AnterhaltungMatt des Vorwärts Nr. 61. Donnerstag, den 26 März. 1908 "I Proletarier. Von Christen Bundgaard- (Nachdruck ocvdotcn.) Ganz verwirrt stieß er gegen das Haus, aber der Sturm heulte um die Ecken, und das Wasser platschte vom Dach herunter. Also herum nach der anderen Seite. Nein,- überall dasselbe Platschende Träufeln von den Dächern, und derselbe durchschauernde Wind. Er kroch unter einen Busch zusammen, sich selbst und die ganze Welt aufgebend. Oh, könnte er nur ein Licht sehen, sei es auch in weilen- weiter Ferne— ein Zeichen, daß lebende Menschen existierten. Ob es außer ihm noch einen einzigen Menschen gab, der in dieser schrecklichen Nacht, in diesem wilden Wetter so einsam und hülflos war? Wenn sie das zu Hause— die vielen Meilen weit entfernt, wüßten! Oh, wenn du es wüßtest, Mutter! Aber die Nacht war schwarz wie die schwärzeste Kohle, und der Wind schrie draußen in der Dunkelheit. Und es klang wie das Heulen wilder Tiere, wie Kinderweinen, wie die Klagen armer Menschen und wie Schrei auf Schrei Wahn- sinniger in Todesängsten! Dann tönte es wie Gelächter, leise— lauter— wild— entsetzlich— wie es kein lebender Mensch noch gehört hat—. Und wieder heulte der Wind auf, janimernd, seufzend, mit er- stickten Schreien, mit Stöhnen, Lachen und Weinen---. Hin über schwarze Wälder, über die Heiden raste das Un- Wetter, über die wilden Wege— als sause es mit allem Fammer des Erdreiches von bannen! Da sank der Körper des Armen zusanimen.„Herr Jesus!" hätte er am liebsten geschrien—„Herr! Herr! Hülfe!" Aber er schrie nicht. Der Regen strömte, und der Sturm fegte über die flachen Felder— er hörte es nicht. Die Kälte krümmte seine Glieder, und er wußte von nichts--- Sein Herz war eine einzige Klage, ein Schrei in der wilden Nacht. Will denn diese Nacht nie ein Ende nehmen? Stunde auf Stunde schlich dabin. Aber in der ersten grauen Morgendämmerung kroch ein armer Mensch aus einem Busch hervor, erhob sich, fiel, krabbelte weiter, Wasser- streifen hinter sich lassend,—— stand wieder auf und schwankte über das schwarze aufgeweichte Feld, wälzte sich durch die bodenlose Pflugerde, und patschte durch die Wasser- Pfützen, die überall standen. Als er die Landstraße erreichte, perfolgte er diese und verschwand im Halbdunkel. Ob der Gesindeverinicter zu Hause ist?. „Nein, augenblicklich nicht." Ob er bald nach Hause käme? „Ja, vielleicht zu Mittag." „Danke." Mit diesem Bescheide taumelte Martin wieder aus der Tür des Gesindevermietcrs und schlich durch eine Quergasse in die Stadt hinunter. Da lagen eine Gasanstalt und eine große Brauerei. Wo bekam man das Geld her, um etwas so Großes aufzubauen? Und wie bekam man Geld, um Gas und Bier zu bezahlen? Ein Bäckerjunge kam mit einer Platte Wecken eilig an ihm vorüber. Oh— er fühlte, wie es in seinen Eingeweiden aufstieß. Würde er doch nur eine verlieren! Oh, wie er sie ergreifen und verschlingen würde. Sie sollten sie ihm nicht wegnehmen. Was täte es, wenn sie mitten in den Schmutz fiele! Es war doch merkwürdig— es war doch merkwürdig, — daß der Bäcker keine verlor! Er stand und starrte auf die Tür, durch die die Wecken hineingetragen wurden. Die Bauern kamen in die Stadt gefahren mit großen fetten Pferden vor ihren Wagen. Die Dienstmädchen liefen mit Kannen voller Sahne und frischem Kaffeegcbäck vorüber. Ein paar Herren kamen über den Bürgersteig. Große, starke Gestalten in langen modernen Ucberröckcn. Sie sprachen laut und lachten: die Gesichter waren rot von gutem Essen und Trinken. Der Rauch ihrer Zigarren wirbelte duftend auf ihn herab. Oh, wie reich alle Menschen waren! Ob wie arm er war! „■och möchte gerne fragen, ob der Vermieter zu Hause ist?" Seine Stimnic klang so dünn, als käme sie aus d.'N zusammengekleisterten Därmen. „Nein, noch nicht. Er kommt vielleicht nicht vor gegen Abend." Es war die Frau des Vermieters. Sie musterte ihn halb unfreundlich, halb mitleidig, von seinem zerdrückten durchweichten Hut bis zu den verdorbenen Schuhen. „Hat es solche Eile?" Er blickte sie an. Es war ein rüstiges Frauenzimmer. Sie hatte ein fettriefendcs Messer in der Hand. Ihre Arme glänzten, und über dem Bauch glänzte sie ebenfalls. Draußen in der Küche briet und brutzelte es, und durch die offene Tür drang nahrhafter und angenehmer Speisedampf. Seine Därme dehnten sich, und durch die Speiseröhre ging ihm ein schleckerndes Gefühl. Das Darmgas spannte seinen Bauch und rief Zwerchsellkrämpfe und ein ununterbrochenes leeres Rülpsen im Halse hervor. Wenn er bloß hier stehen und sich an diesem Dampf satt schlingen konnte! Wie nahrhaft war er nicht im Ver» gleich zu der dünnen Luft da draußen. „Hat es solche Eile?" „Nein, das gerade nicht... freilich... das heißt..." „Kommen Sie lieber morgen wieder," fertigte sie ihn ab, sie wollte offenbar schnell wieder zum Braten hinaus.„Dann treffen Sie ihn wohl zu Hause." Martin machte eine sinkende Bewegung. Der Bauch zog sich in die Höhe, daß die dünne Haut sich straff über den Nippen spannte, krampfte sich zu einem Darmbünvel zu- sammen. daß er sich förmlich auf den Zehen heben und schluckfcn mußte. „Danke.. ja.. schön. � Es war eine Veränderung in der Luft vorgegangen. Der Regen fiel Tag und Nacht, und es herrschte eine Kälte, wie im Spätherbst. Und es standen noch Heuschober draußen, von Wasser durchtränkt natürlich. Eines Morgens früh gingen ein paar Männer in Schaft- stiefeln draußen auf den Wiesen umher und befühlten das Heu, ob es noch eingebracht werden konnte. Plötzlich begann ein großer Hund, den sie mitgenommen hatten, zu kläffen. „Was. Satan!" Ans einem Heubündel sprang ein komischer Mensch in die Höhe. Unter dem einen Arm hatte er eine Jacke und unter dein anderen einen Nucksack, und die Strohhalme bedeckten ihn wie ein rauher Pelz. In langen Sprüngen setzte er über die Wiese, daß das Wasser um ihn aufspritzte. Der Hund und die Männer blieben vor Staunen ganz still stehen und blickten ihm nach. „So ein Satan!" Martin, der die Nacht in dem halbverfaultcn Heuschober zugebracht hatte, kam nachmittags wieder zum Vermieter» und diesmal traf er ihn zu Hause. „Ja, es war wirklich noch nichts— aber— es konnte sich ja immer mal was finden. Aber— das wäre wohl so eine Sache, das Warten?" „Ja, das war so eine Sache." Es kam ihm vor, als müsse der Mann es ihm ansehen können, daß er acht Nächte hindurch unter freiem Himmel gelegen und nichts anderes zu essen gehabt hätte als grüne Erbsen und Rüben. „Wenn sie keine Leute brauchen, dann brauchen sie eben keine Leute." „Nein, dann brauchen sie keine." Martin blieb stehen. Die starke Wärnic benahm ihm fast die Sinne. Er konnte sich nicht soweit zusammennehmen, um zu gehen. Ein schwarzer Pfuhl Regenwasser, das von seinen Kleidern herunterträufelte, bildete sich an der Stelle des Fußbodens, wo er stand.— Er stellte die Füße dicht nebeneinander, um ihn zu verbergen. Der Vermieter zündete seine Pfeife an, sog sehr lange daran, nahm ein Kuvert, betrachtete es ganz genau von allen Seiten, legte es sorgfältig hin und sah ihn sich von der Seite an, diesen Kindcrlandstreicher, dieses Prolctaricrkind, dessen Elend im Zimmer geradezu schrie. „Ja, da ist doch nichts zu machen." „Nein, es ist nichts zu machen." Martin borte kaum. lvaZ gesprochen wurde. Er dachte mir daran, daß das Wasser auf dem Fubboden entdeckt werden müsse, wenn er ginge— und je länger er stand, desto mehr wurde es. Wie eines der schmutzbedeckten Tiere der Dunkelheit, das aus Versehen in eine erleuchtete Stube gekommen ist, fühlte er den Trieb, sich auf alle Viere herabzulassen und zu schütteln. Da polterte jeniand draußen im Flur. Die Tür öffnete sich, und ein Kerl und ein Mädchen traten sehr un- beholfen ein. „Ja, nu bin ich hingewesen und habe Stine geholt," sagte der Kerl. Es war ein kleiner schmuddliger Mensch, dessen krumme Glieder in Tatzen mit Wühlcrklauen endigten. Ob- wohl er sehr dünn, waren seine Sachen doch zu eng und zwischen der zu kurzen Weste und eben solchen Hosen, die vermittelst eines straff geknüpften Strickes oben festgehalten wurden, kam eine alte dreckige Bluse zum Vorschein. Erstand sehr verlegen und zerdrückte seinen Hut in den Fäusten während er sprach. „?ta, was hat nun der Verwalter gesagt?" „Ja, er hat ja drauf geschworen, daß es Stine schlecht gehen sollte, weil sie zöge. Aber Stine wollte doch nicht länger dableiben, wenn sie mich rausgeworfen hatten. Sie wollte doch am liebsten mit mir mitl" (Fortsetzung folgt.) Magister, 8ölclmv und Vagant. n. Unterdessen war das Jahr 1793 angebrochen. In Paris war Ludwigs XlV. Haupt unter der Guillotine gefallen; die Schreckens- Herrschaft setzte ein; jenseits wie diesseits des Rheins raste die wildeste Klubistenjagd. Mainz wurde im Juli von den Franzosen geräumt; Landau i Pf. aber gehalten. Nachdem die Stadt von den deutschen und österreichischen Truppen ringsum so eingeschlossen worden war, daß nichts hinein, nichts heraus komrte, hoffte man, daß sich die Uebergabe noch bis Ende Novencher vollziehen würde. Der französische Kommandant, General Laubadöre, ein ehrlicher Republikaner, lehnte jedoch alle dahingehenden Verhandlungen ab. Nun sannen die Preußen auf ein anderes Mittel. Es war den obersten Truppenfiihrern zu Ohren gekommen, daß Laukhard mit deni Bürger Dentzcl, welcher Representant du peuple(Volks- rcpräsentant) von Landau und zu der Zeit in Mission bei der französischen Rheinarmee war, ehemals bekannt gewesen sei. Da Dcntzel großen Einfluß auf die Stadtbevölkerung hatte, so beredete der Prinz von Hohenlohe Laukhard, die gefährliche Rolle de? Spions und Unterhändlers zu übernehmen, um dadurch möglicherweise eine blutige Uebergabe der Festung zu verhindern. So ohne weiteres mochte sich Laukhard doch nicht bereit erklären. Schließlich aber sagte er zu. Unter der Maske eines Deserteurs unternahm er dann in einer mondhellen Nacht das Wagnis, sich so dicht an die französischen Wachen heranzuschleichen, daß er gefangen wurde.... Jetzt war er in der Festung. Die vollkommene Beherrschung der französischen Sprache gewann ihm sofort das Vertrauen des Generals Laubaddre, zu dem er geführt wurde. Man glaubte ihm seine Beteuerung, daß er wegen seiner republikanischen Gesinnung geflohen sei, aufs Wort. Soweit war alles gut. Er bewegte sich frei und ungezwuugen, war öfters bei Laubndbre, noch häufiger bei Dentzel. Dieser zeigte sich aber nicht geneigt, den Verräter zu spielen. Jetzt mußte Laukhard sehr auf der Hut sein. Zwischen Dentzel und dem Kommandanten bestand schon lange eine feindselige Spannung, die schließlich zur Festsetzung des elfteren führte. Natürlich begann Laubadsre jetzt auch Miß- trauen gegen Laukhard zu hegen. Dieser hatte ein Verhör zu bestehen. Man befragte ihn wegen seines Umgangs mit Dentzel, ob er seit dem Anfang der Revolution an ihn geschrieben, ob er Briefe von ihm erhalten, ob ihn der preußische General Manstein an Dcntzel geschickt und diesem eine Summe Geldes für die Uebergabe der Festung habe bieten lassen, endlich, ob Dcntzel nicht gegen die Republik räsonniert und gesagt hätte, daß sie zugrunde gehen müßte. Indessen bewirkte die freimütige Beantwortung aller Fragen Laukhards sofortige Freilassung. Lanbadöre war aber noch immer mißtrauisch, bis ihm Laukhard erklärte, daß Dentzel unschuldig sei. und wenn ihn der General nicht in Ruhe lasse, er sich beim Konseil Ruhe schaffen wolle. Das wirkte. Für diesmal war Laukhard davor gesichert, seinen Kopf zu verlieren— vorausgesetzt, daß Dentzel ihn nicht verriet. Doch der schwieg. Landau konnte von den Preußen nicht genominen werden. Sie zogen Weihnachten ab. Inzwischen hatte auch Marie Antoinctte in Paris auf der Guillotine ihr frevles Leben mit dem Tode gebüßt. Bei dieser Nachricht ließ General Laubadsre in Landau 48 Kanonen abfeuern. Darauf wurde ein großes Feuer auf dem Marktplatz angezündet, und der Henker mußte die Bildnisse der Königin hineinwerfen. Laubadsre hielt eine Rede, die Volontäre applaudierten wie rasend und zoaen beim Gesänge ihrer Carmagnole durch alle Str'ßen..» Nachdem die Preußen von Landau abgezogen waren, wmdcn alle deutschen Derserteure über Weißenburg nach Straßvurg ge- bracht. Laukhard mit ihnen. In Colmar sah er zum erstenmal eine Hinrichtung durch das Fallbeil. Von Straßburg gings nach Besan?on. In Macon traf Laukhard zum erstenmal einige von den echten„Ohnehosen" an. Wir erfahren hier näheres über ihre Organisation. Als 1793 Lyon rebellierte und Toulon in die Hände der Feinde fiel, bestand Gefahr, daß sich das südliche Frankreich zur royalistischcn Partei schlagen köimte. Die Nationalmacht war an den Grenzen. ES wurden also in aller Eile Truppen zusamnien- gerafft und in die bedrohten Gegenden geschickt. Jeder Offizier hatte das Recht, zum Dienst der Republik anzunehmen, was nur wollte; ja, wer 29. 39 bis 49 Mann zusammen hatte, durste sich zu ihrem Anführer aufwerfen und blieb es. Die so errichteten Korps hießen mit einem Namen die„�rmes rövolutiouairo" und waren die echtesten aller Ohnehosen oder Sansculottes. Sie trugen nämlich selten CulotteS oder Kniehosen wie die Vornehmeren sie hatten, die nachher„llusoadins" genannt wurden. Anfänglich war man mit der Nationalkokarde als äußerem Abzeichen eines guten Republikaners zufrieden gewesen; hernach nicht mehr. Wer'S nur zahlen konnte, trug eine Mütze k la Requblique, d. h. eine von blauenr Tuch mit rotem Rand und weißer Kante, woran auch noch die Kokarde befestigt war. Borne an den meisten Mützen las man das Wort: Hort aux roisl(Tod den Königen I) oder: Nort aux tyrans! So eine Mütze war ein Hauptkennzeichen des Zivismus (freien Bürgertums). Sogar an den verschnittenen und ungepuderten Haaren wollte man den besseren Patrioten erkennen— Robespierre trug jedoch bis an sein Ende die Taubenflügelfrisur— und kurze Holen sah man fast gar nicht niehr; sie schienen aristokratisch zu sein. Wer nicht gerade eine Nationaluniform hatte, zog eine kurze Jacke(matsloto) an. Was die Arrnög revolutionnaires angeht, so war sie aus allen Nationalitäten und den verschiedensten, oft recht zweifelhaften Elementen zusammengesetzt, was unvermeidlich war. Man fand unter ihnen wohl recht artige Leute; aber größten- teils waren es rohe, ungeschliffene Wagehälse, die da meinten, sie wären einzig und allein da, um die Aristokraten und Pfaffen totzuschlagen, berichtet Laukhard.«Die revolutionäre Armee war ein Haupistück des Schreckenssystems. Wo solche Leute hin- kamen, fuhr alles zusammen, und kein Mensch unterstand sich, nur den Mund zu öffnen, ans Furcht, es könnte ihm ein Wort ent- fahren, das der Sansculotte als konterrevolutionär und aristokratisch deuten könnte, und dann war er verloren. Der Ohnehose gab ihn an und man schmiß ihn sofort ins Gefängnis, woraus der Ausgang gar schwer war."... Der Konvent hat die Ausschweistmgen der Ohnehosen keineswegs gebilligt, wie aus verschiedenen �Dekreten her» vorgeht. In Lyon fand Laukhard noch die Spuren der Zerstörung in den nieisten Straßen und Winkeln.„Ganze Reihen Häuser waren wcggebrannt, und gerade die allerschönsten. Kirchen. Klöster und alle Gebäude der ehemaligen großen Herren waren ruiniert. Als ich an die Guillotine kam. floß das Blut derer, welche wenige Stunden vorher waren geköpft worden, noch auf dem Platze. Hier, in Lyon nahm er Dienst bei den Ohnehosen, und ging init einem Trupp nach Vienne, von da über Grenoble auf den fatalsten Wegen nach Valence zu. Hier schlief er nebst einigen Kameraden im Beinhans auf einem Haufen zurechtgerllttelter Menschenknochen. Mit 29 anderen, die von der Truppe noch bei- sammen geblieben, marschierte Laukhard jetzt über Montölimar und Carpentras nach Avignon. Hier ließ sich alles gut an, Posta zu fassen, allein der Reprssentant du psupls befahl, daß alle Kriegsgefangenen und Ausländer weiter ins Innere zu schaffen seien. Nach Toulouse wollte Laukhard aber nicht; und so entschloß er sich, mit einem neuen Paß versehen, wieder nach Lyon zurückzugehen. Hier duelliert er sich mit einem französischen Offizier, wird verwundet und einige Tage später„auf einem republikanischen Wägelchen, d. h. auf einem zweirädrigen Karren, der mit einer leinenen Plane bedeckt ist", nach Dijon ins Hospital gefahren. In Dijon lagen damals im März 1794 wenigstens 5999 Deserteure und gewiß 6999—7999 Kriegsgefangene; im Mpitai Chailler waren viele ausländische Kranke, auch deutsche. Als er so ziemlich hergestellt worden war, versah er Wärterdienste. Der ehemalige Schüler, Student, Kandidat, VikariuS, Jäger, Waisenhauslehrer, Magister, Soldat, Emissär und Sansculotte wurde lu» firmier subalterne(Krankenwärter).„Da sah ich denn wieder, ein- mal anders aus, denn ich trug die Uniform, d. h. eine schwärzliche Jacke mit gelben Knöpfen, ein Paar lange Hosen oder ein Pantalon und eine blaue Nationalmlltze mit rotem Rand, der oben weiß ein- gefaßt war; außerdem hatte ich noch eine weiße Leinenschürze vor."... Laukhard stand sich gut als Krankenwärter; aber die Langeweile schlich sich ein und er wünschte eine Veränderung. Und da ihm ver- schiedene deutsche Offiziere, die hier als Gefangene lagen, das An- gebot machten, ihnen französische Lektionen zu geben, 10 kündigte er nach einem Monat seine Stelle und wurde Sprachlehrer in der Stadt. Er lebte in angenehnien Verhältnissen; aber wenn er schließ- lich nicht über die Grenze nach Deutschland entwischen konnte, so gedachte er sich nach Paris zu wenden. Dorthin durfte jedoch niemand ohne Paß kommen; deswegen schrwb nun Laukhard an Dentzel. Dieser Brief wäre beinahe verhängnisvoll für den Ab- sender geworden; denn Dentzel saß gerade wegen der Landauer Affäre im Pariser Arrest und der Brief fiel also dem Wohlfahrts- ausschuß in die Hände. Schon acht Tage danach wurde Laukhard in Dijon mitten auf der Strafe verhaftet und nach der Conciergerie gebracht. Einige Tage später eröffnete ihm der Ankläger, daß er nach Mäcon gebracht werden müsse. Das geschah deim auch. Im dortigen Gericht hatte er zunächst drei Verhöre vor der In- quisition selbst auszuhalten. Die Angst war größer gewesen, als das Schuldbewußtsein. Er wurde außer Anklage und sofort in Freiheil gesetzt. Nicht nur das: da er unschuldig 32 Tage gesessen hatte, so erhielt er für jedenTag ISSous, also im ganzen 24 Livres ausgezahlt, die er lediglich durch seine Angst verdient hatte.... Mit einem neuen Paß versehen, ging Laukhard nach Dijon zurück, wo er sich zunächst als Brief- schreiber und Lektionenlehrer durchbrachte. Bald war es damit aber nichts mehr, weil die Offiziere, die Unterricht genommen hatten, einstweilen keinen Sold bekamen. Er suchte sich jetzt als Abschreiber, einige Zeit auch als Handarbeiter auf Mauerbrnch durchzubringen und kam schließlich wieder als Krankenwärter in einem Hospital an. Aber er sehnte sich doch fort. Es gelang ihm, seine Entlassung aus sranzösischen Kriegsdiensten zu erlangen. Nun hätte er ja direkt nach Deutschland gehen können. Allein, hier würde er den Preußen in die Hände gefallen sein. Deshalb ging er erst nach Zürich und mit Hülfe eines kaiserlichen Passes nach Lörrach in Baden. Hier lag ein starkes kaiserliches Kommando. Mit diesem zog er im Februar 1705 nach Freiburg, ließ sich ins- geheim beim Emigrantenheer anwerben, desertierte aber kurz darauf wieder aus Elsaß ins Badische hinüber und nahm in Offenburg Dienst bei der schwäbischen Reichs- oder„Reißaus"-Armee. Mit ihr bezog er Lager bei Kehl. Hier sah er ein Schauspiel, bei dessen Andenken ihm noch lange die Haut schauderte. Unter der Einwohnerschaft waren vier Spione entdeckt worden. Einer von ihnen wurde zum Tode durch das Schwert, der andere zum Galgen verurteilt. Die beiden übrigen sollten drei Tage nacheinander durch 300 Mann Gassen- laufen.„Die Exekution ging vor sich-- aber das Gassenlaufen war bis zum Entsetzen abicheulich. Man hatte absichtlich große, starke Ruten gegeben und für zehn Gulden Wachs unter die Soldaren verteilt, die Ruten damit einzustreichen, und die Soldaten Vom Regiment Württemberg verrichteten ihr Henkerknechts- amt auch so gut, daß man die armen Leute schon bei dem sechsten Gange wegbringen mußte.- Sie sahen nicht mehr aus wie Menschen, indem die Barbaren ihnen sogar die Gesichter zerfleischt und die Beine und Hüften gar jämmerlich zerfetzt hatten. Beide sind wenige Tage darauf gestorben an Brand. Der brave Obrist Sandberg spuckte bei dieser Barbarei ans, und ein heftig gesprochenes Wort:„Pfui Teufel, pfui der Schande I" war sein Urteil darüber."... Nun dauerte es nicht mehr lange und Laukhard wurde auf Verwendung des Prinzen von Baden wegen feiner Brustwunde, die er bei dem Duell erhalten hatte, als unfähig zu ferneren Soldaten« diensten entlassen. » Sein späteres Leben ist Armut und Elend. In Halle heiratete er ein armes Mädchen. Er suchte den Unterhalt durch Unterricht in verschiedenen geologischen Fächern, außerdem noch im Lateinischen, Französischen und Italienischen zu erwerben. Die Ehe war un- glücklich. Schmalhans faß als Küchenmeister zu Tisch. Beim preußischen Thronwechsel schöpfte Laukhard Hoffnungen auf An- stellung. Er reiste auch selbst zum Könige nach Berlin. Friedrich Wilhelm III. dekretierte in LaukhardS Gegenwart, daß ihm durch das Oberschulkollegium ein guter Posten beschafft werden solle. Allein damit war es nichts, weil die Universität in Halle einen ungünstigen Bericht gab— Laukhard bekam keine Anstellung. So ward er wieder in den Strudel des unsteten Lebens zurückgeworfen. Er, der kaum für sich sorgen konnte, hatte nun Weib und Kind zu ernähren. Er gab Privatstunden, hielt Re- petitionskurse ab und trat sogar als Winkeladvokat auf. Daneben schrieb er eine Unzahl Romane und Erzählungen von zweifelhaftem Wert. Daß er später auch festangestellter Pfarrer gewesen sei, hat sich nicht erweisen lassen! dagegen hat sein Biograph, Professor Paul Holzhausen, ausfindig gemacht, daß Laukhard in Veitsrodt, einem Pfarrort im Saargebiet, fich nicht nur aufgehalten, sondern in den Jahren 1804—1809 als Pfarrverweser tätig gewesen ist. Während der letzten Jahre seines abenteuerliche» Lebens ist sein eigentlicher Wohnort Kreuznach gewesen, wo er endlich am 29. April 1822 als„Privatsekretär" gestorben ist. Laukhard war zweifellos ein nicht unbedeutender Kopf, aber ein schwacher Mensch. Seiner Epoche und sich selber hat er durch seine Memoiren ein dauerndes Denkmal gesetzt. E. K. Üalti und feine Bewohner. In Haiti, der den Westen der gleichnamigen Antillcmnsel ein- nehmenden Ncgerrepublik, herrscht Revolution. Das ist dort zwar nichts Außergewöhnliches, aber aus den Nachrichten scheint hervor- zugehen, daß es sich diesmal um ernstere Ereignisse handelt. Das heutige Haiti war mit dem östlichen Teil der Insel, der zctzigen Republik Santo Domingo, von der Entdeckungszeit bis 1097 spanischer Besitz. Damals wurde es an Frankreich abgetreten. Tie französische Revolution mit ihrer Verkündigung der Menschen- rechte veranlaßte die starke Sklavenbevölkerung zum Aufstand gegen die Weißen, und es begann ein langer und grausamer Kampf mit wechselnden Erfolgen. Bekannt geworden ist aus diesen Kämpfen besonders der Negergeneral Toussaint l'Ouverture, der dann kurze Z- 4 Präsident der jungen Republik war, bis er in die Gefangenschaft der von Napoleon gesandten französischen Truppen fiel und dort starb. 1804 wurden die Franzosen von Toussaints Nachfolger Dessalines völlig aus Haiti vertrieben, und Napoleon ließ es dabei bewenden. Seitdem ist Haiti ein selbständiger Staat geblieben, wobei gelegentlich ein ebenso kurzlebiges wie groteskes Königtum oder Kaisertum die Republik vorübergehend abgelöst hat. Aber es sind bis heute nicht die furchtbaren Wunden ver- narbt, die Haiti der verheerende Befreiungskampf geschlagen hat. Die beständigen Parteiwirren und Revolutionen ließen den Macht- habern niemals Zeit, sich auch nur in bescheidenem Matze dem kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Zerstörten zu widmen— was sie in den meisten Fällen auch gar nicht als ihre Aufgabe betrachteten. Selten war es einem Präsidenten vergönnt, sich die ganze siebenjährige Amtsdauer hindurch seinen politischen und persönlichen Widersachern gegenüber zu behaupten, und da man dort außerdem an dem Grundsatz„Haiti den Haitiern" von jeher streng festhielt und amerikanischem oder europäischem Unter- nehmungsgeist das Land verschloß, so konnte ihm auch von außen keine wirksame Hülfe kommen. Das Innere der Republik ist noch sehr wenig bekannt, und nur dort, wo wir den Spuren des deutschen Ingenieurs G. Tippen- Hauer begegnen, kann von verläßlichen geographischen Forschungs- crgebnissen die Rede sein. Die Größe Haitis wird auf 28 076 Quadratkilometer angegeben— was etwa der Fläche der Provinz Posen entspricht— und die Bewohnerzahl sfür 1904) amtlich auf 1 425 000„berechnet", was aber vermutlich zu hoch gegriffen ist. Als der Befreiungskanipf begann, hatte Haiti eine halbe Million Negersklaven. Während des Kampfes war diese Zahl erschreckend zusammengeschmolzen, so daß der im zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts regierende König Henri I. einmal zu einem sonderbaren Vermehrungsmittel griff. Er ließ seine unverheirateten Soldaten in langer Reihe aufstellen und ihnen gegenüber die gleiche Anzahl Frauen. Auf Kommando marschierten die Soldaten auf die Frauen los, und die, auf die jeder gerade traf, wurde seine rechtmäßige Ehehälfte ohne weitere Förmlichkeiten. Von der heutigen Bevölkerung entfallen 90 Proz. auf die reinen Neger und 10 Proz. auf Mischlinge. Die Zahl der Weißen ist verschwindend klein und mag wenig über 500 betragen, gegen 45 000 am Schluß der französischen Herrschaft; die meisten derer, die das Leben retteten, sind damals nach Kuba ausgewandert. Man vermutet nicht ohne Grund, daß die Gebirge Haitis bc- deutende Mineralschätze aufweisen. Eisen, Kupfer, Gold, Schwefel, Antimon und Blei, auch Marmor sind vorhanden. Außerdem bergen die Wälder wertvolle Hölzer. Aber diese Schätze liegen un- genutzt da, weil von den Einheimischen niemand ernstlich an ihre Ausbeutung geht und fremde Unternehmer, wie erwähnt, fern- gehalten werden. Ausländer dürfen eben in Haiti keinen Grund- besitz haben und erfreuen sich überdies der ziemlich sicheren Aus- sichtz bei Streitigkeiten mit Eingeborenen vor einem haitischen Gerichtshof den kürzeren zu ziehen. Zur französischen Zeit bc- herrschten die Rohrzuckergewinnung und der Kaffeebau das ganze wirtschaftlickie Leben. Nachdem Haiti selbständig geworden war, wurde die Zuckerindustrie so gut wie völlig aufgegeben. Weil sie die befreiten Schwarzen zu unangenehm an die Jahre ihrer Sklaverei erinnerte; sie beschränkten sich auf den. Kaffcebau, der indessen auch nicht mehr die alte Bedeutung wiedererlangt hat. 1789 wurden 43 Millionen Kilogramm Kaffee gewonnen, 1901— in einem Jahr der Mißernte allerdings— nur 29 Millionen Kilogramm; doch ergab das Jahr 1904 auch nur 37 Millionen Kilo- gramm. Ueberdies ist die Qualität infolge der mangelhaften Auf- bcreitung sehr minderwertig. Zur Ausfuhr kommen ferner, in geringerer Menge, Kakao, Mahagoniholz, Kampeschcholz, Färb- hörzer, Häute und Baumwolle. Alle Beobachter berichten von einem immer schlimmer werdenden Daniederliegen aller wirtschaftlichen Verhältnisse, das begünstigt wird durch die Gleichgültigkeit und Trägheit der Negcrbcvölkcrung, die in ihrer überwiegenden Mehr- heit nur ganz geringe Bedürfnisse hat und bei einer höchst be- scheidenen Lebenshaltung ohne Sorge für den kommenden Tag sich sehr wohl fühlt. Eisenbahnen gibt es nicht, und die Tckcgraphcnlinicn, die bor- Händen sein sollen, sind mehr Sage als Wirklichkeit. Die Spczial- karten zeigen nicht wenige Chausseen, tauschen aber damit Zultände vor, die den Tatsachen ganz und gar nicht entsprechen; jene„Kunst- straßen" sind zumeist nichts weiter, als elende, schwer gangbare Wege, die keine brauchbaren Verbindungen darstellen. Bereits vor den Toren der größeren Städte sind die Brücken derart, daß ein Sprichwort sagt: Wenn Du auf eine Brücke triffst, so umgehe sie. Ausgebessert wird nichts, geschweige denn etwas neu gebaut. Die erst 1730 gegründete Hauptstadt Port-au-Prince, d-ie einen ausgezeichneten Hafen besitzt,.mag 80 000 Einwohner haben. Des schwarzen Mannes Hauptstadt, so schildert sie ein Besucher, ist in bezug auf Sauberkeit nicht besser als seine kleineren Städte. Die- selben Gossen laufen die Straße entlang, derselbe Müll und Abfall bedeckt jeden Zoll. Die Straßen selbst, die niemals ausgebessert werden, sind ein Netzwerk von Löchern, Hügeln und Pfützen. Dia schweren tropischen Regen überfluten sie von Zeit zu Zeit, abec zwischendurch ist ihr Zustand unbeschreiblich. Der„Boulevard" D von Säulnttt beschattet, und ctfe halbe Stunde fährt ein: Dampf- bahn auf und ab. Hier hat die Polizei ihre elenden Wachtstuben und kocht an den schmutzigen Durchlässen ihre Mahlzeiten. Die Polizisten würfeln, wenn sie nicht in den von Baum zu Baum ge- spannten Hängematten schlafen. Obenan an dieser Hauptstraße stehen die Kathedrale und der Palast des Präsidenten, Bauwerke, die indessen architektonisch ganz anspruchslos sind. Ueberall Verfall und Schmutz. Die übrigen nennenswerten Städte sind Cap- Haitien, Cayes Gonaives und Port-dc-Paix. Im Gegensatz zu der verrufenen eingeborenen Bevölkerung der Städte wird die des Landes, die fast niemals in geschlossenen Dörfern, sondern in der Regel familienweise in einzelnen, weit voneinander entfernten Hütten müßig in den Tag hineinlebt, als in mancher Hinficht nicht unsympathisch geschildert. Obwohl sehr arm und in den ursprünglichsten Verhältnissen mit ihrem kleinen Viehstand lebend, begegnet sie dem Fremden sehr freundlich und gastfrei, ist stets bereit, ihm ein Obdach zu gewähren und die vorhandenen Lebensmittel mit ihm zu teilen, wobei Bezahlung nicht erwartet, oft sogar zurückgewiesen wird. Auch läßt dorr die Sicherheit wenig zu wünschen übrig. Zu den üblen Eigen- schaftcn gehört vornehmlich der Schlangenkult des Wodu(Baudouxl, über dessen Wesen aber im allgemeinen wenig bekannt ist. Die Vorfahren der heutigen Haitier stammen zum größrcn Teil von der afrikanischen Goldküstc und daher erklärt sich dieser Kult, der sich von Generation zu Generation vererbt hat. Das Bcsteben des Wodukults ist vielfach bestritten worden, doch hat selbst Tippen- Hauer, der in haitischen Diensten stand und deshalb die Verhältnisse in der Republik hausig zu günstig dargestellt hat. zugegeben, daß der Kult vorkomme und sogar noch gelegentlich Menschenopfer fordere. Der englische Reisende H. Prichard, der vor einigen Jahren Haiti bereist hat, berichtet dasselbe. Danach gibt es zwei Arten von Woduanbetern; eine, die dem Schlangcngott nur Früchte, weiße Hühner und weiße Ziegen darv'iiigt, und eine andere, deren Hauptopfer in einer„Ziege ohne Hörner" besteht, worunter ein Kind zu verstehen ist. Weiß ist die heilige Farve der einen, Rot oder Schwarz die der anderen Art. Die Wodufestc mdcn gewöhnlich in der Nacht und angeblich höchst geheim statt, atsächlich aber brauchen und üben die Woduanoeter die Geheimnis- tucrei gar nicht, weil sie vor jeder Behinderung oder Ileberraschung durch die Behörden sich sicher fühlen dürfen. Den Voriitz führt eine Schlange in einem Käsig, die Zeremonien selbst bestehen in Tänzen, Opferungen, Festmahl:», Anrufungen und einem„del- phi scheu* Zustand in den sich der Priester, Papaloi, oder die Priestcrin. Mamaloi, versetzen.(Ti.-se Bezeichnungen sind fran- göfifchen Ursprungs und von pspa roi, Vater König, bczw. mama r"!, Mutter Königin, abgeleitet.) Das Opferfest, von dem Prichard den harmloseren Teil sah, dauerte von Donnerstag nachmittag bis zum nächsten Sonntag. Er beobachtete folgendes: Tanz nach einem monotonen Gesang. Besprengung eines Gerichts von Kongobohnen und roten Melonen, das auf dem Boden stand und von mehreren mit einer Flüssigkeit gefüllten Flaschen und rosa Blumen umgeben war, mit Wasser. Tanz der Mamaloi zwischen den knienden Andächtigen hindurch mit einem lebenden Hahn auf dem Kopfe. Die Mamaloi tötet den Hahn, küßt den durchschniticnen Hals und fällt dann ansckieinend ohnmächtig nieder. Wieder- holungen des Tanzes; es werden noch weitere Hähne geopfert, doch von den Teilnehmern. Zuletzt opfert der Papaloi einen sckstvarzen Hahn. Ueber diese Opfer wird Wasser gesprengt. DaS Blut der Opfertiere, das in ein Gefäß gcfloßen ist. wird von der Mfamaloi auf die Türpfosten gestrichen, auch malt sie damit Kreuze auf die Stirn der Teilnehmer. Neuer Tanz, an dem sich alle be- teiligen. Es folgen die Schmauscreien und wiederum Tänze, die in obszöne Verrenkungen ausarten. Zu den Wodufestcn ruft eine Trommel zusammen. Der Einfluß der Papaloi ist überaus mächtig, sie sind die Angel, um die sich das ganze Leben der Haitier in den abgelegenen Gegnden dreht; sie sind die Will�nsvcrmittlcr der allmächtigen Schlange, von allen gefürchtcte schlaue Neger, die keinen festen Wohnsitz haben. Die Mamaloi sind ihre von der Schlangcngottheit erwählten Helferinnen. Ein neuer Papaloi wird durch die Opfe- rung eines Kindes in seine Würde eingesetzt, das Blut wird dabei, mit Rum vermischt, von den Anwesenden getrunken. Die Re- gicruug ist stets zu schwach oder zu lässig gewesen, diesem Kult ein Ende zu machen; er wird also noch lange in Haiti im Schwange bleiben, länger als in Wcstafrika. wo der Einfluß der Europäer diese barbarischen Sitten doch schon sehr zurückdrängt, H. S. Kleines Feuilleton. Völkerkunde. Das mörderische Alaska. Dr. Eordon bom Freien Museum für Kunst und Wissenschast in Philadelphia hat vor der anthropologischen Gesellschaft in Washington einen Vortrag über seine ethnologische Nntersuchungsreise in Alaska gehalten, deren Ergebnisse das mörderische Klima dieses Landes, das unglücklicher- weise durch die Entdeckung von Goldfeldern eine Massenanziehung ausgeübt hat, in ein düsteres Licht rückt. Die Untersuchungen er« streckten sich im vorigen Jahre auf das Gebiet des Kuskokwim- Flusses, der in der mächtigen Mac-Kinley-Kette entspringt und sich dann südostwärts wendet, um in die gleichnamige Bucht des Bering-Mceres zu münden. Der Forscher ist den ganzen Strom hinabgefabren. Das Gebiet des Oberlaufs war auf einer Strecke von über 300 Kilometern völlig verödet. Kein einziger Mensch tcigte sich, und auch das Tierlcben erschien fast ausgestorben. iersuche zur Ansiedlung sind auch hier gemacht worden, aber die Wohnunzen waren alle wieder verlassen. In einem Hause lagen noch fünf Leichen, als ob die Bewohner von einer plötzlichen Pestilenz dahingerafft worden wären, und es wurde in der Tat nachträglich festgestellt, daß eine Seuche von Lungenentzündung in letzter Zeit das Tal gleichsam ausgefegt und fast sämtliche Bewohner der- nichtct hatte. Etwas weiter hinab stieß Dr. Gordon auf ein ganzes Dorf, das aber gleichfalls völlig unbewohnt war. Die ehemalige Bevölkerung gehörte nach den hinterlassenen Gegen- ständen zu schließen, zu den Eskimos. Die Wohnungen bestanden in Blockhäusern, die mit Erde bedeckt waren. Es waren auch Ver- sammlungs- oder Klubhäuser von beträchtlicher Größe vorhanden. außerdem zahlreiche Aufbewahrungsplätze für Vorräte und Gestelle zum trocknen von Lachsen. Die Einwohnerschaft dieser Gegend' war vermutlich ausgewandert, und zwar wahrscheinlich wegen des Vcrschwindens des Rcnntiers lCaribou), von dem diese Leute geradezu abhängig sind. Ob die Renntiere selbst nur nach anderen Gegenden übergesiedelt oder gleichfalls dem Klima oder anderen Einflüssen zum Opfer gefallen sind, scheint nicht festgestellt zu sein. Dr. Gordon besuchte ferner auch ein noch bewohntes Eskimodorf an der Mündung des StromS, wo er ein großes Material an Photographien, Körpermessungen und anderen Angaben für die Eigentüinlichkeit dieses Stammes sammelte. Die Verheerungen, die unter den Eingeborenen von Alaska durch Epidemien ange- richtet werden, schildert Dr. Gordon als ganz furchtbar, und hier wie so oft ist der„weihe Mann" zum Verhängnis der Naturvölker geworden, indem er bei seinem Erobcrungszug auch seine Krank- Herten mitbringt. Der Reffende hält eS nicht für unmöglich, daß schon nach ivenigen Jahren sämtliche Bewohner dieses Ge- bietes durch solche Krankheiten, die dort früher gar nicht bekannt waren, bis auf den letzten Mann ausgerottet sein könnten. Von Interesse ist noch die Bemerkung, daß die frühere Bevölkerung im Tal des oberen Kuskokwim zur Bearbeitung deS Bauholzes für ihre Häuser nur Werkzeuge auS Stein und Elfenbein benutzt hat, so daß für diese Leute die Errichtung einer Wohnung einen ungeheuren Aufwand an Zeit und Mühe bedeutet haben muß. Hygienisches. Unhygienisches von den Zündhölzern. Die Zündhölzer haben im Laufe der Zeit eine große Wandlung durch- gemacht. Ihre jetzige Form ist ungefähr 100 Jahre alt. denn bis zum Jahre 1820 war die Zündbüchse das ausschließliche Mittel, um Feuer zu erhalten, und halte in gewissem Sinne den alten Feuer- stein und Stahl überlebt. Was aber auch zugunsten oder Ungunsten des alten Feuerzeugs gesagt werden mag, das moderne Zündholz kann kaum beanspruchen, in bezug auf die hygienischen Anforderungen auf der Höhe zu stehen, obgleich seine äußerst bequeme Anwendung zugegeben werden muß. Nfft Reckt wird im„Lancet" hervorgehoben, daß es deshalb eine unbestreitbare Existenzberecktigung hat. Jedoch ist zu bedauern, daß nicht auch bei ihm wie bei dem modernen Pulver eine Rauchentwickelung vernneden werden kann, oder besser. daß sich Verbcennungsprodnkte entwickeln, die in hygienischer Hinsicht nicht gerade schätzenswert sind. Jeder weiß ja, wie stechend und beißend der Rauch des modernen Zündholzes ist, und wenn man die Zusammensetzung der Zündmasse kennt, so braucht man sich darüber nicht zu wundern. Unter den Bestandteilen, auS denen sie selbst oder die Reibflächen der Schachteln bestehen, befinden sich Phosphor, Schwefel, Antimon, rote Mennige, Schwefclquecksilber und Bleichromat. Bei dem Entzünden und Verbrennen bilden sich daher reichlich Dämpfe, die Schwefel- und PhoSphorsäuro, Blei, Antimon oder Quecksilber enthalten und somit giftig sind. Allerdings ist ihre Menge in dem Kopfe eines Zündholzes verhältnismäßig gering, aber das Ivird anders, wenn der Raum, in dem sie ent- zündet werden, sehr klein ist oder wenn die Menge der verbrannten Schwefelhölzer eine sehr große ist. Deshalb wird im„Lancet" nicht bezweifelt, daß sich in dem Zigarrenrauch eines Gast« zimmerS oder eineö Konzertsaales oder sogar auch eines elektrischen Straßenbahnwagens diese giftigen Produkte nachweisen lassen, womit sie dann gleichzeitig ihren Weg in den menschlichen Körper finden. Am schlimmsten scheint cS in dieser Be- ziebung mit den Zündhölzern bestellt zu sein, die Phosphorsäure enthalten, weil diese im ganzen verbrannt wird, während in den sogenannte» Sicherheitszündhölzern nur wenig oder gar kein Phos- phor vorhanden ist, da er sich meistenteils auf der Reibfläche der Schachteln befindet. Indes enthalten auch diese Zündhölzer Blei, Antimon, Barium oder Cyanverbindungen. Wir müssen dem „Lancet" zustimmen, daß die heutigen Zündhölzer noch sehr ver- besserungsfähig sind, damit alle diese Mißstände vermieden werden. Veraniw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin ZW.