Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 60. Mittwoch, den 25 März. 1908 lNachdruck verbolen.) 10] Proletarier. Von Gfjriften Bundgaard, 6. Trüb«nd stumpf ljatte Martin, der Kleinknecht, weiter gerackert. Aber die Kälte in seinem Innern nahm zu, das nreder�ilckcnde Gefühl von seiner Verlassenheit und Un- ibedeutendheit. Nun gab eS keinen Landstreicher mehr mit gewaltsamen Gedanken, an denen die Phantasie sich anklammern konnte, keinen, mit dem er die langen und kalten Stunden der Kammer teilte. Hier saß er nun allein mit den eigenartigen Visionen seiner Kinderseele, Visionen, in Kälte und Dunkel- sheit geboren. Die Gefühle in seiner Seele wuchsen ins Krankhafte, und sein ganzes Naturell hatte sich aufs Absonderlichste verdreht und war mißgestaltet geworden in der Vereinsamung, der er iiberlassen war. Sein Inneres>mirde durchsetzt vom sauren Gift des Leben?, und dieses Kind, das so still und ein- geschiichtert erschien, brütete über einer Bitterkeit und einem Haß, der eimnal übers andere als Niederschlag erwachender und unentwickelter Triebe reagierte. Und dieser weiche Kinder- nmnd mit den bebenden Angstziigen hatte Worte gesprochen, vor denen Erwachsenen grauen würde. Er hatte in den ein- samsten Stunden der Nacht, vom Weinen übermannt, den Höchsten selbst verwünscht und verhöhnt. Sein verirrter Blick War in einem kühnen Moment hinter den Vorhang geflattert, wo Er selbst sitzt, der den Nagel der Welt in seiner Hand hält. Drirch die verlassenste Tiefe der Nacht, über die öden Gründe des Lebens geht der Weg nackter Prolctarierkinder. Sie grüßen den Tagesschimmer mit dunkelheitersticktem Schrei— denn die Stunde der Erlösung bricht an für alle erdgeborcnen Nachkommen. Hoch oben in der verschleierten Luft hing die Sonne wie eine glühende Mctallplatte. In dem heißen Licht lagen Feld und Wiese zu beiden Seiten der Landstraße, lind ininittcn des grünsten Grasbodens standen die Blumen und dufteten— tausende blaue und tausende rote. Aber die Landstraße selbst erstreckte sich weiß und staubig in die Landschaft hinein. Von jedem Ort führen viele Wege in die Welt hinaus, aber Martin kam diesen entlang. Er war nämlich auf dein Wege in die Welt. Nun wollte er versuchen, wa? sie für ihn bereit hatte, deshalb war er von allen« fortgelaufen. So lief er denn, mit einem kleinen Bündel unter dem. Arm, ein ungeduldiges Sehnen in seinen großen aufrichtigen Augen mit der allcrfröhlichstcn Unbekümmertheit dem Leben direkt in den Schlund hinein: trotzdem ihm jeder Narr hätte erzählen können, daß er gerade so gut in die leere Luft hinein oder ins Wasser hätte spazieren oder den Herrgott bitten können, ihn zu sich zu nehmen. Aber gab es denn nicht viele, arm wie er. die eS zu etwas gebracht hatten, vorwärts gekommen waren? Erzählte man sich nicht hundert und mehr Märchen von armer Leute Kinder, die in die weite Welt hinausgezogen waren lind Königreiche, alle Schätze der Welt errungen hatten? AuS den Erzählungen dcS Landstreichers war es ihm so dunkel im Gedächtnis haften geblieben, daß unten in der Marsch so fürckcherlich viel Geld zu verdienen War. Und da er keine andere Vorstellung hatte, vertauschte er sein letztes Fiinfkroncnssiick mit einem kleinen braunen Billett. Er konnte sich nicht helfen, er uwßte bei dem Handel seufzen nun war ja alles auf eine 5tarte gesetzt. Und als er nach Tondcrn kam und der Vermieter ihm sagte, daß er keine Arbeit für ihn hätte— da stand der arme Junge und konnte gar nicht begreifen, was daS bedeutete. Er hatte nur eine Vorstellung davon, daß er dann auch nickzt leben könne, aber— es konnte sich ja doch nicht so verhalten. „Kommen Sie ein ander Mal Wieder", sagte der Ver- Mieter.„Vielleicht findet sich später etwas." Martin empfand, als er aus der Stadt ging, wie alle Menschen es ihm ansehen konnten, waS für ein armer Kerl er war, der nicht wußte, wo er in der Nacht schlafen, noch wie er am anderen Tage da? Leben fristen sogte Ein ander Mal wiederkommen. Ja, aber-- Jetzt überkam es ihn mit sonnenklarer Angst, daß er der Umnög, lichkeit gegenüberstand. Ein ander Mal konnte er ja gäv nicht mehr auf der Welt sein.— Draußen auf dem Felde konnte man seinen zernagten Körper finden.. dort draußen, wo er notgedrungen sterben mußte— denn es war ja faktisch! — es war unmöglich.... Er wußte nicht, wo er gehen und stehen sollte. Er sank an einer Haselhccke um und schlief— schlief gleich hier auf der harten Schwelle der Welt, an diesem öden Ort unter allen Menschen. Und die Träume vermehrten seine Leiden. Er ermattete und wand sich im Fieber. Plötzlich fuhr er aus seinem wirren Schlaf in die Höhe. Die Sonne war fort, und starke Windstöße jagten über ihn dahin, große, kalte Regentropfen fielen ihin auf Gesicht und Hände. Er sprang auf, setzte sich den Hut auf den Kopf, er- griff den Rucksack und stolperte auf die Straße hinaus. Wo sollte er Schutz suchen, und wo gab es für ihn eine Stätte in der Nacht? Nie war es ihm noch passiert, daß er in der Nacht kein Bett zum Schlafen gehabt hätte. Ein Gefühl der Heimat- losigkeit ergriff ihn mit all seiner UnHeimlichkeit, aber der immer heftiger herabpeitschende Regen zwang ihn vorwärts. In kurzer Entfernung, links von der Landstraße, sah er einiges Buschwerk, und um ein wenig warm zu werden, lief er dorthin so schnell er konnte. Die Straße entlang kam jemand— er hielt deshalb mit Laufen inne und ging ruhig und langsam. Der Kommende ging ohne Gruß dicht an ihm vorüber, aber er sah ihn so merkwürdig an, kam es Martin vor. Und da fielen ihm alle die Geschichten von Mord und Ueberfällen und Vergewaltigungen ein, die hier in den Grcnzdistrikten, wo allen möglichen Auswurf aus beiden Ländern der Weg hinüberführt, so häufig vorkommen sollten. Es ist wohl das beste, zu warten, bis er fort ist, dachte Martin— damit er nicht sieht, wo ich hingehe. Obwohl der Regen ihm kalt über den Rücken rieselte, blieb er doch stehen und sah dem Wanderer nach, bis diesev ungefähr in der Stadt war. Dann beeilte er sich, das Gei büsch zu erreichen. Dies erwies sich als einstiger großer Garten, dort fand sich sogar noch ein Gartenhäuschen mit vielen Fenstern und! Glasscheiben in der Tür. Aber was es so schnell wie möglich zu erreichen galt, War* ein Obdach vor dem Regen und eine Schlafstätte für bis Nacht. An der einen Seite des Gartens führte ein mit Dornen überlvuchcrter Graben entlang. Der Graben war trocken, aber Disteln, Schierling und allerhand Unkraut bemühten sich, ihn völlig zu verschließen. Gelang es Martin, durch die Dornen in den Graben hineinzuschlüpfen, so war er für diese Nacht einigermaßen geborgen. Die Dornen zerstachen ihm die Kleider bis auf den Körper, und als er endlich in: Graben war. mußte er sich zunächst die Dornen aus den Fingern ziehen. Dann machte er sich unter Unkraut und Zweigen einen Platz zurecht und legte sich zur Ruhe, den Nucksack unter dem Kopf und die Jacke, die er ausgezogen hatte, über das Gesicht. Hier fühlte er sich sicher und beruhigt, und in einer Art von Behagen zog er die Beine in die Höhe, während er aus den sausenden Regen und auf den Sturm lauschte, der die Bäume über seinem Kopf rüttelte. Und während die Dunkelheit immer dichter wurde, schlief er ein— ein armer Knabe, dessen zukiinftiges Heim nichts anderes war, als ein Straßengraben. Als Martin erwachte, war er durchweicht»nd steif» gefroren. Wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht: vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht die halbe Nacht. Durch die Stockdunkelheit peitschte der Regen herab und jedesmak. so bald der Wind sich in den Bäumen verfing, ergossen sich Ströme Wassers über ihn. Das Wasser patschte im Graben unter ihm, und er konnte dort nicht länger bleiben. Er mußte hinaus, durch die stechenden Dornen, hinaus in den Regen und die Dunkelheiii ttnS önLerswo Schutz suchen. Durchweicht und' zerstochen entkam er aus seiner Höhle. Weim er nur zum Gartenhause hinfinden konnte, das niutzte wohl imstande sein, ihm ein wenig Schutz vor dem Unwetter zu geben. Er stolperte über etwas, taumelte in eine Rinne, verwickelte sich in ein Gebüsch— wand sich durch und vorwärts— fühlte nach allen Seiten umher, gegen den Sturm aukänipfend. lForisetzung folgt.Z Magister, Sölclner und Vagant. i. Zwischen dem elften bis dreizehnten Jahrhundert stotzen wir ans eine Kategorie„fahrender Leute", die sich„Goliarden" nannten. ES waren studierte Geistliche, welche, da sie wegen Ueberproduktion in diesem Berufe und mangels vakanter Pfarreien keine Brotstelle erlangen konnten, mit anderen, Vettelvolk die Landstraßen unsicher machten. Eigentlich wirkten sie wie Sauerteig unter den„Land- fahrern"; um aber als etwas Besonderes zu gelten, bedienten sie sich des Lateins als Umgangssprache, das sie natürlich auch erst recht in ihren Liedern und Satiren zur Anwendung brachten. Später treten die landfahrenden Studenten auf. Erst während des dreißig- jährigen Krieges verlor sich nahezu jeder Straßenbettel, weil das Elend zu groß war. ES hat aber doch hie und da akademisch gebildete Leute gegeben, die durch irgend welche ungünstigen Verhältnisse auf Abwege gerieten und ein abenteuerliches Leben führten. Diese Erscheinung machte sich gerade in der deutschen Genieperiode bemerkbar, um die Zeit, da Goethe seinen Werther dichtete. Betrachtet man die Jämmerlichkeit des engen kleinbürgerlichen Lebens, so kann es nicht wunder- nehmen, wenn damals eine Anzahl schriftstellerisch oder dichterisch begabter Leute elend verkam. Natürlich ging die Verlotterung des einzelnen Hand in Hand mit den völlig verrotteten Zuständen, und man soll sich sehr hüten, immer und in allen Fällen deren arm- seligen Opfern ganz allein die Schuld aufzubürden. Einer, dessen Name doch aus uns gekommen ist, ist Friedrich Christian Laukhard. Nur der Umstand, daß dieser Mann nicht bloß die Schicksale seines eigenen Leben?, sondern in ihnen zugleich die Zeitumstände, insoweit diese in sein Dasein eingreifen. beschrieben hat. führte ihn selbst unserer Gegenwart näher. Protessor Paul Holzhause» in Bonn hat nun das fünfbändige Memoirenwerk Laukhards in verkürzter Gestalt unter dem Titel„F. Eh. Laukhards Leben und Schicksale"(Stuttgart, Robert Luy 1908. Zwei Bände; Preis brosch. 11 M.. gebd. 13 M.) herausgegeben. Man muß ihm dankbar dafür sein. denn die Kürzung hat den Schilderungen nicht nur nichts von ihrer Stoffülle genommen, sondern auch zur ununterbrochenen Lebendigkeit des Ganzen beigetragen. Bon künstlerischer Oekonomie war bei Lauk- Harb keine Spur; er litt eben an der weitschweifigen Geschwätzigkeit der meisten seiner schriftstellerischen Zeitgenossen. Allem war auch immer ein pädagogischer Zweck zugrunde gelegt; das Philosophieren und Moralpredigen gehörte zum Rüstzeug jener Zeit. ES schadet gar nichts, daß aller Floskelkram, der ja nur den raschen Gang der Lektüre stören würde, ausgemerzt ist. Dagegen gewinnt das Charakterbild deS Magisters Laukhard viel an Sympathie. Zweifellos war die lockere Erziehung mit Schuld an seinem berfehlten Leben. Mehr noch trugen die verkommenen Zustände auf den Universitäten dazu bei. Es wäre nämlich vollständig verfehlt, wenn man annehmen wollte, daß die heraufsteigende klassische Literaturepoche einen wohltätigen Einfluß auf die Milderung der rauhen Sitten, zum wenigsten innerhalb des akademischen Lebens an den Hochschulen ausgeübt hätte. WaS ging die Jenenier Studentenschaft auch ein Schiller, Herder und Goethe an I Für seine Gießener Studentenzeit führt Laukhard folgende Verse aus einer Beschreibung an, die„zwar elend" sind, aber doch ersehen lassen,„was für Eigenschaften man an einem honorigen Gießener Burschen gefordert hat. Man höre nur: Wer ist ein rechter Bursch? Der, so am Tage schmauset, Des Nachts herumschwärmt, wetzt*)-- Der die Philister schwänzt,**), die Profefforen prellt, Der stets im Karzer sitzt, einhertritt wie ein Schwein. Der überall besaut, nur von Blamagen rein, Und den man mit der Zeit, wenn er g'nug renommieret, Zu seiner höchsten Ehr' aus Gießen relegieret— Das ist ein firmer Bursch: und iver's nicht also macht. Nicht in den Tag'neinlebt, nur seinen Zweck bewacht, Ins Saufhaus niemals komint, nur ins Kollegium, Was ist das fiir ein Kerl?— Das ist ein Drastikum!***) *) Das heißt: Mit dem Degen auf das Pflaster haut, daß die Funken daraus sprühen. -) Nicht bezahlt, anführt. ***) Ein damals bekannter Schimpfname, womit man Bursche belegte, die anderwärts»Teekessel" genannt werden. L. Saufgelage— Bis 14 Tage lang hintereinander!— Schläge» reien, gemeinste Zotenmacherei, Verführung der Bürgerstöchter, Liebelei mit Professorenweibern. Cochounerie, ansteckende Geschlechts- krankheiten waren an der Tagesordnung. Wer konnte da standhaft bleiben? Was so ein Gießener Bursch zu leisten hatte, ergibt sich bei Laukhard. Nach einem einzigen,„fidel und burschikos" zugebrachten Sommer hatte er sich im nahen Wetzlar eine„gefährliche Galanterie" zugezogen. sich zweimal geschlagen, war drei- oder viermal im Karzer gesessen usw. usw. So klein damals die Universität war — ungefähr 250 Studenten— fielen doch innerhalb acht Tagen mehr als 30 Schlägereien vor!... Aehnlich ging es in Jena zu. Wir wissen ja, daß sich Schiller genug über die Zügellosigkeit der „Musensöhne" dort beklagt hat. Laukhard machte einmal einen Ausflug nach Jena. Er nahm seinen Weg zunächst durch Hessen» Kassel, dann durch verschiedene Thüringer Duodezstaaten. „Auf dieser Fahrt— schreibt er— hatte ich nun so recht Ge- legenheit, die niedere Klasse der Einwohner dieser Länder kennen zu lernen. Im Hessen- Kasselschen hatte ich hierzu vor- züglich Gelegenheit. Ich merkte eS gar zu genau, daß ich in ein Land kam, wo ziemlich überspannte Grundsätze herrschen. Die Bauern waren durchaus arme Leute, und eben damals— 1776— hatte der Landgraf seine Untertanen nach Anierika ver» handelt. Da liefen einem die halbnackten Kinder nach und klagten, daß ihre Väter nach Amerika geschickt wären, und daß ihre armen verlassenen Mütter und ihre alten abgelebten Großväter das Land bauen müßten. Das war ein trauriger Anblick. Dergleichen empört tausendmal mehr, als alle sogenannten aufrührerischen Schriften; jener ergreist und erschüttert das Herz, diese be« schästigen meist bloß den Kopf. Aber von diesen will man nichts wissen, um sein Treiben desto ungestörter fortsetzen zu können— wie wenn eS nicht weil aufrührerischer wäre, aufrührerisch zu regieren, als aufrührerisch zu schreiben, zumal da dieses größtenteils eine Folge von jenem ist.... Ich gab soviel von meiner Bar- schaft her. als ich entbehren konnte. Ich sprach in allen hessischen Schenken ein und hörte da nichts als Klagen und Verwünschungen. Ich stehe dafür, wenn ein Fürst zu Fuße und unbekannt ein» Reise durcki seine Länder machte, es würde manches geändert werden. Aber so sitzen die guten Herren in Schlössern und in- Zirkeln, wo Not und Armut stemde Namen sind, und da lernen sie die Beulen und Wunden nicht kennen, an denen ihre armen Untertanen krank liegen..." Nach dem Abzug von Gießen mußte Laukhard nach Hause. In Frankfurt, wo er sich dem Suff und großen Ausschweifungen überließ, wäre er auf ein Haar— österreichischer Soldat geworden. In einer Kneipe, wo Werbeoffiziere und Unteroffiziere ihr Quartier aufgeschlagen hatten, war er im Rausch aus Handgeld geworben worden. Andern Morgens machte er freilich große Augen, als ihm die Tatsache bekannt wurde. Der Major indes nahm Laukhard die Dukaten wieder ab und ließ ihn laufen. Zu Hause einige Zeit. Dann ging's auf ein Jahr nach Göttingen zwecks Vervollständigung des geistlichen Studiums. Wieder ins Elternhaus nach Mendels- heim in der Nheinpfalz— hier wirkte der Bater Lauk- hardS als Pfarrer und hier wurde der Sohn am 7. Juni 1767 geboren— zurück I Irgendwo macht er sich mit Voltaires Schriften, Rouffeaus„Nouvelle Höloise",„Emile", ferner mit dem„Esprit de loia"(Geist des Rechts) von Montesquieu usw. bekannt. Sie bestärkten ihn ungeheuer in seiner Freigeisterei. Lessings„Wolfenbütteler Fragmente" taten das ihrige dazu und ein höchst lockeres Leben ringsum war auch wenig geeignet, den jungen Theologen Bahrdt-Semlerscher Richtung der Kanzel näher zu bringen. Gleichwohl muß Laukhard Umschau nach einer Pfarre halten; doch schlagen alle Versuche fehl. Dieses Kapitel wirft übrigens grelle Schlaglichter auf die Korruption innerhalb der protestantischen Kirche. Nicht bloß, daß die Erlangung einer noch so jämmerlichen Dorf- pfarrei von Kauf, Zwangsheirat der Witwe des Amtsvorgängers, Bestechung der Hofschranzcn, Konsistorialbeamten und anderen Zu- fälliakeiten abhing— selbst die Moralitär der.Amtsbrüder in Christo" war unter aller Kanone. Durch Sauferei. Weiber- exzesse, Prügeleien uslv. zeichneten sich jene.Seelsorger" fast ohne Unterschied aus. Es beginnt nun ein unstetes Wanderleben. In der ganzen Pfalz, im Hessischen. Endlich kriegt Laukhard eine Vikarstelle in Franken. Die Herrlichkeit dauert aber nicht lange. Laukhard macht sich mächtige Feinde und wird kurz und bündig feines Postens ent- hoben. Der Vater sagt sich von ihm los. Abermals geht's auf die Wanderschaft. Nach Straßburg im Elsaß. Nach fünf Wochen aber nach Hause. Der Vater hatte wieder versöhnlich geschrieben und Geld zur Heimreise mitgeschickt. Zwar versucht Laukhard sich wiederum als Vikar; allein auf die Dauer war' es doch nicht ge- gangen— der Lüderlichkeit wegen. Also nahm Laukhard eine ihm durch Profeffor Semler besorgte Stelle als Lateinlehrer am Halleschen Waisenhaus an. Wir erfahren jetzt auch manches zur Naturgeschichte der Hallenser und Leipziger Studentenschaft. Anmutend ist's grade nicht. Sttolchtum und Lotterleben auch hier, obwohl in anderen Formen. Im abgeschiedenen Waisenhaus war es Laukhard bald zu einsam geworden. Er zog in die Stadt und machte das Magisterexamen. So hatte er nun seinen „akademischen GraduS und konnte ein großes M. vor seinen Namen pflanzen." Er durfte aber auch Vorlesungen halten. Allerdings kam dabei nichts für ihn heraus— als daß er in das alte Sauf- üimpaneileven jutütffiel, was viel Aergernis bereitete und ihm vollends die akademische Laufbahn verdarb. Uin sich vor allem Elend zu retten, wurde er schließlich— Soldat. Seitdem kriegte er das Kalbfell nicht mehr vom Buckel. Es ist nun ganz interessant, Laukhard zu folgen. Wir erfahren näheres über das Wcrberunwesen. über die soldatiscve Verderbtheit usw. Wir begleiten ihn auf Märschen über Berlin nach Schlesien und wieder zurück. Ueberall macht er seine Beobachtungen. Das Berliner Dirnenwesen usw. wird mit derber Offenheit bloßgelegt. In der Folge gibt's Manöver, Urlaub in die Heimat. Dies war aber nicht so leicht geworden. Laukhard hatte Schulden bei verschiedenen„Moni- chäern": die wollten zuvor bezahlt sein. Endlich kam er los, nacki- dem Kaution erlegt worden war. Als der Urlaub abgelaufen war, mußte Laukhard lvieder zum Regiment nach Halle. Hier gab er nebenher Stunden. Vielleicht würde er noch einmal einer akademischen Lehrtätigkeit zurückgewonnen worden sein, wenn nicht sein Gönner Semler gestorben wäre. Das geschah im Jahre 1791. Jetzt war's aus für immer. Im nächsten Jahre ging's an den Rhein. In Koblenz, wo das Regiment im Juli 1792 Quartier aufschlug, wimmelte es von französischen Emigranten. An der Seine harte die Revolution begonnen; daher die Rotte berübergelaufener Royaliiten: »Dieses schändliche und schreckliche Ungeziefer." Sie„verachteten uns Deutsche mit unserer Sprache und unseren Sitten ärger als irgend ein Türk die Christen verachtet." Damals hatten sie noch Geld vollauf, und folglich die Mittel, sich alles zu verschaffen, was sie gelüstete. Natürlich waren sie auch gewöhnt, das Geld auf die tollste Art zu verputzen.„Die kostbarsten Speisen und der edelste Wein, der bei ihren Bacchanalien den Fußboden herab floß, waren für sie nicht kostbar und edel genug. Für einen welschen Hahn zahlten sie fünf große Taler ohne Bedenken. Mancher Küchenzettel, nicht eben eines Prinzen oder Grafen, sondern manches simplen Edelmannes, kostete oft vier, fünf und mehr Karolins sein Karolin war zirka ö'/a Taler). Die Leute schienen es ganz darauf an- zulegen, brav'Geld zu zersplittern; sie zahlten geradehin, was man verlangte. Ich sagte einmal zu einem, daß er etwas zu teuer be- zahlte.„Le fran<;ais ne rabat pas"(Der Franzose handelt nicht ab), erwiderte er und gab sein Geld... Die Emigranten waren alle lustige Brüder und Wind- beute! von der ersten Klasse. Den ganzen Tag schäkerten sie auf der Straße herum, sangen, hüpften und tanzten, daß es eine Lust war anzusehen. Sie gingen alle prächtig gekleidet und trugen schreckliche Säbel. Die Säbel wurden größten- teils in Koblenz verfertigt, und so hatten die dafigen Schwertfeger Arbeit und Verdienst genug."... Mit dem Bramarbasieren, das diesen Leuten eigen war, riß eine greuliche Sittenverderbnis ein. »Hier in Koblenz", sagte ein ehrlicher alter Trierscher Unteroffizier. „gibt's vom zwölften Jahre an keine Jungfer mehr; die verfluchten Franzosen haben hier weit und breit alles so zusammengekirrt, daß es Sünde und Sckmnde ist." Und Laukhard setzt hinzu:„Das be- fand sich in der Tat so; alle Mädchen und alle noch etwas brauch- baren Weiber, selbst viele alte Betschwestern nicht ausgenommen, waren vor lauter Liebelei unausstehlich."... Aber„so wie in Koblenz hotten die Emigrierten es an allen Orten gemacht, wohin sie nur gekommen waren. Der ganze Rheinstrom von Basel bis Köln ist von diesem Auswurf des Menschengeschlechts vergiftet und verpestet.... Die infame Krankheit, welche man schon in den Rheingegendcn „Emigrantengalamerie" nennt, ist allgemein und allen Ständen mit- geteilt. Hätte auch jeder ausgewanderte Franzose ganze Kasten voll Gold mit nach Deutschland gebracht, so wäre das doch lange kein Ersatz für das Elend, worin sie unsere deutschen Weiber und Mädchen, und durch diese einen so großen Teil unserer lüsternen Jugend gestürzt haben. Man gehe nur an den Rhein und frage, und man wird über die Antwort erstaunen und erschrecken. Schon allein in Koblenz fand man über siebenhundert infizierte Weibs- Personen, als man ihnen nachher unentgeltliche Heilung anbot"... Infolge aller solcher Zustände wurden die Emigranten schließlich auf Befehl des Herzogs von Braunschweig a»S Koblenz verwiesen.„Es waren ihrer mehrere Tausend", berichtet Laukhard.„Der Abzug geschah des Nachts, weil sie fich schämten, am hellen Tage eine Stadt zu verlassen, wo sie so lange den Meister gespielt hatten. Ihnen folgte vieles Lumpengesindel, besonders weiblichen Geschlechts. nach. Sie nahmen ihren Weg nach Neuwied, Limburg, Bingen oder sonstwohin"... Nun ging der KriegSzng nach Frankreich hinein— eine fürchterliche Kampagne unter ewigen Regengüssen. Larlkbards Bei- träge zu dieser blamablen Affäre sind von Interesse und Wichtigkeit; einmal für die Kenntnis der Beschaffenheit des deutschen Heeres, dann auch besonders für die politischen und Sittenzustände im Lagerleben und in der Kricgssührung. Die Brandschatzerei begann Sleich am ersten Tage nach dem Einmarsch in französisches Gebiet. £ war im August 1792.„Das Getreide stand noch meistens im Felde, weil dieses Jahr wegen des anhaltenden Regens die Ernte später als gewöhnlich fiel. Das Fouragieren ging so recht nach Feindesart: man schnitt ab. riß aus, zertrat alles Getreide weit und breit und machte eine Gegend, woraus acht bis zehn Dörfer ihre Nahrung auf ein ganzes Jahr ziehen sollten, in weniger als einer Stunde zur Wüstenei... In den Dörfern ging es noch weit abscheulicher her.. In einem Dorfe Brehain la ville sollten die Soldaten Holz und Stroh holen. Ehe aber diese Dinge genommen wurden, untersuchten die meisten erst die Häuser, und was sie da anständiges vorfanden, nahmen fie mit, als: Leinwand, Kleider, Lebensmittel und andere Sachen, welche der Soldat entweder selbst brauchen oder doch an den Marketender verkaufen kann. Was dazu nicht diente, wurde zerschlagen oder sonst verdorben. So habe ich selbst gesehen, daß Soldaten vom Regiment Waldeck ganze Service von Porzellan im Pfarrhof und anderwärts zerschmiffen; alles Töpferzeug hatte dasselbe Schicksal. Aufgebracht über diese Barbarei, stellte ich einen dieser Leute zur Rede, warum er einer armen Frau, trotz ihrem bitteren Weinen und Händeringen, das Geschirr zerichmitsen und alle Fenster eingeschlagen habe? Aber der unbesonnene wüste Kerl gab mir zur Antwort:„Was Sackcrment soll man denn hier schonen? Sind's nicht ver- fluchte Patrioten? Die Kerls find ja eigentlich schuld, daß wir soviel ausstehen müssen!" Und damit gings mit dem Ruinieren immer vorwärts... Daß die Frauen geschändet und mißhandelt, daß die Schafherden und Schweine aus ihren Ställen ins Freie gejagt, dann gefangen und im Lager verzehrt wurden, daß die Soldaten nachts von ihrem Wachposten in die Dörfer auf Beute gingen, gehörte mit zu dem grausige» Bilde.„Die armen Leute in den Dörfern, die sich ihres Äuskommens nun auf lange Zeit beraubt sahen, schlugen die Hände zusammen und jammerien erbärmlich, aber unsere Leute ließen sich von dem Angst- geschrei der Elenden nicht rühren und lachten ihnen ins Gesicht oder schalten sie Patrioten und Spitzbuben.". Uebrigens wurde das Plündern um so ärger betrieben, je tiefer das deutsche Heer nach Frankreich kam. Von Longwy gings nach Verdun, bis es zu der bekannten Kanonade von Valmy kam. Nun wäre eS den Deutschen beinah sehr übel ergangen; die Franzosen ließen sie jedoch»nrer Gewährung eines Waffenstillstandes den Rück- zug antreten. Das war denn die große Reiirade im Herbste 1793. „Und der Regen regnete jeglichen Tag"; alle Wege waren in Kot verwandelt, in dem man bis an die Knie waten mußte. Das Wasser lief immer in die Zelte und machte daS Lagerstroh über Nacht zu Mist. Morgens krochen die armen nassen Soldaten wie Säue aus ihren Lager».„Die weißen Westen und Hosen waren über und Über voll Schmutz, und noch obendrein vom Rauche gelb und rußig; die Gamaschen starrren von Kot. die Schuhe waren größtenteils zersetzt, so daß manche sie mit Weiden zusammenbinden mußten; die Röcke zeigten allerlei Farbe» von weißem, gelbem und rotem Lehm, die Hüte harten kerne Form mehr und hingen herab wie die Nachtmützen; endlich die gräßlichen Bärte— denn wer dachte da ans Rasieren I— gaben den Burschen das leidige Aussehen wilder Männer.... Die Gewehre waren voll Rost und würden gewiß versagt haben, wenn man hätte schießen wollen." So saben also die„sonst so geputzten Herren Preußen" aus I Später hatten sie schon gar kein Schuhwerk mehr. Sie wareten barfuß durch den entsetzlichen Kot und rissen ihre Füße an den spitzen Steinen blutig.„Viele hatren ihre zer« setzten Schuhe auf die Gewehre gehängt, andere trugen sie in der Hand; manche hatten Lappen und Heu um die Füße gewickelt...." Kein Wunder, daß viele Soldaten desertierten, bevor die deutsche Grenze überi'chrittur wurde<21. Oktober 1793).„Zigeunermäßig genug" kamen die„Herren Preußen", aber auch die„Herren Oesler- reicher und mesoieurs les ömix-rös" auf deutschen Boden zurück; „aber auch hier hotte das Elend und die Not noch kein Ende. Wir lagerten uns in den Kot, und zwar ohne Lagerstroh". Schrecklich sah es in den Lazaretten aus, die meisten Kranken starben, weil es an allem fehlte... Im Ckfangms. Von Olgitt. Autorisierte Uebersetzung von A. Lampert, (Schluß.) So verstrich der fünfte Tag, dann der sechste, der siebente.-, Am achten Tage konnte auch der alte Philosoph nicht mehr umher- gehen und legte sich nieder. Die ganze Atmosphäre des Ge» sängnisses atmete Spannung. Jetzt redeten schon viele von Hitze, und die herrschende Stille wurde oft von schrillen Schreien auf- geschreckt. Das Gefängnis gleicht jetzt einem fieberhaften Strom. Der Strom reißt alle mit sich fort, schaukelte und wiegte sie auf seinen trüben Wellen, und treibt sie immer weiter und weiter. Abgerissene Gedankenfetzen, Bruchstücke verworrener Träume, alter Erinne- rungen, welker, geknitteter Bilder jagen den Strom hinab, und drängen und stoßen sich und drehen sich im wilden Wirbel und eilen hastig immer vorwärts, immer vorwärts.... Von Hunger ist längst nicht mehr die Rede, die Menschen sind unempfindlich geworden gegen jeden Schmerz, sie sinken nur immer schneller und schneller herab in einen tiefen schwarzen Schlund. Plötzliche Gedanken zucken manchmal wie Blitze durch ihre müden Hirne, das wüste Tohuwabohu grell durchleuchtend, und ver- schwinden wieder; an ihrer Stelle tauchen dann bleiche, falsche Funken auf, tanzen im wilden Reigen und flackern mit blauem «chwefcllcnchten. Immer weiter ergießt sich der trübe Strom, immer rascher und wilder wird der Tanz seiner Wellen. Alles ver» sinkt immer tiefer und gleitet langsam hinab, alles bewegt, alles schaukelt sich— nur Josephs Stimme tönt in ihrer ewigen Weise: „Aus den faulen Sümpfen, aus den feuchten Gräben, aus den tiefen Tälern hat sie sich erhoben— ganz in Schwarz gehüllet. Ihre Augen— Spieße, ihre Haare— Schlangen, ihre Finger— Krallen; schwarze Samen sät sie, gift'ge Körner streut sie, sie tötet junge Blumen, dörrt die grünen Wiesen, löscht der Sterne Leuchten."... Unmerklich flössen die Tage dahin. Die Zeit hatte ihren Lauf gehemmt. Es schien, die ganze Welt wäre krank, die ganze Welt drehte sich in wahnsinnig grausem Reigentanz. Golde lag in ihrer Zelle wie eine verklärte Heilige, mit einem EcsichtSausdruck, als lauschte sie auf etwas in ihrem Innersten, vis ob die ganze Welt für sie nicht mehr existierte. Ihre schweren blonden Flechten ruhten auf der groben Leinwand des Gefängnis- kisscns und leuchteten, wie eine goldene Krone. Ein träumerisches Lächeln schwebte aus ihren Lippen. Ihre Zelle hatte mehr Licht als die übrigen, und die finsteren Gestalten schienen nicht zu wagen, ihre Schwelle zu übertreten. Sie war ruhig und still. � � Wir haben gesiegt. Am neunten Tag. Wir hatten ein kleine? Stück Freiheit im Gefängnis erobert, den Druck unserer Ketten Ktwas gemildert. Der Tag ging zur Neige, als sie unsere Türen öffneten. Wir durften nun, wie früher, mit einander verkehren, uns alle versammeln, wir führten unsere alte„Gcfängnisrepublik" wieder ein, und der Philosoph wurde wieder an die Spitze unserer„Ge- meindc" gestellt. Noch waren die schwarzen Hungergestalten nicht ganz gewichen. Noch rauschten ihre Flügel in der Luft, noch schauderten wir kalt zusammen, wenn sie an uns Vorbeistrichen. Noch war da? Ge- fängnis wie im Fieber. Aber nach und nach färbten sich die bleichen Wangen mit dem Rot der Freude, die Augen verloren ihren unnatürlichen Glanz. Wir versammelten unS alle in einer Zelle.„Unser Schwester- chen" war auch unter uns. Sic hatte schon keine Kraft mehr zum Gehen und wir trugen sie auf den Händen aus ihrer Zelle in die unsere und legten sie behutsam auf weiche Kissen. Sie hatte sich fast nicht verändert, aber zarter, feiner, edler lvar sie geworden in diesen Tagen. In einer weißen Bluse mit lurzen Aermeln und offenem Hals sah sie ganz aus wie ein Kind. lindlich war auch ihr Lächeln, kindlich die schwachen Bewegungen ihrer Hände. Sie sprach fast nichts, aber lauschte aufmerksam allem, was wir sagten, und es schien, als fühle sie in unseren Reden einen verborgenen Sinn, den die anderen nicht kannten. Sie klagt« nicht. Aber eS lag etwas in ihren großen, zu 'großen dunkel gewordenen Augen, es lauerte etwas in ihren Mund- winkeln, es war etwas in ihrer ganzen Gestalt, was uns alle kalt erschauern ließ und unsere Herzen eisig zusammenpreßte. Zu still ward es plötzlich unter uns, als wir sie erblickten. Einer von uns wollte das drückende Bangen verscheuchen. Mit gekünstelt-fröhlicher und zu lauter Stimme rief er: „So ein Blitzmädel I Auf mein Wort, die hatS besser über- standen, als wir. Bravo, Golde!" Aber seine Worte verhallten, ohne Anklang zu finden. Der alte Philosoph warf ihm einen neugierigen Blick zu und senkte die Augen. Golde antwortete nicht und lächelte nur still vor sich hin. An jenem Tag sprachen wir nicht mehr vom Hunger, als hätten wir eS vorher unter unS abgemacht. Wir sangen ihr vor, und sie sang leise mit, so leise, daß wir kaum ihre Stimme hörten. Später erzählte Micha! eine seiner Zaubergeschichten, die wir alle so gern hatten. Jemand reichte Golde sein Skizzenalbum, und sie blätterte darin mit ihren feinen Fingern und betrachtete lange, lange jedes Bild. Ein anderer brachte ihr getrocknete Blumen, die er schon seit Jahren in seinen Büchern liegen hatte, der dritte gab ihr das Liederbuch mit dem schönen Einband, da? er vor kurzem„aus der Freiheit" bekommen ijatte. Nach und nach wurde sie heiterer, ihre Stimme lauter und klarer. Sie erhob sich sogar ein wenig von ihrem Lager, um die Bilder besser betrachten zu können. ' So verbrachte sie bei uns den ganzen Tag bis zum Abend. Als die Sonne unterging und das Dunkel durch die Fenster zu schauen begann, trugen!oir sie hinüber in ihre Zelle. Sie war heiß wie Feuer, und auf ihren Wangen brannten zwei rote Flecken.... »« Nach drei Wochen starb sie. Wie ein Licht brannte sie langsam ab vor unseren Augen— ohne Klagen, ohne Schmcrzrufe, nach und nach mit jedem Tag, jeder Stunde verließ sie das Leben. Wie früher, so war auch jetzt ihre Stimme klar und zart, wie ifrüber leuchtete das Gold ihrer Haare, wie früher war ihr Antlitz edel und schön. Aber immer träumerischer ward sie, immer ge- dankcnvollcr, immer versonnener. Wir sahen, wie sie ihr Leben aushauchte. Helfen konnten wir Äber nicht. Wie früher war sie still und sanft und hatte für jeden ihr liebe? Lächeln bereit. Aber immer schmerzlicher ward diese? Lächeln, und in den letzten Tagen wußten wir nicht mehr, ob sie lächelte oder nur Mühsam mit Tränen kämpfte. Sie weinte nie. Wenn wir sie fragten, wie's ihr ginge, stützte sie sich auf ihren abgemagerten Arm und versuchte sich aufzurichten: „O, es ist nichts, mir gehts ganz gut." > Und oft klang aus diesen Worten ein geheimer Stolz. Sie starb mitten in der Nacht. ES war dunkel und still. Nur irgendwo, weit, jenseits deS Fensters rauschte leise etioaS— man Beraniw. Redakteur: Georg Tevidfehn, Berlin.— Druck u. Verlag: konnte nicht unterscheiden, ob es der Wind it» den Zweigen oder ei« rieselnder Bach war. Sanft und ruhig war ihr Tod, nur in den letzten Stunden drehte sie den Kopf fortwährend unruhig hin und her und flüsterte leise. Joseph erzählte später, er habe das Wort „Mutter" gehört. Sie war gestorben. Tief senkten sich unsere Köpfe, und stumm saßen wir in finsterer Nacht neben ihrem toten Körper. Joseph hatte seinen Kopf in die Ecke gedrückt, suchte seine Tränen herab» zuwürgen und schluchzte leise. Hinter den GefängniSmauern er- tönte das Pfeifen der Schildwache. Tiefe Nacht herrschte um uns. kleines Feuilleton. Vom chinesischen Zopfe. Die Nachricht, daß die Kaiserinwitwe Tsu-fi die Absicht habe, ihren Untertanen das Tragen des Zopfe? zu verbieten, stößt bei allen Kennern der Verhältnisse im Osten auf berechtigtes Mißtrauen. Daß die Kaiserin die Persönlichkeit ist, einen einmal gefaßten Entschluß auch um jeden Preis durchzu» fuhren, ist genugsam vetannt; aber in diesem Falle würde sie vor» aussichlich eine Revolution hervorrufen, denn lieber opfert der Chinese sein Leben, als seinen Zopf. Die europäische Vorstellung verknüpft den Chinesen unlösbar mit seinem langen dünnen Zopfe, und dabei wird oft vergessen, daß diese Sitte erst vor fünf oder sechs Jahrhunderten in China eingeführt wurde. Noch heute sind die Anfänge der Sitte nicht völlig geklärt, aber im allgemeinen nimmt man an, daß die Mode durch die erobernden Mandfchu nach China verpflanzt wurde. Wie die„Nature" zu erzählen weiß, mutzten die neuen Herrscher sogar zu eigenartigen Mitteln greifen, um die Chinesen mit der neuen Haartracht auszusöhnen: es erschien ein Edikt, das allen Verbrechern verbot, das Haar zu flechten. Damit wurde mit einem Schlage der Zopf zum Symbol der Unbescholten» heit, und noch heute ist die Haartracht für den Chinesen jener Teil deS Aeußeren, den er mit der größten Sorgfalt pflegt und hütet. Wie arm ein Chinese auch sei, keine Entbehrungen wird er scheuen, um die Summe zusammen zu sparen, die es ihm ermöglicht, zum mindesten alle 14 Tage einmal den Friseur aufzusuchen. In den Vorstädten der großen Städte gewahrt man an jeder Ecke die kleinen Läden oder die fliegenden Wagen, in denen die Friseur: unter freiem Himmel ihre 5t'unst ausüben. Die Operation dauert sehr lange, denn sie beschränkt sich keineswegs auf das Flechten deS Zopfes. Zuerst werden Stirn, Schläfen und Nacken rasiert, wobei sich der Friseur eines primitiven Gerätes bedient, das für den Europäer das Aussehen eines alten Stückes Brucheisen hat. Der Gebrauch von Seife ist unbekannt und wird durch warmes Wasser ersetzt. Mit derselben Eiscnschere werden auch die wenigen Haare an Kinn und Oberlippe abgeschabt. Dann wendet sich die Auf- mcrksamkeit des Haarkünstlers zu den Wimpern, die ebenfalls ab- rasiert oder ausgezupft werden. Die häufigen Augcnentzündungen. denen man in China begegnet, sind nicht zum geringsten Teile auf diese seltsame Sitte zurückzuführen. Dann werden die Ohren bc- handelt, jedes Fältchen poliert und ausgewischt, und erst wenn all diese Vorarbeiten vollendet sind, schreitet der Haarkünstler zum Auskämmen und zum Flechten des Zopfes. Mit dem Haare wird dann ein buntes Band verknüpft, dessen Farbe der Kunde zu wählen hat; aber nicht der Geschmack entscheidet, sondern die Etikette, die bis ins kleinste geregelt ist. So befiehlt die Sitte dem Chinesen, nach einem Trauerfall in der Familie drei Monate lang den Haar- künstler zu meiden und in dieser Zeit darf er sich weder kämmen. noch Stirn und Nacken rasieren. Später wird in den Zopf ein lvcißcö Band vcrwoben, daS aber nur bis zur Mitte des ZopfcS reichen darf. Nach einer gewissen Weile ersetzt ein blaues Band das weiße. Schreitet er oder einer seiner Söhne zur Heirat, so tritt ein rotes Band als Symbol der Freude in /eine Rechte. Aber neben diesen kleineren Haarkünstlern, die aus den Straßen die Toilettenbedürfnisse des niederen Volkes befriedigen, walten in den vornehmeren Stadtteilen in prachtvoll und luxuriös eingerichteten Räumen die Modcfriseure der vornehmen Welt ihres Amtes. Die reichen Leute haben besondere Bediente, deren einzige Sorge der Pflege des herrschaftlichen Zopfes zugewandt ist. Die Sitte ver» bietet es auch dem niederen Kuli, feinen Zopf frei herabhängen zu lassen, er muß ihn um den Kopf hinten oder an seinen Hut knoten. Diese kleine Aeutzerlichkeit symbolisiert eine gewaltige so- ziale Kluft. Die Fälle sind keineswegs selten, wo verarmte Chi- nesen Selbstmord begingen, weil ihr Herr sie zwingen wollte, den Zopf zu knoten. Merkwürdigerweise haben die Diener daS Recht, den Zopf frei zu tragen. Bei einem Besuche ist daS erste Erfordernis der Höflichkeit, daß man seinen Zopf frei trage. Jemand den Zopf abzuschneiden, ist wohl das größte Verbrechen, vaS der Chinese kennt: auf ihm steht die Todesstrafe. Denn ein Mann, der vieseS HaarschmuckcS beraubt ist, wird von allen als ein Verbrecher an» gesehen, und niemand wird ihn beschäftigen oder mit ihm verkehren. So ist es auch die erste Sorge der entlassenen Sträflinge. sich einen künstlichen Zopf zu verschaffen, und die aus Europa heim» kehrenden Chinesen, die im Dienste des Fortschrittes ihren Zopf geopfert haben und bei der kurzgeschorenen Haartracht bleiben» sind wahre Helden, denn ihre Landsleute betrachten sie nicht ander?» als wären sie soeben aus dem Zuchthause entlassen. Vorwärts Buchdr. u. Verlagsansialt Paul Singer 6c Co., KW»