Zlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 42. Fmwg� den 28 Februar. 1908 (Nachdruck oeifioten.) 42j Schilf und Schlamm. Roman von Vicente Vlasco Jbanez. Tonet aß kaum und Hörte wie in einem Traum all das Geschrei und Gelärm dieser Leute und die vergnügten Pro- teste an, mit denen sie die Reden dieser aufschneiderischen Jäger über sich ergehen ließen. Er dachte traurig an Neleta, stellte sie sich vor, wie sie, von Schmerzen gequält, im oberen Stockwerk der Schenke sich auf dem Erdboden wälzte und ihr Geschrei erstickte, das ihr doch wenigstens eine Erleichterung verschafft hätte. Von der Hütte ertönte die Glocke der Domänenkammer, doch ihr Ton war so schwach, wie der einer armen Ein- ficdlerhütte. „Es hat zweimal geläutet", sagte der Onkel Paloma und zählte mit großer Aufmerksamkeit die Schläge; er hatte größere Angst, zu spät in das Haus zu kommen, als eine Messe zu versäumen. Als der dritte Schlag sich hören ließ, verließen Jäger und Schiffer die Tafel, um ihre Schritte nach dem Orte zu lenken, wo die Postenverteilung stattfinden sollte. Trotz der Menschenansammlung wurde das tiefe Schweigen, das alle, die die Schwelle passiert hatten, bcob- achteten, keinen Augenblick unterbrochen. Man sah dieselbe stumme Angst, die im Gerichtssaal oder bei den Ziehungen herrscht. Wenn jemand den Mund zu öffnen wagte, so ge- schah es mit leiser Stimme, mit schwachem Summen, wie im Zimmer eines Kranken. Der Präsident erhob sich. „Meine Herren!" Es trat ein noch tieferes Schweigen ein. Die Namen der Teilnehmer sollten aufgerufen werden. Auf beiden Seiten des Tisches standen steif, wie Herolde, die beiden ältesten Aufseher des Albuferasees, zwei dünne, dunkle Männer, mit schlangenartigen Bewegungen und spitzem Maule; zwei Aale, denen man Blusen angezogen, und die gleichsam nur zu den großen Jagdfestcn aus dem Grunde des Wassers auftauchten. Ein Aufseher ließ eine Liste herumgehen, um zu fragen, ob auch alle Posten bei der am nächsten Tage stattfindenden Jagd besetzt sein würden. „Nr. 1. Nr. 2." Man ging nach der Reihe vor, nach dem Preise des Abonnements und nach der Anciennität. Die Schiffer ant- warteten, wenn sie die Nummer ihrer Herren hörten, für diese: „Hier I Hier!" War die Liste abgelesen, dann kam der feierliche Moment. Die Bezeichnung des Postens geschah dann nach Wahl des Jägers oder nach dem Rate des erfahrensten Schiffers. „Nr. 3", sagte einer der Aufseher. Sofort rief der, der die Nummer hatte, den Namen, an den er gedacht.«Das Haar des Herrn...„Die ver- faulte Barke"—„Der Winkel der Antina". So hörte man die verschiedensten Namen aus der phantastischen Geographie der Albuferagegend. Die Schiffer hatten diesen Orten ihre Namen gegeben; viele ließen sich im Beisein von Damen überhaupt nicht wiederholen, oder der Magen empörte sich darüber, wenn man sie bei Tische aussprach; an diesem feier- lichen Tage aber achtete niemand darauf, und sie erregten nicht einmal ein Lächeln. Die Anweisung der Posten dauerte eine Stunde, und während die Aufseher sie wiederholten, schrieb ein junger Mann sie in ein großes, auf dem Tische liegendes Buch. Als die Verteilung beendet war, erhielten die kleinen Leute die Jagderlaubnis,— Jagdscheine, die zwei Duros kosteten, mit denen die Arbeiter den ganzen Albuferascc in ihrer kleinen Barke durchstreifen und in angemessener Eni- fernung von den eigentlichen Jagdpostcn alles erlegen konnten, was dem Gewehr der Reichen entging. Die großen Jäger eilten, sich die Hände reibend, schleunigst hinaus. Die einen wollten in Salcr schlafen, um bei Tagesanbruch auf ihre Posten zu eilen, die anderen, «isrigcren, zogen sofort nach dem See ab, denn sie wollten selbst die Aufstellung ihrer ungeheuren Barke überwachen, in der sie den Tag verbringen sollten.„Vorwärts und viel Glück; viel Vergnügen für jeden". Dann rief jeder Jäger seinen Schiffer, um gemeinsam mit ihm festzustellen, ob auch bei den Vorbereitungen nichts versäumt war. Tonet war nicht mehr in Saler. In dem tiefen Schweigen, das der Ziehung voranging, hatte ihn eine furcht- bare Angst ergriffen. Das traurige Bild Nclctas, die allein in Palmar war, sich in Schmerzen wand und sich an der Erde herumwälzte, ohne daß jemand sie tröstete, stand ihm beständig vor Augen; stets sah er sie, von dem Spürsinn ihrer Feinde bedroht. Er konnte seine Angst nicht mehr beherrschen und verließ. fest entschlossen, sofort nach Palmar zurückzukehren, das Haus, selbst wenn es zwischen ihm und seinem Großvater zu einem vollständigen Bruche kommen sollte. Neben dem Hause der Jnfantinnen, wo sich die Schänke befand, hörte er, wie ihn jemand rief. Es war Sangonera. Ee hatte Hunger und Durst, er war um die Tafel der reichen Jäger herum- geschlichen, ohne daß es ihm auch nur gelungen wäre, einen einzigen Knochen zu erwischen— die Fischer verschlangen alles. Tonet dachte daran, sich von dem Vagabunden vertreten zu lassen, doch der„Sohn des Sees" fuhr zornig auf, daß man es wagte, ihm auch nur den Vorschlag zu machen, er solle den Kahnführer spielen; ebenso gut könnte der Vikar von Palmar ihn auffordern, die Sonntagsprcdigt zu halten. Er war nicht der Mann zu einer solchen Arbeit. Auf jeden Fall paßte es ihm nicht, für irgend jemand die Ruderstange zu handhaben. Tonet mußte doch wohl seine Ansichten kennen, die Arbeit war eine Erfindung des Bösen. Doch Tonet war in seiner ungeduldigen Angst keines- Wegs geneigt, auf Sangoiieras Theorien zu hören. Er duldete keine Weigerung, sonst würde er ihm für immer den Geschmack am Brot verleiden und ihn mit eiirem tüchtigen Puff iil den Kanal werfen. Freunde müssen einander aus der Verlegenheit helfen. Er wußte doch recht gut mit einer Barke umzugehen, wenn er seine Finger in die von anderen aufgespannten Netze steckte und die Aale stahl. Wenn er übrigens Hunger hatte, so konnte er ja wie nie zuvor sich an deni Vorrat schadlos halten, den sein Jäger aus Valenzia mitgebracht. Als er sah, daß Sangonera von der Aussicht aus ein leckeres Mahl erschüttert wurde, versuchte er, seinen Entschluß durch einige Faustschläge zu stärken, trieb ihn bis zur Barke des Jägers und erklärte ihm, wie er mit allem umzugehen hätte. Wenn sein Herr erscheinen würde, sollte er ihm sagen, Tonet wäre krank geworden, und er hätte seine Vertretung übernommen. Bevor sich Sangonera noch von seiner Verwunderung erholt und seinen Entschluß gefaßt hatte, war Tonet bereits in feine leichte Barke gesprungen und hatte sich, wie ein Ver- zwcifelter mit der Rudcrstange arbeitend, auf den Weg ge- macht. Die Reise war lang. Er mußte den ganzen Albuferases durchqueren, um nach Palmar zu kommen, und eS wehte nicht der leiseste Wind. Doch Tonet fühlte sich von der Furcht und Ungewißheit aufgestachelt, und seine Barke schoß wie eine Möve über das schwarze Wasser. Mitternacht war vorüber, als er nach Palmar kam. Er war äußerst müde, die Arme schmerzten ihm von der hastigen Fahrt, und er wünschte nichts sehnlicher, als alles in der Schenke ruhig zu finden, um sich wie ein Stück Holz auf sein Bett werfen zu können. Nachdem er seine kleine Barke vor dem Hause angcrainmt, sah er es still und verschlossen wie alle anderen Häuser des Dorfes da liegen; doch unter der Tür flimmerte ein Streifen roten Lichtes durch. Tie Tante Nclctas öffnete ihm und blinzelte ihm, als sie ihn erkannte, mit den Augen zu, um ihn auf einen Mann aufmerksam zu machen, der mit einigen Kameraden, die zur Jagd Hergekommen waren, vor dein Herdfeuer saß. Es waren Dörfler von Sueca, die in der Nähe von Salcc Aecker besaßen— alte Kunden, die man unmöglich fort- schicken konnte, ohne Argwohn zu erregen. Sie hatten in der Schenke gespeist und schliefen neben dem Feuer, um bei Tagesanbruch ihre Barke besteigen und sich über den See zr» Verteilen, denn sie rechneten auf die Vögel, die unversehrt von den guten Posten fortfliegen würden. Tonet begrüstte alle und gmg dann, nachdem er wegen der morgen stattfindenden.Mte ein paar Worte niit ihnen gewechselt, in Neletas Schlafzimmer hinauf. Er sah sie im Hemd. blaß, mit verzerrten Gesichtszügen: der Schmerz ließ sie jede Klugheit vergessen, und sie stieß ein Gebrüll aus, das ihre Tante in Angst und Schrecken versetzte. ..Sie werden Dich hören/ rief die Alte. Auf Neletas Rat ging Tonet wieder himmten in die Schenke. Er konnte ihr doch nicht helfen, wenn er oben blieb. Wenn er aber den Männern Gesellschaft leistete, sie durch seine Unterhaltung zerstreute, so konnte er sie vielleicht hindern, etwas zu hören, das ihren Verdacht hätte erregen iönnen. Tonet verbrachte mehr als eine Stunde, um sich an der Asche des Kamins zu wärmen, und sprach mit den Bauern von der vergangenen Ernte und der prächtigen Jagd des folgenden Tages. Einen Augenblick stockte die Unterhaltung. Da hörten alle einen entsetzlichen, wilden Schrei: ein Schrei, als wenn ein Mensch ermordet würde. Doch-Tonets Un- ibeweglichkeit beruhigte sie. „Die Wirtin ist etwas krank." meinte er. Sie plauderten weiter, ohne sich um die hastigen Schritte ver Tante zu Sümmern, unter denen die Diele erzitterte. Nach einer halben Stunde, als Tonet glaubte, jeder hätte den Vor- fall vergessen, ging er wieder in das Schlafzimmer hinauf. Die Mehrzahl der Bauern schlummerte und ließ, von der Müdigkeit besiegt, den Kopf aus die Brust sinken. Oben angelangt, sah er Neleta blaß, unbeweglich auf dem Bett ließen', nur ihre glänzenden Augen verrieten, daß sie noch am Leben war. „Tonet Tonet," murmelte sie schwach. Der Geliebte erriet an ihrer Stimme und an ihrem Blick vlles. was sie ihm zu sagen hatte. Es war ein Austrag, ein unbeugsamer Befehl. Die grausame Entschlossenheit, die Tonet so oft geängstigt, erschien wieder nach der alles vernichteirden Krisis, trotz ihrer Schwäche, mit unerschütterlicher Gewalt. Neleta sprach langsam, mit einer Stimme, die wie ein ferner Seufzer klang. Das Schwerste war vorüber. Jetzt war es an ihm. zu handeln. Nun würde man ja sehen, ob er Mut hatte. (Fortsetzung folgt.) k)onore Oaumier. Geboren 26. Februar 1808, gestorben 9. Februar 1879. In diesen Tagen werden auch in einer ganzen Reihe deutscher bürgerlicher Zeitungen Gedenkartikel über Honore Taumier er- scheinen. Aber das Lob, das man bei dieser Gelegenheit an diesen Mann verschwendet lesen wird, steht genau im umgekehrten Vcr- hältnis zu der Kenntnis, die das deutsche Bürgertum von diesem Manne hat. Auf die Frage: Wer ist Daumier? würden 99 Proz. der Leser die Amwort absolut schuldig bleiben und das übrige eine Prozent würde höchstens wissen, daß der Träger dieses Namens ein französischer Maler gewesen ist. Welche Bedeutung aber dem Künstler in der Geschichte beikommt, das würden von dem einen Prozent auch neunnndneunzig kaum wissen. Ihre ganze Kenntnis würde sich wohl darauf beschränken, daß Taumier ein bedeutender Künstler gewesen ist. Aber in dieser Ignoranz des Bürgertums offenbart sich nur das unabänderliche historische Geschick, dem jede Klasse anheimfällt, wenn sie einmal das letzte ihrer Jugendideale im Interesse ihrer Profitrate verhökert hat. Tann gebt ihr nämlich auch der Sinn für ihre eigene frühere Größe, für ihren eigentlichen Inhalt, für ihre weltgeschichtliche Rolle verloren. Man braucht gar kein Talent zum Propheten zu haben, um darauf schwören zu können, was die bürgerlichen Gcdenkartikel. die zu Ehren Honore Daumiers erscheinen, enthalten werden. In ihnen wird, teils mit mehr, teils mit weniger Geist, begründet werden, daß Taumier in erster Linie ein ganz hervorragender Zeichner gewesen ist, ein Künstler mit einem geradezu fabelhaften EharakterisierungSvermögcn, und von einer Monumentalität in der Darstellung, die einzigartig in der Kunstgeschichte ist. Man wird lesen, daß er vermöge dieser künstlerischen Gestaltungskraft, selbst im Geringsten das Wesentliche einer Sache, Person oder Situation derart plastisch herausgeholt hat. daß dieses sich immer zum unvergänglich Typischen der betreffenden Erscheinung steigerte. Man wird lesen, daß er ein wunderbarer Phhsiognomiker und ein stets auf den Grund sehender Psycbolog gewesen ist. Die Mutigsten werden vielleicht sogar soweit gehen, zuzugestehen, daß an ihm aemessen, die berühmte preußische Malerexzellenz Menzel künst- lerisch nichts weniger als ein Niese gewesen ist. Zum Schluß wird man bedaucrr finden, daß dieses Genie seine Hanptkraft als Witz- blattzeichner— Daumier war vierzig Jahre, von 1832 bis 1872, Mitarbeiter des Pariser„Charivari". dem damals hoch angesehenen satirischen Kampforgan des demokratischen Bürgertums, und hat als solcher zirka drcieinhalbtausend satirische Lithographien ge» schaffen— verausgabt hat, denn das Bekanntwerden seiner Ge- mälde, auf die man erst im letzten Jahrzehnt aufmerksam wurde, offenbarte, daß Taumier auch eines der größten Malgcnies des 19. Jahrhunderts gewesen ist. Solches und ahnliches wird man vermutlich in den höchsten Tönen zu lesen besommen. Gewiß sind das alles nicht gleichgültige Tinge bei einem Künstler. Aber es sind im letzten Grunde doch nichts mehr als die alten, abgeleierten Phrasen der Kunstchronistik, in denen unsere gesamte moderne Kunstgeschichte heute abgewandelt wird. Indem diese Gedcnkartikel aber nichts mehr enthalten werden als eben derart rein ästhetische Wendungen, erweisen sie das, was wir eingangs sagten, daß jeder Klasse, die sich auf dem absteigenden Aste ihrer historischen EntWickelung bewegt, selbst der Sinn für ihre eigene Größe verloren geht, daß sie überhaupt aushört, historisch zu denken. Wir sagten: Gewiß ist das alles nicht gleichgültig bei der Wertung eines Künstlers. Wir fügen dem hinzu: es ist auch alles zutreffend. Man wird niemals übertreiben, wenn man nur in Worten der höchsten Bewunderung von der künstlerischen Ge- staltungskrast Daumiers spricht. Aber alle derartigen ästhetischen Wertungen verlieren die Hälfte ihres Wertes, und zwar den wichtigsten Teil, solange sie nicht unter den Gesichtswinkel der allgemeinen historischen EntWickelung gebracht werden. Und dieser historische Gesichtswinkel ist vor allem bei Taumier von großer und unentbehrlicher Bedeutung, denn einzig er macht feine geradezu weltgeschichtliche Größe aus. Mit dem siegreichen Aufstieg einer Klasse steigen auch ihre Größen auf, die geistigen Erfüller der historischen Aufgabe der betreffenden Klasse, und zwar auf allen Gebieten: in Wissenschaft, Literatur. Kunst. Die Notwendigkeit dieser Erscheinung kehrt uns der historische Materialismus, der uns zeigt, daß Probleme erst dann, und dann auch unbedingt reif werden, ivenn die materiellen Vorbedingungen ihrer Lösung bereits entwickelt sind. Mit dem siegreichen Aufstieg des französischen Bürgertums erstand auch die große französische Kunst des 19. Jahrhunderts. Als die große französische Revolution des 18. Jahrhunderts in der Julirevolution des Jahres 1830 ihren kür das Bürgertum siegreichen Abschluß fand, trat sie auf den Plan: Delacroix und Honore Daumier. Taumier war der Repräsentant der bürgerlichen Revolution Frankreichs in der Kunst, in ihm gipfelte die bürgerliche Kunst Frankreichs. Und zwar in der Richtung ihres revolutionären In- Halts. Der Inhalt der bürgerlichen Revolution in Frankreich, ihre ungeheure Triebkraft gaben seinem von der höchsten künstlerischen Begabung getragenen Schaffen die Monumentalität, das Heroische, d. h. seinen Stil. Die Eigenart der Klassenentwickelung Frank- reichs, daß es in erster Linie das Kleinbürgertum gewesen ist. das der Träger der revolutionären Ideen, wie nachher der hemmenden Reaktion war. bedingen den gesamten, so riesigen Stoffkrcis seines künlcrischen Schaffcnögcbietes. In diesen Zu- sammenhängen liegt die letzte und höchste Bedeutung Daumiers, d. h. diese Faktoren erhebt sein künstlerisches Werl auf die Höhe weltgeschichtlicher Bedeutung. In Daumier gipfelt künstlerisch die bürgerliche Revolution. In seiner Kunst war alles revolutionärer Inhalt, sie war niemals bloß Form. Aber Daumier war nicht bloß ein unbewußter Er- füller, Daumier war durch und durch bewußter Revolutionär. Er war Revolutionär im Denken, im Fühlen und im Handeln. Im Denken durch die unerbittliche Logik seiner Satire, im Fühlen dadurch, daß die Satire für ihn Mittel wurde, die Gegner der historischen Mission der Grundgedanken der großen französischen Revolution zu überwinden, im Handeln, daß er als Mensch in un- verbrüchlicher Treue bis zu seinem letzten Atemzuge zu ibrer Fahne hielt, als das Bürgertum als Klaffe längst seine revolutio- nären Forderungen preisgegeben batte. Das heutige Bürgertum achtet bei Daumier nur seine künstlerische Form, ahnt aber nicht, daß diese nur der Ausfluß des durch und durch revolutionären Inhalts ist. Honore Taumier entstammte selbst der Klasse, die die bürger- liche Revolution Frankreichs durchführte; sein Vater war ein armer Glascrmeister in Marseille, dort wurde er auch geboren. Aber schon mit«cht Jahren, als der behäbige Ludwig XVIII. gerade anfing, die Last seines erhabenen Bauches auf dem neu ge» zimmerten Bourbonenthron mit Zittern und Zagen zu betten, kam er nach Paris. Die brutale Restaurationöepochc unter dem alt gewordenen Sünder Karl X. wurde seine Schule, und als die Julircvolution strahlend am Horizont aufstieg, da stand er als fertiger Revolutionssoldat auf der Barrikade. Und als echter Rc- volutions�oldat stand er sein ganzes Leben hindurch an dieser Stelle. Wie von einer Barrikade herab bekämpfte er die klein- bürgerliche Engherzigkeit, die am Tage nach ihrem Siege bor nichts mehr eine größere Angst hatte, als vor ihrer eigenen Gottähnlich- keit, d. h. bor der logischen Konsequenz der siegreichen Revolution; von da herab bekämpfte er die brutale imperialistische Reaktion, die mit Napoleon einsetzte. Und dieser Kampf wurde stets mit unerbittlichen und absolut sicher treffenden Geschossen von ihm geführt Dsumitt war von der Nainr mit dem Talent des großen Satirikers beschenkt worden, zu dem sick) das eines ebenso tiefen Humoristen gesellte. Seine Satire war einfach und unerbittlich und ging stets bis auf die Knochen; sein Humor hatte die wonnige Wärme der Früljlingssonne. Mit seiner Satire holte er die Götzen des Tages von ihrem Piedestal herunter, auf dem sie breitbeinig posierend standen, und mit seinem Humor erweckte er zugleich das vergnügteste, triumphierende Lachen. Aber es ist nicht der bos- hafte Spötter, der einzig aus Scheelsucht lacht und meckert. Aus seinem Lachen hört man stets den Menschenfreund heraus. Der wirkliche Humorist liebt stets den, den er verlacht, d. h. er liebt die Menschen am tiefsten: er lacht, um nicht vor Schmerz und Mit- gefühl in Tränen ausbrechen zu müssen. Die großen Humoristen sind stets ernst, find in ihrem Wesen Tragiker. Daumier war ein solcher Humori t, keiner hat die Menschen so geliebt wie er. Ebenso ernst ist seine Satire. Sie ist frei von oberflächlicher, spielerischer Witzelei. Nicht selten ist sein Witz tragisch, es ist jener erhabene Witz der Großen der Kunst, wie man ihn z. B. auch bei Shakespeare trifft. Ein wunderbar sittlicher Ernst beherrscht bei ihm alles, und wenn es auch von den Genien des übermütigsten, alles bezwingenden Lachens umgaukelt ist. Das klingt paradox, aber gerade dieser Ernst macht seine Werke so tief bedeutsam. Es ist der große Witz der Weltgeschichte, der in seinen Bildern lebt und der hier lachend seine unvergänglichen Urteile fällt.... Daumier war im höchsten Matze produktiv und unerschöpflich wie jedes echte Genie. Es ist ganz unmöglich, hier auch nur in großen Zügen den Inhalt seines Schaffens zu umschreiben; es gibt kein Gebiet des geistigen und öffentlichen Lebens, keine politische Frage vom Jahre 1830 bis zum Jahre 1872, die er nicht im Brennspicgcl seiner das Wesen der Sache stets heraushebenden Satire vorgeführt hätte, sein Lebenswerk umfaßt daher nichts mehr, aber auch nichts weniger als eine ganze, und man möchte fast sagen erschöpfende Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Die unvergänglichen Typen, die Daumier schuf— denn daö ist eben, wie schon erwähnt, das Monumentale seines Stils: das Einzclindividuum steigerte er stets zum Repräsentanten seines Standes, seiner Klasse—, sind wie Kapitelüberschriften über die Hauptabschnitte der politischen und kulturellen Geschichte des bürgerlichen Frankreichs im 19. Jahrhundert. Mit dem Bürger- königtum setzte die Herrschaft des Bürgertums nack» der siegreicken Julirevolution ein. Mit der groteßk-komischen Erhebung Louie Philipps zum König der Franzosen durch die bürgerlichen Geschäfts- Politiker Lafitte n. Co. hatte aber auch das Bürgertum seine politischen Jugendidcale verramscht, und unter dem Titel ,, Bürger- königtum" wurde die neue Firma in das Handelsregister der Weltgeick-icbte eingeschrieben. Daumier gehörte zu jenen ehrlichen Revolutionären, die die Konsequenzen des Sieges der Revolution gezogen haben wollten und die nicht auf die Barrikade gestiegen waren, nur deshalb, damit eine bürgerliche Ausbcutungskompagnie an Stelle der Feudalen tritt. Als es aber so kam, da stand er am Tage nach dem Siege, den er selbst mit dem Gewehr in der Hand mitcrfochten hatte, aucki auf der Seite derer, die nun die Sieger bekämpften. Und da für daö neue Geschäft Louis Philipp der Firmenträger wurde, so loar es dieser, auf den sich die Angriffe konzentrierten. Niemals in der Geschichte des Bürgertums ist die Monarchie so konsequent, aber auch niemals so geistreich befehdet worden, wie damals vom Stabe des„Cbarivari", und das schlagendste und kühnste dabei leistete Daumier. Unersättlich in seiner persönliche» Habgier war die gekrönte Birne, denn so war Louis Philipp wegen seines Birnenkopfes getauft worden,— als unersättlichen Fresser Gargantua, der ungezählte und ungemcsscnc Säcke Geldes verschlingt, so zeichnete ihn Daumier. Das war sein Debüt in der politischen Karikatur. Mit sechs Monaten Ge- fängnis mußte er es büßen. Hundertfach zahlte er cS heim. AlS den Beutepolitikcrn des Bürgerkönigtums das Geschäft durch die revolutionäre Opposition zu sehr gestört wurde, bekehrte man sich offen zur brutalen Reaktion. Durch die Scptembcrgesetzc vom Jahre 1834 wurde die Presse geknebelt und die politische Karikatur niedergewürgt. Aber eile marclie pourtant— die Wahrheit soll trotzdem marschieren, proklamiert Daumier mit dröhnendem Lachen. Hieß das erste Kapitel Gargantua, so hieß das nächste Kapitel Robert Macaire. Wieder ein klassischer Typ. Unter dem Namen Robert Macaire schuf Daumier den Typ des skrupellosen Gauners, der auf jede Art und Weise Geld macht, d. h. durch hundert kapitalistische Gaunerpraktikcn das Volk auS- zubcuten versteht. Dürfen wir die Personen nicht mehr treffen, so treffen wir die Sache, sagte man sich. Und man faßte sie und ließ sie nicht mehr los, bis daö Bürgerkönigtum im Februar 1848 niedergerungen war. Robert Macaire versinnbildlicht die Ge- sckäftc machende Bourgeoisie in ihren wilden Flegeljahren, in einer Einzelsigur verkörpert, aber es ist der Typ, in dem sich alle Eigen- schaften der Klasse samincltci». In rund huiidertfünszig Bildern schuf TaumierS fruchtbarer und furchtbarer Zcichenstift das un- vergängliche satirische Denkmal dieser Epoche der modernen kapitalistischen Entwickclung. Auf Robert Macaire folgte am Beginne der fünfziger Jahre Ratapoil— der Typ, in dem Daumier die ruchlose Dezember- bände, Napoleons des Dritten Preisfcchter und politische Zuhälter und somit ihn selbst geißelte. In nicht weniger Bildern, in rund 200 sogar, und jedes neue grimmiger als das vorhergegangene, hat er hier den Kampf geführt. So geht eS fort. Man muß sich selbst bei der bloßen Kaplkek- nennung einschränken. Als der deutsch-französische Krieg in Pari? zur Kommune führte, stand Daumier selbstverständlich auf der Seite der Kommune. Alle gr ßcn Künstler Frankreichs standen auf ihrer Seite. Von Courbet war er in die Kommission berufen, die von der Kommune zum Schutz der Pariser Kunstschätze bestellt worden war. Wie in der Politik, so erklärte Daumier im gesellschaftliche» Leben allem Veralteten, allem Kulturwidrigcn den Krieg. Das inhaltslose künstlerische Epigonentum der dreißiger Jahre verhöhnte er in unsterblicher Weise in den SO Blättern seiner„Histoire ancienne"(Klassische Geschichte). Aber ebenso kämpfte er für nn- verstandene Größe. Als 1865 Courbet von den künstlerischen Machthabern Frankreichs unterdrückt wurde, da popularisierte er den Kollegen und führte durch eine Reihe köstlicher Satiren das Publikum vor Courbets Bilder. Wie kläglich, wie ärmlich ist diesem großartigen Schauspiel gegenüber die deutsche Karikatur des 19. Jahrhunderts, wie klein« lich sind mit Daumier gemessen selbst die bedeutendsten Namen der deutschen Karikatur jener Zeit. Aber das ist das tragische Verhängnis einer Klasse, die ihre historisckie Aufgabe nicht zu er» füllen vermochte, die kläglich vor dem Absolutismus kapitulierte und deren gesamte spätere politische Existenz nur ein fortgesetzter. ebenso kläglicher Kompromiß mit den Mächten der Reaktion ist. In diesem Loden konnte keine historische Größe wurzeln, und darum ist auch keine daraus hervorgegangen. Die deutsche Kari» katur war nur kleinlich, selbst im Großen. Gewiß hat Frankreich seinen bürgerlichen Heroen auch nicht mit Reichtum und Lorbeeren gelohnt, im Gegenteil, mit einem wahren Tagelöhnerlohn mußte Daumier sich durchs Leben fristen. Das trat vor allen« tragisch in Erscheinung, als er den Litho- graphiestift mit der Malerpalctte vertauschte. Man schüttelte den Kopf, verstand ihn nicht und ließ seine Gemälde gänzlich un- beachtet, so daß er nach wenigen Jahren wieder an die Futter- krippe der Tagesfron zurück mußte. Das ist um so tragischer, da nian heute feststellen muß, daß Daumier auch als Maler an der künstlerischen Spitze des bürgerlichen Emanzipationsgedaukens marschiert. Nicht nur stofflich durch seine herrliche Verkörperung des revolutionären Willens in den wunderbaren Gemälden„die Emeute" oder„auf der Barrikade", durch die grandiose Symboli- sierung der Republik in dem gleichnamigen Bilde usw., nein, auch in der neuen malerischen Form, die er schuf. Was einen der Größten der französischen Kunst berühmt machte, Francois Millet, das ist die von Daumier geschaffene monumentale Linie, was dem heute noch lebenden Dcgas die hohe Bewunderung einträgt, daß ist die Bewegung, für die Daumier den künstlerischen Ausdruck geschaffen hatte. Alle diese modernen Formen gehen auf Daumier zurück. Weil dieses aber der Fall ist, darum gilt auch von ihnen allen, was von jeder Lithographie, von jedem, dem kleinsten wie dem größten Gemälde TaumierS im einzelnen gilt. Diese ewige, nie verlöschende Lebenöflammc, die unS daraus cntgegcnlodcrt, ist einzig genährt und entwickelt von dem revolutionären Inhalt, der Daumier erfüllte und der durch ihn sichtbare künstlerische Form geworden ist. Davon wird man, wie gesagt, heutzutage sehr wenig oder gar nichts hören. Aber gerade darum ist die Klasse, deren Kämpfe er geführt hat, als diese noch Ideale hatte, im letzten Grunde heute genau so undankbar wie ehedem, wo sie diesen Riesen der kläg- lichen Not überließ, und er nur durch die Treue eines Freundes davon bewahrt blieb, Hungers zu sterben, als ihin eine unerbitt- lich fortschreitende Erblindung im Jahre 1872 den unermüdlichen Zeichenstift aus der Hand zwang.— Wenn das Proletariat des hundertsten Geburtstages Honore Daumiers in der Weise gedenkt, daß sie diesen Mann in einen großen historischen Gesichtswinkel rückt und die glitzernden Maß- stäbchcn der ästhctisicrcndcn Fachkritik beiseite läßt, glaubt es, diesem großen Soldaten der bürgerlichen Revolution mehr Ehre zu tun, als ihm durch die laut klingenden ästhetischen Vcrhimmc- hingen seiner Klasscngenossen geschieht, die doch nur das verbergen oder verraten, daß der revolutionäre Inhalt und die historische Logik der Dinge den kleinen Nachsahren unbequem oder unver- ständlich geworden ist. dz. JVeuc Liebe. Von C. G. Grumblat. Er hatte Wied« Arbeit gefunden in dem Vorort, dem er ein ganzes langes Jahr ferngeblieben war. Nein, zehn Monate waren es wohl gerade der. seit er im Hcrbstsommer an jenem dunst- schweren, schwülen Jnliabend an die Dachstubentür seiner Frau ge« klopft, die Zähne zusammengebifleu. .Laß nur rinn, Marie..." Sie halte nicht geöffnet. Nur der Schlüssel drehte sich noch einmal im Schloß herum, gerade so. als ob die dünne Holztiii. das junge Weib noch nicht sicher genug vor ihm schützte, das er vor ein paar Monaten um einer anderen willen Verlaffen hatte. Sie und das Kind, das im Weihnachtsmonat geboren war. Der Mann hörte es schreien, als er geklopft hatte. Und einen Augenblick zuckten seine Fäuste, als ob sie daö morsch« Holz, daS iljit von feinem rechtmäßigen Weibe und Kinde trennte, durchschlagen Ivollte. Er besann sick> aber noch �ur rechten Zeit, krallte die Finger zusammen und stieg die Bodentreppe wieder mit denselben schweren, polternden Schritten hinab, wie er sie hinauf- gestiegen war. Was suchte er eigentlich da oben, nachdem er der Fremden bald iiberdrliisig geworden" war? Was hatte ihn hinaufgetrieben in die heiße Bodenlammer, in der er ein Jahr lang mit dem blonden pimperliche» Weibe zusammengelebt? Sehnsucht nach ihm und dem Kinde?... Nee," Heinrich Paschke spuckte aus, als er wieder auf der Straße war. und wischte sich mit dem Handrücken über die heiße Sttrn. DaS Kind batte ihn ja fortgetrieben aus dem Hauke. Schon ehe es auf der Welt war. Das wehleidige entstellte Geficht seiner Frau, der schwerfällige Körper... er war froh, wenn er das alles incht zu sehen brauchte. Und nachher, als das kleine Mädchen endlich da ivar. blieb die Marie geitau so wehleidig und scheu wie vorher. Er konnte so ein Gel?abe bei einem Frauenzimmer nicht leiden. Er hatte sich Ersatz gesucht und war eines Tages mit der anderen auf und davongegangen. Bei dem Maurerstreik war so wie so an Verdienst in der Stadt fllr's erste nicht zu denken. Und so lief er davon mit dein verrückten Mädel, das genau so ein gefülltes Spar- kasjenbuch mitnahm wie er... „Pfui Deibel."... sagte Heinrich Paschke unwillkürlich laut, als er heute daran dachte. Wütend über sich selber, klopfte er auf die Ziegelsteine des Neubaues, an dem er seit einer Woche Arbeit gefunden. Neben ihm hantierte umständlich der Lchrjunge an dem Mörteltrog. „Bis Feierabend schaffeit wa det Stück nich mehr," meinte er grienend.„Js schon halb uff viere"... „Bis Feierabend I" Heinrich fuhr herum und blinzelte durch den Kalk'taub, der ihm die Augenlider füllte, zu dem lachenden Jungen hinüber. „Du hast de Uhr noch mehr im Koppe, als de Arbeet I Wat »nächste'n nach Feierabend?" Der Kleine reckte sich. „Wat soll ick denn machen? Zu Muttern jeht'Sl" Da sagte der Mann nichts mehr. Er schlug weiter auf seine Steins und hörte in jedem taktmäßigen Schlage:„zu Muttern I" Und sein Luderleben fiel ihm ein, das er seit Monaten geführt. Die billigen, schmierigen Schlafstellen bei fremden Leuten, das Arbeitsuchen von Ort zu Ort,»md die einsamen, dunklen Nächte in den harten, kalten Betten. Früher war die große Dachstube daheim immer»varm gewesen. Seine Wäsche war weiß und wohlgcflickt. DaS Essen gut»md die Nächte kurz bei seinem blonden, friedlich atmenden Weibe. Bei Muttern! Er hätte daS heute auch sagen kömtcu, wem» er damals nicht wie ein wilder Stier sich den Kopf in der ersehnten Freiheit kaput gestoßen hätte. Seitdem konnte er überhaupt nicht mehr über sein Leben»achdenken. Zu Hause hätte er ein Kind gehabt, deffen Mutter fein Weib war... Aber noch einmal anklopfen an die verschloffcne Tür, noch einmal die ängstliche, anklagende Sttmme hören, die ihn damals für alle Zeit verdammt hatte,... nee. nee... „Pfui Deibel,... ivaZ biste für'n Kerl I"... Run faß er wieder nach Feierabend in der Kneipe. Mit ihm am Tisch noch ein paar Maurer. Die Tür der Bierstube war geöffnet, eilt voller breiter Licht- streifen floß da herein über die mit Sand bestreuten Dielen. Da? war gut, daß hier ein neuer Wirt an dem Schankttsch stand. Der kannte ihn nicht von damals, als er noch als Ehemann hier auf den Holzstühlen gesessen. Auch die anderen Gäste wußten nichts von ihm. Alles fremde, neue Gesichter. Jetzt fiel ein Schatten über das Licht von der Tür. Eine Frau mit einem Pack Zeitungen war hereingetreien. Blond, verhärmt, blaß sah sie aus. Aber blaue, helle Augen waren in dem Geficht, der schlanke Körper leicht vornübergeiteigt, als drücke daS schwere ZeitungSbündcl im Arn»... „R'Abend." sagte sie freundlich und legte eine ihrer ZeiUmgen auf den Schankttsch. Eilte dunkle, schöne Stimme... Heinrich Paschke war förmlich wie elektrisiert herumgefahren. Er sah aber nur noch den goldblonden Haarknote» über dem vertragenen Waschkleid und den tannenschlanken, mädchenhaften Körper. Neben ihm lachte einer der Maurer. „Det iS de Zeitungsmarie.... haste gcseh'tt, Heinrich? Det iS'ne Kalte mit ihre Verjißmeiiinichtoogcn! Die traut man sich nich anzufassen... alle Wetter!" „Na. na."... lachte ein anderer,„se hat ooch cen Kind! So zahm is die janich l" „Haltet'S Maul!" rief der Wirt dazwischen.„Uff die laß ick »tischt kommen! Det ist ne verheiratete Person, und hat ihr Kind in Ehren. Und uffpassen duht se,..... jeden Abend nimmt se vis vor de Türen ihre Kleene mit,..... fehl Jhr'S..... mj fährt fe wieder an die andre Seite rüber! Und derwcile se int HauS seht mit ihre Zeitungen, sitzt det kleene Mächen bei Wind»rn Wetter in sein Wagen un rührt sich nich von de Stelle. Ick jloobe, der Mann is... hui... i!" Er machte eine Handbewegung durch die Lust und pfiff durch die Zähne. Die Männer grienten und blickten durch daS breite Glasfenster auf die Straße,, der blonden Frau nach. Heinrich Paschke lachte nicht. Aber er sah doch l Er sah drüben einen alten Korbwagen stehen, in dem über einem roten Flanell« kleidcken ein blondes, flaumiges Köpfchen war. Ganz allein saß daS Dingelchen da. Wartete geduldig und reglos, bis die Mutter wieder mit ihren Zeiwngcn auS den» großen HauS mit den vielen Treppe« herauskommen würde. Und so ging daS von Tür zu Tür, Tag für Tag... ob der Wind blies, ob der Regen auf daS zarte Köpfchen herniederpraffelte. (Schluß folgt.) kleines femUeton. Paläontologisches. Eine Eidechse von V6 Meter Länge. Der uord- amerikanische Staat Wyoming ist bekannt als eine Fundgrube für Foffilicn aller Art; zahlreiche und bedeutsame Funde, die unZ tnanchen Vertreter der prähistorischen Tierwelt in meist recht gut erhaltenen Versteinerungen näher gebracht haben, sind in Wyoming gemacht worden. Von weit größerer Bedeutung als alle früheren Funde dürste aber, wie wir im„Prometheus" lesen, die kürzlich erfolgte Ausgrabung deL Skeletts einer Eidcchsenart von 96 Meter sein, die einer Expedition der Wyoming-Staats- Universität gelang. Diese Eidechse ist zweifellos das größte bisher aufgefundene prähistorische Tier. Das Skelett ist sehr gut erhalten, es liegt am Abhänge cineS Hügels, ganz in Schiefer eingebettet» und es scheint, als ob die Versteinerung der Knochen begonnen habe, che auch nur ein einziger von diesen aus seiner Ursprung» lichen Lage gewichen war. Die Frcilegung de? seltenen Fundeö ist noch nicht ganz vollendet, doch konnte die Länge des TiereS einwandfrei gemessen werden. Ein rechtes Bild von diesem Un« getüm wird man sich erst machen können, wenn daS Skelett im Museum der Wyoming-Staats-Universität, der reichsten und größten Fossiliensammlung der Welt, Aufstellung gefunden haben wird. Aber schon allein auf Grund der Längenangabe von 96 Meter und der Ivcitercn Mitteilung, daß ein einziger der versteinerten Rücken- Wirbel des Tieres nicht weniger als ISO Kilogramm wiegt, muß man unwillkürlich an die Verwüstungen denken, die' ein solches Ungeheuer zu feiner Zeit auf Erden angerichtet haben muß, schon allein um sein NahrungSbcdürfniS zu bestiedigen. Technisches. Petrol-elektrischc Lastzüge für Landstraßen. DaS Problem, ohne Schienenstrang auf gewöhnlichen Landstraßen eine ganze Wagenreihe befördern zu können, ist in Amerika in eigenartiger Weife gelöst worden. Der Zug neuen Systems, der in Amerika großes Aufsehen erregt, besteht nach Angaben der „Elcctrical Review" aus einem TraktionSmotorwagen und zwel Anhängern. Alle drei laufen auf je sechs Rädern, von denen daS mittlere Paar die Triebräder darstellt. Sie find mit den übrigen Paaren in der Werfe verbunden, daß sie bei Wendungen sämtlich konzentrische Kreise beschreiben. Die Triebräder messen 108 Zenti» mcter, die übrigen 48 Zentimeter im Durchmesser. Der TraktionS» wagen erzeugt nun mittels eines Pctroleummotors von 60 Pferde» kräften, der mit einem 3S Kilowatt-Dhnamo verbunden ist, elek- irische Energie, die aber nicht allein zu seinem eigenen Antrieb dient, sondern durch Leitungen auch die beiden mit je einem eigenen Motor versehenen Anhängewagen speist. Das ganze Wagenshstcm ist federnd mit einander verbunden, um den Un- ebenheitcn der Straße Rechnung tragen zu können. Die Motoren. deren jeder Wagen zwei besitzt, sind gleichfalls federnd aufgehängt. Sämtliche Lenkmanöver vollziehen sich auf elektrischem Wege und können daher leicht von einem einzelnen Manne besorgt werden. Der TraktionSwagen kann in einem Kreise von 7 Mcter Halb- messer wenden. Jeder Wagen faßt 6—8 Tonnen Last, und auch der TraktionSwagen hat zur Herstellung dcS GewichtSauSgleichS eine Plattform, die 3— 4 Tonnen aufnehmen kann. DaS neue System soll dem Mangel vieler Industrien an einer ökonomischen Beförderungsart ihrer Produkte über gewöhnliche Straßen ab- helfen. Auf makadamisierten Straßen bester Beschaffenheit ver- mag der Zug mit einer Ladung von 20 Tonnen fast 10 Kilometer in der Stunde zu bewältigen. Ein namhafter Vorteil dcS Systems besteht darin, daß man beispielsweise auch in einer Seitcnallee» die für den Traktionswagen nicht fahrbar ist und auch keinen Platz zum Wenden bietet, mit den emzelnen Wagen manövrieren kann. Der Traktionswagen bleibt einfach auf der Hauptstraße stehen und liefert mittels langer Kabel die Kraft. Ebenso könne« die einzelnen Wagen an verschiedenen Punkten einer Straße bet laden und dann zum Zuge vereint werden. Verantw. Redakteur: Gevrg Davibsohn, Berlm.— Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Lc Co.. Berlin LW,