Ur. 296. Absnmmcnts- Kedtngungen: SlbonnsmenlS-Preis pränumerando: vicrteljährl. Z.ZV Ml.» monall. 1,10 3J1I.. wöchenllich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. EonnlagS, Nummer mil illuNrieirer SonnIagS» Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mark pro Quartal. Eingetragen in der Post-gettungi- Preisliste für 1890 unter»r. 782». Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Erschrinl»glich«uljer Monkig», Vevlinev Volksblatt. 16. Jahrg. Die Iilserttons- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonsl- »eile oder deren Raum so Pfg., für politisch« und gewerkf chaftliche Vereins- und VerfammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anieigen" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen biS S Uhr nachmittags in derExpediti on abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen bt» 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtagen bis ö Uhr vormittag« geöffnet. Fernsprecher, Nml l, Nr. I50S. Telegramm-Adresse: „Sorialdemokrat Berlin" Centralorgan der socialdemokratifchen Uartei Deutschlands. Nedalttion: 19. Veuth-Strasze 2. Expedilion: SW. 19. Beuttz-Straste 3. Das Fiasko der Berliner elektrischen Straßenbahn. 'Ein Kapitel aus der Geschichte des kapitalistischen Großbetriebes/ Zum erstenmal seit der umfangreicheren Einführung des elel- krischen Betriebes auf den Berliner Straßenbahnen hatten diese in den letzten Tagen anläßlich eines mäßigen Schneefalles bei starker Kälte mit schwierigeren Betriebsocrhältnisscn zu kämpfen gehabt. Schneefall und Kälte gehören in unseren Breiten allerdings nicht zu den abnormen Erscheinungen, sie sind vielmehr die Regel und das Verkehrsgewerbe muß deshalb auch von vornherein mit solchen Verhältnissen rechnen. Wenn es überhaupt Anspruch daran' erhebt, auf der Höhe technischer Leistungsfähigkeit zu stehen, so hat es geeignete Vorkehrungen zu treffen, die es in Stand setzen, der im Winter jederzeit zu erwartenden Schwierigkeiten Herr zu werden. Bei der Großen Berliner Straßenbahn-Gcsellschaft war es jedoch durchaus anders. Gegenüber den Elementen, die nicht einmal wütend tobten, sondern nur bescheiden daran mahnten, daß wir aucb einmal an einen Winter denken müßten, der weniger mild ist, als die abnormen Winter der letzten Jahre, zeigte sich die„Große Berliner* vollständig ohnmächtig. Im Zuge der Leipziger und Potsdamerstraße lagen zeitweilig ganze Wagenlolonneu auf den Schienen und hemmten jeglichen Verkehr; wiederholt sah man das groteske Bild, daß die riesigen Accmnnlatorcnwagen von abgetriebenen Gäulen über die nächste. Kreuzung gezogen wurden, um wenigstens einigen Pferdebahulinien de» Verkehr frei zu geben, lieber die Potsdamer Brücke konnten die meisten Acciimulatorenwagen überhaupt nur nnt aninialischer Kraft oder Vorspannwagen hinwegkommen; fast auf keiner Linie war es mög- lich, den fahrplanmäßigen Betrieb aufrecht zu erhalten. Zeitweilig brauchte ein einzelner Wagen vom Spittclmarkt bis zum Liitzowplatz ca. 4 Stunden. Wer rasch vorwärts kommen wollte, ging zu Fuß. wenn er nicht so glücklich war, in den überfüllten Onmibnssen noch ein Plätzchen zu erwischen.— Zu einer Zeit, Ivo infolge des Wcihnachtsfestes der Verkehr auf den Straßen enorm angeschwollen war und die Transportgesellschaften ihre Verkehrsmittel zum mindesten auf das Doppelte hätten erhöhen müssen, waren sie gezwungen, ihren Betrieb ans die Hälfte einzuschränken; und selbst innerhalb dieser bescheidenen Grenzen vermochte» sie nicht einen regelmäßigen Betrieb aufrecht zu erhalten. Abgesehen von den erheblichen Einbußen, die ein großer Teil der Berliner Bevölkerung durch die gewaltigen Verkehrsstörungen erlitten hatte, stellten sich auch bei der Großen Berliner Straßeneisenbahn-Gesellschaft immense Ausfälle ein, die sich auf Hunderttausende beziffern dürften. Trotzdem aber verzeichneten die Aktien der Großen Berliner Straßeneisenbahn-Gesellichaft am 16. Dezeniber, am ersten Tage nach den großen Störungen, einen Kurs von 259,25, nachdem sie am 10. Dezeniber nur 255 notiert hatten. Am 16. Dezember, wo sich die Ausfälle der Großen Berliner Straßeneisenbahn-Gesellschaft schon übersehen lassen mußten, stand der Kurs auf 257,56, also noch immer 2Vs Prozent höher als zur Zeit, wo ein eventueller Schneefall erst erwartet wurde. Wenn bei einer Transportgesellschaft im Falle einer eintretenden Betriebsstörung der Kurs nicht fällt, wie ein vernünftiger Mensch erwarten sollte, sondern steigt. so müssen offenbar Umstände vor- Händen sein, die der betreffenden Gesellschaft die Betriebsstörungen erwünscht sei» lassen.— Und das ist bei der Großen Berliner Straßen- bahn-Gcsellschaft thatsächlich der Fall! Bekanntlich hat sich die Große Berliner zur Aufnahme des elektrischen Betriebes nur mit äußerstem Widerstreben entschlossen, denn sie hatte eS sich selbst gesagt, daß an die Konzessionierung des elektrischen Betriebes Bedingungen für die Bequemlichkeit der Fahr« gäste geknüpft werden würden, die, so bescheiden sie auch immer sein mochten, unter Umständen die Dividenden doch beschneiden konnten. Weit lästiger hatte es jedoch die Große Berliner empfunden, daß sie nicht in allen Berliner Straßen den reinen Oberleitnngsbetrieb— den fraglos billigsten Betrieb— konzessioniert erhalten konnte.— Die riesige Entwicklung Berlins, die öffentliche Meinung drängten aber im Interesse rascheren Verkehrs unwider- stchlich nach der Einführung elektrischen Betriebes. Die Große Berliner konnte sich gar nicht mehr sträuben.'Aber wenn schon die Gesellschaft elektrischen Betrieb einzuführen gezwungen war. so sollte er doch möglichst billig sein. Wie kam man aber um die Klippe herum, einzelne Straßen ohne Oberleitung befahren zu müssen?— Die Wahl war nur möglich zwischen unterirdischer Stromzufllhrung, wie ihn die Siemensbahn zwischen Behren- stratze und Hollmannstraße besitzt und wie er sich in Budapest sowie Wien bestens bewährt hat, und dem sogenannten gemischten Betriebe, wie wir ihn gegenwärtig haben, wo einzelne Wagen auf bestimmten Strecken als reine OberleitungSwagen, auf anderen da- gegen als Acciimulatorenwagen verkehren. In jedem Falle war der Apfel sauer, in den die Grojse Berliner beißen mußte. Zunächst versuchte die Gesellschaft sich gegen die Einführung unterirdischer Stromznfiihrung aufzulehnen, denn sie sagte sich wohl mit Recht, daß wenn sich dieses System erst einmal in den Verkehrs- reichsten Straßen bewährt haben würde, es dann leicht kommen könnte, daß die in ästhetischer Hinsicht ungeheuerliche Oberleitung auch in den äußersten Stadtbezirken nii�t würde gestattet werden. Trotzdem mußte sich die Große Berliner doch zfai; Anlage wenigstens einiger kurzen Versuchsstrecken entschließen.— Die meisten unserer Leser iverden sich wohl noch erinnern, welche erbaulichen Scenen sich auf diesen kurzen Strecken abspielten. Besonders amüsant waren diese Scenen auf der kurzen Strecke an der Lutherkirche, wo eine Störung der anderen folgt« und Äteeloktrijche« Wagen zumeist mit Vorspannpferden über diese Strecke hinweggezogen werden mußten. Das beharrliche Versagen des elektrischen Betriebe? auf dieser Strecke war aber für die Große Berliner nichtsdestoweniger von segensreicher Wirkung, denn sie vermochte damit den„positiven Be- weis* zu erbringen, daß sich die unterirdische Stromzuführung»für Berlin nicht eigene*, so daß ihr schließlich trotz der Einsprache der Lnthcrgemcinde die Erlaubnis erteilt wurde, auch diese Strecke mit oberirdischer Leitung zu befahren. Dem unbefangenen Beobachter mußte schon damals die merk- würdige Erscheinung auffallen, daß der Großen Berliner nicht ge- lingen wollte, was die Siemensbahn mit befriedigender Leichtigkeit zu leisten im stände ivar.— Als Schreiber dieses vor einigen Jahren mit einem der bedeutendsten Elektrotechniker der Welt, der als Chef- Elektriker der General Electric Co. auch der„Union* nahe ffteht, die diese Vcrsnchsstrccke gebaut hatte, über diese merk« würdige Erscheinung sprach, äußerte sich dieser nach ein- geholter Information dahin, daß die„Union* genau nach Vorschrift der Großen Berliner verfahren habe. Die Vcrsuchsstrecke mit unterirdischer Stromzuführnng funktionierte also„auf Bestellnng* nicht I Nachdem dieser Kelch an der Großen Berliner glücklich vorüber- gegangen war, mußte sie sich aber doch zur Einführung des ge- mischten Systcmes entschließen. Die Einwände, die sie immer wieder dagegen erhob, konnten ihr leicht mit dem Hiinvcis auf Hannover widerlegt werden, wo sich das gemischte System dauernd bestens be- ivährte, und auch unter den schwierigsten Verhältnissen keinen Anlaß zu Verkehrsftönmgen gab. Also die Große Berliner mußte Accumulatoren- wagen bauen! Das ivar bitter, den» die Accumulatorenivagen sind nicht bloß erheblich teurer als die Wagen mil reiner oberirdiscbcr Stromzu- führnng, sondern auch die Betriebskostc» stelle» sich erheblich höher. Kein Wunder, daß die Große Berliner allcHcbel in Bewegung setzte, um diesen Pfahl in ihrem Fleische wieder los zu werden. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, daß sich die Große Berliner bereits vor Monaten nnt Gehcimrat Prof. Slaby in Verbindung gesetzt hat, um ihren Ziveck zu erreichen. Bei der Wertschätznng. deren sich Prof. Slaby bei dem Kaiser erfreut, so kalkulierte die Große Berliner, würde eine kaiserliche Anregung bei dem Polizeipräsidium und der Stadtverwaltung schließlich dazu führen, daß auch die Straßen im Innern der Stadt mit Oberleitungen verschandelt werden dürfen. Um jedoch eine Intervention des Prof. Slaby- zu erreichen, war eS nötig, demselben den Nachiveis zu erbringen, daß der Accumu- latorenbctricb kein zuverlässiger sei. Die Accumnlatorenwagen versagten in der That sofort, als die ersten Schneeflocken vom Himmel fielen. Aber der Kurs der Großen Berliner Straßenbahn-Aktien stieg I Er konnte steigen, Iveil sich die Große Berliner der Hoffnung hingab, daß die gewaltigen Verkehrsstörungen den Accumulatoren definitiv den Hals gebrochen hätten. Einen Teil des schönen Wahnes hat allerdings bereits der Polizeipräsident vernichtet, der an die Große Berliner eine Ver- fügung erlassen hat, ans der wir das Nachstehende herausheben: „Die erheblichen Störnngen, die während der letzten Tage im Betriebe der elekrischcn Straßenbahnen vorgekommen sind, haben vorwiegend darin ihren Grund, daß die Große Berliner Straßen- bahn es unterlassen bat, geeignete Maßnahmen zu treffen, um den Bcivegnngsividcrstand zu beseitigen, der durch die gefrorenen Schneekörper, die auf die Geleise und in deren Rillen gerieten, hervorgerufen ivurde. Die Gesellschaft hätte sich die Reinhaltung der Geleise besonders angelegen sein lassen müssen und hätte zu diesem Zwecke, namentlich in den verkehrsreichen Straßen, ein größeres Aufgebot von Personen dauernd beschäftigen sollen. während thatjächlich das für gewöhnlich angestellte Personal kaum in wahrnehmbarer Weise vermehrt ivurde. Es hätte ferner recht- zeitig und in wirksamer Weise Salz gestreut werden müssen, um die Schneekörper von den Schienen loszulösen. Die Verwendung von Salz, das im Betriebe der Großen Berliner Straßenbahn bei Thamvetter vielfach im Uebermaße stattgefunden hat, wäre im vorliegenden Falle durchaus angezeigt gewesen. Daß die Eigenart der Accumulatoren an de» Verkehrsstörungen keineswegs in aus- schlaggcbeuder Weise die Schuld trügt, zeigt das Beispiel der Berlin-Charlottenburger Straßenbahn, auf welcher der Verkehr sich glatt abgewickelt hat. Indem ich mir vorbehalte, noch näher zu prüfen, ob und in welcher Weise die Behandlung, die den dortigen Accumulatoren zu teil wird, verbesserungsbedürftig ist usw.* Hieraus geht hervor, daß die Große Berliner mit voller Absicht die Verkehrsstörungen nicht verhindert hat! Für die Beseitigung der eingetretenen Hindernisse hatte die Große Berliner so ivenig Sorge getragen, daß die„Union* im Interesse ihres Renommees ihre eigenen Leute dazu beordert hatte, auf den Sttecken mit starker Steigung Sand zu streuen! Aber in der mangelhasten Beseitigung der Hindernisse lag nicht bloS das einzige Verschulden der Großen Berliner I Sie arbeitete vielmehr von vornherein mit unzulänglichen Betriebsmitteln, indem sie den Accumulatoren keine sachgemäße Behandlung zu teil werden ließ! Während die Accumulatoren vorschriftsmäßig mit einer Spannung von 495—526 Volt aufgeladen werden sollen und natürlich nur voll aufgeladene Accumulatoren in den Betrieb hinausgelassen werden dürften, traten an den verhängnisvollen Tagen Accumnlatorenwagen ihre» Dienst an, die mit 466, 426, in maximo mit 466 Volt auf- geladen waren. Auf den Strecken mit Oberleitung, wo die gesamte verfügbare Energie oder wenigstens der größte Teil derselben den Motoren zugeführt w«rden mußte, daniit die Wagen den Wider- 'tand der mit Absicht nicht entfernten harten Schneekruste über- winden konnten, blieb zum Aufladen der Accnmulatoren natürlich so gut wie nichts übrig. Infolgedessen konnten die Accumulatoren- ivagen ihre Fahrzeit nicht innehalten, die Wartezeiten an den End- stellen, die sonst dazu benutzt werden, die Accumulatoren auf ihre volle Spannung zu bringen, wurden abgekürzt, oder fielen ganz aus, die erschöpften Accumulatoren mußten sofort wieder in den Dienst. Kein Wunder, daß dann die Wagen mitten auf der Strecke liegen blieben, und damit auch den Betrieb der auf den gleichen Strecken verkehrenden Pferdebahnwagen hemmten. Es muß auch erwähnt werden, daß sich in dem sehr ausgedehnten Leitnngsnetz der Großen Berliner an den Speisestellen nirgends die vorgeschriebene Spannung befand, woran die Berliner Elektricitätswerke. von denen unter Ausschluß eigener Elcktricitäts- werke die Große Berliner ihren Strom vertragsmäßig entnehmen muß, die Schuld tragen. Ueber diese Thatsache ist doch keine aus- reichende Entschuldigung für daS Verhalten der Großen Berliner. für die die geringe Spannung in dem Leitungsnetz nur ein billiges Argument mehr ist, um die Unbrauchbarkeit der Accumulatoren- wagen den Berliner Stadtvätern all ooulus zu demostrieren. ' Hält man aber erst einmal an der unwiderleglichen That- fache fest, daß die Große Berliner mit allen Mitteln die Einführung des reinen Obcrleitungsbetriebes erzwingen will,/ so dürfte nach diesen Enthiilliingen die ganze Campagne kläglich ins Wasser gefallen sein. Man erkennt, daß der Zufall der Großen Berliner rechtzeitig zu Hilfe gekommen ist, und daß sie selbst sich nicht gescheut hat. den erwünschten Zufall bis zu einem sehr erheblichen Grade zu lenken. Die durch ihr ganzes sonstiges Verhalten bei der hauptstädtischen Bevölkerung an und für sich schon äußerst unbeliebte Straßcnbahn-Gesellschaft wird sich durch ihr eigen- süchtiges Verhalten bei den maßgebenden Stellen und bei den Stadtverordneten ihre Glaiibwürdigkeit so vollständig untergraben haben, daß sie selbst durch ihre fachmännischen Feststellungen nichts mehr anszurichteu vermag. Im Gegenteil, wir hoffen, daß dieser Streich, den die Große Berliner der BerlinerBevölkerung versetzt hat, selbst den ihr sonst ergebenen Stadtvätern Veranlassung geben wird, mit wachsamem Auge das weitere Gebahren der Großen Berliner zu ver- folge». Die Gesellschaft, die, obwohl sie den größten elektrischen Straßenbahn-Betrieb auf dem ganzen Kontinente besitzt, doch der leitenden Mitwirkung eines eigenen gebildeten und erfahrenen Elektro- tcchnikers entraten zu können glaubt, nlüßre unseres Erachtens unter die schärfste Aufsicht des städtischen Etektrotechnikers gestellt werden, der ihr schon so auf die Finger sehen würde, daß sie weiterhin nicht wagen dürfte, im Dunklen ihre Schleppnetze zu einem Beutezüge für ihre Aktionäre auszuwerfen. Einer Ge- sellschaft, der jedes Mittel recht ist. um ihre Zwecke zu verfolgen, die sich gradezu in Rücksichtslosigkeiten gegen die hauptstädtische Bevölkerung gefällt, die gar keine Spur von Pflichtbewußtsein gegenüber ihren Fahrgästen kennt, die wegen der Monopolstellung der Großen Berliner auf diese fast allein an- gewiesen sind, müßte in die härtesten Strafen genommen werden. wenn sich durch ihr passives Verhalten und zum Teil gradezu durch ihre Schuld solche Ereignisse wiederholen, wie in den letzten Tagen. Ueberraschend für den Kenner kapitalistischer Verhältnisse ist ein solches Verhalten allerdings nicht, aber selten sehen wir doch, daß kapitalistische Großbetriebe mit so unverhüllter Gewinnsucht vor- gehen, wie dies die Große Berliner gewagt hat. I)olikifcszo Aebevfitsxt» Berlin, den 18. Dezember. Die Politik der Weltvagabondage, die Herr V. Bülow in seiner Erdverteilungsrede als neues Negieiungsprogramm empfohlen hat, flößt dem rheinischen Centrums organ, der„ K ö l n. V o l k s z t g.", große Besorgnisse ein. Ihr wird angst und bange bei dem Tempo, das in der Ausdehnung des Kolonialbesitzes und der Vergrößerung der Flotte gegenwärtig eingeschlagen wird: „Wir sehen und hören neuerdings so viel, waS geradezu abenteuerlich erscheint, daß ein Gefühl des Unheimlichen uns beschleicht. Auf dem Reichszuge, der sich zur Fahrt ins Weltpolilische anschickt, ist wohl der Lokomotivführer, es ist aber kein Bremser zu erkennen. Jetzt ist die Frage: wird der Reichstag, wird die Vertretung des deutschen Volkes im stände sein, regulierend und ivcn» nötig, hemmend auf die Fahrt cinzu- ivirken? Jedenfalls steht der Reichstag gcgenivärtig inmitten einer hochverautwortlichcn Situatton. Als der gegenwärtige Reichstag gewählt wurde, waren die Ziele, welche man jetzt aller- dings noch mehr oder minder nebelhatt der deutschen Politik zeigt, noch nicht gesteckt. Der Reichstag sieht sich Faktoren gegenüber, welche auf' die letzte Wahl noch gar einwirken tonnten. „Bei dieser Sachlage würden wir es für sehr verkehrt halten, wenn die Besorgnis vor einer Anflösnug des Reichstages die Entscheidung der Volksvertretung über die zu erivartcnde Flottenvorlage irgendwie beeinflussen könnte. Am Gegenteil: wir wünschen, wie schon bemerkt, eine Auflösung des Reichs- tageS im Hinblick auf die Flottenfrage und alles, was drum und dran hängt. Nichts kann nützlicher fein, als wenn das deutsche Volk ausdrücklich vor die Frage gestellt wird, was es von der „Weltpolitik* hält. Sehenden AttgeS und niichtcrue» Sinnes, nicht im Tanmel soll eS in die neue Acra eintreten, es soll sich Rechenschaft darüber geben, was es zu erivartcn und welche Opfer es zu bringen hat. Vor allem aber sollen die- jenigen, welche die neue Aera eröffnen wollen, sich erst selbst klarer darüber werden, wohin die Reise geht. Alles ruft seit Jahren nach einem klaren und festen Regicimngsprogrnmm, aber es ist nicht erschienen. Neuwahlen wegen der Flottenvorlage würden dazu nötigen. Endlich müssen wir doch heraus aus der Unklarheit, dem Nebel, dem fortwährenden Hin und Her, welche unser öffcnt- liches Leben zu keiner Beruhigung und zu keiner Befriedigung kommen lassen!* Das ist alles sehr zutreffend und mit der nötigen Schärfe Gerade dem Centrum aber verdanken Mir die jetzigen irrnisse und Maßlosigkeit. Das Centrum, unter der Führung Liebers, ist sehenden Auges und nüchternen Sinnes 1898— mitgetaumelt. Und Herrn LiebcrI diesmalige Etats- rede taumelte auch bereits verdächtig.— Objektiv uufiihig. Der Vicepräsident des Reichstags, Herr V. Frege, hat seiner nculichen Entdeckung einer«objektiven Unfähigkeit" im Stenogramm eine sehr sinnreiche Erläuterung hinzugefügt. Herr v. Kardorfs hatte am 13. Dezember den deutschen Wasserbautechnikern Unfähigkeit und Unzubcrlässigkeit vorgeworfen. Das durfte Herr v. Frege nicht dulde» und er sprach die geflügelten Worte:«Ich nehme an, daß das nur objektiv gemeint war". DaS Haus schrie vor Lachen und Herr v. Frege setzte sich, strahlend über seinen vermeintlichen guten Witz. Im Stenogramm hat der Vicepräsident nuninehr seinen Witz erläutert:„Ich nehme an, daß er das nur in die Beamte nicht beleidigender Weise objektiv, lvie man dies von de Unwahrheit zu sagen pflegt, hat aussprechen wollen. sonst müßte ich das als unzulässig bezeichnen.(Heiterkeit links.)" Abgesehen davon, daß auch die rechte Seite den guten Humor hatte, über die Eingebung ihres erwählten Präsidenten sehr laut vergnügt zu sein, hat Herr v. Frege durch die nachträgliche Korrektur die Sache noch verschlimmert. Eine objektive Unwahrheit nennt man eine unrichtige Behauptung, deren Unwissenheit sich der Urheber nicht bewußt geworden ist, also einen Irrtum, der moralisch nicht verwerflich ist. Eine objektive Unwahrheit ist also gegen über der subjektiven Uiiwahrhcit. der Lüge, ein sehr gelinder Bor Wurf. Nach dieser Analogie wäre die rätselhafte objektive Unfähigkeit also eine Unfähigkeit, deren sich ihr glücklicher Besitzer nicht einmal bewußt ist— das ist aber keine durch die Unbcwußtheit verminderte� sondern erheblich gesteigerte Unfähigkeit. So unfähig zu sein, daß man es nicht einmal merkt— das ist schlimm. Es mag ja für Herrn v. Frege ein moralisch mildernder Umstand sein, daß er„nur" objektiv unfähig sei, aber schmeichelhaft ist diese durch die EinsichtSlosigkeit verschlimmerte Talcntlosigkeit gerade nicht.— In den Blattern Die Deckttngsfrage. tauchen allerlei Gerüchte auf, lvie die Negierung die Aussichten der neuen Flottenpläne zu der bessern gedenkt durch Entgegenkommen an die Wünsche des Reichstags hinsichtlich der Kostendeckung. So lvill der Kor respondent eines Münchener Blattes erfahren haben, die Rcichsregierung habe mit Bayern Fühlung genommen, ob eventuell die Kosten der Flottenvorlage durch einen Zu schlag zur Einkomniensteuer aufzubringen seien Eine andere Lesart bringt die„Berliner Börscn-Zeitung": „Die Aussprache bei Gelegenheit der ersten Etatsberntung hat allerdings nur wenig dazu beigetragen, die Umrisse eines solchen Kompromisses erkennbar zu machen. Doch ist die private Aussprache der nr aß gebenden Persönlichkeiten derRegierung und des Parlaments v o» um so besserem Erfolg gewesen. Wir glauben nicht fehlzugehen ivenn wir annchinen, daß z. Z. einerseits nach einem neuen Q n o t e Ii V e r h ä l t n i s gesucht wird, welches für die Uebcrnahme der ersten Anschasinngskosten der neugefordertcn Schiffe ans den ordentlichen Etat maßgebend sein soll, und daß andererseits eine v e r st ä r I t e R e i ch s s ch n l d e u- Tilgung gesetzlich festgelegt werden soll. Spätere Gene- r a t i o n e n, die von den heute ans Anleihen gebauten Schiffen hoch st enS noch einen interessanten Ueberrest in einem M a r i n e- M u s e u m vorfinden, sollen keinesfalls niehr von den L asten dieser Anleihen bedrückt sein. ES ist nicht anSgeschlossen, daß die Regiernngsvorkagc schon selbst in Vorschlag bringt, was in Gesprächen der letzten Tage als unerläßliche finanzielle Garantie be- zeichnet werden niußte, wenn es gelingen soll, die große Mehrheit des Reichstages für die Flottenversiärkung zu gewinnen." Allou diesen Bermulungen und Andeutungon gegenüber bleiben wir durchaus ungläubig. Wenn auch die anständigere Regelung der Kostenfrage uns auch nicht im mindesten zu Gunsten einer unsinnigen Flotten- und Weltpolitik beeinflussen könnte. so müssen wir doch erst Beweise für jenen Anstand unserer bevorrechteten Klassen sehen, den sie bei allen bisherigen Gelegenheiten stets haben vermissen lassen. Jene Blättermeldungen lverden auch bereits durch den noch immer finanzministeriell gespeisten und also in diesen Dingen recht gut unterrichteten Flotten-Schweinburg der„Berk. Politischen Nachrichten" als lvindiges Gerede enthüllt. Das von den Eiscnindnstrietten ausgehaltene Blatt erklärt die Bedenken gegen den Plan, die Kosten der Flottcnvcrstärkung durch Anleihen aufzubringen, als„ wenig begründet den dies Verfahren entspreche„durchaus der bisherigen Hebung". Herr Schwein bürg plädiert auf G e w o h n h e i t s- U n r e ch t. Da die arbeitenden Klassen stets die Lasttiere der Herrschenden gewesen sind, so soll ihnen auch diesmal die Last der Panzerschiffe aufgepackt werden.— «• AeutslHes Meich. Konservatives Unbehagen. Das Flottenspiel ist dem Jiuikertlim sehr fatal. Ein Konflikt über der Zuchthausvorlage wäre den Konservativen willkommen gewesen, um aus der Kanalkrisis herauszukommen. Daher erklärt sich der Zorn über eine Regierung, die aus der Zuchthansvorlage keinen Aiiflösungsgrniid' machte. Jetzt bietet sich allerdings die Aussicht eines' FlottenkonfliktS. Der nützt ihnen aber nicht nur nicht, sondern bringt sie in die peinlichste Verlegenheit. Ihrer Herzensmeinung nach sind die Agrarier Gegner der Flotten-, Welt- und Exportpolitik. Die„Deutsche Tageszeitung", die in- zwischen eS für gut hielt,»mznsallen, hatte auch beim ersten Auf- tauchen des FlottenplanS scharf gegen ihn Stellung genomnieii, und radikalere agrarische Organe erklären auch noch' ihre Gegnerschaft. Sollten sie alle gegen die Flotte stimmen? Dann hätten sie es mit der Krane für lange Zeit völlig verdorben. Wenn sie nun aber dafür stimmeil, wie sollen sie im Falle der Auflösung ihren agrarischen Anhang unter der antiagrarischen Parole:«Für Flotte, Weltmacht und Exportindustrie" gewunien? Man versteht daS llnbchagen der Konservativen und ihre Ge- reizthcil. Darum versucht im» die„Kreuz-Zeitung" die Flottenfrage beiseite zu schieben, indem sie bemerkt: «Wie dem aber auch sein möge— des Eindruckes vermag man sich bei unbefaiigeiier Betrachtung schlechterdings nicht zu erwehren, daß die Flottenfrage, so sehr sie äußerlich im Vorder- gründe der Erörterungen stand, und sa maßlos viel darüber geredet wurde, doch thatsächlich nicht den Kernpunkt des Ganzen bildete, sondern nur den schützenden Schleier, hinter dem sich, wie wir gesehen, ganz andere, weit weniger nationale und patriotische Ziele verbergen. Das läßt sich u. a. auch daraus erkennen, daß die Prcsie der Mehrhcits- Parteien von der Flottcnvcrstärkung und deren Aussichten so gut wie gar nicht mehr spricht, oder doch nur im Zusammenhang mit der Fordenmg jener anderen Ziele, auf die wir wiederholt hin- gewiesen haben, und die eben in nichts anderem als in der B e- kämpfung der Konservativen bis aufs Messer bestehen." In diesen Aeußernngen verrät die„Kreiiz-Zcitimg"� unbewußt. daß die Konservativen, trotz der notgedrungenen flottenfreimdlichen Erklärungen im Reichstage. Gegner der Wafferpolilil sind. Denn was hätte es für einen Sinn, zu befürchten, daß die Liberalen die Flottenfrage als Kampfmittel gegen die Konservativen ausnutzen wollten, wenn diese Konservativen selbst für die Marine- forderungen eintreten; dann könnte man doch nur von einem liberal- lonservativen Kartell, nichtj von einem Gegensatz reden. Nim, unter der Voraussetzung, daß die Konservativen in der Freude ihres Herzens wieder gegen die«Vorlage des Kaisers" gesinnt seien, versteht man die bange Befürchtung, daß die Liberalen mit Hilfe ihrer Flottcnbegeistennig ans Ruder' gelangen könnten. Kein Zweifel: die Konservativen sind gegen den Kanal und noch mehr gegen die Kähne, lvie ihr ministerieller Führer Miguel, und darum greifen sie zu demselben Mittel, das Miguel zu seiner Erhaltung angelvandt hat. Sie empfehlen sich als einzige zuver- lässige Stützen der Krone, deren Politik sie im übrigen bekämpfen So' ruft die.Krenz-Ztg." mit der ganzen Lungcnkraft eines Jcihrmarkts-AnreißerS: „Wir Konservativen sind und bleiben unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf die praktischen Folgen, die Partei der Autorität und des königlichen RechtS von GotteS Gnaden das von allen übrigen Parteien mißachtet tvird, da sie ihre Aufgabe darin sehen, der«organisierte Revolution" zur Gleichberechtigung im öffentlichen Leben zu verhelfen. Ans dem Gleichberechtigten wird aber nnter solchen Verhältnissen früher oder später notwendig der Herr. Denn das Ziel der Revolution ist und muß sein, zu herrschen. Ans diesem Grunde, und aus diesem allein, haben wir uns über die Aufhebung des VerbindungSverbots, immittelbar nach der, selbst von liberaler Seite für„unhöflich" erklärten„Verl scharrnng" der Arbeitswilligen-Vorlagc erregt, und es gereichtnns zur größten Geniigthuung hier nochmals hervorheben zu dürfen, daß imscre Vertreter bei den Etatsverhandlungcn, die Abgeordneten Graf Limburg- Stinim, Graf Klin ckowström und v o Kröcher sich nicht gescheut haben, das Kind beim rechten Namen zu nennen, indem sie der Regierung die ganze Tiefe des Ab- grnndes zeigten, vor dem unser öffentliches Leben heute schon steht. Oder was will man noH mehr, wenn man an leitender Stelle unter dem Zwang der Umstände, weil mau bei der Mehrheit der bürgerlichen Parteien keinen Rückhalt mehr findet— vor Deutsch land und der ganzen Welt erklärt, daß es kein Mittel gäbe, die Uiiistnrzpartei zu bekämpfen? Die Antwort der Mehrheitspartcien darauf aber ist: schlagt die Konservativen zu Boden' Nim gut, wir werden ja sehen!" Die Kanalrebellen, welche die„Vorlagen des Kaisers" lachend beseitigen, empfehlen sich also wieder als die allein echte, unverfälschte Partei der Anerkeiimiiig des Königlichen Rechts von Gottes Gnaden Alle anderen Parteien sind hinsichtlich ihres Glanbens an das Gottesgiiadcntnm verdächtig, und die Konservativen sind und bleiben im Glauben, wenn sie auch die Politik von Gottes Gnaden so viel an ihnen liegt, durchkreuzen. Wenn diese Bctcucriingen nicht helfen.—_ Ccutrum und Flotteupläne. Ans dem Rheinland wird uns geschrieben: Die„Kölnische Volkszeitung" hatte die Bebeischen Ausführungen über die Haltung deS Centrums zu den Flottenplänen als„beweis lose Verdiichtigiiiigeii" bezeichnet. Nach der ganzen jüngsten Ver- gangcnheit des Centnmis, dieser Kette von llmfälleu in militärischen Dingen, hat das Blatt allen Anlaß, den Mund etwas weniger weit aufzuthun. Zudcni aber steht Bebel nicht allein da. Er kann sich Heine sogar auf die Centrimispresse selber berufen. Zwei große rheinische Ceiitrumsblätter haben sich im Sinne der Bebeischen Aus fühnmqen vernehmen lassen. Die Bonner„Deutsche NeichSzeitnng" berichtet trocken über die Rede Liebers und meint dazu, die Erklärung zur Flotten vorläge, die manche erwartet hatten, sei ausgeblieben. „Ganz anders"(so heißt es dann, und in dieser Gegenüber stclliing liegt die Kritik der Licbcrschcii Rede)«llang die Rede des Avg. Bebel, der äußerst wirksam sprach und schärfste Kritik an der Flottcnvorlage, deren Urhebern und Förderern übte, den Staatssekretär Tirpitz ivcgen seines wideripriichsvollen Verhaltens förmlich Spießruten laufen ließ und auch den Grafen v. Biilow wegen dessen flottcnvereinlicher Rede nicht allzu zart anfaßte Nach der Lieberschen Rcde glaube er an eine Ablehnung der Vorlage nicht mehr, denn die vom Avgcordnetcii Lieber vorgebrachten Bedenken seien iniivcsentlichcr Natur. Dramatisch war, als Bebel daran erinnerte, wie er vor genau einem Jahre auf die kommende Flottenvorlage hingewiesen habe, dafür aber auch vom Abgcord- iictcn Lieber abgekanzelt worden sei— heute sei die Bescherung da. Wer habe mm recht behalten? Die Rede, die für die Hurra- Flottcnschwärmer vernichtend war, machte sichtlich Eindruck." Der Aachener„ V ö l k S f r c n n d ebenfalls ein angesehenes EentrnmSoigan, drückt sich noch deutlicher aus. Es kommt zu dem Schluß, daß Dr. Lieber „der ReichSrcgierung bezüglich der Flottciivergrößerung Avancen gemacht habe. Eine energische Z u r ü ck w e i s u n g der Verdoppelung der Schlachtflottc enthält die Liebcrsche Rede ja keineswegs; wohl aber hat Herr Dr. Lieber geäußert: sollte eine Flottciiuermehriing eintretend), so dürsten die Mittel weder durch Anleihen noch � durch indirekte Steuern aufgebracht lverden. DaS sieht gewiß nicht wie eine Ablehnung der neue st en Flottenpläne aus." Und an einer anderen Stelle schreibt daS nämliche Blatt: «Die Gegner der CcntrmiiSpartei rechnen nach der EtatSrede deS Abg. Lieber schon völlig damit, daß die Centrums- fraktion wie für die vorigjährige so auch für die neue Marinevorlage zu haben sein wird. Und wir können ihnen leider darin n i ch t unrecht geben I Der unheil- volle Einfluß deS Abg. Dr. Lieber und des adligen und Beamten- clemcnts ans die Fraktion wird auch da wieder die Entscheidung geben. Die Verantwortung, welche die Herren Führer der Fraktion für das ganze spätere Geschick der C e n t r II m S p a r t e i dadurch auf sich laden, daß sie das Ansehen und das Ver- trauen des Volkes zu derselben in s o s ch iv e r w i e g e n d e n Fällen erschüttern, ist eine furchtbare. Der Tag wird kommen, wo Herrn Lieber und Genossen dies zum Bewußt- sein gebracht werden wird." Was wird die«Kölnische Volkszeitung" zu diesen„Verdächtigungen" ans den eigenen Reihen sagen?!— Uebcr die Finauzticrivaltnng Preuße« S in der Zeit vom 1. Juli 18SO bis zum 1. April 1897 hat der F i n a n z m i n i st e r von Miguel im Anschluß an den früher veröffentlichten Jimnediatbericht dem Kaiser neuerdings einen er- ganze»de n Bericht erstattet, welcher die weitere Entwickcliing seit jener Zeit darstellt. Der«Reichs-Anzeiger" kommt ans Grund dieser Darstellung zu dem Schluß, daß die«gegenwärtige Finanzlage Preußens zumal im Hinblick auf die reichliche Dotierung des Ordniariums im ganzen als eine wohl zufrieden- st e l l e n d e betrachtet werden darf". Herr v. Miguel beweist täglich seine Nnentbehrlichleit.— Znr Adrcßdrbatte in der Berliner Stadtverordneten- Versammlung behauptet die„Krenz-Ztg.", die Socialdemo- kratie hätte sich der Abstimmimg enthalten. Das ist falsch. Die Socialdemokraten wie die neue Linke haben gegen die Ab- sendung einer Neujahrsadrcsie an den Kaiser gestimmt.— Fein heraus— ans dem Flottenvcrein ist Herr Schweinburg. Er ist nicht nur das Ehrenamt des Tekrelärs lebig, sondern hat auch auf die Mitgliedschaft verzichtet. Der kalte Ranch seines Geistes aber.wird an dem Flottenverein weiter hasten— un- vertilglich.— Im Zeichen der Flottcnbegeisternng. In einer Versamm- lnng von Vertretern der großen Reedereien und großer Jndiislrieller-------------— die am Sonntag in Berlin unter dem Präsidipni des ErbgroßherzogS Iidann sorgte der angehäufte Reichtum der Besitzenden dasür. daß die von Oldenburg stattfand, wurde die Gründung eines Vereins zur Ausbildung junger Seeleute für die Kriegs- und H a ii d c l s m a r i ii e' beschlossen. Die ReichSregierung� hatte einen Kommissar zu d-n Verhandlungen entsandt. Die Koiistitnicrnng des„Deutschen-ck s ch i f f- V e r e i n s" soll am 12. Januar in Berlin erfolgen.— Der Eiscnbahnmiuistcr Thielen hat eS mit dem Bund der Landwirte ganz verdorben. Tie„Deutsche Tagesztg." schwingt ergrimmt den Dreschflegel: „Der preußische Eisenbahnminister Thielen meinte in der letzten Sitzung des Reichstags, die Herren Landwirte schienen häufig zu glauben, daß sie ganz allein auf der Welt seien. Da dieses 'Ministerwort bei den Socialdemokraten lebhafte Ziistimmimg fand, fühlte sich der Herr Minister veranlaßt, es in anderer Form noch- mals am Schlüsse seiner Rede zu wiederholen. Wir haben ja in den letzteii Jahrcn manches seltsame Wort vomMmistertischehörenmüsieii; daß aber ein kgl. preußischer Minister den Landwirten in Bausch und Bogen den gröblichste!! Egoismus, die häßlichste Selbstsucht vorwirft, das ist gaiiz'mierhört____'Selbstverständlich wird man mit dem Herrn Minister Thielen im Abgeordiictenhause noch ein kräftiges Wörtlein reden müssen." Man sieht, der Bund der Landwirte ist noch nicht recht an den Ton gewöhnt, den bei uns die Regierungen gemeinhin gegenüber der Opposition anschlagen. Sie zürnen schon über einen so gelinden Vorwurf. Die Teilung des RegiennigSbezirkS Potsdam ist endgültig fallen gelassen worden. Wie die„Natioiial-Zeitim«" erfährt, soll dem RegiernngSpräsidenten von Potsdam zu seiner Entlastung noch ein R e g i e r u ii g s ra t zur Seite gestellt werden. Die Kosten dafür sind in dcii Etat eingestellt worden, der dem Abgeordneten- Hause gleich bei seinem Zusammentritt am 9. Januar vorgelegt werden' soll.— Drcödcn, 13. Dezcmher.(Eig. Bcr.) Eine Petition gegen die U m f a tz st euer ist beiden Kammern des Landtages im Anfirage von 163 sächsischen Konsumvereinen, welche 176 673 Mitglieder haben, zugegangen. Diese Petition richtet sich in erster Linie gegen den Verein Leipziger Kaufleute, der in Gemeinschast mit dem dortigen Jimniigsausschuß und einem„Schntzverband für Handel und Ge- werbe" petitionsweise von der sächsischen Regierung noch in dieser Session einen Gesetzentwurf verlangt, nach welchem die Soiidergcivcrbcsteuer landesgesetzlich eingeführt werden soll. Zur Zeit haben auf Grund ministerieller Vero'rdiiiingen die Gemeinden das Recht, eine Soiidergewcrbestciier bis zu 2 Proz. des Umsatzes unter gewissen Voraussetzungen zu statiiieren. 18 sächsische Gemeinden haben davon Gebrauch gemacht, während sich in den größeren Städten die Durchführung nicht so leicht, ja unmöglich erwies. Schlimm genug wirkt diese rigorose Steuer bei den 13 betroffenen Vereinen, und lediglich Konsumvereine(mit einer einzigen Ausnahme) werden getroffen. Diese mußten im letzten Geschäftsjahre insgesamt 104 164 M. Umsatzsteuer zahlen, was in einzelnen Fällen bis zu 33 Prozent des Rein- g e w i n n e s ausmachte. Die ausführliche Begründung der Petition sucht unter Benutzung reichlichen statistischen Materials nachzuweisen, daß die Steuer vom rechtlichen, moralischen und materiellen Gesichts« punkte ans u n g e r e ch r f e r t i g t ist, und in der Praxis in das gerade Gegenteil der angeblich gewollte» Tendenz umge- schlagen ist,„der gewollte Ausgleich zu Gunsten der Kleinhändler ist ausgeblieben und der socialpolitische Zweck ist nicht erreicht. Die llmsatzsteiler charakterisiert sich immer mehr als eine finanzpolitische AnSnahmesteucr für Konsumvereine". Diese Art Mittelstnndsretterei wird auch nvch besonders dadurch hübsch illustriert, daß 11 Prozent der Mitglieder der bestehenden 168 Konsumvereine selbständige Handwerker sind. Daß die Konsumvereine in Sachsen schon jetzt eine nicht unwesentliche Bedeutung gerade für die ärmeren Volkskreise haben, erhellt daraus, daß die Mitglieder der 163 Bereine nebst ihren Angehörigen ca. 900 000 Einwohner oder etwa s Proz. der gcsaiinnten Bcvölkermig ausmachen. Der Gesamtumsatz betrug im letzten GesckiästSjahr 43 374 862 M., so daß von dem erzielten Reiiigeivinn 5 305 637 M. an Warendividende ausgezahlt werden tonnte, während zur Zeit in den Vereinen 2167 Per- sonen ständig beschäftigt sind. Ter staatlich anerkannte Z. Mai. Seit dem Pariser Socialistenkongreß im Jahre 1889 ist der 1. Mai der Weltfeiertag deS kämpfeiide'ii Proletariats. Daß die Arbeiter ihn nicht mehr aus ihrem Kalender streichen lassen, ist tlar, und gewiß ist. daß all« gemach auch das Bürgertum, so ungezogen es auch dagegen strampelt, an unser rotes' Datum wird glauben müsse n. Es muß festgestellt werden, daß imscr schöner 1. Mai bereits amtlich anerkannt ist. Und zwar in Zürich. Das neue, vom Botaniker K'ofessor Dr. Schinz entworfene, vom Erziehmigsrat genehmigte und eben heute im Druck erschienene Reglement über den Besuch es kantonalen botanischen Gartens führt unter den weltlichen und kirchlichen Feiertagen, an denen der Garten geschlossen bleibt, nunmehr auch den 1. Mai auf; die Rangerhöhung wurde zu- gcsiaiidcn, lvie eS heißt, nicht ohne eine sanfte Reibung. Der Papst und der Beginn des neuen Jahrhunderts. Wie der„Figaro" ans Rom melde!, soll auf Anordnung des Papstes in allen katholischen Kirchen der Welt um Mitternacht deS 31. Dezember zu Beginn des Jahres 1900 Gottesdienst abgehalten werden. Nachdem si-b nunmehr der Pap st und der deutsche Bundesrat für den Beginn des neuen Jahrhundert» in der kommenden Neujahrsnacht ausgesprochen haben, muß eS ja wahr sein. Die Gegner dieser Aiischaimiig. die daS neue Jahrhundert erst mit dem 1. Jaminr 1901 begimieii lvollen, lverden sich uim in Demut iigen und ihren Jahrhundertweiidc- Shlvesterpunsch schon in der koimncndcn Neujahrsnacht trinken. Ans dem Wnpperthal. Elberfeld, 17. Dezember. Als im letzten Sommer die Geinciudcwahl-Nobcllc im preußi- che» Landtag auf der Tagesordnung stand, da setzte die„Köln. Zeilnng" Himmel und Hölle in Bewegung, um dieselbe zu Falle zu bringen. Nach den vielen spaltcnlangen, mit Zahlen reichlich ge- spickten Artikeln des Kölner Blattes hätte man annehmen können, daß im Rbeinlande für die arbeitende Bevölkerung die Genieindcwahl- Verhältnisse besonders günstige seien. Geht die Geineindeivahl- Novelle durch, so jammerte damals in einem fort die«Köln. Ztg.". werden im Nhcinlande die großen Städte der Social- emokratie und die kleineren den Ultramoutanen ausgeliefert. Nim ist es eine Thatsache. daß Wohl nirgends in Preußen die Arbeiter bei den Geincindcwählcn so rechtlos sind, wie gerade in den rheinischen Großstädten. Hier besteht, wie in den alt- preußischen Provinzen, das Klassen- und C e n s u s w a h l« y st e m. Bis zum Jahre 1891 betrug laut rheinischer Städte« Ordnung der niedrigste Satz 6 M., der höchste 24 M. K l a s s e n» euer, von dessen Entrichtung die Wahlberechtigung abhängig ge- macht wurde. Den iiicdrigjtcn Satz anzniiehmen, das fiel natürlich den Bourgeois, ganz gleich, ob sie sich iiationalliberal. »ltramontan oder' freisimiig nannten, nicht ein. So belrng in I b e r f e l d und Barmen bis dahin der CensiiS 12 M., in ö l n sogar 18 M. Wahlberechtigte Arbeiter gab eS natürlich nicht. DaS Eink'ommciisteuer-Gcsey(tz 77) hat hier infofern eine Besserung gebracht, als der höchste EensiiS nicht mehr als 6 M. Staais- Einkomniliisteiier betragen darf(Einkommen von 900-�1020 M.j. Nach Inkrafttreten dieser Bestinimung hat im Rheinland auch die socialdc m akratische Partei wiederholt den Versuch der Wahlbeteiligung gemacht. In ein paar kleineren Otten, wie Gräfrath, Ohligs, Haan, gelang eS auch, in der dritten Klasse Kandidaten dnrchzubringen. In den Großstädten lvar dagegen das Ergebnis anfangs bedentungSloS: 2—3 Prozent der eingetragenen Wähler stimmten socialdcmokratisch. Die große Mehrzahl der Arbeiter war nach lvie vor nicht wahlvercchiigt, und dritte Klasse van den Vcsi�ci den und dem Mittelstände vollständig beherrscht wurde. In Barmen hat sich nun mittlerweile das Verhältnis ctwaS gebessert. Bei der diesmaligen Wahl erhielten unsere Genossen bis 2080, die freisiniiig-ultramontane Liste bis 2141 und die konservativ- nationalliberale'bis Ö61 Stimmen. In der am Freitag beendigten Stichwahl sind aber unsere Genossen, trotzdem sie recht tapfer gekämpft haben und noch um S00 Stimmen zunahmen, den vereinigten Gegnern unterlegen. In Elberfeld erhielten unsere Genossen nur rund 400 Stimmen. Ein Vergleich der Wahl- ziffcrn beider Städte hat nun in dem Elberfelder Nathans zum Nachdenken Veranlassung gegeben. Elberfeld hatte am Schlüsse des Jahres 1898 13 000 Einwohner mehr als Barmen und bei der letzten NcichstagSwahl wurden in Elberfeld 12 210, in Barmen 11931 Stimmen abgegeben. Man fragte sich: woher der groste Unterschied? Und da stellte sich heraus, dafj die Elberfcldcr Bourgeois lieber auf Stenern verzichten, als dag sie sich der Gefahr aussetzen, mit socialdemokratischen Stadtverordneten rechnen zu müssen. Ein Nationalliberalcr und Hanpt- wortfiihrer im Stadtverordnctcnkollegium erklärte frei heraus: „wir müssen unS die Socialdcmokratcn fern halten", worauf aber der auwcscnde Beigeordnete sMagistratsperson) sich zu der Bemerkung veranlagt sah: Ja. meine Herren, die Einschätzung muß ordnungS- mäßig vor sich gehen, wenn auch die Folge cin'paar socialdemo- kralische Stadtverordnete sein sollten. Einen Schild gegen das Eindringen socialdcmokratischer Stadt- verordneten in daS Nathans findet man hier im Bergischen auch darin, daß die ganze Stadf nur einen Wahlbezirk bildet. 12 000 Wähler hatten in einem Wahllokal zu wählen, wozu bann natürlich mehrere Tage für die Wahl in der dritten Ab- tcilung erforderlich sind. So hat die Bariner Stichwahl i) Tage gedauert. Abgesehen davon, daß, falls die Stadt in Wahlbezirke eingeteilt ist, auch bei dem hohen Census in den Arbeitervierteln leicht Socialdcmokraten gewählt werden könnten, hat diese Kräh- winkelei für unsere Gegner noch den Vorteil, daß sie während der Wahl, vom Abend bis zum andern Morgen, falls ihre Sache un- günstig steht, den bekannten, bei öffentlichen Wahlen besonders gut funktionierenden WahlmcchaniSmnS leicht spielen lassen können. So sieht es im„demokratischen" Nhcinland mit der Auslieferung der Großstädte an die Socinldcmokratie aus. Wird die„Kölnische Zeitung" auch jetzt noch zu behaupte» wagen, hier seien schon jetzt die untersten Schichten der Bevölkerung bezüglich des Genwindc- tvahlrechts besonders günstig gestellt?— Die Knnstnttcnpolizri. Die wohllöbliche Polizei hat nunmehr sich dazu verstanden, unser Kunstwesen in die richtigen Bahnen zu leiten. Die„Verl. Korrespondenz" teilt nnt: „Nach sorgfältiger Prüfung der verschiedenen, über Mißstände im Theaterwesen, namentlich auch in den Parlamenten, laut gewordenen Klagen sind von feiten der Regicning im Laufe der Zeit eine Reihe von Maßnahmen getroffen, deren' Zweck es ist. un- geeignete Elemente von dem Gewerbe als Theatrrnntcrnehmcr ober Theateragcnt fernzuhalten, dem ttcbermast von Theatern niederer Gattung zu steuern und der Anfführnng von Theater- stiilkcu entgegenzutreten, deren Wirkung auf das Publikum �..?�äeilichcs Einschrciten rechtfertigt, andererseits aber der Aufführung von Bühnenwerken keine nngcrcchtfcrtigten Tchwicrig- keitcn in den Weg zu legen. Um den auf dieses Ziel gerichteten Bemühungen der Verwaltungsbehörden einen»och größeren Erfolg als bisher zu sichern, hat der M i n i st e r des Innern an die Regierungspräsidenten und den Polizeipräsidenten von Berlin -lue Verfügung erlassen, in der die>en eine Reihe von Maß- nahmen anempfohlen wird, die geeignet erscheinen, die Bühnen, soweit behördliche Maßregeln dazu beizutragen vermögen, in immer höherem Maße zu Stätten der Erholung und Bildung weiter Volks- kreise zu machen. „Die als Ccnsoren thätigcn Beamten, bei deren Wahl auf Er- fahrnng und ein gereifte? Urteil Bedacht zu nehmen ist, sind nach dieser Verfügung anzuweisen, daß sie die Aufs ü h r u n g von das Sittlichkeitsgefühl gröblich verletzenden Stucken verhindern, andererseits aber der Aufführung von Bühnenwerken keine ungerechtfertigten Schivierigkeiten bc- reiten. Eine schnelle und ersprießliche Eensnr würde' durch persönliche Verhandlungen des CcnsorS mit den Autoren und Theater- Unternehmern sowie durch das gutachtliche Befragen litterarischer Sachverständiger erheblich unterstützt werden. „Ilm dem Ueberhandnehmen von Varietetheatern und Singspielhallen entgegenzutreten, dürften die bestehenden Handhaben gestügen. DaS Bemühen der Behörden ivird sich aber auch darauf zu richten habe», die Theater höherer Gattung, m enger Fühlung nnt den Unternehmern und den an der Hebung des ThiaterweseliS interessierten Kreisen, in ihrer Entwicklung positiv zu fördern, durch Eiinvirlen ans eine zweckmäßige Regelung der Thcatervcrhältniffe, auf die Erhöhung des künstlerische» Niveaus und auf die sinanzielle S i ch e rst e l ln n g des Unternehmens. In dieser Hinsicht empfiehlt sich durchaus die Bereinigung mehrerer Städte zu einem Tbcaterbczirk, innerhalb dessen derselbe Unternehmer an verschiedenen Orten abwechselnd Vor- ftellungen zu geben hätte; eine Einrichtung, die sowohl im Interesse von Publikum und Unternehmer, als auch besonders in dem der Bühnenangehörigen liegt, denen so der übliche Wechsel zwischen Winter- und Sommer- Engagement erspart oder doch eine längere Spielzeit als bisher verschafft wird.» „Dia Zuziehung des Deutschen Bühnenvercins und der Ge- nossenschnst deutscher Bühiicnangehörigcr bei der Kanzessionierung der Schanfpicluntcriiehmcr hat sich bestens bewährt. Man darf wohl nnilchincn, daß die genannten Bereinigungen auch in andere» Thcatcrfragcn gern bereit sein werden, den Behörde» jeden möglichen Beistand zu gewähren. „Eine eifrige und sachgemäße Besolgnng dieser in dem Erlaß des Ministers des Innern anempfohlenen Maßnahmen dürfte iiaincnt- lich auch auf die Entivickliing der Theater der Rcichshanptstadt, deren große Bedeutung für die Geistes- und Geschmacksrichtung des deutschen Volkes außer Frage steht, nicht ohne günstigen Einfluß bleiben." Das scheint die erste Reform zu sein, die der neue Minister des Innern, Herr v. Rheinbaven, nnternommcn hat. Hicrsiiro lvcrdcn nun laut polizeilicher Bekanntmachung die Künste zu blühe» geruhen. Die Polizei wird der höheren, der länsfische» Kunst die Wege ebnen, alles aber, Iva? die GcscknnnckSrichtnng dcS deutsche» Volkes bedroht, sorgsam verhindern. Wenn man bedenkt, daß die Banpolizcl schon ein Portal für gefährlich hält, nnr wie viel mehr ivird die Kunstpolizci zu wachen haben, daß die Seelen nicht Schaden leiden. Dramatische oder veraasscnhauerte Siegcsallce— das ist das mindeste, was die Singspiclhallen oder andere Kunststätten bieten müssen, um von der Polizei geduldet zu werden. Uebrigeus scheint es. daß Herr Paul Lindau, der reuig nach Berlin zurückgekehrt ist. daS erste Opfer dieser Polizei- Kunst- kontrollc geworden ist; wenigstciiS vcrlnmct, man habe ihn für un- geeignet erklärt, die Konzession des„Berliner Theaters" zu über- »ehinen.—_ Militärattaches in Paris. DaS. UtilitärwochenblaU" hat jetzt amtlich verkündet, daß vom 12. Dezcnmcr der Oberstlienlenant Freiherr v. S ü ß k i n d von seinem Kommando als Militärattache bei der Botschaft in Paris ent- hoben werden ist. Damit sind inirnnchr die drei Posten der Militärattaches der Dreibnndni ächte in Paris unbesetzt. Der italienische Mtiitärattachä Major Panizzardi ist bereits seit längerer Zeit abberufen, der östrcichisch- ungarische Militärattachs Oberst Schneider, der schon vorher beurlaubt ivorden war, ist vor einigen Monaten gestorben, jetzt wird in den allernächsten Tagen auch Freiherr v. Süßkind Paris verlassen. ES unterliegt für unS, so schreibt die„Köln. Ztg.", keinem Zweifel, daß dieses Zusammciitrcffcn kein zufüNiges ist, daß vielmehr die DrcidvndMächte angesichts der sestfamelsSilthüllungcN, die General Mercier über die Ueberwachung ihrer Militär- a t t a ch e s durch den iranzösischen Gcnerqlstab im DrchfuS-Prozeß gemacht hat, und angesichts der Bchandluiig. die in diesem Prozeß den Mitteilungen dcS Majors Panizzardi und des Obersten Schneider zu teil geworden ist, sich darüber verständigt haben, zunächst keine Militärattaches in Paris zu beglaubige». Demgemäß dürfte auch Frankreich nunmehr seine Militärattaches aiiS Berlin(Graf Foucauld), ans Rom(Oberst Girard-Pinsonniöre) und aus Wien(Hauptmann de Laguiche) zurückberufen. Nach unseren Erkundigungen handelt es sich bei dieser Maßregel der Drcibundmächte nicht' um eine endgültige Einziehung dieser Stelleu imd noch tvenigcr um eine feindliche Maßregel gegenüber der französischen Negierung. Wen» deutscherseits das Beispiel der beiden anderen Mächte deS DrcibnndcS befolgt wird, so geschieht das sicherlich in dem Sinne, um durch die Gemeinsamkeit des Vorgehens jeden Zweifel darüber auszuschließen, als ob die drei Mächte in der Beurteilung der von französischen Behörden gegenüber den Militärattaches bc- obachtcte» Haltung uneinig seien. Es handelt sich nicht um eine Drohung, sondern um eine Vorbeugung; sie soll dazu dienen, die jetzigen guten Beziehungen, die zwischen dem Dreibund und der französische» Regierung bestehen, vor plötzlichen Störungen zu sichern, welche nur allzu leicht eintreten könnten. wenn in Frankreich das jüngste takt- lose Verfahren gegenüber Herrn Panizzardi und Oberst Schneider auch auf etwaige Nachfolger ausgedehnt würde. Wenn die Gefahr nicht mehr vorliegen wird, daß ähnliche Vorkommnisse ivicder ein- treten, wird die Neubesetzung der drei Stellen leine Schwierigkeiten hervorrufen.—_ Zufrieden mit der deutschen Regierung sind die— Samoaner. Aus Apia wird offiziös vom 1. Dezember berichtet: Dreizehn der einflußreichsten Häuptlinge haben dem deutschen Vertreter den Dank ihrer Anhänger für die Lösung der Samoafrage durch die drei VertragSmäch'te erklärt und sich feierlich für die friedliche Haltung ihrer Distrikte verbürgt. Na also! Ans Washington wird gemeldet: In den hiesigen Zeitungen wird jetzt der Text dcS Deutsch-Amerikanisch-Englischcn Samöa- Abkommens vom 2. d. M. veröffentlicht. Zugleich sind Anszüge aus dem am 7. November unterzeichneten Abkommen der drei Mächte über die schiedsgerichtliche Entscheidung der Schadenersatzansprüche aus Verlusten während der Samoanischcn Wirre» erschienen. Danach soll der König von Schweden ,md Norwegen um Ucbernahme des S ch i e d s r i ch t c r a i» t s ersucht werden. Zustand. Der Schwager des SultanS verhaftet! Bereits in der Sonntagsnummcr berichteten wir, daß der Schwager des Sultans, der Gatte der Prinzessin Senita Sultana, geflohen sein soll. Es werden heute aus Philippopcl folgende nähere Einzelheiten über die Affaire verbreitet: Mahmud Pascha flüchtete mit zwei Söhnen, einem Schreiber und dem Publizisten Hnni Danisch. Ans ein nack Paris gerichtetes Ersuchen des Sultans wurde das McssagerieS-Schiff, auf welchem man die Flüchtlinge vermutete, in den Tardanellen untersucht. Die llntcrsuchuilg ivar jedoch rcsultntlos. Auch andere Schiffe und die Eisenbahnzüge wurden an der Grenze durchsucht, jedoch gleich- falls erfolglos. Nachträglich vertäutet aber. Mahmud Pascha sei in den Dardanellen von dem Messngeries-Schiff ans Land ge- bracht worden. Die Ursache der Flucht ist nicht in der jung- türkischen Bewegung zu suchen, sondern darin, daß Mahmud Pascha der V e r m i t t l c r von Geschenken und Geldanweisungen für die englischen Bewerber um die Konzession für die Bagdadbahn ge- wcsen sein soll. Man vermutet also, daß infolge de« Scheiterns der englischen Bewerbung durch die Flucht Mahmud-Paschas irgend eine Pression ausgeübt werden sollte. Diese Mitteilungen klingen etwas dunkel. Nach einer andern in Berlin eingetroffencii Nachricht soll Mahmud Pascha jedoch ver- hastet worden sein. Man berichtet: Mahmud Pascha ist an Bord dcS im Hafen liegenden französischen Messagerie-Dainpfcrs„Congo" gelangt. Sobald der Sultan von der Flucht erfuhr, wandte er sich an den sranzösischcu Botschafter CoilstanS, welcher dem Sultan versprach, d e n D a m p s e r anhalten zu lassen und Mahmud aus zu lief er n. Thatsächlich wurde dcr.Cougo" in den Dardanellen angehalten, Mahmud Pascha auf Befehl EonstanS' ausgeschifft und den türkische» Behörden überliefert, nebst zlvci Söhnen, die er mitgenommen hatte. Die Handlnngs- weise Constaus' wird lebhaft kommentiert. Durch diesen neuen Skandal wächst die allgemeine Erregung. Die Bestätigung dieser sensationellen Nachrichten und nähere Aufklärung über die Vorgänge bleiben natürlich abzuwarten. Auch sonst gehen in der Türkei merkwürdige Dinge vor. Man meldet ans Philippopcl: Der frühere Gcucral-StaatSanwalt in Tripolis. Renf Bey, der kürzlich nach Adana gebracht und alsdann wegen angeblicher jung- türkischer Umtriebe verhaftet wurde, ist nach Konstantinopel geschafft worden und dort im Gcfnngniö plötzlich gestorben.— Oestreich-Ungarn. Budapest, 18. Dezember. Dem„Maghar Orszag' zufolge sollen die gestrigen Miinster-Konfcrcnzcn in Wie» zu einem mocku» vivendi geführt haben, welche es dem Grafen Clarh ermöglicht, im Amte' bis über Neujahr hinaus zu verbleiben, selbst für den Fall, daß das östreichische Parlament keine der Staatinvtwendigkcitcn bewilligen sollte.— Frankreich. Pariö, 18. Dezember. Infolge von McimmgSvcrschiedonheitcn hat C l e m e n c e a u mit dem heutigen Tage seine Thätigkcit für die „Aurore" eingestellt. PariS, 10. Dezember. StaatsgcrichtShof. In der Sonn- abcndsitznng wurde Georges T b i ö b a u d vernomincii, welcher näheres über die Organisation der P a t r i o t c n l i g a berichtete. Er sagle ans, die Patriotcnliga habe nicht mit den Rvyaliftcn kon- piricrt; die Freunde DervnIödcS hätte» nicht gewußt, daß sie vor der Kaserne von Reuillq Kundgebuiigen veranstalten sollten. Taraiif wurden die von Guörin vorgeschlagenen Zeugen veriloinilicu. Dänemark. Ter dänische SaudeSthiug, eine Art dänisches„Herrenhaus", erweist sich tmmer mehr als ein gewaltiges Hindernis für e d c R e f o r m a r b e i t. Er schlachtet immer rnien Gesetzcntiviirf. der irgend eine Reform bedeutet, nach dem andern ab, selbst solche, denen die Regierung Sympathie e r w c i st. Neulich hat er in drei Sitzniigcn wichtigen Refornigeictzen durch Verweisung in eine Kainmlssio» den Todesstoß versetzt, über deren Annehmbarkeit fast der ganze Folkelhing und die Regierung einig waren: das Gesetz über die Arbeitszeit in den Bäckereien, da? deshalb ini Landcsthing abgelehnt wurde, weil der LandeSthiiig- mann für Randcrs, der reiche Bäckenneister Stilling, als„Sachverständiger" es für„überflüssig" erklärte. Ebenso wurde daS K i n d e r- S ch u l s p e t s u n g s- G e s e tz tot gemacht, nameut- lich durch die Ausführungen eines'Gutsbesitzer Raffbül, der erklärte. dergleichen ginge nicht an; wenn die Kinder jetzt in den Schulen Essen bekommen sollten, würde man auch bald Kleider für sie fordern, worauf unser Pnrtctgenoffe ihm erklärte. daß man eben Reformen mache, um die Not zu beseitigen. Drittens wurde eine kleine S t e m p e l st e u e r r e f o r m verhindert, die den kleinen Leuten zu gute gekommen wäre. Auch werden die hochkouservativen Landesthingmäiiiicr tmmer anmaßender in ihren Aussprüchen. Graf Ahlcfeld erklärte neulich, wenn die Ncgiernng nicht die Steuergesetze nach den Anträgen der Rechten diirchsnhrc, könne sie sich ans ihren Fall vorbereiten. Nun hat der Landesthiiig sogar ciiicii Fi n a nza us s ch u ß zur Prüfuua deS Budgets rm'gesctzt, waS ganz gegen allt Siegel verstößt und ein Uebcrgriff ist, da nach dem Verfaffiingsgesetz daS Budget zuerst dem Foliething vorgelegt werden muß. Ebenso scheitert das n e n e 51 ö m in u n'a l- W a h l g c s c tz an dem Widerstande des Landcsthing. da die Mehrzahl desselben bc- schloffen hat, an dem WahlceiisnS von 1000 Kronen festzuhalten, während der Folkething eine Herabsetzung auf 800 Kronen beantragt hatte; es war dies die Bedingung der„Linken" für die Einführung der Verhältniszahl-Wahl. Außerdem sollen nur alle drei Jahre. statt alljährlich, Wahlen stattfinden. Dabei schneiden sich die Konscr- vasiven ins eigene Fleisch, denn ohne Verhältniszahl-Wahl werden die Konservativen ans� dem Kopcnhageiicr Gcmciiiderat bald ver- schwunden sein.— Spanien. Ter Rest deS spanischen Kolonialbesitzes soll erhalten bleiben. In der Madrider Deputiertenkammer interpellierte der Deputierte Cucnrclla den Ministerpräsidenten wegen der angeblichen Vorschläge einer fremden Macht(gemeint i st N n ß l a n d) bc- züglich des Verkaufs von Ceuta. Ministerpräsident Silveka antwortete, daß die Gerüchte absolut falsch seien. Weder die gcgcnwärtigeRcgiernngSpanicns.noch irgend eine andere könne der- artige Offerten acccpticreii oder auch nur anhören. UebrigenS habe ihm auch niemand Andeutungen in diesem Sinne gemacht. Centa wie die noch in spanischem Besitz verbleibenden afrikanischen Besitzungen bildeten einen iiitcgriereudcii Bestandteil des spanische» Territoriums und seien daher in keiner Form verkäuflich. Die Kammer spendete diejcii Ertläruugeii lebhaften Beifall. SJkadrid, 17. Dezember. Die parlamentarische Lage hat sich verschlimmert. Eine Einigung zwischen der Negicnnig und der Opposition zum Zwecke der Bewilligung des Budgets vor dem 31. Dezember ist fast unmöglich geworden. Serbien. Ter Ccutralauöschiisi der serbischen Emigranten in der Schweiz richtet in„la Serbie" eine Bitte an die Wiener Presse, ge- legeutlich dcS Besuches König Alexanders die Begnadigung der un- schuldig Verurteilten zu verlangen. Dieser Akt werde mehr als alle diplomatische» Maßregeln zu der Näherung Serbiens dem Oeslrcich- Ungarn beitragen.—_ Englands Weihnachten. London, den 10. Dezember. Die heute abgelaufene Woche war mit den Nachrichten über die verunglückten Unternehmungen bei Stormberg, MagcrSfontein und Colenfo eine verlängerte böse Viertelstunde für England. Man mutz den englischen Generalen eines lassen, in der Anerkennung ihrer Niederlagen lassen sie nichts zu wünschen übrig. Ihre Depeschen sind in dieser Hinsicht durchaus freimütig. Aber sie sind lakonisch, und so bleibt der Phantasie ihrer Leser ein weiter Spielraum. ES ist aber nur natürlich, datz diese in solchen Fällen vorwiegend in der Richtung des gegebeneu An- stotzcS weiter arbeitet, das heitzt, sich die Niederlagen und ihre Folgen übertreibt. Die Depression der Gemüter war am Donnerstag- morgen schon sehr gratz und hat sich heute naturgemätz noch ge- steigert. Gatacrcs Niederlage konnte man schließlich noch al« einen nnängenehiue» Zwischenfall behandeln, dessen Tragweite nicht über- mäßig groß sei. Datz aber auch Mcthuen und Buller mit ihren aiiser'lcscncn Regimentern wohlvorbercitete Angriffe nach schweren Verlusten würden aufgeben müssen, trifft die meisten wie ein Schlag ans hciterm Himmel.'Jetzt kann man die pessimistischsten Aeiißerungen zu hören bekomme». Natürlich fehlte und fehlt es nicht an herber Kritik der verant« wörtlichen Personen. Die einen tadeln die Generale, die andern die heimische Militärverwaltung, die dritten die britische Diplomatie, insbesondere Herrn Chambcrlain. Den Generalen wirft man vor, die Truppen imbilligen Parforcctouren ansziisctzen, sie bei un- genügend sondiertem Terrain vor iibcnnenschliche Aufgaben zu iicfleii— General Gatacre hat schon vom Sndan-Feldzng her bei den Truppen den Beinamen Back-achcr, d. h. einer, der die Rücken schmerzen macht, und ein Mitglied des Hanfes der Lords, der Eorl of Durham, hat in einer öffentlichen Versammlung kategorisch erklärt, Gatacre sei ein Mann, dem nie ein selbständiges Kommando hätte anvertraut werden dürfen. Das hat dem Äe« nannten freilich von den verschiedensten Seiten heftige Vorwürfe eingetragen, cS fei uncnglifch, jemand, dem eben Unheil widerfahren, in lolcher Weise anziigreisen. aber dieser Tadel gilt mehr der Form deS Angriffs als der sachlichen Kritik. Das Tranfgehen um zeden Preis'ist ein militärisches Glücksspiel, das in verzweifelter Lage oder dann seine Berechtigung hat,- wenn der Verlust schnell ersetzt werden kann. Weder daS eine noch das andere trifft aber für Gatacrcs Fall zu. lieber die Gründe von McthuenS Fehlschlug laufen verschiedene Versionen um. Ein Telegramm des„Standard" führt als einen der verhängnisvollsten Umstände die Thatsache an, daß man die Hochländer, um Vcrirriiiigcii in der Dunkelheit zu vcnneiden, in geschlossenem Zuge wider die von den Bocrcn besetzte» Höhen anrücken ließ. Dadurch hätten die Salven, mit dciicn die rechtzeitig initerrichtetcn Boeren sie, als sie nahe genug waren. auS wohlvcrschanzter Position überschütteten, dreifach mehr Verheerungen und Verwirningen unter ihnen anrichten können, wie wen» sie in aufgelöstem Zuge vorgerückt wären. Datz da» Treffen bei Colenfo beziehmiasweife am Tugela River in ähnlicher Weise verloren wurde, scheint nach BullerS Telegramm antzer Frage. ES ist immer dasselbe Lied: die Boeren sind zehnmal besser über die Bctvcgnngcn der Engländer informiert als diese über die Positionen und Borkehrungeil der Boeren, und der Versuch, die Fehler in der Strategie durch' tolle Bravanr gut zu machen, endet mir einem Fchlschlag. John Bull hat in diesem Feldzng bisher seinem Namen in verhängnisvoller Weise Ehre gemacht. Die Sache erinnert sehr an ein spanisches Stiergefecht. Indes ist John Bull vorläufig noch nicht müde. Die Un- Zufriedenheit mit Diplomatie und Kriegführung ist bei der Masse der Engländer nicht mit Gegnerschaft gegen den Krieg identisch. Im Gegenteil, cS sind heute mehr Leute davon überzeugt, datz der Krieg unvenneidlich war, als vor zwei Monate». Tie grotze Entfaltung von Militär« Mitteln seitens der Boeren ivird von ihnen als ein Beweis bc» trachtet, datz diese ziclbclvutzt darauf hingearbeitet haben, in einein güustigen Moment den Kampf mit England aufzunehuien und der englische» Oberhoheit in Südalrika ein Ende zu machen. Datz sie das nicht vorausgesehen oder, soweit sie es voransgeschcn, nicht recht- zeitig und in geeignetem Umfange Gegeinnaßregeln getroffen hat, ivird der Regierung von Kritikern ans dem«igeiieu und dem Oppositionslagcr mir zunehmender Schärfe vorgehalten, �a. die Er- bitternng ist bei den Anhängern der Regierung womöglich noch großer als bei ihren Gegnern. Bei beiden aber äußert sie sich lediglich retrospektiv. Natürlich sehe ich dabei von den Socialistcn und Linksradikalen ab, die grundsätzliche Gegner des Krieges sind. deren Opposition jedoch für den Momeiir einflußlos ist. Auf der am Mittwoch in M a n ch e ft e r abgehaltenen Ver« fanimlung des großen Ausschusses der liberalen Partei stellten einige radikale Delegierte den Antrag, aus einer von der engeren Leitung vorgeschlagenen Resolution über den Krieg in Südafrika einen Satz zu streichen, worin«S heißt, der Ausschuß erkenne an, daß unter den gegebenen Umständen die Regierung keine Wahl habe, als den Krieg im Interesse feiner möglichst baldigen Erledigung mit äußerster Energie zu führen. Der Antrag ivnrd aber mit überwiegender Mehrheit ab- gelehnt. Selbst ein Antrag, den Satz einziischiebon, daß nach Ansicht dcS AnSfchnffeS„eine Iveife Diplomatie den Krieg hätte vermeiden können und müssen." fand bei 114 annehmenden, 64 gegnerische Stimmen. Eine so starke Minderheit im Rat der Partei, die„Friede, Selbstbeschränkung und Reform" auf ihre Fahne geschrieben Hai, weigerte sich, die Politik der Regierung in Südafrika als grnndfätz- lich verfehlt zu erklären. Die angenonimene Resolution behält der liberalen Partei das Recht vor, nach beendetem Krieg Kritik an den Rcgieruiigtmatzliahmen zu üben und drückt im übrigen„die feste Ueberzeugung au-Z> dcist die einzige Grundlcige für eine dmierndc Ncgelnng der südafrikanischen Frage in der gebührenden Berücksichtigung der Wünsche aller Sektionen der Bevölkerung Südafrikas und der Gewährung des höchsten Grades von Selbstverwaltung an sie besteht, der'mit dem Frieden und dem Gedeihen Südafrikas vereinbar ist". Was hier nicht ausdrücklich gesagt ist, wurde von dem schottischen Abgeordneten A. Birrcll, der die Resolution begründete, und dem Professor Massie von Oxford, der die Unter- stützungsrede hielt, ergänzend hinzugefügt: die Herstellung und Sichergestaltuug der britischen Oberhoheit in Südafrika.„Das einzige derzeitige Ziel sei",! erklärte Mr. Birrcll— sonst immer der Spaßmacher des Parlaments—„den Krieg so lauge zu betreiben. bis die englische Flagge in Pretoria und Johannesburg wehe, und dann die Frage in einer Weise zu behandeln, welche die verschiedenen Klassen, die in Südafrika Seite an Seite zu leben hätten, mit einander verschmelze." Der Krieg hat in der liberalen Partei den Einfluß der Fraktion Rosebery-Grey-Fowler sehr gestärkt. Die gegnerische Richtung, die an den Brightschen Ueberlicferungen festhaltenden Radikalen, beschränken sich ans gelegentliche Proteste iii Presse und Versammlungen, die aber ohne Nachhall bleiben, weil ihnen die Einheitlichkeit fehlt. Es giebt da wieder die verschiedensten Schattierungen.„Justice", das Organ der„Socialdemokratischen Föderation", fordert in der heutigen Nummer die Links-Radikalcn auf, sich den Socialisten behufs kräftiger Gegenagitation gegen den Chauvinismus der beiden großen Parteien anzuschließen. Es siehl aber vor der Hand nicht so aus, als ob eine solche Agitation auf nennenswerte Erfolge rechnen könnte. Die gegenwärtige Stimmung ist eher einer Agitation günstig, die auf Vermehrung der militärischen Kräfte des Landes abzielt.„Mehr Soldaten! Mehr Kanonen!"— das ist im Augenblick der populäre lltuf. Auf allen Seiten hört man es, daß die Erfahrungen des Feld- ugcs schon jetzt die Notwendigkeit einer völligen Reorgani- ation der englischen Streitkräfte bewiesen hätten. Eine Art allgeni einer Wehrpflicht sei für England ein un- abweisbares Gebot der Selbsterhaltung. Daß es zu etivas derartige,» konimen wird, ist auch die Ansicht des Genossen H. Queich. Er meinte in einem am Sonntag in Burnley gehaltenen Vortrage, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sei an sich vielleicht n i ch t s o schlecht, man müsse nur dafür sorge», daß dabei statt des deutschen oder französischen das schweizerische Muster befolgt werde. Dann Ivcrde sie seines Erachtens eher gegen, statt für Kriege wirke», denn heute seien die l a n t e st e n Kriegshetzer diejenigen, die nicht in den Krieg zu z i e h e ii b r a u ch t e n. In derselben Stadt sprach am Donnerstag vorher H y n d m a n über den südafrikanischen Krieg, für den er in erster Reihe Herrn Chamberlain verantwortlich mochte. Er wolle nicht so weit gehen zu behaupten, daß die Regierung mit Vorbedacht um der Goldmincn willen den Krieg provoziert habe, aber er be- baupte, daß sie wegen derselben ziim Krieg gedrängt worden sei. Er, Hhndmaii, wünsche natürlich, da der Krieg nun einmal da sei, daß die eigene Seite siegreich sei, aber es werde enorme Opfer au Menschen und Geld kosten, bis dieser Feldzug, der schändlichste und widerlich st e Krieg, den England in diesen, Jahrhundert geführt, sein Ende erreicht habe. Es sind böse Weihnachten für England. In Indien herrscht in weiten Distrikten schon wieder Hungersnot, so daß jetzt gegen zweiundeinhalb Millionen Menschen an Notstandsarbeitcn bc- schäftigt werden müssen. Daheim wird infolge des ungünstigen Ganges der Dinge in Afrika eine große Finanzkrisis be- fürchtet— bis zu einem gewissen Grade ist sie bereits da. Die Börse hat ihren Optimismus total verloren, und in der Geschäfts- Welt herrscht große Geldklemme. Die Industrie, die direkt und in- direkt für den Krieg thätig ist. geht flott genug, aber im Handel wird sehr über die mangelnde Kauflust und Kanskrast der Miltelsklassen ge- ilagt. Für das Volk aber droht die hereingebrochene scharfe Kalte die in meinem letzten Brief angezeigte Kohlen not zu einer wahreii Kalamität zu machen. Die Preise schnellen unheimlich in die Höhe, und es ist, da die Regierung sich einen großen Teil der Kohlenproduktion für Kriegszwecke gesichert hat, für die nächste Zeit nur an ein weiteres Steigen zu denken. So groß ist der Kohlen- bedarf, daß selbst in Aorkshire, wo die Kohlen geradezu vor der Thür liegen, Fabrikanten wegen Kohlenmangel die Produinou haben aus- setzen müssen. Alles das Ivird mit verhältnismäßig starker Resignation getragen. weil das Gefühl vorherrscht, daß England in Südafrika einen Ka'mps um seine bedrohte Weltmachtsstellung führt. PauHx Geincindcwahlen. Die Feststellung deS Wahlergebnisses für Ludwigshasen macht große Schwierigkeiten und ist daher bis jetzt noch nicht beendet. Doch steht schon soviel fest, daß unsere Genossen einen bedeutenden Erfolg errangen. Es scheint, daß acht Partei- genossen gewählt wurden. In den beiden böhmischen Orten W e lt r u b und K y s ch i tz wurden in der dritten Klasse sämtliche socialdemokratische Kandidaten in den Gemcinderat gewählt. Wege» Verdachts des Meineids, begangen in deni Bc- lcidignngsprozesse gegen die„Schlcswigholsteinische Volks-Zeitnng", wurde in Kiel, wie uns ein Privattelegramm meldet, der Polizei- kommissar A melung verhaftet. Die Verhaftung erregt allgemeines Aussehen. Genosse Bredenbeck in Dortmund hat nunmehr von Lütgenau die Klageschrift bekommen. Die öffentliche Verhandlung wird die Angelegenheit dann aus der Welt schaffen. GemovKsitzstfkliches. Berlin nnd llingcgciid. An die Arbeiter Berlins! Die Differenzen zwischen den organisierte» Gastwirtsgehilfen Berlins und dem Saalinhaber Stech ert l„A n d r e a s- F e st s ä l e") sind durch S ch i e d s s p r u ch ib e i g e l e cht. Beide Parteien haben sich mit dem Schiedsspruch einverstanden erklärt und denselben unterschrieben. Die Angelegenheit ist für die Berliner Arbeiter hiermit erledigt. Berlin, den 16. Dezeniber 1899. Für die Berliner Lokals- Fjür dieBerliner GeWerk- kommission. schaftSkommission. Karl Scholz. Oskar Blum. Rudolf Millarg. Gustav Buffc. Zur Bewegunggder städtischen Arbeiter. Nachdem die Ar« beiter der zweiten städtischen Gasanstalt beschlossen hatten, im Falle die von ihnen verlangte Erhöhung der Arbeitslöhne nicht bewilligt würde, die Arbeit einzustellen, fand am letzten Sonn- abend eine Versammlung der Arbeiter sämtlicher städtischer Gasanstalten statt. Es wurde beschlossen, sich der genannten Forderung anzuschließen nnd eventuell in einen G e n e r a l st r e i k cinzutreten. Die Forderung gipfelt hauptsächlich in der Erhöhung des jetzt 6 M. betragenden Lohnes für die Tagesarbcit um 20 P r o z. sowie für die Nacht- und Sonntagsarbeit um 49 Proz. Außerdem soll die Arbeitsdauer auf neun Stunden festgesetzt werden. Die städtische Gasdeputation hat in ihrer am Montag unter Vorsitz des Stadtrats Namslau stattgehabten Sitzung sich mit dieser Angelegenheit beschäftigt und kam zu dein Beschlüsse, die Arbeitslöhne je nach den Kategorien bis zum Höchstmaße von 19 Proz. zu erhöhen, dagegen jede weiter gehende Forderung abzulehnen. Als eine Machtfrage betrachtet der Faßfabrikant L c w y den Konflikt mit seinen Arbeitern. Die Arbeiter hatte» sich, da die in jener Fabrik herzustellenden Fäßer für die Schullheiß-Brancrci be- stimmt waren, an den Herrn Direktor R ö s i ck e gewandt. Herr Verantwortlicher Redacteur: Vanl Aobn in Berlin. Für den Jnsei Rösicke erkannte auch die Forderungen der Arbeiter als berechtigt an und suchte eine Verständigung herbeizuführen. Herr Leloh aber er- klärte, daß er sich auf nichts einlasse; ans das Geld käme es ihm nicht an, aber er betrachte es als eine M a ch t f r a g e. Im übrigen sei er gclvillt, sämtliche Ausständige bis auf 5 Mann wieder cinzn- stellen.' aber zu den alten Bedingungen. Darauf können sich die Arbeiter natürlich nicht einlassen, um so lveniger, als die geforderten Löhne schon jetzt in den meisten Werkstätten gezahlt werden. Mögen die Kollegen in der Provinz sich durch die lockenden Zeitungs- inserate des Herrn Lewh nicht täuschen lassen, sondern den Zuzug streng fern halten. Central verband deutscher Böttcher. L. K l a p s ch u ß, Boeckhstr. 49. Achtimg, Rabitzspanner! Indem die Rabitzspanner wegen Lohnabzug über die Firmen Schulz, Charlottenburg, und Gebr. W a g e n k n e ch t, die Sperre verhängt haben, so werden die Kol- legen hierdurch aufmerksam gemacht, so lange die Differenz der Putzer nicht beigelegt ist, für diese Firmen weder aufzurauhen noch aus- zudrücken. Der Vorstand. Deutsches Reich. Gegen die Streikposten. Etwa 89 Lederarbeiter in Wilster haben merkwürdigerweise erst jetzt Strafmandate wegen Streikposten- stchcns zugeschickl erhalten. Das„Verbrechen" liegt bei den meisten schon Monate zurück, so daß die Annahme, die Polizei habe aus dem bekannten Kammergcrichts- Urteil von neuem Mut geschöpft, um gegen die Streikposten vorzugehen, nicht unberechtigt ist. Schutz de» Arbeitswilligen. Wegen Beleidigung von drei arbeitswilligen Steinmetzen, welche während der Aussperrung gegen den Beschluß der organisierten Steinmetzen arbeiteten, wurden vom Schöffengericht in D r e s d e n die Maurer Heyse und Tiede zu je einer Woche, der Maurer Klemm und der Zimmennaun Urban zu je 2 T a g e n und der Zimmermann Richter zu 4 Tagen Gefängnis verurteilt. Die Anklage war wieder einmal furchtbar zurccht gemacht— Vergehen gegen§ 153 der Gewerbe-Ordnung, Bedrohung, Beleidigung und was sonst noch. Die als Belastungszeugen geladenen angeblich Verletzten wußten aber von der Hauptsache nichts und erklärten, daß sie von solch schaurigen Strafanträgcn nichts wüßten. Es blieb nur ganz gering- fügige Beleidigung übrig. Ein Stiickchc» Strciklust- Bekämpsuug hat sich auch die Generaldirektion der bayrischen Staatsbahnen nicht ver- sagen können. Bisher wurde, wenn die Arbeiter-Rückfahrkarten durch Ausbruch eines Ausstandes nicht zur Ausnützung ge- langten, für die nicht abgefahrenen Strecken eine Rückvergütung ge- währt. Darin muß man wohl höheren Orts so etwas wie eine Förderung des Gebrauchs des Koalitionsrechts erblickt haben, denn diese Nückgcwährung ist jetzt laut einer Meldung des „Fränk. Kur." untersagt worden. Da aber die Ver- gütung bei Arbeiter-Wochenkarten bestehen bleibt für Fälle von Arbeitscinstclluugen infolge höherer Gewalt, für Er- krmikungen und Todesfälle, dann aber die Gründe der Nicht- anSmitzung der Fahrkarte nachzuweisen sind, so kann man die obige Maßnahme kaum anders erklären als durch das Bestreben, Aus- ständen durch die Androhung eines materiellen Verluftes vorzubeugen. Das wird sich natürlich als ein Versuch mit untauglichen Mitteln erweisen. Gewerbcgerichts-Wahlcn. Bei der Wahl der Münchener Gewerbcgerichts-Bcisitzer aus dem Stande der Arbeitnehmer siegte die Liste des Gewerkschaftsvercins über die Liste der katholischen Arbeitervereine mit 6736 gegen 1354 Stimmen. Im Jahre 1896 entfielen auf den Gewerkschaftsvcrein 6692, auf die katholischen Arbeitervereine 1985 Stimme». Im Jahre 1893 wurden für den Gcwerkschaftsverein 3729, für die katholischen Arbeitervereine 685 Stimmen abgegeben. Ausland. Die gemeldete Beendigung deS Streiks in Zwickau i. B. bestätigt sich. Die Vercinbarimgen sind auf dem Bürgermeisteramt in Gegenwart des Gewerbe-Juspektors und des Vertreters der östreichischen Gewerkschaftskommission, Hucber, geschlossen und von beiden Parteien unterzeichnet worden. Die Arbeiter haben ibrc Hauptforderung, den zehnstündigen Arbeitstag, durchgedrückt; allerdings tritt er erst am 1. April 1999 in Kraft. Die Löhne werden von demselben Daium ab um 5 Kreuzer per Stück erhöht. Maßregelungen dürfen nicht vorgenommen werden. Die g e w e r k- schaftliche Organisation ist von den Fabrikanten anerkannt worden. Ter Wiener Stockdrcchsler-Strcik hat nach siebenwöchent- licher Dauer nnt einem Siege der Arbeiter geendet. Die Arbeit wird unter folgenden Bedingungen aufgenommen: Die Arbeitszeit währt von 7 Uhr früh bis 12 Uhr mittags, bei einer viertel- stündigcn Frühstückspause; nachmittag von halb 2 Uhr bis 6 Uhr abends ohne Pause. Ueberstuudcn werden doppelt entlohnt. Zur Beilegung von Differenzen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber ist ein ständiger E i n i g u n g s a u s s ch u ß zu ivählen. der zur Hälfte aus Unternehmern und zur Hälfte aus Arbeitern besteht. Die neunstündige Arbeitszeit, für deren Erringung der Kanipf in erster Linie anfgenonunen worden war. wurde also„offiziell" nicht bewilligt, sie besteht aber trotzdem in den meisten Betrieben. Vom südafrikanischen Krieg liegen neue Meldungen vom Kriegsschauplatze selbst nicht vor, wenigstens keine wichtigen. Dagegen ist es interessant zu sehen, welche Wirkungen die niederschmetternden Meldungen über die Nieder- läge des Generals Buller in England gehabt haben. Man beginnt dort in weiten Kreisen einzusehen, daß sich ein für seine Freiheit und Unabhängigkeit kämpfendes Volk, und sei es auch militärisch ganz unorganisiert, von einem Söldnerheer so leichten Kaufs nicht schlagen läßt. Auch sieht man in England, welche Konsequenzen die fortwährenden Niederlagen für daS Ansehe» und die GroßmachtS- ftellung Englands bedeuten. Darum soll vorläufig noch alles daran gesetzt werden, um die Scharten wieder auszuwetzen. Die englische Regierung hat be- schloffen, den Oberbefehl zu wechseln und mit der Führung desselben einen in zahlreichen Fcldzügen bewährten General, Feld m arsch all Lord Nobcrtö, den Sieger von Kandahar, zu betrauen und General Lord Kitchencr, den Sieger über die Der- wische, zu seinem G e n e r a l st a b s ch e f zu ernenne». Buller behält iudeß bis auf weiteres die Leitung des Fcldzuges in Natal. die. wie es im kriegsmiuistcricllen Erlaß heißt, seine Gegenwart und ungeteilte Aufmerksamkeit erheischen dürfte. DaS Kriegs- amt beschloß ferner, den Rest der Armeereserve ein- zubernfen und die in der Mobilisierung begriffene 7. Diviston un- verzüglich nach Südafrika mit Artillcrievcrstärkungen einschließlich einer Haubitzcnbatterie zu entsenden. Ferner wurde beschlossen, zehn Bataillonen Miliz zu gestatten, sich freiwillig für die Verwendung im Auslände zu melden, ein starkes bc- rittcnes Sondercorps aus Freiwilligen der Neomanry- Regimenter und aus anderen Corps für Südafrika zu bilden und das Anerbieten der Kolonien, weitere Hilfstruppen zu stellen, soweit als lhunlich anzunehmen. Die regulären Truppen in llllalta und Gibraltar, die Marschbefehl nach dem Kap erhielten, werden durch Miliztruppen ersetzt. Lord Kitchener, der in England durch seine Siege in Aegypten sehr populär geworden ist. degicbt sich unverzüglich auf den Kriegs- schauplatz. Aus Kairo wird vom Montag gemeldet: Lord Kitchener verläßt morgen Omdurman, trifft am Freitag in Kairo ein und bcgiebt sich von dort sobald als möglich nach dem Kap.— Thatsächlich dürfte diesem dann auch die weitere eigentliche Leitung des Fcldzuges zufallen, da der neue nominelle Oberbefehls- Haber schon ein Mann in hohen Jahren ist.— atenteil verantwortlich: Glocke tn Berlin. Druck nnd Verla» von Diax Im übrigen bemüht sich England, alle Streitkräfte, die eS irgendwo in der Welt noch auftreiben kann, nach dem afrikanischen Kriegsschauplatz zu bringen. Ein Teil der Besatzung von Gibraltar wird am 24. d. M. nach Transvaal abgehen. Und aus Kairo meldet die„Agence Havas": England hat die Absicht, für den Krieg in Transvaal 2999 Mann aus Egypten zu ziehen; dies hätte aber den Nachteil, Egypten ohne Garnison zu lassen. Man glaubt, daher werde ein Teil der siebenten Division zum Ersatz der nach Südafrika gesandten Truppen nach Egypten kommen. Es ist auch die Rede von der Entsendung eines Ein- geborenen-Kontingents. Aber in Südafrika bereiten sich neue böse Dinge für die Eng- länder vor, indem die Boeren der englischen Kapkolonie jetzt ganz offen zu den kämpfenden Stammesgenosscn übergehen. Den in Brüssel eingetroffenen Nachrichten zufolge breitet sich der Aufstand der Holländer im Kaplande immer weiter aus. Zur Zeit dienen bereits ungefähr zehntau sendKapholländer imBoerenheere, Der Boerensieg am Tugelaflufse verstärkt die Abfallbewegung. Die englischen Morgenblät'ter melden aus Pretoria vom' 13. d. M., 999 K a p h o l l ä ii d e r in Barkly hätten sich den Boeren an- geschlossen, ferner 2999 in Barkly East und 1599 in Burgersdorp. Eingeborene berichten ferner, daß alle Boeren in Bei- schuanaland im Ausstände sind. Sehr bezeichnend für die Stimmung in Südfrika ist auch die folgende Meldung aus London vom 13. Dezember: Ein Tele- grainm aus Kapstadt meldet, daß eine halbe Schivadron der Division des Generals Freiich auf einem Gehöfte erschien, um dort Fourage für die Pferde zu requirieren. Sie wurde von Afrika» der» umzingelt und g e f a n g e n g e n o m ni e n.— Aus Kapstadt wird weiter gemeldet, daß die gesamte Bevölkerung zwischen Aliwal North und de Aar sich im Aufstände befindet. Es ist dies für die eng- tische Armee um so gefahrvoller, als de Aar der Konzentrationspunkt des Armeecorps der Kapkolonie ist, und weil sich dort ungeheure Vorräte an Proviant und Munition befinden. London» 18. Dezember. Mehrere Blätter stellen fest, daß die G esa m t v erluste der Engländer bis heute ungefähr ISOkO Mann betragen. Sehr unangenehm beginnt der englischen Negierung auch die Stimmung der irischen Bevölkerung dem Boerenfeldzug gegenüber zu werden. Eine öffentliche Versammlung in Dublin, welche das irländische Komitee für Transvaal einberufen hatte, um gegen die Haltung des Trinity College zu protestieren, welches beabsichtigt, Chamberlain zum Doclor honoris causa zu ernennen, und um die Sympathie für die Boeren auszudrücken, wurde von der Regierung verhindert. Jedoch kam eine beträchtliche Volksmenge zusammen lind einige Mitglieder des Komitees versuchten zu sprechen. Die Polizei' zerstreute aber die Menge. Hierauf fuhren die Veranstalter der Versammlung in der Stadt umher und man hißte ein Banner in den Farben von Transvaal. Die Polizei beschlagnahmte dasselbe. Unmittelbar danach fand eine Ver- sammlung statt. Vom westlichen Kriegsschauplatz berichten die„Times" aus Modder-Rivcr vom 15. d. M.: Eine heute früh durchgeführte Re- kognoscierung ergab, daß die Boeren 5 Meilen von Modder-Rivcr drei Lager haben.— Die Streitkräfte der Boeren sollen etwa 29999 Man» betragen. » Die sonderbare Fassung der amtlichen Telegramme vom Kriegsschauplatze ist wohl manchem schon aufgefallen. Wenn z. B. General Bullcr von einem„schweren Schicksalsschlage" spricht, so er- scheint uns das recht unmilitärisch. Der Ausdruck, wie andere ähn- liche, ist auch thatsächlich nicht authentisch und auf mangelhafte Uebersetzung zurückzusühren. Der„schwere Schicksalsschlag" heißt im Original„heavzc reverse", ein schwerer Mißerfolg, eine schwere Niederlage.— •« » Demonstrationen für Chamberlain. Dublin, 13. Dezember. Chamberlain wohnte der heutigen Sitzung des Senats des„Trinity College" bei. welcher ihn zum Ehrendoktor der Rechte ernannte. Nach der Scnatssitzung des Trinity College kamen etwa 159 loyale Studenten auf die Straße und sangen patriotische Lieder. Sie trugen den Union Jack vor sich her, den die Polizei jedoch wegnahm, um einen möglichen Zusammenstoß mit irischen Ratio- nalisten vorzubeugen. Später machten diese Studenten einen Angriff auf das Mansion House. auf dem die grüne Flagge wehte, nahmen dieselbe herab und zerrissen sie. Nachdem Chamberlain die Würde eines Doktor? der Rechte er- halten hatte. sagte er in Erwiderung der Zurufe der Studenten in einer kurzen Ansprache, England habe größeres Mißgeschick im Krim- kriege und während des indischen Aufstandes ertragen und er zweifle nicht, daß die Nation jetzt wie damals wieder auf die Füße springen werde. s» FricdenSvorschläge. Brüssel, 13. Dezember. Einer Depesche der„Jndöp. Beige" auS London zufolge geht dort das Gerücht, Präsident Krüger habe mit Unterstützung des Afrikander-Kabinetts der Kapkolonie Schritte gethan bezüglich der Einstellung der Feindseligkeiten und der Abschließung eines Friedensvertrages. In derselben Depesche wird weiter ge- meldet, die ganze Gegend zwischen Queenstown und dem Oranje- flusse sei im Äufstaude begriffen. *# « Die wahre Ursache der englischen Niederlage hat daS Blatt des Alldeutschen Friedrich Lange entdeckt: „Wer an preußische militärische Erziehung gewöhnt ist, hat sich von Tag zu Tage niehr gewundert über die Führer der eiPlischcn Truppen. Je mehr Lichtbilder der Generäle ans den englischen illustrierten Zeitschriften uns vor Augen geführt wurden, um so mehr erstaunten wir über das vollendet U n m i l i t ä r i s ch e dieser Freier um Forlunas Helmspitze und Schärpe. Abgesehen von dem einem. demVerteidigerMafckings, dcmObersten Badeu-Powell.haben sie alle kleine m i l i t ä r i s ch e n G e s i ch t e r. Lord Methuen erscheint wie ein zuversichtliches Kind, Wauchhopc und White machen den Eindruck von Träumern— der eine kalt, der andere warm und wie uniflort von Ossians Hochlaudncbeln—, General Bullcr endlich, um von Frcuch und Gatacre gänzlich zu schweigen, machte mit seiner eigensinnigen Falte über der Oberlippe von vornherein nicht den Eindruck des unbefangenen, des umsichtigen Draufgängers und Bezwingers der launischten aller Göltinnen. Das spezifisch Militärische preußischer Kriegs- erfahr» n g fehlte ihnen allen." Man sende eine Schiffsladung Habyscher Bartbinden nach Südafrika und wehe den Boeren. Wären die militärischen Gesichter der preußischen Generale schon 1897 bei Jena der Bartbinde teilhaftig gewesen, so brauchte keine trübe Erinnerung und keine Znkunftsfrage Friedrich Langes preußisch- Iveltdcutsches Gemüt bekümmern.— Uekzke Machvichken und Depeschen. Köln a. Rh., 13. Dezember.(B. H.) Die„Köln. Ztg." meldet über Washington, der aus Australien eingetroffene Dampfer „Warrimo" bringe einen aus den deutschen Besitzungen in Neu» Pommern datierten Brief mit der Nachricht, daß der deutsche Händlsr Metz mit vieren seiner schwarzen Jungen ermordet nnd von den Eingeborenen verzehrt wurde. Budapest, 18. Dezember.(B. H.) Der Gencralfeldmarschall v. Schönaich wird von maßgebenden Kreisen als der Nachfolger des Ministerpräsidenten Clary bezeichnet.__ 3« Ii it b rn Berlin Hierzu 2 Beilaaen nnd ttnterhaltnngsblatt. Sr. 296. 16. intm. 1, JjfilfljJC Bruch des Eimgungsvertrages im Baugewerbe. Das Einigungsamt setzte am Montag die am Freitag vertagte Verhandlung in Sachen des angeblichen Vertragsbruchs der Maurer fort. Es lvaren IS Zeugen geladen, durch deren Vernehmung fest- gestellt werden sollte, ob die über den Bau des Baumeisters Karchow verhängte Sperre bereits am 9. November, nachdem Karchow Mit- glied des Bundes der Arbeitgeber geworden war, aufgehoben worden ist, oder ob sie noch»ach diesem Tage weiter bestanden hat. Zunächst läßt der Vorsitzende v. Schulz feststellen, was unter einer Bausperre zu verstehen ist. Die Arbeitgeber sagen: Eine Bausperre besteht nicht, wenn sämtliche auf einem Bau beschäftigte Arbeiter entlassen werden, auch nicht, wenn sämtliche Arbeiter die Arbeit niederlegen, sondern nur. wenn Posten ausgestellt werden, welche verhindern, daß Arbeiter auf dem betreffenden Bau an- fangen. Die Arbeiter erklären: Eine Bausperre liegt nur dann vor, wenn die Organisation dieselbe anerkennt und die Posten entschädigt. Als im Laufe der Zeugenvernehmung der Beisitzer Weigert einige Fragen an einen Zeugen stellt, die anscheinend den Unternehmern unbequem waren, sagt Baumeister Lachmann: Wir Arbeitgeber wollen wisien, ob Herr Weigert die Fragen zu Gunsten der Arbeiter oder der Arbeitgeber stellt. Wir denken, die von uns gewählten Beisitzer haben hier nur unser Interesse zu vertreten und nicht durch Fragen, wie sie Herr Weigert stellte, den Thatbestand zu verdunkeln. Beisitzer Dr. Gerschel: Wir sind vereidete Gewerbcrichter und be- finden uns hier in derselben Position wie jeder andere Richter. Wir vertreten weder die Interessen der einen noch die der anderen Partei und wenn wir Fragen stellen, so geschieht das nur, um den Thatbestand unparteiisch aufzuklären. Vorsitzender v. Schulz bestätigt auch seiuerscitS die Etkläning des Dr. Gerschel. Die sehr eingehende Zeugenvernehmung dauerte mehrere Stunden. Der Geschäftsführer und der Polier Körchows sagen aus, sie hätten bis zum 23. oder 24. November Maurer, die sie bestimmt für Streik- Posten hielten, vor dem Bau stehen sehen.— Ein Schutzmann, der während der Sperre zur Beobachtung des Baues kommandiert war, bekundet, es seien 14 Tage lang Streikposten ausgestellt und regel- mäßig abgelöst worden. Weiter sagt der Zeuge, nachdem die Lohn- konnnission auf dem Bau war— etwa drei Tage nach dem Ausbruch der ArbeitSuiederlegimg— seien die Sperre aufgehoben und die Streik- Posten zurückgezogen worden.— Hierbei ist zu bemerken, daß die Lohnkommission thatsächlich am 9. November auf dem Bau war und nach Behauptung der Arbeitervertrcter an diesem Tage die Sperre nntgehobe» hat. Die Arbcitgcbervertreter behaupten dagegen, die Sperre sei erst am 24. November aufgehoben worden, nachdem die Achtzchnerkommission auf dem Bau recherchiert hatte. Maurer Born sagt aus, die Sperre sei am 9. November auf- gehoben worden. Maurer Zschoch, der als Baudcputierter auf dem Karchowschcn Bau fungiert hat, bekundet auf das bestimmteste, die Sperre sei, nachdem die Lohnkommission auf dem Bau war, am 9. oder 10. Noveniber aufgehoben worden. Er selbst, der als Bau- deputierter die Pflicht gehabt hätte. die Ausübung der Sperre so lange zu iibenvachen und zu leiten, bis sie auf- gehoben Ivar, habe bereits etiva 10 Tage nach Beginn der Sperre ans einem anderen Bau gearbeitet, lieber die Fimttionen des Bau- deputierten befragt, sagt der Zeuge, die Baudeputierte» nehmen unter den Maurern etiva dieselbe Stellung ein, wie die Unteroffiziere unter den Soldaten. Bailnicistcr Geriefe: Die Unteroffiziere sind bekanntlich gut gedrillt, die Organisation der Maurer hat demnach ihre Leute auch gut gedrillt. Silberschmidt: Wenn damit gesagt sein soll, daß wir unsere Kollegen für die Abgabe ihrer Aussage gedrillt haben, so muß ich gegen eine solche Unterstellung protestieren. Vorsitzender v. Schulz: Ich nehme an, daß Herr Gcricke es nicht so gemeint hat. Gcricke: Die Schlußfolgerung überlasse ich Herrn Silberschmidt. Ich habe es auch nicht so gemeint. Auf die Vernehmung der übrigen Zeugen wird von beiden Seite» verzichtet. Die Vertreter der Parteien äußern sich hierauf über das Ergebnis der Beweisaufnahme. Seitens der Arbeitgeber wird bemerkt, sie wollten an die Fest- stellung des Vertragsbruchs keine weiteren Konsequenzen knüpfen, es komme ihnen nur darauf an. feststellen zu lassen, daß es de» Arbeit« nehmen» nicht ernst sei mit der Erfüllung der Vertragsbestinimungen. Es solle zugegeben lverdcn, daß einzelne Arbeitgeber nicht alle Forderungen des Vertrages hinsichtlich Baubuden und dergleichen er- füllen, aber der Bund sei willens, den Vertrag treu zu halten. Die Vertreter der Arbeitgeber betonen, auch sie seien durchaus vertragstren. Es müsie bei dieser Gelegenheit festgestellt werden, ob es dem Vertrage entspreche, lvcnn ein Arbeitgeber, nachdem er Differenzen mit seinen Arbeiten» bekoinmen habe, dem Bunde bei- trete,»md der Bund ihn nun unter seinen Schutz nehme, indem er verlange, daß die Arbeiter bei dem minmchrigen Bundcsmitgliede die Arbeit bedingungslos»viedcr aufnehmen. Vom moralischen Standpunkt auS wäre es erforderlich geivesen, daß Herr Karchow, ehe er dem Bunde beitrat, die Differenzen mit den Arbeitern er- ledigle. Der Arbeiterorganisation falle cS nicht ein. für Mitglieder einzutreten wegen solcher Angelegenheiten, in die sie sich vor ihrer Mitgliedschaft verivickclt haben.' Trotz dieses ihres Standpunktes hätten aber die Arbeiter, nni alle Mißdeutungen zu vermeiden, die Sperre aufgehoben, sobald sie erfuhren, daß Karchow Mitglied des Bundes geworden war. Nachdem die Verhandlungen von IV/3 bis 5 Uhr gewährt hatten, zog sich das Einig, mgsamt zurück und fällte nach kurzer Beratung folgenden Schiedsspruch: 1. Der Vergleich vom 14. Juni 1899 ist als zwischen allen Ar- bcitgcbern dcS MaurergelverbeS in Berlin und der Vororte, gleich- viel, ob sie dem Arbeitgeberbunde angehören oder nicht, und den Arbeitiiehmerorganisationen geschloffen anzusehen. Die von der Achtzehner- Kommisfioi» auf Grund des Vergleichs beschlossene» Aliiführiuigsbesliunnniigrn haben dieselbe Geltung»vie der Vergleich. 2. Tie am 7. November erfolgte Verhängmig der Sperre über den Karchowschen Schulbau in der Grenzstraße ohne vorherige Anrufung der Achtzehncr-Kommijsion beziehungsweise des Einigimgs- amts ist als ein nicht beabsichtigter und deshalb c n t- schuldbarer Verstoß gegen den Vergleich vom 24. Juni 1899 zu erachte». 3. Die Behauptung, daß die Arbeitslcislmig der Arbeitnehmer seit Abschluß des Vergleichs erheblich zurückgegangen sei, und daß diese Minderleistluig auf einer Vereinbarung der Arbeitnehmer beruhe, kst nicht erwiesen. 4. Als ein Verstoß gegen de» Vergleich vom 24. Juni 1899 ist es nicht anzusehen, das Ärbeituchmer einen höheren Lohn, als den in den Vergleichsbedingunge» sestgesetzten annehmen. Zu einem Einschreiten der Organisation der Arbeilnchnier hiergegen liegt leine Veranlassung vor. ö. Ein' Verstoß eines vertragschließenden Teils gegen den Ver- gleich vom 24. Juni gicbt dem andern Teil nnr dann ein Recht z»m Rückiritt von diesem Vergleiche, wenn der verstoßende Teil nach Untersuchung durch die Achtzehner-Koni Mission und Anrufung des E i n i g u n g s a m t e L nicht alles in seiner Macht stehende veranlaßt, um den der endgültigen Entscheidung eut- sprechenden Zustand herbeizuführen. In der vom Vorsitzenden v. Scknilz verlesenen Begründung des Schiedsspruchs heißt es unter aiidem,: Die streitende» Parteien seien darüber uneinig, ob sich der Vergleich von, 24. Juni auch auf die Nichtmitglieder des Arbcilgcbcrbundcs erstrecke. Das Einignngs- am» sei der Ansicht. daß der Vergleich die Arbeits- Verhältnisse im gesamten Manrcrgclverbe regelt und so- »vohl für die Mitglieder des Ärbeitgcberbundcs»vie auch für die außerhalb des Bundes stehenden Arbeit- g e b e r bindend ist. Bei dieser Auslegung der Tragweite des iles„Vmiirls" Vergleichs ergiebt sich, daß die Organisationen der Arbeiter nicht befugt»varen, die Sperre zu verhängen, ohne vorher sich an die Achtzehner-Kommission und das Einigungsamt zu wenden. Ein absichtlicher Verstoß gegen den Vergleich kann den Arbeitern nicht zun» Vorwurf gemacht werden, da sie sowohl wie die Arbeitgeber sich über die Tragweite des Vertrages nicht klar waren. Von einem Vertragsbruch kann um so weniger die Rede sein, als die Achtzehner-Kommission. nachdem der Fall in der Geschäfts- stelle gemeldet, keinen Anlaß zum Einschreiten ge- funden hat. DaS Einigungsanit ist der Ansicht, daß die Achtzeh'ner- Kommission die Entlassung der 6 Maurer nicht hätte billigen können, weil dieselben nach dem Zugeständnis des Herrn Karchow im Sinne der Durchführung des Vertrages thätig gclvcsen und des- halb von ihm entlassen»vorden sind. Die Aufnahme Karchow? in den Bund hätte nicht stattfinden sollen, während die Differenzen zwischen ihn» und seinen Arbeitern bestände»». Jedenfalls hätte sich der Bund während des Aus st an des jeder Jntcr- vention zu Gunsten dieses seines neuen Mit- gliedeS enthalten sollen. Der Prozeß Gehlsen. Die Verhandlungen gegen den Schriftsteller Joachim G e h l s e» begannen gestern vor der zweiten Strafkainmer dcS Landgerichts II und sollen drei Tage in Anspruch nehmen. Die Sitzung, die im kleinen SchwnrgerichtSsaale stattfindet, »vird um 9'/, Uhr durch den Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor M e r s ch e i m, eröffnet. Die Anklagcbehörde vertritt Staatsainvalt S ch ä f f e r. In dem ersten Teile' der Anklage,»velcher die Bc- leidignug des Magistrats und des Stadtsekretärs Kuhlow betrifft, »vird Gehlsen von den Rechtsanivälten Dr. Werthauer und Dr. Löweustein verteidigt, in dem zivciten schlverer wiegenden Teile, betreffend versuchte und volleildete Erpressung, solvie versuchter Bc- trug, tritt RechtSaiiwalt Pohle noch als dritter Verteidiger ein. Die Beleidigung des Charlottenburger Magistrats. Zunächst handelt eS sich um Beleidigung durch die Presse. Es treten die Angegriffenen, der Magistrat zu Charlottenburg, vertreten durch den Bürgermeister Matting, sowie der Stadtsekretär Kuhlow als Nebenkläger auf. Auch diese Anklage zerfällt in mehrere Teile. In dein ersten zur Verhandlung gelarigenden Falle hat der Kausniann Saling Fischer neben Gehljen ans der Anklagebank Platz zu nehme»',. Er wird vom Rechtsanwalt Wronker verteidigt. Gehlsen giebt bei seiner Bernehniung an, daß er 1341 zu Tönnig in Schleswig geboren sei. Er ist vor Jahren mehrfach»vegen Belcidigutig durch die Presse»nit Geldstrafen belegt, dann aber auch durch Urteil des Kammergerichts vom 2. November 1877 wegen Bismarck-Beleidiqung und Beleidigung des Stadtgerichtsrats Reich zu einer Gesamtstrafe von 4 Jahre», 5 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Es handelte sich damals»»„ Angriffe in der von Gehlsen herausgegebenen .Reichsglocke". Gehlsen entzog sich der Strafverbüßung dadurch, daß er nach London reiste. Durch die Amnestie gelegentlich der Thronbesteigung Kaiser Friedrichs»vnrde ihm der Weg wieder offen. Er kehrte aber erst im Jahre 1895 nach hier zurück und ließ sich in Charlottenbnrg nieder, wo er die„Charlottenburger Stadtlatenie" und das„Charlottenburger Wochenblatt" herausgab. In dem letzteren Blatte befand sich am 11. Februar d. I. unter der Ueberschrift„Verfänglich" ein Artikel etiva folgenden Inhalts: Der Agent Saling Fischer, der als Ver- mittclungsgebühr für ein von, Charlottenburger Magistrat ange- kauftcs Grundstück von der Stadtkasse einen Betrag von 575 M. zu fordern hatte, sei in das Bureau des Stadtsckretärs Briescnieister gekoinmen und habe»in» die Unterschrift gebeten, da, nit er das' Geld abheben könne. Brieseineister habe' wegen der vorgerückte» Tageszeit Bedenken geäußert. Ivorauf Fischer in nicht mißzuverstehender Weise in die Tasche gegriffen habe. Briescmcister habe eine abivehrende Beivegung gemacht und gesagt, es bedürfe einer solchen Nachhilfe nicht, er thue das Mögliche ohne- hin. Darauf habe Fischer gesagt: Magistratssekretär Kuhlow versteht eS ander s." Zwei Tage später sei Fischer wieder im Bureau er- schienen und habe bei dieser Gelegenheit»viederum zu Briesemeister eine Aeußerung gethan,»voraus hervorging, daß Kuhlow b e- stech lick sei.' Der Artikel schloß mit der Bemerkung:„Wir können Herrn Kuhloiv noch auf weitere Dinge aufmerksam machen, die „anders" sind, als sie sein sollten." Der Angeklagte Fischer erklärte, daß er seines Wissens niemals eine den Magistratssekretär Kuhloiv verdächtigende Bemerkung gethan. auch keine Veranlassung dazu gehabt habe. Gehlsen sehe er jetzt zum erstenmal, er»visse nicht,»vie dieser zur Kenntnis der Sache gelangt sei. Nachdem wegen des Artikels Strafantrag gestellt»vorbei, Ivar, erschien im„Charlotten- burger Wochenblatt" ein ziveiter Artikel, ebenfalls mit der Ueber- ichrift„Verfänglich". Gehisen hidlt sich darin darüber auf. daß er »vegen des früheren Artikels zur Verantwortung gezogen werden solle. Mit Bezug auf den Oberbürgermeister Schustehrus äußerte Gehlsen sich folgendermaßen: „Wir lieben bei Bemnten eine geivisse Schncidigkeiteit, ob diese aber bei neuen Bürgermeistern,»vclche in ihrem Neste kann,»varin geworden sind, Bürgern gegenüber angebracht ist,»vclche sich gegen die eingerissenen korrupten kommunalen Zustände ivehren, darüber iiachzudenkeil,»vollen wir Herrn Schustehrus vorläufig selbst überlassen." Am 20. Mai d. I. erschien in der„Eharlottenburgcr Stadt- lateme" ein Artikel, worin das Strafverfahren gegen den ziveiten 'rüheren Bürgermeister zu Delitzsch erörtert»vnrde. Es wurde hervorgehoben, daß Nrknudciifälschuiig und Betrug zur Sprache ge- kommen seien und hieran folgende Bemerknng geknüpt:„Der Ober- bürgern, eistcr von Charlottci'iburg besoldet zwar unstreitig brave Kollege» in der Vcrivaltung und im Ehrenamt, indessen thnt er nicht »vohl, darauf zu bestehen, daß alle Beamte ivtegsr und in ihrer Stellung unentbehrlich seien. Es giebt Leute,»velche gar keiu Recht haben, sich beleidigt zu fühlen,»venn man sie komipter Praxis beschuldigt." DerÄ», geklagte Gehlsen blieb dabei, daß er sich im guten Glauben befunden habe und den Beiveis der Wahrheit antreten wolle. Er»viedcr- holte, daß seine Verteidigung dadurch erschivert»verde, daß ihm nicht alle seine beschlagnahmten Papiere»vicder ausgehändigt»vorden seien. Die Veranlassung seiner Angriffe gegen Kuhlow sei gclvcsen, daß ihin viele städtische Beamte mündliche und schriftliche Mitteilungen von groben Unregelmäßigkeiten und Uebergriffen gemacht hätten, die Knhlow zu eigen, liitzige» Zwecken sich habe zu Schulden kommen lassen. Rechtsamvalt Dr. Werthauer beantragte die Ladung einer ganzen Reihe Zeugen,»velche nach dieser Richtung wichtige Thatsachen bekunden könnten. Der Gerichtshof beschloß, vorläufig die geladenen Zeugen zu vernehmen. Der Zeuge B r i e s e m e i st o r bekundete, daß der erste beanstandete Artikel, mit dcffen Vcröffcnt- lichung er übrigens nichts zu thuu habe, das Gespräch genau so wiedergebe, wie eS gelautet habe. Der Nebc»»verdienst des Stadtsekretärs. Die Bcivcisaufnnhme ergab, daß Kuhlow in zivei Fällen je ein Gnindstücksacschäft vermittelt und hierfür eine Ver mitte- lungsgebühr von 3700 M. e i>» g e h e i m st h a t t e. Direktor E i ch m a n n bekundet, daß er»vicderholt den Stadt» sckretär Knblotv bei Grundstücksankäufen»m Rat gefragt habe, aber niemals habe derselbe ib», auf Grundstücke aufnwrksam gemacht, weiche sich für städtische Zivcckc eigneten. Knhlow habe ihn aber mehrfach auf andere Privatgriindstücke aufmerksam gemacht, welche verkäuflich seien. Wenn der Zeuge eine» solchen Kauf für die Firma Ende u. vöckinann. deren Vertreter er damals war, zum Abschluß gebracht hatte, so habe Kuhlow eine Entschädi- gung, wahrscheinlich 1 Proz. erhalten. DitllSlilg, 19. Winbtt 1899. Stadtsckretär Kuhlow räumt ein. daß er mehrfach Gelegenheit hatte, Grundstücksvcrkäiifc abzuschließen. In dem einen Falle habe der Angeklagte seine Mitthätigkeit zur Abwicklung eines Kaufgeschäfts' angeboten, der Zeuge habe dies aber abgelehnt.' Die Frage des Vorsitzenden, ob der Zeuge die Erlaubnis von seiner vorge'fctztci» Behörde nachgesucht habe, derartige Neben- i beschäftigniig zu betreiben, beaiitivortet der Zeuge verneinend, da es sich mir um zwei Geschäfte gchaudelt habe, die er mit Privatpersonen abgeschlosicn habe. Auf»veiteres Vorhalten räumt der Zeuge ein, daß eS sich um mehrere Geschäfte handele., die sich»iidcssc»»ur auf zivei Kontrahenten beschränkten. Gegen die weiter vom Vorsitzenden an den Zeugen Kuhloiv gerichtete Frage, ob er,»vie Gehlsen heute behauptet, sich auch der Unter- schlagung schuldig gemacht habe, erhebt der Staatsanwalt� Einspruch, da durch ein allcnfallsiges Vergehen eines einzelnen Beamten der Vorlvnrf, daß korrupte Zustände bei der Charlotten- burger Stadtverwaltung eingerissen seien, sich ninunermehr recht- fertige» lasse. Da Bürgerineistcr Matting erklärt, daß ihm selbst daran liege, völlige Aufllärung zu erzielen,»vird der»vettere Beiveis für die von Gehlsen aufgestellten Behauptungen für zulässig erachte. Der Zeuge verneint unter seinem Eide, daß er Porto- und Servicegelder unterschlagen habe. Auf Iveitcres Befragen gicbt der Zeuge Kuhloiv z»i, daß er insgesamt durch seine Vermitteliiugsgeschäfte 15- bis 20000 Markverdienthabe. Biirgenneistcr Matting, als Zeuge vernommen, erklärt: Es»värc der städtischen Verwaltung sicher lieber geivesen, wenn Kuhloiv solche Grundstücksverniittlimgen nicht gemacht hätte. Der Magistrat habe jetzt genauere Angaben über den Umfang dieser Geschäfte extrahiert; er habe über das, was Kuhloiv iii dieser Bezichmig bisher mitgeteilt hat, nur sein B e- d a u e r n aussprechen, aber ein diSeiplinarisch zu ahndendes Di eilst- vergehen nicht feststellen köiiiicn. Jetzt seien ihm solche Geschäfte ausdrücklich verboten worden, früher habe ein solches Verbot nicht beftaitden. Bcstiinmte Nachrichten über diese Geschäfte Kuhloivs habe der Magistrat nicht gehabt, man habe nur hin»md»vicder davon gehört es ihm zu untersagen,»värc Sache deS verstorbenen Oberbürgermeisters Fritfche geivesen. Daß solche Geschäfte in solchem Umfange gemacht worden, habe man»» i ch t gewußt. Vor Jahren habe' der Oberbürgermeister Fritfche dem Zeugen ein geheimes Aktenstück gezeigt,' inhaltlich dessen den» Stadtsekretär Kuhlow Uttrcgelmästigkciten bei der Servisberechnmig nachgewiesen»vorden feie»». Der Zeuge Kuhlow erklärt, daß dies nlcht auf Unterschlagungen seinerseits, sondern ans eine mangelhaste Organisation zurückzuführen sei. Es komme häufig vor, daßLeute,»velche mit Einquartierung bedacht wurden, sich die Last ablvälzen»vollten. Er habe dies für sie besorgt, indem er die Soldaten anderlveitig unter- gebracht habe. ES sei hierzu ei» Zuschuß zu den staatlich gcivährten Verpfleguiigsgclder» notlvciidig geivcien und diese» habe er mit de» Anweismigen,' die in de»» häufigsten Fällen nicht zur Abhebung ge- langt seien, verrechnet, wobei»vohl manchmal ein klein er lieber- sch» ß fü r i hn v erb li e b ei» s e i. den er als Entgelt für seine Mühewaltung angesehen habe. Zeuge Kaufiiiaim Sinsheim er. der viel Grundstücks- geschäfte gemacht hat, soll»ach der Bchauptmig deS Angeklagten Gehlsen einmal zu einem Dritte» die Bemerkung gemacht habe»»: „Jetzt hat Kuhlow 6000 lvlark»veg und ist doch unzufrieden". Die Bememnia soll einen» Kirchciibenmtcn Pauk gegenüber gemacht »vorden sein. Der Zeuge bestreitet dies unbedingt. Geheimer Rat Ende bekundet, daß er selbst keinerlei Anskünfto über die Unterhandlungen bezüglich der GrimdstückSIänfe geben könne. Er soivohl»vie der Zeuge Baurat Böckmann kennen Kuhlow gar nicht.— Grnndslücksmallcr Plötz, der»ach seiner Angabe viel für die Stadt Charlottenbnrg zu kaufen hat, sagt ans. daß er mit Kuhloiv z»tsainn»en mehrmals Privat-Grnndstücks- känfe vermittelt und mit ihm die Provision geteilt habe. Grund- stücke, auf die die Stadt reflektierte, seien nicht dabei geivesen; bei seinen Geschäften mit der Stadt habe er Herrn Kuhloiv nie ge- brwacht.— Zeuge Kaufmann Ruhm, der gleichfalls Terrain- geschäfte macht, erklärt, daß er mit Mitgliedern der kuruto finance, Herrn Robert Warschauer und Kommerzienrat Oppen- heim, in geschäftlicher Verbindimg gestanden hat. Als es sich darnm handelte, für diese Herren die ihnen gehörigen Grundstücke durch Ankäufe von Nachbargrnndstücken zu arron- dicren, habe er den Herren gesagt, daß es besser sei, die V e r in i t t e l n n g H e r r n K u h l o>v, als unbeteiligten Dritten zu übertragen, da er selbst in Charlottenbnrg zu bekannt sei. Herr Kuhloiv giebt zu, daß er für diese beiden Vennittelungen 1200 und 2000 M. Provision erhalten habe.— Der nächste Zeuge. Buchdruckereibesitzer Kühn aus Potsdam, stellt die Drucksachen für die Stadt Charlottenburg her. Der Angeklagte Gehlsen behauptet. daß der Zeuge für die Zuwendung dieser Drnckarbeiten dem Stadt- sekrctär Knhlow Z u>v e», d u» g e u gemacht habe. Zeuge b e- streitet dies entschieden. Er habe dem K. weder direkt noch indirekt Ziiweiiduiigcu gemacht. Rcchtsaniv. Buka als Vertreter des Nebenklägers Knhlow be- hauptet, daß in der ServiSaugelegcuheit der verstorbene Oberbiirger- meister Friffchc die Sache völlig aufgehellt habe und diese Aitstlärnng nichts Strafbares gegen Herrn Kuhlow ergeben habe. Er giebt anheim, nach dieser Richtung hin weitere Beiveise zu erheben; der Borsitzeitde bemerkt jedoch, daß bezüglich der Persönlichkeit des Herrn Kuhloiv der Gerichtshof»veitcre Beiveise nicht nötig habe.(Hierauf tritt eine Pause bis SVa Uhr ein.) (Schluß in der 2. Beilage.) Gcrichks �Zeitung. Die enlpörc»idc Mißhandlung cineS Dienstmädchens, zu der sich der Knufmmn» Richard Frank hat hinreißen lassen, unter- lag gestern wieder»»»» der Prüfung des hiesigen Schöffengerichts. Die Beivcisanfnahine ergab folgenden Thatbestand: Der Angeklagte Frank war Anfang Juli mit seiner Frau nach Marienbad gereist nnd hatte seine' Wohnung— entgegen dem Wunsche seiner Frau— der Obhut seines Dienstmädchens, der 21 jährigen Johanna Tisiat, die seit einem Jahr ii» Berlin ist, überlassen. Er hatte volles Vertraue», zu dem Mädchen. Nachdem er einige Zeit in Marie,»bad ivar, bekam er Karten und anoiil>ine Briefe. Ivo nach das Mädchen in der Wohnung Herrenbesuche empfange, sich Rendezvous gebe, wobei sie sich angeblich als Anna Frank ausgebe sc. Diese Nachrichten brachten den Angeklagten nnd seine Fron in die höchste Erregimg. Er reiste nach Berlin und machte scinemDtenstmädchcn heftige Vorwürfe. DasMädchengabeiiiigeUngehörigkeitensofortz»», bat um Entschuldigung. daß sie zwei alte Hcnidci» ihrer Dienstherrin. eine seidene Binse und eine Frisiermatinee getrage»», wiederholt eine Freundin des Nachts bei sich beherbergte»md auch in dein Bette der Gouvernante beziv. dcS Kindes des Angeklagten geschlafen habe. Mehr ergab die BciveiSaufnahinc nicht, so daß oie dem Angeklagten überbrachten Mitreillrngen von den HauSbeivohncrn stark auf- gebauscht erscheinen. Etwa zivei Stuudeu nach seiner Ankunst ging der Angeklagte nochmals in das Zinmier der Tisiat, ließ die Jalousie halb herunter, verschloß die Thür und nahm das Mädchen nochmals ins Geber. Er»vollte»visse», ob sie etwa»och Wäsche seiner Frau auf dem Leibe trüge. Sie verneinte es, öffnete ihre Taille und zeigte dem Angeklagten, daß ihr Hemd nicht das Monogramm seiner Frau trug. Der Angeklagte soll sie dann zunächst ans Kinn gefaßt und gefragt haben, ob sie denn nicht einsehe, daß sie unrecht habe; sie bejahte cö, worauf der Angeklagte sie fragte, ob er sie mit den»„grünen Wagen" wegbringen laffe»» oder lieber durchprügeln solle.� DaS Mädchen in seiner Angst erklärte, daß er sie dann liebe»: hauen solle und da»» ereignete sich der schmachvolle Vorgang: auf Gicljcii; dcs Angeklagten mußte sich die Tissat bis aufs Hemd entkleiden, um ihn zu überzeugen, daß sie keine Wäsche der Frau trüge. Dabei blieb es aber nicht. Ter Angeklagle verlangte, daß sich das Mädchen auch des Hemdes entledige und sich über einen Sessel legen. Das Mädchen weigerte sich aus Scham, diesem Verlangen nächzukvmmcn. Der Angeklagte streifte ihr aber das Hemd herunter, legte sie dann über den Sessel und schlug sie niit einem kleinen Stock— er behauptet, daß er seine Kinder manchmal damit züchtige— lvicderholt heftig über das Gesäß, so daß das Mädchen vor Schmerzen laut schrie. Dann erst ließ er von der Mißhandlung ab. Das Mädchen hat am nächsten Tage den Sanitätsrat Stolzenberg aufgesucht und dieser bekundete gestern, daß die rechte Seite dcs Gesäßes ganz schtvarzc,'blutunterlaufene Striemen gezeigt habe, auch die linke Seite mit Striemen bedeckt gewesen sei und das Mädchen über starke Schmerzen geklagt habe. Die Tissat sei drei Woche» bcrufsnnfähig gewesen, die Mißhandlung habe für sie iveiter keine schlimmen Folgen gehabt, doch hätten solche ganz wohl eintreten können. Die Bcwcisaiisnahnie ergab, daß der Tissat von Anverwandten des Angeklagten 800 M. geboten worden sind für den Fall, daß sie ans der Sache nichts niache. Der Staats- anwalt beantragt fünf Monat Gefängnis gegen den Angeklagten. Der Verteidiger, Justizrat Kleinholz, behauptete, daß das Mädchen die Prügel s e l b st verlangt habe! Er beantrage Frei- sprechung, cveut. aber Zubilligung mildernder Ilmstände und Geldstrafe. Der Gerichtshof hielt eine Körperverletzung mittels gefährlichen Werk- zcuges für vorliegend, billigte dem Angeklagten aber mildernde Um- stände zu, weil er durch die thatsächlich vorhanden gewesene, durch die Hausgenossen aber stark aufgebauschten Uebelstände in großer Aufregung gcivesen und auch noch unbestraft sei. In, übrigen spreche das ganze Verhalten dcS Angeklagten, der sich nachmittags von dem Mädchen sogar»och einmal die geschlagenen Körperteile habe zeigen lassen, um zu sehen,„ob die Schläge ausreichten", jeder Sitte und Anstand Hohn und könne nicht scharf genug gcbraudmarkt werden. Aus diesem Grunde erkannte der Gerichtshof auf einen Vi o n a t Gefängnis. » Boi» Gifthandcl. Der Droguist G c r e ck e war in erster und zweiter Instanz zu Geldstrafen verurteilt worden, weil er Chlorkali verkauft hatte, ohne im Besitze einer Giftkonzcssion zu sein. G. legte Revision ein und machte geltend, daß nach der kaiserlichen Verordnung vom 27. Januar 1891 Chlorkali zu den für den allgemeinen Handelsverkehr freigegebenen Mitteln ge- höre und er deshalb berechtigt gewesen sei, es ohne Giftkonzcssion zu verkaufen. Das Kammergerickit vcrtvarf jedoch die Revision. Allerdings sei Chlorkali durch jene Verordnung dcs Bundesrates dem allgemeinen Verkehr freigegeben. Als Gift hätte es G. aber trotzdem nicht feilhalten dürfen, wenn er eine besondere Er- lanbuis zum Handel mit Giften nicht besaß. Durch den Z 34 der Reichs- Gewerbe-Ordnung sei eS den Landes gesctzgcbnngen freigestellt worden, Beschränkungen bezüglich des Gifthandcls anzu- ordnen. Es bestehe darum der Z 49 der alten preußischen Gewerbe-Ordnung noch zu Recht, der den Handel mit Giften von einer besonderen Erlaubnis abhängig mache. Eingegangene Drnlkschriften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 12. Heft des 18. Jahrganges erschienen. Aus dein Inhalt heben wir hervor: Lieber und Miguel.— Zur Theorie des Arbeitswerts. Von Eduard Bern- stein.— Zwei Kritiker meiner„Agrarfrage". Von K.Kautsky.(Schluß.)— Die Äommunalpolitik der belgischen Socialdemokratie seit 1896 und die Gciucinderatswahlen vom lö. Oktober 1899. Von Dr. Emil Viuck.— Ge- sundheitsverhältnissc der Solinger Metallschleiser. Bon Dr. S. Rosenfeld. — Litte, arische Rundschau: Bcrndt, Paul, Die Arbeitslosigkeit, ihre Bc- kämpfung und Statistik. Georg Schneider, Die finanziellen Beziehungen der storeiitinischcn Bankiers von 1285 bis 1301.— Notizen: Neue Feldfrucht. Von Herm. Holm. Die Tocialistischen Monatshefte(Administration Berlin W., Glcditschstr. 23) haben soeben ihr Dczeuiber-Heft erscheinen lassen. Dasselbe enthält eine Umfrage über die Ergebnisse des H a ii n ö v c r s ch c n Parteitages mit 35 Antworten, u. a. von: D. Leo ArmiS, Belfort- Bax, Ed. Bernstein, Hjalmar Branting, Dr. E. David, Prof. Hector Denis, A. v. Elm, Prof. G. Ferraro, K. Frohnie. Dr. L. Gumplowicz, A, Hoscr, P. Kanipfsmcyer, Dr. B. KritschewSki, F. Kuncrt, Otto Laug, Wilh. Liebkuccht, S. Merlino, H. Pens, Br. Pörsch, Pros. Elisee Rcclus, Conrad Schmidt, Robert Schmidt, Bernhard Shaw, H. Ströbel, Dr. A. Südekum u. a. m.— Aus dem sonstigen Inhalt heben wir hervor: Dr. S. Winter: Der Brünner Parteitag der östrcichiichen Socinidemo- kratie.— Dr. Franz O p v e n h e i in e r: Zum lcktenmalc Herr Dr. Franz Stahl.— Dr. Franz Stahl: Zum letzieiimale auch Herr Dr. Franz Oppeiiheimer.— Emil R v ich: Zur Resorm dcs Strasprozesscs. Noch ein Nachwort zum Harmloscn-Prozeß.— R u n d s ch a u: Die Kanone als Jnduprichcbel.— Äants Kritik der reinen Bernmift.— The Sooial- Domocrat.— Zola in Oestreich. Der Preis des elegant ausgestatteten Heftes beträgt 50 Pf.•, uro Quartal 1,50 M. Zu beziehen durch alle Biichhandliingen. Postanstalten und Kolporteure, sowie direkt vom Verlag Berlin W., Gleditschstr. 23. Briefkasten der Redaktion. Die juristische Sprechstunde findet Freitag von3. Diese Pflicht hat der Steuercrheber leider erst vom l. Januar Einstmich wäre aliv erfolglos. 5. Ihre Schwiegermutter scheint Anspruch auf Aliersrente zu haben, bezieht dieselbe jedoch nicht, wenn fie Invalidenrente bezieht nnd diese hoher als die Altersrente ist. Sprechen Sie mit de» Papieren gelegentlich in der Sprechsnmde vor.— B. F. Zlnerbach Vogt. I. Ja. 2. Nein, Ilagen Sie den nicht gezahlten Teil Jbres Lohnes ein. — G. H. 100. Ihre Frage ist ohne Mitteilitiig, wo die Fron verstorben ist nnd wo ihr letzter Wohnsitz war, nicht zu beantworte». Sprechen Sie gelegentlich in der Sprcchstnnde vor oder wiederholen Sie Ihre Anfrage und ergänzen dieselbe.— W. G. Lehrlinge sind wie Gewerbcgehilfen nur dann krankenversicherungspflichüg, wen» Sic gegen Lohn oder Gehalt beschäftigt werden, also nicht, wenn sie nichts erhalten, vielmehr noch zuzu- zahlen haben.— tt1S4ö. Eine solche Sammlung existiert nicht. — Rotkehlchen 1900 und C. E. 66. Die Bestimmungeii des alten Mietsvertragcs gelte» auch über de» 1. Januar 1900 hinaus.— G. G. 30 und C'. B. 40. Es ist nicht erfindlich, wodurch— etwa durch Notiz irgend eines Reklame- oder Lokal-Anzeigers?-- die auch von anderer Seite nns gegenüber wiederholt ausgesprochene irrige Anficht hat entstehen könilen, daß vom 1. Januar ab infolge dcs Bürgerliche» Gesetzbuchs Frauen nicht mehr in Fabriken arbeiten dürfen. Diese Ansicht ist völlig hinfällig. Das Bürgerliche Gesetzbuch trifft keinerlei Bestimmmigen nach der an- geführten Richtung hin,'stellt vielmehr die Frauen selbständiger als zuvor. — W. Zl. 333. Erheben Sic Widerspruch gegen die Leistung des Offen- barungseides und legen dar, wann, in welcher Sache und bei welchem Gerichr Sie den Eid bereits geleistet haben. Dann wird das Begehr des Klägers abgewiesen. Sie müffen diesen Widerspruch erheben. N a ch dem 1. Januar kann der Gläubiger auf Grund der neuen Civil- Prozeß- ordilltngs-Novelle den Eid abermals verlangen tl»d aus Wicderholinig von 5 zii 5 Jahren antragen.— M. R. Ss 1. Ja. 2. Das ist entschiedeii. 3. Die Polizei hat den Betrieb feuergefährlicher oder sonst polizeiwidrig an- gelegter Werkstätten zu initersagen.—<5. M., Manteusfclstrasie. Ja. — 31. H. Sie können mir durch einen vor dem Amtsgericht zu schließenden Verlrag Ihre Sachen gültig Ihrer Frau scheilken. Nene Friedrichsir. 13 befindet sich das Amtsgericht. 5. Solcher Schenlungsvertrag ist den Gläubigern gegenüber, die durch ihn benachteiligt werden, ungültig. Güllig bleibt ein Vertrag, durch den Sie lediglich das Eigentum Ihrer Frau als bereu Eigciitmil aiierlenneu. Das Eigentum Ihrer Frau haftet für Ihre Schiildcii nicht.— 3l. S. 63. Das Bürgcrrcchtsgcld ist zu unrecht von Ihnen erfordert. Legen Sie gegen die Zablunasauffordcning Beschwerde ein nnd legen Sie in Ihrer Beschwerde dar, daß Sie nicht Preuße, sonder» nur Badenser find.— W. Sch. 1000. Nein.— M. M. 1. und 2. Ja. — E. P. 37. Zwischen 20 und 200 M. werde» für angemeffen erachtet. Welcher dieser Sätze in Ihrem Fall zutrifft, hat eventuell ei» ärztlicher Sachverständiger zu begutachten.— H. Sch. ÄS. Sie würden mit Ihrem Anspruch nicht dlirchdringen.— 100 Vancr. 1. Stehendes Heer. 2. Nein. — G. F. Stellen Sie einen dahingehenden Antrag beim Amtsgerickit. Derselbe kann aber abgelehnt werden.— Mariendorscr Weg. Das ist verschieden, je nach dem Staate, in dem die Loriiinndschast geführt wird und ob es sich um die Zeit vor oder nach dem 1. Januar 1900 handelt. Wiederholen Sie eventuell Ihre Anfragen unter Vervollständigung nach den angegebenen Nichtungen hin.— M. N. Leider hätte eine Klage kauui Aussicht ani Erfolg. Allenfalls kann die Schnloerwaltung hastbar gemacht werden.— H. K. 300. Wegen eines erheblichen Fehlers: ja, sonst: nein. Soeben gelangt zur Ausgabe: e Preis; 10 Pf. im Eiiizelverkanf, Pcirtiepreis 3 Pf. Forniat und AnSstattnng wie die Maizeitung: Ein prächtiges Titelbild(Chronos ebnet der ciefesselten Freiheit den Weg znin Zieles und ein Dopvelbild(Triumph dcS Friedens über den Militarismus) bilden den künstlerischeil Schmuck. Der Inhalt soll den Agitationözwrrkc» dienen und gicbt ein Bild der Entlvicklnng von der Bastille bis zum Zuchthausgesetz, über die politische Beiveginig, die Arbeiterbelvegniig, die Frauenbeivegnng im 19. Jahrhundert, nnd ein schwungvolles Leitgedicht von Lavant cröffiict den hoffnungsreichen Ausblick auf die Ziikiinft. Zahlreichen Bestellungen sieht entgegen Buchhandlung Vorwärts. Uiir de» Inhalt der Inserate «bernimuit die Redaktion de», Publikum gegenüber keinerlei Beranliiiorliing. Mljrnkvv. Dienstag, 19. D e z e in b e r. Opernhaus. Carmen. Alis. 7»/, Uhr. Schauspielhaus. Ans der Sonnen- feite. Anfang 7V2 Uhr. Deutsches. Der Biberpelz. An- fang 7r/z Uhr. Lessing. Die Ehre. Anfang 7V2 Uhr Berliner. Das verlorene Paradies. Anfang 7»/, Uhr. Schiller. Das Käthchen von Heil- bronn. Anfang 8 Hör. Neues. Ein iinbcschricbcncS Blatt. Anfang 71/, Uhr. Westen. Die Perlenfischer. Anfang 7V2 Uhr. Thalia. Der Platzmajor. Ansang 7V2 Uhr. Nesideuz. Busch und Reicheubach. Vorher: Die Richtige. Ansang 7,/, Uhr. Luisen. Kurbad Centrum. Anfang 8 Uhr. Central. Die Geisha. Anfang ?>/, Uhr. Carl Weih. Der Weltiintergaiig Anfang 8 Uhr. Friedrich- Wilhelnistädtisches. Radlersieg. Anfang 8 Uhr. Bictoria. Die Venns van der Markt Halle. Ansang 8 Uhr. Belle- Zllliance. Gastspiel dcs Schlierseer Bauern- Theaters Slkinenrausch und Edelweiß. An sang 8 Uhr. Metropol. Spccialitäten- Vor stellung. Rund um Berlin. An fang 8 Uhr. hlpollo. Specialttäte»- Vorstellmig Im Reiche des Judra. Anfang 7V, Uhr. Relchohalle». Stettiner Sänger Anfang 8 Uhr. Palast. Leute von heute. Special! täten-Vorstellung. Ans. 8 Uhr. Passage- Panoplsknui. Speeialt täteii-VorsteNiiug. Urania. Jnvaltdenslr. 37/02. Täglich abends von 5—10 Uhr: Sternwarte. Taubcnstr. 48/43. In, Theater: Transvaal. Vorher: Der dunkle Erdteil. Ansang 8 Uhr. Erntvol Tlzentev Direktion: 3o»s ferenczy. Abends VjS Uhr: Dir 0(3 v i I) a. Operette in 3 Akten v. Sidncy Jones Morgen u. folgende Tage: Dieselbe Vorstellung. Sonntag, 24. Dczbr.(Heiliger Abend), — nachinittngs 3 Uhr:— l>ic GcIhIiii. Abends findet keine Vorstellung statt. l'dalia-'nikAter. Tel. AmtlVa 6440. Drosdenerslr. 72/73. Kur noch 4 Aufkllhrungen! Der Platz major. Thonia», Thielscher, Helmerding, Junkermann. Anfang 7Vj Uhr. Morgen, drittletzte Aiistühnnig: Ter Platzmajor. Sonnabend, den 23. Dez., ab. 71/, Uhr: Zniii 1. Male: Im Mmelhof. Große Aiisstattnngspofse mit Gesang »nd Tanz in 3 Alte» von Jean Kren u. Alfred Schönscld. Musik v. Kapell- mcistcr Mar Schmidt. Schilltr-Thtliter (Walluer-Theater). Dienstag, abends 8 Uhr: Da« Kttthchen von Hellbvonn. Gr. historisches Ritter-Schauspiel in 5 Akten von Heinrich von Kleist. Mittwoch, abends 8 Uhr: Cz'pK'lcnne. Donnerstag, abends 8 Uhr: Das Käthchen von lleilbronn. 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Bürgermeister Matting sucht alle neu aufgestellten Vchauptnngeu zu entkräften bczw. zu widerlegen. Der Angeklagte Gehlsen erklärt, dag alle die Miststände, die er jetzt beweisen wolle, schon jahrelang von ihm in seiner.Laterne" besprochen und in abfälliger Weise bc- leuchtet worden seien, ohne daß der Charlottenburger Viagistrat Vcran- lassung genommen habe, wegen Beleidigung gegen ihn vorzugehen. Alle diese Dinge znsaumrengefastt, sollten ja' gerade den$u- stand der Korruption kennzeichnen. Der Gerichtshof lehnte sämtliche Anträge des Verteidigers Dr. Werthaner ab. Staatsanwalt Schäffer wandte sich in seinem Plaidoycr zunächst gegen den Angeklagten Fischer: Der Beweis dafür, dast Fischer gegenüber dem Bricscmeistcr den Stadtsekretär Kuhlow der Bestechlichkeit beschuldigt habe, müsse als erbracht, der dafür angetretene Wahrheitsbeweis dagegen als verfehlt angesehen werden. Bei der bisherigen Un- bescholtenheit Fischers beantrage er gegen denselben eine Geldstrafe von 75 M. Was den Llngeklagtcn Gehlsen betreffe, so habe er die unwahre, beleidigende Behauptung über Kuhlow veröffentlicht. Aller- dings sei ja erwiesen, dast Kuhlow in den letzten 10 Jahren 15— 20 000 M. durch Grundstücks Vermittlungen verdient habe, aber es sei nicht erwiesen, dast derselbe mit seiner Amtspflicht in Widerspruch gerate» sei. Bedauerlich sei es ja, dast Kuhlow sich überhaupt mit einer Nebenbeschäftigung bcfastt habe, er hätte auch den Schein vcr- meiden müssen, denn man sehe daraus, wie dadurch der Vcrlenm- dung Thür und Thor geöffnet werde. Auch der kleine Nebenverdienst bei Einziehung der Scrvisgelder möge als nicht korrekt bezeichnet werden, als strafbar könne es aber nicht bezeichnet werden. Wenn Kuhlow sich schlicstlich mit Erfolg um eine Schul- Freistelle für einen seiner Söhne beworben habe, so müsse berücksichtigt werden, dast derselbe sich zu damaliger Zeit nicht in so guter Vermögenslage befunden habe, wie jetzt. Auch die beiden anderen beanstandeten Artikel seien zweifellos schwer beleidigender Natur. Der Staatsanwalt beantragte gegen Gehlsen für alle drei Fälle der Beleidigung eine Gesamtstrafe von 4 Monaten Ge- fängnis sowie Publikationsbefuguis für die Beteiligten. Bürgermeister Matting als Nebenkläger erklärte, dast es dem Magistrat von Charlottcnburg nicht darauf ankomme, ob und ivie hoch Gehlsen bestraft werde, sondern es solle nur durch den Prozest Slufklärung über die Zustände in der Charlottenburger Stadtverwaltung geschaffen werden. Dies sei geschehen, und was auch gegen den Stadtsckrctär Kuhlow vorgebracht worden sei, der Stadtverwaltung im allgemeinen könne ein Vorwurf nicht gemacht werden. Die Verteidigung. Rechtsanwalt W r o n k e r, als Verteidiger des Angeklagten Fischer, suchte darzutun, dast immerhin die beanstandete Aeusterung von Briesemeister falsch verstanden worden sei. Werde diese Möglich- keit angenommen, so sei ein freisprechendes Urteil geboten. Rechtsanwalt W c r t h a n e r, der erste Verteidiger Gehlscns, erklärte, daß ein Wahrheitsbeweis nicht gelingen könnte, wenn dein Angeklagten seine dahin gehenden Anträge abgelehnt würden. Gegen Herrn Kuhlow sei denn doch wahrlich zur Genüge erwiesen worden und dessen Verhalten, ivie es seitens des Staatsanwalts geschehen sei, einfach als„Taktlosigkeit und Unvornehmhcit" zu bezeichne», sei doch wohl nicht angängig und in seinem Innern sei Herr Kuhlow hierüber wohl selbst nicht einer so milden Auffassung. Der Verteidiger führte aus, dast die beiden letzten Artikel sich nicht gegen die gesamte Stadtverwaltung, sondern ebenfalls nur gegen Herrn Kuhlow richten sollen. Der Verteidiger meint nicht, dast Bürgermeister Matting Grund habe, so sehr mit dem Ergebnisse der Verhandlung zufrieden zu sein, wie er behaupte. Er schloß mit dem Antrage auf Freisprechung. Auch der zweite Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. L ö w e n st e i n, plädierte ebenfalls auf Freisprechung. Bürgermeister Matting erklärt noch, daß es ihm ein leichtes gewesen fein würde, alle Vor- würfe, welche in den neuen Llnträgen der Verteidiger wider den Charlottenburger Magistrat erhoben würden(übermäßiger Gas- verbrauch in den Bureaus, Gewährung einer Remuneration usw.) zu Widerlegen, wenn der Beiveis darüber erhoben worden wäre. Gerichtsbeschluß. Nachdem Gehisen noch selbst eine längere Verteidigungsrede ge- halten, zieht sich der Gerichtshof zur Berätung zurück. Der Gerichts- Hof beschloß nach einstündiger Beratung, die Urteilsverlündigung bis heute. Dienstag, vormittags O'/a Uhr, auszusetzen. MommunÄl-es. Prüfung der Stadtverordncteu-Wahlcn. Aus dem Rathause wird berichtet: Die Prüfung der letzten Stadtverordneten-Wahlen ist von dem Wahlprüfungs- Ausschuß der Stadtverordneten- Versammlung in voriger Woche vorgenommen worden. Proteste waren eingegangen gegen die Wahlen der Herren Uli st ein, Wien- st r u ck und Runge. Gegen die Gültigkeit der Wahl des Stadtv. Ullstein wurde eingewendet, daß die Feststellung des Wahlrcsultats des ersten Teiles der Wahlliste nicht durch Verlesung der abgegebenen Stimmenziffern, vielmehr dergestalt geschah, daß der Listenführer lediglich die von ihm ermittelten Stimmenziffern bekannt gegeben hat,' daß ferner eine große Anzahl Wähler, etwa 40 bis 50, ohne genügende Legitimation versehen, zur Wahl zugelassen ivorden. Lediglich gegen Vorzeigung von Visitenkarten, adressierten Brief- Umschlägen, lowie Frachtbriefen, hätten diese Personen ihr Wahlrecht ausgeübt. Der Ausschuß hat diesen Protest einstimmig für un- begründet erklärt, da eine Verlesung der ermittelten Stimmen nicht vorgeschrieben und die Prüfung der Legitimation Sache des Wahlvorstandes sei. Ebenso wurde der Protest gegen die Wahl des Herrn Wicnstrnck verworfen; der Protest machte geltend, daß die Häuser Lützowstr. 53—57 in der Wählerliste fehlten. Dies stellte sich als richtig heraus, es wurde aber festgestellt, daß kein Wähler der betreffenden Abteilung in jenen Häusern wohnt. Einstimmig für ungültig erklärt wurde die Wahl des Herrn Runge, der, wie wir seiner Zeit mitteilten, noch nicht ein Jahr lang in Berlin ivohnt. Zu längeren Diskussionen veranlaßte schließlich die Walhl des Gewerk- schaftssckretärS M i l l a r g, der als Hausbesitzer gewählt worden ist. Ob die Wahl von Millarg gültig ist, will der Ausschutz erst in einer 'weiten Sitzung entscheiden. Tolmles. Der WeihnachtSinarkt steht bei den Berlinern in dem Ruf, schlechtes Wetter zu bringen.„Wenn der Weihnachtsmarkt anfängt, dann giebt's Matsch," das ist eine feststehende Meinung, gegen die weder Falb noch sonst ein Wctterkundigcr etwaS ausrichten kann. In diesem Jahre schien es einmal anders kommen zu sollen. Als die ersten Buden aufgeschlagen wurden, da begann ein F r o st- Wetter, an dem selbst der unzufriedenste Weihnachtsmarkt- Händler seine Freude haben mußte. Die starken S ch n e e f äl l e, die sich gleichzeitig einstellten, konnten nur zur Erhöhung der Weihnachts- stimmung beitragen. Slbcr schließlich haben die Propheten, die auch dem diesjährige» Weihnachtsmarkt schlechtes Wetter in Aussicht stellten, doch noch recht behalten. Das Thauwetter, das auf die Schneefälle gefolgt ist, hat dem Weihnachtsmarkt nun doch noch seinen„Matsch" gebracht und damit so manche schöne Hoffnuug vernichtet. Das ist um so bedauerlicher, da es jetzt ohnedies nicht mehr viel auf de in Weihnachtsmarkt zu verdienen giebt. Seit er von dem Schloßplatz und dem Lustgarten in die Außenbezirke verbannt wurde, ist es mit seiner Blüte vorbei. Jene Maßregel ivurde, ivie mau sagt, aus Rücksicht auf den Verkehr getroffen, dem der Weihnachtsmarkt an seiner alten Stelle hindcr- lich gewesen sei. Die Rücksicht auf die Nähe des Schlosses dürfte aber dabei nicht iveuiger— und wahrscheinlich sogar noch mehr— maßgebend gewesen sein. Auch die„fliege n' de n" Händler mit Weihnachts- artikeln sind scitdem ans der Nähe des Schlosses verschwunden. Sie sind nicht alle dem Weihnachtsmarkt an die entlegenen Stätten gefolgt, die ihm in den Außenbezirken angewiesen wurden. Sie haben sich, wie es ja die einfache Art ihres Geschäftsbetriebes gestattet, mehr über die ganze Stadt zerstreut und bilden nun. wenn inan so sagen darf, den„fliegenden" Weihnachtsmarkt. So sieht mau denn auch im Inneren der Stadt, in den von« Verkehr mehr berührten Straßen, nach ivie vor noch ganze Scharen von Händlern, für die das Weihnachtsgeschäft die letzte Hoffnung für den Winter bildet. Es versteht sich von selbst, daß auch die Kinder nicht unter diesen Händlern fehlen; so will es unsere herrliche Gesell- schaftsordnung. Sie sind sogar in der Mehrzahl. Aber auch mancher kräftige Mann ist darnnter, mancher Handwerker und Arbeiter, der eine angemessene Beschäftigung übemehmen würde, wenn er sie um diese Jahreszeit finden könnte. Wenn maii jetzt so des Abends durch die Straßen geht und sich den Weihnachtstrnbel ansieht, dann fällt einem sofort dieses Eine auf: Diese Händler sind alle ganz außerordentlich vergnügt! Sie bieten ihren Lirnnr mit einem Humur aus und zeigen dabei eine Fröhlichkeit, als hätten sie niemals int Leben die Sorge gekannt, lind die anderen, die ihren festen Stand auf dein Weihnachtsmarkt haben, machen es vielfach ebenso. Wer sich recht von Herzen amüsieren will, der mutz diesen Händlern zuschauen und zuhören; da kann er sich einmal ordentlich satt lachen— ivemt er nämlich gedankenlos genug ist, den Schein für Wahrheit zu nehmen. Denn das meiste von dein fröhlichen Witz und der ausgelassenen Heiterkeit, die die Händler auf der Zunge und dem Antlitz tragen, ist wirklich weiter nichts als Schein. Wer ihnen hineinschauen könnte in das Herz, der würde bald merken, daß es bei manchem da drinnen ganz anders aussieht. Er würde erschrecken über den Grimm, der diesen Manu hier packt, wenn er seine mit Scherzen und Kalauern aller Art gewürzte Ansprache wieder einmal herunter- geleiert hat, ohne daß er dadurch auch nur einen der ihn umgebenden Gaffer zum Kauf veranlassen konnte,— über das Weh, das jene Frau da durchzuckt, ivcnn sie ihre Ware zum hundertstcnmal in derselben Minute mit Ivenigcn bescheidenen Worten angepriesen hat und das Publikum einer nach dein anderen ivie taub an ihr vorübcreilt. Ach ja, wer unter so vielen gesehen und gehört werden will, der bedarf der stärksten Mittel, die nur je ein reklamekundiger Kopf zu ersinnen vermag. Nnvcrgeßlich wird dem Schreiber dieser Zeilen ein Auftritt sein, den er vor Jahren im Lustgarten erlebte, als dem Weihnachtsmarkt an dieser Stelle schon sein letztes Stündchen angesagt war. Hier stand eines Abends ein„fliegender" Händler, ein Mann, dem man ansah, daß er sich schon im letzten Stadium der Schwindsucht befand. Er handelte mit Radauflöten. Ein prächtiges Instrument. die Radauflöte— so recht geschaffen für Leute, die einmal lustig sein wollen I Für einen' Schwindsüchtigen paßt sie zwar nicht ganz, aber was hilft's? Auch ein Schivindsüchtiger will leben, so lange es noch geht. Und so blies denn unser Mann, um Käufer' anznkocken, aus Leibeskräften aus einer seiner Radauflöten, als mache ihm die Sache unbändigen Spaß. Aber die Leute gingen an ihm vorüber und kauften nicht. Als ich vor 10 Uhr zum zweitenmal durch den Lustgarten kam, stand der Mann noch da— oder nein! er stand nicht, sondern er sprang umher, wie ein ausgelassenes Kind, und drehte sich um sich selbst, wie ein Kreisel, und blies auf seiner Radauflöte, als sei er besessen. Aber nun standen die Leute um ihn herum, und sie bogen sich fast vor Lachen— und kauften. Und je mehr sie kauften, desto toller benahm sich der Mann. Ein einziges Wesen blieb ernst und traurig bei dieser Scene, die jedem anderen so un- sagbar komisch vorkommen mußte: eine Frau, die neben ihm stand init einem Gesicht, als sei ihr das Weinen näher als das Lachen— seine Frau I Der Mann geberdete sich zuletzt ivie ein Blöd- sinniger— da war er seine Ware los! Auseinander stoben die Lacher, und auch der Händler ging nach Hause. Aber>v i e ging er! Ich sah es; denn ich hatte denselben Weg und ging hinter ihm. Er knickte mit einem Male vollständig zusammen.' Geführt von seiner still weinenden Frau, unaufhörlich hustend und ächzend, so wankte der Radauflötcnhändler seiner in einer Vorstadtstratze gelegenen Wohnung zu. Der Mann dürfte keinen zlveiten Weihnachtsmarkt mehr erlebt haben! Seit jenem Abend habe ich über lustige Radauflötenhändler und ähnliche Leute meine eigenen Gedanken.— Die Stadt baut eine Straßenbahnlinie. Dem Grundbesitzer- Verein„Nord-Ost" ist, wie dessen Vorsitzender Rechtsanwalt Galland mitteilt, auf die Petition des Vereins wegen Ausführung der seit langer Zeit projektierten großen Ringbahnlinie von der städtischen Ver'kehrsdeputation ein Bescheid dahin zugegangen,„daß die ge- wünschte Straßenbahn-Verblndung vom städtischen Viehhof nach dem Oranienburger Thor sich auch o' h n e Mitwirkung der Großen Ber- liner Straßenbahn herstellen läßt und vorbehaltlich der Zustimmung der Gemeindebehörden, welche in kurzer Zeit eingeholt werden soll, als eine städtische ausgebaut werden soll." Gedeckte Wandelhallen auf Schulhöfeu hat jetzt Leopolds- hall in Anhalt. Die Höfe sind zum Teil, ungefähr bis zu einem Drittel, überdacht ivorden, damit die Kinder auch bei ungünstiger Witterung in den Pausen auf dem Hofe verweilen können. In Berlin kennt man eine solche Einrichtung bisher weder bei den Gemeindeschulen, noch bei den höheren Lehranstalten. Die höheren Anstalten haben fast ausnahmslos wenigstens hinreichend breite Korridore und zum Teil auch noch geräumige Vorhallen, so daß hier den Schülern bei schlechtem Wetter gleichfalls eine Art Wandelhalle zur Verfügung steht. In den G e m e i n d e s ch u I e n dagegen sind die Korridore in der Regel weniger breit, aber die Klassen desto größer, so daß von einer allgemeinen Benutzung der Korridore als Wandelhallen hier nicht die Rede sein kann. Der Ge- danke, einen Teil des Schulhofcs durch Ueberdachung zu einer offenen Wandelhalle zu machen, Iväre in Berlin beinahe einmal zur Aus- führung gekommen. Für die Victoriaschule, eine städtische höhere Töchterschule, mit deren Bau 1865 begonnen wurde, war im ur- sprünglichen Bauplan eine solche Halle vorgesehen. Es mußte aber hinterher darauf verzichtet werden, weil das Terrain zu einem bald notwendig gewordenen Erweiterungsbau der Schule gebraucht wurde. Es versteht sich übrigens von selbst, daß die Errichtung von Wandelhallen eine gewisse Geräumigkeit der Schulhöfe zur Voraus- setzung hat. Wnffcrkalamität im Osten und Südosten. Eine unangenehme Ueberraschung ist Sonntag einigen Bewohnern des Südostens und Ostens unserer Stadt zu teil gelvorden, und gar viele Familien sind dadurch um ihr Mittagessen oder ihren Nachmittagskaffee gekommen. Seit Sonntagmittag schmeckte das Leitungswasser� in diesen Stadtteilen so abscheulich, daß es unmöglich war, es in gekochtem oder ungekochtem Zustande zu genießen. Namentlich stark trat der eigenartige Geruch und Geschmack in den Wasserleitungen der Prinzen- und Dre'sdenerstraße, des Louisen-Ufcrs, der östlichen Ritter- und Reichenbergerstraße hervor, die sämtlich aus den städtischen Wasser- werken am Müggelsee gespeist werden. Zumeist hatte das Wasser einen karbolartigen oder salzsäurehaltigen Beigeschmack, und auf den Polizeirevieren dieser Stadtteile liefen fortgesetzt Klagen ein. Leider war es nicht möglich, Abhilfe zu schaffen. Die Bureaus der Wasser- werke waren geschlossen, so daß Auskunft über den eigenartigen Vorgang nicht zu erlangen war. Die totale Mondfinsternis in der Nacht zum Sonntag war der trüben Witterung wegen für Berlin gänzlich unsichtbar. Trotz- dem waren Bcobachtungslustige in Scharen zur Treptower Stent- warte gekommen, um dort ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Die Erschienenen mußten aber bald wieder unverrichtcter Sache heim- kehren. Eine ganze Anzahl von Bürgermeister« hat, wie die offizielle „Berl. Korrefp." meldet, die landesherrliche Bestätigung erhalten. So Oberbürgermeister Schüller in Koblenz auf fernere zwölf Jahre, ebenso Bürgermeister Engel in Neustadt(Oberschl.), der von jetzt an den Titel„Oberbürgermeister" führt, so der neugewählte Bürger- meister Oehler in Halberstadt, Bürgermeister Plum in Siegburg und Oberbürgermeister Funck in Elberfeld. Der Name, den die Berliner suchen, ist nicht dabei. Uns kann es recht sein. Die Coaksvorräte der Gasanstalte» sind in der letzten Zeit stark zusamineugeschmolzen, weil die Steigerung der Feuerungspreise und der plötzliche Eintritt strengen Frostes mit einem Male einen bedeutenden Andrang von Käufern bewirkt haben. In Scharen kommen sie heran, Männer. Frauen und Kinder, mit Wagen aller Art, die großen Abnehmer mit Kohlen-, Gemüse- und Möbelwagen. die kleinen mit Hunde- und Handwagen, die ganz kleinen mit Schiebe- karren und Kinderwagen, mit Schlitten und Schleifen, ja selbst mit Wägelchen, die sonst als Kinderspielzeug dienen. Auf den Höfen der Gasanstalten herrscht ein Gewimmel, wie es hier seit Jahren nicht mehr gesehen wurde. Ucberschwemmungen infolge des Frostes wurden vorgestern aus verschiedenen Stadtteilen gemeldet. An der Stadtbahn 6 neben dem Polizeipräsidium waren früh um 8 Uhr die Wohnungen im ersten bis zum dritten Stockwerk überschwemmt. Besonders dieses Stockwerk, wo die Wasserleitung gebrochen Ivar, hat stark gelitten. Auch das Prinzessinnenpalais am Opernhausplatz wurde nachmittags um 5 Uhr überschivcmmt. Tapezierer- Zwangs- Innung. Die Liste über die erfolgte Abstimmung, betreffend die Errichtung einer Zwangsinnung für das Tapeziererhandwerk im Bezirke der Stadtgeineinde Berlin, liegt bis zum 28. Dezember d. I. an den Wochentagen von 10 bis 12 Uhr in den Diensträtimeit der Gelverbedeputation des Magistrats, Stralauer- straße 3—6, Zimmer 35, zur Einsicht und Erhebung etwaiger Ein- fprüche der Beteiligten öffentlich aus. Die 20. Unfallstation und zwar für den Stadtteil Gesund- brunnen ist am 17. d. Mts. Badstr. 67 auf dem Grundstück der Grcgoryschcn Brauerei eröffnet worden. Die Station wird durch Herrn Dr. Ludivig Opet geleitet. Besondere Einrichtungen sind auch in dieser Station für die Aufnahme von bewußtlosen Personen vor- gesehen worden. Die Sprcetnnnel-Bahn und die Straßenbahn zum Schlesischen Bahnhof ivurde gcstcrit morgen programmgemäß für den öffeiit- lichcn Verkehr eröffnet. Nachdem schon 5 Uhr 37 Minuten der erste Wagen vom Depot in Stralau nach dem Schlesischen Bahnhof ge- fahren lvar, fuhr um 6 Uhr 12 Minuten der erste öffentliche Wagen von Stralau durch den Tunnel»ach Treptolv. Schon in den Morgenstunden war die Bahn das Ziel zahlreicher Neugieriger, die nach Treptolv und zurück fuhren. Eine Fahrt auf der neuen Bahn gehört mn so mehr zu den Annehmlichkeiten, als alle Wagen gut geheizt find. Zu erreichen ist die Linie am beste» mit der Stadt- bahn: der Endpunkt in Berlin befindet sich an der Südseite des Schlesischen Bahnhofs. Die Eisenbahnstrecke Berlin— München soll fortan in 11 Stunden durchfahren werden. Bisher gebrauchte der Schnellzug 14 Stunden. Nunmehr wird der Oberbau der Strecke in Bayern der- art verstärkt, daß er den vom Sommer nächsten Jahres ab fahren- den schweren Zug tragen kann. Mit dem„filbernen" Senntag sind die Berliner Geschäfts- lente im allgemeinen zufrieden gewesen, wenn auch die von manchem erwartete Steigerung des Geschäfts gegenüber des„kupfernen" Sonn- tags vielfach nicht eingetreten ist. Das nasse, unfreundliche Wetter hielt doch viele Käufer zurück. Bom Tanz in den Tod gegangen ist in der Nacht zum Montag der 39 Jahre alte Gaslivtrt Karl Handle, der Stamm- wirt der„Ziehbrüder". Handle betrieb seit 9Va Jahren in der Simeon-Straße 3 eine Gastwirtschaft, in der besonders Arbeiter, die bei Umzügen thätig zu sein pflegen, viel verkehrten. Die Wirtschaft war daher auch als„Umzugsbörfe" bekannt. Sonntagabend besuchte Handle einen Kollegen in der Nachbarschaft, lvar ganz heiter und erfreute sich am Tanze. Nachdem er um 11�/4 Uhr nach Hause gekommen war. saß er noch ein Weilchen am Tische. Dann stand er plötzlich auf und ging hinaus. Als seine Frau sich bald darauf nichts ahnend nach ihm umsah, fand sie ihn in der Küche als Leiche wieder: er hatte sich erhängt. Ucber die Veranlassung zum Selbst- morde hat der Mann auch nicht eine Andeutung gemacht. Man vermutet jedoch, daß es geschäftliche Sorgen sind. Der in Wien verhaftete Juwclcnschwindlcr, Koch Georg Bolle aus Berlin ist, wie jetzt weiter bekannt wird, vor einiger Zeit aus der Irrenanstalt zu Herzberge bei Berlin entsprungen und hat sich dann sofort nach der östretchischen Hauptstadt begeben. Bei feiner Festnahme hatte Bolle weder Barmittel noch irgend welche Ausweispapiere bet sich. Er wurde zunächst zur Beobachtung seines Geisteszustandes der psychiatrischen Klinik in Wien zugeführt. In große Lebensgefahr geriet gestern abend um 9 Uhr ein sechsjähriges Kind in der Forsterstr. 9. Das Kind war in Abwesett- hcit der Eltern aus einem Fenster des fünften Stockwerks geklettert und hatte sich unbeachtet auf ein Fenstergefims des vierten Stock- werks verstiegen. Das Kind konnte nicht rück- noch vorwärts, als es von Hausbewohnern bemerkt lvurde. Diese konnten das Kind nicht gleich aus seiner üblen Lage befreien und benachrichtigten des- halb die Feuerwehr..ES kamen mehrere Sappeure, die das Kind mittels einer Fangleine befestigten und dann in ein Fenster hinein- zogen. Einen großen Auflauf versuchte gestern, Montagnachmittag um 43,4 Uhr ein Unfall am Roscnthaler Thor. Hier wurde der Hausdiener Anton Hoppe aus der Mulackstr. 27, als er den Fahr- dämm überschreiten wollte, von einem Geschäftswagen überfahren. Entgegen den Befürchtungen des Publikums kam er, wie sich auf der Rettungswache III in der Kastanien-Allee herausstellte, mit un- gefährlichen Verletzungen an der Stirn, am Halse und am Rücken davon. Durch einen Fehltritt von der Bordschwelle verunglückte gestern nachmittag die 74 Jahre alte Witwe Mathilde Kurzemann aus der Lottumstratze 14. Die Greisin zog sich eine schwere Ver- letzung des Nasenbeines zu und mußte die Hilfe der Retftings- wache III in Slnspruch nehmen. Bei der Arbeit verunglückten gestern nachmittag der Tischler Marti» Jdzokowski aus der Griebenowstraße 1 und der Schriftsetzer Jakob Steinfeld aus der Chorinerstraße 81. Jener schlug sich durch einen Aehlhieb den Daumen der linlen Hand fast ab, diesem fiel eine Eisenplatte auf die rechte Hand und zerschmetterte ihm drei Finger. Die Verunglückten erhielten auf der Nettungsumche III die eiste Hilfe. Eine Gasexplosion erfolgte Montagnachmittag 4 Uhr in der Friedrichstr. S9 in der Küche des NestanranlS„Nothcnlmrgcr Krug". �Hier war schon feit Sonnabend ein leichter Gasgeruch beobachtet lvorden, doch liest sich nirgend eine schadhafte Stelle am Gasrohre auffinden. Arbeiter der Gasanstalt legten daher ain Montag einen Teil des Hauptrohres frei, Ivobei schliestlich ein Rohrstiick sich loslöste und GaS ans der dadurch entstandenen Ocffnnng au-Zströnite. Dieses entzündete sich an dem Lichte, das ein Ar- bciter in � der Hand trug, und benirsachte dadurch eine Explosion. Der Arbeiter wurde zur Seite geschlendert, kam aber»nit geringen Verletzungen davon. Die alarmierte Feuenvehr fand nichts niehr zu tbnn, da der entstandene Küchenbrand bereits gedämpft»vor.— In der spanischen Bot- schaft, Regentenstraste lö, hatte die Decke und das Zlvischcngebälk Feuer gefangen, das aber von der Wehr leicht beseitigt»Verden konnte. Wasserrohrbrüche verursachten Alarinierungen nach dem Prinzessinneupalais Unter den Linden, nach Koppen- strahe So und nach An der Stadtbahn Nr. 6. Montagnachmittag wurde Dragoner st raste 22 eine Bretterwand eingeäschert. Alte Jalobstraste 18/19 mustte in einer Fraiserei ein kleiner Brand abgelöscht werden. Abends 6 Uhr ging Dresden er st r. ö der Inhalt eines Schaufensters in Flammen auf. Lortzingstr. 26 erlitt eine Frau bei einer Spiritnsexplosion leichte Brandwunden. Jin Cirkns Busch entstand Sonntagabend kurz vor 16 Uhr während der Vorstellung Kurzschluß an einem transportablen Dckorationskaudelabcr durch Zerbrechen einer Glüh- birne. Die anwesende Feuerwache beseitigte die Gefahr vor den Augen des Publikums, das keinerlei Bennrnhigunz zeigte. Im CirknS Busch befinden sich jetzt drei Negerinnen, die mehr noch als dnrch ihre akrobatische Kunstfertigkeit durch ihre ethno- graphische Eigenart Interesse erwecken. Die drei getiegerten Mädchen gehören dem hellfarbigen Ncgervolke der„Mangbattn" an, welches von dem berühmten deutschen Afrikaforscher Professor Dr. Schwcinfnrth im Jabre 1869 im Centralen Negnatorial- Afrika entdeckt wurde. Schlveinfnrth sagt von den MangbattuS, bemcrkcns- ivert ist neben ihrer scheckigen Hautfarbe und dem hellen Haar ihr ausgesprochener KannibalisnmS. Derselbe übertrifft den aller bekannten Völker in Afrika. Menschenfleisch»vird von ihnen über alles geschätzt. DaS Fleisch der im Kampfe gefallenen Feinde wird„itt Vorliebe gegessen. Bei solchen Mahlzeiten »vird eine Mehlspeise als Beigabe gegessen und zahlreiche Ouanti- täten einer Art Bieres vertilgt. Die drei Mangbattu-Mädchen sind dem Mcnschenflcisch-Genuß natürlich seit ihrer frühen Jugend völlig entfremdet. Ein Amerikaner kaufte sie im Kongobccken auf, brachte sie nach Amerika und bildete sie zu Akrobatinnen aus. Seltsam berührt die Zeichnung der Haut, die ebenso»vie die Haarfarbe braunschwarz und weist ist.— Eine Neuheit in der Dressurlunst bot der Schnlreiter Burghardt F o o t i t. Er führte ein SensationSstück „Tie rnssische Troika" vor. Die schwierige Lcistimg gelang allster- ordenllich sicher. Hervorragende Nccklnrner sind' die beiden Amerikaner Stack und Milton. In dem AuZstattunasstiick „Die Ca m o r r a" fielen einige neue Einlagen auf,»velche den Glanz des Stückes erhöhten. Das Berliner Zlquarinin hat in den letzten Tagen einige sehr wert- volle Seltenheiten und Neuheiten erworben, die in erster Linie zur Er- gilnzuug der Gchlangensammliing dienen. Ans de«.südöstlichen Nordamerika stammt ein Ercniplar der Klapperschlange, lvelchc eine Siimac bis zu zwei Meter» erreicht und nach einer am Ende des Schwanzes befindlichen und ait» leicht zusaunnengedrückten, in einander steckenden Hornringen gebildeten Klapper den Nanicii führt. Die jetzt angelangte Art dieser gefährlichen Gistschlanaen ist ans der Oberseite graubraun grundiert und unreaelniätzig auergebiindert. also fast so farbenbunt als die im Aquarium schon vor einiger Zeit cingetrossciie Dianiant-Kiappersthlalige. Die ander«! drei Arten sind nngistig. Zum Nadfahrverkehr. Auf die Eingabe des Vorstandes deS GaueS 26. Berlin, des Deutschen Radfahrer-BmideS, ist der amtliche Bescheid ergangen, dast daS Verbot des Befahrens der Brücke am Bahnhofe H a l e n s e e aufgehoben ist. Aus de»« Nachbarorte». Sichtcnberg-Friedrichöberg. Dienstagabend 8V- Uhr findet bei Müller. Frankfurter Chaussee 86. eine VolkSvcrsainmlimg statt. Näheres siehe Inserat. Schtnargendorf. Heute abend um 81'? llhr findet im Wirts- hauS Schmargendorf die letzte diesjährige Versammlung de? Arbeiter- BildniigövercinS statt. Tagesordnung: Punkt 1 unseres Programms. Der Tcltower Kreistag trat gestern im Kreishanse in der Victoriastraste zu einer starl besuchten Sitzung zusammen, nur zur Frage des T e l t o iv k a n a l s Stellung zu nehmen. Der Kreis- ausschust unterbreitete dem Kreistag den Antrag, ihn zu ermächtigen, unter der Voraussetzung, daß die Stadt Nixdorf den von ihrer Ge- markung zum Kanalbau erforderlichen Gnmd und Boden nntgcltlich an den Kreis abtritt, den Bau des TeltolvkanalS»ach dcni vor- gelegten Entwürfe»nitcr Zuziehung von Sachverständigen nach seiner Wahl in Selbstregie des Kreises zu beivirken. die Auer- kennung der in der landespolizeilichen Genehmigling vom 31. Oktober 1899 gestellten Bediiiguiigeii zu erklären und deii Kreis zur Erfüllimg dieser Bedingungen zu verpflichten und die bei der landespolizeilichen Feststellung der Baupläne und bei der Ansführnna etwa noch geforderter Bedingungen der LandeSpolizcibchörde, folveit dieselben ohne wesentliche Kostenerhöhnng sich auf Veränderungen, Verbesserungen und Ertveiteningen beziehen, uamcnS des Kreises anzunchmen und den Kreis zur Erfüllung derselben zu verpflichten. Zur Ausführimg deS beantragten Beschlusses soll ciuc Anleihe in Höhe von 22 Millionen Mark aufgenommen»verde», die je nach Wahl des KreisaiiSschusses nlit g'/s oder 4 Proz. verzinst»nd von 1916 ab getilgt»Verden soll. Es wird ferner beantragt, dast der KrciS auch den Betrieb und die künftige Unterhaltung des Kanals übernimmt. Die Kosten der Verzinsung und Tilgung des Aulagekapitals, der Verivaltuiig, der Unterhaltiing und des Belricbes dcr Kanal-Untcr- nchmung sollen, folveit sie nicht dnrch eigene Einnahmen des Kanals Deckung finden, in folgender Weise aufgebracht»verde»,: sofern die durch Steuern oufzilbt'iiigendcn Kosten den Betrag von 666 666 M. nicht übersteigen, sollen die am Kanal am»leisten interessierten 33 Geitieinden und Gutsbezirke im Wege der VorauSbelastuiig ein Drittel»nd der Gesamtkrcis zwei Drittel, falls aber diese Kosten den Betrag von 666 666 M. übersteige»», sollen der Gesanitkreis zu- nächst 466 666 M. und die genaimtcu Gemeinden und Gutsbezirke den Nestbetrag aufbringen. Es handelt sich um den Bau einer große» Schiffahrtsstraße von über 46 Kilometer Länge, die unter Umgehung der Stadt Verlin die Oberspree ungefähr in der Höhe von Grünau »nit der Havel bei Glieuccke vor Potsdam verbindet und gleichzeitig die Entlvässeruiig der südlichen und südivcstlichen Vororte Berlins sicher» soll. Charlotteubtrrg. Bei der Wahl der Arbeitnehmer-Delcgierten zur Allgemeinen Ortskasse in Charlottenburg hat die Liste der vereinigten Gewerkschaften gesiegt. ' Eine große FenerSbrnnst»vütete Sonntag früh in Neu- W e i st e n s e e in der Tapetenfabrik von Ehrhardt u. Co. Das Fabrikgrundstück besteht neben zivei Wohnhäusern in der Hauptsache ans einem in der Pistorinsstraste 31/33 belegene»», etlva 36 Meter langen l'/sstöckigen Bordergebäude und einem doppell so tiefen Seitenflügel. Diese nmfaiigreichen Fabrikräume sind stnit Ausnahme des Maschinen- und Kesselhauses) binnen weniger Stunden voll- stündig zerstört, wodurch ein ganz bedeutender Schaden verursacht »vurde. lieber 46 Personen sind für lange Zeit brotlos geivorden. Das Feuer»vurde zuerst in dem„Male'rsaale" bemerkt. Da die Mitglieder der Ortölvehr sehr zerstreut wohnen, so dauerte es über '/< Stunden, bevor die erste Löschhilfe eintraf. Auch die Feuer- wehre» von Friedrichsberg und Lichtenberg trafen ein, doch»var mau nicht im stände, den' Flammen, die an dein großen Tapeten- lagcr reichliche Nahrung fanden. Halt zu gebieten. Gegen 9 Uhr trafen zivei Berliner Dampfspritzen am Brandorte ein. Die Berliner Wehr übernahm nun die alleinige Verantwortung. Allerdings sind die einmal vom Feuer ergriffenen Räume total ausgebrannt, doch jschcinen die wertvollen Maschme» intakt geblieben zu fein. Ans der �Lsncnbciucgung. Die Erheb»»ngen über Frauenarbeit, die schon mehrfach erwähnt wurde»»,»verde« nach einer Mitteilung der„Sächsischen Arbeiterzeitung" in Sckchsen einfach durch Besorgung der Unter- nehmer erledigt. Daß dabei nichts zum Belveise der Schädlichkeit der Frauenarbeit hcranskoimnen»vird, ist ziemlich gewiß. Socislos. Nnfallstatistik für I8S7. Nach der soeben erschienenen amt lichen Bcarbeituilg der Unfallstatistik für 1897 wurden bei den g e Iv e r b I i ch e n' B e r n f s g e n o s s e n s ch a f t e n in diesem Jahre 2S2 382 Unfälle angemeldet, von denen 41 746 entschädigt wurden. Versichert»varcn 5 991 4S3 Personen. Für die gesamte Unfall- Versicherung»vnrden dagegen bei 6538624 Versicherten 4S971 Unfälle entschädigt. Die Unfälle hatten nach dem Stande von Mitte 1893 zur Folge: 28 369— 61,71 Proz. eine Erlverbsimfähigkcit unter 25 Proz, 8 669— 17,42„„„ von 25— 56„ 2 531— 5,51„„„„ 56— 75„ 2 188= 4.76.,„„ 75-166. 4 874— 16,66„ den Tod Es ist»viedernm festgestellt»vorden, dast sich, berechnet nach dreistündigen Zeiträumen, die meisten Unfälle in den Stunden von 9—12 Uhr vormittags und von 3—6 Uhr nachmittags ereigneten, das heißt zu einer Zeit, wo die Erinüdnng der Arbeiter am größten ist. Das bclveist aufs neue, dast Verkürzung der Arbeitszeit auch eine Vcnnindernng der Unfälle zur Folge haben würde. Das Deutsche Centralkoinitee zur Errichtung von Lungen- Heilstätte»» hält seine Generalversamnilung Mittwoch, den 16. Januar, im großen Saale des Neichslanzlerpalais ab. Sie»vird außer ge- schäftlichcn Mitteilungen einen Vonrag des Landrats Dr. Liebrecht über die Bekämpfung der Tuberkulose ans Grund der bestehenden socialpolitischcn Gesetze»n Deutschland entgegennehmen. Lehrreiche Zahle». Die»vestfälische Drahtindnstrie in Hmnn» mustte im abgelaufenen Geschäftsjahre»vegen Mangel cm Rohmaterial eine Betriebseinschränkung vornehmen, so daß der Gesamt- nmsatz gegen das vorhergegangene Jahr um 845 762 M. geringer »var. Die Zahl der Arbeiter»var gleichfalls vermindert, sie betrug 2277 gegen 2294 und der dnrchschilittliche Jahresverdienst deS cinzelnen Arbeiters fiel von 1639,65 M. auf 1665,36 M. Der Netto- geivinil aber stieg von 956 622 M. oder 41 6 M. pro Kopf des Arbeiters auf 1659 745 M. oder 405 M. pro Kopf des Nr- beiters. Also verminderte Arbeitcrzahl. verminderter Arbeitslohn, erhöhter Gcivinn._ VovsKtttmlttngvn. Im Wahlvcrcin für de»« fünften ReichStagö- Wahlkreis hielt»1 a r l Liebknecht am Sonnabend einen Vortrag über das Thema: Flottenvorlage und Kapitalprofit. In eingehender Weise trat der Redner den Gründen,»velche die Flottenschlvärmcr für die Vermehrung der Flotte anführen, entgegen und setzte überzeugend auseinander, daß die Vergrößerung unserer Marine in keiner Weise die Interessen der Arbeiterklasse' fördere, daß eS sich vielmehr »im einen Trick der herrschenden Klassen handele, die, indem sie Begeisterung für ein größeres Deutschland, eine starke Flotte k. entfachen, die Unzufriedenheit der Massen abzulenken bestrebt sind. nnd dast den an der Flottenbeivegmig interessierten Jndnsiriellen ein ungeheurer Profit erwachse,»vodurch die Flottenbegeisierung in diesen Kreisen hinlänglich erklärt»verde. Ans der Rede dcS Centrnmsführers Lieber sei zu entnehmen, dast daS Centrum der Vorlage gegenüber eine sehr zweifelhafte Stellnng eimiehine n»d mit Rücksicht auf seine Wähler noch nicht»visse, wie es sich verhalten solle. Ts sei jetzt notlvendig. dast eine lebhafte Agitation gegen die Flotteuvorlage betrieben iverde, damit dem Reichstage der Wille des Volkes, ivclchcs kein Interesse für die Flottenverniehrimg hat, bekundet und die Annahme der Vorlage vereitelt»verde.— In der Diskussion ver- trat Genosse Richter die Ansicht, das Schicksal der Flottenvorlage sei entschieden! das Ceutrum könne der Vorlage zustimmen ohne Furcht vor einer entgegengesetzten Meinung seiner Wähler, denn in den Kleinstädten und auf dem Lande sei seit langer Zeit für Militär und Marine mit Erfolg Slimmung gemacht»vorden; das Centn»»» würde also in vollkommener Ucbcreinstimmung mit seinen Wählern die Vorlage annehmen können.— Demgegenüber betonte der Referent, cS müsse Aufgabe der Agitation sei», wenn wirklich eine flotten- freundliche Stimmung in marnhen Tolkskreisei» vorhanden wäre, das Volk darüber aufzuklären,»velche Veivaudnis es mit der Flotten- bcgcisterung habe. Eine öffentliche Schlächtergesellcn-Versammluug tagte am Sonntag bei Cohn, Beulhstraste, in der der ReichStags-Äbgeordnete E. Wurm über:„Der Arbeitersthntz und die Schfiichtercivetriebe" referierte. An der Hand der vorn Verband der Schiächtergesellen aufgenommenen Statistik wies der Referent nach, dast die Znslände im Schlüchtereigelverbe fast noch schlimmer als»vie im Bäckerei- gewerbe, mindestens aber ebenso schlimm»vie in diesem sind. Es ist festgestellt»vorden, daß in vielen Schlächtereibetrieben eine Arbeits- zeit bis zu 166 und 116 Stuiiden pro Woche herrscht. Bei dieser außer- ordentlich langen Arbeitszeit»verde»» Wochcnlöhne von 16 M., 7,50 M., ja nicht selten nur 5 M. und SM. bezahlt. Die Schlaf- nnd Wohn- räume sind zmneist im Keller gelegen; sie sind fast immer dunkel, naß und schmutzig. So unsauber wie die ptümne ist oft auch die Wäsche, insbesondere die Bettiväsche, die von den Meistern geliefert»vird. Auf viele» Stellen»vird die Bettiväsche sogar monatelang nicht ge« »vechselt nnd in diesen von Schmutz starrenden Lagerstätten i»üs»cn die Schlächterei-Arbeiter ihre paar Ruhestunden verbringen. Trotz dieser geradezu skandalöscil Zustände entbehren die im Schlächterei- betriebe beschäftigte»» Arbeiter jedweden gesetzliche» Arbeiterschntzes. Und die allgemeinen Bestimniungen, die für das Schlächtergewerbe auck» in Betracht kommen, wie die Sonntagsruhe, werden in den meisten Fällen, wie festgestellt»vurde, gar nicht beachtet. In ein- gehender Weise und mit dem Hinweis ans das Vorgehen nnd die durch bei» festen Zusammenschluß erzielten Resultate anderer Arbeiter schilderte der Redner sodann die Notwcndigteit und die Bedeutnng der Organisation. Die Ausführnngei» des Referenten, der in» »veiteren das Verhalten der Centrumspartei, der Protektorin bezlv. Gründerin des Vereins„Arbeiterschntz", zur Arbeiterschntz-Gesetz- geblmg sehr treffend kennzeichnete, wurden von den Versammelten init stürmischem Beifall begleitet. In der hierauf folgenden Dis- kussion»vurde von mehreren Rednern die lange Arbeitszeit, niedrige Löhne, schlechte Wohn- und Arbeitsränme kritisiert und die Mißstände im StellenvermittlungSwesen geschildert. Antzerdem wurde von ver- schiedenen Rednern daS Vorgehen des Vereins„Arbeiterschntz" einer sehr herben Kritik unterzogen und zun» Anschluß an den Verband der Schlächtergesellen, der wirklich bestrebt ist, die Lage der Schlächterei-Arbeiter zu verbessern, ausgefordert. Nur ein Herr v. Bögt war bemüht, den Verein.Arbeiterschutz" zu vertreten, er fand bei den Versammelten aber mit seinen Ausführungen durchaus keinen Anklang und»vurde von einigen Rednern recht kräftig abgeführt. Maurer. Eine gemeinsame Mitgliederversammlung aller zun» Streikgebiete Berlin und Umgegend gehörigen Verbands- Zahlstellen tagte am 13. Deze»nber in Kellers Ffesisaken. Genosse Rüther referierte über„Die»virtschaftlichen Kämpfe der Arbeiter in der Gegcnlvart", wobei er den Maßstab der Entwicklung an die statt- gefundenen Kä'npse seiner Gewerkschaft resp. an die hochentwickelte Organisation der Berliner Metallindiistriellen anlegte. Wenn auch die' Accumulation des Kapitals heute im Baugewerbe einen Ver- gleich»nit der Metallindustrie nicht zulnffe, so seien doch Momente. wie die gute Organisation und die Taktik zur Bekämpfung der Arbeiterintercssen unserer Unternehmer vorhanden. die»ins zn einer stäiidlgei»»nd intensiven Arbeit in unserer Organisation antreiben. Die Organisation mnst so fest ge- gliedert nnd die Mitglieder so fest von der Notwendigkeit der Or- ganisation überzeugt sein, dast»vir auch bei abivärtsgchender Ge- schäftskonjunktur unsere Stärke behalte»» nnd die voraussichtlichen Angriffe des Arbeitgebertnms mit Erfolg zurückschlagen können.— Zun» Punkt„Berichterstattnng über die am 26. November statt- gefuiidene Konferenz der-Maurer der Provinz Brandenburg" referierte Hanke. Die Bersaminlung erklärte sich dnrch eine Reso- lution mit den Beschlüssen derselben einverstanden; das Protokoll soll obligatorisch bei den Mitgliedern der Zahlstelle Berlin eingeführt werden. Sodann wurde in Bezug ans Sammeliveseir zum Streikfonds folgende Resolution einstimmig angenommen: Die Versammlung beschließt: Ii» Anbetracht dessen, dast durch den frühen Eintritt der kalten Jahreszeit die Allgemeinheit der Manrerschaft arbeitslos geworden, die ArbcitsloSmeldnngen der Kollegen jedoch eine allzu graste nnd daher nnvollkommene sein würde, so haben die Saninilungei» zun» Streikfonds schon am Sonnabend, de» 9. Dezember, ihr Ende erreicht. Wie alljährlich, so sollen auch die diesjährigen Sammelkarten,»velche den Beichlüsien unserer Versammlimgeu zufolge in Ordiumg sind, von Montag, den 18. Dezember ab einen Schliiststempel erhalten. Der Ordnnng und Billigkeit wegen sind die Karten von den einzelnen Vierteln und Zahlstellen bezirkslveise an die Verbandsleitimg abzuliefern»md nach einer vereinbarten Frist »vieder abzuholen, falls derFrost anhalten und die Arbeit auf denBauten keinen Fortgang finden sollte. Nack Wiederbeginn der Arbeit haben die Bau- Deputierten für die Jiistandsetzmig der Karten Sorge zu tragen. De? weiteren»vird die VerbaildSleltnng beauftragt, das nötige'Sammelmaterial(Büchcr und Karten) für das Jahr 1966 an- fertigen zu lassen. Tie nenen Sammelkartcn werden vom 1. Januar ab verausgabt und beschließt eine späiere Versammlung den Beginn de» weiteren SammelnS. Ein Antrag, in der diesjährigen Nbrcchnnng die einzelne Ans- führung der Sammellisten und deren Beträge»vegfallcn zu laffeu, gelangte nach kurzer Diskussion zur Annahme. Tic hiesige» beide» Tcktionc» des am 1. August 1899 zu Hamburg gegründete» Ecutral- Perbandes der�Elektromontenre und PenlsSgenoffeu Teutschlands hatten für Sonntag. 17. d.M. eine öffentliche Versammlung»»„Fenersteius Festsäle»", Alte Jakob- siraste 75, anberauiiit. zwecks Wahl eines Delegierten und Ersatz- delegierten für die Gelverkschaftskommission. Millarg setzte den An- »vese'iiden die Ziele nnd Zivecke des Kartells auseinander und legte klar, dast für eine Gelverkschaft aus dem Boden der modernen Arbeiterbewegung Anschluß an ein Kartell unumgäliglich notlvendig sei, da die Gewerkschaft nur dann erst im stände sei, für die In- teressen ihrer Mitglieder in Lohnbewegungei» voll und ganz eintreten zu können. Bei der daranffolgenden Wahl»vurde Abraham von Sektion Berlin I als Delegierter und Geriach von Sektion Berlin ll als Ersatzdelegierter gelvählt. Koiisiim-Gensfieiischaft Moabit. DicnStag, dm IS. Dezdr., abends 8>/z Uhr: Versamniiiing bei Gundlach, Weldenserstr. 23/24. Aufnahme neuer Mitglieder. Gäste willkmnmeil. Deutsche Ciescüschaft für ethische Kultur. DieuStaz. den IS. De- znnber, abend 3V« Uhr, Unter den Linden IS, Quergebäude III. Sociale Gruppe: Bortrag von Frl. Ann a B l u in(Spandau)«über Eltern-Abeude". Distiisfloit. Gä>le»villloulme». Vermifitzke-s« Neber ein furchtbares Braudnngliick»vird aus Zwickau berichtet: Iii der Nacht zum Montag ist in Lauter ein HanS ab- gebrannt; fünf Personen kamen dabei u m S Leben. Niis de» Tri! lumern der Glasfabrik zn Köflach, die in- folge der auf ihr lastenden Schneemassei» eingestürzt ist, sind bisher fünf Tote, zivölf Schwcrvcrlvnildcte und zwanzig Leicht verwundete hervorgeholt»vorden. Eisenbahnuilfall in Frankreich. Gestern nacht stieß ans der Eiscnbahnlime Bordeaux-OrleanS, zwischen den Stationen Moni« morcau und Charmant, ein Schnellzug mit dem von Bordeaux kommenden Exprestzuge zusammen. Eine Person wurde getötet, ziveinildzwaiizig sind verletzt. In der Statiou Naschitz» Strecke Wien-Eg-r, ist in der Nacht zu Sonntag der Wiener Schnellzug an einen Güterzug angefahren. Von den Reiseisdei» ist niemand verletzt, dagegen erlitten sechs Eisen- bahnbcamte Verletzungen. Ein Diebstahl an Artillcrielnaterial»vurde in Wien e»t- deckt. Es wurden ans einem plombierten Waggon die für die Fesiimg Krakau bestimmten sogenannten„NichtVogen" entlveiidet. Es sind dies Instrumente, mit deren Hilfe die Kanonenrohre in die Stellung gebracht»Verden, die man zum richtigen Zielen braucht. Tie Plomben dcp Waggons»vareu beschädigt. Ein deutscher Staatsangehöriger Namens Eckert soll, einem von der„Köln. Ztg." veröffentlichten Privatbrief ans Bangkok zufolge, dort widerrechtlich verbaftet uud zivei Tage nnd zivei Nächte in nassen Kleidern in mcnscheimntvürdigem Gewahrsam gehalten »vorden fein, so dast er sich eine Fiebererkrankung zuzog. Der deutsche Ministcr-Resident v. Saldern habe energische Vorstellungen bei der siamesischen Regierung erhoben. Der arme Deutsche, der bis nach Bangkok geht,»»»» sich so von der Polizei behandeln zu lassei» l B'arktpreise von Berlin am 16. Dezeutber 1809 »acfi Eruiillliiiigei» des tgl. Polizeipräsidiums. »�Weizen D.-Eir. ♦)5ioflaci, F» lier-G erste Hafer gut „ uiillcl, ,. gering Nichistrvh Hm DErbscu -j-sSpciicbohiie» t)Üiii(e» ilartosic!», neu« Riudstcljch, Heule» kg do. Bauch. ) lkuuillclt pro 14,00 »4,70 14, 16,20 14.30 13 60 450 7,30 40,— i:>.- 70,— ?,- 1,00 1,20 Tonne »4, 13,80 13.- 14,40 13,00 12.80 4,32 4,80 26.- 3: chweiiiefleisch galbjleisch Hammelfleisch Baller Eier kkarpse» Ahle sZaiider Hechle Barsche Schleie Bleie Ärebse Ikg b. 60 eistet 1 lig per Schock 1,00 1,30 1,00 2,80 0,- 2,20 2 80 S.--.0 2- 1/30 2,80 1,20 12.- 1,10 »,- 1,- 2— 3'- 1,20 1,40 1- 1- 0.80 1,40 0,80 3,-r 26,— 30,- 5,— 1.20 »,- _ von der Ceulralstelle der Preuh. Laudlvirt- schastStammerli- NoilerungssteNc- and umgerechnet vom Polizeipräsidium f iir de« Toppel-Eciiiuer. f) iilelnhaudelspreise. P r 0 d u l t c u m a r k t vom 18. Dezember. Heute machte sich im Getreideuerkehr bereits im hohen Grade FeiertagSstille bemerkbar und die linteriiehmuugSliist schwindet ganz und gar. Die Tendenz fllr Brotgetreide zeigte heute iveuig yesligkeir, Weizen und Roggen wäre» zeitweilig 0,26 bis 0,60 M. billiger als vorgestern offeriert, sanden»cdoch lamu Ausnahme. Preisdriicteiid wirkten dao Thauivetter, schivächercs Nordamerila sowie astnstige SaatcustaiidSberichte aus Nußland. Von austerhalb Ingen einige Vcrkaussordres vor. Die hiesigen Mühlen sind vor der Hand versorgt. Hafer war bei schwacher Tendenz im Preise nominell unverändert. Nstböl fester, da Abgeber knapp sind. Der S p i r t t u s m a r k t war für Locoware relativ belebter; im Preise notierte 70 er unverändert 47,00. Termine wurden nicht gehandelt. Bsillerunzvstbcrsicht vom 18. Dezember 1899. niorgeuS 8 Uhr. Stationen Slvinemde. Hamburg Berlin Wiesbaden München Wien «A « 5 z: 767 OSO 706 NO 760 SO 765 NO 754 O 707 Still Welter 4 bedeckt Ibcdeckt I bedeckt 2 bedeckt 2wolkenl -Nebel 5 t- W 1 0 0 -7 -20 -4 Siglionei» Haparauda Petersburg Cork Aberdeen Paris L E SE c S a— p 3 782 Still 705' 3 707,30 702NNO Wetter Ö 0» -L i". - E» — bedeckt 3bedeckt 2bcdeckt iDuust -16 7 4 —7 SLcttcr-Prognosc für Tienstug. den 19. Dezember 1899. Etivas kälter, zeitweise heiter, vorwiegend nebelig, bei schwachen snd> östliche» Wind«Ii; keine erhebliche Niederschläge. v Berliner Wetterb nreau Bciai., aortlicher Redacteur: Paul John in Berlin, l Für den Inseratenteil verantivortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Verlin.