Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 39. Dienstag den 25 Februar. 1908 (SdSSvuiJ verboieo.) 39] Schilf und Schlamm. Roman von Bicente Blasco Jbanez. Es war sehr schwer, sie zu ertappen. Die Samaruca mußte Neletas Verschlagenheit anerkennen und geriet fast in Verzweiflung. Um Klatschereien zu vermeiden, hatte die Wirtin die Magd verabschiedet und sie durch ihre Tante er- setzt, eine willenlose, alte Person, die sich in alles fiigte und vor dem leidenschaftlichen Geiste ihrer Nichte und dem Reich- tum der Witwe eine gewisse Achtung hegte, in die sich auch ein gutes Teil Furcht mischte. Der Vikar Don Miguel, dem man von dem geheimen Treiben der Samaruca erzählt hatte, stellte Tonet mehr als einmal, um ihn zu ermahnen, er solle doch den Skandal meiden. Warum er sich denn nicht verheiratete? Die Leute. die ihnen wegen des Testaments nachspürten, konnten sie eines Tages überraschen, imd man würde von der Sache in dem ganzen Albuferabezirk schwatzen. Wenn Neleta auch einen Teil ihrer Erbschaft verlor, war es doch immer besser, ohne Heimlichkeiten und ohne Lüge nach den Gesetzen Gottes zu leben. Der Kubaner zuckte die Achselm Er wünschte die Heirat, aber an ihr war es, einen Entschluß zu fassen. Neleta war die einzige Frau in Palmar, die trotz ihrer gewöhnlichen Sanftnmt imstande war, dem schrecklichen Vikar gegenüberzutreten: sie war entrüstet als sie seine Vorwürfe vernahm. Das waren ja alles Lügen. Sie lebte, ohne irgend jemand etwas zu Leide zu tun. Sie brauche keine Männer. Sie brauchte einen Diener in der Schenke und hatte Tonet genommen, der seit ihrer frühesten Kindheit ihr Kamerad war... Konnte sie nicht beanspruchen, daß man ihr in einem Hause, wo es so viel zu tun gab, wie in ihrem, etwas mehr Vertrauen schenkte? Ach, sie wußte recht wohl, das Ganze kam nur von den Verleumdungen der Samaruca. damit sie ihr die Reisfelder zum Geschenk machte, die ihr seliger Mann hinterlassen: die Hälfte eines Vermögens, an dessen Aufbau sie als ehrenwerte und arbeitsame Gattin mit- gewirkt hatte. Doch sie konnte lange warten, die alte Hexe, tvenn sie auch nur auf so viel von der Erbschaft rechnete! Der Albuferasee würde sein ganzes Wasser verlieren, bevor dieses Wunder sich ereignete. Das Gefühl des Geizes, das allen Landleuten eigen ist, enthüllte sich bei Neleta mit einer Heftigkeit, die der größten Gewalttaten fähig war. Es war in ihr der Instinkt der zahl- reichen Fischergenerationen erwacht, die stets im Elend lebten und neidisch den Reichtum derer bewundern, die Felder und Accker besaßen und den Wein au die Armen verkauften, um sich so langsam, aber sicher, des Geldes der ganzen Gegend zu bemächtigen. Sie erinnerte sich an ihr Hungerleben in der KilwHeit, an die traurigen Tage, wo sie demütig, in der Hoff- mmg, Toncts Mutter würde Mitleid mit ihr haben, vor der Tür der Palomas erschien: sie dachte, welche Anstrengungen sie hatte machen müssen, um sich ihren Gatten zu erobern, und wie schwer es ihr geworden war. ihn während seiner end- losen Krankheit zu ertragen, und jetzt, da sie die reichste Frau von Palmar war, sollte sie aus Grund leerer Gewissensbisse ihr Vermögen mit Leuten teilen, die ihr nur stets zu schaden versucht? Sie fühlte sich eher fähig, ein Verbrechen zu be- gehen, als ihren Feinden auch nur einen Heller zu überlassen. Wenn sie an die Möglichkeit dachte, die Samaruca könne einen Teil dieser schönen Reisfelder besitzen, die sie so sorgfältig bebaute, sah sie Blut und ihre Hände krumpften sich mit derselben Wut, mit der sie ihrer Feindin in Ruzafa ins Gesicht gesprungen war. Der Besitz des Vermögens hatte sie verwandelt. Gewiß liebte sie Tonet sehr, doch wenn sie zwischen ihm und ihren« Vermögen hätte wählen müssen, so hätte sie keinen Augenblick gezögert, den Geliebten zu opfern. Sie war Tonets Geliebte, sie würden sich früher oder später verheiraten, da ihr Leben für immer mit dem de? Kubaners verkettet war, doch wenn sie durch ihn nur den kleinsten Teil ihrer Erbschaft verlieren würde, so wollte sie ihn nie mehr wiedersehen. Darum nahm sie die schüchternen Vorschläge, die ihr Tonet eines Abends in der tiefen Stille des«bercn Stockwerks der Schenke zuflüsterte, mit Entrüstung auf. Dieses verlogene, heuchlerische Leben bedrückte den Kubaner: er wünschte, der berechtigte Herr der Schenke zu werden, er wollte mit seiner neuen Stellung vor aller Welt aus dem Schatten heraustreten und sich in den Augen der Leute wieder erheben, die ihn verachtet hatten. Wenn sie ihn liebte, warum heiratete sie ihn denn nicht? Während Tonet diese Worte in der Dunkelheit de? Schlafzimmers sprach, hörte man das Knistern der Mais« blätter in der Matratze, daS die ungeduldigen Bewegungen Neletas hervorbrachte. Ihre Stimme klang rauh, wie es in den Augenblicken der Wut immer bei ihr der Fall war»,» Also auch er? Nein, mein Junge: sie wußte, was sie zu tun hatte unF verlangte keine Ratschläge. Es ging ihnen ja ganz gut so. Fehlte ihm etwas? Verfügte er nicht über alles, als wenn er der Herr gewesen wäre? Warum den Luxus, sich von Don Miguel segnen zu lassen, und die Hälfte des Vermögens nach der Zeremonie den schmutzigen Händen der Samaruca z» schenken? Lieber würde sie sich den Arm abschneiden, als sich ihre Erbschaft verstümmeln lassen. Außerdem kannte sie die Welt: sie kam zmvcilen aus der Gegend heraus, in die Stadt, wo die Herren ihre große Leichtigkeit im Ausdruck bewunderten: sie hatte erkennen müssen, daß das, was in Palmar als ein Vermögen erschien, außerhalb deS Albuserasees höchstens ein vergoldetes Elend wäre. Sie war nicht dazu geschaffen, stets zum Trinken ein- zuschenken und mit Trunkenbolden m leben: sie wollte ihre Tage in Valencia, in einer schönen Wohnung beschließen und dort wie eine vornevme Dame leben, die ihre Zinsen verzehrt. Sie würde daS GeldauSleihen besser verstehen als(ianamcl; sie würde es schon anzustellen wissen, daß ihr Vermögen mit unaufhörlicher Fruchtbarkeit sich vermebrte, und wenn sie wirklich reich war, dann würde sie sich vielleicht entschließen, mit der Samaruca zu verhandeln und ihr anbieten, wa? dann in ihren eigenen Augen nur einen elenden Bissen bildete. Wenn es so weit war, konnte man von Heirat sprechen: wenn er sich bis dahin gut betrage und ihr ohne Widerrede gehorcht hatte. Aber jetzt, nein. Achtung, nur sich nicht übereilt ver- heiraten und nur ja keinem Geld geben. Ehe sie das tat, lieber wollte sie sich wie einem Schlei den Leib aufschlitzen lassen. Sie sprach ihre Ansichten mit einer solchen Energie an?, daß Tonet nicht zu widersprechen wagte. Dieser Bursche, der allen im Dorfe durch seine Kraft zu imponieren behauptete, fühlte sich von Neleta beherrscht. Er hatte tatsächlich Furcht vor ihr, denn er war ihrer Zuneigung vielleicht nicht mehr so sicher, als er es zu Anfang geglaubt. Sticht daß Neleta seiner Liebe müde gewesen wäre. Sie liebte ihn, doch ihr Reichtilm verlieh ihr eine große lleberlegcnheit über ihren Geliebten. Vier Monate dieses fast ehelichen Lebens wären verflossen, ohne daß ein anderes Hindernis aufgetaucht wäre, als die mit leichter Mühe vereitelte Wachsamkeit der Sama- ruca. Tonet konnte einen Augenblick glauben, seine ehelichen Wünsche würden in Ersiillnng gehen. Da zeigte sich Neleta sorgciwoll und nahm plötzlich eine ernste Miene an. Die wagerechte Falte zwischen ihren Brauen war das Zeichen peinlicher Gedanken, llnter dem unbedeutendsten Vorwande zankte sie Tonet aus: sie beschimpfte ihn, stieß ihn zurück, jammerte über ihre Liebe, verfluchte den Augenblick der Schwäche, wo sie ihm nachgegeben hatte, und warf sich plötzlich von neuem in seine Arme, als wäre der Kummer, unter dem sie litt, doch nicht mehr gutzumachen. Schließlich, eines Nachts, enthüllte ihm Neleta unter wütendem Zähneknirsthen ihr Geheimnis. Sie fühlte sich Mutter. Tonet war gleichzeitig zerschmettert und freudig erregt, während sie in ihrem Gejammer fortfuhr. Als der erste Augeublick der Ueberraschung vorüber war. fragte er sie mit schüchterner Miene, was sie unter solchen Umständen zu tun gedenke. Auö der zitternden Stimme ihres Geliebten erriet sie seine geheimen Gedanken und begann mit ironischer und spöttischer Miene, die ihn ivit einem Schlage auf den Grund ihrer Seele sehen ließ, laut und höhnisch zu lachen. Er bildete sich also wirklich ein, daß sie sich deshalb verheiraten würde? Da kannte er sie schlecht. Er konnte sicher sein, daß sie sich eher umbringen würde, als ihren Feinden zu weichen« Was ihr gehörte, geHorte ihr, vnd sie tvurhe es zu verteidigen wissen. Tiesmal würde sich Tonet noch nicht verheiraten, und übrigens gäbe es für alles Mittel auf der Welt. Toch die Zeit verging und alle Mittel blieben wirkungslos. Neleta weinle vor Verzweiflung und klagte Tonet an, er wäre an ihrem Unglück schuld. Er allein war der Schuldige, durch ihn war ihre Zukunft aufs Spiel geseht. Mit wilder Wut haßte sie das Wesen, das sich jetzt in ihrem Schöße regte. Auch Tonet haßte es, denn er sah in ihm eine Gefahr. Durch den ewigen Verkehr mit ihr war er ebenso feige ge- worden wie Neleta, und dachte nicht ohne Schreck an den Ver- lust eines Teiles dieser Erbschaft, die er schließlich als die seinige betrachtete. Tie Monate vergingen. Sie schminkte sich und gebrauchte alle Mittel ihrer billigen Parfümerie, um sich in der Schenke frisch, ruhig und schön zu zeigen, ohne daß jemand die Shmptome ihres Zustandes auf ihrem Gesicht lesen konnte. Die Samaruca, die wie ein Hund um das Hans herum- schnupperte, ahnte etwas Ungewöhnliches und warf forschende, scheue Blicke hinein, wenn sie an der Tür vorüberging. Die meisten Frauen begannen mit der Erfahrung ihres Ge- schlechtes zu erraten, wie es um die Wirtin stand. Eine Atmosphäre des Argwohns und des Mißtrauens schien sich um Neleta zu bilden. Es wurde vor den Türen der Hütten viel getuschelt. Tie Samaruca und ihre Verwandten stritten sich täglich mit den Frauen, die ihren Behauptungen keinen Glauben schenken wollten. Neleta aber, die die Ursache des überaus starken Verkehrs in ihrer Schenke erriet, enipfing die neugierigen Weiber, die sich jetzt jeden Augenblick an sie drängten, mit spöttischem Lächeln. Doch diese unverschämte Heiterkeit, die Keckheit, mit der sie die Neugierde der Weiber über sich ergehen ließ, schwand sofort, wenn die Nacht nach eineni Tage gualvollen Zwanges hereinbrach. In den Momenten der Verzweiflung sprach sie davon, zu fliehen, die Schenke der Obhut der Tante zu über- lassen und sich in einen Vorort der Stadt zu flüchten, bis diese entsetzliche Situation vorüber war. Toch bei längcrem Nachdenken sah sie die Nutzlosigkeit dieses Versuches ein. Das Bild der Samaruca erschien vor ihren Augen. Fliehen hieß dem erst Gestalt geben, was bis jetzt nur unklarer Verdacht war. Wo hätte sie auch hingehen können, ohne von der wütenden Schwägerin Canamels verfolgt zu werden? Außerdem näherte man sich dem Ende des Sommers. Zur Zeit der Reisernte erregte sie sicherlich durch ihre un- gerechtfertigte Abwesenheit die Neugier aller, denn man kannte sie allgemein als eine Frau, die sorgfältig auf ihre Interessen bedacht tvar. (Fortsetzung folgt.) Hua dem Leben der Bewohner des Bismarckarchipels. Die wissenschaftliche Erforschung von Land und Leuten der Südsee-Jnseln ist gegen die praktischen Bedürfnisse, die Forde- ruugen des Kaufmannes und des Pflanzers leider bei weitem zurückgetreten. Erst in neuerer Zeit bemüht man sich auch nach der wissenschaftlichen Seite, über die weit zerstreuten Inseln in der Südsee die nötige Aufklärung herbeizuführen. In diesen Tagen ist nun R. Parkinson mit einem fast 900 Seiten umfassenden Werke an die Oeffentlichkeit hervorgetreten, das Land und Leute» Sitten und Gebräuche in dem deutschen Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomo-Jnseln mit einer Gediegenheit und Gründlich- keit beherrscht, die loohl ihren Hauptgrund in den vielfachen Er- fahrungcn und Beobachtungen hat, die der Verfasser während seines ZOjährigen Aufenthaltes in der Südsce sammeln konnte. Höchst interessant ist in dem Werke„Dreißig Jahre in der Südsce" lVerlag Strecker u. Schröder, Stuttgart), was der Verfasser über die ver- schiedencn Einrichtungen und LebenZgewohnheiten der Bewohner sagt. Im südlichen Neumccklenburg, wo wie auf der Gazcllchalbinscl die Kaufehe üblich ist, herrscht stellenweise eine eigentümliche Sitte, die vielfach als Rcisefabel angesehen worden ist, aber dennoch auf Wahrheit beruht, nämlich die zeitweilige Absperrung der jungen Mädchen vor der Verheiratung. Innerhalb einer dicht geschlossenen Hütte wird ein kleines Gelaß errichtet, hergestellt aus einigen leichten Stangen, bekleidet mit Kokosmatten. Hier hinein begibt sich das junge Mädchen und ist nun auf lange Zeit nur den Eltern sichtbar, die sie mit ausgesuchter Speise reichlich nähren und sie am Abend behufs Verrichtung der Notdurft ins Freie geleiten. Diese Klausur dauert nach Aussage der Eingeborenen 12 bis 20 Monate. Tas junge Mädchen erreicht ivährend dieser Zeit einen bcträcht- lichen Körpcrumfang, und die Haut bleicht stark ab, so daß man nach einer gründlichen Waschung eine etwas dunkel geratene Samoanerin vor sich zu sehen glaubt. Sowohl die plumpen Körper- formen wie die Helle der Haut werden als besondere Schönheits- Merkmale angesehen. Eine derartig gemästete Schönheit ist Parkin- son nur einmal zu Gesicht gekommen; sie war erst zwei Tage aus der Gefangenschaft entlassen und einer gründlichen Waschung unterworfen worden, die sehr wohl notwendig gewesen sein mag» da das Waschen während der Klausur für unnötig erachtet wird. Sie war anscheinend einer öffentlichen Ausstellung unterworfen, denn viel Volk saß bewundernd rings herum und auch unser Ge- währsmann wurde eigens herbeigeholt, um seiner Bewunderung Ausdruck zu geben. Die Mast hatte in diesem Falle gut ange- schlagen. Die Kleine, die etwa 14 Jahre alt sein konnte, war in Wirklichkeit„fett wie ein Schwein", und die neben ihr fitzenden Weiber streichelten bewundernd die fetten Arme und Schenkel und tätschelten entzückt die dicken Wangen. Im Süden von Neumecklenburg, ebenso auf der Gazellehalb- insel, finden wir den Kauf der Frauen durch die Familienältesten» die dann das gekaufte Mädchen an jüngere Stammesangehörige abgeben. In Neuhannovcr und in Nord-Neumecklenburg ist dieser Gebrauch zum Teil auch vorhanden, jedoch nicht in dem Matze wie im Süden. Die jungen Mädchen führen dort im ganzen ein weit freieres und ungebundeneres Leben, bis sie schließlich einen Gemahl erwählen. An sehr vielen Stellen ist es nicht der junge Mann, der die ersten Schritte macht, sondern das junge Mädchen, das durch Vermittlerinnen dem Betreffenden kundtun läßt, daß sie ihn durch ihre Wahl zu beglücken gedenke. Ist der Erwählte damit ein- verstanden, dann leben sie hinfort zusammen als Mann und Weib. Geschenke werden ausgetauscht und ein Festessen wird veranstaltet. Tie Ehen werden aber ausschließlich zwischen zwei Individuen ge- schloffen, die verschiedene Totem- und Stammeszeichen haben. Ehen innerhalb einer Totemgruppe finden niemals statt, und gcschlecht- licher Umgang zwischen Gliedern derselben Totemgruppe wird als Blutschande angesehen und mit dem Tode bestraft. Von großer Stabilität ist die Ehe im Norden nicht. Die beiden Parteien können sich nach Belieben trennen, und die Frau geht dann zu ihrer Sippe zurück und mit ihr etwaige während der Ehe geborene Kinder. Auch Weibertausch kommt häufig vor, immer jedoch nur zwischen Mitgliedern einer und derselben Totemgruppe. Durch dies recht lockere Verhältnis leidet nun der Stamm und das Volk überhaupt in hohem Maße, denn die Weiber sehen Kinder als ein unbequemes Anhängsel an und gebrauchen die verschiedensten Mittel zur Abtreibung der Leibesfrucht. Polygamie ist überall er- laubt; nach dem Obengesagten ist es jedoch begreiflich, wenn sie nur in einzelnen Fällen zur Ausübung kommt. Die Geburt des ersten Kindes wird immer mit großen Schmausereien gefeiert. Eine eigentümliche Sitte ist, daß bei dieser Gelegenheit Schein- kämpfe zwischen Männern und Weibern stattfinden. Die erstcren bewaffnen sich mit kurzen, dabei aber recht derben Stöcken, die letzteren ergreifen Steine, Erdschollen, harte Früchte und der- gleichen, und beide Parteien gehen anscheinend erbittert auf ein- ander los. Nach einem kurzen Kampf, wobei es recht tüchtige Hiebe setzen kann, trennt man sich unter Lachen und Necken und setzt sich befriedigt zum Mahl. Bei allen Festlichkeilen auf Ncumecklenburg darf das Schwein nicht fehlen. Je größer die Anzahl der Schweine und je größer die Exemplare, desto mehr Ruhm erntet der Festgeber. Bei einem Feste zu Ehren eines Verstorbenen in einem Dorfe auf der Nordostküste zählte Parkinson gelegentlich 37 Schweine, 80 bis 200 Pfund wiegend, daneben waren wohl etwa 9000 bis 6000 Pfund Taroknollen aufgestapelt, gegen 300 Bananenbündel und wohl ebenso viele der runden, käseartig geformten Sagopakete. Das Schlemmen dauert bei solcher Gelegenheit denn auch mehrere Tage, und die Teilnehmer vertilgen ungeheure Quantitäten, die einem europäischen Zuschauer das höchste Erstaunen abnötigen. Portionen von 4 bis 5 Pfund Schweinefleisch, ebensoviel Taro, einige Handvoll Bananen und eine Anzahl Sagokuchen vertilgt ein einzelner ohne merkbare Anstrengung. Besondere Gebräuche bei Eintritt der Pubertät finden nicht statt. Der Knabe übt sich mit seinen Altersgenossen im Speer- werfen und geht, wenn er größer ist, mit den älteren Leuten auf den Fischfang. Ist er groß genug, dann zieht er mit ihnen in den Kampf. Die Mädchen halten sich an ihre Mutter, gehen mit ihr aufs Feld und werden schon früh im Tanzen unterrichtet. Wenn sie größer sind, knüpfen sie eine Liebschaft an, eine heimliche oder eine öffentliche, bis sie sich dann gelegentlich verehelichen und unter die Haube kommen. Dies ist kein bildlicher Ausdruck, denn in der Tat legen alle verheirateten Frauen nach der Eheschließung eine aus Pandanusblättcrn gefertigte Haube, gogo, an, die eine ent- fernte Aehnlichkeit mit den altpreußischen Grenadicrhauben hat. Diese Haube wird in Gegenwart der Männer stets aufgesetzt und nur abgelegt, wenn die Frau sich unbeachtet weiß. Knaben und Jünglingen gegenüber ist man nicht sehr sorgfältig, jedoch erforoert die Etiquette, daß man bei dem Herannahen eines älteren, ver- heirateten Mannes den gogo sofort aufstülpt. Diese Sitte ist aus Neuhannover eingeführt und hat sich über einen großen Teil von Nord-Neumecklenburg verbreitet. Auf den später zu erwähnenden Schnitzwerken finden wir die dargestellten Wcibersiguren häufig mit dem gogo bekleidet, ein Zeichen, daß dies Schnitztverk zu Ehren einer verstorbenen Ehefrau hergerichtet woroen ist. Mit Ausnahme des gogo ist die Frau nicht allzu reichlich mit Bekleidung geplagt. An einer Schnur, die um den Bauch gelegt ist, hängt vorn ttne hinten ein Büschel aus Faserstoff, der teils in naturfarbenem Zustand, teils rot gefärbt ist. Junge Mädchen geigen sich, wie die Natur sie erschaffen, und die Männer gehen gleichfalls ausnahmslos im adamitischen Kostüm. In der Neuzeit bedecken sich beide Geschlechter mit bunten Kalikostoffen; die Männer stolzieren in Hose, Jacke und Hut herum und sehen in diesem zivilisierten Aufzug unbeholfen und vielfach auch recht unsauber aus. Die unbekleideten braunen Gestalten der früheren Zeit machten unstreitig einen bedeutend angenehmeren Eindruck auf den fremden Beschauer. Tanz und Gesang werden auf keiner Insel des Archipels so sehr gepflegt wie bei den Neumecklenburgern, wahrscheinlich, weil die tägliche Arbeit ihnen für dies Vergnügen hinreichend freie Zeit übrig läht. Nirgendwo sonst im Archipel finden wir eine solche Mannigfaltigkeit der Tänze mit so verschiedenen Figuren. Auch hier sind die Tänze mimische Darstellungen, und jede einzelne Be- wegung ist genau erwogen und einstudiert, so daß eine Gruppe geübter Tänzer in der Präzision der Bewegungen es getrost mit einem europäischen Ballett aufnehmen kann. Die unserem Ge- währsmann zu Geficht gekommenen Tanzaufführungen lassen sich einteilen in erotische Tänze, Kriegs- und Kampftänze, Tänze, die pantomimische Darstellungen gewisser Ereignisse sind, und Tänze, die dem Totem oder dem Stammesemblem gewidmet sind. Diese Einteilung gilt jedoch nur für die Männertänze, die Weibertänze sind nicht in ein bestimmtes System hineinzubringen. Die Waffen der Neumecklenburger sind von denen der übrigen Archipelbewohner nicht wesentlich verschieden und bestehen in Keulen, Speeren und Schleudern nebst Schleudersteinen. Speer und Schleuder sind bei weitem am gangbarsten. Schmuck ist im ganzen bei den Neumecklenburgern weniger gebräuchlich als bei den anderen Archipelbewohnern. Die Bemalung des Körpers mit roter, weißer oder schwarzer Farbe ist bei Festlichkeiten üblich. Dagegen fehlt der Federschmuck fast gänzlich, nur im südlichen Neumecklen- bürg ist er hier und da gebräuchlich. Da der Kasuar und der Kakadu auf der Insel fehlen, so fällt der wirksame Schmuck aus den Federn dieser Vögel ganz aus. Die Eclectusarten und andere Papageien sowie einige Möwenarten liefern das ausschließlich: Material. Auf die Haarfrisur verwendete man früher eine weit größere Sorgfalt als heutzutage. Der Bart besteht aus einem Schnurrbart und aus kurzen Bartkoteletten, die sich vom Ohr herab bis zu den Schnurrbartspitzen hinziehen; die Bärte werden nicht selten mit weißem Kalkbrei betupft. Dennoch sind Bärte nicht die Regel, neben bärtigen Männern sieht man ebensoviele bartlose Individuen. Vollbarte sind nicht häufig, man findet sie hier und da bei älteren Männern. Ziernarben sind mehr oder weniger ge- bräuchlich und werden auf den Armen, Schultern und der Brust angebracht ohne besondere Regel in der Anordnung. Tätowieren ist nur im Distrikt Siara üblich. Halsbänder gab es früher in recht verschiedenen Anordnungen, heute sind auch sie von europäischen Glasperlen fast völlig verdrängt. Ein Schmuck, der sich noch immer gehalten hat, ist der Brustschmuck, kapkap genannt. Das kapkap besteht aus einer runden, weißen Scheibe von 3 bis 20 Zentimeter Durchmesser, die aus dem dicken Teil der Tridacnamuschel mit großer Mühe geschliffen wird und einer dünnen Alabasterplatte nicht unähnlich sieht. Auf diese Scheibe legt man eine dünne Schildpattplatte, die mit äußerster Sorgfalt mit einem Muster in durchbrochener Arbeit versehen ist. Die dunkle Schildpattschale mit ihrem zierlichen Muster hebt sich wirkungsvoll von der darunter liegenden weißen Fläche ab. Armringe waren früher weit häufiger als jetzt, sie sind teilweise durch Nachbildungen aus Steingut, oie in Deutschland und England angefertigt werden, ersetzt worden. Die Durchbohrung des Nasenseptums sowie die Erweiterung des Ohrläppchens ist sowohl in Neuhannover wie in Neumecklen- bürg üblich, namentlich in der Nordhälste. In das Loch des Nasenseptums steckt man einen 6 bis 8 Zentimeter langen, aus Tridacnaschale geschliffenen Stab, die Ohrläppchen werden durch eingeschobene Ringe aus aufgerollten Palmblättern erweitert, die leicht sedern und das Loch daher langsam vergrößern. Der letztere Schmuck ist sowohl bei Männern wie bei Frauen üblich. Der sonst bei den verschiedenen Festlichkeiten gebräuchliche Schmuck besteht aus Blumen, aus bunten und wohlriechenden Kräutern, womit Kopf, Hals, Rumpf und Gliedmaßen geschmückt werden; namentlich die brennend roten Hibiskusblüten sind, wie wohl bei allen Me- lanesiern, ein bevorzugter Schmuck, der sich von den dunklen Haaren und der braunen Haut wirkungsvoll abhebt. Der Häuserbau darf für den größten Teil von Neumecklsnburg als ein höchst sorgfältiger bezeichnet werden. In Neuhannover ist die Hütte ein längliches Viereck, dessen Längsseite etwa zweimal so groß ist als die Breite. Auf den niedrigen Seitcnwänden ruht ein sanft gebogenes Dachgerüst aus dünnen Stöcken, gedeckt mit den Blättern der Sagopalme oder der Kokosnuß. Die geraden Giebel- enden sind mit Matten verkleidet, die sorgfältig geflochten ver- schiedene Rauten- und Zickzackmuster aufweisen. Der Eingang ist ,n der Regel in dem einen Giebelcnde. Teils um die Seitenwände gegen Angriffe von Speerwerfern zu schützen, teils auch um das nötige Brennmaterial stets zur Hand zu haben, stapelt man unter dem überhängenden Dach gespaltenes und zerkleinertes Holz auf. In dem Inneren der Häuser ist der Herd, auf dem die Nahrungs- mittel bereitet werden. Er besteht aus einer kreisrunden, etwa einen Meter im Durchmesser haltenden flachen Grube, in der die Koch- steine liegen, d. h. faustgroße Steinbruchstücke, die zunächst glühend gemacht werden und auf die dann die gar zu machenden Speisen gelegt werden. Andere heiße Steine kommen auf die Speisen, und das Ganze wird dann mit einer dicken Blätterschicht bedeckt, die erst wieder entfernt wird, wenn die Speisen gar sind. Neuerdings beginnen separate Kochhäuser sich einzubürgern, ein Gebrauch, den heimkehrende Insulaner aus der Fremde mitbrachten. Weiter im Süden wird der Häuserbau primitiver. Auf der Ostküste find die Wohnstätten noch recht sorgfältig gebaut, auf der Westküste sind sie dagegen zum Teil große, bienenkorbartige Dächer mit einer niedrigen Türöffnung, durch die man nur kriechend hin- durchschlüpfen kann. An manchen Orten wird innerhalb der Hütte der Boden etwa ein Meter tief ausgehoben, und der Aufenthalt in diesen halb unterirdischen Höhlen ist alles andere als angenehm. Im ganzen Süd-Neumecklenburg find die Wohnhäuser von Stein» wällen umgeben, wahrscheinlich, weil man hier überall eine in» tensive Schweinezucht treibt und es als notwendig erkannt hat, die Häuser vor den Besuchen der Rüsieltiere zu schützen. Die Ein- geborenen sind nämlich, was die Reinlichkeit ihrer Wohnung an- langt, anspruchsvoll, und der Boden ist immer sauber gefegt oder, wo das Material vorhanden ist, mit einer dicken Schicht weißen Seesandes bedeckt. Hausgerät beschwert den Eingeborenen hier ebensowenig wie im übrigen Archipel. Die geringen Habseligkeiten, Speere und Fischgerät, liegen auf den Querhölzern des Daches oder hängen von ihnen herab. Eßwaren, in Palmkörben verpackt, stehen über- einander in den Ecken oder hängen, wenn sie den Angriffen der Ratten ausgesetzt sein sollten, auf Holzhaken unter dem Dache. Die Schlafstätte ist äußerst einfach und besteht aus einigen Kokos- matten auf der bloßen Erde oder aus einer niedrigen Pritsche, be» stehend aus fünf bis sechs nebeneinander gelegten Blattstielen der Sago- oder der Kokospalme, manchmal auch aus armdicken Rund» hölzern ohne weitere Bearbeitung. Auf diesen schmalen Bänken, die selten mehr als 30 bis 40 Zentimeter breit sind, schläft der Ein- geborene einen festen und ruhigen Schlaf; ein Europäer würde sicherlich bei der geringsten Bewegung hinunterstürzen. Doch der Neumecklenburger, wie alle übrigen Archipelbewohner, erfreut sich durchweg, auch im Alter, eines gesunden Schlafes. Es gehört in der Regel ein starker Aufwand an Mitteln dazu, ihn zu erwecken. Es verdient allerdings daneben erwähnt zu werden, daß der Ein- geborene zeitweilig lange Zeit ohne Schlaf auskommen kann. Auf den Pflanzungen kann man beobachten, wie die Leute, nachdem sie am Tage recht anstrengend gearbeitet haben, während der mondhellen Nächte bis spät nach Mitternacht tanzen und singen oder bei geeignetem Wetter auf den Nachtfischfang gehen, um erst gegen Morgen ein paar Stunden zu schlafen. Dies können sie tagelang fortsetzen, ohne daß eine besondere Erschöpfung sich bemerkbar macht. (Schluß folgt.) kleines feiiületon. Theater. Lessing-Theater: Das Tal des Lebens, Schwan) von M a x D r e h e r. O. die Zensur: Wenn ein Autor Erfolg haben will, muß er es nur verstehen, irgendwo kleine WiderHäkchen anzusetzen— und der Zensor bleibt daran hängen. Schon vor vier Jahren sah ich dies Stück in seiner ursprünglichen Fasiung im Chemnitzer Stadt-Theater. Trotzdem ist das Wettiner Haus nicht umgefallen I Warum wohl die Berliner Zensur der öffentlichen Aufführung dieser Dreyerschen SerenissimuS-Anckdote, die ja be» reils in Offenbachs lustiger»Herzogin von Gerolstein" behandelt worden ist, bisher ihr Placet verweigerte, entzog sich unserer Kennt- nis. Vielleicht kann es der behördlich kastrierte Schwank offenbaren. Der Zensur gefielen die Tiraden über Freiheit und Menschenrechte nicht. Weg damit. Ganz recht, denn was hat solch Aufputz mit der Bourgeoismoral zu schaffen? Es lebe also die verzotete Posse l So ein Rotstift trifft mit unfehlbarer Sicherheit das rechte. Publikus muß gleich wissen, daß es sich um ein erotisches Abenteuer handele— um eine pikante Affäre— die allenfalls erträglich gemacht wird durch ein bißchen Hof» zeremoniell und höfische Kleidertracht aus der leichtlebigen Rokokozeit. Wie tölpelhaft, wie abgeschmackt das DingS ohne diesen historischen Firlefanz aussehen würde, kann man sich unter Zuhülfenahme von ein wenig Phantasie leicht vorstellen.... Vielleicht wird aber gerade die peinliche Sorgfalt, die für eine stil- volle Darstellung des Schwankes verschwendet wurde, anhaltende Kassenersolge garantieren. Man wird sich beeilen, den reizenden Charme der Irene T r i e s ch als Herzogin von Gerolstein rscts Markgräfin zu applaudieren, und es werden sich dabei unzählig viel sehnsüchtige Blicke an der Hünenhaftigkeit des AmmenkönigS Hans Stork verfangen, der von HanS M a r r urkräftig verkörpert ist. Für Oskar Sauer, den unvermöglichen Markgrafen, für Gustav Rickelt, den feisten, ftöhlichen Gottesmann, für Paula Eberth als Lisbeth Leibel, sowie endlich für den geistlichen Rat einem Sarge und sucht sich, dannt er nicht eiwa neben einen, Spitzbuben liegen mutz, beim Totengräber die richtige Grab- stelle aus. Jetzt darf auch Hannes hoffen, daß bald e», klciuer Knirps auf feinen.Knien fitzt. Die Meua wird schon breiter. Der Frübling ist da. Ein uralter Bin, bann, hat wider Erlv arten wieder auSgeschagcn.„Das ist halt a Erden l" Der 72jährige steht plötzlich auf. Die erschrockene Mena soll ihn wieder abwägen. Lachend stehen die Knechte umher. Ihr Gelächter wird noch dröhnender, denn der Grützbauer bat Fleisch angesetzt, er wiegt viele Kilo mehr als vor Wochen. Der Grels. der sich schon über sein Grab gebeugt, richtet sich wieder kerzengerade auf. ES liegt Bosheit und Siegerlnst in seinem Schrei:„Die Erde« tragt ini wieder". Vergebens hat der verträumte Hannes oben in der Dachkammer heimlich eine Wiege geschnitzt. Sie wird leer bleiben. Die Mena will ans und davvn. Sie will nicht länger dienen und wieder dienen. Ein Stücke! Boden soll ihr Eigen sein! Der EiShosbauer. dessen Werbung sie im ersten Akt auf den ersten FrühlinStag vertröstet hat, ist wieder da und fragt. Nimmt er sie denn noch, sie, die guter Hoffnung ist? Da» Eishofbäuerlein stutzt, schweigt, dann sagt er plötzlich:„Komm I— WaS wachst, ist Goltesgab' l Hoch droben liegt der Eishof. Nur mit Steigeisen klettert niau hinunter,„um jeden Zoll brett Boden mutz ma raufen". Aber die Mena geht mit:„A eigener Fleck Erden ist'S doch I" Mt seiner leereu Wiege bleibt der Hannes zurück und versinkt seufzend wieder in seine stumpfe Kucchtszusriedenheit: „I Hab mei Arbeit... und mei Esten... und mit die Hennen mS Bett." Der Grützbauer aber macht'S sich wieder warm. Weil Brennholz für den Ofen fehlt, schleppt er aus der Kammer feinen Sarg her und gleichmütig und lässig zerhackt er ihn.... Die Komödie ist von prachtvoller Gediegenheit. Eine sKern» gestalt wie den alten Grützbauern(den Kainz mit genialer Ueber« legcnheit formte) hat kein schwächlicher Grotzstadtnroderncr je zu bilden gewußt. Dieser Greis, so grandios er in seiner Urkrast i>t. er ist eine Geißel der Kommenden. Er verdammt zur UnkruchtbarkeitI Wehe, wenn die Greise über die Erde ge- bieten! Und tief klingt durch daS Werk dieses instinktiv sozial fühlenden DicknerZ die Sehnsucht deS Arbeitenden nach seinem eigenen Grund. Dieses Drama ist ein Triumphlied der ewig wieder blühenden Erde und es ist ein Trutz« lied über die für Ewigkcuen verteilte Erde. Für Ewigkeiten? Auch der greise Grütz wird sterben I Arme Erde, wenn dann nur ein stumpfes KnechtSgeschlecht übrig geblieben wäre! Stefan Erotzmann. Musik. Das Volkslied wird in unseren Konzerten neuerdings mit einigem Eifer gepflegt; und Kunstlieder aus ferneren Zeiten kommen hinzu. Zwei Konzerle der letzten Tag« führten uns in einige Tiefe» und Breiten dieser Gebiete. DaS eine brachte Duette von Frauen» stimmen nnt Bolls- und Kinderliedern, daS andere hanplsächtich Klmitlieder des 16. Jahrhunderts. Dort sangen die Sopranistin Magda L u m n i tz e r und die Altistin Marie FuchS. hier eine neunköpfige Kapelle und neben ihr die Mezzosopranistin Anna Stephan. Dort hörten wir zumeist deutsche, slawische. französische, italiemickie Volkslieder, hier vornehmlich.Madrigale". Es ist dies daS weltliche kunstvolle Lied des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, mehrstimmig, meist von Liebe in Ernst und Scherz singend, manchmal mit üppigstem Humor. Die reiche Ver- schtingung der Stimmen und die charakteristisch freie Rhythmik tun dem Hörer umso wohler. je müder ihn die Einförmigkeiten der spätercnVolkS« und Kunstlyrik gemacht haben. Welcher Gegensatz gegen die.Lieder« tasel" und gegen das Leierlied der neueren Zeit mit dem tanzanigen Trabtrab l„Volkstümlich" scheint uns heute zu sein, waS doch nur künstlich ist. Und was man banal nennt, waS die Straße vom Operetten- theater herübernimmt, das findet sich nicht am wenigsten in deutschen Volksliedern und gerade neben dem besten Teil unserer lyrischen Mufik: der innig-heinilichen GemütSwärme. Graziös der Franzose. bramatisch der Jlatiener, elemeniar der Slawe so fingen die Rationen uns vor. doch schließlich alle näher verwandt in dem Geianngeiste der jetzigen europäischen Musik, als man envarten möchte. Mit viel Mühe hat eine..neudeutsche" Richtung seit der Mitte de» 19. Jahrhunderts den, Liedtcxte zu geben versucht, was ihm gebührt. Robert Franz war wohl der erste rmschicdene und doch nirgends extreme Schöpfer derartiger Lieder, bis heute darin kaum übertroffen. Er bedarf eines SangeSkünstlerß, der.zu singen und zu sagen" versteht. der insbesondere die verschiede, wn Klangfarben so beherrsch,, daß sie dem verichiedenen Gefühlscharakler der poetischen Worte dienen. Zu einer solchen Sängerin hat sich Anna Stephan in der langen Zeih da wir sie aus dem Konzertbodcn kennen, entwickelt. Was in London eine„Madrigal-Gesellschaft" seit 1741 leistet, das bietet uns seit einigen Jahren eine Berliner, jetzt von Arlnr Barth geleitete„M adrigal-Bereinigung". Ihre vier Sänger und fünf Sängerinnen tragen ohne Begleitung die anspruchs- vollen allen Gesänge so sein abgestimmt vor, daß ihr wenigstens ein großer Teil de? Erfolges zu gönnen fein würde, den manche äußerliche Gesckiickliclikeit weit leichter erntet. Diesmal galt es einer berufSgenoffenichaftlichen Bestrebung des„Berliner Tonkünstlervereins"! und am 22. März will»nS derselbe Berein unter anderem mit altdeutschen Bolls- und späteren Kunstliedern erfreuen— hoffentlich vor mehr als einigen intimen Musik- freunden. DaS Madrigallonzert fand im Bechsteinsaale statt, das Duetten- konzert in einem erst jüngst eröffneten Räume, dem Choralionsaal. Er ist wiederum eine von den neuen Konzertstätten. die der trau« kicheren Kiiuslpflege durch kleinen Rauminhalt, durch vornehm-ruhige Jnnenkunst und durch zweckmäßige KiiSstattmig entgegenkommen wollen. Wären seine Schmncksormen alle so natürlich, wie eS die Konstruktion der hübschen Sitze ist— wir würden mit ihm noch imnger befreundet werden. gz. Physiologisches. Eine neuentdeckte Besonderheit der Frauen- milch. Untersuchungen auf dem Gebiete der Verdauung haben Professor Kreidet und Dr. Neun, am, in Wien dazu veranlaßt, ver- ichicdcne Milcharten der ultraniikrojkopischcn Prüfung zu mNerwerfen. Sie untersuchten die Milch der Kuh, des Kaninchens, der Kaye, deS Hundes, deS Meerschweinchens und der Frau und haben bei der Frauenmilcl' ein ausfallend verschiedenes Bild erhalten. ES fehlt darin ein Formbeftondieil, der bei allen anderen Milchart«» im Dunkelfelde wahrgmouuncn wurde. Man sieht im ultra- mikroskopischen Bilde tieriswer Milch das Plasma von einer großen Menge in lebhaftester molelularer Bewegung befindlicher ttörperchen ersiillt, für die von den Entdeckern in einer vorläufigen Mitteilung der Wiener klerikalen Wochenichrist der Name„Lalrokonien" vor- geschlagen wurde, lieber ihre Natur sollen weitere Versuche Klarheit schaffen. Erst dann würde eS wohl möglich sein, ihr Fehlen in der Frauenmilch biologisch zu deuten. Berantw. Redakteur: Georg Tovidsohn» Berlin.— Uruck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin S\V>