Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 59. Dienstag, den 24. März. 1908 (Nachdruck oerdotcn.) 0] Proletarier. (Bilder aus dem Leben der Letzten.) Von Christen Bundgaard. Autorisierte Uebersetzung von Ida Anders. Eines Abends, als der Knabe schon lange zu Bett ge- hangen war, erwachte er, weil jemand durch den Stall nuschelte. Eine Hand tastete an der Tür und der Landstreicher trat ein. Er setzte sich aus den Bettrand und griff auf der Decke hin und her.„Bist Du zu Bett?— Ja, ja— hier liegst Du gut!" Er drängte sein Gesicht dicht an das des Knaben unter der Decke, und aus seinem Halse drang eine dampfende Faul- nis aus den schmutzigen Eingcweiden. Er suchte nach irgend etwas. „Gib mir Deine Hand.— So." Cr nahm des Knaben Hand zwischen seine feuchten Finger.„Es ist kalt draußen. — Hu— u!— Und nun sitzt er die ganze Zeit draußen bei mir. Wer? Ter Mann mit den Glasaugen. Ich habe ihn lange gesehen. Er stand des Abends, wenn die Leute zu Bett gegangen sind, dort an der Ecke des Gartens, aber dann kam er immer näher. Und in den beiden letzten Nächten ist er ganz nahe gekommen und hat sich dicht neben mich gesetzt,— lU— hui Du hättest ihm nur so gerade inS Gesicht sehen sollen. Wer meinst Du wohl, ist es?... So, halt meine Hand fest. ... Das Stroh ist immer naß vom Blut, wo er gesessen hat... schleimiges Blut. Er saß da, als ich hineinging, und er sitzt und rvartet darauf, daß ich zu ihm zurückkomme. Denkst Du, ich habe Angst im Dunkeln, was? Nein, darauf kannst Du schwören. Die Gestalt soll sich noch vor mir zeigen, vor der ich zittern würde. Ich bin ja immer meist im Dunkeln herumgegangen, und mir ist am wohlsten in der Nacht. Aber da ist doch etwas... wenn ich mir die Last einmal obwalzen könnte.... Lieg still, dann sollst Du es erfahren. ... Aber Gott sei Dir gnädig, Junge, wenn Du einmal einem Menschen gegenüber den Mund auftust... aber es ist so hart, immer allein damit herumzugehen...- Denn dann kommt das Blut in den Heuschober, und dann... sieh. Tu kannst sehen, wie es in Streifen das Fenster herabrinnt. ... Aber ich habe ihn nrcht geschlagen, ich nicht! Das war Karl Gustav, und das war der Careaukönig, der die Frau schlagen mußte— Hu— u, was die für Schläge kriegten, Du hättest hören müssen, wie sie brüllten, die beiden Alten! Aber was ich sage ist wahr!... Ich und Christian KulleruP, wir haben erst auf sie eingchauen, wie sie tot waren. � Aber Christian KulleruP kommt in die Patsche, wcnn's einnial entdeckt wird, paß auf! Oh, ja ja,... nun ist's heraus! Deshalb hat mir immer das Blut zwischen den Fingern gesteckt. Sieh mal, wie sie davon zusammengekleistert sind. Ich habe heute zwei Flaschen Branntwein getrunken. aber mein Kopf ist klar.-- Sieh mal,... wenn ich fertig sein will, dann fasse ich meinen Hals mit beiden Händen... so....Und u...r...rr... dann fällt die ganze Welt vor meinen Augen in einen Klumpen zusammen. Sieh mal, ich kann mir den Bart ausrupfen und das Haar... als ob eine tote Katze auf dem Felde liegt, der die Haare ausfallen. Ich bin tot, aber ich gehe und spuke.— Jetzt gehe ich zu ihm in den Heuschober hinaus.— Gute Nacht, mein Junge... hörst Du... ich sage gute Nacht! Und jetzt siehst Du mich nie mehr! Ich verstecke mich, und wer mich findet, kann mich nicht wieder erkennen. Denn keiner hat mich gesehen. Ich habe immer des Nachts gelebt. Und nachts ist es dunkel, und die Menschen sehe« die nicht, die draußen in der Nacht leben." „Der Landstreicher ist weg", sagte Bauer Lars am nächsten Morgen.„Hat einer von Euch was von ihm ge- sehen?" Nein, keiner hatte etwas von ihm gesehen, und der Mann erklärte, es sei gut. daß man es nun nicht mehr nötig hätte, den erbärmlichen Menschen vor Augen zu haben. Aber bei Bauer Lars beschäftigte der Landstreicher die Leute doch noch eine Weile lang. Die Weiber meinten, ihn im Kuhstall gehört zu haben, wenn sie melkten. Lars schalt: sie ihrer Torheit wegen aus: aber eines Abends, als er selbst spät nach Hause kam, begegnete er an der seinen Hof um- zäunenden Hecke einen Menschen, der sich die Mauer entlang an ihm vorbeidrückte, ohne ein Wort zu sprechen. Und eines Nachts envachte er, und meinte deutlich, jemand in den Stuben herumgehen zu hören. Er wagte nicht aufzustehen, aber am anderen Morgen, als mau nachsah, waren alle Türen ganz ordentlich verschlossen und nichts zu entdecken. Lars erzählte nichts von dem, was er gehört hatte: eZ mußte ja ein Irrtum gewesen sein: aber ein paar Nächte darauf hörte er, daß da draußen im Hofe dreimal mit dem Pumpenschwengel aufgeschlagen wurde, und als des Morgens die Rede darauf kam, hatten die Mädchen unten in ihrer Kammer genau dasselbe gehört. Nun begann es unheimlich zu werden. Die langen dunklen Nächte hatten genug merkwürdige Laute und schwarze Schatten: es war also kein Wunder, dasj die Leute Furcht bekommen konnten. Der Kleinknecht riß die Augen auf vor Schrecken, wenn er auf den Heuboden hinauf sollte. Die Knechte gingen des Abends nicht gern in die Stadt oder in die AuSmärkerhöfe« wenn sich ihnen nicht mindestens mehrere anschlössen. Und den Weibern steckte das Kreischen ini Halse bereit, sobald sie von der erleuchteten Braustube aus nur eine Tür nach dem düsteren Hofe zu öffneten. Selbst Bauer Lars war unbehag- lich zumute. Aber draußen in der AnSgedingerstube wohnte„der. Alte". Auch er hatte niit seinen alten Ohren etwas von den Spukgeschichten auf dem Hofe erhascht. Er saß an den langen Abenden und hörte zu, wie die alte Fichte sich an der Haus- wand rieb, während die langen Weiden einander um die Ohren peitschten und schrien. Dann schlich er in seiner Einsamkeit hin und her und philosophierte. Aber eines Abends spät blieb er wie gebannt am Giebel- fenster stehen und starrte in ein Gesicht, das er hinter der untersten Scheibe erblickte. Ein Gesicht mit schrecklich wilden Augen und Strohs- Halmen in Haar und Bart. In dieser Nacht schlief der Alte nicht. Auf dem Boden seiner Truhe hatte er ein paar Mark liegen, und er lag parat, um bei dem leisesten Geräusch Hülfe! zu schreien. Aber am nächsten Tage dachte Bauer Lars ernstlich daran, mit der Polizei über diese Verhältnisse Rücksprache zu nehmen. Dazu riet auch der Ortsschulze. Denn, sagte er, der Schreck kann von einem auf den anderen überspringen. Und auch im Orte, sagt man. ginge es merkwürdig zu. Die Kinder schreien, wenn sie im Dunkeln allein bleiben. Und die Leute scherien ja den Hof zur Nachtzeit. Aber nachdem die Spannung derart den Höhepunkt er- reicht hatte, beruhigten sich die Gemiiter wieder. Die ganze Spukerei flaute allmählich von selbst ab, und die Leute ge- langten sogar zu der Ansicht, daß der ganze Spektakel auf. Ueberspanntheit und Weiberangst zurückzuführen sei. Um die Weihnachtszeit wurde die Geschichte fast mit keinem Wort mehr erwähnt.... Und in den langen Nächten des Januar konnte sie nur noch in irgendeiner düsteren Knechtskammer gelegentlich aufs Tapet kommen. Anders Tinge beschäftigten die Gemüter. Der Winter ging zu Ende und die Leute begannen, in ihren Stroh- und Heuböden auf den Grund zu kommen. An einem Märztage stand der Kleinknecht des Bauern oben und warf Heu in den Futtergang hinab, wo Lars selbst es auffing und dem Vieh einschüttete. Der Knabe steckte seinen Arm unter das Dach hinein, wo das Heu immer etwas ein- sinkt, wenn es eine Zeit lang gelzgert hat— aber er riß ihn schnell wieder zurück. „Ich glaube, da ist ein toter Iltis", rief er.„Ich bin an was herangekommen. Und es riecht so abscheulich!" „Dann greif doch'rein und wirf es'raus!" Du« kannst es doch wohl anfassen", antwortete Lars aber. La ist heruntergerutscht, und Las Tote skecht so tief drin... nu spür ich's... aber ich glaube, es ist ein Bein von einer Kuh— wie ist das hier heraus- sekommen?" Bauer Lars stand einen Augenblick und wartete. „Was sagst Du da?" Cr bekam keine Antwort, und er sagte wieder etwas oder wollte wieder etwas sagen. Da blickt er Plötzlich in die Höhe — und da steht der Junge— aber so hatte Bauer Lars noch nie einen Menschen gesehen. Cr spreizte die Finger aus, und an ihnen klebte, wieder abgerieben so gut es ging, schleimige Menschenbaut. Der Mann blickte ihn au und begriff in einer Sekunde, was er gefunden hatte. Und er rief nach den Knechten.— Und als sie mit der Forke hinaufkamen und das Heu beiseite räumten, fanden sie, gegen einen Sparren ge guetscht, einen toten Menschen. tFortsetzung folgt.) Hus den Berliner Kunftfalons» Von E r» st S.ch u r. Die letzte Ausstellung des Salons C a s s i r e r gilt Vincent van Gogh ch der augenblicklich das besondere Interesse auf sich zieht, da er am weitesten der gegenwärtigen Eulwickelung der Malerei voranzsckiritt. Sein Einfluß ist überall zu spüren. Er ging über Monet und Man et hinaus. Der JmpresfionisinuS war ihm zu schwächlich. Er verlangte wieder nach Kraft und persönlicher Eigen- ort. Die Sehnsucht, groß und dekorativ zu wirken, veranlaßtc ihn, den Eindruck aufs schärfste zu markieren. Die Freude an der Linie. die Freude an der Farbe ließen ihn die Natur so prägnant wieder- geben, so den Eindruck konzentrieren, daß man meint, er habe seine Tube genommen und die Farbe auf die Leinwand ausgequetscht. So materiell wirkt sie. Man kann daS Werden seines Stils in vier Etappen verfolgen. Mit dunklen, mattfarbigen Stilleben, nach Art der Holländer, braun in braun, beginnt er. Dann erwacht das Gefühl für die Farbe in ibm. Femtarbige Landschaften, blühende Bäume, ein Damenbildnis. DaS Ganze noch ruhig und flächig, noch von einem matten Schleier überzogen. Helligkeit zieht immer resoluter ein. Er wird Pointillist. Er zerlegt die Flächen. Immer schärfer tritt die Farbe und die Luft heraus. In dieser Weise malt er kleine, unscheinbare Natur- ausschnitte. Ein Getreidefeld. Ein Mädchen mit Blume. Bis dann immer stärker das Streben hervortritt, mehr als diese tifteligen Farben zu geben, das Eindrucksvolle, Großflächige, Dekorative. Dies ist sein vierter Stil, seine eigentliche Art. Und so malt er den prachtvollen Bauernstuhl auf dein roten Stein- boden, daS Schlafzimmer mit dem gelben Bett, den roten Stühlen, dem blauen Vorhang, den blauen Briefträger, den roten Leutnant, die wie lebendig sich schlängelnden JriSblüten vor hellem weißlichem Hintergrund, die schwere Mittagsruhe der Arbeiter auf dem gelben Felde unter tiefblauem Himmel. Wie blau ein Himmel ist, wie gelb ein Getreidefeld, daS fleht man erst bei van Gogh. Darum wirken seine Bilder mit der elemen- taren Macht der Natur. Figuren und Landschaften sind in Linien und Farbe hingeschrieben wie wuchtige Ereignisse. Eine große Kollektion französischer Meister der Vergangenheit führt in die Zeit vor van Gogh. Erst die Maler, die die Holländer nachahmten: Duprö, Rousseau, Diaz, Troyon. Braune Farben, weich und dunkelnd. D a u b i g n y, kräftig sich heraus- hebend. B o u d i n fällt auf mit grausslbernen Städteansichten, die leicht und graziös gemalt sind, Städte an Flüssen und Ufern. Dann Corot mit tonschönen Ausschnitten, Büsche, die leicht und filbrig schimmern. So gelangt allmählich die Natur zu ihrem Recht; die braunen Farben verlieren sich. Helles Grün. In moderner Ucbertragnng ähnelt Sisley Boudin; er hat auch dieses grausilberne Flimmern, nur lockerer. Dann Monet mit einer zarten Schneelandschaft. Ans grauweißen Flächen nur hier und da kahle Bäume und graue Häuser aufragend. Unter den Porträtisten ist Renoir zu nennen, der in weichen, blauen und blonden Nuancen ein Kind malt, mit einer Süße und Delikatesse, die echt französisch ist. Von D e g a s eine fitzende Dame, in rotbrmmcm Kleide auf graueni Diwan, zart und in der Linienführung und Flächenverteilung groß. Eine bciondere Gruppe bilden Whistler, Becnard und R a s f a ö l l i, bei deren Art sich schon eine gewisse Koketterie der Mache zeigt. Diese Japanerin in graurosa Milieu, diese.Badenden" mit der weichlich-flauen Luft über dem Wasser, diese Straße, der eS an Charakter fehlt, wirken in dieser Umgebung schon zum Teil manieriert. Weiter zurück führt Delacroix, der mit einem kleinen Bildchen hier vertreten ist; eine phantastische Szenerie, zwischen Felsen leidtragende Männer, feierlich wirkend. Nack Deutschland führt Chr. Rohlfs, der mit Absicht und Bewußtsein sich dem Pointillismns verschrieben hat. Aber was bei van Gogh echt wirkt, ist hier überlegt und ohne Temperament. Die Farben schmettern. Es scheint, als ob Feuer lohen. Das Ganze aber wirkt nüchtern und berechnet und so fehlt daS einzige, waS diese Extravaganzen rechtfertigen könnte: das Temperament, die Persönlichkeit. So gibt diese Ausstellung wieder einen interessanten Ueberblick über lebendig wirkende Tendenzen der modernen Malerei, in der Gegenwart, wie in der Vergangenheit. » Dieselbe Bemerkung macht man bei Erl er, dessen Wandbilder aus dem Wiesbadener Festhaus im K ü n st l e r h a u s ausgestellt sind. Die Intelligenz herrscht vor, das Ueberlegen. Das Tempera- ment fehlt. Schon in der Farbenwahl spricht sich das aus. Erler bevorzugt ein kühles Grau, ein kühles Gelb, ein kühles Schwarz. In der Art, wie er dabei den dekorativen Flächenstil wahrt, ist zweifellos ein starkes Talent zu erkennen. Mit sicherer Hand führt der Künstler seine Absicht bis zu Ende durch. Er erreicht damit den Eindruck des Bewußten, Klaren, und das wirkt in der Zeit der vielen Versuche und wenigen Vollendungen angenehm. Diese kühle Farbigkeit tut dem Auge wohl und speziell, wenn die richtigen Fernwirkungen hergestellt werden(hier hängen die Bilder zu nah, wenn auch der Saal in schlichtem Weiß sonst passend dekoriert ist), wird der Eindruck groß und ruhig sein. Vorausgesetzt, daß die Umgebung, die Architektur des Saales dazu paßt, was dem Vernehmen nach nicht der Fall sein soll, so daß sich notwendig ein Mißverbälmis ergeben müßte. Erler scheut auch nicht vor linearen Konsequenzen zurück, um den Ausdruck zu erhöhen. In manchen Bewegungen, die übertrieben, eckig und gewaltsam sind, spricht sich das Gefühl für Charakteristik in der Linie au-Z. Erler weiß, daß solche unterstrichenen Nuancen gut wirken; sie führen aus dem Niveau der Naturnachahmung heraus und bringen die Erscheinung des Motivs lebendiger heraus. Erler scheut nicht vor Stilkonsequenzen; manchmal gibt er reine Silhouetten- Wirkung. Die vier Jahreszeiten sind dargestellt. Speziell der Sommer hat etwas Freudiges, Lichtes und gefällt durch die Ungezwungenheit in der Szene der Badenden. Er hat auch in den Farben eine weichere Schönheit. Im ganzen hat Erler auch das gefühlt, daß das Wandbild nicht zu viel verwirrendes Detail baben darf. Dem- entsprechend hat er die Figurenanzahl beschränkt, so daß auch im Vorgang immer Klarheit herrscht. All das ist fein bedacht. Und streng vermeidet eS Erler, körperlich, räumlich zu wirken. Und wenn man sich nun einen Saal denkt, passend zu diesen Farben, hell und licht, oder auch dunkel ler muß nur richtig abgestimmt sein und ruhige, große Flächenverhältnisse haben), dann wird die Eigenart dieser Arbeiten sich besser zeigen. ».» Wie sehr Erler Neuland beschritten hat, steht man an den Bildern Hendrichs, der bei Keller u. Reiner ausstellt l Auch er strebt große Kunst an. Aber er bleibt im alten, romantischen Schema stecken I Cr malt„Stimmungsbilder zu den Richard Wagnerschen Toudramen". Und er zeigt damit an, woher er kommt: von der Bühne. Und wenn auch der sonst feinsinnige Oskar Bie im Vorwort des splendid ausgestatteten Kataloges beteuert, daß diese neuere Kunst Hendrichs sich von der Bühne entfernt und da- durch eigene Werte gewinnt, so glaubt man daS nicht recht. Der Wille dazu mag vorhanden sein. DaS Resultat bestätigt eS nicht. Wohl mag man zugeben, daß Hendrich fich verfeinert hat und daß die Wirkungen ruhigere, ausgeglichenere geworden sind, daß das Rohe und Grelle verschwunden. Aber im Grunde bleibt seine Kunst eine äußerliche, eine Stimmungsmacherei und die germanische Verbrämung schafft den Werken keine Größe. Zu einem Böcklin fehlt Hendrich, der auf denselben Pfaden wandeln möchte, so gui wie alles, und vor allem die formale Größe, die Technik. Für Böcklin war der Stoff ein Mittel; Hendrich bleibt in ihm stecken. Merkwürdig schwächlich wirken oft diese verwaschenen Konturen und undeutlichen Flächen, die nur künstlich diese Form gewonnen haben. Jedes Detail ist vermieden, aber keine Größe gewonnen. Ein Ncbclmeer hüllt diese Farben ein, eS soll dadurch vielleicht das Urniythisch-Nebelhaste angedeutet sein. Dann hat Hendrich eine Vorliebe für Blauviolett, und daS gibt, da er gerne die Hügel und Berge verdämmern läßt, der Landschaft etwas Flaues, Gemachtes, Künstliches. Und wenn er dann noch gelbe Abenddämmerung am Himmel aufleuchten läßt, dann sind die Bühneneffekte fertig und der Künstler wendet fich ab. Am schlimmsten aber wirken solche Stoffe wie«Siegfried unter der Linde" oder«Der Drachenkampf", wo, um daS Schaurige jn versinnbildlichen, rote und gelbe Fluten durch Nebel tropfen, ein grünes Schlangcimngehcuer sich wie ein Kinderschreck hervorwälzt und grelles Licht durch düstere Wolken herabblitzt. Effekte, die man in einem billigen Kinderbilderbuch nicht mehr erwartet. Am besten mag man noch«Tristans Tod" finden, wo mir eine Meerszenerie sichtbar ist und oben aus dem Felsen ein Hirt sein Lied bläst. Und«Der Schattenzug mit Siegfrieds Leiche", der nur in dunklen Silhouetten am Felsen fichtbar ist. Im übrigen aber gehört solche Kunst auf die Bühne. Und eS ist damit gar kein abfälliges Uneil ausgesprochen. Wir find heute gewohnt, auf der Bühne befferes zu sehen als früher. Und speziell den Wognerschea Tondramcn täte eine etwas großzüqe Inszenierung gut. So liegt hier für Heudrich ein Gebiet offen, das ihm gehört. Denn ebenso, wie er sicki anregen läßt von den Bühnenvorgängen, ebenso gehört sein Schaffen dorthin. Er hat seinen Werken diesen Stempel selbst aufgeprägt. Unleugbar findet jetzt wieder ein auffälliges Hinstreben zu einem grohen, persönlichen Stil, ein Wegwenden von dem einfachen Natur- Vorbild statt. Auch Richard P i e tz s ch, der bei W e r t h e i m eine bemerlenS- werte Ausstellung hat, strebt dahin. In seinen früheren Arbeiten, Landschaften vom Jsarthal, sucht er auch diesen Stimmungsstil. Er läfit den Eindruck durch sein Gehirn gehen. Er tränkt ihn mit seinem Gefühl. So gibt er der Natur von selbst einen großen, einheitlichen, dekorativen Zug. DaS Detail drängt sich nicht vor. Aber gerade darum kommt der Natureindruck suggesticrt und einfach heraus. Weil Pietzsch echt und lauter fühlt, darum gibt er überzeugende Werke. Dann malte er Landschaften von Wisby und Goitland, und hier kam das Schwermütige, Melancholische der Natur seinem Temperament sehr entgegen. Die weichen, träumerischen Linien der Strandszenericn, die Ausblicke über die See kehren bei Pietzsch oft wieder. Unwillkürlich kommt er dabei zu einem dekorativen Ein- druck, aber nicht aus äußerlichen Gründen, sondern weil er so eigen steht und tief fühlt. Eigenartig sind auch die farbigen Zeichnungen, in denen er alte Bauwerke auf Wisby. Kirchen und Architekt» rinterieurs malerisch fein und zeichnerisch exakt festhält. Auf grauem Grund, mit Grün und Schwarz zart und doch prägnant hingezeichnet und ganz persönlich bei aller Sachlichkeit. Pietzsch erhielt von der Sezession den Villa Nomana-PrciS und er ging nach Italien. Er eignet sich nun bewußt die moderne Technik an, wird farbiger, lockerer in den Tönen: er erzieht sich zum farbigen Sehen. Sehr zum Vorteil seiner Kunst. Er wäre sonst leicht in einer Manier stecken geblieben und das Schwerblütige seines Temperaments hätte ihn immer stärker in Feffeln gc- schlagen. Nun ist er größer, reicher geworden. Italien hat das gemacht. Aber eS ist eigentümlich: er malt Florenz nicht mit der leichten. silbrigen Atmosphäre. Auch hier bleibt er der Eigene, düster und 8roß liegt die Landschaft vor uns. Wohl schimmern tiefere Farben. lnd weicher löst die Luft die Dinge. Aber im Grunde sieht er diese italienische Landschaft mit denselben schwermütigen Augen, wie er daS Isartal sah, wie er Wisby sah. Und darum, weil man nun weiß, daß er zwar über sich hinaus- strebt, aber doch der bleibt, der er ist, auS Wesenszwang, darum können wir gerade von diesem Künstler noch viel erwarten. Er hat das Ucbcrzeugende und Echte der ehrlichen Persönlichkeiten. Im Gefängnis. Von Olgin, Autorisierte Uebersetzung von A, Lampert, Wir hungerten schon einige Tage. Stille herrschte im Gefängnis, Totenstille. Kaltes Grauen schwebte durch die langen Gänge, blickte in die dumpfen Zellen, dämpfte die lauten Stimmen. Noch dunkler und kälter ward es im Gefängnis. Wir hungerten. Stille. Schwärme flatternder Gedanken und fieberheißer Träume jagten durch die Luft, verhüllten das Gefängnis, senkten sich auf die Köpfe und blendeten die Augen mit ihrem flimmernden Glanz. Ein Sausen und Brausen erfüllte die Luft, Türen und Wände schwankten langsam hin und her. Wir hungerten, und die blutjunge Golde hungerte mit uns. Schon zwei Wochen waren es her, daß man sie zu uns gebracht hatte. Sie war nicht ganz gesund, im Frauengefängnis ivar es aber eng und naß, deshalb hatte man sie in unsere Abteilung versetzt. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Auf ihrem Antlitz lag noch der Widerschein der goldenen Kindheit, aber tiefer Schmerz barg sich bereits in ihren blauen Augen. Zart und durchsichtig war ihr Gesicht und eine schwere, blonde Haarmasse lastete aus ihrem Kopf. Und es war, als ob über den Haaren, über der weißen, züchtigen Stirn noch eine andere, größere und schwerere Last ruhte und unaufhaltsam ihren jungen Kopf zur Erde beugte. Sie war stets in träumerisches Nachdenken versunken. Traurig war sie nie, aber sie kannte auch kein lautes Lachen. Wenn jemand von uns ihr durch daS Türfcnsterchen etwas reichte oder ein freundliches Wort zurief, lächelte sie nur mit dem stillen, sanften Lächeln eines kranken Kindes und hing weiter ihren Ge- danken nach. Wenn sie ihre blassen, schmalen Hände ausstreckte, wurden sie ganz von der Sonne durchleuchtet, und silberne Funken spielten im blonden Haar. Uns däuchte, ihre ganze Gestalt sei auS lauter leichten, feinen Strahlen gewebt. Wir hingen an dem kranken Kind mit der ganzen Liebe ein- samcr. von Heimweh verzehrter Menschen. Unsere Zellen schienen uns nicht mehr so dunkel, in unsere» Herzen ward es heller, seit wir sie in unserer Nähe wußten.„Unser Schwesterchen" nannten wir sie vom ersten Tage an. Stets sannen wir darauf, ihr die langen Tage der Haft zu verschönern, ein Lächeln auf ihr durch- sichtige?, bleiches Gciichtchcn-u locken. Unser alier„Philosoph" hing in ihrer Zelle sein einziges Bild auf. welches er bis dahin sorgsam behütet hatte:«Die Madonna", Micha! der Unlcgale*) hatte ein kleines Bäumchen ausgegraben, es in einen Blumentopf verpflanzt und ihr gebracht, und unsc» Gcfängnispoet Joseph hatte ihr ein langes Gedicht gewidmet. •.« Als wir zu hungern beschlossen, dachte niemand von unZ auch nur einen Augenblick daran, sie solle mit uns hungern: sie war krank, und Kranke brauchten sich am Protest nicht zu beteiligen. Sie erklärte aber, sie wolle mit allen zusammen hungern. Der alte Philosoph machte den Versuch, sie davon abzubringen, „Kind, Du bist schwach. Wir sind gesunde, starke Männer, wir können es lange aushalten. Tu aber bist ein zartes Kind. Tu wirst daran zugrunde gehen wie ein trockener Grashalm im Sturm- wind. Du darfst nicht hungern. Wir werden allein alles zu- stände bringen. Du mit Deinen schwachen Aermchen kannst sowieso unsere Kraft nicht um vieles vergrößern. Wir werden noch mehr guten Mutes sein, wenn wir wissen, daß Dir kein Leid geschieht." Sie gab ihm aber keine Antwort, als hätte sie seine Worte nicht gehört. Sie blickte nur mit ihren großen Augen gerade vor sich hin. in eine weite Ferne, in eine unbelaniite, wnndcrersüllte Welt. Abends erhielten wir ein Bricfchen von ihr, schwache, zitternde Züge auf grauem Papier. „Ich werde hungern. Ich bin kein„trockener Grashalm", wie der Philosoph sagte, ich will ein Mensch mit Menschen sein." Wir wollten nach Mitteln suchen, um am selben Abend sie nochmals zu sprechen� aber der Alte schüttelte verzweifelnd den Kopf: „Seht Jhr's denn nicht? Es wird nichts helfen." Er hatte recht. Wir ließen alle die Köpfe hängen, und wie ein schwerer Stein lastete es auf unseren Seelen: wir konnten nicht helfen. Durch die Fcnstcrgittcr blickte bereits die finstere Nacht, **' Wir hungerten den fünften Tag. Sie, unsere Aufseher,„die Natschalstwo", taten, als ob sie von nichts wüßten. Wir— wir hatten zuviel warmes Herzblut unserem Protest geopfert, um jetzt umzukehren. Wir hungerten. Fünstig lebendige Leichen, begraben in sechs finsteren Gräbern. Fünfzig geisteswlrre, gereizte Fieberkranke. zusammengepfercht in ein großes Irrenhaus. Aber Stille herrschte in oiesem Hause, Totenstille... AuS den dunklen Winkeln löst sich langsam eine stumme, blinde Gestalt, sie wächst, sie schleicht über die Gänge, tappt in der Finsternis mit langen, wackelnden Armen umher, gleitet durch verschlossene Türen, umklammert die müden Menschen, preßt sich fest an ihr Herz und saugt mit gierigen, feuchten Lippen ihr warmes Blut.... Unser Gesang war schon längst verstummt. Der alte Philo- oph schleppte sich noch zwischen unseren Lagern hin und her. aber ein Gesicht, umrahmt von schwarzem Haar, war wachsbleich wie das Gesicht einer Leiche. Die übrigen lagen auf ihren Pritschen, erbittert und dem Verschmachten nahe. Baruch der Schneider hatte sein Gesicht zur Wand gekehrt und sprach schon seit zwei Tagen kein Wort. David aus Wilna klagte fortwährend, er friere. wickelte sich fest in den Mantel und zitterte so stark, daß wir alle deutlich sein Zähneklappern hören konnten. Und Joseph, der Dichter, lag im hellen Fieber und redete von Hitze, redete die ganze Zeit, ohne aufzuhören, immer denselben Vers vor sich hin:„AuS den tiefen Tälern, aus den faule» Sümpfen, auS den nasse» Gräben hat sie sich erhoben, ganz in Schwarz gehüllt; ihre Augen— Messer, ihre Haare— Schlangen, ihre Finger— Krallen und ihr Lächeln— Gift"... Unaufhörlich murmelte er mit eintöniger Stimme diesen Vers. Und es schien, als ob er durch seinen Spruch gespenstcr, hafte Wesen heraufbeschwören wolle. „AuS den tiefen Schluchten. auS den finstren Wäldern, aus den gift'gcn Sümpfen kommt sie schnell und hastig; auf die grüne» Felder, auf die jungen Wiesen sät sie schwarze Samen, schüttet gift'ge Körner zwischen weiche Gräser, zwischen duft'ge Blumen.,, AuS den faulen Sümpfen hat sie sich erhoben"... EndloS reihen sich die Reime aneinander, sein starrer- gläserner Blick ist unbeweglich auf einen Fleck gerichtet und seine Verse rieseln gleichmäßig wie Regentropfen.... Golde lag in ihrer Zelle, ein verklärtes Lächeln spielte auf ihren Lippen. Ihr Gesichtchcn war nur ein wenig schmäler, der Hals feiner, der Blick tiefer und verträumter geworden. Die Sonne schien durch das vergitterte Fenster, streichelte leije ihren blonden Scheitel und warf einen warmen Schimmer auf ihren ganzen Körper. Wenn jemand von uns sich verstohlen an ihre Tür schlich und sie fragte, wie's ihr ginge, hob sie ihre großen, klaren Auge», und Freude glänzte in ihrem Blick: „Oh, sehr gut, ich leide gar nicht. Ich dachte, es würdg schlimmer sein." Und verborgener Siegesstolz klang in ihrer Stimme. (Schluß folgt.) ") Ein Ncvoluiionär, der„unlegal", d. h. unter falschem Nan:cn oder mit falschem Paß kcbt. Kleines Feuilleton. Theater. Friedrich Wilhelm städtisches Schauspielhaus: .Die Rantzau und die Pogwisch", Schauspiel von D e t l e v V. Liliencron. Liliencron, der Heide und Meer, Jagd und Krieg und die derbe Weltlust eines unbekümmerten Vagantentums in Strophen von quellend reicher Bildkrast besungen, der gefeierte Lyriker und Balladendichter, dem sich noch heute im Alter jeder flüchtige Eindruck leicht und sicher wie vor Jahrzehnten in„bunte Beute" umsetzt, hat, ehe er die seinem impressionistischen Talente offenen Pfade fand, sich im dramatischen Genre versucht. Lang ist es her und man hätte besser getan, das Vergessene nihen zu lassen. Wie naiv sLiliencron an diese poetische Form, die, schon um ihrer technischen Schwierigkeiten willen, lang anhaltende Konzentration der Phantasie und des Denkens verlangt, herantrat, zeigt bereits seine Erklärung, das; er seine sechs Stücke im Laufe eines Halbjahrs geschrieben. Irgend eine kritisch abwägende Be- sinnung ist bei solcher Arbeitsweise selbstverständlich ausgeschlossen. Er galoppiert darauf los, von Akt zu Akt nelie Leicheuhüael häufend.— im Tempo der Reiterattacken, die er in seinen Versen verherrlicht. Der Jambenrhythmus beflügelt ihn und das Mittel- alter, die schöne Zeit rauflustigen Aufeinanderschlagens, gibt die erwünschte freie Rennbahn. Wer wird sich um psycho- logische Feinheiten mühen wollen, wenn er Szene um Szene die blanken Schwerter so schön klirren lassen kann? Für LiliencronS draufgängerisches Temperament und seine von des Gedankens Blässe nicht angekränkelte Natur sind solche Streiche gewiß charakteristische und mögen auch den Literaturhistoriker inter- essieren. Wer man erweist dem Autor keinen guten Dienst, wenn man da? Publikum damit behelligt. Daß sich das Publikum an diesem Abend nicht gelangweilt haben sollte, ist schlechterdings un- denkbar, aber es war liebenswürdig oder unsclbstSndig genug, trotz allem dem berühmten Namen mit lautem Beifall seine Reverenz zu erweisen. Der Dichter und dramatische Schlachtenlenker konnte mehrmals erscheinen! Eine gänzlich gleichgültige Winkelstreiterei des holsteinschen Adels aus dem fünfzehnten Jahrhundert um die Frage, wer Fürst im Ländchen sein soll, gibt Anlaß zu wilden Drohungen und wilden Taten, aus denen schließlich der Dänenkönig Christian und die Liebe eines treuen Pärchens, das der Zorn der Eltern auseinanderreißen wollte, siegreich hervorgeht. Rantzau, der Vater der holden Heilwig, ist auf der Seite Christians, Pogwisch, der Er- zeugcr des trefflichen Bräutigams, auf der Gegenseite, daher das Unglück! Beides ritterliche, edle deutsche Männer, was nicht hindert, daß jener im Kampfe mit dem einstigen Freunde gelegentlich höchst niederträchtig handelt. Selbst von bloßen Ansätzen zu geschlossener Molivierung, zur Durchführung und Ausgestaltung von Charakteren läßt sich nichts spüren, ja eS wird einen, in diesem Wirrwarr von harnischrasselnden Reisigen schwer, sich an die zufälligen Gründe ihres Zornes überhaupt nur zu erinnern. Ein laut dröhnendes Pathos, zu welchem sich die Schauspieler als Necken hier verpflichtet fühlten, machte ganze Strecken im Dialoge unverständlich. An Liliencrons poetisches Können gemahnte nur hier und da ein Bild, ein Gleichnis. 6t. Freie Volksbühne(im Neuen Schauspielhaus):„Die Kralle." Schauspiel von Henry Bern st ein. DaS Charakte- risttkum der meisten Pariser Stücke, ob ernsten, ob heitern Genres, trägt auch dies Drama zur Schau: weibliche Untreue. Der Dichter zeigt die Verderblichkeit einer auf eine abnorme Ungleichheit des Alters begründeten Ehe. Es muß nicht immer so fem, und ist auch in Wahrheit nicht so, daß ein junges Weib, das an einen hochbejahrten Mann gekettet ist, für diesen den moralischen Ruin bedeutet. Bern- stein deduziert aber so, und wir wollen deswegen nicht mit ihm rechten. Gleichwohl läßt sich ein Schauspiel m,t diesem Konflikt ganz gut ohne politischen Hausrat durchführen. Diese ganzen Er- vrtcrungen über den französiichcn Sozialismus und parlamentarischen wie lokalen Kampf der Parteien sind eigentlich bloß Beiwerk, dekoratives Element sozusagen. Allerdings gibt das einen äußerst wirlsamen, ja wenn man will sensationellen Hinter- grund ab. obwohl es mit der glaubhaften Motivierung bedenklich Hapert. Die mit Temperament und Esprit entrollte Novelle inter- essiert trotzdem, weil brennende soziale Fragen zur Diskussion stehen, deren Beantwortung freilich unterlassen wird. Schließlich hat Bern- stein für einen melodramatischen Ausklang gesorgt,- dem ein effekt- voller Steinwurf nebst blutiger Ministerbacke unmittelbar voraus- geht. Hans Siebert stellte diesen Achille Cortelon mit allen Finessen eines so verliebten, aber auch so unglücklich werdenden Greises dar. Erich Kaiser-Titz als Vincent Leclerc war be- sonders glücklich im Sprechton. Klara G o e r i ck e spielte die un- getreue Frau des alten Cortelon, Mirjam H o r w i tz. mit größerem schauspielerischem Geschick, seine Tochter Anna, die Bildhauerin. o. k. Nuturlvifsenschaftliches. Eine eigentümliche Sinneswahrnehmung der Fische. Daß der Mensch..fünf Sinne" besitzt und daß die Zu- Erkennung eines„sechsten Sinnes" schon etwas über das Natürliche Hinausgehendes darstellt, ist eine durchaus nicht berechtigte An» nähme. Die Wiffenschaft kennt ein wohlentwickeltes sechstes Sinnesorgan für die Empfindung des Gleichgewichts, und Raum und Zeit sind Sinnesempfindungen, wie alle anderen, wenn auch die zugehörigen Organe in weniger abgegrenzter Form entwickelt sind als die für bloße Gesichts- oder Gchörsempfindungen. Im Tierreich finden sich insbesondere bei Wesen, die in der Eni- Wickelungsgeschichte vom Menschen weit entfernt stehen, ganz eigen- tümliche Sinnesorgane, die ihnen Kenntnis von ihrer besonderen Umgebung gewähren und deren Bestimmung und Empfindungs- weise für uns schwer zu enträtseln sind, ja häufig völlig dunkel blc.ben. So finden sich am Kopf und an den Körperteilen der Fische eigenartige Gebilde,„Seitenorgane" genannt, die erst im Jahre 1851 von dem Zoologen Leydig als Sinnesorgane erkannt wurden und seither zu den mannigfaltigsten Deutungen Anlaß gc- geben haben, ohne daß eine endgültige Lösung erzielt worden wäre. Die Berichte der Kgl. Bayerischen Biologischen Versuchsstation in München veröffentlichen nunmehr eine ausführliche Arbeit von Prof. Bruno Hofcr, der auf Grund eingehender Versuche di: Natur der Seitenorgane der Fische erforscht hat. Er hat diese Versuche hauptsächlich an Hechten, jedoch auch an Karpfen, Forellen, Koppen u.a. durchgeführt. Der Hecht bot die weitaus günstigsten Bcobachtungs» bedingungen, weil er in sehr charakteristischer Weise auf verschieden starke Reize reagiert, bei leichten Erschütterungen oder bei Licht- reizen nur den hinteren und unteren Rand der Rückenflosse ein wenig seitlich bewegt, indem er ein Paar Strahlen spreizt, bei stärkeren auch mit dem unteren Rückcnflossenlappen pendelnde Be- wegungcn ausführt und erst bei noch stärkeren die Rückenflosse auf- stellt und Vorbereitungen zum Schwimmen trifft. Wurde nun gegen einen Hecht, dessen Augen durch eine klebende Substanz gc- deckt waren, im Aquarium aus einer Entfernung von etwa einem halben Meter ein feiner Wasscrstrom gerichtet, der weder durch seine Temperatur noch durch seine Stärke wirken konnte, so nahm ocr Hecht sofort die Reaktionsstcllung der Rückenflosse an, auf die bei längerer Einwirkung auch die Merkmale stärkerer Erregung folgten. Wurden jedoch die Seitenorgane ausgeschaltet, was durch Zerschneiden des Scitennervs der Kieferhöhle und durch Zerstörung der Seitenorgane am Kopf ohne Schaden für das Leben des Tieres geschehen kann, so blieb der Hecht gegen einen Wasscrstrom un- empfindlich, solange dieser nicht soweit verstärkt wurde, daß er ihn aus der Gleichgewichtslage brachte. Wenn man bloß die Seiten- organe der einen Körperhälfte außer Funktion setzt, so bleibt die andere empfindlich und umgekehrt. Die Seitenorgane dienen zweifellos dazu, Ströme im Wasser aufzufassen. Sie geben dem Fisch davon Kenntnis, ob er in stehendem oder mehr oder minder bewegtem Wasser schwimmt. Er vermag infolge dieser Organe den geeignetsten Platz zu finden. Wandcrfische vermögen Neben- flüsse auf größere Entfernungen zu merken. Andere Anzeigen, z. B. über Stillstand oder Bewegung des Tieres, den hydrostatischen Druck oder die direkte Berührung fester Körper machen die Seiten- organe nicht. Astronomisches. Der Einfluß der Sonnenflccken auf die Erde. Schon seit geraumer Zeit ist die Frage erörtert worden, ob das Auftreten der Sonnenflecken einen Einfluß auf Naturerscheinungen unseres Planeten auszuüben vermag, und viele Rechnungen sind aufgestellt worden, um einen solchen Zusammenhang zu erweisen. Dabei hat man alle möglichen Dinge in Betracht gezogen, z. B. Perioden großer Hitze oder Kältcschwankungcn des Luftdrucks,' eine Steigerung oder Abnahme des Regenfalls und schließlich sogar die Häufigkeit von Schiffsunfällen, Bankbrüchen und Handelskrisen. Diese Fragen, soweit sie wissenschaftliches Interesse bieten, hat jetzt der Leiter der Stonyhurst-Sternwarte, der Astronom Cortie, aufs neue untersucht. Er ist dabei zu dem Schluß gelangt, daß die Schwankungen in der Häufigkeit der Sonnenflecken, wie sie sich innerhalb einer Periode von 1l Jahren vollziehen, mit dem Regen- fall auf der Erde keineswegs in Beziehung gesetzt werden können. Dagegen gesteht er eine mögliche Verknüpfung zwischen der längeren Periode der Sonncnflecken, die 33 Jahre umfaßt, mit der angenommenen Periode der Luftdrucksschwankungen von 32 Jahren zu, hält aber zu einem bündigen Beweis weit längere und gründlichere Beobachtungen für notwendig. Ein enger Zu- sammenhang besteht aber zweifellos zwischen der Sonncntätigkeit und den Erscheinungen des ErdmagnetisniuS und zwar fällt in der überwiegenden Mehrzahl von Beispielen das Maximum der Sonnen- flecken mit sogenannten magnetischen Gewittern auf der Erde zu- fammen. Allerdings sind auch einige wenige Fälle verzeichnet worden, in denen magnetische Gewitter ohne gleichzeitiges Auftreten umfangreicher Sonncnflecken vorgekommen sind. Zur Erklärung dieses Widerspruches nimmt Cortie an, daß dann, obgleich größere Flecken auf der Sonne nicht sichtbar sind, doch erhebliche Störungen in unserem Muttergestirn stattfinden. Ultraviolette Strahlen und winzige Massenteilchen werden dabei in den Weltraum hinaus- geschleudert und verursachen so eine Elektrisierung der oberen Schichten des Luftmcercs der Erde, die dann ihrerseits zu den ein Gewitter hervorrufenden magnetischen Störungen Veranlassung geben. tverantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Sinacr Eo.. Berlin S\V.