Unterhaltungsblatt des Torwarts 9�r. 63. Sonnabend � den 14 März. 1908 (Nachdruck verboten.) 81 Proletarier. (Bilder aus dem Leben der Letzten.) Won Christen Bundgaard. Autorisierte Uebcrsetzung von Ida Anders. Ein Mädchen war kurz nach Weihnachten eingeliefert worden. Sie hatte heimlich geboren und das Kind ertränkt. das ein Mann festgefroren in der Eisdecke eines sumpfigen Grabens gefunden hatte. Sie litt an starken hysterischen An- fällen, in denen sie zu Gott betete und mit dem Kopf gegen die Wände lief. Das Kind und der Vater des Kindes, Gott im Himmel und die Mutter—— darauf konzentrierte sich all ihr Denken und Reden. Schließlich verwirrte sich ihr Geist und sie mutzte ins Krankenhaus. „Hum." sagten die Landstreicher. Ein Knabe war arretiert, bezichtigt, eine Krone ge- stöhlen zu haben. Er wollte nicht bekennen, der verhärtete Schlingel, und doch konnte gar nicht daran gezweifelt werden. daß er der Dieb war. In dem Hause, wo die Krone gestohlen worden war, hatte man sich gleich das Dienstmädchen gesichert, ehe sie Zeit fand zu entfliehen. Zum Unglück konnte sie ihr Alibi nachweisen, und man war gleich auf die Straße heruntergestürzt, um möglicherweise den Dieb noch zu fassen, ehe er mit seinem Raub entschlüpfte. Und die Gerechtigkeit wurde diesmal nicht um ihre Beute geprellt, was bedauerlicherweise so oft geschieht. Da ging er, der Spitzbube I Er war leicht unter all den übrigen Menschen da unten hcrauszukennen. So mager wie ein junger Vogel, schielend, verhungert, geflickt, mit langen blaugefrorenen Fingern. Und dann zu allem Glück sandte die Vorsehung eben einen Schutzmann zum Tatort. Er nahm den Lümmel mit zur Wache. Und da erlaubte der Balg sich, der Obrigkeit Späne zu machen und sich dem glatten Gang der Gerechtigkeit hinder- lich in den Weg zu stellen. Aber sein durchgeführtes Schwindel- system würde ihm schon nichts helfen, die Hndizien häuften sich um ihn herum. Sein Vater war im Armenhause, die Mutter war krank, sie lag und spie in einen alten Holzschuh, als die Schutzleute zur Haussuchung oben waren, und rings- um in den Ecken saßen die Kinder zottelig und schmutzig und piepien wie die kleinen Stachelschweine. Die Mutter erzählte, daß der Aelteste, der Knabe, drei Tage hintereinander in der Volksküche gewesen wäre, aber kein Essen bekommen hätte. Und ferner konnte der Prediger bezeugen, daß der arretierte Christian Sinmonsen, als er noch vor kurzem bei ihm zum Konfirmandenunterricht ging, dem Leben in Gott und seinen Worten fremd gegenüber gestanden hätte, so daß wohl anzunehmen sei, daß er jetzt in seinem ruch- losen Leben die guten Ermahnungen des Seelsorgers der- gessen oder sogar direkt über Bord geworfen habe. Außer- dem sei er eine freche und harte Natur, der es not täte, ge- beugt zu werden. Und der Aufsichtsbeamte zweifelte nicht daran, daß er gebeugt werden würde. Der Aufsichtsbeamte zweifelte sonst an allem auf dieser Welt. Er sah ja täglich die große Verderbnis unter den Menschen vor sich. Nur was mit dem Polizeiwesen, Verhaftung, Verhör und Verurteilung zusammenhing, genoß sein Vertrauen, aber auch sein unbedingtes. Die Menschen mußten verhaftet werden, das mußten sie. Dann konnten sie nichts Ungesetzliches unternehmen, keine Ausschweifungen begehen, dann konnten die Dinge regle- mentsmäßig vor sich gehen, es würde Plan und Ordnung in den Lauf der Welt und des Lebens kommen. Von dieser Seite betrachtete der Aufseher die Dinge. Deshalb erschien ihm der Polizeimeister so groß, und er selbst hegte den Ehrgeiz, Schutzmann zu werden. In seinen angeregtesten Momenten sah er sich selbst als Hüter der rnenschlichen Gesellschaft, mit Helm und Stab und funkelnden Messingknöpfen. Im übrigen hielt er die Arrestanten nicht für schlimmer als andere Menschen, die sich herumtrieben. Im Gegenteil. Aber wollten sie nicht bekennen, oder kamen sie mit Ausflüchten und erschwerten die Arbeit, dann faßte er dies stets als eine ihm persönlich zugefügte Beleidigung auf- Natürlich beleidigten sie vor allen Dingen den Richter, dem sie Scherereien verursachten, dann beleidigten sie auch die Schreiber, die um ihretwillen mehr Arbeit hatten, und die Schutzleute, die die Mühe mit ihrer Verhaftung geliabt hatten. Aber für die anderen, für das Polizeisystem selbst, fühlt« auch der Aufseher sich gekränkt. Und er ärgerte sich täglich über den Satansbalg, der da wie ein kleiner Stein in der Maschine saß. Der Untersuchungsrichter hatte auch gesagt, daß er, holS der Teufel, den kleinen Kerl schon brechen würde, sonst wollte er nicht Richter Rosenörn heißen. Uebrigens möchte er doch wissen, wer wohl in diesem Hause Herr wäre, die im Bureau oder die Arrestanten. Der Aufseher meinte auch den Vagabunden gegenüber, daß sie den kleinen Kerl brechen würden, und im übrigen möchte er wohl wissen, wer hier Herr im Hause sei— etwa nicht die im Bureau? Die Vagabunden krauten sich unergründlich die hintere Gegend und den Rücken hinauf, so weit sie kommen konnten. Der Knabe betannte selbstverständlich zuletzt den Dieb» stahl. Und vierzehn Tage später lief natürlich die Mitteilung ein, daß sich die Krone wiedergefunden hatte— in der eigenen Westentasche des Bestohlenen. Eines Morgens hörten die Landstreicher in ihren Zellen ein ungewöhnliches Lärmen und Rumoren draußen auf Fluren und Treppen. Als der Wärter endlich seine Morgen- runde machte, erfuhren sie den Grund der Störung. „Ich trete in Nummer 11 ein," erzählte der Wärter,„und stelle den Besen hin wie immer und sage„Guten Morgen" wie immer und denke so an gar nichts wie... da kam mir's so stille vor. Ich ging nun zur Pritsche und sah nach, es war ja Halbdunkel. Da sehe ich, daß er gerade an der Wand steht. Ich sage nun zu ihm, warum er denn die Pritsche nicht heruntergelassen hat? Er sagt nichts, und das kam mir ja ein bißchen komisch vor.„Warum antwortest Du keinen Ton?" frage ich.„Bist Du krank?" Es sah auS, als ob er stünde und mich angriente. Ich konnte.mir nicht helfen, ich mußte lachen." „Na, nu hör auf mit die Fisematenten," sage ich und puffe ihn. Aber in dem Augenblick kriege ich ein Kribbeln durch den ganzen Körper, ich wurde so erstarrt, daß ich die Hand nicht wieder von ihm wegnehmen konnte. Er glitt so an der Mauer entlang und seine§fuße waren über der Erde. Da sprang ich endlich zur Tür hinaus und die Treppe hinunter und rief den Inspektor." Das war daS aufregendste Ereignis dcS Winters im Gefängnis. Der Erhängte war ein alter Häusler von draußen östlich von Wiborg her. Sein Haus war ihm abgebrannt, aus welchem Grunde man ihn ins Gefängnis gesteckt hatte. Hinaus konnte er ja nicht, aber es gab also doch einen Ausweg, dem Gefängnis zu entrinnen. 2. Daß Frühjahr begann die Luft zu erfüllen. Das heißt, es regnete toll, regnete, regnete— Nächte und Tage. Aus den Hunderten von Gefängnissen und Arbeitshäusern des Landes entließ man die Vagabunden. Die großen Landstraßen ent- lang zogen sie, in zersetzten Kleidern und sohlenlosen Schuhen mit den graugelben Gespenstergesichtern, bebend, hoffnungs- los vor Verlassenheit.— Die große arme Schar, deren bleiche Schatten eines Sommertages über den sonnenhellen Weg gleiten oder an einem düsteren Abend, wenn man noch spät allein aufsitzt, sich in den Lampenschein drängen. Zu dem Bauern Lars in Borring kam eines Abends ein Landstreicher und fragte nach dem Wege. Er bat um einen Happen Essen, und ben bekam er. Die Leute saßen und glotzten ihn an, während er kaute. Als er fertig war, fragte er, ob er hier übernachten dürfe. Im Kuhstall? In der Scheune? Wenn er bloß unter DaÄ liegen könne. � Bausr Lars sagke nein« Er beherberge keinen« Aus Prinzip nicht. Ob er denn nicht—? Nein, es hätte gar keinen Zweck, weiter darüber zu reden. Der Landstreicher ging. Aber Bauer Lars sandte gleich einen der Knechte hinter ihm her, um zu sehen, wo er hin- ginge. Er sah ihn gerade um den südlichen Giebel biegen, aber dann, es war ganz mystisch, als er dorthin kam, war er verschwunden« lFortsetzung folgt.1 Me IbUen mr JVIarx lesen? Stile Wissenschaft bedeutet Oekonomie. Ersparung von nutzloser Kraftberausgabung, Vermeidung von Irr- und Umwegen. Die Naturwissenschaft hat der Menschheit auf ihrem Wege zur Beherrschung der Natur den jeweils kürzesten Weg gewiesen. War der Fort- schritt früherer Zeiten, wenn es sich etwa um ein neues Arbeits- verfahren handelte, an die zufällige, zersplitterte und vereinzelte Er- fahrung des täglichen Lebens und der täglichen Arbeit der Hand- werker selbst gebunden, so deckt heute der Forscher in seinem Laboratorium den ursächlichen Zusammenhang zwischen den Er- scheinungen auf und sucht neue Ursachenreiben im Experiment dar- zustellen. Die Erfindung bleibt nicht mehr dem Zufall einer neuen Erfahrung überlassen; bewußt stellt der Forscher fich das neue Problem und sucht mit wissenschaftlichen Mitteln den kürzesten Weg seiner Lösung. Was dies aber bedeutet, wird unS sofort klar, wenn wir die Schnelligkeit technischen Fortschrittes feit dem Beginn der modernen Naturwissenschaft vergleichen mit dem Schneckentempo der Entwickelung mittelalterlicher Technik. Was die Naturwissenschaft aber für die Technik, ist die Sozial- Wissenschaft für den politischen Fortschritt. Die sozialwissenschaftliche Erkenntnis zeigt uns die Probleme, die die Menschheit in ihrem Fortschreiten sich jeweils stellen muß und gibt uns die geeignetsten Mittel zu ihrer Lösung an die Hand. Sie lehrt uns die Trieb- kräfte der EntWickelung kennen und zeigt uns die beste Art ihrer Benutzung. So gibt sie dem Wissenden politische Macht- Vermehrung, und wer in der Politik Macht sich erobern will, muß die Sozialwissenschaft in seinen Dienst stellen. Politisch aber ist der Proletarier, weil er nur in der Politik und durch die Politik seine Lebensinteressen wahren kann. In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeiterklasse die Enterbte der Geschichte. Sie muß selbst Geschichte machen, das heißt Politik treiben, um aus der Enterbten der Geschichte ihre Meisterin zu werden, aus dem Objekt der Ausbeutung durch die Menschen das Subjekt, die Beherrscherin der Natur, aus einer unterdrückten Klasse die Schöpferin der klassen- losen, ihre gesellschaftlichen Beziehungen bewußt und deshalb frei regelnden Menschheit. Das ist es, ivas die Arbeiterklasse mit so heißer Sehnsucht zur Wissenschaft treibt, deshalb steht am Beginn jeder Arbeiterbewegung das Bildungsbestreben. Der Meister der Sozialwissenschaft aber ist Karl Marx, und ihn lesen zu wollen, der glühendste Wunsch jedes kämpfenden Proletariers. Aber Marx ist keine leichte Lektüre, am wenigsten für den Ar- Leiter, dem die moderne Gesellschaft selbst das primitivste Handwerks- zeug wissenschaftlicher Bildung vorenthalten hat. Aber wo ein Wille ist, ist auch em Weg, und einen solchen zn zeigen, soll hier wenigstens «in Versuch gemacht werde». Das Problem, das die Sozialwissenschaft sich stellt, ist die Auf- findung der Bewegungsgesetze der Gesellschaft. Marx beantwortet diese Frage allgemein in seiner Geschichtsauffassung und speziell für die kapitalistische Gesellschaft in seinem ökonomischen Hauptwerk. So sind seine Schriften historisch und ökonomisch, aber in allen kehrt die Frage nach den Triebkräften der Entwickelung wieder. Dies verbindet sie zu einem Ganzen und von jeder Schrift fällt helles Licht auf das Verständnis der anderen. Man wird die Anfangsschwierigkeiten leichter überwinden, wenn man die Hauptgedanken der Marxschen Lehre in ihren allgemeinen Umrissen bereits kennen gelernt hat. Diese aber find tn jedem sozialdemokratischen Programm enthalten. Man mache sie sich zunächst klar und lese zunächst die Broschüren»Ziele und Wege" von Adolf Braun u. a., ferner die»Erläuterungen zum Erfurter Programm" von Kautsky und Schönlank. Dann lese man als erste Schrift von Marx seine Broschüre»Lohnarbeit und Kapital", die uns zuerst mit der Werttheorie vertraut macht. Darauf lasse man Kaulskys »Erfurter Programm' folgen, und um die historische Stellung der Arbeiterklasse zu begreifen, das»Arbeiterprogramm" von Lassalle. So vorbereitet, kann man an das Studium des»Kommunistischen Manifestes" gehen, der»Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Sozialismus". Als Kommentar gleichsam zu der Stellung� von Marx zu den im Kommunistischen Manifest kritisierten Vorgängen studieren wir Engels' Schrift:»Entwickelung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschast". Nachdem wir so in großen Grundzügen den Standpunkt von Marx kennen gelernt haben, wenden wir uns der Anwendung dieses Standpunktes auf bestimmte Abschnitte der Geschichte zu. Wir gehen an die viel zu wenig beachteten historischen Schriften. Zunächst:„Revolution und Konter-Revolution in Deutschland". Nachdem uns diese glänzende Analyse der Klassenverhältnisse, wie fie in der Mitte des 19. Jahrhunderts sich entwickelt hatten, mit den Triebkräften der Revolution von 1848 bekannt gemacht hat, wenden wir uns, um Marx als Politiker kennen zu lernen, den Artikeln aus der„Neuen Rheinischen Zeitung" im Hl. Band der Nachlaßausgabe von Mehring zu, dessen ausgezeichnete Einleitungen für die Erkenntnis jener Zeit unerläßlich find. Dann könnten die»Klassenkämpfe in Frankreich 1848—59" und der»18. Brumaire des Louis Bonaparte", wobl die glänzendste politische Streitschrift in deutscher Sprache, an die Reihe kommen. Ein kleine aber interessante Schrift ist»Marx vor den Kölner Geschworenen", in der Marx die Gründe und die Notwendigkeit seiner revolutionären Haltung den Richtern darlegt. Den Beschluß unserer historischen Studien hätte die von Marx ver- faßte Jnauguraladresse der Internationale:»Der Bürgerkrieg in Frankreich" zu bilden, die eine glänzende Verteidigung der Pariser Komniune darstellt. Wir wenden uns jetzt wieder zum Studium der politischen Oekonomie. Wir haben Lohnarbeit und Kapital bereits kennen ge» lernt und lassen Lassalles„Bastiat-Schulze" folgen. Darauf wäre das Studium von Kautskys Einführung:.Marx' ökonomische Lehren" und der zweite. Politische Oekonomie betitelte Abschnitt in Engels „Anti-Dllhring" vorzunehmen. So vorbereitet gehen wir an den ersten Band des»Kapitals". Um den Leser an Stil und Dar- stellungsweise zu gewöhnen, empfiehlt es fich vielleicht, die Lektüre der historischen Kapitel borwegzunehmen. Wir beginnen also mit dem achten Kapitel des dritten Abschnittes: der Arbeitstag, lesen dann das elfte, zwölfte und dreizehnte Kapitel(Kooperation, Manufaktur und große Industrie), um hierauf das berühmte vier- undzwanzigste Kapitel: die sogenannte ursprüngliche Akkumulation zu studieren. Erst dann gehen wir, indem wir bei schwierigen stellen das Buch von Kautsky zu Rate ziehen, an die systematische Lektüre des ganzen Bandes. Damit ist das Schwierigste geleistet. Aber das»Kapital" muß nicht nur gelesen, es muß oft und oft studiert werden: Immer wieder wird man finden, daß bei wiederholter Lektüre Zweifel gelöst, neue Erkenntnisse gewonnen werden. In den Jahrgängen der„Neuen Zeit" wird man eine große Anzahl theoretischer Abhandlungen finden, deren Lektüre beim wiederholten Studium viele Erleichterungen geben und Unklarheiten beseitigen. Hier findet man auch die An- gäbe und Kritik eines großen Teiles der polemischen Literatur. Ist der erste Band des Kapitals bewältigt, so geht man an das Studium des zweiten und dritten Bandes. Für ihre Lektüre bietet der von uns kürzlich wiedergegebene Brief von Engels wertvolle Fingerzeige. Haben wir so die Marxschen Lehren kennen gelernt, so wenden wir uns der Geschichte ihrer Entstehung zu. Dazu ist die Ausgabe des Nachlasses von Mehring unerläßlich. Wir lesen die Jugend- schriften von Marx, wobei wir vielleicht die Dissertationsschrift über Demokrit und Epikur, die nur fachphilosophisches Interesse hat und die Streitschrift„Die heilige Familie" übergehen dürfen. Der glänzende Kommentar Mehrings erleichtert auch die Schwierigkeiten, die uns die genialste Schrift des jungen Marx, seine Kritik der Hegelschcn Rechtsphilosophie bereitet. Marx studieren, heißt zugleich denken lernen. Ist es unS ge- lungen, in das Marxiche Schaffen nachschaffend einzudringen, dann ist uns das große Reich der Sozialwissenschaft erschlossen. Wir haben aufgehört, unkritisch und instinkrniäßig zu handeln. Die Politik ist für uns kein dilettantisches Spiel oder traditionelle Be- folgung unverstandener Regeln. Kritisch stehen wir der Gesellschaft gegenüber. Wir wissen, was wir wollen, wir wissen, was wir können. Als andere treten wir aus der Werkstatt des Marxschen Geistes heraus, als wir in sie eingetreten find. Vorher waren wir Sklaven des blinden Waltens unverstandener gesellschaftlicher Kräfte. Jetzt sind wir befteit. Die Fesseln find von uns gefallen und die Befteiten wird auf die Dauer auch das ökononlische Joch nicht mehr drücken können. Und so dankt uns Marx das schwere Bemühen, ihn zu verstehen, indem er den Unterdrückten gibt, was ihnen das Köstlichste ist: die Gewißheit ihres Sieges. (Nachdruck verboten.) �octfcblag. Von Jac. Lorenz. Kurz vor Bureauschluß trat er ein, den Zettel in der Hand. auf dem sein Stellengesuch notiert war. Ein fünfundvierzigjähriger, untersetzter Mann, bartlos, mit ein Paar schwachen Blauaugen, einem gemütlichen Zug um den Mund. Helles Haar in wilden, ungekämmten Strähnen. Er sprach ein unverfälschtes Sächsisch.- Er war Kernmack)er und die dritte Woche ohne Arbeit. Zu- fällig war eine passende Stelle da. Die teilte ich ihm mit und er erklärte sich bereit, sie anzunehmen. Irgendeiner hatte in seinem Heimatsausweis hineingeschrieben „Vorbestraft".. Was mochte der Mann mit dem gutmütigen Gesicht, das die schwachen, matten Augen ein wenig blöd machten, nur verbrochen haben? �, Ich war neugierig. „Sie sind vorbestraft?- M, „Jawohl. Fünf Jahre. Wegen Totschlag.- Und er sagte das so gemütlich, als würde er eine ZivilstanidZ- Nachricht mitteilen. Solche zynische Offenheit war mir noch nie begegnet. Der Mann interessierte mich um so mehr. „So so, wegen Totschlag? Wie ging denn das zu?" „Sehr einfach. Sehn Sie, Sie können das vielleicht nicht be- greifen,— ich Hab ihn halt einfach niedergeschlagen, wie man einen Hund niederschlägt." Wieder diese grauenhaft selbstverständliche Betonung, als ob das Totschlagen zu seiner täglichen Arbeit gehören würde. Er mochte merken, daß es mir etwas unangenehm wurde, mit ihm bei hereinbrechender Dämmerung allein im Bureau zu sein. „Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben. Ich kann keiner Fliege ein Bein ausreißen und Hab noch keinen Menschen etwas getan, autzer dem einen... Ich war in der sechsten Woche ohne Arbeit, mitten im Winter, Nachdem ich das Spital verlassen hatte. Ein Eisenstück war mir an die Brust geflogen und hatte mich schwer verletzt. Zehn Wochen lag ich im Spital und nun kam ich wieder hinaus, gerade in die ersten Schneegestöber. Das war ein Elend I Ich sah krank aus und kein Mensch wollte mich einstellen. Meine paar Pfennige waren längst alle und von wem konnte ich was bekommen? Die Bettel- reisen, die soll der Teufel holen. Da kommt man ganz herunter. Man muh einfach herunterkommen, ob man will oder nicht. Ein ordentlicher Mensch kann man gar nicht bleiben. Man ist ein dop- pelter Mensch: Einer möchte kein Lump sein, und der andere ist einer. Dann denkt man, wie man früher ein Kerl war. und dos ärgert einem, dah man so ein Lump werden muhte. Hat man wieder mal einen ordentlichen Tag gehabt, flickt sich mit ein paar zusammengebettelten Groschen wieder etwas zurecht, dann kommen wieder ein paar schlechte Tage, und alles ist wieder rein weg. Und die etvige Hoffnung und Enttäuschung mit der Arbeit. Da sagt dir einer, es sei was los in einer Fabrik, und man eilt hin in tausend Hoffnungen: Morgen kannst vielleicht wieder arbeiten, ein rechter Mensch werden, ein rechter Mensch!... Man kommt hin und alles ist nichts. Man brüllt dich an wie einen Hund oder man sagt einfach gar nichts und läht dich stehen. Und so gehts in die Wochen. Wenn man dann dabei noch halb krank ist, durchnäht und durchfroren in die Herberge kommt und froh ist, wenn man in ein Lauscloch kriechen darf, um ein paar Stunden alles zu vergessen— Und der Hunger nagt. Der Magen wird von den paar Almosen- brocken nicht still. Der knurrt und brüllt. Tagaus, tagein. Die Flocken fallen— der Schnee geht bis ans Knie, man weih nicht, ob man einfach liegen bleiben, oder ob man weiter kriechen soll. Herrgott— da soll einer nicht ein Vagabund werden, der's nimmt, wo's steht!— So ging» mir damals. Wie gesagt, in die sechste Woche. Es war ein schcuhliches Wetter. Seit morgens um sieben war ich auf der Strohe. Die fadenscheinigen Kleider hatten Regen und Schnee bis auf die Haut durchnäht und durchweicht. DaS Wasser troff mir durch den Hut ins Haar und suchte sich üher die Stirne einen Weg und floh über die Wangen wie Tränen. Ums Heulen wars mir nicht. Aber ich hatte eine ganz fürchterliche Wut. Auf niemand und auf alle. Ich fluchte das Bettelkind, das im Schnee nach Holz suchte, an wie ich dem Schlitten des Protzen die Faust nachballte. Es kam einfach eine übergrohe Wut auf die ganze Menschheit über mich, die arme Teufel ausschindet und dann hungern läht, wenn sie sie genügend ausgeschunden hat. Und will das alles zudecken mit ein paar Brocken Mitleid und Wohltätigkeit, gewürzt mit frommen Sprüchen.— Der Himmel drückte so schwer nieder, als ob er von Blei wäre. Ja, wenn die Vögel pfeifen und der Himmel blaut, da läht sichs walzen: aber im Winter, da sollte man nicht walzen müssen. — Ich konnte die Fühe kaum mehr heben, und mich fror. Bei Schritt und Tritt rann mir das Schneewasser vom Absatz zu den Zehen und das quiepste, als ob ich in einem Sumpf ginge. Da kam auch noch so ein Wind dazu, dah mir meine paar Fetzen auf die Haut froren.„Du bleibst liegen," dachte ich.„vielleicht liest man dich dann auf und bringt dich auf ein paar Stunden ins Trockene." Und wie ich so daran dachte, da sah ich von weitem einen Schlot rauchen. Das gab mir wieder neuen Mut, und da könnt ich wieder laufen. Es war eine Gieherei, wie ich gleich sah. Kernmacher brauchte man da keine, aber Hülfsarbeiter. Was verschluss? Wenn man so recht im Bruch ist, nimmt man alles an. Man mag ein noch so fixer Kerl in seinem Berufe sein und was auf sich halten: Das kriegt einen rünter. Ich Hab mal einen Käme- raden gehabt, einen Dreher. Er hatte noch nie was anderes gc- arbeitet als an der Drehbank Ufjb tat sich darauf viel zu gut. „Lieber hungern, als auher dem Berufe schaffen." Na, er hat doch noch einmal bei einem Kanalbau als Tagelöhner bis zu den Knieen im Wasser gestanden. Ich war also kinderfroh, gleich anfassen zu können. Was war ich aber schwach von der Krankheit und der miserablen Hungerwalz! Aber es wird schon wieder gehn, wenn ich nur wieder einmal was rechtes im Leibe und meine Ordnung Hab. Tausend Hoffnungen stiegen in mir auf-- und heut werd ick meiner alten Mutter schreiben, dah ich wieder Arbeit habe und die Walz zu Ende ist. Vielleicht gibts auch bald Platz für einen Kern- macher... Da kam so ein grüner Kerl von Aufseher. Der schaute mrr ein paar Augenblicke zu und merkte gleich,, wie ich schwach war. Da f,ng er an. wie besessen mit den Händen in der Luft herumzit« fuchteln und mit seiner heiseren Stimme zu schreien, wer denn den da— und dabei zeigte er auf mich— eingestellt habe. Der sei ja rein sauber gar nichts, keinen Schuh Pulver wert.„So einer ist doch zu nichts zu gebrauchen— der Mann muh zur Stunde entlassen toerden.— Wir haben doch kein Asyl da für Taugenichtse und Vaganten." Mich trafs wie ein Schlag. Nun hatte ich mich so über die Arbeit gefreut nach den sechs langen Bummelwochen.— nun sollte es wieder nichts sein! Ich sollte wieder aufs neue ins Elend, in Wind und Schnee und Regen, in die Herbergen und Lau>elöcher. Da fahte mich eine Wut, noch viel gröher, als sie mich schon am Mittag gefaßt hatte. Ich wuhte nicht, wie mir geschah. Ich sah nur das grüne Gesicht wie im Nebel, und hörte ihn immer noch schimpfen und fluchen. Da griff ich zu einer schweren Eisenstange und mit einem Wutschrei holte ich mit beiden Händen und aller Kraft nach dem Aufseher aus.— Ein dumpfer Schlag und Schrei— ein schwerer Fall— Rennen und Lärmen.-- Ich stand ruhig da und sah ihn aus einer großen Kopfwunde bluten. Die Stange lag zwischen ihm und mir. Er wurde weggetragen, und mich fahte man. Ich ging mit wie im Traum und vor meinen Augen tanzte alles, wirr und wild, wie Flocken im Schneesturm. An einen kann ich mich aber noch ganz genau erinnern. Wie der Grüne am Boden lag, rührte er keine Hand, uyd er stand doch dicht neben ihm. Er lachf? nur leise vor sich hin und sah mich an» als wollte er sagen:„Endlich— endlich". Er wird seinen Grund gehabt haben, keinen Finger zu rühren. So kriegte ich meine fünf Jahre weg. Aber ich kann wirklich keinem Tierchen etwas tun. Meine Mutter hatte schon immer gesagt, dem Jungen gehts noch einmal schlecht, er hat ein zu weiches Herz. Man ist doch auch ein Mensch? — Aber was wissen denn die davon, dah man ein Mensch ist! Na, adiö, ich muh gehen, bevor's ganz Nacht wird." Er bot mit seine breite Hand, die die Eisenstange geführI hatte. Es graute mit nicht vor ihr.,., Kleines feialleton. Allerlei vom Regenschirm. Das alltägliche Gcbrauchsgerät, zn dem in diesen trüben Regentagen ein jeder seine Zuflucht nimmt, der Regenschirm, blickt auf eine lange Geschichte zurück. Zwar geht seine Geschichte nicht soweit zurück wie die seines älteren Bruders, des Sonnenschirmes, der in den grauesten Epochen ältester Geschichte als Symbol der Macht, des Reichtums und fürstlichen Glanzes eine grohe Rolle spielte, aber die schwarzen Seidenschirme, mit denen wir uns heute gegen Sturm und Regen schützen, können sich doch aus eine jahrhundertelange Ahnenreihe berufen. Um 1600 war der Regenschirm schon in Italien bekannt und von hier auL verbreitete er sich zunächst nach Frankreich. Aber er erfreute sich zunächst keiner allzu grohen Beliebtheit, denn nur mit Widerwillen konnte man sich entschließen, das damals 1,20 Meter lange Ungetüm mit seinen zehn dicken Fischbeinrippen und seinem Gewicht von nicht weniger als sieben Pfund mit auf die Strohe zu nehmen. Zudem war die An- schaffung eines Schirmes eine wichtige Angelegenheit; für 50—60 Frank erstand man ein Familienmöbel, das von Geschlecht zu Ge- schlecht sich forterbte. An dem massiven Griffe befand sich ein großer Messingring, an dem man den Schirm am Arme tragen konnte, aber in der Regel pflegte man ihn doch mißmutig unter den Arm zu nehmen. Erst unter der Herrschaft Ludwig XIV., im Jahre 1710, unternahm es ein findiger Kopf, das unhandliche Gerät zu verbessern. Er konstruierte einen zusauimcnlcgbarcn kleinen Regenschirm, der nur fünf bis sechs Unzen Gewicht hatte und in einem Etui verschlossen getragen werden konnte. In einem langen Erlaß gewährte Ludwig XIV. dem Fabrikanten ein fünf- jähriges Monopol auf seine Erfindung. Vierzig Jahre später legte ein gewisser Navarre der Akademie eine Verbesserung dieses Schirmes vor, einen regelrechten Stockschirm, wie er auch heute noch zuweilen gebraucht wird, bei dem der zusammengerollte Schirm in ein hohles Rohr geschoben ist. Mit diesen verbesserten Geräten machten sich die Pariser schon eher vertraut. Die vornehmen Stände freilich verhielten sich ablehnend.„Die mit dem vulgären Volk nicht verwechselt werden wollen, lassen sich lieber nah regnen, als dah sie mit einem Schirm auf die Straße gehen und damit dokumentieren, dah sie kein Gefährt ihr eigen nennen." Da es aber viele dieser Leute gab, so kam man bald auf die Idee, einen öffentlichen Regenschirm dien st einzurichten. In dem Jahre 1769 erhielt auch eine Kompagnie die Genehmigung zu einem solchen Unternehmen. Hierbei freilich handelte es sich in erster Linie um Schutz gegen die Sonne und erst allgemach kam man dazu, die Einrichtung auch für den Regen zu benutzen. Der Pont Neuf war die erste Wirkungsstätte; an beiden Brückenenden standen die Angestellten mit ihren Schirmen, für zwei Liards, etwa 2 Pfennige. mietete man einen Schirm, den man dann nach Ucberschreitung der Brücke am anderen Ende wieder abgab. Aber auch die Polizei- behörden lvendeten die Aufmerksamkeit dem Probleme des Schutzes gegen Wind und Wetter zu. Am 14. September desselben Jahres konnte man an den Pariser Straßen eine neuangeschlagene Ver» ordnung lesen. Da war alles genau bestimmt,„diese Schirm» fuifdjer" tnußien sich ordnungsmäßig Bei der Polizei melden, eine Lift« wurde angelegt und jeder Schirm erhielt eine Kummer. Aber auch des NachiS standen sie den Stras�npagante» zur Verfügung, sie trugen der Borschrist gemäß eine Laterne. Die Polizei lieferte die Parapiuies. Jnzwisckc» hatte der Schirm bereits seinen Er- eberungszng nach England angetreten, wo er seit 1Ü4L bekannt wurde. Aber erst allgemach verbesierte man ihn soweit, daß mit seinem Schutze nicht auch«ine Plage verbunden war. Zur Revo- lutionszeit wo reu die Leder- oder Wachstuch schi me so gut wie völlig verschwunden, Seide und Stoffe bildeten fortan seiu Dach und als ZU Anfang des 19. Jahrhunderts das Kischveiugerüst dem Eisen wich, waren die Gegner des Schirms bekehrt. Hygicsisches. Was können Mütter bei englischer Krank- Hcit tun? Wenngleich bei der englischen Krankheit(Rachitis), die sich durch eine Weichheit und dadurch entstehende Verkrümmung der Knochen äußerlich kenntlich macht, der Arzt in erster Linie seine Maßnahmen zu treffen hat, so können doch auch die Mütter von frühaus das Ihrige gegen die Eutstehung dieses Leidens tun. Pro- fessor Siegert steht nach seinen Ausführungen in der„Deutschen Medizin. Wochenschrift" auf dein Standpunkt, daß Erblichkeit, llebersütterung und alle die normale PluiDudung beei nträchi igenden itiant&ctlcn für die Entstehung der Rachitis in Frage kommen. Eine schlechte, an Sonne und Wärme, Luft und Licht arme Wohnung kann infolgedessen die Wirkung dieser Ursachen erleichtern nnb bildet überhaupt die Vorbedingung einer jeden Krankheit der Säuglinge und Kinder. Die Mütter haben daher die Pflicht, für Licht und frische Luft, für Z9ärme und Sonnenschein»ach Kräften Sorge zu tragen, wenngleich auch die Ernährung mit eine Haupt- fache ist. Ferner handelt es sich um eine richtige Bekleidung der an englischer Krankheit leidenden Kinder, denn sie geroten sehr leicht in Schweiß, was ein Zeichen dafür ist, daß sie einer starken Wärmeabgabe dringend bedürfen, und um so mehr, als sie sich, da sie in der freien Körperbewegung sehr beschränkt sind, infolge Ei- weißüberfütterung der im-liebermaß gebildeten Wärme kaum zu entledigen wissen. Statt diese Kinder zum Schutz vor Erkältungen wegen der Schweiße in Wolle einzuparken, sollten ihnen die Mütter die leichteste Wäsche und Kleidung geben und als Unterkleidung am besten nur ein weitmaschiges Netzjäckchen verwenden. Das Steck- kissen ist bei rachitischen Kindern von großem Uebel, denn sie sollen nicht viel herumgetragen werden, und es ist ihnen außerdem viel zu warm. Da? Lager muß nachgiebig und hart sein, aus Seegras oder Rotzhaar bestehen und ein flaches Kopskiffen Hadem damit sich das Hinterhaupt nicht zu sehr verändert. Die Weichheit der Knochen und die wegen der schlaffen LRuskulawr nachgiebigen Ge- lenke warnen vor einem vorzeitigen Sitzen, Qekjen oder stehen. Das können sich alle Mütter merken, deren Kinder au englischer Krankheit leiden. MediziuischeS. Die Erfolge der Hundwutschutzimpfung. Im Jahre 1S0S find in der Schutzwutabteilung des königl. Jnstituis für Infektionskrankheiten zu Berlin b34 Personen noch dem Verfahren Pasteurs gegen Hundwut geimpft worden, und dabei war bei den regelrecht durchgeführten Impfungen nur ein Todesfall zu ver- zeichnen. Seit Errichtung des Instituts im Jahre 1898 find 2790 Personen behandelt worden und von diesen nur 24 gestorben; 6 von letzteren muffen noch in Abzug kommen, weil sie vor Beendigung der Behandlung erkrankten, ferner sind 8 auszuscheiden, die 2 bis 2M: Wochen nach Beendigung der Behandlung erkrankten, wo die volle Wirkung der Schutzimpfung noch nicht eingetreten war. Die Gesamtsterblichkeit der Behandelten betrug demnach bloß 9,43 Proz.. ein recht günstiges Resultat, da fast alle Behandelte von sicher tollen oder tollwutverdächtigen Hunden gebissen worden waren. Auch im vergangenen Jahre wurde bei 67 Proz. der Behandelten die Tollwut des Verletztenden Tieres sicher festgestellt. Bei 57 Proz. der Behandelten erfolgte die Verletzung an unbekleideten Körperteilen. was natürlich ungünstiger ist. Nur bei 18 Proz. der Behandelten war die Wunde innerhalb 24 Stunden nach der Verletzung geätzt, gebrannt oder ausgeschnitten worden. Alle Schntzgeimpften werden noch eine sehr lange Zeit nach Ablauf der Behandlung auf ihren Gesundheitszustand kontrolliert. Seit 1961 hat die Zahl der Ge> impften ständig zugenommen, sowie auch die Zahl der zur Unter- suchung eingesandten Tierköpfe, doch ist daraus nicht auf eine Zu» nähme der Hundswut selbst zu schließen, vielmehr ist nur die Be- Handlung populärer geworden. Was die Verletztenden Tiere an- langt, so bandelte es sich im letzten Jahre um 94 Proz. Hunde. 2.6 Proz. Katzen. 1,4 Proz. Kühe, 6,9 Proz. Pferde. Fünf Personen hatten sich an Menschen selbst infiziert. Nur bei einer geringen Zahl der Verletzten war die Wunde vorher örtlich entsprechend be- handelt worden, weil sie entweder für zu unbedeutend gehalten wurde oder weil man gar nicht daran gedacht hatte, daß das be- treffende Tier wutkrank sei. Nach den im Institut für JnfektionS- krankheiten vorgenommenen Untersuchungen sind Chlorkalk-Soda- lösung sowie Essig Mittel, die, mit Hundwutgift zusammengebracht, dieses mit Sicherheit abtöten. Die Schutzimpfung muß möglichst sofort eintreten, glücklicherweise dringt auch die Ueberzcugung vom Nutzen der Impfung in immer weitere Kreise. Durch Untersuchung der Gewebe ist das Institut schon innerhalb weniger Stunden in der Lage, die Diagnose auf Hundwut zu stellen, dies wird den Be- lörd.-n, den Bezirk?» sowie den Tierärzten mitgeteilt und die Ce- biffcnen veranlaßt, die Behavdluug des Jnftstuts aufzusuchen. Ans der Vorzeit. Prähistorisches Feuer. Es steht fest, daß auf der ganzen Erde kein Menschenstamm gesunde» worden ist. der nicht das Feuer besessen hätte. Es ist- sicher eine der ältesten Er-\ findungen oder ErweAbiuige» der Menschen, und heute wissen wir, daß seine Kenntnis schon in die paläolithische Zeil zurückreicht und seitdem sich ohne Unterbrechung fortvererbt hat. Der dänische Prä» Historiker Dr. Georg Saraiuo hat unsere Kenntnisse auf diesem Gebiet in den Annaleu des belgischen archäologischen Kongresses zusammengefaßt. Der..Globus" gibt folgenden Auszug daraus: Daß der prähistorische Mensch der Rcnntierzeit Feuer besessen habe, ist schon seit längerer Zeit bekannt; Beweis dafür sind die Holz. kohlen und Feuerstätten, die man mit den Artefakten zusammen in den Höhlen der Vezäre, Dordogne usw. gefunden hat. Unter den verschiedenen Arten, Feuer zu erzeugen, scheint nicht das Reiben«der Bohren von zwei Hölzern die älteste gewesen zu sein, sondern das Aneinanderschlagen von harten Steinen, und hierauf weisen auch t; in großer Anzahl festgestellten Funde hin. Aus» schlaggebend ist dafür das Znsammenvorkommen von Knollen aus Pyrit(Schwefelkies) und Feuersteingcräten von besonderer Form, deren Abnutzung deutlich zeigt, daß sie als Schlagsteine gebraucht wurden. Dafür führt Sarauw eine große Anzahl Belege aus verschiedenen Ländern, zumal aus Skandinavien und Norddeutsch» land an, die durch die Steinzeit in die Bronzezeit reichen, wo man sogar Funde gemacht hat, bei denen der Schlagstcin aus Feuerstein noch durch Rost mit dem zugehörigen PyritknoLen zusammen» gekittet ist. Die einzelnen in Gräbern gefundenen Pyritknollcn zeigen deutlich Gebrauchsrilleu. Bon besonderem Interesse ist ein Feuerschlagstein, der etwa zu Beginn unserer Zeitrechnung in Nordcuropo aufkommt und zu Hunderten sich in den Sammlungen befindet. Es sind dies Ouarzite von länglicher Form, die mit Stahl geschlagen wurden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden (neben Schwefel Hölzecu) Stahl, Stein und«schwamm noch benutzt zur Feuererzcugung. Dann kam die Herrschaft der schwedischen Zündhölzer, die heute schon in Jnneraftiko benutzt werden. Notizen. — Theaterchronik. Detlev V. Lilie neronS Drama „Die Rantzau und die Pogwisch" wird feine Unmffübnmg ain 21. im Friedrich-Wikhelnlstädtischen Schauspielhaufe erleben. — Vom gleichen Theater wurde da? vieraktige Lustspiel von HaaS LÄrronge.Im Banne des Weiblichen' angenommen.— Die japanische Schauspielerin S a d a D a kk o will in Berlin ein Gast» spiel geben.— Ein englisches Theater, auf dem zur Ab» wechselung englisch gesprochen werden soll, beabsichtigt die Schau» spieterm Meto Illing in Berlin zum Herbst zu eröffnen. — Kuustchronik. Die diesjährige Ausstellung der S e» zession, die am 11. April eröffnet wird, soll eine Reihe bisher unbelonater Bilder Leibls enthalten. — Der my st erlöse Urlaub. Der Direktor der Rational» galerie Dr. v. T ich udi hat auf höhere Anweisung einen ein» jährigen Urlaub nehmen»uiffen. Die Gründe dieser gänzlich un» motivierten Maßregelung habe»! wir bereits dargelegt. Sie sind in dem preußischen«ysten, zu suchen, wenn anders diese Willkür« Wirtschaft noch System zu nennen ist. In leinein Lande der Welt, in dem eine halbwegs verantwortliche Regierung besieht, würde ein Minister 24 Stunden eine solche Brüskierung der öffent» lichen Meinung überleben. In Preußen freilich steigt und befestigt sich ein Minister durch solche Taten. Da mau offiziös den nackten Tatbestand nicht zuzugeben wagt— ein früher am Hofe gelesenes Blatt deutet auf unliebsam vermerkt« Aeußerungen Tschudis über die englische Modeausstellung hin— so versucht man sich in Berduirlelungen. Die„Nordd. Aug. Ztg.' bringt es fertig, Tschudi über den grünen Klee zu loben und— von der notwendigen Stärkung seiner Gesundheit zu faseln. Di« Privat» ansichten des Königs von Preußen über Kunst sind also in Preußen entscheidend über das Lo« von Leuten, deren Verdienste im In« und Auslände von allen Sachverständigen anerkannt werden— sogar von dem offiziösen Rcgierungsorgcme. — Ei« Verein deutscher Dramatiker ist in Berlin begründet tvorden. Er will die Interessen seiner Mit» glieder wahrnehmen, ist also eine wirtschaftliche Vereinigung höheren Grade«, wie sie in Frankreich soivohl für die dramatischen wie die Nomanautoren schon länger besteht. — Heinrich von Kleist wird bei Gelegenheit zwar gern zitiert, aber erscheint sonst den Tonangebenden so»nbelrächtlich, daß man seine Grabstätte am Waimsee im Drange des Geschäfts der Bodenspekulation auf ein Haar geopfert hätte. ES bedurfte dann erst erheblicher Anstrengungen, um dem Dichter seine letzte Ruhestätte zu erhalten, indem da? Grab in Reichsbesitz übergeführt wurde. Die Gemeinde Wannsee hat jetzt die Verpflichtung übernommen, die Stätte in würdigem Zustande zu erhnlten. — Briefe Michelangelos wurden in einem Florentiner Archiv entdeckt. Sie find an den Vasari gerichtet, den Biographen der italienischen Künstler. ES sollen 68 Stücke sein, die bisher ün» bekannt waren. Perantw. Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,