Nnterhaltungsblalt des Nr. 34. Dien?tag den 13 Februar. 1903 (Rlichdma vevbolen.) Si] Schilf und Schlamin. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Der Onkel Paloma kiielt es bei seinen Prinzivien der Llutorität. die er über die aan�e Familie xu besiben alaubte. zuerst für seine Pflicht, dem Enkel mit einem guten Ruder- hieb den stopf entzwei zu schlagen. Aber bei länacrcr Ueber- legung dachte er plötzlich an die Neger, die der Kubaner in der sserne selbst niedergeschlagen batte. Achtung I Einen solchen Menschen schlägt man nickt, selbst wenn er zur svamilie gehört. Trotzdem flößte ihm die Drohung. Tonet würde den schönsten k�ischbczirk der ganzen Gegend wieder in seine eigene «Regie" übernehmen, eine große Furcht ein. Der Onkel Paloma zog es deshalb vor. ihn bei der moralischen Seite zu packen. Wenn er ihm kein Geld gab, so geschah das nur deshalb, weil er seinen Charakter zu genau kannte und weil das Geld in den Händen junger Leute nur Unheil anrichtet. Er würde es vertrinken oder mit Taugenichtsen verspielen, die in den Schenken von Saler zusamemnkamen: darum wollte er das Geld lieber behalten. und wenn er es tat. erwies er Tonet einen Dienst. Wer bekam denn schließlich alles, wenn er starb? Doch nur sein Enkel____ Doch Tonet hatte keine Lust, sich von Hoffnungen blenden zu lassen. Er wollte haben, was ihm zukam, oder sein Recht wieder an sich nehmen. So entschloß sich denn der alte Schiffer eines Tages nach langein �eilfchen. das nicht weniger als drei Tage dauerte, seine Geldkatze zu öffnen und mit schmerzlicher Miene einen Haufen Duros herauszuholen. Er konnte sie nehmen... der Elende... der Herzlose... Wenn er sie in ein paar Wochen durchgebracht, sollte er nur kommen, um andere zu verlangen. Der Alte konnte ja um- kommen. O, er sah klar, wie es ihm in der Zukunft, im Alter gehen würde. Er mußte arbeiten wie ein Sklave, damit der Herr ein vornehmes Leben führen könne.... Und er entfernte sich von Tonet, als hätte er für inuner das schwache Gefühl der Zuneigung verloren, das er früher für ihn empfand. Als der Kubaner Geld in der Tasche hotte, kehrte er nicht in die Hütte seines Vaters zurück. Er führte das Leben eines regelrechten großen Mannes und gewann sich seine Nah- rung mit Pulver und Blei. Zunächst kaufte er sich ein etivas besseres Gewehr als die ehrwürdige Waffe, die in seinem Hause aufbewahrt wurde. Sangonera, der am Tage nach Tonets Vertreibung durch Canamel vor die Tür gesetzt wor- den war, schlich fortwährend um ihn herum, als er ihn müßig und von dem arbeitsreichen Leben, das er in der Hiitte seines Vaters führen mußte, angewidert, in der Gegend sich herum- treiben sah. Der Kubaner tat sich mit dem Vagabunden zusammen. Das war ein guter Gefährte, der ihm gewiß nützlich sein konnte. Er hatte eine Wohnung, die. wenn sie auch schlimnier als eine Hundehütte war. doch als Behausung und Zusluchts- ort dienen konnte. Tonet sollte der Jäger sein und er der Hund. Alles sollte ihnen zur Hälfte gehören, Nahrung und Wein. Ob der Vagabund damit einverstanden wäre, fragte er. Sangonera geriet in die fröhlichste Laune: auch er wollte zum gemein- samcn Unterhalte beitragen. Er hatte eine großartige Hand, um die in den Kanälen ausgespannten Netze herauszuziehen und sich der darin enthaltenen Fische zu bemächtigen, denn niemand verstand es so gut wie er. die Netze wieder un- bemerkt ins Wasser zu lassen. Er gehörte eben nicht zur Rasse der Spitzbuben, die. wie die Fischer sagten, gleichzeitig Seele und Körper stahlen, nämlich Fische und Netze. Tonet sollte für die Jagd, er für die Fische sorgen. So wurde der Handel geschlossen..„.. Von jetzt ab sah man nur noch von Zeit zu Zeit den Enkel des Onkel Paloma. wenn er. mit dem Gewehr auf der Schulter. Sangonera in komischer Weise pfiff, als hätte er einen Hund vor sich: der letztere kroch dann auf allen Vieren mit gesenktem Kopfe hinterdrein und sah sich überall um, ob er nicht einen umherliegenden Gegenstand bemerkte, den er sich aneignen konnte. Sre verbrachten ganze Wochen in der Dcbesa und führten hier das Leben von Urmenschen. Tonet hatte in seinen� ruhigen Leben in Palmar oft Sehnsucht nach seinen.Kriegs- jähren empfunden, nach der grenzenlosen und gefahrvollen Freiheit des Guerillero, der stets den Tod vor Augen hat, keine Schranke und kein Hindernis fürchtend, den Karabiner in der Faust, alle seine Wünsche befriedigt und kein anderes Gesetz als das des harten Muß anerkennt. Die Gewohnheiten, die er sich in diesen Jahren seines Kriegerlebens angeeignet, tauchten hier in der Dehesa, zwei Schritt von einer Bevölkerung, wieder auf. die vom Gesetz« regiert wurde und einer regelrecht eingesetzten Behörde unter. worfen war. Von etwas trockenem Reisig baute er sich mit seinem Gefährten in irgend einein Winkel des Gehölzes Hütten, in denen sie zusammen schliefen. Hatten sie Hunger. so erlegten sie ein paar Kaninchen oder wilde Tauben, die auf den Zweigen gurrten, und brauchten sie Geld oder Patronen, so nahm Tonet sein Gewehr, lind in einem Vor» mittag hatten sie einen Haufen Wild erlegt, den Sangonera in Saler oder Catarroja verkaufte: von dort kam er dann stets mit einem kleinen Haufen Geld zurück, den sie im Walde versteckten. Tonets Gewehr, das unverschämt in der ganzen Dehesa knallte, war gleichsam eine Herausforderung für die Feld» Hüter, die ihr ruhiges Einsiedlerleben aufgeben mußten, um den Wilddieben nachzuspüren. � Sangonera blieb auf der Lauer wie ein Hund, wahrend Tonet jagte, und wenn der Landstreicher mit seiner außer» gewöhnlichen Witterung das Herannahen der Feldhüter merkte, pfiff er seinem Gefährten, damit dieser sich schnell versteckte. Eines Tages hatte ein Feldhiiter auf ihn geschossen, aber sofort als Antwort eine Kugel an seinem Ohr vorbei- zischen hören. Mit dem Guerillero durfte man sich in ein solches Spiel nicht einlassen, das lvar ein Schurke, der weder Gott noch den Teufel fürchtete. Er schoß ebenso gut wie sein Großvater, und wenn die 5tiigel nicht ihr Ziel erreichte, so lag dies einfach daran, daß er sie nur als eine Art War- nungssignal abgeschickt hatte. Sich mit ihm in einen Kampf einzulassen, hieß also dem Tadc entgegengehen. Die Feld- Hüter, die eine zahlreiche Familie hatten, ließen sich das gesagt sein. Sie schlössen einen stillschweigenden Pakt mit dem un» verschämten Jäger, und wenn sein Gewehr in der einen Richtung ertönte, so beeilten sie sich schleunigst, nach der cnt» gegcngesctzten zu laufen. Sangonera. den man auf allen Seiten als Boten bemitzte und der häufig geprügelt und gestoßen wurde, verbarg jetzt im Vertrauen auf Tonets Schutz seinen Stolz nicht mehr, und kam er nach Saler. so betrachtete er die Welt mit der Unver- schämthcit eines kleinen Hundes, der sich von seinem Herrn unterstützt weiß. Als Entgelt für diesen Schutz wurde er immer wachsamer und rassinierter. wenn er auf der Lauer stand, und kam hier und da der eine oder der andere Feldhiiter aus der Ebene von Ruzafa, so erriet sie Songoncra gleichsam, bevor er sie sah, gerade, als wenn er sie hätte riechen können. ..Die Dreispitze," sagte er zu seinem Gefährten,„da sind siel" An den Tagen, an denen die Dreispitze und die gelben Bllffelleder rekognoszierend durch die Dehesa streiften, schlichen sich Tonet und Sangonera nach der Albuferagcgcnd: in einer der alten Barken des Onkel Paloma versteckt, zogen sie von Gebüsch zu Gebüsch, schössen Vögel, die der Land- strcicher aus dem Wasser holte, das er, selbst bei der größten Wintcrkälte, bis zum Knie zu durchtvatcn sich nicht scheute. Die unruhigen, dunklen und regnerischen Ctiirirmächte. die Onkel Paloma wie ein Segen erwartete, weil sie für den Fischfang die einträglichsten waren, verbrachten sie in ciue� Winkel von Sangoneras Hütte, wo sie sich mit großer Muhe vor dem Wasser schützten, das von allen Seiten bereindrang- Tonet war zwei Schritte von seinem Vater en. ernt,«.och er vermied es sorgfältig, ihm zu begegnen und furnnc�e vor allen Dingen scii»n strengen und traurigen-Jick. Die Borda holte Tonets Wasche und brachte sie ihm und bewies ihm die ta"s-nd Ausmerksomkeiten. deren nur eine Frau fähig ist. Das brave Mädchen, das von ihrer Tages» arbeit schon crschöst war flickte die Lumpen der beiden Vaga» bnnden ohne ein voiwurssvolles Wort an sie zu richten« — 134— Nu? Bon Zeit zu Zeit wogte sie. ihrem Bruder einen mü- leidigen Blick mit einem Ausdruck lchmerzlichen Kummers zuzuwerfen., Wenn die beiden Gefährten zusammen die Nacht ver- trachten, so schwatzten sie. ohne dabei die Flasche abzusetzen. von ihren intimsten Gedanken. Tonet hatte sich nach Sango- neras Beispiel an einen beständigen Rausch gewöhnt. Er konnte die Last seines Geheimnisses nicht mehr mit herum- schleppen und erzählte seinem Kameraden von seiner Liebe zu Neleta. Der Vagabund glaubte im ersten Augenblick protestieren zu müssen. Das war sehr unrecht.„Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib." Dann aber fand er. von der Dank- barkeit zu Tonet hingerissen, Entschuldigungen und Recht- fertigungen für den Fehltritt und zeigte dabei seine ganze große Kasuistik eines ehemaligen Sakristans. In Wahrheit hatten sie einiges Recht, sich zu lieben. Wenn sie sich erst seit Neletas Heirat gekannt, dann wäre es ja allerdings eine un- geheure Sünde. Aber sie kannten sich ja seit ihrer frühesten Kindheit: sie waren verlobt gewesen, und die Schuld siel auf Eanamel, der sich da eingemischt, wo er kein Recht besaß und sie in ihren früheren Beziehungen gestört hatte. Er verdiente nur, was ihm geschehen war. Dann erinnerte er sich an die zahllosen Male, wo man ihn vor die Tür der Schenke gesetzt, lachte vergnügt über das eheliche Unglück seines Feindes und hielt sich für gerächt. War dann der Lichtstumpf zu Ende gebrannt, so be- gann Sangonera, während der Rausch seine Augen schloß, wieder zusammenhanglose Reden über seine Glaubens- anschauungen. Tonet der an dieses Geschwätz gewöhnt war, schlummerte. ohne weiter auf ihn zu hören, während der«stürm die Baracke erzittern ließ und der Regen durch ihre Rinnen hernieder- sickerte. Sangonera hörte nicht auf zu sprechen. Warum ging es ihm so schlecht? Warum sollte Tonet darunter leiden. daß er sich Neleta nicht nähern durfte?... Weil es in der Welt schlecht eingerichtet war. Weil es von Ungerechtigkeiten wimmelte und weil die Leute, die nur der Gedanke an den Gewinnst beherrschte, nach wie vor im Widerspruch mit den Befehlen Gottes lebten. Dann näherte er sich Toncts Ohr, weckte ihn und erzählte ihm mit geheimnisvoller Stimme von der nahe bevorstehen- den Verwirklichung seiner Träume. Die guten Tage waren nicht mehr fern. Ter, der sie bringen sollte, war schon aus diese Erde zurückgekehrt. Er hatte ihn gesehen, wie er jetzt Tonet sah, er hatte ihn berührt, er. der arme Sünder, hatte die Kälte seiner göttlichen Hand empfunden. Und zum hundertsten Male erzählte er von jener geheimnisvollen Er- scheinung am Ufer des Albuferasces. Er kam von Saler, brachte Tonet ein Paket Patronen und hatte auf dem Wege, der sich am See hinzieht, eine starke Erregung empfunden, als nähere sich etwas, das seine Kräfte lähmte. Seine Beine wankten, und er fiel auf den Boden, er wünschte zu schlafen, zu sterben und nie mehr zu erwachen. „Ja, weil Du betrunken warst," sagte Tonet stets, wenn i>ie Erzählung bis zu diesem Punkte gediehen war. lFortsetzung folgt.) Jupiter. (Nachdruck verboten.) Von Felix Erber-Eichwalde. Mit ihren Schwingen zieht die dunkle Nacht herauf, und die Sterne klicken nur einzeln und schüchtern noch aus ihren Himmels- fenstern, als fürchteten sie, durch ihr allzu plötzliches Erscheinen den Frieden der Menschen zu stören. Aber dann, wenn der Schlaf sich über die müden Erdbewohner gesenkt hat und feierliche Stille uns umgibt, wird es in jenen geheimnisvollen Tiefen rege. Ein wundersamer Reigentanz des Lichtes hebt an und sprüht flammend hinaus bis in die fernsten Weltallszonen. Ikeberall Sonnen, wohin das Auge blickt! Wer wäre imstande, sie alle zu zählen? Jeder Stern ein Rätsel, so geheimnisvoll in seiner Art, und doch so klar und einfach in seiner Pracht am Fir- mament. Wie eine große Hcerschar ruhen sie alle auf den weiten Gefilden des Himmels in nächtlicher Stunde vor unserem Anblick, von einem Fcldherrn sicher auf ihren Pfaden geführt. Lichten Vor- Posten gleich wandeln unter ihnen die Planeten, die Brüder unserer Erde, die uns so nahe stehen und dennoch so fern unserer Erkennt- nis. So ist auch Jupiter heraufgezogen mit seinen Monden auf der stcrncnbcsätcn.Himmelswiese, und äugt mit seinem ruhigen, goldgelben Lichte milde zu uns hernieder. Er ist der„König der Planeten" und würde die Führung über alle Glieder unseres Systems sofort übernehmen, wenn unsere Eonnc plötzlich aus unserer Mitte verschwände. Aus diesem riesenhaften Körper können wir ganz bequem ein» tausenddreihundertunddreißig Erdbälle schneiden; aber er hat kein eigenes Licht mehr, wie es auch unsere Erde einst vor Millionen von Jahren besaß, als sie in den Zustand der Erstarrung übergehen wollte. An seinen Polen zeigt er eine sehr parke Abplattung, und könnte man um seinen Aequator herum einen Gürtel spannen, so müßte dieser, als Bandmaß gedacht, vierhunderttausend Kilometer lang sein. Neun Stunden und fünfzig Minuten dauert der Tag auf ihm, ein Jupiterjahr aber elf Erdcnjahre und dreihundertund» vierzehn Tage. Jede Jahreszeit umfaßt dort drei, und eine Polar, nacht sogar sechs Erdcnjahre. Der Weltkörper besitzt eine tiefe. dichte und sehr stark mit Wasserdampf durchsetzte Atmosphäre, in der das Sonnenlicht nur schwer einzudringen vermag. Ein dicker Wolkenmantel umhüllt den Riesen, in dem sich wiederholt dunkle Streifen zeigten, die sehr großen Veränderungen unterlagen. Wahr- scheinlich sind es Regenzonen, aber von gewaltiger Ausdehnung. Bisweilen sah man auch rötliche, runde Wölkchen und knotenartige Verdickungen in dieser Wolkcnhülle, die auf gewaltige stürmische Vorgänge in der Jupiteratmosphäre hindeuten. Seit Jahrzehnten schon werden diese Wolkenbildungen und ihr Farbenwechsel von den Astronomen sehr sorgfältig geprüft. Secchi beobachtete mn 10. Oktober 1856 auf der vatikanischen Sternwarte in Rom bei tausendfacher Fernrohrvcrgrößerung einen großen, fast ovalen, tief- dunklen Flecken, den er nicht anders als einen überaus heftigen Orkan zu deuten vermochte. Schon im Mai desselben Jahres war Trouvellot Zeuge eines solchen Sturmes auf der Südhalbkugel des Jupiter. Die Flecken sind im ganzen und großen noch ein strittiger Punkt unter den Fachgelehrten, denn die einen halten sie für die durchschimmernde Oberfläche des Planeten, die anderen aber für ungeheure Mengen feinen vulkanischen Staubes, der bei eruptiven Ausbrüchen dort in die Lüfte geschleudert wurde. An diesem feinen Staube bricht sich nach ihrer Meinung das Sonnenlicht und erzeugt so jene Farbennuancen. Jüngere Astrophysiker halten sie auch für Kondcnsationsprodukte in der Atmosphäre des Jupiter, und zwar sollen dabei die dunklen Streifen solche Gegenden darstellen, in denen das Sonnenlicht tiefer in die Atmosphäre eindringen kann. Das Jahr 1876 war für den Jupiter und seine Atmosphäre ein ganz besonders stürmereichcs. Merkwürdig und bis zum heutigen Tage noch nicht genügend erklärt ist die Erscheinung, daß wir in den Jahren mit einem Sonnenflcckenmaximum stets überaus heftige Stürme in der Jupiteratmosphäre haben. Im Jahre 1873 erschien in jenen Wolkengebilden der oberen Jupitcratmosphäre, etwa unter vem 25. Grad südlicher Breite, ein 46 000 Kilometer langer und 15 300 Kilometer breiter, runder Flecken von dum'elrotcr Färbung. Diese Lichterscheinung, die anfangs schon größer als ganz Europa war, nahm im Laufe der ersten Jahre an Helligkeit und Umfang noch zu, rotierte mit dem Planeten, nahm in der Rotationsrichtung aber unter dem Einflüsse der sehr schnellen Achsendrehung eine ovale Gestalt an und blieb im Laufe der Jahre in rückläufiger Bewegung langsam dann hinter den anderen auf der Jupiterscheibe sichtbaren Einzelheiten zurück. Dieser„rote Fleck" ist ein durchaus rätselhaftes Gebilde, und er verdankt jedenfalls gewaltigen Vor- gängen auf der Planetenoberfläche seine Entstehung. Die Kruste (Oberfläche) des Jupiter ist sehr wahrscheinlich noch recht dünn und vermag den eruptiven Ausbrüchen aus seinem Innern Hcht genügend Stand zu halten. Das glühend flüssige Magma dringt dort weit häufiger, als es bei uns der Fall ist, aus dem Innern des Planeten hervor. So ist sicher auch der„rote Fleck" entstanden) Die Jupiterrinde barst und ein glühend heißer Gebirgsrücken stieg vielleicht aus dem Risse empor. Die Folge davon war eine heftige Zirkulation in der Atmosphäre des Planeten, durch die die mit Wasserdampf beladenen Luftmassen, mit etwas Rauch untermischt, weit über das Niveau der übrigen Atmosphäre dort empor» geschleudert wurden und folglich nach allen Seiten überfluten mußten. Das ist die Theorie eines jüngeren bedeutenden Astro- Physikers, und zwar des Jesuitcnpaters Karl Braun, ehemaligen Direktors der Sternwarte zu Koloscza in Ungarn. Da nun der rote Fleck bereits sehr stark verblaßt ist, so muß man annehmen» daß die Hitze jenes neuen Jupitcrgebirges vulkanischen Ursprunges an der Oberfläche des Planeten schon stark nachgelassen hat. Einige Forscher sind der Meinung, daß auf den in einem noch sehr jungen Stadium der Wcltcnbildung stehenden Planeten große kos- mische Massen stürzten, die den Deckel(Oberfläche) durchschlugen und so eine Katastrophe erzeugten, wie sie unsere Erde am Ende der Tcrtiärzeit erlitt, als eine gewaltige außerirdische Masse in ihren Leib einschlug, die Sintflut möglicherweise zur Folge hatte und das Becken des Stillen Ozeans bildete. Zu vergleichen ist der„rote Fleck" vielleicht mit jenen Lichterscheinungen, die wir nach der Krakatoa-Katastrophe im Jahre 1883 und neuerdings auch nach dem Ausbruche des Vesuvs im Monat April des Jahres 1006 am Abendhimmel sahen. Ein großer Teil des ausgeschleuderten bul- kaniscben Staubes war in den obersten Schichten unserer At- mosphäre festgehalten worden und erzeugte nun, infolge der Brechung der Sonnenstrahlen an diesen kleinsten Teilchen, jene leuchtenden, cirrusartigen Nachtwolken. Daß Jupiter sich noch im Zustande der Rotglut befindet, verneint auch das Spektroskop. Dohse hat sich sehr eingehend mit dem Phänomen des„roten Fleckes" beschäftigt und erklärt, daß der Jupiter zu denjenigen Wcltkörpcrn gehöre, die zwischen der Periode der Abkühlung und der eines noch stark selbstlcuchtenden Körpers stehen. Er ist dcmnach-illso eine„erlöschende S o n n für sein eigenes Planetensystem, das aus sieben Monden besteht. Einen fand Simon Marius im Jahre 1609 und nannte ihn Jo, drei, die sogenannten mediceischen Sterne, die Marius Europa, Ganymedes und Callisto nannte, fand der alte Galilei in der Nacht zum 7. Januar 1610, den fünften, der ganz nahe beim Hauptkörper kreist und in ferner Zeit auf den Jupiter stürzen wird, entdeckte ZLarnard im Jahre 1892 auf der Licksternwarte und den sechsten Pcrrine im Jahre 190ö. Ueber den siebenten Satelliten des Ju- piter sind die Akten noch nicbt abgeschlossen. Schon ein sehr gutes Opernglas zeigt dem bcobacbtendcn Auge wenigstens einen Mond des Jupiter. Es gab aber Menschen, die zwei bis drei Monde mit bloßem Auge erkennen konnten, so der Jesuit Stoddart in der reinen Luft Persiens, Jacob in Madras und der Breslauer Scbneidermeister Schön. Letzterer erkannte sie sogar bis in sein hohes Alter, wie uns Alexander von Humboldt berichtet. Auch heute sehen Seeleute in der reinen Lust über dem Meere noch Jupitertrabanten mit bloßem Auge. Der dritte Jupiterinond ist der hellste und größte, der erste Satellit ist der zweithellste und kleiner als jener. Der lichtschwächste Trabant aber ist der vierte. Der erste Mond dreht sich in 23 Stunden, der zweite in 41 Stunden um seine Achse, die Monde drei und vier aber haben Revolutions- und Rotationszeit übereinstimmend, sie drehen sich also einmal um ihre Achse, während sie dabei einen Umlauf um den Planeten vollenden. Auf dem dritten Jupitermonde sah Secchi schon im Jahre 1835 eine seltsame Fleckenbildung, die in jüngster Zeit öfter beobachtet wurde, und Douglas veranlaßte, aus ihr die Rotations- zeit des betreffenden Mondes abzuleiten. Schon mit einem kleineren astronomischen Fernrohre kann man die Vorübcrgänge, Bc- deckungen und Verfinsterungen der Jupitermonde erkennen. Cam- pani in Rom war der erste, der im Jahre 1653 den ersten Jupiter- mond vor der Scheibe seines Planeten vorübergehen sah. Sonnen- finsternisse, die fünf bis zehn Minuten dauern und Mondfinster- nisse von zwei bis drei Stunden Länge sind auf jener Welt nichts Neues. Ein Jupiterwesen hat das Vergnügen, in einem Jupiterjahre 4000 Mondfinsternisse zu sehen, und die Bewohner des dritten Mondes erblicken ihren Planeten 1600mal größer, als wir unsere Sonne in ihrer Scheibe am Himmel sehen. Jene Mondbewohner werden notgedrungen auch ihren Planeten für die„Sonne" ihres Systems halten. Der Jupiter, dieser Riese unter allen Planeten unseres Sonnensystems, birgt noch viele Rätsel, deren Lösung zum weitaus größten Teile wohl der Astrophysik vorbehalten ist. Peter Spanningers Liebesabenteuer. Von Ludwig T h o m a. Die oberbayrische Stadt Türnbuch liegt keineswegs an der Eisenbahn. Vor etlichen fünfzig Jahren stand es der Regierung im Sinne, eine Hauptbahn'an die Stadt zu legen. Aber der Brauereibesitzer Peter Spanninger, der Großvater des jetzigen Peter Spanninger, wehrte mit anderen Bürgern die Neuerung ab. Man sagte der Regierung mit klaren Worten, daß die Dürnbncher am Alten und Hergebrachten hingen. Sie wollten mit nichtcn das Fuhrwesen von der Landstraße bringe» und alle Wirre und Lohnkutscher schädigen. Der Weitblickende möge bedenken, daß mit ihnen die Schmiede, Sattler und Wagner Einbuße litten, die Bräuer minderen Absatz fänden und die anderen Geschäftsleute in Gefahr schwebten. Denn alle Kundschaft könne mit der Bahn schnell und mühelos die große Stadt erreichen und dort Geld ausgeben, was besser in Dürnbuch bleibe. Die Regierung wollte die treue Bevölkerung nicht kränken und legte den Schienenstrang so weit entfernt von der Stadt, daß die Nachkommen des Peter Spanninger zwei Stunden mit dem Omnibus fahren müssen, wenn sie den Pfiff einer Lokomotive hören wollen. Heute noch rumpelt frühmorgens um sechs Uhr der Postwagen über den Stadtplatz, und der Postillon Johann Glas lenkt die Pferde, wie es sein Vater tat. Zu Winterszeiten sitzt er verfroren auf dem Bocke und schaut neidisch auf die dunkeln Fenster, hinter denen die Bürger in warmen Betten liegen. Wenn es aber Frühling wird, und ein feiner Morgen tagt, setzt er das Posthorn an und bläst sein altes Lied. Tann kommen Leute an die Fenster und prüfen mit verschlafenen Augen das Wetter. So hat sich in Dürnbuch das gute alte Wesen erhalten. Hierin wie überhaupt. Dürnbuch hat drcitausendvierhundertneunzehn Einwohner. Darunter sind vier Protestanten und ein Israelit; die übrige Be- dölkerung ist römisch-katholisch. Auch darf man nicht glauben, daß jene Andersgläubigen Ein- geborene sind. Der Stadtschreiber Rellstab, der mit seiner Frau und zwei Kindern der evangelischen Konfession angehört, ist Mittel- franke. Der Israelit heißt Isidor Blumschein, stammt aus dem Schwäbischen und wurde durch den Produktenhandel in die Gegend geführt. Im übrigen erlitt das katholische Bekenntnis keinerlei Schaden durch die Fremdlinge. Bei den jüngsten Wahlen fielen alle Stimmen auf den ultramontanen Kandidaten, Kaufmann I. B. Jrzcnbcrger. Der Stadtschreiber wollte die polltisch« Ueberzeugung Bc» Herren Bürger schonen, und auch Blumschein heulte mit den Wölfen. Dürnbuch ist der Sitz ansehnlicher Behörden, nämlich eines königlichen Bezirksamtes, Amtsgerichtes, Rentamtes und Nota» riates; es hat eine Gendarmerie-, eine Post- und Telegraphen» ftation. Zu den Lehranstalten gehören außer der Volksschule eine Töchterschule der armen Schulschwestern und eine Realschule. Ferner befinden sich dort sechs Kirchen, acht Bräuhäuser, eine Kunst- mühle und ein herrschaftliches Schloß, welches aber nicht mehr bewohnt wird. In früheren Zeitm gehörte eS den Grafen Selz-Dürnbuch, einem alten Geschlechte. Der letzte Dürnbuch, Johann Anton, starb unverehelicht al3 kurfürstlich bayrischer Kämmerer im Jahre 1764. Der Besitz ging auf die Familie der Freiherrn von Selz-Gögging über, deren letzter Sprosse um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das Zeitliche segnete. Vor seinem Tode verkaufte er das Gut Dürnbuch an den Fiskus. Dieser bewir.schaftet noch heute den schönen Forst, läßt aber das Schloß verfallen, weit die Kosten der Instandhaltung zu hoch kommen. Die Säle zu ebener Erde hat Isidor Blumschein um geringen Preis gemietet; er benützt sie als Lagerräume für Landesprodukte. Handel und Industrie stehen in Dürnbuch in gedeihlicher Blüte. Die Landbevölkerung bringt ihre Erzeugnisse in die Stadt und deckt hier wiederum ihre Bedürfnisse. Die zwei größeren Warenhandlungen von I. B. Jrzenberger und Gabriel Riedlechner yaben erklecklichen Umsatz. Tie Brauereien sind gut betrieben; die bedeutendste von Peter Spanninger„Zum Stern" siedet über acht- tausend Hektoliter Malz ein. Die Kunstmühle war bis vor wenigen Jahren im Besitze des Herrn Jakob Bonholzer, ist aber jetzt in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ter Handel mit Getreide und Vieh ist liege; auch mit Holz werden gute Geschäfte gemacht. Das ehrsame Handwerk gedeiht. So ist im allgemeinen die Bevölkerung wohlhabend, auch wohllcbig. Die Arbeit wird mit bedachtsamer Ruhe getan, und alle Feste werden gewissenhaft begangen. Jeder Familienvater muß in pünktlicher Reihenfolge die Wirt» schaften besuchen, um die Beziehungen aufrecht zu erhalten. In der behäbigen Art der Bürger liegt es begründet, daß gerade diese Seite der geschäftlichen Tüchtigkeit am besten ausge- bildet ist. Ueber Lage und Bau der Stadt läßt sich Rühmendes sagen. Dürnbuch liegt bierhundertachtzig Mieter über dem Meere, in den» von Hügeln durchzogenen Alpenvorlande. Die Höhen sind bewaldet; aber das dunkle Fichtenholz wechselt ab mit Wiesen und Getreide- feldern, was ein freundliches und mannigfaltiges Bild gewährt. Man erblickt in der Zähe zahlreiche Dörfer und Weiler; auch in größerer Ferne, wo sich die Häuser dem Auge verbergen, lugt d» und dort ein spitzer Kirchturm über die Hügel hervor. Der Ort Dürnbuch ist um die Mitte des vierzehnten Jahr- Hunderts entstanden. An die alte Zeit erinnern einige Reste der Stadtmauer und ein gut erhaltenes Tor. Man gelangt durch das- selbe auf den mäßig großen Marktplatz, dessen Mitte ein Marien- brunnen ziert. Hier steht auch die schöne Pfarrkirche, welche im spätgotischen Stile erbaut ist. Auf der Südseite des Platzes erheben sich die drei stattlichen Brauereien zum„Stern", zum„Rappen", und zum„goldenen Lamm". Sie strecken, wie einige Wirtschaften gegenüber, große schmiede» eiserne Schilde in die Luft hinaus. Die blinken freundlich in der Sonne und verheißen Eingeborenen wie Fremden behagliches Unter- kommen. Die Gassen, welche in den Marktplatz einmünden, sind krumm, eng und uneben. Die Häuser sind mannigfaltig gebaut. Viele haben nach italienischem Muster breite Fassaden, welche in geraden Maueraufsätzen die Dächer überragen. Diese sind mit Schindeln gedeckt und stoßen hart aneinander. Nicht selten üben waghalsige Knaben auf der gefährlichen Höhe ihre Spiele, indem sie über alle Dächer klettern von einem Hause zum anderen. Und die Kater haben hier oben ein weites Feld für ihre Liebes- fahrten. Der Stolz der Stadt ist eine Lindenallee, welche am Schlosse vorbei bis Holzhausen führt. Zum mindesten einmal im Jahre beschreibt der quieszierte Lehrer Furtner ihre Reize im Alzboten, gewöhnlich rn den Herbst- tagen, weil er an die wundervolle Färbung der Bäume und an den wehmütigen Anblick der sterbenden Natur passende Gedanken über den Allerseelentag anzuknüpfen weiß. Dem Dürnbucher Bürger ist die Allee mit allen Erinnerungen des Lebens verwachsen. Hier hat er als Kind gescherzt, hier schlich er in dämmernden Abendstunden an der Seite eines weiblichen Wesens, und hier schreitet er jetzt, wenn die Zeit der Torheiten vorüber ist, am hellen Tage neben seiner ehrbaren Frau und neben dem Kinderwagen her. Südlich der Allee fließt die Alz, ein stattlicher Fluß. In seinem klaren Wasser spiegeln sich die Rucksaten der Häuser, Wetdcnbusche und Erlen und die Kühe, die den kleinen Leuten der RorftoM Gehören, llnb mSn'chiS Mal auch dir Wäsche der Mru- k>uchcr Damen, welche am Ufer zum Trocknen aufGehängt wird. Lm Luftzuge wiegen sich die b'ühwcitzen Eehcimnisfe hin und her, »rnd der Spaziergänger kann bier vi-leZ erblicken, was er sonst nicht Au sehen kriegt. � v � Man darf es alz Tatsache hinstellen, Satz die Spanninger in bier Geschlechtern die reichsten und damit die angesehensten Leute von Dürnbuch waren; datz auch der jetzige Besitzer der Bierbrauerei zum„Stern" auf dieser Höhe steht. Und daran knüpft man die Hoffnung, datz sich kein Spe nninger in absteigender Linie bewegen toird. Tic erblichen Eigenschaften wie die Stellung der Familie schließen Befürchtungen aus. Einem Spanningcr ist der Weg ge- cbnet und die Bahn zu allen Ehrcnstellcn offen. Ein Spanninger tann mit der Ucbcrzeugnng ins Leben treten, datz er Tistrikisrat wird, und datz dermaleinst an seinem offenen Grabe die sämtlichen Vereine Dürnbuchs mit umflorten Fahnen stehen werden. Tiefe Laufbahn ist ihm vorgezeichnct; die Achtung der Bürger hängt an seinem Besitze. Die Spanninger strebten nie darüber hinaus und sanken nie darunter hinab. Sie waren in vier Geschlechtern gutmütige Menschen; und (jeder hatte mit fünfundzwanzig Jahren seinen Bauch, mit sechzig Jahren seinen Schlaganfall. ' Was dazwischen lag, war Turst, Fröhlichkeit und Verständnis dafür, datz auch die armen Teufel leben wollen. Tie Bildung der Spanningcr hielt zwar Schritt mit den An- fordcrungcn der Zeit, aber sie blieb innerhalb der Grenzen dcS Vtotlvendigcn. Den älteren Geschlechtern hatten die Grundelemente, Lesen, Schreiben und Rechnen, genügt; die gewerbliche Kunst wurde daheim gelernt. Ter jetzige Inhaber der Brauerei mutzte schon mehrere Jahre die neugegründete städtische Realschule, oder, wie man sie damals hieß, Gewerbeschule, besuchen. Die Neuerung wandelte den Fami- licncharakter nicht um; sie blieb ohne einschneidende Wirkungen. lind das war gut. Denn mancher, der eine höhere Stufe der Er- ikcnntnis erklimmen will, gctvinnt nichts alS eine Verachtung der tieferen, die ihm guten Halt gegeben hätte. Der Stcrnbrüu geriet nicht in die Gefahren der Zwiespältigkeit von Beruf und Bildung. Er streifte die angeflogenen Kenntnisse ab und behielt als Rest nur eine Vorliebe für Fremdwörter. Durch ihren häufigen Gebrauch erhob er sich mit einiger Be- friedigung über die große Menge. Noch ein anderes kam ihm zu- statten. Sein Vater hatte ihn nach Straubing geschickt; er ver- brachte hier ein volles Jahr als Vviontär in der Kollerschen Brauerei und galt später den Dürnbuchern als ein Mkmn, der sich in der Welt umgetan hatte. Ter Sternbräu zog daraus die Lehre, daß der bloße Anschein ungewöhnlicher Regsamkeit das Ansehen mehrt. lind diese Erfahrung leitete ihn wieder bei der Erziehung seine» Sohnes. Er war nicht bekümmert, als der heranwachsende Peter in der Realschule sehr geringe Tüchtigkeit bewies. Es ist nicht einmal sicher, datz er die Semesterzeugnisse aufmerksam las; die Noten, welche hinter Algebra, Geschichte, Geographie, französischer Sprache standen, waren ihm herzlich gleichgültig. Das Wichtige, nicht Jür jetzt, sondern für alle Zeit war, daß so bedeutend klingende Wissen- schaftcn mit seinem Sohn überhaupt in Zusammenhang gebracht wurden. Dabei konnte er wohl die schulmeisterliche Ansicht über Fleiß und Tglent eines Spanningers übersehen. (Fortsetzung folgt.) kleines Feuilleton. * AlkoholiSmuS und Geisteskrankheiten. Auf dem letzten in Venedig aogehaltcnen Kongreß italienischer Irrenärzte, an dem sich die namhaftesten Gelehrten Italiens beteiligten, wurde nach cmem Bericht in der„Medizinischen Klinik" vom 9. Februar auch die Frage über das Verhältnis zwischen Alkoholismus und Nerven- und Geisteskrankheiten verhandelt. Es wurde festgestellt, datz der Prozentiatz der alkoholiichen Seelcnstörungcn, wo der Alkohol die direkte llrlache der Krankheit(Alkoholpsychoscn) ist, in den der- schiedei-cn italienischen Irrenanstalten zwischen 17,3 und Ich Proz schwankt, im Durchschnitt 8,8 Proz. aller Insassen ausmacht. Noch augenfälliger sind die Zahlen, wenn wir Männer und Frauen gesondert nehmen: 13.8 Proz. aller männlichen Insassen leiden an Alkoholpsvchoscn, dagegen nur 1,9 Proz. aller weiblichen. Nehmen wir auch die Zahl jener Patienten hinzu, die zwar nicht an Alkohol- Psychosen, sondern an anderen Geisteskralikheiten litten, bei denen ober früherer Alkoholmißbrauch festgestellt wurde und bei der Ent- stehung der Krankheit mitgespielt hatte, so craibt sich, datz 18,9 Prozent oder beinah: ii aller in Irrenanstalten verpflegten Geisteskranken direkt oder indirekt ihre Krankheit dem Alkohol zu- zuschreiben haben. In den einzelnen Irrenanstalten schwankt diese Zahl zwischen 40,5(!) Proz. und 4,8 Proz. Leider sind hier die Zahlen für Männer und Frauen nicht gesondert angegeben.— Die Aav der Alkoholpsychosen hat in den letzten Jahren zugenommen. iliuckfälle(nach Heilung) traten in 33 Proz. der Fülle ein(in ein- zernen Anstalten zwischen 54(!) und 94 Proz.). ZZercmtlv. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag Dem Berufe nach trerden Fabrikarbeiter und Handiverker SN meisten von der Krankheit befallen, und zwar überwiegend im Alter von 31 bis 50 Jahren. In 1S,1 Proz. war direkte Erblichkeit der alkoholischen Geistesstörung vorhanden, in 95,1 Proz. tvaren andere Geisteskrankheiten bei den Patienwn erblich. 41 Proz. der Fälle verliefen chronisch.— Es wurde ferner darauf hingewiesen, datz bei den von progressiver Paralyse, jener Geistesstörung, als deren unmittelbare Ursache die Syphilis gilt(10 bis 90 Proz., ja 35 Proz. aller Insassen der Irrenanstalten) befallene» Insassen in 48 Proz. der Fälle bei den Männern und in 38,4 Proz. bei den Frauen nach- gewiesen war, datz sie früher dem Alkoholmitzbrauch verfallen waren. Von großem Interesse sind auch die Mitteilungen über Ver- suche, die darauf gerichtet waren, Kaninchen durch Alkohol zu ver- giften. In einigen Fällen konnten bei den Tieren in' der Hirn- rinde und im Rückenmark Veränderungen festgestellt werden, die denen glichen, wie ivir sie bei der progressiven Paralyse kennen. Die Abwchrmittel, die in Vorschlag gebracht wurden, sind ganz unzureichend: Verbannung der alkoholischen Getränke au» Irren- Häusern und Gefängnissen, Verbot de? Ausschanks neben Schulen und Kasernen, Verminderung der Zahl der Schankstättcn, Be- schränkung der Zeitdauer fhrer Osfcnhaltung usw. Tie Zahlen und Tatsachen reden für die Arbeiterklasse eine eindringliche Sprache. Denn Proletarrer sind cS zumeist, die die Stätten de? Unglücks bevölkern müssen. Die Arbeiterklasse mutz darum auch die Wege porzeichncn, die zu einer wirksamen Be- kämpfung der Alkoholgcfahr führen: Aufklärung und Hebung der sozialen Lage der arbeitenden Klasse, wie es der Parteitag zu Essen klar und deutlich ausgesprochen hat. Ans dem Tierleben. Spinnengesellschaften. Als Muster sozialer Vereinigungen im Tierreich werden an erster Stelle gewöhnlich die Bienen und Ameisen genannt, deren Staatenbildung allerdings geeignet ist, das Interesse des Menschen und insbesondere des Naturforschers auf» höchste zu fcssclir. Es gibt aber unter den in dieser Hinsicht weniger geachteten Tieren manche, die eine gleiche Aufmerksamkeit beanspruchen können, beispielsweise die Spinnen. Nun weiß bei uns fast jede» Kind, datz die Spinnen, die uns nahezu alltäglich begegnen, eher als Einsiedler denn als gesellige Wesen er- scheinen. Diese Tatsache gilt aber nicht für alle Arten dieser weltum- spannenden Tierklasie. und namentlicb haben die indischen Spinnen eine gewisse Berühmlheü durch die Art ihres Zusammenlebens erworben. Eine besonders anziehende Studie über das gesellige Leben einer solchem indischen Spinnenart hat ein eingeborener indischer Natur« forscher namens Aiyar in einem Vortrag vor der Südiudischen Wissenschaftlichen Vereinigung in Madras veröffentlicht. Diese Spinnen bauen Nester, die das Aussehen eine» großen Schwamms haben. Sie bestehen aus einem vielverzweigten Netzwerk von Kanälen, die in einer Anzahl von Oeffnungen nach außen münden. Das Netz wird oft an Vanmzweigen oder Blättern befestigt, ist von aschgrauer Farbe und verbirgt dadurch seine Insassen in vollendeter Wesse, da diese die gleiche Färbung besitzen, von dem Nest selbst strahlen viele Kulissen von Spinuweben au?. Zuweilen finden sich auch die Nester noch vergesellschaftet, so daß unter Umständen viele Taufende von Spinnen in einem Baume wohnen. Dann werden zwischen zwei Nestern häusig Brücken miS Geweben geschlagen, nicht unähnlich den großen Hängebrücken der Neuzeit. Ueberhaupt sind diese kleine Spinnen große Ingenieure, die ihre Kunst in der Anlage und Ausführung von Bauten vielfach betätigen. Die Zahl der Spinnen in einem Nest schwankt zwischen 40 und 100, und zwar wohnen Männchen und Weibchen zusammen, aber meist ist das weibliche Geschlecht in siebenfacher Uebcrlegenheit Vertretern Die Herstellung der Gewebe und des ganzen Netze» zu verfolgen, ist von hohem Reiz. Zunächst wird durch die veremten Kräfte von sechs oder sieben Spinnen, von denen jede mehrfach hin- und herläuft, die Grundlinie oder das eigentliche Haltcseil für den ganzen Bau her- gestellt, daS also ans einem Bündel einer größeren Zahl von Fäden besteht. Diese Fäden stehen an Haltbarkeit und Glanz keinem Seidenfaden nach, und eS ist daher wohl möglich, datz auch das Gespinst dieser Insekten eine Wer- Wertung finden wird, wie eS ja mit den Geweben einer Spinne in Madagaskar versuchsweise bereits geschehen ist. Nunmehr beginiien die Spinnen mit dem Aufbau des eigentlichen Netzes in regelmäßiger Arbeit, die von mehreren Spinnen gleichzeitig von ver- schiedencn Stellen aus in Angriff genommen wird. Die Vollkommen- heit der Arbeitsteilung ist dabei bewimdeningSwürdig, denn jede Spinne hat einen bestimmt abgegrenzten Teil an dem?ietz zu bauen. Die einzelnen Fäden, die mit den Hinterbeinen gesponnen werden, werden ohne Rücksicht auf besondere Symmetrie gezogen, um den Raum auszufüllen, Die Längsfäden werden mit Onerfäden verbunden, die eine besondere Elastizität besitzen und auf das Zehnfache ihrer Lange ausgereckt werden können, ohne zu zerreitzen. Ist daS Netz fertig, so kehren die Spinnen zur Ruhe ins Nest zurück. Ein voll- ständiges Netz ist gewöhnlich in 2— 3 Stunden fertig und wird ohne jede Pause vollendet. Sobald eine der Arbeiterinnen ihre Stelle ausgefüllt hat. eilt sie sofort an einen anderen Platz, wo noch etwas zu tun bleibt. Diese Spinnen find Nachttiere und beginnen ihr Hand- oder richtiger Beinwerk meist erst gegen sieben Uhr abends. Vorwärts Buchdr. u. VerlagSansialt Paul Singer& Co., Werlin SW,