Anterhaltnngsblatt des Vorwärts Nr. 37. Freitag� den 21. Februar. 1908 (Nach druck verbolen.) 87] Schilf und Schlamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Nachts, gerade als sie sich zu Bett legen wollte, glaubte Neleta vom Kanal her ein leises Pfeifen zu hören, das ihr von ihrer frühesten Kindheit an Wohl bekannt war. Sie öffnete einen Fensterladen, um nachzusehen. Er war da! Er wanderte dort wie ein trauriger Hund in der unbestimmten Hoffnung, man würde ihm öffnen. Tonets Idee war wirklich ein Wahnsinn. Sie war doch wahrhaftig nicht so dumm, ihre Zukunft durch eine Aufwallung wilder Leidenschaft aufs Spiel zu setzen. Sie war, wie ihre Feindin, die Samaruca, ganz richtig sagte, schlimmer als eine Alte. Indessen fühlte sich die Gastwirtin doch von der Leiden- schast Tonets geschmeichelt, der so schnell zu ihr kam, da er sie allein glaubte und sie schlief mit dem Gedanken an ihren Liebhaber ein. Man mußte die Zeit nur ihr Werk vollenden lassen. Eines schönen Tages, wenn man am wenigsten daran glaubte, würde die alte Seligkeit schon wiederkehren. In Tonets Leben hatte sich eine neue Veränderung vollzogen. Er hatte wieder angefangen, gut zu werden, bei seinem Vater zu leben und auf den Feldern zu arbeiten, die Tank der zähen Ausdauer des Onkel Toni schon fast voll- ständig mit Erde bedeckt waren. Das tolle Treiben des Kubaners in der Dehesa hatte ein Ende genominen. Die Gendarmen der Ruzafaebene durch- streiften häufig den Wald, und diese schnurrbärtigen Soldaten mit der inquisitorischen Miene hatten ihren festen Entschluß ausgesprochen, auf den ersten Schuß Tonets mit einer Mauserkugel zu antworten. Der Kubaner ließ sich das gesagt sein. Diese Leute mit dein gelben Wehrgehänge waren nicht wie die Feldhüter der Dehesa: die waren imstande, ihn am Fuße eines Baumes liegen zu lassen und die Sache dann mit einem Protokoll zu erledigen, indem sie die Gc- schichte nach ihrer Manier hinstellten. Er verabschiedete deshalb Sangoncra, und �er unglückliche Vagabund nahm sein Landstrcichcrlebcn von neuem auf, bekränzte sich mit Blumen, sobald er betrunken war, und verfolgte über den See die geheiinnisvolle Erscheinung, die so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Akts Tonet betraf, so hing er sein Gewehr in der Hütte seines Vaters auf und schwor, seine Reue würde nun ewig dauern: man sollte ihn von jetzt ab als durchaus ernsthaften Menschen ansehen. Er wollte zu dem Onkel Toni respekt- voll und gut sein, wie dieser stets zu dem Großvater gewesen. Das Herumstreifen hatte ein Ende. Gerührt umarmte der Vater Tonet, was er seit seiner Rückkehr aus Kuba nicht getan, und beide bemühten sich nun um die endgültige Zu- schüttung der Felder: sie arbeiteten nüt dem Fiebereifer von Leuten, die von einem Werke bereits das Ende absehen tonnen. Der Kummer verlieh Tonet neue Kräfte und stählte seinen Willen. Unter der Einwirkung der Leidenschaft, die ihn verzehrte, war er, wenn er Neleta allein wußte, der- schiedcne Abende um die Schenke herumgeschlichen. Er hatte bemerkt, wie ein Fensterladen sich leicht öffnete und sofort wieder schloß. Zweifellos blieb sie stumm und unzugänglich. Er hatte nichts zu hoffen. Zu seinem Tröste blieb ihm nur die Zärtlichkeit der Seinen, und tagtäglich wurde seine Intimität niit dem Vater und der Borda inniger. Er teilte mit ihnen ihre Illusionen und ihre Leiden und lebte, ihre einfachen Sitten bewundernd, ihr Elend mit. Er trank jetzt kaum noch und brachte die Abendstunden damit hin, daß er seinem Vater seine 5kriegsabenteucr erzählte. Die Borda strahlte vor Glück, und wenn sie mit einer Nachbarin plauderte, so geschah das nur, um ihren Bruder zu loben. Der arme Tonet! Wie glücklich machte er seinen Vater durch seine Zuneigung. Neleta verließ plötzlich die Schenke, um nach Ruzafa zu eile». Diese Reise war so dringend, daß sie die Abfahrt der Postbarke nicht erwarten konnte, sondern den Onkel Paloma bat, sie nach Salcr, nach Catarroja oder sonst nach irgend einem Punkte des Festlandes zu bringen, von wo sie weiter nach Valencia konnte'. Mit Canamel stand es sehr schlecht, er lag im Sterben. Das war aber noch nicht das Schlimniste fiir Neleta. Ihre Tante war heute morgen mit Neuigkeiten angekommen, die sie verblüfft und gleichsam betäubt hatten. Die Samaruca war seit vier Tagen in Ruzafa. In ihrer Eigenschaft als Verwandte hatte ste sich im Hause eingenistet, und die arme Tante hatte nicht zu protestieren gewagt. Außerdem hatte sie einen Neffen mitgebracht, der wie ein Sohn bei ihr lebte: es war derselbe, den Tonet in jener berühmten Ständchen- nacht so tüchtig verprügelt hatte. Zu Anfang hatte die Pflegerin»nit dcni gutmütigen Herzen einer einfachen Frau geschwiegen: es waren Canamels Verwandte, und sie hatte kein so schlechtes Herz, daß sie den Kranken dieser Besuche berauben wollte. Doch sie hatte einzelne Unterredungen Canamels und seiner Schwägerin mit angehört. Diese Hexe suchte ihn zu überzeugen, niemand liebe ihn wie ihr Nesse und sie. Sie sprach von Neleta und behauptete, seit seiner Abreise komme der Enkel des Onkel Paloma jede Nacht in das Haus. Außerdem— die Alte zitterte noch vor Angst, als sie das erzählte— hätten die Samaruca und ihr Neffe am vorigen Abend zwei Herren mitgebracht: der eine richtete leise Fragen an Canamel, und der andere schrieb. Es mußte sich wohl um ein Testament handeln. Als Neleta diese Nachrichten erhielt, zeigte sie sich in ihrem wahren Licht. Ihre leise, gezierte Stimme mit de« sanften Betonungen wurde plötzlich rauh: die hellen Tropfe« ihrer Augen glänzten, als wären sie aus Glimmer, und ihre weiße Haut nahm eine Leichenblässe an. „Achtung!" rief sie wie ein Schiffer in einem Strudel. Um das zu erreichen, hatte sie Canamel geheiratet? Darum hatte sie sich durch ihre Sanftmut und Zärtlichkeit fast krank gemacht? Der Egoismus des LandmädchenS, das sein Interesse über die Liebe stellte, begann sich mit aller Heftigkeit in ihr zu regen. Im ersten Augenblick hatte sie Lust, ihre gute Tante, die ihr diese Mitteilung so spät machte, als vielleicht alles schon umsonst war, tüchtig durchzuprügeln. Dann aber dachte sie, daß sie mit diese», Zornesausbruch nur eine kostbare Zeit ver- liere» würde. Sic zog es vor, eiligst zur Barke des Onkel Paloma zu laufen, und dort ergriff sie selbst eine Ruder- stange, um sich schneller aus dem Kanal zu bringen: auch half sie dem Alten beim Segelspannen. Gegen abend stürzte sie wie ein Wirbelwind in das kleine Haus in Ruzafa. Als die Samaruca sie eintreten sah, ivurde sie merkwürdig bleich und wandte sich unwillkürlich nach der Tür: doch kaum hatte sie Miene gemacht, sich zurückzuziehen, da wurde sie von einer heftigen Ohrfeige Neletas an die Stelle genagelt, und die beiden Weiber gerieten sich sofort in der tiefsten Stille, schäumend vor Wut, in die Haare. Sie drehten sich um sich selbst, zerrissen sich das Gesicht mit ihren verkrampften Fingern, wie zwei Kühe, die auf der Wiese niit den Hörnern gegen sich anrennen, ohne vonein- ander loskommen zu können. Die Samaruca war stark und flößte den Weibern von Palmar eine gewisse Furcht ein. Doch Neleta besaß trotz ihres sanften Lächelns und ihrer Honigsüßen Stimme die Behendigkeit einer Viper und biß ihrer Feindin mit solcher Wut ins Fleisch, daß das Blut in Strömen floß. „Was ist denn?" ertönte im Nebenzinimcr Canamels Stimme, der sich über dieses Fußstampsen ängstigte,„was geht denn vor?" Der Arzt, der bei ihm war, verließ das Schlafzimmer, und mit Hülfe des Neffen der Samaruca gelang es ihm, nicht ohne so manchen Puff abzubekommen, die kämpfende« Weiber zu trennen. Vor der Tür waren die Nachbarn zu- sammcngelaufen. Sie bewunderten die blinde Wut, mit der die beiden Frauen sich prügelten, und applaudierten zu denr Mute der kleinen rothaarigen Frau, die jetzt vor Wut weinte, daß sie den Kampf nicht iveiter fortsetzen konnte. Canamels Schwägerin entfloh mit ihrem � Neffen, die Haustür schloß sich wieder und Neleta trat, mit zerzauste« Haaren und das weiße Gesicht mit Kratzwunden bedeckt, in das Zimmer ihres Mannes, nachdem sie sich das Blut ab� gewaschen hatte. Canamel war eine Ruine. Seine angeschwollenen Beine sparen vngeheuSx dick gestochen: das Wassex war..wie dex Trzt sagte, bis zum Banch gestiegen, und d,e Lippen hatten eine leichenhafte Blässe. Er schien jetzt riesenhaft, wie er, den Kopf in den Schultern verbergend, in apoplektischem Stumpfsinn, aus dem er ohne schwere Anstrengungen nicht herauskonnte, auf einein Strohsessel saß. Er fragte gar nicht nach dem Grunde dieses Zankes, als hätte er ihn bereits vergessen. Beim Anblick seiner Frai, gab er nur ein schwerfälliges Zeichen der Freude von sich und murmelte: fühle mich recht schlecht... recht schlecht." Jede Bewegung war ihm unmöglich geworden. Jedes- mal, wenn er zu Bett geben wollte, erstickte er, und man mußte ihn jedesmal wieder hochheben. Neleta traf ihre Vorbereitungen zur Heimkehr. Die Saniaruca sollte sich nicht mehr über sie lustig machen. Dennoch wollte sie versuchen, ihre» Gatten ins Dorf zurückzubringen. Die Aerzte hielten mit ihrer traurigen Diagnose nicht zurück: er würde den Folgen eines Rheuma- tismus, der sich bis zum Magen hinaufgezogen hatte, einer Asystolie, erliegen. Das war eine Krankheit, gegen die es kein Mittel gab. Neleta verließ ihren Gatten nicht mehr. Die Herren, die da Papiere bei ihm geschrieben hatten, beschäftigten ihre Gedanken. Die beständige Schläfrigkeit Canamels versetzte sie in Wut; sie brannte vor Verlangen, zu erfahren, wozu er. unter dem bösen Einflüsse der Samaruca, seine Unterschrift gegeben, und versuchte die ganze Zeit, ihn aufzurütteln und seinen Stumpfsinn zu entreißen. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Im Steinbruch. Von Fritz Sänger. Ich wußte alles schon längst, was er zu erzählen hatte, aber an einem Tage hatte ich etwas auf dem Herzen, und ich konnte es nicht glauben. Der alte Vogt hatte es gesagt, und ich beschloß, den Weihcrt selbst zu fragen. Ich verbarg meinen Hammer hinten im Steinbruch in einer Felsenspalte, überzeugte mich, daß ich alles bei mir hatte, mein Vrot, mein Taschenmesser und meine Blechpseife, und dann trat ich vor an die Rampe. Unten lag friedlich und still das Tal, ganz in der Ferne arbeiteten Leute auf den Matten, man konnte sie kaum sehen, und auf seinem Steinhaufen saß der alte Wcihert. Ruhig, gemächlich fiel Schlag auf Schlag, er hatte es nicht eilig; aber er arbeitete den ganzen Tag gleichmäßig fort, auch wenn er mir erzählte. Nur wenn er von Leuten sprach, die ihm einmal ein großes Unrecht getan hatten, dann holte er allemal weit aus mit seinem Hammer und schlug dreimal so stark wie sonst, daß die Splitter flogen nach allen Winden und daß es manchmal Funken gab. Die obere Rampe, eine einfache Querstange aus Holz, stand nahe dem Rande einer senkrechten Felswand, welch letztere aber nur so hoch wie ein kleines Haus war, und da sonst kein Weg hinunterführte, kletterte ich auf eine etwa armdicke Buche, so weit, bis sich das Bäumchen bog, ganz tief, bis hinunter in den unteren Steinbruch, dann ließ ich die Aeste los. Ich stand auf festem Boden, und die Buche schnellte zurück. DaS war der nächste Weg, und er war gar nicht so gefährlich, wie der Herr Pfarrer meinte, der das einmal gesehen hatte und mir danach sehr ins Gewissen redete. Der alte Weihert lachte jedesmal, wenn er den Baum hinauf- schnellen hörte; aber er sah sich nicht um, er wußte ja, daß ich nun kam und mich zu ihm auf den Steinhaufen setzte. „Du bist wohl schon müd', hä?" Ich sagte„nein", und dann wollte ich ihn eigentlich fragen; aber ich schwieg dann eine Weile, denn ich dachte wieder,„vielleicht ist es doch nicht wahr". Er arbeitete weiter, und ich sah ihn von der Seite an. lieber dem alten Gesicht lag eine gewisse Ruhe, eine gewisse Abge- schlosscnhcit, die, durch das langsame, stetige Arbeiten noch vcr- stärkt, sich fast feierlich ausnahm. Dazu die Stille eines Sommcrvormittags. Rings um uns die Berge mit ihren dunklen Tannen und über uns der blaue Himmel, und was ich zu fragen hatte, kam mir als Knabe damals so schreck- lich vor, das; ich es fast nicht über die Lippen brachte. Der Alte aber merkte, daß es etwas ganz besonderes war, was mich so still machte, und er frug etwas hart: „Was hast denn, Bub?" Jetzt mußte es heraus. „Es ist doch nicht wahr?" „Was denn?" »Der Vogt hat gesagt, daß Ihr im Gefängnis gewesen seid." „Wer hat's gesagt?" »Der Vogt, aber ich glaub's nicht. Er machte ein paar kräftige Schläge, dann sagte«r halblaut. ohne mich anzusehen: „Ja, es ist wahr, aber--*, er hielt inne, dann schüttelte er mit dem Kopf.„Das ist schon so lang, Gott vergeb's ihnen, ich hab's hinnehmen müssen." Er arbeitete weiter. Ich frug nichts mehr; ich wußte auch, daß er so alles sagen würde und wartete ruhig ab. Nicht lange, dann fuhr er fort: „Ja, Bub', und ich habe gestohlen, hat das der Vogt nicht gesagt?" Ich schüttelte den Kopf. „Wir hatten einen jungen Stier damals, einen prächtigen Stier. Ich habe ihn auf die Weide getrieben zwei Jahre, und wir hatten ihn großgezogen zum Verkauf. Auf unserem Häuschen waren damals noch Schulden, sechshundert Mark, und wofür wir jedes Jahr den Zins in die Stadt trugen. Fünfhundert Mark hatte die Mutter heimlich abgezahlt, abgespart in siebzehn langen Jahren, jedes Jahr etwas. Sie war eine sparsame Frau, hat sich nie etwas gegönnt, ihr ganzes Leben lang nicht. Aber mein Vater war ein guter Mensch, ein zu guter Mensch. und er hatte auch nie Wein getrunken. Dann sind einmal zwei Herren gekommen aus der Stadt, die haben den Stier gekauft, und das waren Lumpen. Die haben dem Vater so viel Wein zu trinken gegeben, daß er gar nichts mehr wußte, und dann hat er ihnen den Stier für zweihundertundfünf» undzwanzig Mark verkauft. Sie haben gesagt, er hätte einen Fehler, und wenn der Fehler gut würde, dann werden sie noch dreihundert Mark nachbezahlen, und mein Vater hat ihnen geglaubt. Ich war achtzehn Jahre alt, aber ich wußte, daß es Lumpen waren, und die Mutter hat geweint, die ganze Nacht, ich hab's gc- hört. Sie hat sich nicht über das Geld gefreut, das in der Kommode lag. Der Stier war weg und das Geld war viel zu wenig. Mir ist es aber so vorgekommen wie Raub, viel niederträchtiger als Straßenraub und ich dachte, was einem geraubt wird, darf man wieder zurücknehmen und——" Er hielt inne und sah mich an. Ich mochte wohl ein paar große Augen machen, denn der Alte war so sehr ergriffen von seiner eigenen Erzählung und sprach ganz anders, als ich sonst gewohnt war von ihm. Er arbeitete auch nicht weiter wie sonst; er sagte jetzt in scharfem Tone, als wenn er gerade diese Worte hervorheben wollte: „Ja, dann habe ich nachts den Stier wieder geholt. Das Geld habe ich genommen aus der Kommode und hab's in einen Beutel getan, und den habe ich im Stall aufgehängt an einen Nagel und habe den Stier wieder mitgenommen. Und dann war ich ein Dieb und bin ins Gefängnis gekommen. So, nun weißt Du's, und über uns ist ein großes Unglück ge- kommen. Das Geld wurde nicht gefunden, und der Stier wurde wieder geholt, dann hatte man gar»nichts mehr. Die Mutter ist schwer krank geworden, und ich bin ins Gefängnis gekommen. Das sind jetzt sechzig Jahre, Bub, und man sollte das ver- gessen haben; aber man vergißt das nicht, nein, das vergißt man nicht." Er schwieg. Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich sah ins Tal hinunter, da war es so feierlich still jetzt. Nur ein Wind zog über die Berge und bewegte leise die Tanncngipfel. Aus den Matten blühten weiße Feldblumen, und wenn der Wind darüber strich, war es, als wenn unsichtbare Hände darüber glitten. Wie war das friedlich alles, und der Alte neben mir hatte eben mit so trauriger Stimme die letzten Worte gesagt. Ich war ein Knabe, aber ich hätte ihn bitten mögen:„vergcßt es doch, vergeht es". Aber ich hatte ihn ja daran erinnert, das tat mir jetzt so leid; aber ich konnte nicht sprechen. Ich sah nur immer auf die blühenden Matten; von alledem, was ich dachte, konnte ich kein Wort sagen. Ich stand auf, aber ich konnte ihn nicht einmal ansehen, und da klangen aus der Ferne die Mittagsglocken herüber, ganz schwach waren die Töne; aber sie waren wie ein Gesang des Friedens. Ich sah den Alten nicht mehr an und ging langsam, ganz langsam und still davon. Drüben an der Halde legte ich mich hin und sah auf die blühenden Matten hinunter und horchte immer und meinte, ich müßte des alten Weihert harte Schläge hören; aber ich hörte ihn den ganzen Tag nicht mehr, den ganzen Tag nicht. (Nachdruck verboten.) Die 6ntwichelunc| der f euer- beftattun�. Von 28. Tie tf. Die immer mehr fortschreitende Verbreitung, welche die Feuer- bestattung in den letzten Jahrzehnten gefunden hat, läßt es wohl nicht ungerechtfertigt erscheinen, wenn ihrer auch einmal an dieser Stelle Erwähnung getan wird, und um das Interesse an dieser Art der Leichenbestattung in möglichst weiten Volkskreisen zu wecken, dürfte gerade zur Einführung nichts angebrachter sein, als in groben Umrissen einen Ucberblick über de» Entwickelungsgaug der Feuer- Lestattung zu geben. Die wesentlichen Vorziige dieser BesiattungZ- form liegen natürlich auf vollswirtschastlichem und ästhetischem Ge- biete, aber hierüber etwas zu sagen, soll späteren Abhandlungen vorbehalten bleiben. Die Aufklärung, welche wir durch die Ausgrabungen verfallener Niederlassungen längst vergangener Kulturvölker über die Sitten und Gewohnheiten eben dieser Völker erhalten haben, läßt uns erkennen, daß die Art der Leichenbestattung sich stets ganz den geologischen und klimatischen Verhältnissen der verschiedenen Landstriche angepaßt hat. Immer jedoch war das Bestreben dahin gerichtet, die sterb- lichen Ueberreste des Menschen nach Möglichkeit zu vernichten, um die Ueberlebenden vor etwaigen Schädigungen durch die der Zersetzung anheimfallenden Leichen zu schützen. So wurden in holzarmen Gegenden die Leichen dem Erdboden übergeben, in holzreichen Landstrichen war die Vernichtung durch den Scheiterhaufen üblich, in heißen Zonen wurden die Leichname den Sonnenstrahlen und der Luft zum Verdörren anvertraut und wieder in anderen Gebieten sorgten auf den Tünnen des Schweigens Adler und Geier für die Vernichtung der verweslichen Ueberreste des Menschen. Die Feuerbestattung selbst war bei fast allen vor- christlichen Kulturvölkern wenn auch nicht immer üblich, so doch aber überall bekannt, man hatte eben schon im grauesten Altertum er- kannt, daß das Feuer in kürzester Frist und am griind- lichsten alle die üblen Erscheinungeit und Folgen der Ver- wesung beseitigte, ja man hielt damals schon die Feuer- bestattung nicht nur für die zweckmäßigste, sondern auch für die würdigste Art der Bestattung. So hören wir aus uralten Ueberlieferungen von der freiwilligen Besteigung des Scheiterhaufens durch die phönizische Königin Dido und des assyrischen Königs Sardanapal, und Homer besingt in seiner schwungvollen Sprache die Verbrennung des Patroklus, Hektars und des Achilles. Aus der Zeit der Sagen und Mythen aber pflanzt sich die Feuerbestattung fort in die geschichtliche Zeit. Die Griechen Solon, Alkibiades, Alexander der Große find feuerbestattet, ebenso die Römer Caesar, PompejnS, Augustus, Tiberius und viele andere. Selbstverständlich war in Griechenland neben der Feuerbestattung auch die Erdbestattung üblich, ja diese bürgerte fich immer mehr und mehr ein, je mehr die Blüte Griechenlands erlosch, und je mehr die Wälder, aus deren Holzbeständen doch das Feuerungsmaterial ausschließlich ge- Nammen werden mußte, sich lichteten. In Rom dagegen, wo zu- nächst die Erdbestattung vorherrschend war, bürgerte sich mit seinem wachsenden ungeheuren Reichtum die Feuerbestattung immer mehr ein, selbst weniger bemittelte Leute konnten sich dieselbe gestatten und nur die allerärmsten und die Sklaven wurden in der Erde, in Höhlen und den Katakomben beigesetzt. Aber auch Rom giug seinem Verfall entgegen und mit ihm schwand die Feuerbestattung, die nur noch ein kostspieliges Vorrecht der Reichen blieb. Bei den Inden des Altertums war zweifellos die Erdbestattung vorherrschende Sitte, denn in den holzarmen Gegenden Aegyptens und Palästinas konnte unmöglich das nötige Verbrennungsmaterial er- langt werden. Und trotzdem war bei ihnen die Fcuerbestatttmg nicht unbekannt, denn aus dem alten Testament der Bibel können wir entnehmen, daß König Saul und seine Söhne, nachdem sie in dein Kampfe gegen die Philister gefallen waren, verbrannt wurden. Von einem anderen Könige. Joram, lesen wir dagegen in der Bibel: (2. Chronika, K. 21, V. 19):»Und sie machten nicht über ihn einen Brand, wie sie seinen Vätern getan hatten"... Wenn auch nicht mit Sicherheit klarzustellen ist, was mit dem Brande gemeint ist, so ist es doch ziemlich naheliegend, hier an eine Feuerbestattung zu denken. welche man als eine Ehrung für die jüdischen Könige betrachten kann, der man jedoch Joram infolge seines unsittlichen Lebenswandels nicht wollte teilhaftig werden lassen. Ebenso lesen wir von Elias. dem Propheten, der einen großen Eindruck auf das jüdische Volk ausgeübt hatte, er sei in einem„feurigen Wagen" gen Himmel ge- fahren. Kann man nicht auch hier annehmen, daß ihm seine Schüler die größte Ehrung, die ionst nur Königen zuteil wurde, angedeihen ließen, daß sie seinen Körper den Flammen übergaben? Als nun um die Zeit der größten Machtentfaltung Roms Christus seine neuen Lehren verkündete, waren die sozialen Gegensätze inner- halb der Bevölkerungsschichten ganz besonders krasse geworden. Neben dem ungeheuersten Reichtum gab es die drückendste Armut. Auch die Feuerbestattung war infolge der immerhin erheblichen Kosten mehr und mehr ein Vorrecht der Reichen geworden, während das Erdbegräbnis bei den Armen inrmer größere Verbreitung ge- funden halte. Und da sich nun die neue Lehre hauptsächlich der Armen und Unterdrückten annahm, so war eS selbstverständlich, daß die ersten Christen sich erdbestatten ließe», umsomehr, als man mit der baldigen Wiederkehr Christi und einer ebenso baldigen leiblichen Auferstehung der Toten rechnete. So wurde das Begräbnis eine christliche Sitte. trotzdem im Neuen Testament auch nicht ein Wort weder für noch gegen die Erd- oder Feuer- bestattung zu finden ist. Christus selbst schien von der Erdbestattung und seiner so viel gerühmten Poesie keine allzu große Meinung zu haben, denn nach dem Ev. Matthäus Kap. 23 V. 27 sagt er:„Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und alles Unflates." Dennoch aber, je mehr daS Christentum seines anfänglichen kommunistischen Charatters verlustig ging, jemchr fich die Macht der kirchlichen Gewalthaber befestigte, umsomehr wurde die Erbbestattung eingesührt. galt es für unchristlich und heidnisch, sich durch Feuer bestatten zu lassen. Und als daS Christentum endlich unter Konstantin d. Gr. zur Staatsreligion erhoben wurde, wurde auch den Christen direkt verboten, sich nach dem Tode verbrennen zu lassen. Ungefähr um diese Zeit kamen nun die ersten Missionare in die deutschen Gaue, um das Christentum zu predigen. Hier, in den un- geheuren Wäldern Germaniens war, nach den Aufzeichnungen und Berichten Caesars und Tacitus', bei allen deutschen Stämmen die Feuerbestattung üblich, ja man kann annehmen, daß die Erdbestattung direkt für schimpflich galt, denn Tacitus erzählt, daß die Strafe für Ehebrecher darin bestand, daß sie nach ihrer Hmrichtung ins Moor versenkt wurden. Nur langsam machte das Christentum unter den Ger- manen Fortschritte, denn mit einer außerordentlichen Zähigkeit hielten diese an ihrenSitten undGebräuchen fest und hauptsächlich waren es die Sachsen, die allen Eingriffen in ihre überlieferten Freiheiten und Gewohnheiten den verzweifeltsten Widerstand entgegensetzten. Wie groß ihr Widerstand war, beweist die Verordnung, die Karl der Große noch im Jahre 785 von Paderborn aus erließ, in der es unter anderem heißt:„Mit dem Tode soll bestraft werden, wer den Leichnam eines Menschen nach der Sitte der Heiden durch Flammen verzehren läßt und dessen Knochen in Asche verwandelt hat." Hier- mit hat nun endlich die Feuerbestattung in Europa ihr Ende er- reicht, denn mit unnachsichtlicher Strenge und Grausanikeit wurde im Sinne dieser Verordnung von den Vertretern der christlichen Nächstenliebe über die Befolgung der christlichen Sitte gewacht. Trotz- dem sind vereinzelt und in abgelegenen Gegenden sogar im 13. Jahr- hundert noch Feuerbestattungen vorgekommen. In Europa war die Erdbestattung jetzt allgemein. Nach einigen Jahrhunderten aber sollte die Feuerbestattung eine eigenartige und traurige Auferstehung feiern. Das war in der Zeit des dunkelsten Mittelalters, in der Zeit des größten geistigen Tief- standcs der breiten Voltsmassen, als der wahnwitzigste Aberglaube feine tollsten Orgien feierte, es war die Zeit der völkerzerfleischenden Religionskäinpfe, die Zeit der blutigen Inquisition unseligen An- gedenlenS. Zu taufenden flammten da die Scheiterhaufen auf, um zur höheren Ehre der allein seligmachcnden Kirche Hexen und Ketzer bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Taulende von Männern und Frauen. die nichts anderes getan hatten, als daß sie sich voll Ekel und Abscheu von dem ruchlosen Treiben der herrschenden Pfaffengesellschaft abwandten und eine Reformierung der kirchlichen Grundsätze herbeisehnten, mußten ihre Ucbcrzeugung nach vorhergegangener grausamer Folterung mit dem Flammentode büßen. Selbst vor den Männern der Wissenschaft, die durch die Ergebnisse ihrer Forschungen mit den Dogmen der Kirche in Widerspruch gerieten, machten diese Henkersknechte im Priester- gewande keinen Halt. Es sei hier nur an Joh. Huß und Giordano Bruno erinnert, die auf dem Scheiterhaufen starben und an Galilei, der nur dadurch dem sicheren Flammentode entging, daß er, um sich seines hohen Alters und seiner Gebrechlichkeit wegen weiteren Folterungen zu entziehen, einen Widerruf seiner sogenannten Irrlehren abgab. Als aber endlich die Flammen der Sckeiterhaufen zu erlöschen begannen, als nach Beendigung der fürchterlichen Religionskämpfe wenigstens die Ruhe einzog, die nötig war, um der Wissenschaft freie Entwickelung zu gewähren, da tauchte auch der Gedanke an die Feuerbestattung wieder auf. Und einer der ersten. die den Wunsch äußerten, nach ihrem Tode durch Feuer bestattet zu werden, war König Friedrich El. von Preußen. Beim Ausbruch des ersten schlcsischen Krieges bestimmte er in einer Verfügung:„Wenn man mich tötet, so will ich, daß mein Körper auf römische Art ver- brannt werde und daß man mich in einer Urne in RheinSberg bei- fetze." Er ist ja nun nicht getötet worden, und er ist auch nach feinem Tode nicht verbrannt worden, man weiß auch nicht, ob er sich später von der Feuerbestattung abgewandt hat. Jedenfalls war er bis 1752 sicher kein Gegner derselben, denn in diesem Jahre erfolgte die erste nachweisbare Bestattung durch Feuer und zwar wurde sie vollzogen an einer Tante des Königs, der verivitweten Markgräfin Sophie v. Bayreuth, die jedenfalls mit Genehmigung des Königs auf ihrem Gute in Rosdorf in Oesterreichisch-Schlesien verbrannt wurde. Und von nun an ist der Gedanke an die Feuer- bestattung nicht wieder eingeschlafen. Unsere beiden größten Dichterherocn Goethe und Schiller sind es zunächst, welche in begeisterten Worten die schöne Sitte der alten Griechen und Römer preisen. Aber auch die Taten für die Feuer» bestattung mehren sich von nun an. Im Jahre 1794 wird auf dem Marsfclde in Frankreich die Leiche des Konveutsdcputierten Dr. Beauvais verbrannt und während im Jahre 1793 die Administration des SeinedepartcmcntS die fakultative Feuerbestattung genehmigt, gestattet im Jahre 1800 der Polizei- {träfest von Paris die Kremation von Leichen. Selbst Napoleon I. spricht noch im Jahre 1821 den Wunsch anS, nach seinem Tode ver- brannt zu werden. Eine Feuerbestattung, welche in ganz Europa einen gewaltigen Eindruck hervorrief, war die. welche der Dichter Lord Byron an seinem verstorbenen Freund, dem englischen Dichter Shelley zu Viareggio in Toscana im Jahre 1822 vollziehe» ließ. Und immer weitere Kreise bekunden ihre Sympathie für die Feuer- bestattung. Jakob Grimm preist als erster in Deutschland ihre großen ästhetischen Vorzüge, Jak. Moleschott weist als erster aus ihre bedeutenden volkswirtschaftlichen Vorzüge hin und der erste, der aus medizinischen Gründen die Einführung der Einäscherung euipfiehlt, ist der Oberstabsarzt Dr. Trusen in Neijfe. Er war es auch, dir im Jahre 1855 die erste Petitisn znr Einfühmng der Feuerbestattung an das preußische Abgeordnetenhaus richtete. Nun tvar es ja klar, so romantisch wohl die alte römische Art der Ver- brennung mittels Scheiterhaufen gewesen wäre, Aussicht auf all- gemeine Durchsiihmng hätte diese Art infolge der Umständlichkeit, deL großen Bedarfs an Holz, der erheblichen Kosten usw. wohl kaum gehabt. Es mußte daher auf Mittel und Wege gesonnen werden, einen Apparat zu erstellen, der in kürzester Frist und in rationeller Weise die Vernichtung der Leichen besorgte. Und die moderne Technik, die im 19. Jahrhundert einen so ungebeuren Aufschivung nehmen konnte, fand diese Mittel uird Wege. Während in den Jahren 1869 und 1871 die internationalen medizinischen Kongresse in Florenz und Rom sich kür die Einführung der fakul- tatibeu Feuerbestattung aussprechen, hatte Friedrich Siemens den ersten rationellen Feuerbestattungsapparat in Dresden erbaut und in diesem allerdings nur provisorisch aufgestellten Ofen wurde alS erste die Leiche der Lady Dilke, Gemahlin des englischen Staatsmanns gleichen Namens, verbraunt. Im April 1871 trat auch die erste Feuer- bestailungSgesellschast in Europa ins Leben, die von Henry Toinpson gegründete Crcmation Society of England und zwei Jahre später, rm Juni 1876 konnte bereits der erste allgemeine Kongreß für Feuerbestatiung in Dresden abgehalten werden. Das gleiche Jahr brachte auch die Bollendung des ersten modernen Krematoriums der Welt und zwar wurde eS durch Polli-Clericetti in Mailand erbaut. (Schluß folgt.) kleines feuilleton. Kulturgeschichtliches. Harakiri und Blutrache in der Feudalzeit Japan s. Wie wir der im Verlage von Velhagen u. Klasing er- schicnenen Monographie von Professor Karl Rathden über Staat und Kultur der Japaner entnehmen, hatte der freiwillige Tod in der blutigen Form des Bauchaufschliycns, das Harakiri, von jeher in Japan seine besondere Bedeutung: Selbstmord, um dem Feind nicht in die Hände zu fallen, Selbstmord statt entehrender Hinrich- tung, Selbstmord als freiwillige Strafe infolge irgend eines Ver- sehcns oder Mißerfolges, Selbstmord des treuen Beamten, um den Herren, gegen dessen Mißwirtsckzaft sonstige Borstellungen nicht helfen, zur Vernunft zu bringen. Unter Umständen genügt nicht einmal das Opfer der eigenen Person. So haben wir Erzählungen von Gefolgsleuten, die ihr eigenes Kind opferten, um das Kind ihres Herrn zu retten. Daran erbaut man sich auch heute noch in historischen Dramen als an dem erhebenden Schauspiel höchster Hingebung und täte sicherlich unrecht, wenn man, wie dies von törichten Reisenden geschehen ist, den Japanern deshalb blutige Ge- fühllofigkeit vorwürfe, denn wenige Völker sind so kinderlieb, wie gerade die Japaner. Zur Treuepflicht gehörte auch die Pflicht zur Rache:„Du sollst nickt leben unter demselben Himmel noch dieselbe Erde treten mit dem Feinde Deines VaterS oder Herren", wie Kon- fuziuS, der Weife Chinas, lehrte. Die Blutrache ist eine Pflicht gegen den Toten, damit sein Geist Befriedigung finde. Selbst der Staat erkannte diese Rachepflicht der Gefolgsleute, der Samurai an, indem er nur Anzeige bei der Polizei forderte, wenn der Rächende nicht als gemeiner Mörder angesehen sein will. Medizinisches. lelg. Gefahren des elektrischen Betriebes. Die Elektrizität wird mehr und mehr im gewerblichen t'Nd täglichen Leben angewendet, und damit wächst natürlich raich ihre Gefährlichkeit. Man kann daher nicht genug. darauf hinweisen, weshalb die Ausführungen von Dr. Jcllinek(„Wiener Medizinische Wochenschrift") von großer Wichtigkeit sind. Die Gefährlichkeit einer elektrischen Starkstromanlage findet ihren Ausdruck in der Spannungsgröße. Nack den bisherigen Erfahrungen der Unfallpraxis müssen Spannungen schon von 59 Volt und auch niedriger als gefährlich bezeichnet werden. Außer der Spannungsgröße konimen aber auch noch andere Ilmstände in Betracht, und dahin gehören als äußere Faktoren die Spannung, die Stromstärke, die Polzahl und die Zeit, sowie als individuelle Faktoren die StrourauSbreitung, der Widerstand, der Körperzustand und die Tierart. Zu unterscheiden ist bei der Gefährlichkeit einer Starkstromanlage, ob stch diese in unmittcl- barer oder mittelbarer Weise bemerkbar macht. Die unmittelbare Gefahr besteht in Berührung und in Funkenbildung, die mittelbare aber in der Wärmewirkung. Kurzschlußbildung. Explosionsbildung, in elektrochemischen Erscheinungen(Bleivergiftung), in der Bccin- flussung von Schwachstromanlagen(z. B. des Telephons) und schließlich in Störungen, die durch atmosphärische Einflüsse verur- (facht werden. Der Gleichstrom erscheint nach Jellinck vom hygie- fischen Standpunkt aus gefährlicher als der Wechselstrom. Was die Gesundheitsstörungen anbetrifft, so haben wir bei solchen lokal:(äußere) und allgemeine Erscheinungen zn unter- scheiden. Die letzteren bieten oft ein wcchsclvolles Bild, weil das Nervensystem und in Abhängigkeit davon die Muskeln nach den ver- schiedcnstcn Richtungen bin in Mitleidenschaft gezogen werden tonnen, ferner aber auch die Herz- und Lungentätigkeit beeinflußt tvird. Somit gibt es keine Schablone des elektrischen Unfalles und de? Todes durch Eclektrizität, der in den meisten Fällen ein Schein- tod ist. Die erste Hülfeleistung, wie sie auch der Laie ausüben kann, besteht vor allen Dingen in der Befreiung aus dem Strom- kreise, wobei sich die Retter aber auch sehr in Acht nehmen müssen, daß sie genügend isoliert sind, wenn cS nicht gleich gelingt, den Strom abzustellen. Ferner ist eine Lagerung mit leicht erhöhtem Kopfe und dann die künstliche Atmung am Platze, wobei jedoch darauf zu achten sein wird, daß nach Mahlzeiten der Mageninhalt nicht in die Luftröhre und damit in die Lungen gelangt, weil sonst ernstere Erscheinungen in diesen Organen zu befürchten sind. Der Aderlaß, die Punktion des Rückcnmarkkanals, Einspritzungen von Kampfer und Adrenalin unter die Haut, sowie eine nochmalige An- Wendung des tödlichen Starkstromes sind Sachen des Arztes. Die Hauptsache wird darin bestehen, daß man die Vorbeugung?- maßregeln beachtet, die gerade bei den Gefahren des elektrischen Betriebes sehr wichtig sind. In erster Linie handelt cS sich um strenge Einhaltung und Durchführung der bekannten Sichcrheits- borschriften, dann aber um eine Belehrung der Schuljugend und Aufklärung der breiten Volksmasscn, besonders der Arbeiter in den elektrischen Betrieben, schließlich aber um ein fortgesetztes syste- matisches Studium und um die Erforschung der sich darbietenden Erscheinungen auf dem neuen Grenzgebiete der Medizin und Elektrotechnik. Techuisches. Ein tecknisch-hhgieni scher Fortschritt in der Porzellanfabrikation. Das Porzellan bedarf, nach- dem es geformt und gebrannt ist, noch einer ge- wissen Politur, die früher zu den ungesundesten Ver- richttingen in der Industrie gezählt wurde und erst in jüngster Zeit einige wesentliche Reformen zum Wohl der damit beschäfttgten Arbeiter erfahren hat. Das Polieren oder Scheuern des Porzellans besteht darin, daß die Oberfläche der Gegenstände von rauhen Teilcken gereinigt wird, die ihr im Brennofen anfliegen. Ur- sprünglich wurde diese Arbeit in ganz primitiver Weise von jungen Mädchen vorgeuoinmen. die das Porzellan einfach mit einer harten Bürste oder mit Stroh abrieben. Dadurch entstanden ganze Wolken von Staub, die natürlich von den Arbeitern eingealmet wurden, und die Folgen mußten sich in schwerer Form bemerkbar machen, weil dieser Staub aus äußerst scharfen Teilchen bestand, die zu Verletzungen der Atmliiigswege und- schließlich zu Lungeillrankheiten siihrlen. Eine wesentliche Vcrbesse- rung wurde erst vor etwa 29 Jahren durch Einführung eines Fächers zur Ventilation bewirkt; auck wurde die Benutzung von Sandpapier möglichst eingeschränkt. Weiterhin wurden gesetzliche Vorschriften gemacht, wonach die Arbeiter oder Arbeiterinnen besondere Kopf- bedcckmigen zum Schutz wagen mußten, und auch für die Rein- Haltung der Arbeilsstätte und für reichliche Waschgelegenheit wurden strenge Bestimmungen erlassen. Da auch diese Maßnahmen»och nicht ausreichend erschienen, wurde eine allmonatliche ärztliche Nmerslichung der Arbeiter und eine besondere Vorrichtung zur mechanischen Slaubbescitiguiig angeordnet. In den englischen Porzellanfabriken sind derartige Bestimmungen jetzt seit etwa zehn Jahren in Kraft und haben nach einem Bericht, der jetzt im„Laucer" erörtert wird, höchst befriedigende Ergebnisse erzielt. Die so- genannte Lungcnsibrose, die früher unter de» Töpfern und insbesondere unter den mit der Porzellanpolitur beschäftigten Arbeitern ein überaus häufiges Leiden war. ist jetzt in dieser Industrie verhältnismäßig selten geworden, und so ist wieder ein glänzendes Beispiel dafür gegeben, wie eine Berufskrankheit durch einträchtige Bemühungen von Wissenschaft, Technik und Gesetz- gebung ausgerottet werden kann. Da» eigentliche Ziel der Enl- Wickelung mußte aber fett langem darin gesehen werden, daß diese Bearbeitung des Porzellans überhaupt nicht mehr mit der Hand, sondern durch besondere Maschinen vorgenommen werden sollte, und endlich scheint mich dieser Wunsch seine volle Erfüllung erhalten zu haben, indem eine solche Maschine erfunden und auch bereits erprobt worden ist. Sie besteht aus einen, Stahlzylinder, dessen Inneres in verschiedene Abteilungen zur Aufnahme der Porzellan- gegenstände geteilt ist. Bevor der Zylinder gefüllt wird, kommr eine bcstünmt abgewogene Menge von feingemahleiien Scherben hinein, die zn einem Mehl von begrenzter Korngröße durchgesiebt worden sind. Nachdem dann die Porzellanwaren in de» Kämmen, des Zylinders untergebracht sind, wird dieser mit etwa fünfzehn Umdrehungen in der Minute in Bewegung gesetzt. Da« durch gerät das Porzellan in einen Regen der scharfen Sand- teilchen, der die Politur gründlich besorgt. Der dabei e»tstehe»de Staub wird durch einen Luttstrom aus dem Zylinder heraus- gesogen und durch einen Ventilator beseitigt. In England ist das neue Verfahren bereits von den größten Porzellan- fabriken angenommen worden. MS seine besonderen Vorzüge werden genannt: bessere Politur der Ware als durch die Dreh- bürste. Erzielung einer glatteren Oberfläche und leichtere Entdeckung von Fehlern; völlige Ausschaltung des Gebrauchs von Sandpapicr; Verminderung der notwendigen Arbeiterzahl um ein Vscrtel; eine erhebliche Verbilligimg und schließlich, was die Hauptsache ist. völlige Beseitigung jeder Gefahr für die Arbeiter. Der Zylinder kann für alle Arten von Porzellanwaren gebraucht werden bis ans solche mit besonder? unregelmäßigen Formen, die in der Maschine zerbrechen könnten und daher nach wie vor auf andere Weise gescheuert werden müssen, am besten durch ein Sandgebläse. Perantw. Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin.— Druck p. Verlag vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin S\V,