Wnterhaltungsblatt dcs Horwärts Nr. 41. Donnerstag den 27 Februar. 1903 (Nachdruck verbalen.) *1] Schilf und Schlamm. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Es fehlte an Barken und Fischern, um diese Fülle von Fremden zu bedienen. Der Onkel Paloma, der den Jägern »oohl bekannl war, wußte nicht mehr, wie er alle Anforde- rungen erfüllen sollte. Er war seit langer Zeit von einem reichen Bürger angenommen, der ihm seine bedeutende Kennt- nis aller Angelegenheiten des Albufcrasees auf das frei- gcbigste bezahlte. Deswegen verabsäumten die Jäger nie. sich an den Patriarchen der Schiffer zu wenden, und der Onkel Paloma ging hierhin und dorthin und suchte für alle, die ihm aus Valencia schrieben, Boote und Schiffer. Am Tage vor der Jagd sah Tonet seinen Großvater in die Schenke treten. Er suchte ihn. Dieses Jahr würde es mehr Schützen als Wild auf dem See geben. Er wußte nicht mehr, wo er Schiffer hernehmen sollte. Alle Leute aus Saler, aus Catarroja, ja sogar aus Palmar waren angenommen. und jetzt verlangte ein alter Kunde, dem man nichts abschlagen konnte, eine kleine Barke und einen Mann für einen seiner Freunde, der zum ersten Mal zur Jagd kam. Er bat Tonet, er möchte dieser Mann sein und seinem Großvater aus der Verlegenheit helfen. Der Kubaner lehnte ab. Neleta war krank. Am Morgen hatte sie plötzlich den Schenktisch verlassen müssen, denn sie konnte die Schmerzen nicht mehr ertragen. Der so sehr ge- fürchtete Augenblick nahte, und er konnte die Schenke nicht verlassen. Doch seine lakonische Weigerung wurde von dem Alten als Beleidigung ausgelegt und er geriet in Wut. Jetzt, wo Tonet reich tvar, erlaubte er sich, seinen armen Großvater zu verachten und brachte ihn in eine lächerliche Lage. Er hatte alles von Tonet zu erdulden gehabt; er hatte sogar unter seiner Faulheit gelitten, als sie die Sequiota aus- beuteten, er schloß die Augen über seinen Verkehr mit der Wirtin, der der Familie gerade nicht zur Ehre gereichte, aber ihn bei einer Verpflichtung in Stich zu lassen, die er als Ehrensache ansah, das war wahrhaftig zu viel... Bei Christus, was werden seine Freunde aus der Stadt von ihm sagen, wenn sie sehen, daß der Mann, den sie für den Herrn des Albufcrasees halten, nicht einmal einen Schiffer für sie aufzutreiben vermag? Seine Traurigkeit war so tief, so sichtbar, daß Tonet seine Antwort bereute. Seine Hülfe bei den großen Jagden verweigern, hieß dem Onkel Paloma seinen Nimbus rauben und bedeulete gleichzeitig gewisser- maßen einen Verrat gegen dieses Land von Schilf und Schlamm, in dem sie beide zur Welt gekommen waren. Der Kubaner ging deshalb resigniert auf die Bitte seines Großvaters ein. Bei sinkender Nacht kam er nach Saler, denn als Schiffer sollte er im Verwaltungshause der Ver- losung der Jagdplätze zusammen mit seinem Herrn bei- wohnen. Die Umgegend von Saler, das nach Valencia zu, am äußeren Ende eines Kanals liegt, bot infolge der vielen Fremden, die zu den großen Jagden hier zusammengekommen waren, einen eigentümlichen Anblick. In dem breiteren Teile dos Kanals, den man pomphast den Hafen nannte, gruppierten sich zu Dutzenden die schwarzen Barken, die keinen Raum sich zu bewegen hatten; ihre Ränder stießen aneinander, und sie zitterten unter dem Gewicht der dicken Planken, die man mitnahm, um die Jäger über die Wasserläufe zu bringen. Außerdem bildeten sie ein Schutz- dach für die Nacht, und man konnte von hieraus versteckt auf die Vögel schießen, ohne von ihnen gesehen zu werden. Zwischen den Häusern von Saler hatten ein paar brave Mädchen kleine Tische mit gerösteten Erbsen und Mandel- kuchen aufgestellt: diese Waren beleuchteten sie mit Kerzen, die sie mit Hülfe von Papierhülsen vor dem Winde schützten. Vor den Türen der Hütten ließen die Frauen die Kessel kochen und boten den Jägern Tassen Kaffee mit Likören, in denen viel mehr Kaffee als Likör und viel mehr geröstetes Schilf als Kaffee enthalten waren: auf dem Marktplatz schwatzte eine zahlreiche Bevölkerung, die jeden Augenblick durch die Ankunft der mit den Jägern von der Stadt kommenden„Tartanen" noch verstärkt wurde. Die Jäger waren Bürgersleute aus Valencia, die mit ihren hohen Gamaschen und ihren großen Filzhüten wie Krieger aus Transvaal aussahen, stolz auf ihre mit zahlreichen Taschen, Börsen und Patronenbehältern beschwerte Bluse schlugen, lustig ihren Hunden pfiffen und hochmütig ihr modernes Ge- wehr zeigten, das sie in einem prächtigen, gelben Lederetui über der Schulter trugen: reiche Grundbesitzer aus der Pro- vinz. mit schönen, farbigen Mantillen, die Jagdtasche im Gürtel, das Taschentuch in Mitraform auf dem Kopfe, wie ein Turban zusanmrenaelegt oder breit auf den Hals hinunterflatternd, und so mit einem Wort die verschiedenen Arten der Kopfbedeckung der Provinz Valencia verkörpernd. Das Gewehr und die Jagd verwischte alle Standesunter- schiede. Sie behandelten sich alle'ohne Ausnahme mit der Kollegialität von Waffcngefährten und gerieten bei der Aus- ficht auf das Fest des folgenden Tages in Entzücken. Sie sprachen von dem englischen Pulver, von der Vorzüglichkeit der Perkussionsqewehre und zitterten mit der stolzen Wollust arabischer Vollblüter, als atmeten sie mit ihren Worten schon den Pulverdampf ein. Die großen, schweigsamen Hunde liefen von Gruppe zu Gruppe und berochen die Jäger, bis sie ihren Herrn gefunden hatten, zu dessen Füßen sie sich niederlegten. In allen zu Ausspannungen umgewandelten Hütten waren die Frauen eifrig mit der Abendmahlzeit beschäftigt; das Fest versetzte sie in Aufregung, denn mit seiner Hülfe konnten sie das ganze Jahr von dem dabei verdienten Geld leben. Tonet erblickte das sogenannte Jniantinnenhaus, einen niedrigen Steinbau mit ungeheurem Dach, das hier und da mit verschiedenen Luken versehen war: eine Art große Kaserne aus dem l8. Jahrhundert, die langsam verfiel, seit die Jäger von königlichem Geblüt nicht mehr nach der Albuferagegend kamen. Augenblicklich war es zu einem Gasthause umgc- wandelt. Gegenüber lag die Domänenkammer, ein zwei- stöckiges Gebäude, das sich unter den Hütten riesenhaft aus- nahm und auf seinen verfallenen Wänden verschiedene ver- gitterte Jmpostcn und auf dem Dach eine Glocke aufwies, die die Jäger zur Platzverteilung herbeirief. Tonet trat in dieses Haus und warf einen Blick in den niedrigen Saal, in dem die Zeremonie stattfand. Eine unge- heure Laterne warf ein trübes Licht auf den Tisch und auf die Sitze der Albuferapächter. Die Estrade war von dem übrigen Saal durch eine Eiscnschranke getrennt. Ter Onkel Paloma befand sich hier in seiner Eigenschaft als Schifferpatriarch und unterhielt sich mit den berühmten Jägern, den fanatischen Freunden des Sees, die er seit einem halben Jahrhundert kannte. Es waren da Reiche und Arme; die einen waren Großgrundbesitzer, die anderen Schlächter aus der Stadt oder bescheidene Erdarbeiter aus den kleinen benachbarten Dörfern. Sie sahen sich und sprachen sich zu keiner anderen Jahreszeit, aber wenn sie sich alle Sonnabend auf dem Albufera bei den kleinen Jagden begegneten oder bei den großen, jährlichen Jagden zusanimentrafen, dann näherten sie sich liebevoll wie Brüder, boten sich Tabak oder Patronen an und hörten gegenseitü. die merkwürdigen Jagdabenteuer mit der größten Geduld an. Die gemeinsamen Neigungen, die gemeinsamen Lügen schufen gleichsam ein brüderliches Band. Fast alle zeigten die Narben der Wunden, die ihnen ihre Hauptleidcnschaft eingetragen, und die auf ihrem Körper noch sichtbar waren/ Die einen wiesen unter heftigen Gestikulationen die Stümpfe ihrer Finger vor, die ihnen infolge einer Explosion abgerissen worden waren, den andern hatte das Pulver die Wange verbrannt. Die ältesten, die Veteranen, sprachen von dem Rheumatismus, den die Un- bilden der Witterung zur Folge gehabt: trotzdem aber wollten sie die großen Jagden nicht versäumen und sie klagten über die Weichlichkeit und den geringen Eifer der neuen Jäger. Die Versammlung ging zu Ende. Die Schiffer teilten den Jägern mit, daß das Essen bereit wäre, und gruppen- weise gingen sie hinaus und hegaben sich in die Hütten, die rote Reflexe auf den Schmutz des Weges warfen. Ein starker Alkoholgcruch schwebte in der- Luft. Die Jäger fürchteten das ungesunde Wasser des Albufera, sie mißtrauten der aus dem See entnommenen Flüssigkeit, die die Leute aus der Gegend tranken, und da sie das Fieber fürchteten, so brachten fie eine loahre Fülle von Absinth und Rum mit, die, wenn man die Flaschen entkorkte, ihr Aroma verbreiteten. Da Tonet Saler so belebt sah,, als lagere hier eine Armee, erinnerte er sich an die Erzählungen seines Groß- Vaters: an die Orgien, die die reichen Jäger der Stadt in früheren Zeiten mit Weibern, die von Hunden verfolgt wurden, veranstalteten, an die großen Summen, die man in den elenden Hütten in den langen Nächten zwischen zwei Jagdtagen im Spiel verlor, an all die blöden Vergnügungen einer durch zu rasch angesammeltes Verinögen betäubten Gl- sellschaft, die sich in diesem wilden Winkel unbeachtet von den Blicken der Familie sah, und in der unter der Einwirkung des Blutes und des Pulvergeruchs die menschliche Bestialität in ihrer ganzen Heftigkeit aufs neue erwachte. Ter Onkel Paloma suchte seinen Enkel, um ihn seinem Jäger vorzustellen. Es war ein dicker Mann mit gutmütiger, friedliebender Miene, ein Fabrikant aus der Stadt, der nach einem langen Arbeitsleben den Augenblick für gekommen er- achtete, sich wie die reichen Leute zu amüsieren und die Ver- gnügungen seiner Freunde nachzumachen. Sein schrecklicher Apparat schien ihm lästig zu sein: die Patronen und die Jagdtaschen drückten ihn sehr, ebenso die neuen Stiefel, die er sich erst kürzlich gekauft. Wenn er sich aber mit seinen schönen Patronentaschen, deren Riemen kreuzweise über die Brust gingen, und mit seinem breiten Filzhut im«piegcl sah, kam er sich in jeder Hinsicht wie die Burenhelden vor, deren Bild er ängstlich in den illustrierten Blättern be- trachtete. Er jagte zum ersten Mal aus dem See und verließ sich ganz aus den Schiffer, um zu dem Ort zu gelangen, auf den ihm seine Nummer ein Anrecht gab. Alle drei speisten in einer Hütte mit anderen Jägern. Beim Nachtisch ging es an solchen Abenden recht geräuschvoll zu. Ter Wein floß in Strömen, und um den Tisch schlichen die hungrigen Hunde: die Nachbarn aus dem Dorse lachten diensteifrig über die Scherze der Gäste, nahmen alles an, was man ihnen bot, und jeder einzelne war imstande, das zu trinken, was die Jäger für die ganze Gesellschaft als auZ- reichend erachtet hatten. (Forisehung folgt.Z Tonmalerei. Nicht nur der Maler spricht von Farben. Kolorit und Farben- skala. auch der Musiker kennt daS Orchesterkolorit, die Tonmalerei. die Klangfarben. Natürlich, da man Musik und Töne nicht ieben kann wie Bilder und Farben, nur im figürlichen, übertragenen Sinne.vaS anderes ist eS mit den sogenannten Farbenklängen. Das sind konträre Siiinesempsindungen. abnorme Erscheinungen bei Leuten, die beim Erklingen bestimmter Töne. Instrumente und Akkorde bestimmte Farben sehen.) Umer Tonmalerei versteh» man in der Musik zweierlei. Eininal in» allgemeinen Prograinmusik. daß ist eine Musik, welche im Gegensatz zur absoluten Musik nur als Darstellung eines näher bezeichneten seelischen oder äußeren Vorgangs verstanden werden soll, der gegenüber der Hörer daher nicht unbefangen sich dem Eindruck der Tonfolge hingibt, sondern mit kritischem Ohr de» Zusammenhang zwischen Programm und Tonstück verfolgt. Dann aber ist Tonmalerei als engerer Begriff das Berfabren, durch die Töne selbst äußere Vorgänge nach- zuahmen, Stimmen und Erscheinungen der Natur in Tönen wieder- zugeben. Die Idee der Tonmalerei als einer Tonsymbolik, als einer Naturkopie ist alt. Als der älteste Tonmaler gilt in der Musikgeschiwte der belgische Kontrapunktist (Kontrapunkt ist der alte Ausdruck in der Theorie der Musik für die Erfindung der Gegenmelodie zu einer gegebenen Melodie: Punkt— Roten köpf; Punkt gegen Punkt) I a n n e q u i n, der im 16. Jahrhundert lebte. Der alte, heute längst verschollene Knabe schrieb schon Tondichtungen mit Ueberschriiten, wie„Die Schlacht von Magelhaens",.Weiberklatsch-,.Hasenjagd-,.Die Nachtigall-,.Hirsibjagd-,.Die Wüste". Die Tonmalerei ist dem innersten Wesen der Musik entsprechend nicht besähigt, sachliche Vor- gänge. konkrete Dinge oder sinnlich Wahrnehmbares direkt aus- zudrücken. Natürlich nicht, denn die Musik kann ja nicht unmittelbar den Gefühls-, Geschmacks- oder Geruchssinn wiedergeben, sondern fie ist begrenzt auf eine tonküiistleriiche Kopie des Hörbaren und indirekt aus die Uebertragung von Gesichtowahrnebmungen. Da- gegen kann die Tonmalerei alles musikalisch unmittelbar zum AuS- druck bringen, sobald es sich in Bewegung, in Rhylbmus umsetzen lasten kann. Ein Beispiel: Ter Maler und der Musiker haben die Aufgabe, den Tod darzustellen. Beide werden die Erscheinung des memchcnwurgenden Beruichters möglichst sinnfällig zu schildern ver- suchen. Der Maler stellt den Tod als Knochengerippe mit der symbolischen Sense dar, der Musiker aber kann mit den Mitteln feiner Kunst nur den Takt des dahinschrestenden und mähenden Schnitters Tod, vielleicht auch das Klappern und Scheppern der Knochen ausdrücken, wie daS Ct. S a s n S ebenso naturalistisch wahr wie musikalisch in seinem berühmten Totentanz„Dan«» macabre" tat. Der Zweck aller Tonmalerei ist nickil. das Hörbare möglichst realisti'ch z» kopieren und in interessanten Klang- Verbindungen und Klangfarben zu illustrieren, sondern eme poetische Stimmung in der Seele des Hörers zu erzeugen. Je einfacher die Mittel der Tonmalerei, desto größer die küust» leriscde Wirkung. Wie in jeder Kunst. Hier muß au§ der Sphäre der Gesichlswahrnehnumgen die geniale Jdeenübertragnng erwähnt werden, die Franz LiSzt in seinem Oratorium„Christus- er-- reicht, als er den leuchtenden Stern der drei Könige, der doch fest am Himmel steht, durch eme über rauschenden Harmonien in der Tiefe immer ruhig forlklurgendes hohes Cis widergab. So setzt sich auf die natürlichste Weise der Glanz in Klang. daS Leuchten in Töne um. Beiden gemeinsam ist die Höhe, die Stetigkeit, der Glanz. Ganz anders steht der Komponist den» Hörbaren gegenüber. Denn er kann ohne den Umweg der Jdeenassociation das Pfeifen des Windes, das Heulen des Sturmes, das Singen der Vögel, den Klang der Wogen am Strand, den Ruf der Glocken, daS Rauschen der Blätter, das Weben des Waldes, das Trappeln der Pferdebufe das Surren des Spinnrades, ja das Blöken der Hammel»wie uns Richard Strauß in feinem.Don Luichote- gezeigt bat) un- mittelbar mit de» AuSdrucksmitteln der Mufil. als da sind Harmonie, Melodie, RbytmuS und Tonfarbe, Hoch und Tief, Stark und Schwach, Schnell iiud Langsam. Ruhe und Bewegung schildern. Er kann eS mit ausschließlich instrumentalen Mitteln»Klavier, Kammer- mufik, Orcheslerj oder mit Hülfe der menschlichen Singstiinme tun. Die Musik ist die künstlichste aller Künste, fie kann die Natur und ihre Stimmen nicht direkt kopieren, sie kann die Natur nicht „naturalistnch" nachahmen, sie muß sich begnügen. Naturklänge wie Windessauien und Donnerrollen und Tierstimmen. wie die»ans dem akuitiich vorläufig nicht darstellbaren Vierteltonsyslein bernhenden) Vogelmelodien durch die zwölf Halbiöne unseres Tonsystems, durch rhythmische und dynamische Anpassung, durch die instrumentalen Klangfarben, welche dem Vorbild der Natur am nächsten konimen, stilisiert und im Spiegel der Kunst wiederzugeben. Geschmack und Feiiisinn des Komponisten haben hier schließlich mehr mirzu- sprechen wie das Talent charakteristischer Nachahmung. Der Künstler wird nie vergessen, daß sein Instrument, sein Material: eben der musikalische Ton, eine mystische Doppelnatur besitzt, er ist ein Sinn- lichcS und enthält doch ein Geistiges. Im Ton»st. wie der Musik- ästhenker William Wolff sagt, wiewohl er das Erzeugnis iörver- ltcher Kräfte ist. die Natur des Körperlichen so verklärt, so ver- feiner», daß fie fast abgestreift, fast vergeistigt erscheint. Und so wird der wahre Musiker dieses edle geistige Instrument niemals nllßbrauchcn wollen zu naturalistischer Tonmalerei, zu Tierstimmen- Imitationen»vergl. Richard Strauß!) zu tönender Phorographie der Meereöbraiidnng, des Blitzes, der Galoppade, des Donners oder des BogelkonzerteS im Walde. Sehr inreresiant ist die Aufgabe, im einzelnen die Gekchichts und EntWickelung der musikalischen Tonmalerei zu verfolgen. Hier sind mit besonderem Erfolg Mnsikgelehrte und Physiker wie Fechner, Wolfs, Seidl, Merian, Hauöegger, Helm» boly tätig gewesen mit ästhetische» wie mit physiologischen Unter- suchungen. Zu den Hauptkapiieln gehört hier die ronmalerische Darstellung von Stunn und Gewitter, von Vogelstimnien, von Glockentönen in der Oper wie in Werken des Konzertsaales. Die klaisische und neuere Oper ist besonders reich an Slürmen. Wir nennen in chronologischer Reihenfolge Glucks»Iphigenie auf TauriS-, MozartS„Jdomenco-, Rossinis„Barbier von Sevilla", S p o h r s.Jesionda", B o i e l d> e u S.Weiße Dame", Webers„Obcron"(die berühmte Ozean-Arie), Rossinis.Tcll", Marsch nerS„Hans Heiling", MeyerbeerS„Asrikanerin", Verdis„Othello", d'Jndys„Fcrvaal". Ein bernfener Sturm- komponist war Richard Wagner, vergleiche seinen„Holländer", „Walküre",„Siegfried". Bei Gluck. Mozart, Marschner und Wagner ist der Sturm ein notwendiger Teil der dramatischen Handlung, bei Meyerbeer, Rossini und anderen nur hohler Theaterlärm und innerlich ganz unmotiviert. Der Regen ist in zwei Phasen dar- stellbar. Als erstes Tröpfeln(daS kässische Beispiel hierzu ist der Beginn des Gewitters in Beethovens„Pastmale", ein minder klassisches Beispiel in Psitzners„Rose vom LiebeSgarten") und als Platzregen(in Rossinis ,Tell"-Ouver»ure). Dem Zickzack des Blitzes enlsprecheiid malen fast alle Komponisten daS himmlnche Feuerzeichen mit jäh fallenden Stakkato-Akkorden. Beethoven läßt in der„Pastorale" dagegen die Blitzfigur in rascher Bewegung emporsteigen. DaS Rollen und Krachen des Donners besorgen am geeigneisten die Pauken und großen Trommeln, in der Oper oft wirksam unterstützt durch die Donnermaschine hinter der Szene. Interessant ist. daß die Gewitterstürine in der französischen Oper»N Dar verlaufen. Die Nachahmung der Vogelftiminen besorgten in» 17. Jahrhundert eigenS daraus reisende Virtuosen, wie F a r i n a, der daS Gackern der Henne o-ff der Violine kopierte. Die ältere französische Vokalmusik bemächtigte sich dieieS Vorwurfs mit Hülfe charalteristischer onomaropoeii'cher Bildungen, wie daS„TurtuNur" der Turteltaube in JanneguinS vieriiimmigen„Geiang der Vögel". Beriilnnt find H a y d n s Wachtelruf und Grillenzirpen aus den„Jahreszeiten" und Beethovens liebliches Vogelterzett zwischen Kuckuck, Rachtigall und Wachtel in der Pastsralflnfonie. während Mozart in der.Zanberflöte" seinen Bagelfänger Papagen o durchaus kein Vogclkonzerl zum besten geben lägt, sondern den munteren Charakter dieses naiven Naturburschen rein inufikalisch-instrumental schildert. DaS schönste Beispiel lünstlerischer Darstellung des Vogelgesanges wie des Weben und Raunen im deutschen Walde bleibt WagnerS „Waldvöglein* und.Waldweben" im.Siegfried". Hier vermählt sich innige Naturbeobachtung mit poetisch-musikalisch stilisierender Darstellung zu voller Harmonie. Im.Barbier von Bagdad" schildert Cornelius die aufflatternden Vögel durch ein col loMo �Schlagen mit der Rückseite des Violinbogens auf die Saiten)._ Ein sehr reichhaltiges Kapitel ist das von den Glockentönen. Hier kann der Tonmaler. ohne gegen das Wesen der Musik sich zu versündigen, das Original genau kopieren, denn die Glocke selbst ist ja schon ein auf einen bestimmten Ton abgestimmtes musikalisches Instrument. Wir erwähnen hier nur Franz S chuberts fast wisienschastliche Darstellung des Klanges der Glocke» vom St. Markusdom im.Chor der Gondelfahrer" und die Mittagsglocke in Humperdincks.Königskindern". Hier hat der Koinpomst, gestützt auf scharfsinnige akustische Beobachtungen, der Feierlichkeit des dramatischen MonieutS entsprechend, eine starke Wirkung erzielt durch die Langsamkeit der zwölf Schläge, die Tiefe der Glocke und die bedeutungsvolle Orcheftration, indem er zu dem fort- summenden liefen Es der Glocke nacheinander noch Baßtuba. Batz- posaune, Comrafagolt, Pauken. Tamtam treten läßt, endlich Hörner, Klarinetten, Oboen und Flöten mit der Quinte Es E nachschlagen last« und so das poetische Spiegelbild des Vorganges eines vollen Glockengeläutes mit zwölf Haupifchlägen erzielt." W. M. (Nachdruck verboten.) Qm Kap f)orn. Von Holger D r a ch m a n n« (Schluß.) Hierauf wurde die Jolle wieder ins Wasier hinabgelassen und hineingerudert; inzwischen ging ich aber zum Koch und nahm mir eine ordentlich« Portion Suppe und Fleisch, um etwas in mir zu hoben, wovon ich zehren konnte, und Munter erhielt alle Sehnen und Knochen, und dann kamen die drei Häscher wieder. Der Hund sprang ebenfalls in die Jolle hinab, als wir ab- stießen, und ich schwor und fluchte, daß ich sie alle miteinander tot- schlagen würde, wenn Munter nicht die Erlaubnis bekäme, bei mir zu bleiben. Sie führten mich in den Festungshof, Ivo bereits eine Reihe von Gaunern aufmarschiert war; ma» legte uns Eisenmanschetten an und schlug uns paarweise in Ketten; es war auch ein langer, magerer Mulatte darunter, der wurde an mein Handgelenk fest- gehakt. „Da« bist mir eine nette Vogelscheuche!" sagte ich zu ihm und machte einen kleinen Ruck an der Kette, daß er wackelte. .Wo sollen wir jetzt hin?" .Nach Spanishtowul" sagte er und schielte auf den Hund, der immer neben mir blieb, trotzdem die Soldaten ihn fortjagen wollten. .Behalte Deine Augen bei Dirl" sagte ich zu ihm;.denn Du bist ein magerer Bcngel, und Du siehst mir beinahe aus, als hättest Du Lust, den Hund zu fressen— aber nicht aus Liebe." Und dann kamen wir hinaus auf eine Eisenbahnstation und wurden in einige offene Wagen hineingetrieben wie ein Vieh- transport. Und da wurde ich von Munter getrennt. Und dann fuhr ich 25 Meilen gratis landeinwärts mit diesem ganzen Diebes- gesindel; aber ich sah die Kerle kaum an, denn ich war betrübt darüber, daß ich meinen besten Freund verloren hatte. Und ich stellte mir vor, wie nun daS arme Beest herumlaufen und nach mir suchen und vor Hunger krepieren würde; und ich versetzte der Vogelscheuche einen Stoß mit dem Kopf, denn an jemand mußte ich meine Wut auslassen. Wir fuhren greulich langsam—«3 war gewiß mir, um uns zu ärgern— und dabei eine unerträgliche Hitze; als wir dann endlich an Ort und Stelle waren, wen sehe ich daher gesprungen kommen? ES war richtig Munter mit weit aus dem Halse heraushängen- der Funge. Ich warf mich slach auf die Erde nieder, riß die Vogelscheuche mit; und ich küßte das staubige Beest— ich meine den Hund— auf die Schnauze, und von nun an wacen wir geschworene Freunde sür die Ewigkeit. Dann wurden wir von den Fesseln befreit und in einen großen Hof hineingejagt, und als die Soldaten Munter hinausjagen «rollten, fuhr er ihnen ins Gesicht, und da mußte der Offizier lachen, und der Hund bekam die Erlaubnis, dazubleiben. Dann wurden wir in die Montur gesteckt, es waren nette Kleider: Hosen und Blusen aus Sackleinwand und eine rote wollene Mütze; und rückwärts auf dem Rücken und längs der Beine hinab stand mit deutlichen Buchstaben:.Santa Maria-Districts-Prison Spani'ihtown". Munter konnte mich in diesem Aufzuge kaum wieder erkennen; aber da redete ich den Kameraden auf dänisch an, und das half. Das waren schwere Monäke, diese zwei, und wäre cS nicht deA Hundes wegen gewesen, so hätte icb, glaube ich, eine der Schild, wachen totgeprügelt und mich erschießen lassen. Aber wenn man für jemand auf dieser Welt zu sorgen hat, so muß man sich zurückhacten. Anfangs wollten sie haben, daß ich Steine klopfe, recht harke Kieselsteine; aber ich erklärte ihnen, daß ein Seemann viel zu seine Hände habe, und als sie mir trotzdem den Hammer in die Faust steckten, schlug ich mit solcher Gewalt in den. Haufen hinein, daß ein Kieselstein in die Höhe flog und einem der Häscher die Vorderzähne einschlug. „Entsckmldigen", sag' ich,„aber da könnt Ihr selbst sehen, meine Hände sind nicht an solche Arbeit gewöhnt!" Uno so ging es mit allem, was sie mir zu tun gaben. Ich hätte für das Tiebsgesindel die Wäsche waschen sollen; aber ich zerriß dabei die ganze Sackleinwand; dann hätte ich wieder das Loch, in dem wir schliefen, reinigen sollen; ich schüttete Wasser auf den Steinboden und auf die Wände, nahm den ganzen Hausen Sackleinwand, steckte einen Stock hinein und wischte damit den Boden auf. So ließ man mich endlich in Ruhe mit meinem Hunde; aber alle beide, er und ich, wärcr beinahe bor Hunger krepiert, denn dem Hunde gaben sie gar nichts, und ich bekam nur eine Schals Reisorei des Morgens und einen Bissen Fleisch, so groß wie der Pfropfen einer Bierslasche, als Abendbrot, und wenn das zwischen Zwei geteilt iverden soll, dann müssen beide mager werden. Endlich wurden wir wieder freigelassen, und wir kamen zurück nach Kingston; dort erwarteten mich sieben Pfund beim Konsul, die Schute aber war längst schon abgesegelt. Munter und ich verschafften uns zunächst ein recht gutes Futter, und dann fragte ich den Konsul, ob er nicht eine Heuer für mich habe. „Wohin willst Du?" fragte er.„Ja," antwortete ich und schaute auf Munter,„wir sollten ja eigentlich um Kap Horn." „Dahin kannst Du diesmal nicht kommen; aber hier ist ein? Heuer nach Hamburg zurück, willst Tu sie annehmen?" Ich schaute den Hund an, und der Hund schaute mich an, und dann bellte er; es war deutlich, daß er sagen wollte: Ei, was! wir können noch immer um Kap Horn kommen I Und dann schlug ich ein, und so kamen wir wieder nach Hamburg zurück. Dort gingen wir. Munter und ich, ans Land, und das erste. was ich tat, war, daß ich etwas Geld auf einen ganzen Anzug aus- legte, recht feinen, blauen Düffel, und ein Paar ferne Stiesel und einen runden Hut; ich kaufte auch ein Halsband mit Messingschloß für Munter; da er sich aber wenig darum scherte, schenkte ich es schon am ersten Abend einem Mädchen draußen in St. Pauli. Daselbst ging's in den ersten Tagen recht lustig zu, und anfangs begleitete mich auch Munter dahin; aber eines Abends trieb ich eS dem Kameraden doch gar zu toll, und so blieb er daheim, und er sah mich an und schüttelte die Ohren und drehte sich rund herum wie ein Knäuel Garn, und zuletzt wollte er mich gar nicht mehr ansehen. Und eines Tages find' ich ihn liegen und am ganzen Körper zittern wir vom kalten Fieber. Ich hätte diesen Abend mit dem Mädchen auf dem Tanzboden zusammentreffen sollen; aber ich betrachtete den Hund und mußte an Spanishtown denken. Da schleuderte ich meinen feinen runden Hut auf den Boden, nahm Munter auf die Knie und deckte ihn mit meiner alten, zer- rissenen Jacke zu; und als er trotzdem noch zitterte, legte ich auch meine alten Hosen darüber. Und so saß ich die ganze Nacht bei und gab ihm aus einer Schale Wasser zu trinken. Gott verdamme mich— die Tränen kamen mir in die Augen; ich dachte nicht mehr an das Mädchen und an den Tanzboden, sondern nur daran, wie mein Kamerad wieder gesund werden könne. DeS Morgens war es rein zum Verzweifeln; ich hatte schon mein ganzes Geld verputzt; aber ich erhielt die Adresse eines Hunde- doktors, und so nahm ich denn die neuen blauen Hosen und ging damit zu einem Trödler. Ich bekam Geld, und ich fand den Hundcbadcr, und Munter erhielt eine Medizin; des Abends kam das Mädchen und suchte mich in meinem LogiS auf. „Ich habe kein Geld," sag' ich zu ihr,„und Munter dort ist krank; Du muht allein gehenl" „Was schiert mich das Geld," sagte sie.„und waS schiert mich Dein Hund. Du bist ein fescher Kerl, geh', komm' mit mir!" Und so ging ich denn mit ihr, und diesmal traktierte sie mich. Und als ich wieder heim kam zum Hunde, da ging's ihm sehr schlecht. Ich nahm nun die neue blaue Weste und den Hut und die seinen Stiefel— und fort damit zum Trödler und dann zum Hundebader! Und als ich denselben mit mir in mein Logis gebracht hatte und wir allein waren, packt« ich ihn beim Nacken und drückte fest zu und sagte ihm, er selber sei zwar ein großer Esel, aber den Hund dort müsse er mir wieder gesund machen, sonst würde er in seinem Leben nie wieder Hunde kurieren. Er schrie und bat und faselte eine Menge dummes Zeug zu» sammcn; zuletzt aber meinte er, daß der Hund vielleicht das Klima» sieber habe, und ich daher am besten täte, gleich mit ihm dahin zu reisen, Ivo er daheim sei. Ja, darin sag etwa? Wahrscheinliches. Ich nahm nun die feine blaue Jacke und fort damit zum Trödler! Ich erhielt dafür 10 Mark Banko in Gold und einen alten grauen Rock mit langen Schößen, die ich am Boden nachzog. Des Abends begab ich mich dann mit Munter unter dem Rocke zum Lübecker Bahnhofe, und ich kann darauf schwören, daß mich niemand für einen Seemann hielt, der auf langer Reise gewesen war. In Lübeck schiffte ich mich an Bord des Dampfers nach Hause «in; und es war seltsam genug, daß mein Reisekamerad, je näher tvir nach Hause kamen, sich auch immer mehr erholte. Er hatte förmlich wieder blaue Augen bekommen, und er leckte ineine Hand und blickte mich an, und ich mußte meine eigenen Augen niederschlagen und bei mir selbst denken, wie wir Männer doch schwache Geschöpfe sind, und wie es viel leichter sei, seine guten Kleider zu verkaufen und sich davon zu machen, als zu bleiben und der Verführung zu widerstehen. Als ich dann längs des Strandes mit Munter an den Fersen heim ging, da riefen die Leute, welche draußen standen und Würmer suchten: .Hallo! Was für ein Mormonenpriester kommt da daher?" „Ich bin's!" antwortete ich und zog dabei die Schöße in die Höhe. „Ah, wirklich!" riefen sie.„Das ist eine nette Jacke, die Du Dir angeschafft hast. Ist die auch mit Dir um Kap Horn gc- tvcsen?" „Ja, alle dreimal," sagte ich.„Fragt nur Munter, denn der schwindelt Euch nichts vor." Und dann kam ich heim zum Alten und tauschte den Rock mit ihm. kleines fsuiUeton. Die Mumie im NcagenSglaS. Hamlets Seufzer über„des großen Cäsars Staub", der vielleicht irgendwo als Lehm ein Loch gegen den Wind zu verstopfen bemüßigt ist, mag wohl ein Echo finden, wenn man im Katalog einer großen chemischen Fabrik das Angebot liest:„dtumia ver» aegyptica, solange Vorrat, Kilo M. 17,50." Natürlich kann für diesen immerhin zivilen Preis keineswegs garantiert echter Pharaonenstaub geliefert werden, was allein schon die poetische Wehmut etwas dämpfen dürfte; dann ist noch zu beachtet,, daß der Volksglaube den Mumien Heil- Wirkungen zuschreibt, wodurch ihr handelsmäßiger Vertrieb er- klärlich scheint. Daß Gelehrte sich die Mumien zum Gegenstand eingehender Experimente gewählt haben, ist aber sicher ihr gutes Forscherrecht. Kunsthistoriker und Mediziner haben sie vielfach studiert. Chemische Untersuchungen sind dagegen bisher nur in sehr geringer Anzahl veröffentlicht worden. Nach mehrjähriger Arbeit in der chemischen Abteilung der„Government Schoo! of Medicine" in Kairo gibt nun W. A. Schmidt in der„Zeitschrift für allgemeine Physiologie" die ersten ausführlicheren Mit- teilungcn über diesen Gegenstand, die eine Reihe neuer und wert- voller Ergebnisic bieten. Die Frage, ob die Zersetzung deS Leibes im Laufe der Jahrhunderte so weit gegangen ist, daß die Mumien nur noch als ein mit pergamcntartiger Haut umhülltes Skelett mit der entsprechenden Beimischung von Nilschlamm. Harzen, Pech, Asphalt und Binden zu betrachten sind, oder ob noch gewisse organische Bestandteile des einstigen Leibes darin existieren, ist jetzt schon dahin zu beantworten, daß sich im Mumiengcwebe nicht nur eine größere Menge fester und flüchtiger Fettsäuren finden, sondern daß sich auch Eiwcißstoffe sowie unzersetztes Fett mit Sicherheit nachweisen lassen. Hingegen vermochte Schmidt keinen roten Blutfarbstoff festzustellen. Die chemischen Arbeiten Schmidts haben verschiedene wichtige Punkte aufgeklärt. Auch über das Einbalsamierungsverfahren der alten Acgvpter haben sie in einiger Hinsicht Licht verbreitet. Was man von der Mumifizierung wußte, war zum größten Teil durch Herodot und Diodor überliefert worden. Unter den mannigfacltcn Operationen, wie Entfernung der inneren Organe, Ausfüllung der Leibeshöhlcn mit Spezcrcicn usw., ist das siebzig Tage währende Liegen der Leickcn in einem Bade von„Nitrum", oder auch „Natrum", besonders wichtig. Seine Zusammensetzung war bisher durchaus unbekannt. Einige deuteten es als Salpeter, während andere darin das in Aegypten natürlich vorkommende kohlensaure Natron erblickten. Sckmidt Hot nun gezeigt, daß beide Annahmen unzutreffend sind und daß das Nitrumbad lediglich eine Kochsalz- lösung war, so daß d'e Balsamierungskunst in einer förmlichen Einpökelung deS Körpers nach Entfernung der leichter vcrwesbaren Teile bestand. Das einbalsamierte Mumienmatcrial war stets stark mit Kochsalz durchsetzt. Die nicht einbalsamierten Mumien der prähistorischen Zeit enthielten dagegen nur wenig Salz. Bei den jüngsten, den koptischen Mumien, fanden sich dagegen in der Armmuskulatur z. B. 8,5 Proz. Salz, also mehr als das Zehnfache des natürlich vorkommenden Betrages. Dies ergibt die interessante Tatsache, daß die damaligen ägyptischen Christen, wenn sie auch das eigentliche Einbalsamieren aufgegeben hatten, doch dos Koch- salzbad beibehalten haben. Außer diesem spiel� bei der Leichen- konservierung der alten Aegypter die„Trona", die in Aegypten natürlich vorkommende Soda, eine wesentliche Rolle. Sic diente in Form einer wahrscheinlich mit Butter hergestellten Paste als Füllmaterial der Leichen. Niemals finden sich in Mumien Ver- bindungen von Quecksilber, Arsenik, Blei oder ähnlichem, so daß sich das Einbalsamierungsverfahrcn Alt-Aegyptens als ein ver- hältnismäßig sehr einfaches darstellt: Entfernung der leichter in Fäulnis übergehenden Eingeweide, Kochsalzbad, Trocknen an der Luft und Umhüllung mit Bandagen. Einer der Hauptgründe dafür, daß die in dieser Weise behandelten Leichen nicht verwesten, sondern mumifizierten, ist das trockene Kktma des Landes. Man hat diesen Punkt nach Schmidts Ansicht nicht genügend berück- sichtigt und die Einbalsamierungskünste Alt-Aegyptens in ganz un- berechtigter Weise überschätzt. Spezereien, Harze und Waschen mit Palmwcin, der schließlich doch nur einen verschwindenden Alkohol- geholt besaß, waren wohl kaum von größerer Bedeutung. Da- gegen boten die dichtschließenden harzbeschmiertcn Bandagen natür» lich einen guten äußeren Schutz vor Käfern. Den überwiegenden Einfluß des ägyptischen Klimas auf die Konservierung von Leicben zeigen die Mumien der prähistorischen Zeit. Sie waren ohne Binden im Sande vergraben, dessen rasch trocknende Wirkung sie sechs Jahrtausende überdauern ließ. Auch die Koptcrkmumicn, die nur in Kochsalzbad behandelt wurden, sind sicher vor der Bei- setzung gut ausgetrocknet worden. Im heutigen Aegypten werden die Leichen, sofern der trocknende Einfluß deS Klimas zur Geltung kommen kann, gleichfalls zu Mumien, ohne daß es besonderer Ge- hcimnisse bedürfte. Ovfcr der Zeitungen. Die rasche Dezimierung der Wälder in den Vereinigten Staaten stößt auf immer mehr wachsenden Widerspruch; es fehlt nicht an Warnungsrufen und insbesondere an An- klagen gegen das ZeitungSwesen. das in erster Linie für die Wald» Verwüstungen verantwortlich gemacht wird. Insbesondere sind eS, wie in der„American Review of Reviews" ausgeführt wird, die Tannen. Fichten, Buchen und Pappeln, die als Opfer der Zeitungen fallen. Denn sie eignen sich am besten zur Herstellung der gewaltigen Papiermassen, die jetzt alljährlich verbraucht werden. Dabei wachsen die Zeitungen unausgesetzt sowohl an Um- fang wie an Auflage. J», Jahre 1905 betrug die tägliche Produktion an Holzpapier zehnmal so viel als vor 25 Jahren, und sie bedeutet eine jährliche Vernichtung von 50 000 Hektar Wald. Allein die Zeitungen hatten 1905 in den Vereinigten Staaten 0000 Setz- Maschinen im Betriebe. Die Sonntagsnummern der sechs New Uorker großen Zeitungen umfassen durchschnittlich 00 Seiten, und jedes Exemplar erfordert so viel Papier, als zur Her- stellung eines Buches von 480 Seiten notwendig wäre. In den Vereinigten Staaten erscheinen 450 große Sonntagsausgaben; ihre bedruckte Fläche entspricht insgesamt dem Papieiinhalt einer Bib- liothek von 0 Millionen Büchern z» je 550 Seiten. Die Not- wendigkeit, für die Herstellung dieser gewaltigen Papiermcngen andere Rohmaterialien heranzuziehen, wird immer dringender. Wenn das bisherige Verfahren beibehalten würde, würde nach einer verechnung in 33 Jahren in den Vereinigten Staaten kein einziger Baum mehr übrig sein I Theater. König l. Schau spielhartS.„Meister Mathias", dramatisches Gedicht in einem Aufzuge von Manfred Kyber. Die Tradition der Schauspielhauslcitnng, möglichst wenig Preinieren und, soweit sich solche nicht verineiden lassen, doch möglichst minder- wcrtige zu bringen, hat in Direktor Barnay einen pietätvollen Anhänger gefunden, der die Leistungen seiner Vorgänger in dieser Richtung anscheinend noch zu übertrumpfen tucht. Der„Meisler Mathias" Manfred Kybers, eines jungen Livländer Autors, erfüllte auch die weitgehendsten Ansprüche, die an dramatisch-kiinstlerische Belanglosigkeit gestellt werden können. Er ist ein typisches Erzeug- uis jener Reim-klingelnden Goldschnittlyrik, die mit geliehenen Gefühlen und Gedanken wichtig tut, und jeder Eigenart entbehrt. Der Theaterzettel, der unter den handelnden Personen auch die„Zeit", die„Religion" und ähnliches an- kündigte, gab einen Vorgeschmack der Tiefen, die sich in dem Stück erschließen würden. Der gelehrte Meister Mathias hat mit ganz besonderem Eifer Goethes„Faust" studiert. Aber sein Weltschmerz muß nicht gar so arg sein, denn das schlimmste, was er dem Leben vorzuwerfen bat, ist, daß er in der Zeit verläuft und mit der Zeit sich alles ändert. Voll Zorn darüber geht er auf die unschuldige Wanduhr loS, sie zu zertrümmern. Ans ihrem Schrein schlüpft ein vertrocknetes graues Frauchen, das ihn und uns belehrt, sie sei die Zeit und sie erscheine jedem, je wie er sich fühle, häßlich oder schön! Kein Wunder, daß Mathias bei dem langen Reden einschläft. Warum sie allerhand Traumbilder seines früheren Lebens an Mathias Geist vorüberziehen läßt, in welchem inneren Zusammenhange sie stehen, warum er zum Schlüsse sterben inuß, bleibt ein Geheimnis des Poeten. Bei der Wiedergabe war an Pomp nicht gespart, die opcrnhafte Ausstattung der Visionen sollte wohl für das dichterische Defizit entschädigen. Sommerstorff spielte den Meister und milderte durch den Wohlklang seines Organs die triviale Holprigkeit der Verse. Nach der verdorbenen Schlagsahne wurde ein herzhafter gesunder Rettich serviert: K l e i st s„Zerbrochener Krug" in guter, wenn auch das Durchschninsmaß nicht besonders überragender Besetzung. Neben P o b l s Dorfrichter Adam hatte Anna Schlamms zungengewaltige Frau Marthe den größten Heiterkeitserfolg. ckt. Verantw. Redakteur: Georg Davidsoh», Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin S W.