Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 40. Mittwoch den 26 Februar. 1903 lNachdruck oeibsien.) Sckilf uncl ScKhmm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Ncleta wollte also bleiben und der Gefahr trotzen. Wenn sie an Ort und Stelle blieb, so würde man sie auch weniger beobachten. Sie suchte ihre Angst zu vergessen indem sie sich mit der Ernte beschäftigte und eifrig mit den Schnittern um den Tagelobn feilschte. Sie zankte Tonet aus, der die Feld- arbeit überwachen sollte und stets Eanamels Gewehr mit- na.im: auch ihre Hündin Centella nahm er mit und war weit eifriger darauf bedacht. Vögel zu schieben, als die Schwaden zu zählen, die jeder Arbeiter fertig brachte. Zuweilen verließ sie abends auf den Rat ihrer Tante die Schenke, um auf der großen Chaussee inmitten der Felder einen Spaziergang zu machen. Diese kurzen Ausflüge waren eine Beruhigung für ihre traurige Situation. Hinter den Schwaden versteckt, setzte sie sich neben Tonet Ciuk einen Haufen Reisstroh, der einen scharfen Duft ver- breitete. Zu ihren Füßen drehten sich die Pferde in der ein- tönigen Aufgabe des Reisstampfens: vor ihnen breitete der Albuferasee seine ungeheure, grüne Oberfläche aus und spiegelte die roten und gelben Berge wieder, die den Horizont abschlössen. Diese heiteren Abende beruhigten die Angst der beiden Liebenden. Sie fühlten sich hier behaglickier als in dem traurigen Zimmer, dessen Dunkelheit sich niit schrecklichen Khantomen bevölkerte. Der See schien milde zu lächeln, wenn er die jährliche Ernte aus dem Schöße der Erde hcrvorspricßen sah. Der Gesang der Reisschlägcr und der Schiffer, deren große Barken mit Korn beladen waren, schien sich an die Albufera zu wenden, die den Kinder» ihrer Ufer den Lebensunterhalt sickerte. Tie Niche des Mends wirkte wohltätig auf den reizbaren Charakter Neletas und flößte ihr neues Vertrauen ein. Dieses Vertrauen wurde durch die Möglichkeit neu belebt, der Tod könne in die Ereignisse eingreifen. Wer wußte denn, ob das Kind nach der vielen Angst, die sie durckigemacht, nicht tot zur Welt kam? Es war doch nicht das erste Mal, daß so etwas pajsierke. Von dieser Illusion getäuscht, sprach das Paar vom Tode des Kindes wie von etlvas tlnverineidlick)em. Es würde sterben, das war zweifellos. Das Glück, daS sie stets gehabt, wiirde sie auch jetzt nicht verlassen. Die Beschäftigung mit der Ernte hatte sie von ihren Sorgen abgelenkt. Tie Reissäcke stauten sich zu Haufen in der Sckienke. Die Ernte füllte die inneren Räume des Hauses: sie wurde bi-Z an den Schenktisch gestapelt, nahm den Gästen den Platz weg und lag sogar in allen Winkeln von Neletas Schlafzimmer. Diese war entzückt über den Reichtum in diesen Leimvaiidsäckcn und berauschte sich an dem feinen Reis- staub. Und die Hälfte dieses Schatzes sollte der Samaruca zufallen! Schon bei diesem Gedanken fühlte Neleta, wie ihre.Kräfte unter der Einwirkung des Zornes neu erwachten. Dennoch bedurfte sie ungeheurer Willenskraft, um sich aufrecht zu erhalten, denn trotz der Freude über die Ernte verschlimmerte sich ihr Zustand. Die Füße schwollen an, sie empfand ein unwidersteUichcs Verlangen, zu ruhen und im Bett zu bleiben: trotzdem ging sie täglich zum Schenktisch hinunter, denn der Vorwand einer Krankheit konnte den Arg- wohn wachrufen. Sie bewegte sich langsam, wenn die Be- dienung der Gäste sie zum Aufslehen zwang, und ihr ge- zwungeneS Lächeln war ein trauriges Verzerren, bei dem Tonet zitterte. Im tiefen Schweigen des Zimmers wechselten die beiden Liebenden ein paar Worte mit einer gewissen Angst, als stände das drohende Phantom ihres Fehltritts zwischen ihnen. Wenn das Kind nun nicht tot zur Welt kam? Neleta war dessen fast sicher. Doch habgierig, wie sie tvar, und unfähig, ihre Schuld um den Preis eines Vermögen? zu gestchen, reifte in ihr die kühne Entschlossenheit der großen Ver- brechcrin. DaS junge Geschöpf nach einem Ort in der Nähe des AlbuferasecS zu schicken und eine sichere Person zu seiner Pflege zu suchen, davon konnte nicht die Rede sein. War die Samaruca einmal auf der Fährte, dann entdeckte sie dis Wahrheit noch in der Hölle. Neleta richtete ihre grünen Augen, die in der Angst wie verstört umherschweiften, auf ihren Geliebten. Tonet mußte seinen ganzen Mut Zeigen. Erst in der Gefahr erkennt man die Männer. Er sollte das Kind nachts nach der Stadt mit- nehmen, es in einer Straße, vor der Kirchentür, gleichviel wo, aussetzen: Valencia ist groß... Dann tonnte man die Eltern ja suchen. Als die unnatürliche Mutter diesen Vorschlag gemacht» suchte sie nach Entschuldigungen fiir ihr Verbrechen. Wer weiß, ob diese Aussetzung nicht ein Glück für das Kleine war. Wenn es starb, um so besser. Und blieb eS am Leben, wer weiß, in welche Hände es fallen konnte: vielleicht erwartete es einmal der Reichtum, man hatte schon ganz andere, merk- würdigere Dinge gelesen. Und sie sprach von den Erzählungen ihrer Kindheit, wo von Königssöhncn die Rede war, die man in einem Walde ausgesetzt, oder von Hirtenkindcrn, die, anstatt von den Wölfen gefrcsten zu werden, sehr bedeutende Persönlichkeiten geworden waren. Tonet war entsetzt, als er sie so reden hörte. Er machte Miene, dagegen aufzutreten, doch der Blick, den ihm Neleta zuwarf, flößte seinem stets schwachen Willen Furcht ein. Dann hatte auch ihn die Habgier gepackt: er betrachtete alles, was Neleta besaß, als sein Eigentum und empörte sich bei dem Gedanken, das Vermögen seiner Geliebten mit seinen Feinden teilen zu müssen. Man durfte an nichts verzweifeln, es würde sich schon alles einrenken. So erfreute' er sich einer augenblicklichen Ruhe und ließ die Tage verstreichen, ohne weiter an Neletas verbrecherische Vorschläge zu denken. Er war mit ihr für immer vereinigt, er allein bildete ihre Familie, nur die Schenke war sein Heim. Er hatte mit seinem Vater gebrochen, der angesichts des Gemurmels, das sein Zusammenleben mit der Wirtin im Dorfe erregte, eine ebenso kurze, wie schmerzliche Unterredung mit ihm gehabt hatte, als Wochen und Monate vergangen waren, ohne daß er ein einziges Mal zu Hause schlief. TonetS Handlungsweile entehrte die Palomas Er konnte es nicht dulden, daß man seinen Sohn für einen Mcnsckzen hielt, der öffentlich auf Kosten einer Frau lebte, die nicht seine Gattin war. Da es ihm beliebte, in der Sckwnde zu verharren, da er sich von seiner Familie fernhielt, nun gut, so kannten sie sich eben nicht mehr! Er sollte annehmen, er hätte keinen Dater mehr. Er, der Onkel Toni, könne ihn nur wiedersehen, wenn er wieder ein ehrenhafter Mensch geworden war. Als der Onkel Toni das gesagt, machte er sich mit der treuen Hülfe der Borda wieder an seine Aeckcr. Aber jetzt, wo das große Unternehmen zn Ende ging, fühlte er sich mutlos: er fragte sich traurig, wem diese ganze Anstrengung nützen sollte und einzig und allein seine Arbeitsausdauer hielt ihn auf» recht, um das Werk zu vollenden. Es kam die große Zeit der Sankt Martins- und der Sankl LiatharinenS-Iagd, wo in Saler Feste stattfinden. Bei allen Fischeriiersammfungeii sprach man begeistert von der großen Anzahl von Vögeln, die eS dieses Jahr in der Albuseragcgcnd gab. Die Feldhüter, die aus der Ferne die Stellen beobachteten, wo die Wasserhühner nisteten, sahen die Zahl beständig wachsen. Sie bildeten große, schwarze Flecken, und wenn eine Barke an ihnen vorübcrfuhr, so öffneten sie die Flügel, scharten sich wie ein Heuschreckenschwarm in drei- eckigen Gruppen zusammen und ließen sich etwas weiter nieder, von dem Wasserspiegel gleichsam hypnotisiert und außerstande, ein Gewässer zu verlassen, wo sie doch der Tod erwartete. Tie Neuigkeit hatte sich in der Provinz verbreitet, und man mußte in diesem Jahre mehr Jäger erwarten als sonst. Die großen Jagden auf dem Albuferasee brachten alle Schießprügel von Valencia in Aufruhr. DaS war ein sehr altes Fest, dessen Ursprung der Onkel Paloma ganz genau kannte, weil er als Geschworener die Papiere der Gemeinde in Verwahrung gehabt. Oft genug hat er es seinen Freunden in dei Schenke erzählt. Als der Albuferasee dem König von Arragonien gehörte, und nur die Monarchen daS Recht darauf zu jagen besaßen. wollte der König Martin den Bürgern von Valencia einen Festtag bereiten' tmd wählte dazu den Tag seines. Schutz' MW» Ijciliftcn. später Kurde die gro�e Jagd noch am St. Kacha- rinen-Tage wiederholt: an solchen Feiertagen konnte jeder- mann ungehindert mit der Ambrust auf dem See schießen und die zahllosen Vögel jagen, die sich im Lieschrohr und im Schilfgras versteckt halten. Dieses zur Tradition um- gewandelte Privilegium war ein Recht geworden, das man von Jahrhundert zu Jahrhundert ausgeübt hatte. Jetzt dauerte die allgemeine Jagd zwei Tage, und man bezahlte dein Pachter des Albuferasees hübsche Summen für die besten Plätze. Tie Jäger aus allen Gegenden der Provinz ver- absäumten nie, das Fest mitzumachen. (Fortsetzung folgt.) 5Ziis dem Leben der Bewohner des ßismarcharcbipels* (Schlutz.) STuch auf den Vau ihrer Fahrzeuge verwenden die Küsten- vewohner eine große Sorgfalt. Auf Neuhannover und im äußersten Norden von Neumecklenburg ist ein Typ gebräuchlich, der von den Weiter südlich verwendeten Booten verschieden ist. Das Kanoe besteht aus einem langen ausgehöhlten Baumstamm, innen wie außen sorgfältig geglättet und mit einem langen Vorder- wie Hiutersteven. Ter Vordersteven ist mit einem stilisierten Kopf gc- schmückt, der Hintersteven mit einer hakenartigen Figur. Dieser Einbaum hat keine Bordaufsätze; von Bordwand zu Bordwand und über die eine hervorragend gehen die zwei bis drei Ausleger. an denen der Schwimmer mittelst knieförmiger Stützen, die mit ihm durch Verschnürung verbunden sind, befestigt ist. Diese Kanocs sind von verschiedener Größe und fasten zwei bis fünfzehn Insassen. Sie werden durch Schaufclruder schnell fortbewegt, neuerdings hat. man jedoch auch Segel eingeführt, und in der Um- gegend von Nusahafen sieht man Fahrzeuge mit einem und mit zwei Masten. Hier hat sich in den letzten Jahren ein richtiger Segelsport ausgebildet, und es ist ein Vergnügen, die leichten Fahr- zeuge bei guter Brise unter dem Druck der großen, aber leichten Kalikosegel über die Wasserfläche im eigentlichen Sinne des Wortes dahinfliegen zu sehen, geführt von einem Steuermann mit einem Genossen, der die Segel bedient. Weiter südlich sowie auch auf der Gardner- und Fischerinsel nimmt das Fahrzeug eine andere Form an. Der untere Teil ist aus einem Baunistamm hergestellt; auf beiden Borden ist jedoch eine Planke von der Länge des Fahrzeuges festgenäht, so daß die Seiteuwände höher werden und das Kanoe, das in diesen Gegenden stets auf hoher See Verwendung findet, von den Wellen nicht so leicht vollgeschlagen werden kann. Ausleger und Schwimmer sind im ganzen ebenso befestigt wie bei dem vorher genannten Fahr- zeug. Ganz verschieden sind jedoch die beiden Steven, an denen ein Schnitzwerk, daö außerdem noch mit Farben bunt bemalt wird, angebracht ist. Diese beiden Schnitzereien sind Bildnisse von Schutz- geistern, die gegen böse Meeresgeistcr. namentlich gegen den Hat- fisch, schützen sollen. In Süd-Neumccklenburg treffen wir abermals den einfachen Einbaum an mit Ausleger und Schwimmer, daneben aber auch das große Reisefahrzeug ohne Ausleger, das den Bukafahrzeugcn nacki- gebildet und über Sankt John nach der gegenüberliegenden Küste der Hauptinsel und von da nach der Westküste und gar nach Neu- lauenburg verpflanzt worden ist. Der Einbaum an und für sich ist von dem der Gazellehalbinsel nur darin verschieden, daß der dorn wie hinten aufgesetzte Schnabel ein flaches, nierenförmiges Blatt trügt, in der Regel rot angemalt. Da die Gegenden der Gazcllehalbinsel am Sankt Georgskanal, südlich von Kap Gazelle, mit der gegenüberliegenden Küste von Neumecklenburg in freund- schaftlichem Verkehr stehen, so sieht man auch wohl gelegentlich derartige Kanoeschnäbel in den dortigen Stranddörfern. Der Fischfang wird in Neumecklenburg mit Hülfe des Speeres, mit der Angel und auch mittelst Scnknetzes von verschiedener Größe ausgeübt. Alle diese Methoden unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der übrigen Archipelbcwohner. Charakte- ristisch für die nördliche Hälfte Neumecklenburgs ist der dort be- triebene Haisischfang mittelst eines eigentümlichen Apparates, den wir sonst nirgendwo im Archipel antreffen, und der auch aus keiner anderen Gegend bekannt ist. Der Apparat besteht aus zwei gc- trennten Hauptteilen, die miteinander gleichzeitig Verwendung finden. Der eigentliche Fangapparat besteht aus einem hölzernen Schwimmer, etwa 125 Zentimeter lang; er ist aus leichten, Holz geschnitzt und besteht aus einem runden oder viereckigen Mittelstück, etwa 15 Zentimeter im Durchmesser oder Geviert mit einem durch- gehenden runden Loch von etwa 5 bis ö Zentimeter Weite. Von diesem Mittelftück gehen lanzettförmig geschnittene Flügel nach beiden Seiten, ihre größte Breite beträgt etwa 15 Zentimeter. Diese Flügel sind leicht nach oben gebogen und manchmal ein wenig schrägstehend zur Längsachse, so daß sie die Stellung schwach- geneigter Flügel einer Schiffsschraube einnnehmen. Durch das Mittelloch ist eine lange, etwa fingerdicke Schleife aus Rotan- Ijeflecht gezogen, und ein Knoten an dem einen Ende verhindert. daß die Schleife durch das Loch hindurchschlüpfen kann. Der Nebenapparat besteht aus einem Reifen aus Rotang, auf dem bis zwölf halbe KokoSschalen, in der Mitte durchlöchert, aufgereiht find. Das ganze wird nun folgendermaßen verwendet. Die Fischer begeben sich mit den Apparaten in ihren Fahrzeugen aus See, manchmal mehrere Kilometer weit hinaus. Hier lassen sie das Fahrzeug treiben, und einer der Insassen bewegt nun den Reifen mit den KokoSschalen am Bordrande des Fahrzeugs hin und her, wodurch ein klapperndes Geräusch entsteht. Dies Geräusch lockt die Haifische herbei, und das Gehör der Tiere muß ein ganz außerordentlich scharfes sein, denn obgleich vorher kein einziger Hai zu bemerken war. dauert es gar nicht lange, bis sie sich dem Klapper- gerät nähern. Ist ein Hai in Sicht, so macht der Eingeborene seinen Fangapparat bereit, indem er das bisher lose herabhängende Ende des Rotangseilcs durch das Loch in der Mitte steckt, so daß unter dem Apparat eine Schlinge entsteht. Der Hai umkreist mehrmals das Fahrzeug, nähert sich dann der Klapper dicht an der Oberfläche des Wassers, und der Eingeborene dirigiert nun seinen Apparat so geschickt, daß das Raubtier mit dem Kopf durch die Schlinge geht; in dem Moment, wo etwa ein Drittel des Haies durch die Schlinge gegangen, wird diese durch einen kräftigen Ruck zugezogen und befestigt. Der Hai kann nun nicht entkommen. und es ist den Fischern leicht, ihn durch einen Speerstoß zu ver- wunden, an sich heranzuziehen und ihm durch Knüppclschläge und Speerwunden vollends den Garaus zu machen. Die Fischhaken sind jetzt überall durch europäische eiserne Angelhaken verschiedener Größe verdrängt. In früheren Jahren konnte man die ursprünglichsten Geräte in Gebrauch sehen. In Nord-Neumecklenburg war die Form der von den mikronesischen Inseln nahe verwandt. Das Material war Schildpatt, die Form des Hakens fast kreisrund, und das spitze Ende war mit einem nach außen stehenden Widerhaken versehen. Im Süden Neu- Mecklenburgs war die Form eine andere, primitivere. Hier bc- stand der Haken aus einem 4 bis 10 Zentimeter langen, etwa 3 bis 8 Millimeter breiten Blättchen aus Schildpatt; das eine Ende war zugespitzt und umgebogen, einen 1 bis 3 Zentimeter langen Haken bildend; am anderen Ende war eine kleine Einkerbung, die zur besseren Befestigung der Angel an der Angelschnur diente. Hier und da aus der Ostküste von Neumecklenburg wie auf den vorliegenden Inseln trifft man gelegentlich auch den polynesischen Fischhaken, der aus einem länglichen Stück Muschelschale mit dem aufgesetzten spitzen Schildpatthaken besteht. Fischreusen findet man in diesen Gegenden nicht, wohl weil der Meeresboden fast überall sich zu so bedeutenden Tiefen senkt, daß die Reusenfischerei dadurch unmöglich gemacht wird. Um in dem seichten Uferwasser und auf den eben unter Wasser stehenden Riffen kleinere Fische zu fangen, baut man aus Korallcnsteinen kleiuere oder größere Umfriedigungen, in die die Fische bei Hoch- Wasser hineingeraten und dann bei eingetretenem niedrigen Wasser- stand, der die Umzäunungen teilweise trocken legt, eine leicht«? Beute werden. Für den Fang ganz kleiner Fische konstruiert man an einzelnen Stellen der Ostküstc einen ganz eigentümlichen Appa- rat. Aus Kokosblättern werden lange konische Körbchen geflochten. am offenen Ende etwa 8 bis 10 Zentimeter weit und 75 bis 100 Zentimeter lang. Diese Körbchen werden nebeneinander auf einem doppelkreuzartigen Gestell befestigt, in der Regel 15 bis 20, dermaßen, daß die Oeffnungen alle nach der Seite gerichtet find. Der Fangapparat wird nun in seichtem Wasser von dem Fischer vor sich hingeschoben, und die kleinen Fische geraten in die verschiedene» konischen Körbchen. Haifische, Delphine und Schildkröten sind überall sehr beliebt und werden dem Fänger mit verhältnismäßig hohen Preisen be» zahlt. An Polynesien erinnert die Sitte, daß auf Tabar und Lihir wie auf der gegenüberliegenden Küste der Hauptinsel daS Fleisch der Schildkröte den Häuptlingen vorbehalten ist. Von Neuhannover im Norden bis zum äußersten Südende von Neumecklenburg sind verschiedene Geldsorten in Gebrauch, die von den Eingeborenen selber hergestellt werden. Es ist nicht ganz leicht, den Ursprung der verschiedenen Geldsorten nachzuweisen. Einige haben eine lokale Verwendung und man findet sie dann selten über die Grenzen des Distriktes hinaus, innerhalb deren sie kursieren; in diesem Falle ist es leicht, ihren wirklichen Ursprung nachzuweisen. In vielen Fällen jedoch kursieren verschiedene Geld- sorten nebeneinander und haben auf verschiedenen Plätzen eine» verschiedenen Wert, doch meist so. daß sie um so mehr im Wert steigen, je weiter sie sich von ihrer ursprünglichen Heimat ent» fernen. Es wird dann recht schwer, die Herkunft zu ermitteln. da diese den meisten Eingeborenen nicht genau bekannt ist, und nur durch Zufall findet man den HcrstellungSort, der manchmal nur wenige Dorfschaften umfaßt. Hoch geschätzt wird in Neuhannover und fast auf der ganzen Nordhälfte von Neumccklcnburg das auf einigen der kleinen Inseln von Neuhannover hergestellte Geld, das den Namen tapsoka führt. Es besteht aus kleinen. bis 4 Millimeter im Durchmesser haltenden und etwa% bis% Millimeter dicken, rosenroten und weißen Muschclplättchen, die gewöhnlich so aufgereiht sind, daß nach einer Anzahl roter Plättchcn eine Anzahl weißer Plättchen folgt. Diese aufgereihten Plättchen werden in Schnüre» von etwa 75 Zentimeter Länge in den Verkehr gebracht, ihr Preis beträgt nach unserer Geldwahrung etwa 5 bis 7 Mark. Das Material, woraus die Plättchen hergestellt werden, holt sich der Eingeborene auf dem Korallenriff. Für die roten Plättchcn liefert eine Patellaart das Material, für die Weißen Plättchen werden verschiedene weihschalige Bivalvcn benutzt. Ter hohe Wert des tapsoka wird durch die roten Plättchen bedingt, deren Her- pellungsmaterial nur eine begrenzte Verbreitung hat. Die ein- zelnen Plättchen werden erst mit einem Steinchen roh behauen und dann durchbohrt. Der sonst in Melanesiien so weit verbreitete Drillbohrer findet dabei keine Verwendung, sondern eine Vor- richtung, in der man wohl zweifellos die Urform des Drillbohrers erblicken darf, nämlich ein etwa 60 Zentimeter langer, sehr feiner und dünner Holzstab von der Dicke einer Kokosblattrippe, am untc- ren Ende etwa 2 Millimeter dick und allmählich in eine nadel- scharfe Spitze auslaufend; am dicken Ende ist mit feinen Bast- fäden ein spitzer Ouarzsplitter befestigt. Beim Bohren setzt man die Spitze des Splitters auf das zu durchbohrende Plättchcn und dreht den Stab quirlend hin und her zwischen den beiden Hand- flächen. Nach der Durchlöcherung werden die Plättchen sauber ab- geschliffen, so daß sie völlig flach und rund erscheinen. Weiter nach Süden findet man andere Geldsorten verbreitet, die darin mit dem tapsoka übereinstimmen, daß sie zum größten Teil aus Muschelplättchen hergestellt sind, jedoch aus anderen Muschelarten, wodurch das verschiedene Aussehen und der ver- schiedene Wert bedingt wird. Die Bezeichnungen der Geldarten find in den Distrikten, innerhalb welcher sie kursieren, größtenteils verschieden. Es gibt nun, wie gesagt, sehr viele Arten solcher Ecldschnüre. Einige bestehen aus kleinen, etwa 2 Millimeter breiten roten Plättchcn, einige aus ebensolchen weißen Plättchen; andere bestehen aus abwechselnd roten und schwarzen aufgereihten Scheibchen, wieder andere aus hellbraunen und rötlichbraunen, aus rosenroten oder aus schwach violetten Plättchen. Alle haben jedoch teils infolge ihrer Form, teils infolge ihrer Farbe, teils auch infolge der Anordnung und Aufreihung der Plättchen einen verschiedenen Wert und eine andere Bezeichnung. Zu den zu- sammengesetzten Geldsorten gehört vor allen das sogenannte birok aus dem Distrikt Laur; es besteht aus langen Muschelschnüren, die, von einem Mittel- oder Zentralstück ausgehend, viele Meter lang nebeneinander hängen und am Ende mit Schweineschwänzen verziert iverden. Sie werden namentlich als Tauschmittel für große Schweine verwendet, die eine so hervorragende Rolle bei allen Festlichkeiten spielen. Aneinandergereihte Geldschnüre werden in vielen Fällen als Leibgürtel verwendet und sind dann gewisser- maßen Prunk- oder Renommierstücke. (Nachdruck verboten.) Clm Kap Fjorn. Bon H o lg c r D r a ch m a n n. Er hieß Hans, trug aber gewöhnlich den Namen„Der Teufels- tcrl". und den trug er unzweifelhaft mit größerem Rechte als seine Kleider, denn die waren von den Trödlern und den Leihhäusern der ganzen Welt zusammengeholt. Er hielt sich daheim bei seinem Vater auf, er aß des Alten Brot und nützte dessen Kleider ab— insoweit sie sich überhaupt noch abnützen ließen. Seine ganze Beschäftigung bestand darin, daß er m»t seinem besten Kameraden spielte, und das war ein Köter mit abgestumpftem Schweif, der„Munter" hieß. „Ter Hund ist klüger als zwei Menschen," sagte er:„der ist so klug, daß er nicht spricht; denn sonst würde er nur mit den Dummheiten herausplatzen, die ich in seiner Gesellschaft gemacht habe, und es ist besser, darüber zu schweigen!" „Ei waö!" sagte der Alte; denn obgleich er über seinen Sohn sich nicht wenig kränkte, so war er andererseits doch auch nicht wenig stolz auf ihn.„Tu brauchst Dich wahrlich nicht zu genieren. Erzähle unS von damals, als Du um Kap Horn segeltest— dreimal!" Und der Alte blinzelte dem Sohne zu, und der Sohn blinzelte zurück, und dann erzählte Hans: „Es begann damit— nein, zuerst muß ich erzählen, daß ich von Hamburg aus in die See ging. Der Alte daheim wollte mich forthadcn, und die anderen, die hänselten mich alle, und da schwur ich, daß sie mich nicht früher wiedersehen sollten, als bis ich drei- mal um Kap Horn gewesen. Wir liefen von Hamburg auS, und die Schute war ein Bark- schiff, und der Alte am Bord— ich meine den Kapitän— war ein ungewöhnlich großer Esel. Ich fand mich zugleich mit der übrigen Besatzung in der Reederei ein und hatte Munter mit mir. „Ist das Ihr Hund?" fragte der Reeder mich auf deutsch. „Io!" antwortete ich auf dänisch;„zu dienen!" Hierauf war nicht weiter von der Sache die Rede. Als wir aber an Bord gekommen waren, fragte mich der Kapitän:„Ist das Drin Hunl'■" „Das ist er," sag' ich,„und er heißt Munter." „Pack' den Hund und wirf ihn ans Land!" sagt' er. „Rc, das tu' ich nicht!" Nun ging's los. Tie Zeit war knapp, Leute waren schlver zu bekommen; Gesindel und nichtsnutziges Pack zwar loar allerdings noch aufzutreiben, aber eine ordentliche Mannschaft nicht, und— lurzum: Munter blieb an Bord und ich auch. Der Alte war ein Esel, der erste Steuermann ein schlaffes Tau. der zweite Steuermann ein Landsmann von mir und über d'e Kost hatte man sich nicht zu beklagen; um alles andere kümmert« ich mich nicht. Munter hielt sich beständig vor dem Fockmast auf. TaS war sehr klug. Er kam niemals auf die andere Seite des Großmastes, wo der Kapitän sich aufhielt. Als wir auf die hohe See hinauskamen, hieß es, wir seien nach Jamaika bestimmt. „Das ist wohl südlich vom Kap Horn?" fragte ich den zweiten Steuermann. Er hatte eine Hasenscharte und zeigte seine weißen Eckzähne. „Diesmal nicht. Hans!" meinte er. „Gut!" sag' ichc„dann verlaß' ich die Schute; denn ich muß um Kap Horn." „Ah, Du bleibst schon noch!" sagt er.„Und dann kommen wir nach Kingston auf Jamaika." Nun hatte der Alte ein scharfes Auge auf mich. Aber ich ver- richtete meine Arbeit. Munter tat auch das seinige, und es war für den Alten nicht der entfernteste Grund vorhanden, dem Hunde einen Fußtritt zu geben. Er tat es aber gleichwohl in recht ab- scheulicher Weise, und da erwischte ich_cinen Schiffseimer und versetzte ihm damit eins über die rechte Schulter. Da lag er nun der Länge nach auf dem Deck. „Das sollst Tu mir büßen!" rief er. „Ja, komm' nur. und machen wir gleich reine Rechnung!' sag' ich. Aber er hatte wohl kein Kleingeld, und dann ließ er die Jolle ins Wasser setzen und ans Land rudern. „Pass' auf," flüsterte mir der zweite Steuermann zu,„Du kommst i» die„Sparbüchse"!" Tie Jolle legte bald wieder an, und wir bekamen drei Kon« stabler an Bord; ich sollte ans Land, ins Loch. Munter wollte auch mit; aber die drei Kerle beteuerten auf englisch, sie hätten keine Arrestorder für Hunde. So mußte denn das arme Aeest zurückbleiben, so sehr es auch heulte und jammerte; aber der Steuemaun versprach mir, daß er sich desselben annehmen werde, und meinte auch, daß bald alles wieder in Ordnung sein würde, wenn ich mich nicht so störrisch gebärde. „Weshalb hat er deni Tier einen Fußtritt zu versetzen?" sagte ich.„Es hat, bei Gott, ein viel besseres Herz als er, der alte Esel, und dreimal soviel Verstand!" ..Schweig' nun still!" sagte der Steuermann. Und dann ruderten wir ans Land. Geraden Wegs kam ich in die„Sparbüchse". Das war ein großer Raum mit Holzbänken und einem Fußboden aus Steinplatten, der mit Unrat bedeckt war; und darin befand sich die schlimmste Gesellschaft von schmutzigen Spaniern, Engländern und Fraueilzimmcri,, in der ich je gewesen bin— und ich bin schon in mancher gewesen. Sie konnten alle schlecht englisch sprechen, und dag konnte ich auch. Einer fragte mich, was ich gestohlen, und eines der Frauen- zimmer fragte, wie viele ich erschlagen hätte. Ich aber warf einige Stück von der Bank hinunter und legte mich selbst darauf, und da wir weder Nasses noch Trockenes in den Leib bekamen, so war es nicht gerade am lustigsten. So verging die Nacht. Den nächsten Tag kam ich vor meine Richter, und dort war auch der Kapitän und der Konsul und eine Menge Menschen, die alle aussahen, als ob sie mich auf der Stelle Aufknüpfen wollten. Der Richter las etwas aus einem großen Protokoll vor, wovon ich nicht ein Wort vcrstaild. und dann fragte er mich, ob ich drei Pfund bezahlen wolle? „Dazu habe ich verflucht wenig Lust." sag' ich. Ob ich dann ins Gefängnis wolle. „Nein, ich will lieber an Bord und nachsehen, waS ein Hund dort macht, der mir gehört und Munter heißt." Darüber lachten sie alle; da wurde ich verdrießlich� und sagte zum Nichter, der Kapitän sei ein Esel, und er habe meinem Hund, der ein unschuldiges Tier ist, einen Fußtritt gegeben, und ich hätte auch gar nicht nach Jamaika gehen wollen, sondern im Gegen- teil um Kap Horn, und es liege an niicr gewissen Stelle eine Maulschelle und die erwarte sie alle mitsammen, sowie ich nur dazu kommen könne. Nun wurde der Alte feuerrot; die anderen aber verstanden wohl nicht viel davon, und dann legte sich der Konsul dazwischen, und es wurde mit den drei Pfunden in Ordnung gebracht und reguliert— und zwei Schilling sollte ich außerdem bezahlen. Ja, wartet nur. dachte ich. Dann ging ich mit dein Alten hinab zum Hafen. Ich erbot mich, das große Protokoll zu tragen, welche? er unter dem Arme hatte, aber er sah mich scheel an und sagte, daß ich es leicht i»S Wasser fallen lassen könnte, und das wäre doch schade, denn es sei ein besonderes Buch, und sowie ich wieder Ge- schichten mache, würde es ins Buch eingetragen, und dann müßte ich ans Land und bekäme Eisenmanschetten! Ich wartete, bis wir zu einer Stelle kamen, wo niemand un? hören tonnte, und dann murmelte ich zwischen den Zähnen, während ich dicht neben ihm hergiilg:„Du plattdeutscher Pavian— ja, glotze mich nur an, aber ich werde Dich durchbläucn und zu Lobs» kows zerquetschen, wenn Du mir je meinem Hunde zu nahe kommst und einem armen Seemann drei Pfund von der Heuer abziehst.' Er kmirrie wohl ganz wild, sagte aber kein Wort. Und als