der sick bald in einen blauen Nebel verwandelte, worin Idar und das Gefolge vor d?., Wlicken der Zurückgebliebenen verschtnande«. Des Abends standen Lene und Andvas unten beim Schweine- stall. Andrea? war beim Boote herumgeschlendert, gleichsam als suche er jemand. Lene war es in der Küche zu unheimlich gewesen und noch unheimlicher oben. Mätte-Marie hatte die Erlaubnis be- kommen, zu den Kindern der Rachbarssrau zu gehen; sie wollte sich durchaus nicht zu Bette begeben, bevor nicht Lene selbst sich schlafen legte. Das Kind halt« erst richtige Angst vor dem Toten bekommen, nacbdcm derselbe nicht mehr im Hause war. Lene und Andreas standen, wie gesagt, beim Schweine. „Wie wird es nun eigentlich, Andreas?" fragte sie zögernid. „Ja, wie wirds?" fragte er. „Es bleibt wohl bei den fünfundzwanzig von der Krone, w:e früher? Oder?.. Sie hielt inne. „Idar meinte ja etwas?..." sagte er. Sie blickte ihn an med reichte ihm die Hand. Er reickte ihr die scinige.„ „Wenn die passende Zeit vorüber ist!" sagte sie mit halber Stimme. „Ja. früher schickt es sich wohl nicht!" antwortete cr. Hierauf zogen sie die Hände zurück und blickten einander bieder an. „Oefs. öff!" kam es vom Schweine. Es lvar abgemacht._ Kleines f euületon. Sprachwissenschaftliches. Deutsche kjßflanzennamen. Wer den Menscben ein Mittel verspricht, durch das sie rasch und leicht zu Geld kommen können, der wird immer willkommen sein; und so wird man sich nicht gar zu sehr verwundern dürfen, wenn unter diesen Mitteln auch manche komischer Art sich finden. So wurde unS einmal cr- zählt, wenn wir tausend Gulden haben wollten, so brauchten wir nichts ioeiter zu tun, als uns ein Pslänzchcn Tausendguldew kraut zu verschaffen, dieses mit einer beliebigen Säure zu über- giefecn, worauf sich nach einem bekannten chemischen Prozesse die Säure mit dem Kraut zu Sauerkraut verbinden und die tausend Gulden srci werden würden. Wir waren indes mißtrauisch und wagten die Säure nicht daran, aber wir waren neugierig geworden, von dem sprachlichen Prozesse zu erfahren, durch den das bescheidene Blümchen zu seinem Steinen gekommen ist. Denn die in früheren Zeiten übliche Erklärung, die Heilkraft der Pflanze, besonders gegen bas Fieber, sei so gross, dass sie tausend Gulden wert sei, ist natür- lich ganz und gar missglückt. Wir müssen vielmehr fragen, wie die offizinelle(Arznei.) Pflanze in der lateinischen Sprache glcheisscn hat, und hören: Herda centaurca. Unser Tausendgüldenkraut ist demnach eigentlich das Centaurcnlraut. Aber die frühere Wortkunde zer- legte das ihr fremde Wort einfach in centum= 100 und aurum = Gold, und kam so zu einem Hundertgüldenkraut. Aber die Ucbcrsehung hatte dem Bolksempfiuden noch kein Genüge getan. Wer in Zahlen übertreiben will, der hielt und hält sich nicht bei dem leicht zu übersehenden Hundert auf. Wie man„viel tausend- mal" grüsst, wie man von herztausig spricht, vom Tauseiedkünstlcr redet, so musste auch aus dein Hundert- das Tausendgüldenkraut werden. Andere Beispiele dafür, welche Rolle die Volksmythologie bei unseren deutschen Pflanzcnnamen gespielt hat, bietet Franz S ö h n S in seinem hübschen Büchlein«tlusere Pflanzen, ihre Namen- erkläruug und ihre Stellung in der Mythologie und im Volks- «berglauben"(Leipzig, Tcubner). Dem äusserlich reichen Tausend- oüldenkrant lassen wir das Blümchen folgen, dessen Ramien von dem Reichtum des Innern zu sprechen scheint: das Liebstöckel. Gebraucht man es doch auch zu allerhand LicbeSzauber. Ja, der Name ist schon früh zu einem Kosewort für die Geliebte und den Geliebten geworden; am Eubc des Jahrhunderts lesen wir bei dem Dramatiker Jakob Ahrer:„Mein Liebstöckel und mein Holder- drüfsel, mein Hcrzcnstrost und Roseirbüschel, mein Tausendschön, Mein Augenlust." Und in dieses Reich von lieblichen Gedanken leuchtet nun die Sprachforschung hinein und muß erklären, da wir hier keine ursprünglich deutschen Namen vor uns haben, sondern Liebstöckel, in früherer Form Liebestickcl, nichts weiter als die Ver- dcutschung des lateinischen levisticum ist, in dem wieder nur eine Nebenform des Wortes ligmticum zu finden ist; unser Liebstöckel ist also einfach die ligurische Pflanze, und noch heute gehört sie dem ligurische». oberitalienischen Arzneischatze an. Auch eine weitere Anzahl früher oder jetzt offizineller Pflanzen geben «nS in ihren deutschen Namen manche Rätsel auf. Zum Schwitzen wurde früher vielfach die E b c a u t c oder Ebcrrute angewandt; aber es wäre vergeblich, ihren Namen mit dem Eber oder mit der Raute oder auch der Rute in Beziehung zu bringen. Man anuss auch hier wahrscheinlich wieder auf das Altertum zurückgeben und findet, dass griechische Mediziner von den Mitteln gegen Gifte die gemeine Stabwurz adrotonon nennen, ein Name, der mit »brotos, unsterblich. zusammenhält und vielleicht sich auf die c> levenZschützende Kraft der Pflanze oder ihr frischbleibende? Aussehen beziehen soll. Die wissenschaftliche Botanik gibt ihr den Ramen Arternisia abrotanum. Das führt uns auf eine andere Artemisiaart. den ckraeuuoutus, der seinen Namen daher hat, dass sein Kraut gegen den Biss der Schlangen und Drachen(drago) schützen soll. Aus dem ckrago ist französisch ostragon geworden, unv daraus hat die deutsch« Volksmythologie wieder Astrachan gemacht. Eine dritte Pflanze, die man früher gegen den Biss giftiger Tiere anivandte, ist die O st e r l u z e i. Wer hier einen Zusammenhang mit Ostern suchen wollte, toäre auf einem ganz falschen Wege. DioscurideS wies der Pflanze auch noch die Kraft zu. die Geburt zu erleichtern, und gab ihr danach den Namen Aristoloctua, woraus der deutsche Namen entstanden ist. Wir schließen diese Reihe mit dem Ackermämtchen. Otter- männchcn, Odermännchen, von dem Petrus de CreScenttiS im fünfzehnten Jahrhundert sagt:„getrunken laßt nit schade» da? stechet« der vergifftigen thier, daS auch gestoßen und gebunden uff den biß eines wütenden Hundts. eS hehlet", und in dem einlach die agrimonia, das auf dem agor(Feld) wachsende Kraut, steckt. AuS der Apotheke wollen wir nur noch in die Küche wandern und sehen, was es denn mit der gewöhnlichsten Speisezuiat, der Petersilie, für eine Bewandtnis hat. Bei der Häufigkeit des männlichen BornamcnS Peter in früherer Zeit lag es nur zu nabe, in ihm den ersten Bestandteil des NamenS zu finden, und dazu dichtete man sich den weiblichen Bor« namen Silie hinzu und erfand ein Märchen von der Verwandlung zweier Kinder in eine Pflanze. Nun ist aber die Petersilie eine Art Eppich. Den Eppich nannten die Griechen Lslinon. Wie der Waffcr« eppich Il�ckrossiiuov, der Gross- oder Pferdeeppich llipposelinon, so hiess der Felseppich Lotroeolinon, woraus dann unsere Petersilie ge- worden ist. die wir auch als Pauterfifle, Peterlein. Peterli, Paiter- ling antreffen. Aus dem Pflanzenleben. Bom Einfluss des G aS li ch t S au f d i e S tr a ssen» bäume. Im allgemeinen bedeuten die Gasleitungen in den Strassen einen Hemmschuh für da» Gedeihen der Strasseubäume, da- her muss es um so überraschender erscheinen, dass nunmehr auch ein günstiger Einfluss festgestellt werden konnte. In einer nur wenig bebauten Strasse in Steglitz wurde im letzten Herbste beobachtet, dass solche Bäume, es handelt sich um Strassenkaswmcn, ivelche in uumittelbarcr Nähe von Gaslaternen standen, zum Teil länger be« laubt waren, als cS die Regel bei diesen Bäumen erlaubt. Während olle anderen Bäume schon entblättert dastanden, fassen bei diesen Bäumen an jenen Arsten und Zweigen, die den Laternen ziinächst waren, noch die Blätter fest und diese blieben auch zwei bis drei Wochen länger sitzen als sonst. Ueber die Ursache dieser sonderbaren Erscheiming herrscht noch keine völlige Klarheit. Es ist möglich, dass die von der Laterne aus- flutende Lichtmenge die in Bettacht kommenden Blätter veranlasst hat. ihre Lebcnstätigkeit zu bewahren. Aber auch die ausgestrahlt« Wärme könnte der massgebende Faktor gewesen seilt. Die Blätter fassen selbst dmm noch an ihren Zweigen, als ein mehrtägiges Frost- und Schneewetter alle Lcbensvorgänge im Blattinnern gewiss schon zur Unmöglichkeit gemach» hatte. Ende November fassen noch die Blattstiele ohne die Blattflächen an dm Zweigen. Das Licht spielt bei diesen Vorgängen gewiss eine Rolle, denn die Einwirkung de? künstlichen Lichtes auf die Vegetation ist durch andere Vorfälle hin« länglich belegt; ob es aber nur daS Licht war, das muss einst- Ivetten dahingestellt bleiben. Technisches. Normalkilogramme. Die Grundlage des metrischen Mass- und Gewichtssystems ist das Normalmeter, dessen durch trigonometrische Vermessungen bestimmte Länge dem zehnmillionten Teil eines Erdmcridian-Ouadranten entspricht. Das Rormalkilo- gramm ist zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Lcfövre- Gineau und Fabbroni festgestellt worden, und seine Genauigkeit hat seither den Gegenstand mannigfacher Untersuchungen gebildet. Die Methode der Kontrolle besteht darin, dass der lyewichtsverluft eines geometrisch exakt gearbeiteten, genau gemessenen Körpers aus geeignetem Material in chemisch reinem Wasser von 4 Grad Celsius unter Anwendung von Normalgcwichtcn bestimmt wird. Kontrollbcstimmungcn des von Lefevrr-Gincau und Fabbroni ge- gebencn Ezalon-Kttogramnts ergeben jedoch getvisse Abweichungen untereinander und von der grundlegenden Artvit. DaS internationale Bureau der Masse und Gewichte in Paris hat nun nach mehr» jähriger Arbeit, unter Anwendung der genauesten Messmcthodcn neue Kontrollvcrsuckie abgeschlossen, deren Ergebnisse jetzt in den Sitzungsberichten der Pariser Akademie mitgeteilt worden sind. Danach beträgt dvS Volum von einem Kilogramm reinen Wassers vcn 4 Grad Celsius bei 700 Millimeter Druck 1000 023 Kubikdeci- meter, wobei 1— 2 Einheiten der letzten Decimalc in die Grenz« des möglichen Fehlers fallen, d. h. das wirkliche Kilogramm wäre daS Gewicht eines Würfels reinen WafscrS von 1 000 009 Dccimetcr Seitenlange bei 4 Grad Celsius. Die Ziffern zeigen, mit Ivclch erstaunlicher Genauigkeit die Schöpfer des metrischen Systems ge- arbeitet haben. Ihre Normalmahe sind als mustergültig zu be- zeichnen. Nur ganz ausnahmsweise kann bei Messungen eine kleine Korrektur erforderlich werden, wie sie aus den jetzt mitgeteilte» Zahlen zu entnehmen ist. Verantw. Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin.— Druck u. Perlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanstaU Paul Singer& Co., Berlin SW,