Anterhaltmigsblatt des Vorwärts Nr. 33. Sonnabend den 13� Februar. 1908 83] l?! ach druck verboten.) Schilf und Schlamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Bei diesen Worten zitterte der Gastwirt in dumpfem Zorn und rannte hin und her wie ein altes krankes Pferd, das aber aus starker Rasse stammt und sich bis zur letzten Minute bäumt. Tonet konnte sich einer gewissen Bewunderung für den alten Abenteurer nicht erwehren, in welchem trotz der von der 5trankhcit hervorgerufenen Schläfrigkeit, trotz des Fettes, das ihn schlaff mack)en mutzte, plötzlich die unbezähmbare Energie eines kraftvollen Kämpfers, der keine Gewissenbisse kannte, wiedcrerwachte. In dem tiefen Schweigen des Hauses ertönte das ferne Echo der Blasinstrumente, die die Musiker jenseits des Dorfes hören ließen. Canamel begann wieder zu sprechen, und seine Worte wurden von der Musik begleitet, die immer näherrückte. Fa. gewiß war alles Lüge, aber er war nicht dazu da, um den Leuten als Zielscheibe zu dienen. Schließlich ärgerte es ihn, wenn er sehen mußte, wie Tonet die Schenke keine Sekunde verließ und fortwährend in brüderlicher Vertrautheit mit Ncleta verkehrte. Er hatte genug von einer solchen Briiderlichkeit und war sich mit dem Onkel Paloma darin einig. In Zukunft würden sie ihre Angelegenheiten, was die Sequiota betraf, allein erledigen, der Großvater würde sich mit seinem Enkel verständigen und ihm den Anteil geben, der ihm zukam. Tonet halte also mit Canamel nichts mehr zu verhandeln. Wenn ihm das nicht paßte, so brauchte er es nur zu sagen. Er war diuch das Los Herr der Seguiota ge- worden, aber der Onkel Paco würde dann sein Kapital und seine Netze zurückziehen, was seinen Großvater sicherlich ärgerte, und dann konnte er ja sehen, was er allein aus. richtete. Tonet protestierte nicht und erhob nicht den geringsten Einwand. Was sein Großvater tun würde, wäre ihm recht. Die Musiker erschienen vor der Schenke, und bei ihren harmonischen Klängen erzitterten die Mauern. Canamel erhob die Stimme, um gehört zu werden. Jetzt, wo ihre geschäftlichen Angelegenheiten erledigt waren, hatten sie noch beide als Männer miteinander zu sprechen. Und mit der Autorität des Gatten, der keine Lust hat. anderen zum Gespött zu dienen, un� des Mannes, der, wenn es nötig war. einen unangenehmen Menschen bei den Schultern zu packen und Hinauszuwerfen wußte, befahl er Tonet, nicht mehr den Fuß in die Schenke zu setzen und unter keinen Umständen mehr wieder bei ihm zu erscheinen. Er hatte ihn doch ver- standen, nicht wahr? Ihre Freundschaft hatte aufgehört. DaS war das Beste, um diesem ganzen Gerede und all diesen Lügen ein Ende zu machen. Und während die Posaunen ihre dumpfen Klänge vor der Tür der Schenke ertönen ließen, richtete Canamel seine dicken Glieder auf die Fußspitzen auf und erhob die Arme zum Dache, um die ungeheure, unermeßliche Höhe anzudeuten, die den Kubaner von nun an von dem Gastwirt und seiner Frau trennen sollte. 7. Kaum hatte Tonet zwei Tage verbracht, ohne den Fuß in die Schenke zu setzen, da war er sich klar darüber, wie innig er Ncleta liebte. Dazu kam, daß der Verlust des fröhlichen Wohllebens, dessen er sich erfreut, der üppigen Fülle, in der er bis dahin gleichsam wie in ein Meer von Genüssen ver- funken war, seine Verzweiflung noch erhöhte. Was ihm aber in erster Linie fehlte, das war die heiinliche Liebe, die doch von der ganzen Bevölkerung erraten wurde, die reizende Verlockung, seine Geliebte in voller Gefahr zu streicheln, fast unter den Augen des Gatten und der Kunden, wo er sich jeden Augenblick einer llcberraschung aussetzte. Als Canamel ihn aus seinem Hause fortgejagt hatte. wußte er nicht mehr, wo er hin sollte. Er versuchte, neue Freundschaften in den anderen Schenken von Palmar an- zuknüpfen, elende Baracken, deren ganze Anziehungskraft in einer armseligen kleinen Tonne bestand, und die nur ab und zu von schlechten Kunden besucht wurden, die Canamel wegen Schulden ans seinem Lokal gejagt. Tonet entfloh aus diesen Baracken wie ein Potentat, der irrtümlich eine Gar- küch« betreten hat. Tagelang trieb er sich in der Umgebung des Dorfes herum. Wenn er müde war, ging er nach Saler, Peralla. nach dem Hafen von Catarroja oder nach jsincr anderen Gegend und suchte dort die Zeit totzuschlagen. Er, der sonst so fall! war, zog die Ruderstange jetzt stundenlang auf seiner kleineu Barke, um einen Freund aus keinem anderen Grunde zu be- suchen, als eine Zigarre mit ihm zu rauchen. Die neue Situation zwang ihn, in der Hütte seines Vaters zu leben, und mit einer gewissen Unruhe betrachtete er den Onkel Toni, der durch seinen traurigen Blick manchmal anzudeuten schien, daß er von allem, was vorgegangen, unter- richtet war. Von der Langeweile verzehrt, schlug Tonet jetzt eine andere Taktik ein. Anstatt wie ein Tier im Käfig v.on einem Ende des Albuferas zum anderen herumzulaufen, war es doch noch besser, seinem armen Vater seine Hülfe zu leihen, und schon am folgenden Tage holte er mit dem übertriebenen Eifer der Faulenzer, die sich zum Arbeiten entschließen, wie er es auch schon früher getan, Ladungen von Schänitz und Schlamm aus dem Wasser herauf. Der Onkel Toni bezeugte seine Dankbarkeit für diese plötzliche Laune, indem er nicht mehr die Stirne krauszog und ein paar Worte an den Sohn richtete. Er wußte alles. Die Dinge waren genau so eingetroffen, wie er sie vorausgesehen hatte. Tonet hatte nicht wie ein Paloma gehandelt, und der Vater litt heftig daninter, wenn er das hörte, was man sich darüber erzählte. Er fühlte sich grausam verletzt bei dem Gedanken, daß sein Sohn auf Kosten des Gastwirts lebte, dem er auch noch sein Weib genommen hatte. „Lüge! Lüge!" versetzte der Kubaner mit dem schlechten Gewissen der Schuldigen,„das sind reine Verleumdungen!" Ilm so besser I Der Onkel Toni jubelte, daß er wieder zurückgekehrt war. Die Hauptsache für ihn war, daß er der weiteren Gefahr entrann. Jetzt zog es ihn zur Arbeit, er sollte versuchen, ein ehrenhafter Mann zu werden und dem Vater bei seiner Aufgabe, die Lagune zuzuschütten, helfen. Wenn sie sich erst in schöne Felder verwandelt hatte und die Palomas viele Säcke Reis darauf ernteten, dann würde Tonet sicherlich eine Gefährtin finden. Dann konnte er sich die wählen, die ihm unter den Töchtern des Dorfes oder der Um- gegend gefiel. Niemand würde es einfallen, einen reichen Mann zurückzuweisen. Tonet, den die Worte des Vaters in Stimmung versetzt, hatte sich mit wahrer Wut an die Arbeit gemacht. Die arme Borda strengte sich weit mehr an, wenn sie mit ihm arbeitete. als mit dem Onkel Toni. Ter Kubaner fand stets, daß sie ihre Sache nicht richtig machte: er war anspruchsvoll und brutal gegen das arme Mädckien, lud ihr wie einem Packesel alles auf und war doch immer am ersten müde. Die arme Borda, die unter der Last der Erdklumpen fast zusammen- brach, lächelte trotzdem fröhlich und betrachtete abends, wenn sie mit zerschlagenen Gliedern das Essen zurecht machte, dank- bar ihren Tonet, den verlorenen Sohn, der seinen Vater so viele Schmerzen bereitete, und doch jetzt durch sein gutes Be» tragen ein wenig Heiterkeit und Vertrauen in das strenge Gesicht des alten Arbeiters lockte. Doch die Stimmung des Kubaners hielt nicht lange Zeit an. Zeitweise wurde er von einer wütende» Lust nach Tätig- keit gepackt, dann aber erschien sofort wieder die Ruhe einer gebieterischen, alles in Bande schlagenden Faulheit. Noch war kein Monat verflossen, da war Tonet, wie auch früher, dieser beständigen Arbeit müde. Ein großer Teil der Felder war schon ausgeschüttet, aber es waren noch große Löcher, die seine Verzweiflung erregten, unersättliche Abgründe. durch die die verschwundeilen Wasser wiederzukehren schienen, um von der so mühsam in ungeheurer Arbeit er- oberten Erde wieder Besitz zu ergreifen. Die Ungeheuerlich. keit des Unternehmens erfüllte den Kubaner niit Angst und Verzweiflung. An den Ueberfluß in Canamels Hause ge- wöhnt, war er empört über das schlechte Essen der Borda. über den spärlichen, leichten Wein, das harte, Maisbrot und die Sardinen mit dem ranzigen Oel, die die einzige Nahrung seines Vaters bildeten. Auch die Ruhe seines Großvaters brachte ihn zur Ver- zweiflung. Dieser verkehrte noch immer im Hause Canamels, als wäre nichts geschehen. Er speiste'dort zu Mittag und zu Abend und verstand sich ausgezeichnet mit dem Gastwirt, der mit der Art. feie er Sie sc�mota öuctcuicic, äußerst zufrieden war. Seinem Enkel bot er nicht einen Heller zur Teilung an. Er sagte ihm kein Wort, wenn er abends in der Hütte war, tat, als wäre er überhaupt gar nicht auf der Welt, und schien gar nicht daran zu denken, daß er. Tonet, der eigentliche Herr und Gebieter der Scguiota war. Ter Großvater und Canamel hatten sich vereinigt, um ihn auszubeuten, rmd gaben ihm dabei gleichzeitig zu ver- stehen, die Geschäfte gingen nicht. Auf diese Weise hatte die ganze Entrüstung, die der Gastwirt zur Schau trug, kein anderes Ziel, als ihn beiseite zu schieben und ihren eigenen Anteil zu vergrößern. Mit der Habgier des gewissenlosen Bauern, der in Geldsachen weder Zuneigimg noch Familien- bände kennt, sprach Tonet den Onkel Paloma eines Abends an, als er sich gerade anschickte, auf den Fischfang zu ziehen. Er war der Herr der Seguiota, der wahre Herr, und schon lange Zeit hatte er keinen Heller gesehen. Er wußte, daß der Fischfang nicht so gut ging wie früher, aber man verdiente doch trotzdem dabei, und der Großvater wie der Onkel Paco steckten sich schöne Duros in ihre Taschen. Er wußte das von den Aalkäufern. Man sollte sich nur in acht nehmen, er wollte eine klare Nechnung, man sollte ihm geben, was ihm gesetzlich zukam, sonst würde er sein Recht wieder in Anspruch nehmen und sich weniger habgierige Teilhaber suchen. (Fortsetzung folgt) (Nachdruck verboten) Die Söhne. Von Snno Matavulj. Autorisierte Ucbersetzung von Roda Roda. Alles war schon bereit: die Grubcn gegrabcn— die Soldaten vergattert— die Verurteilten hatten das Abendmahl empfangen. Alles Ivar bereit. Man wartete nur noch, bis die zehnte Morgen- stunde schlagen würde, die sollte die letzte für die armen Sünder sein. Tie beiden Verurteilten hockten auf dem Borflur eines«in- stockigen HauseS. ES stand inmitten der einzigen Straße, die sich gleichlaufend mit dem Flusse hinzog. Alles zusammen, der Fluß und das Städtchen, heißt: Zernojeiritsch Rijeka. Die Verurteilten waren an den Lberarmen mit Stricken ge- fesselt— aber locker genug, daß sie die Hände nach Gefallen rühren konnten. Mit ihnen auf der Bank saßen vier alte Montenegriner; einer davon trug einen Vollbart— ein Pope also.— Zwei Soldaten standen, die Gewehre bei Fuß, auf der obersten Stufe der Steintreppe, die zur Vorhalle hinanführte.— Alles rauchte und schwatzte durcheinander und grüßte hin und wieder und trank einander Schnaps aus Gläschen zu, die irgcitdein altes Weib herumreichte. Das Weib kam und ging durch eine Fall- türe im Boden der Vorhalle.— Ter ältere von den Verurteilten, ein kräftiger Mann von vierzig Jahren, war der lustigste und gc- sprächigste in dem Kreise. Unten auf der Straße hatte sich eine dichte Menschenmenge angesammelt. Immer neue Männer kamen den Fluß herab und herauf in Kähnen an. Frauen stellten ihre Lasten ab und traten herzu, fragten, was eS gebe, und erfuhren den ganzen Hergang: Tie zwei da oben, Oheim und Neffe, hatten an der Eattarenser Küste eine alte Frau und deren Tienstmädchen erschlagen, daS Haus ausgeraubt und sollten nun die Todesstrafe erleiden. Gerade heute, am Markttage— nach montenegrinischer Sitte. Am Eingang des Städtchens, am Ufersaum, hatte man zwölf Soldaten aufgestellt. Das Ufer war dort mannshoch anSgemaucrt, und da das Wasser zurückgetreten war, blieb ein Streifen Sandes im Flußbett trocken. Tort sollte das Urteil vollzogen werden.— Ter Offizier belehrte die Soldaten und übte sie ein, auf die Brust zu zielen— ganz genau und gemeinschaftlich— sechs auf den einen und sechs auf den anderen. Tarum kommandierte er zwei- oder dreimal:„An— Feuer!"— Natürlich waren die Patronen blind.— Eine willkommene Vorstellung für die Zuschauer, Ter Ttadthanptmann war in seiner Kanzlei geblieben, einer kleinen niedrigen Stube am Ende des Städtchens. Er war offen- bar erregt und abgespannt. Er ging nervös hin und her, blieb stehen, setzte sich wieder, sah jeder. Augenblick nach seiner Taschen- iihr und rauchte immerzu.— Sein Schreiber saß am Tische und las leise sür sich noch einmal das Urteil, unr eS später der Volks- menge fließend und klar verkünden zu können. In dicsem Augenblicke, während sich so viele Menschen vor- bereiteten— die einen, zwei Leben zu vernichten, die' anderen. dabei zuzusehen— während der eine der beiden Unglücklichen lachte und allerhand Schnurren trieb und in seinem Innern vor der schrecklichen Stunde zitterie— schien eine heiße, friedliche Juni- sonne nieder.— Und wunderlich genug war auch der Rahmen des ganzen wirren Bildes: Man muß sich eine tiefe 5!luft vorstellen, aus deren Grunde man nie mehr als sechsunddreißig Sterne sieht, und mitten durch schleicht ein seichtes Wässerchen. Zur Rechten ragt der kahle Fels Obod mit seinen berühmten Ruinen(der Zerno- jewilschburg und der ersten südslavischcn Truckcrei), zur Linken die Gasse— eigentlich eine halbe Gasse, von dreißig oder vierzig Häuschen eingesäumt und immer von dem Gestank frischer und getrockneter Fische durchweht. Plötzlich wird es im Volkshaufen stick. Ter Aeltere der beiden Verurteilten tritt ans Geländer der Vorhalle und ruft: „Guten Morgen, Montenegriner! Sage mir einer: bin ich etwa erbleichte" Eine Stimme von unten antwortet: „Nein, Bruderherz! Rot bist Tu wie eine Erdbeere und frisch wie ein Mädchen— ein echter Held unter den Helden." Ter Räuber bramarbasiert weiter: „Na. sieh, ich Hab den Mut nicht verloren. Ich werde mann- hast sterben, wie ich mannhast dem Tod auf dem Schlachtfeld in die Augen gesehen Hab. Erzählt das den Leuten zu Hause. Und wie ich mich im Kriege gehalten Hab, daS weiß mein ganges Bataillon und so mancher von Euch LandSlcuten; daS weiß auch unser Fürst selber, der mir die Medaille für Tapferkeit gegeben hat." Zurufe von unten antworteten: „Ja, ja. ein eiserner Kerl, ein Kämpe. Schade um ihn." Er winkt mit der Hand und fragt: „Ist einer aus meinem Torfe hier?" Als niemand antwortet, fährt er fort: „Am Ende— besser, daß niemand hier ist. Aber ich Hab eiwaI auf dem Herzen. Hört mich an! Ich bitte Euch schön, Nachbarn, bestellt es' meinen Vorgesetzten und bittet sie. daß sie unseren Fürsten sür mich bitten mögen... Nicht um was Unrechtes. Hört mich an! Ich Hab einen Sohn von acht Jahren. Mit Ver- täub— ein wahres Adlerküchlein. Wird besser als sein Vater werden. Und da wünsch ich. man möcht dem Kind meine Medaille geben, die ich mir verdient Hab und trug.— Das ist mein letzter und einziger Wunsch auf dem Wege, den ich eingeschlagen Hab." Er sckiritt nach der Bank zurück, von Beifall und Lob begleitet. Ter Pope wandte sich an den jüngeren Verurteilten.„Geh auch Dn und sag den Leuten ein paar Worte." Dieser andere war klein, schmächtig� mit schmalem rotblondem Schnurrüärtchen, biegsam und behend wie ein Katze. Das sah man an jeder Bewegung. Er ziutte die Achseln und warf die Lippen auf, als wollte er sagen: Wozu die Komödien?— Aber auf eine erneute Aufforderung des Popen trat er vor und sprach rasch und unwillig: „Ich Hab keinen Tank abzustatten und keine Bestellung auf- zugeben. Ich sag nur, daß wir beide verdient haben, was uns erwartet. Denn wir haben eine große Sünde begangen. Verzeiht mir, Montenegriner— und nun mit Gott!" Ohne Mut oder Gleichgültigkeit zu heucheln— nein, ermüdet, mißmutig, aufgeregt, wie er wirklich war» wandte er sich wieder auf seinen Platz. In der Menge schüttelte man die Köpfe. Der Pope stand aus und nahm von den beiden Abschied. Beide küßten ihm die Sand und er ihnen die Stirn.— Der Aeltere rief lachend: „Pope, Hab Tanki Es ist Zeit, daß Du gehst, um uns bor unserem ewigen Hause zu erwarten. Sing uns ein schönes Grab- lied und— Gott verzeih Dir!" Auf der Treppe traf der Pope mit einem hageren, knochigen Alten zusammen, der ihn fragte: „Pope, darf ich mit einem von diesen Glückskindern ein Wörtchen reden?" „Ich glaube, ja. Beeil Dich aber— denn sich, dort kommt der Hauptmann. Es ist Zeit, ein Ende zu machen." Der Alte wankte hinauf, küßte de» jüngeren Delinquenten und flüstterte ihm etwas ins Ohr.— Der Arme erbleichte, sing an zu zittern, griff sich an die Stirn und schrie auf: „Nein, um GottcSwillen, nein, nein... Ruft den Haupt- mann, ich bitt Euch... ruft ihn, ich bitt Euch um aller Heiligen willen, er soll sofort herkommen." „Da ist er," sagte einer von den Wächtern.„WaS hast Du ihm da zugeflüstert, Alter?" „Nichts Schlecbtes, bei meiner Ehr." Tie Menge teilte sich für den Hauptmann und den Schreiber und der Verzweifelte rief wiederum: „Hauptmann, ich bitte Dich... ich beschwöre Dich... gibs nicht zu... gibs nickt zu..." „Was hast Du, Junge?" „Die Mutter... die Mutter will zu mir... Sie ist her- gekommen, sagt Vater Marko, sie will mit ihrem Sohne sprechen. Ich mag nicht... ich kann nicht... um keinen Preis. Wenn ich sie sehe, werd ich wie ein altes Weib,.. und schändlich sterben ... Ich beschwöre Dich bei Gott und dem heiligen Petrus, gib nicht zu, daß sie herkommt." Der Hauptmann befahl den Pandurcn, die Alte zurückz::» halten. Da sprach der alte Marko: „Da habt ihrS. Sie ist ihren Sohn in der letzten Stunde trösten gekommen— sie wollt ihm erzählen, daß ihm in der vorigen Nacht ein Sohn geboren wurde." „Ein Sohn.. rief der Verurteilte— mit einer Stimme, die alles, nur nicht freudig war. „Eh, Neffe, möge er ei» glücklicher Nachkomme sein?— Bedenke: der erste Nackkomme. Meiner Seel, da» bedeutet Glück und Freude— auch noch in dieser Stunde." „Glück! Freude!... Unseliger!" stöhnte der Neffe.„Was soll mir ein Sohn? Sas Andenken an nnscre Heldentat erhalten — Deine und meine?" „Bestie!" rief der Oheim.»Bist Dn ein Montenegriner oder ein Wclscker? Was freust Du Dich nicht über Deinen Sohn?" Der Neffe, noch zorniger: .Freuen? Alles Böse wünsch ich ihm. Auf der Stelle soll er zugrunde gehen, damit niemand meinen Namen trägt." Die Wächter befahlen: „Auf, Leute, kommt herunter!" Di« Menge wälzte sich hinter ihnen drein.— Ter A eitere begann wieder grostzutun, zu singen und nach seinem Sohne zu rufen, dem„Adlerküchlein": der Jüngere wandte den Kopf ab und sagte wehmütig: „Warum schlägt mich Goit mit diesem letzten, ungeahnten Leid?— Vorwärts, Leute, schneller, schneller, damit wir bald fertig sind!" Als sie auf der Richtstätte standen, sagte der Aeltcre zum Hauptmann: „Ich möchte noch einige Worte sprechen."— Er liest seine Blicke über die Menge schweifen: et hoffte offenbar noch auf eine Bolschaft— auf Gnade . Und der Neffe bat: „Nein, Hauptmann, ich bitte Dich, mach rasch fertig.,. ganz rasch... ganz rasch." Der Hauptmann hob die Hand; tiefe Stille entstand. Ter Schreiber murmelte das Urteil; dann donnerten die Ge- wehre, und zwei Menschen fielen. (Nachdruck verboten) Die Kunft in dev Südfee. Mit Borliebe verweilten die Seefahrer des!3. Jahrhunderts, die die vergessene Jnfclflur der Südsee wiedercntdeckten, in ihren Schilderungen bei deren Bewohnern und entwarfen von ihnen begeisterte, idealisierte Bilder. Später hat eine mehr nüchterne Frrschung diese Bilder nicht unwesentlich verändert, aber selten in erwünschtem Umfange ergänzt. Und das wäre im Interesse unseres Wissens vom primitiven Menschen um so willkommener gewesen, als gerade die Südseeinsulaner dem ungewohnten kalten Hauq unserer Zivilisation schnell zu erliegen drohen. Es mangelte nie' mals ganz a» vortrefflichen Beobachtern, aber es war ihnen aus verschiedenen Gründen in der Regel nicht vergönnt, sich völlig und ungestört dem interessanten Gegenstände zu widmen. In neuester Zeit nun scheint man sich endlich zu beeilen, so diel als noch möglich das hier Versäumte nachzuholen; ivenigstenS was die deutsche Wissenschaft und die in deutschem Besitz befind- lichen Inseln angeht, die za noch— im Bismarckarchipel— den giösttcn Vorrat an Ursprünglichkeit bergen. Seit kurzem ist auch auf der grossen Insel Neumccklenburg die vom Rcichsmarineamt ausgerüstete Expedition des Marincstabsarztcs Dr. Stephan tätig, die ausschliesslich ethnographische Ziele hat. Eine zweite unter Professor Sapper und Dr. Friedcrici, die vom Reichskolonialamt ausgcschiickt und zum Teil gleichfalls ethnographisch arbeiten wird, tritt Mitte Februar die Ausreise nach dem Bismarckarchipel an. Ferner bereitet der hamburgische Staat ein gross angelegtes, der völkerkundlichen Erforschung der Südsee gewidmetes Unternehmen für das kommende Frühjahr vor, das über einen eigenen Dampfer verfügen wird, und endlich will auch das Berliner Museum für Völkerkunde für denselben Zweck Mittel aufwenden. Es mag deshalb gerechtfertigt sein, wenn wir hier ein Kapitel aus der Ethnologie der Südsccvölkcr streifen: ihre künstlerische Be- tätigung. Eine solche Betätigung setzt ein ästhetisches Empfinden voraus. Für die Bewohner von Wuwulu und Aua, der ivestlichsten Jstieln des Bismarckarchipels, wird von einem Beobachter(Hellwig) ein ausgeprägtes Gefühl für schön und hässli-h, besonders für eine Schönheit der Formen lebloser Gegenstände angenommen; gegen bässliche und abjtostend wirkende Dinge uiid Menschen bestehe eine Abneigung. Biel weiter geht der bereits genannte Südseeforscher Stephan; er spricht von einem ästhetischen Weltbild der Bismarck- Insulaner, das in ihrer Kunst sich offenbare. Wie dem auch sei: jedenfalls äussern ficb der«chönhcitsstnn und die künstlerische Ader bei all den Südseevölkern nicht in gleicher Weise. Die Tonkunst steht im grossen und ganzen nicht gerade hoch. Die Zahl der Musikinstrumente ist gering, viel geringer z. B. als bei den Afrikanern. Sie beschränken sich gewöhnlich auf die der- schieden eo Arten der Trommel, Flöte, Maultrommel und Musik- bogen. Di« epische Poesie gibt sich mitunter in Märchen und Sagen zu erkennen, die besonders bei den Polhnesiern ziemlich weit in die Vergangenheit zurückreichen und über ihre Wanderzeit einige Ausschlüsse geben. Die Lyrik ist recht einfach. Von einem TatauiersTätowierjlied der Ralik-Ralalinsulaner(Mikronesicn), d. h. einem Liede, das mit Musikbegleitung beim Tatauieren ge- sungcn wird, mag nach Krämer die erste Strophe in der Heber- setzuug mitgeteilt werden: Die Trommeln schlagen nicht Damit nicht mit Farbe Die Finger beschmiert werden. Nicht hören darf man das Trommeln Beim Zeichnen oer Linie», der Linien! Macht sie gut, ihr Tatauierer. Der Taiamerer will als, beim Vorzeichncn der Muster mit Rust nicht durch laute Musik gestört werden. Nachher aber, wenn er zum Stichel greift, ist ihm ein tüchtiger Lärm ganz lieb, wie die weiteren Strophen besagen. Tie Samoaner find schon stark von unserer Kultur bceinslusst und ergötzen sich an unseren Gaffen- Hauern, denen sie einen Text ihrer Sprache unterlegen. Recht poetische Liedchen werden von den Gilbertinsulanern. sehr melodische Gesänge Won den Solomoniern berichtet. Hierbei mag gleich ein interessanter Umstand berührt werden, den Parkinson in seinem neuen Werke über die Eüdsee mitteilt. Von den Be- wohnern der Gazellehalbinseln(Reupommern) erzählt er: Einge- borene Dichter, Komponisten, Ballettkoryphäen und Dekorateure ge- messen seit undenklichen Zeiten den Schutz ihres geistigen Eigen- tums. Ter Erfinder eines Tanzes, der Dichter eines Liedes oder der Komponist einer Melodie ist in solchem Masse Herr seines Er- Zeugnisses, dass kein anderer es wagen würde, dieses Erzeugnis ohne vorherige Erlaubnis des Eigentümers zu reproduzieren. Die Erlaubnis must aber stets durch Zahlung von Muschelgeld er- kauft werden. Räch dem Tode des Erfinders oder Dichters geht dieser Schutz auf seine Erben über. Damit kämen wir zur darstellenden Kunst: Tanz und Anfänga dcS Schauspiels. Alle Völker sind tanzfreudig, und die Naturvölker sind es erst recht; der angeblich finstere, verschlossene Melanesier nicht minder als die heiterer veranlagten Polynejier und Mikro- nesier. Ihre Tänze auch nur zum geringen Teil zu charakterisieren, ist hier begreiflicherweise nicht möglich. Doch hören wir wenigstens, was der bereits genannte Parkinson— übrigens ein Pflanzer, aber der beste Kenner des Bismarckarchipels— über die Profan» tanze der Bewohner der Gazcllehalbinsel und Ncumccklenburgs sagt. Hat jemand einen neuen Tanz erdacht und ein Lied dazi» gedichtet und komponiert, so sammelt er seinen Bekanntenkreis, um ihn einzuüben, was je nach der geringeren oder grösseren Schwierigkeit der Figuren kürzere oder längere Zeit becnispmcht. Während dessen wird den Teilnehmern die zugrunde liegende Jdea mitgeteilt, nach der sich die verschiedenen Wendungen. Arm-, Hand- und Beinbewcgungcn richten, die alle den Zweck haben, einen bc« stimmten Vorgang pantomimisch darzustellen. Ter begleitende Ge, sang hat dagegen nicht immer mit der pantomimischen Ausführung Zusammenhang. Dem weissen Zuschauer präsentiert sich' solch ein Tanz als eine zwei- bis vierfache Reihe von Tänzern, die in den Händen bunte Feder- und Blumenbüschel hallen und an Kopf und Körper durch allerlei Schmuck geputzt sind. Sie führen zu ihrem lauten und gerade nicht lieblich klingenden Gesaug verschiedene Tanzfiguren aus. schreiten oder hüpfen bald vor-, bald rückwärts, stehen oder hocken, machen mit den Füssen bestimmte Bewegungen. strecken die Arme bald nach rechts, bald nach links und schloingen die Feder- uiw Blumenbüschel in der vorgeschriebenen Weise. Dem Fremden kommen diese Tänze äusserst monoton und gleichartig vor, während sie in Wirklichkeit eine komplizierte Folge genau ab- gemessener Körperbewegungen sind und jede einen ganz bestimmten Vorgang pantomimisch darstellt. Anderer Art sind die Zcremonial- tänze, die nach uralten Regeln aufgeführt werden und für die Masken zur Verwendung kommen; was sie in jedem Falle be- zwecken, ist noch nicht ganz klar erkannt. Ter Tanzunterricht durch die Eltern beginnt, kaum dass das Kind stehen gelernt hat. Unsere Rundtänze sind, wie auch bei den meisten anderen Natur- Völkern, nicht in Gebrauch. Tanz und Musik werden innerhalb des Bismarckarchipels am eifrigsten auf Neumecklenburg gepflegt. Die erotischen, die Kamps- und Kriegstänze, sowie die pantomimischen Tänze, die ein bestimmtes Ereignis umschreiben, können als die Anfänge der Schauspielkunst angesprochen werden; eine Weiter- entwickelung hat nicht stattgesunden. lleber Malerei. Bildhauerei und Baukunst liesse sich gleichfalls ausserordentttch viel sagen. Ter Körper wird zu den Tänzen und zu den feierlichen Gelegenheiten häufig auch bemalt. Ferner trägt er fast überall einen dauernden Schmuck, die Tatauiernng, die in der Südsee ja so maiinigsaltig aiisgebildet ist. In den Mustern kommt ein erheblicher Teil der Ornamentik der Insulaner zum Ausdruck; denn eS liegen ihnen vielfach Tiergestaltcn und Pflanzen. blattet zugrunde. Zu denen, die sich der langwierigen und schmerz- hasten Prozedur des TatauicrenS im weitesten Umfange unter- werfen, dürften die Bewohner der Karolinen gehören, obwohl in- folge des' Einflusses der Europäer die Sitte hier mehr und mehr abnimmt und die Zahl der nur wenig oder gor nicht tatauiertel» Personen die der stark tatauierten erheblich übersteigt. Im übrigen wird das Gesicht i» Mikrouefien und Melanesien meist nicht so sehr mit Mustern überzogen, als in Polynesien, lvo es besonders die alten Maori(Neuseeländer) in der Gesichtstalauiernng sehr weit gebracht haben. Im Anschlug i/ieran wäre noch die aller- Vings sehr selten vorkommende künstliche Umgestaltung des Schädels aus SchönheiiSrücksichten zu nennen. Bekannt ist sie aus dem westlichen Teil von Neupommern und Von einigen davor liegenden Inseln, wo die Deformation zum„Spitzkopj" durch Um- Wickelung des Schädels der Säuglinge bewirkt wird. Während der Körper nicht immer durch mifgcmalie farbige Linien geschmückt wird, legt man fast überall stets auf die Schön- heit der Haarsrisur grossen Wert, doch geschieht dies— abweickend von unseren Sitten— zumeist nur bei den Männern. Durch Verwendung von Kämmen, Unterlagen, Muscheln, Federn werden kostbare Frisuren hergestellt. Am eigentümlichsten in dieser Hinsicht ist wohl der hohe Kopfschmuck der wilden«alomonsinsulaner, die„Ballonmütze", wie mau sie ihrer Form wegen zu nennen pflegt. Die Haare werden unter einem aufgesetzten ballonartigen. manchmal auch spitzkugclförmigen Gefäß aus Blättern und Rohr lang ausgezogen. Daß die Samoanerinnen heute vielfach europäische Haarfrisuren tragen, dürfte aus Abbildungen dieser Schönen bekannt sein. Künstlerische Verzierung wird ferner in sehr ausgedehntem Maße dem Hause, den Hausgeräten und Waffen, den Booten und Rudern, den Tanz- und Kultgerätcn zuteil. Hierbei tritt die Bildschnitzerei gewöhnlich in Verbindung mit der Malerei auf. Diese Ornamentik ist früher in ihrem Wesen nicht erkannt worden; man begnügte sich, wenn man die abenteuerlich geschnitzten und bemalten Geräte usw. sah, sie für ein Spiel der Phantasie zu halten, das in der Außenwelt kein Vorbild habe und nur gefallen solle. Später bemerkte man, daß gewisse Motive in dieser Ornamentik stets wiederkehrten oder sie beherrschten, z. B. Vögel und Fische. Stephan fand ferner, daß die Eingeborenen des Wismarck-Archipels ihm iede als reines Ornament erscheinende Verzierung mit dem Namen eines Dinges aus der sie umgebenden Welt bezeichneten. Als Vorlagen sind Tiere, Blätter, Menschen, ober auch Landschaften und Naturereignisse in Gebrauch. Am eigenartigsten aber sind wohl einige von dem genannten Ethno- logen abgebildete Malereien der Barriai lwestlichcs Neupommern) an Bootmodellen, auf denen durch verschiedenfarbige Wellenlinien und weiße Punkte das Meerleuchtcn ornamental dargestellt wird! Eine andere Merkwürdigkeit dieser gesamten Ornamentik ist, daß das Weib und alleL, was cn sein Geschlecht erinnern könnte, in ihr gänzlich fehlt, und das ist der Fall, obwohl das Weib dort sehr oft eine angesehene Stellung einnimmt. Daß man das Wesen der Ornamentik lange verkannte, liegt an der stark verwischten und dann konventionell gewordenen Form, in der ihre Motive, die Dinge der Außenwelt, hier vors Auge treten. Es gehörte z. B. ein großer Scharfsinn dazu, in gewissen, häufig wiederkehrenden Mustern den seine Flügel ausbreitenden Fregattvogel zu ermitteln. Am klarsten pflegt die menschliche Gestalt erkennbar zu sein, besonders in den figürlichen Schnitzereien, in Masken und Ahnenbildern. Wie reich und geschmackvoll Speere, Schilde, Keulen, Tanz- stöbe, Gefäße, Trommeln der Südscevölkcr mit Schnitzereien und Malereien geschmückt sind, zeigen die Schätze unserer Museen. Erzeugnisse der Knüpf- und Wcbekunst(besonders der Karolinier), der Flechterei und der Rindeastoffmalerei, ja der Brandmalerei sind dort in nicht minder schönen Stücken uns erhalten. Auf den Hausbau wird' nicht überall dieselbe Sorgfalt verwendet. In Melanesien sucht man häufig nur den Hauptzweck der Behausung notdürftig zu erreichen. In Mikroncsien, auf Jap und namentlich auf den Palauinseln, geht man mit künstlerischem Verständnis zu Werke, und hier dürfen wir von einer Baukunst sprechen. Es sind nicht so sehr die Privathäuser, an denen ein verfeinerter Ge- schmack sich offenbart, als die öffentlichen Gebäude. Als Archi- tekten stehen die Bewohner der Karolinen und Palauinseln nicht nur in der Südsce, sondern wahrscheinlich unter den Naturvölkern überhaupt obenan, und von den großen Vereins- und Gemeinde- Häusern der Palauinseln sagt Kubary, daß sie durch Form und Größe, zierlichen Schmuck und peinliche Sorgfalt Bewunderung hervorrufen. Auf die Ausstattung des bis zu 1 Meter hohen Giebels verlegt sich das ganze künstlerische Können des Bau- mcisters. Alle Balkenstirnen sind hübsch geschnitzt und bemalt. häufig zu einem fliegenden Hunde ausgestaltet. Die Friese stellen allerlei Szenen dar, z. B. ein Begräbnis und den Streit der erb- lustigen Verwandten um den Leichnam. Das ganze Giebelfeld lvird ausgenützt. Fast alle Stämme Ozeaniens sind große Seefahrer oder es in früheren Zeiten gewesen. Daher die stattlichen Kanus und Hoch- seefahrzeuge. Sie sind praktisch, aber auch ästhetisches Empfinden hat sich an ihnen betätigt. Im Berliner Museum für Völker- künde befindet sich ein eigenartiges Prachtstück, ein zweimastigcs Segelkanu von Luf(Hermitinseln), das gegen 50 Personen fassen kann und das letzte seiner Art sein soll. Außer anderem Schmuck (Schnitzarbeit, Büschel von Kokosfasern, Schnüren und Federn) zeigt das ganze Aeußcre des Rumpfes vom Bordrand bis zum stiel mehrere Reihen regelmäßig in Rotbraun und Weiß gemalter Figuren. Das Kanu erinnert in gewissem Sinne an die Prunk- schiffe der römischen Kaiser oder an den Buccntoro der venczia- mischen Dogen, übertraf sie aber wohl an Seetüchtigkeit. Als „wabre Wunderwerke" bezeichnet ein Reisender auch die Fahr- zeuge der Insel Rubiana in den Neuen Hcbridcn. Nickis erlaubt uns, von dem künstlerischen Wollen und Können der Südsecinsulaner geringschätzig zu denken. Wir dürfen das um so weniger, als die Kunst dieser Völker denselben Wurzeln ent- sprossen ist'wie die unscrige, oder Stufen darstellt, auf denen auch wir einmal gestanden haben. Das Studium jener Kunst ist deshalb nicht nur eine Aufgabe der Völkerkunde, sondern auch für eine richtige Ausfasiung von der EntWickelung der Kunst also für die Kunstgeschichte notlvendig. Wir wollen hoffen, daß die oben ge- nannten Expeditionen nicht nur die Museen mit neuen„Kuriosi- täten" füllen, sondern vor allem zur Erforschung des Kunstsinnes der Primitiven und damit unserer eigenen ästhetischen Grund- gesetze beitragen. H. Singer. kleines Feuilleton. Aus dem Tierleben. Vom Leben der Lachse. Die Familie der Lachse liefert eine Reihe von Fischarten in die Küche, deren Geschmack vom menschlichen Gaumen am höchsten bewertet wird, nämlich außer den eigentlichen Lachsen namentlich noch die verschiedenen Forellen. Der Lachs ist ein Bewohner der süßen Gewässer, ist aber doch vor- zugsweise als ein Seefisch zu betrachten. Tiefer Widerspruch wird durch eine Reihe von Tatsachen gelöst, deren eine darin liegt, daß die Vorsahren der Lachse sämtlich durchaus Seefische gewesen zu sein scheinen und nur im Kampfe ums Dasein allmählich zur Flucht in die Gewässer der Festländer oder in große Meercsticfen gezwungen worden find. Außerdem vollziehr sich das Wachstum und die Ernährung der Lachse auch jetzt hauptsächlich im Meer, und sie suchen das Süßwasser nur auf, wenn bei dem Herannaycn der Laichzeit die Nahrung zu fehlen beginnt. Die junge Brut bringt dann ihre erste Jugend in der Nähe ihres Geburtsortes zu. bis sie stark genug geworden ist, um die Reise nach dem Meere hin zu wagen. Man denkt immer, daß die Wissenschaft über das Leben so allbekannter und vielverwcrtctcr Tiere wie der Lachse seit langem vollständige Klarheit geschaffen haben müßte, aber cS find kaum 40 Jahre vergangen, seit an diesen Fischen die grundlegende Entdeckung gemacht worden ist, daß sich die ersten beiden Jahre ihres Lebens in einem Jugendstadium vollziehen und daß sie nur selten vor dessen Beendigung und zuweilen sogar erst nach drei Jahren aus dem Süßwasser ins Meer wandern. Wer das Verdienst dieser Entdeckung für sich in Anspruch nehmen darf, ist nicht mehr genau bekannt, doch ist sie wahrscheinlich im lachsreichen Schottland gemacht worden. Die jungen Lachse sind, wenn sie sich seewärts ziehen, erst 10— 15 Zentimeter lang, haben dann schon ein silberglänzendes Kleid und suchen sich für den Be- ginn dieser Reise fast stets das Frühjahr aus; in den Flüssen einiger Länder scheinen sie allerdings auch den Spätsommer oder Früh- herbst zu diesem Zweck zu bevorzugen. Haben sie das Meer er- reicht, so sind sie der Verfolgung des Menschen im wesentlichen entzogen, und erst in ganz neuester Zeit ist es dem Naturforscver Calderwood, der jetzt ein schönes Buch über das Leben des Lachses veröffentlicht hat. gelungen, auch über diese Zeit der Lebens- geschichte des Fisches einige Aufklärung zu schaffen. Es ist zwar noch nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich, daß von den ins Meer gewanderten Lachsen im selben Jahr keiner mehr in die Flüsse zurückgeht. Manche erscheinen nach 12 bis 15 Monaten wieder im Süßwasser, andere bringen noch einen weiteren Sommer im Meere zu. Man unterscheidet danach eine kurze und eine lange Wände- rung der Lachse. Bei den Versuchen, die mit abgestempelten Fischen gemacht worden sind, haben sich allerdings noch einige Fälle gezeigt, in denen ein Lachs schon nach einem halben Jahr wieder gefangen wurde, jedoch scheint es sich dabei um Ausnahmen zu handeln. Was der Lack? im Meere treibt, weiß man noch immer nickt genau. Wahrscheinlich macht er in den Untiefen auf Heringe und Makrelen Jagd. Eine weitere interessante Frage, die noch zu lösen bleibt, besteht darin, ob der Lachs nach seinem Aufenthalt im Meere immer wieder in denselben Fluß zurücksteigt, in dem er das Licht der Welt erblickt hat. Aus der Pflanzenwelt. Vererbung bei Waldbäumen. Die Frage der Ver- erbung hat für das menschliche Denken etwa« so Fesselndes, daß sie in wissenschostlicher und oft auch unwissenschaftlicher Weise in allen möglichen Beziehungen erörtert wird. Die Vererbung gerade beim Menschen ist am schwierigsten festzustellen, denn das einzige Mittel, das hier zu greifbaren Ergebnissen führen konnte, nämlich die Statistik, hat seine bedenklichen Mängel. Mehr Wissenschaft- lich lassen sich Forschungen mit Rücksicht auf d,e Ver- erbung bei Haustieren und bei Pflanze» unternehmen. Eni- sprechende Versuche mit Tieren sind seit Jahrzehnten oder wohl seit noch längerer Zeit sorgsam gepflegt werden und haben zu wichtigen Resultaten geführt. Noch älter und in manchen Einzelheiten auch noch gründlicher studiert sind die BcrerbungScrschetnungcn bei Pflanzen, die für die Entwickelung deS Gartenbaues von größler Wichtigkeit sind. Eine wenig beachtete Seite dieser Frage hat jetzt Professor Somerville in den Verhandlungen der schottischen Forstgesellschaft berührt, nämlich die Unterschiede der ?iackkommenschast von Waldbäunien verschiedener Standorte, nament« lich in gebirgigen Ländern ist Gelegenheit vorhanden, über diesen Punkt Klarheit zu schassen. So ist bei vergleichenden Experimenten in der Schweiz festgestellt worden, daß Pflanzen aus den Samen der gewöhnlichen Fichte, deren Mutlerftamm in großer Höhe, z. B. von 2000 Metern, seinen Standort hatte, ein weitaus langsameres Wachstum zeigten als andere Pflanzen, deren Samen von Bäumen aus niedrigeren Gebieten, z. B. aus einer Meereshöhe von 500 Metern hergenommen waren. Das wäre alio ein ganz deutlicher Beweis der Vererbung von Eigenschaften, die von einer Pflanze erst durch Anpassung an ihren Standort erworben worden sind. Andere Versuche mit Fichten in Oesterreich haben zu den gleichen Ergebnissen geführt. Außer der Schnelligkeit des Wachs- tnms scheint auch das Gewicht der Samen und die Neigung zu Krankheiten je nach dem Standort der Mutterpflanze verschieden zu sein. Berantw. Redakteur: Georg Tavidsohn, Bei sin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SVV.