UnttthMungsblatt des Horwärts Nr. 62. Freitag� den 27. März. 1903 (Nachdruck verboten.) 181 Proletarier. Von Christen Bundgaard. Nicht ohne Zärtlichkeit blickte er auf Stine, die indessen steif und unbeweglich stand, und die es sich nicht gerade merken ließ, daß sie sich aus einem zärtlichen Herzen heraus für den Geliebten aufgeopfert hatte. Sie war offenbar schlechter Laune; aber der Sonntags- staat, in den sie sich geworfen hatte, war auch schlimm vom Regen mitgenommen worden. Ihr Hut war dermaßen aufgeweicht, daß ihr die Gänse- federn um die Ohren wehten, und von dem hochroten Bande träufelte das Wasser wie Blut über ihre runden sommer- sprossigen Wangen. DaS Kleid hatte sie hoch aufgesteckt, und den kurzen rotgestreiften Unterrock hielt sie mit steifen Armen von sich ab, daß man ein großes Stück der dicken pfahlartigen Beine sehen konnte, die in ein Paar schlammigen Schuhen steckten. „Ihr könnt ja dann die Stelle drüben kriegen, wenn Ihr alle Beide melken wollt", sagte der Vermieter.„Tann könnt Hhr heute mit dem Abcndzuge losfahren. Aber wo sind Eure Sachen? Könnt Ihr die herauskriegen?" „Ja. er hat doch alles miteinander rausgcschmissen, meine Standkiste und Stines Kommode, und nu regnet es doch ein." Aber jeht kam Leben in Stine. „Ja. und all mein bestes Zeug, wird alles verdorben", erklärte sie mit flinker Zunge.„Und von der Kommode ist der Rücken losgegangen, und Hemden un Hosen un alles liegt un versaut mir im Treck— und die Kindersachcn, die ich geschenkt gekriegt habe, weil ich bald was Kleines kriege --- Der Verwalter, der Satan! und die Frau, das Schweincluder, die Sau! Sic gibt ihren Leuten das reine Schwchwfuttcr, un die Kncäsisbctten kann man gar nich machen, so voller Läuse un 5lrähe un Hundemist sind sie! und die Köchin ist venerisch--- Pfui Deiwel, so'ne Hure! Da soll der Klickuck bleiben!" Jens meinte, das sei des Verwalters Schuld: denn der wäre nun inal ein Satan. Stine tvar am wütendsten auf die Frau. Und der Vermieter, der artig und zuvorkommend war. fluchte voll Ueberzeugung:„Ja, das ist, hol' mich der Dcmvel, eine faule Stelle!" Es wurde also abgemacht, daß sie noch heute abend reisen müßten, und dann gingen sie. Stine hob ihre Röcke unanständig in die Höhe, als sie die Türjchwclle überschritt, und sie knickte mit ihrem Pfann- kuchen von Hut. daß ihr die geknickten Gänsefedern ins Ge- ficht patschten. Der Kerl hätte beinahe über seine Holzschuhe einen Purzelbaum geschossen, und sehte sich erst den Hut auf, als er wieder auf der Straße war. Martin stand noch auf demselben Fleck. „Ja, nu kann ich Ihnen da eine Stelle schaffen, wo die beiden heraekommen sind. Die Stelle ist gar nicht so schlecht!" Martin fuhr erschreckt zusammen. „Nein... nein— ich glaube, ich möchte waS anderes versuchen"— und er machte, daß er hinauskam. Dann batte er sich hinter die Gärten und auf das Feld hinausgeschlichen, wie ein hungriger Hund, der nach Abfall umherschnüffelt. Aber da war kein Abfall, den ein Mensch in den Mund stecken konnte— es war kaum ein»venia trinkbares Wasser auszutreiben. In derselben Nacht ging er nordwärts. Er ging, solange er die Hand vor Augen sehen und solange er die Füße rühren konnte. Tag und Nacht ging er. und seine Natur nahm all- mählich eüvas Wildes an, daß die scharfen Rüben ihm gut zu bekommen begannen. Ein Stück trockenes Brot, das er übrig hatte und mit dem er Hans gehalten, indem er einen Bisten morgens»»nd einen Bissen nachmittags nahm, erschien ihm jetzt fast un- verdaulich und als Futter für eine ihm unbekannte Tier- gattung. Seine menschliche Stimme verlor er immer mehr, und sein Gang verwandelte sich manchiual in eine Art Hüpfen. 7. Eines Morgens vor Tag kam Martin auf seiner ein- samen Wanderung an einer 5hiesgrube vorüber. RingS um j die Grube wuchs großer brcitblättriger Ampfer. Eine alte , dicke Kröte saß auf dem Grabenrande und gähnte, und auf einem taufeuchten Blatte schaukelte sich eine Lerche und sang aus voller Kehle. Martin ging näher und sah der Sängerin nach, als sie plötzlich aufgescheucht in die Höhe flatterte. Im Ampfer hatte sich cttvas beivegt. Und unversehens kam ein Menschenkopf zum Vorschein. dessen Augen ihn voll Erstaunen anstarrten. Martin stutzte. Es war das erste Mal, daß er auf dieser Ebene seinesglcickM begegnete. „Guten Morgen", sagte er. „Mor'n!" Die ganze Gestalt kam allmählich auf die Beine, und nachdem der Mann ein»venig gestanden und an einem großen Sack gehoben hatte, warf er diesen auf den Rücken und kam zu Martin hinunter. „Mor'n. Kamerad. So früh auf den Beinen? Wo hast Du die Nacht geschlafen?" Martin stand und stotterte. „Ich habe hier im Ampfer geschlafen", fuhr der andere fort.„Das»var. hol' mich der un jener, eine Lust! Oh, wie schön ich geträumt habe von Paradies un Engeln un dem Mädel und der Flasche! Hallelujah, wie gut ist der liebe Gott! Aber»vas ich sagen»volltc— hast Du einen Schnaps?" „Nicht? Dann spendiere ich einen. Bitte,'n kleiner Morgeubittcr..." Das durchlief ihm tvarmend den Körper»vie ein Strom völlig neuen Lebens.-- Ter andere, der stand und mit den Zähnen klapperte, ergriff dann die Flasche, sperrte einen großen Schlund in seinem blaugefrorenen Gesicht auf und goß einen großen Schluck in den Nachen.—„Ja,»nan kann, weiß Gott, nich ohne Branntwein leben, besonders auf der Reise." „So, Sie sind auch auf der Reise?", fragte Martin. „Ja. das heißt also... Ich reise für die Apotheke. Ich sammle Klettenwurzeln. Mein alter Vater macht mit, aber er ist in einer Stadt weiter drüben nach der Richtung. Ich Hab' keine Ahnung, wie er sich heute nacht eingerichtet hat. Wir waren im Frühjahr auch hier draußen. Da lagen wir drüben in der Kiesgrube in einer Nacht. Es gab noch keinen Ampfer... und es fror... und als wir des Morgens ausivachtcn.»varen wir kreideweiß vor Reif. Wohin geht übrigens die Reise?" „Ich habe gedacht... nach Kolding.»» Ich habe keine Arbeit..." „Das ist»veiter nicht schlimm", lachte der gemütliche Reisende.„Arbeit ist doch das letzte,»vomit man sich abgibt!" Martin bemerkte so etwas»vie, man müsse doch»oegen des EssenS... „Nee... sieh mal»... weißt Du»vaS. Der Teuwel mag laufen un sich bucklig schleppen! Nu z»lm Beispiel ich. Ich bin wahrhaftigen Gott Maler ge»vesen. Ich habe auf Schloß Frederiksberg gemalt. So'ne feine Arbelt wie ich hat keiner geliefert. Hol's der Kuckuck! Ich Hab' ein Weibstück un drei Rangen, für die ich Fressen schaffen muß. verstehst Du! Sieh mal. Ich sammle Lklettenwurzeln, un finde ich'n Knochen oder'n Stück Zinntopf oder'»» Stück altes Eisen oder'»r alten Sack auf'm Mist.... na. lvcr sieht da so genau hin!" Er blinzelte pfiffig.„DaS heißt, sie sind auch schmierig genug, die Bauern. Aber mir ist's gleich!" „Ist wahr", unterbrach er sich,„»vir müssen'n Tropfen haben, sonst merken»vir nich, daß wir leben! Willst Du nichT — Ja. ja!" Er warf den Sack über den Nacken und begann zu gehen. „Wollen wir zusanunen gehen?— Arbeiten— hä. das sagte der auch, der dicke verbissene Bauer, dem ich neulich drinnen Bürsten verkaufen nwllte.„Arbeiten solltet Ihr", sagte er... aber Ihr wollt Euch lieber herumtreiben. Ja, das glaub' der Teufel, gutwillig läßt sich doch keiner zum Packesel machen! Und siehst Du! Ob man arbeitet oder nich arbeitet, es kommt ja doch schließlich auf eines heraus. Nun will ich Dir was erzählen,»vie ich Dir vorhin gesagt habe, ich bm Malergeselle gewesen. Und damals»var ich ver- heiratet, und es»var in einer Dachkammer in Kopenhagen in dem Winter, als es keine Arbeit gab, und wir mußten alle unsere Möbel zu Geld machen, un konnten den Ofen nich meljr heizen... im ich hatte zivei Kinder mit ihr... die hättest Du sehen sollen... zwei»anz süße Mädels! Aber ich konnte sie ja nich bei lebendigem Leibe halten, Wirklich nich. un wenn ich bis zum Deuwelholen gerackert hätte ... und da macht sich die ssstali an die Mission'ran, un ich bummelte, un kam eines Tages für ein Weilchen inS Armen- Haus, weißt Du. Iln wie ich denn rauskomme, is alles in schönste Ordnung gebracht... Die Frau is von dem Missionsquatsch verrückt geworden und in die Anstalt ge- kommen. Da is sie nun sckwn im zwölften Jahre. Und die Mädels, die sind ja beide am Typhus gestorben. Die beiden kleinen Dinger, die mußten in den Kirchhof herunter.... Da kannst Du Gift drauf nehmen... das° hat mir weh tjetan..." „Ja. es ist ein verdammtes Leben I" rief Martin.„Es sollte..." „Ja, gewiß is es verflucht", unterbrach ihn der andere. „Aber sieh mal, dabei is nu nichts zu machen. Seitdem bin ich nun so herumgetorkelt wie es sich eben gemacht hat.... Da kannst Du Gift drauf nehmen, daß Du mit einem echten Landstreicher sprichst... einem echten Landstreicher I ES gibt keinen Winkel in Dänemark, den ich nicht kenne... eS gibt kein Arrestloch, in dem ich nicht gesessen hättet Weißt Du. Ich könnte Dir Geschichten erzählen! Wie nu einmal, so vor fünf, sechs Jahren, als ich mit einem Weibsstück reiste ... es war drüben auf Seeland, und es war Winter mit Frost und Kälte. Das war keine leichte Zeit, un die Polizei war hinter uns her! Ich mußte mir oft die Strümpfe aus- ziehen, um das Mädel durch das Wasser zu tragen, und das Eis schnitt mir in die bloßen Beine, daß sie bluteten. Und nachts, um nicht ganz zu erfrieren, steckte ich die Beine unter ihre Röcke, un denn schnürten wir die Röcke mit Strumpf- dändern zusammen. Aber in Korsör erwischten sie uns. Da hatte sich die Petze besoffen un machte Skandal! Es war'ne Zuchthaus- geschichtet Siehst Du, so geht's... hier in der Welt.... Versuch Du Dir's im Leben, wie ich's mir versucht habe... dann kannst Du sagen. Du hast was mitgemacht!" Und während Martin mit diesem elenden Bummler den Weg entlang ging, wurde es ihni klar, daß er fich's im Leben versuchen müßte. Er mußte sichs versuchen, wie jene, die auf den Abfalls- Haufen sich Nahrung suchten. Ob er nicht auch Klettenwurzeln sammeln konnte? Nein, ouch in dem Fach war wohl die Konkurrenz zu groß! Selbst gegenüber diesem Individuum da war er der Geringste: er war der Geringste auf Gottes Erde! Der Andere konnte es sich sogar leisten, sich ihm gegen- über mildtätig zu erweisen.— Er reichte ihm die Flasche. „Prosit, un der Deuwel hol das Ganze! Trink, das hält einen bei Humor! So lange es noch Branntwein in der Welt gibt, so lange wird sie schon bestehen! Na, ich muß hier einbiegen. Adieu, und glückliche Reise!" (Fortsetzung folgt.) Die Berliner politifcbc Kanhatur im jfabre 1848. T. Das Jahr 1S48 ist das eigentliche Geburtsjahr der politischen Satire in Deutschland. Das Jahr 1848 brachte Deutschland die ersten politisch-satirischen Witzblätter und zum erstenmal eine wirkliche politische Karikatur größeren Stiles. Aber so jäh und scheinbar unvermittelt auch die jahlreichen satirischen Blätter nach den Märztagen überall über die Straßen flatterten und in allen Kneipen und Versammlungen von Hand zu Hand gingen— es war. wie jede ander« Erscheinung der po- litischen Kämpfe jener Tage, nur das folgerichtige Aufblühen einer vorhergegangenen eifrigen Aussaat und Vorbereitung. Es ist eine absolut feststehende historische Tatsache, die im Wesen der ge-- schichtlichen Entwickelnng bedingt ist, daß immer, wenn Wende- punkte in der Geschichte sich vorbereiten, sich stets auch ein hef» tiger Drang zur Satire entwickelt. Wo die Mauern, mit denen das freie Wort eingegrenzt ist, auch nur die kleinste Lücke lassen, drängt sie sich hindurch, um jäh alles zu überwuchern, sowie die Mauern gänzlich niedergerissen werden. Je tiefgehender und ein- schneidender eine sich vollziehende Umwälzung ist. um so groß- artiger ist stets auch die allgemeine Expansion des satirischen Geistes. Aus diesem Grund spielte die politische Satire, in gereimter■, Form, in Prosa, als gezeichnete Karikatur, auch in Deutschland i im Jahre 1848 eine ganz außerordentlich große Rolle, und darum begegnen wir weiter auch schon vom Beginn der vierziger Jahre an überall ernstlichen Versuchen, die Satire wachzurufen und in den Dienst der Tageskämpfe zu stellen. Das gilt von Deutsch- land in seiner Gesamtheit und es gilt im besondere» von Berlin. Den ersten nennenswerten Dokumenten des satirischen Geistes begegnet man in Berlin am Beginn der 40er Jahre. Um diese Zeit hatte der Kampf um die Preßfreiheit energischere Formen angenommen, und da Friedrich Wilhelm IV, dem die zensurierten Zeitungen wohl selbst sehr langweilig vorkamen, die romantische Au- Wandlung hatte, er könne ein freies Wort vertragen, so kam eS zu einer Milderung der Zensurvorschriften für die Presse und betreffs der Karikaturen zu einer Aufhebung der Zensur über- Haupt. Der mächtig drängende Geist der Zeit hatte dies sofort genutzt und die po.itische Karikatur erschien alsbald gestiefelt und gespornt auf dem Plan— zum Kampfe gegen den romantischen Friedrich Wilhelm IV., in dem der Fortschritt mit Recht seinen grimmigsten Feind unter den deutschen Fürsten sah. Der schlagfertgeBerliner Vollswitz hatte natürlich nicht erst auf diesen Augenblick gewartet, er hatte sich der Person Friedrich Wilhelms IV. schon viel früher bemächtigt. Er war, wie immer, die erste Form der satirischen Betätigung des VolkSgewifsens ge- Wesen, und er hatte sich daher gleich am ersten Tage eingestellt. an dem das Widerspruchsvolle in der Denk- und Betätigungsart des Königs als vorherrschendes Merkmal der Allgemeinheit offenbar wurde. Ter König hatte ihn herausgefordert; feine Art, auch nicht das geringste seiner Talentchen zu verheimlichen, sie vielmehr bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Parade vorzuführen, war für den Volkswitz eine ständige Herausforderung— und eine sehr gefährliche sogar, weil sie eben von dem mitunter geradezu genialen (.-ssenwitz des Berliners angenommen wurde. Im Jahre 1841 kursierte breitS folgende Paöouinade in Berlin: Zwei Bürger be- trachten vor einem Bilderladen das Bild des vorigen und dcS jetzigen Königs.„Zwei selige Könige I" sagte der eine.—„Was soll das heißen?" fragte der andere.—„Et, nun," versetzte der erste,„jener ist der Hochselige, und der ist der Redselige." Im Dezember desselben Jahres machte die folgende Bosheit die Runde: „ES spuke in Sanssouci, ja. es sei ganz gewiß, Friedrich II. gehe dort ohne Kops umHerl" usw. usw.; jede Woche ein neuer Schlagerl Wärmender Humor versöhnte hier nicht, alles war witzig, kalt, schneidend, der Verstand war am Werke. Im selben Geiste bewegte sich die Karilatur, als sie auf den Plan trat. Die Zahl der Blätter, die nach der Aufhebung der Bilderzensur im Jahre 1341 in relativ rascher Folge erschienen, war für die damalige Zeit keine geringe und, was das Wichtigste ist, gar manche Bravourleistung war darunter. Einer derer, denen man neben dem redseligen König am heftigsten und gleich von Ansang an au� den Leib rückte, war sein Minister Eichhorn. Man sah ihn als Eichhörnchen,„die taube Nuß des christlichen Staates" aufknacken, und in ebensolcher Gestalt an den Zeitungen nagen. Als Herwegh seinen ungeschickten Brief an den König geschrieben hatte, in dem er nachträglich de» Marquis Posa spielen wollte, da erschienen ebenfalls Karikaturen auf ihn, die den Nagel ziemlich auf den Kopf trafen. Eines der tüchtigsten Blätter dieser Zeit ist der Wirkung entsprungen, die Herweghs Brief erzeugt hatte. Dieser hatte nämlich, wie bekannt, dem König die will- tommene Gelegenheit geboten, von den schlüpfrigen Pfaden des Liberalismus, die er mit einem Fuße gewandelt hatte, auf den soliden Weg altbewährter Reaktion zurückzukehren. Die milden Zensurvorschriften für die Presse wurden wieder aufgehoben, und im Verfolge davon vor allem die„Rheinische Zeitung", das kräf- tigste Organ der liberalen Opposition, verboten. Der damals noch nicht beim Sozialismus angelangte Karl Marx war bekanntlich ihr kühner Leiter gewesen. Dieses Verbot hatte dem Karikaturisten den Stoff zu einer ausgezeichneten Karikatur geliefert: Als einen modernen Prometheus, zu dessen Füßen die ihres OrganeS beraubten rheinischen Städte jammern, zeichnet der Künstler Karl Marx; aber statt an den Felsen ist Marx an die Druckerprcsse ge- kettet. Der Adler, der ihm die Leber aushackt, ist der preußische, gesandt von dem Minister Eichhorn, der in unerreichbaren Wölken- höhen auf dem preußischen Trone sitzt. Aber io gut dies Blatt an sich ist, so ist es doch noch von einem anderen übertroffen worden.�das unstreitig die beste satirische Schöpfung der Zeit dar- stellt, nämlich die Karikatur:„Wie einer immer daneben tritt." Von allen satirischen Angriffen gegen Friedrich Wilhelm IV. ist dies ohne Frage der kühnste. Friedrich Wilhelm IV. inS Affenhafte karikiert, sucht, die Sektflasche in der Hand schwingend, im Garten von Sanssouci in die Fußtapfcn des ihm vorangehenden Friedrich II. zu treten, aber der sektbcgeisterte Nachtreter tritt regelmäßig daneben. Der Witz ist einfach, aber ebenso schlagend, ein Denkstein in der Geschichte der politischen Karikatur. Dieses Blatt hat aber auch noch in anderer Hinsicht dauernde Bedeutung für die Geschichte der Karikatur erlangt. Wie Herweghs Brief dia willkommene Gelegenheit zur Aufhebung der günstigen Zensur- Vorschriften für die Presse wurde, so diese Karikatur die direkte Ursache der Wiedereinführung der Bilderzensut— hier hörte die Romantik auf. Friedrich Wilhelm IV. fand, daß durch Verbote am einfachsten der Gegner in der Diskussion zu schlagen war. Nun war die politische Karikatur hinfort wieder unmöglich in Preußen. Aber war dieser Schlag auch in Preußen nicht zu parieren, so ist doch in einer aufsteigenden Periode, und in dieser befand sich eben damals daö deutsche Bürgertum, die völlige Per- nichlung der politischen Karikatur ein Dinjj der Unmöglichkeit. Als die politisch« Karikatur m Preuhen vernichtet war, ergriff sie in den anderen deutschen Städten um so häufiger und um so ver- nehmlicher das Wort, besonders in Leipzig und Frankfurt a. M. Aber auch die Berliner Karikatur sollte bald von neuem wieder auferstehen. Als das Jahr 1843 in die Geschichte eintrat, da meldete sie sich sofort als legitimes Kind der Zeit, das das Recht beansprucht, so deutlich wie möglich seine Meinung zu den Dingen zu sagen. Und von diesem Rechte machte sie einen Gebrauch, wie es niemals zuvor in der Geschichte Deutschlands der Fall gewesen lvar. Sie gab Eigenes in reicher, unendlicher Fülle und lieh ihren Stift ebenso eifrig dem Berliner Gassenwitz. Dieser hatte natürlich niemals ausgesetzt, höchstens, dag man seine Bosheiten bis zum Morgen des 18. März nur verstohlen von Ohr zu Ohr tuschelte. Nachdem aber das Volk über den Absolutismus gesiegt hatte, da wanderte die Satire offen von Mund zu Mund, von Hand zu Hand, und jeder wurde ein kecker und unternehmender Mitarbeiter. Als das Manifest«An meine lieben Berliner" am Morgen des 19. März erschien, da wandelte es der Gassenwitz schon in derselben Stunde zur beitzensten Satire auf Friedrich Wilhelm IV. um. In einem Brunnenpsosten der Breitenstrage war ein von den Stratzenkämpfen herrührender Granatsplitter stecken geblieben. Der Gassenwitz wußte nicht bester die Aufmerk- famkeit darauf zu lenken, als daß er darunter— die eben erschienene Proklamation des Königs:„An meine lieben Berliner" klebte. Ein bösartiger, aber ein treffender Kommentar. Ge- schickte Zeichner haben diesen Gassenwitz sofort aufgegriffen und durch mehrere Variationen des Blattes„Neue Art eine tionstitution zu geben", diese Satire zu einer der populärsten in ganz Deutsch- land gemacht. Die bildliche Tarstellung zeigt Friedrich Wilhelm den Vierten in Harlekinstracht, wie er eben eine gegen das Volk gerichtete Kanone losschießt, die in den Brunnen einschlagende Kugel ist umschrieben mit den Worten:„An meine lieben Ber- linerl" Aber es ist wohl zu beachten: diese Blätter erschienen, abgesehen von den anonpmen, offiziell nicht in Berlin, sondern meist in Haaiburg oder Leipzig. Konnte man Friedrich Wilhelm den Vierten nicht vor dem losen Gassenwitz schützen, so doch wenig- stenS vor solchen Leuten, die es hätten wagen wollen, den Begriff Preßfreiheit nach englischem Muster zu übersetzen. Trotzdem war ganz Berlin von diesen Karikaturen überschwemmt. Tagegen erschienen in Berlin mehrere illustrierte satirische Flugblätter, welche dieselbe Idee in anderer Richtung variierten und es da- durch vermochten, den Namen des Königs zu umgehen. Es find das meist Verherrlichungen der Revolution, die den,„Granaten- brunnen", der die personifizierte Revolution wird, in den Mund gelegt find; die bekannteste die Flugschristen ist das„Sendschreiben des Granatenbrunncns in Berlin an seine Kollegen, die Brunnen in den Provinzen". Mit diesen Blättern war die lange Reihe von satirischen Angriffen eröffnet, mit denen ganz Deutschland Friedrich Wilhelm IV. während des tollen Jahres überschüttete. An was die Karikaturisten allerorten bei ihrer Verspottung Friedrich Wilhelms IV. in erster Linie anknüpften, waren selbst- verständlich„seine beiden Seligkeiten: Redseligkeit und Trink- seligkeit". Besonders die letztere war ein sehr dankbares Motiv und verlockte zu immer neuen Variationen.„Ich werde mich an die Spitze der Bewegung stellen," hatte der 5tönig gesagt. Nun, was das für eine Bewegung ist. an deren Spitze„Champagnerfritze" sich stellen wird, darüber kann doch kein Zweifel sein, höhnte der Witz und zeichnete Friedrich Wilhelm lV. als personifizierte Champagnerflasche, einem Heer von Schnapsflaschen auf einem Stecke, chferd vorausreitcnd; hier kann er Schritt halten, hier wird er voranschreiten l Aber, höhnte der Spott weiter, an die Spitze der eigentlichen großen Kulturbewegung, die mit Sieben- mcilcnstiefel» ihren Weg zurücklegt, wird er nie kommen, wenn er noch so sehr sich müht— mit Kürasjiersticfeln kann man mit dem Zeitgeist nicht Schritt halten, geschweige denn ihm als Weg- weiser vorangehen. Die Verkündigung des Königs, er werde sich an die Spitze der deutschen EinheitS- und Freiheitsbewegung stellen, hat fast die meisten satirischen Zeichner gegen ihn ins Feld geführt. Das ist auch nicht anders deutbar. Lag der klaffende Zwiespalt zwischen den Worten Friedrich Wilhelms IV. und seinen Handlungen auch nicht gleich offen zutage, so genügte doch seine frühere Haltung dem Verfaffungsdrängcn des preußischen Volkes gegenüber vollauf, um diese Erklärung nicht anders als eine bc- leidigende Provokation empfinden zu lassen. Diejenigen Karita- turen, welche im Anschluß an de» deutsch-dänischen Krieg auf Friedrich Wilhelm IV. erschienen, benützten ebenfalls mit Vorliebe die„Triniseligkeit". Mit was wird Friedrich Wilhelm die Dänen bombardieren? Natürlich mit Chainpagnerpfropfen. Als die Frage der Wahl eines Reichsoberhauptes und die Verleihung der Äaiierwürde in Frankfurt a. M. zur Debatte stand, ging die ziveitc Lawine von Satieren über Friedrich Wilhelm IV. nieder. Freilich die Frage beschäftigte schon lange vorher die Oeffentlich- keit und hat zahlreiche Blätter für und wider gezeitigt. Daß Friedrich Wilhelm IV. eine Kaiserwürde, die nach UHIaud„mit einem vollen Tropfen demokratischen Oeles" gesalbt war. seiner ganzen Natur nach nie annehmen konnte, das begriffen die Frank- furter Wölkenkuckucksheim«! selbst da noch nicht, als Friedrich Wilhelm IV. ihnen den„Reif aus Dreck und Letten" vor die Füße geworfen hatte. Das war reicher Stoff für die Satire, kein Wunder, daß sie mit allen Händen danach griff. (Nachdruck verdolcn.) Das Grab der lieben Seele. Von Petar G er a sim Kotschitsch. Autorisierte Uebersetzung von Roda Roda. Alles verdorrte vor Hitze. Der Himmel indigoblatt und Wolken» los. Nur dort— weil, weit in den Niederungen— ein blasser, zitternder Sonnenrauch, von glühenden Strahlen durchschossen. Ein schwerer Duft von Neumahd und verbrühte», Nadelholz hängt in der Lust und kann, in dem Kerker der Berge gefangen, nicht falle» noch steigen. Es erstickt einen ordentlich. Dule und ich sitzen vor der Hütte. Die Wachholdcrsträuchs werfen ihre düsteren Schattendreiecke über uns; kaum ein ab» gedämpftes Lichlbündel lassen sie auf das Unkraut zu uiiseren Füßen tallen. „WaS, Bruder? Die Schwüle heute!" stöhnt Dule und lüftet das verschwitzte Hemd von seiner Bärenbrust. Dann nach einer Weile:„Sollte man da glaubeu, wie kalt es hier zuzeiten sein kann?" „Kalt sagst Du?" „Ja. kalt, mein Lieber! Wie viele da im Gebirge so einen Winter über im Schnee zu Grunde geh'n!... Hast Du die Gräber auf meiner Wiese gcseh'n Z... Aus in Hang?" .Ja." „Lauter Eingeschneite und Erfrorene! Bei uns hier in den Bergen.— ich sag' Dir, wie verhext: Alles ist grimmig, hart und raub und roh... hier oben; und unten im Tal erst recht. Auch die Menschen. Selten findest Du einen halbwegs Fügsamen. Eibls doch Leute, die sich nicht einmal aus den Gerichten viel machen.— Schau dort das neue weiße Kreuz an I Das ist auch das Grab von so Einem I Taö Grab der lieben Seele I" „Lieben Seele?" Was soll das„lieben Seele" Z" „Was soll das„lieben Seele" I" keift Dule.„Das ist das Grab der lieben Seele I" Er erhebt sich und weist mit ausgestrecktem Arm auf einen Sattel zwischen zwei Kuppen, wo ein Dorf durch die Büsche schimmert.„Siehst Du die große Espe? Und die Keusche >Hütte) drunter?— Das war das Haus der lieben Seele. Frage nur: Jeder wird Dir sage», wer das war: ein gewisser Mijo, ein alter Zinöbauer.�) Und liebe Seele hat man ihn geheißen, weil er auch jeden so geheißen hat. Freunde und Feinde und Fremde,— zn allen hat er gesagt: Liebe Seele. ... Vor ein paar Jahren kündigt ihm der Grundherr auf einnml den Pachtboden und siedelt darauf irgend einen hergelaufenen Militärgrenzer a». Eh... eh... was hat das den, armen selige» Mijo angetan! Aber kamist Du was machen? Wenn die Grundherrschaft und da? Gericht kommen und verlangen, daß er gehen muß? Er hat leine Leute gehabt, das urbare Land anzu» bauen; und das ist ein Schade, jagt man ihm unle,, beim Gericht, für die Herrschaft und den Kaiser.— Mein Lieber! Der Kaiser ist auch nur gut, so lange man ihn, Steuer zahlt I Früher war ja viel Gesinde da, beim Mijo. Aber alle-Z ist auL» gestorben und in diesem letzten Krieg, Gott weiß. wie. umgekommen. Nur er mit seinen, Sohn ist geblieben.— Da sprengen sie die Straße von, Banjaluka nach Jajtze, und der Sohn zahlt's mit'n, Kopf I— Mit Respekt: seine Wiiwe' verheiratet sich»ach Lotware hinauf und nimmt ihren Buben mit... Und so bleibt der arme Mijo zuletzt allein da wie ein Pfropfreis.— Glaubst Du, er ist gutwillig von seinem Grund gelvichen? Auf dem schon seine Eltern und Ahnen seit Menschengedenken in Erbpacht gewesen sind? Geh', Alter, pack zusammen I" sagen die Gendarmen.— Er sitzt auf der Türschwelle, den Kops zwischen den Fäusten, und redet nichts und starrt nur den Boden an. „Geh, Atter, pack zusammen I" „Ich will nicht l"— Er fährt auf und reißt sich von ihnen loS und fängt zu weinen an.—„So iveit ist'S" fragt er.„Daß ich von meinen, eigenen Lehn weg soll? Und die okulierten Bäume? He? Und das Obst? Das viele Obst? Wo ich. ich doch alles ge- zogen Hab I Wem soll daS jetzt verbleiben? Den, Ocsterreicher, dem Grenzer! Und mein Stole, mein Enkel, liebe Seele, wenn er groß wird, soll zn dem Oesterreich«! in Dienst geh»?— DaS darf nicht sein 1" „Auf, Alter", reden ihn» die Gendarmen zu.„'s hilft alles nichts, Du mußt: im Namen des Gesetzes. Don uns aus... immer könntest Du hier bleiben. Aber das Gesetz ist gegen Dich I" „Hör' einmal, Herr Gendarm, laß mich doch noch ein, zwei, drei Jahre hier, bis mein Stole aufwächst, Ihr werdet seh'n, wenn das Frühjahr kommt, wird alles angebaut sein. Wir werden's aus- ackern, wir zwei, ich und Stole, für den gnädigen Herrn Kaiser und für die gnädige Herrschaft. Glaub'S mir, liebe Seele." Und der Alte hängt sich dem einen Gendarmen an den Hals und weint wieder.... Kann man das ertragen, wenn so ein alter Mann weint? „Herr", jammert er, laß nicht den Fluch auf mich fallen, daß ich meine Taufkerze ausgelöscht hätte; und meine KindeSlinder ohne �1 Der muselmanische Grundherr sBeg. Aga) bewirtschaftet sein Gut sSpahilul) nicht selbst, soiidern hat viele, oft Hunderte vo» christ» litben Zmsbaueri, sKmetovi) in Erbpacht daraus sitzen, die dein Staa,e das gchent, vom übrigbleibenden Bodenertrag der Ermchherrschaft ein DriltcU abführen müssen. ein HauS und Helm zurllckgelasien, bei diesen bösen Zeiten. Liebe Seele, soll meine ganze Familie ausgetilgt sein, mein Blut und mein Stamni? Gott segne Dich, iplbeiter Herr Gendarm I' .Alter, lvir können ja nchts dafür. Nimm doch Vernunft an l Das Gesetz will! Wer sind wir?' »Aber, Jesus, was ist da» für ein Gesetz, das den Leuten ihr Eigentum wegnimmt?' schreit der arme GreiS und fällt auf die Knie..Meine gute Erde I Meine gute Mutter 1" Und schluchzt und krampst sich an den Boden..Meine gute Mutter I Laßt mich wenigstens auf meiner Erde ausweinen I Wie diel Schweig Hab' ich schon aus sie vergossen l— Stole, liebe Seele: wir werden unser Recht suchen, wir werden bis Wien darum gehn. Ich find' schon die Tür zum Kaiser...!' .Alter, hör' doch, in aller Heiligen Name! Wenn Dein Stole erwachsen ist, kriegst Du Dein Lehn ivieder; dafür wird das Gericht schon sorgen. Jetzt aber steh auf und komm!" „Mufz es wirklich sein?" »Ja I Im Namen des Gesetzes l Halt uns nicht länger auf I .. Da heigt'S gehorch I' kleines feuilleton. Im Pantheon. Der RuhmcStempcl Frankreichs, in den ZolaS Gebeine übergeführt werden sollen, hat trotz seines geringen Alters eine mannigfache Geschichte. Ein Gelübde, das Ludwig XV. wahrend einer schweren Krankheit in Metz tat, wurde der AuS» gangSpnnkt für die Errichtung der Kirche, die der Genoveva, der Schutzpatronin von Paris, geweiht war. Die Kirche Sainte- Genevieve, zu der der König iin Jahre 1764 den Grundstein legte, wurde schon vor ihrer Vollendung von der Revolution dem KuliuS entzogen und zum Pantheon bestimmt, in dem die„großen Männer" Frankreichs ihre letzte Ehrcnjtätte finden sollten. Mirabeau war der erste, der im Pantheon beigesetzt wurde, und jener 4. April 17ö1 sah einen glänzenden Leichenzug iind eine pomphafte Beisetzung. Aber Mirabeau sollte nur zwei Jahre in der Ruhmeshalle ruhen dürfen. Als Marie Joseph-Ch�nier Be- weise für Beziehungen MirabeauS zu Ludwig XVI. bcrbeibrachte, setzte er beim Konvent die Ausweisung des Sarges durch und an seine Stelle zog der„ami du peuplc", M a r a t, in die Ehrenstätte Frankreichs. ES gab damals eine seltsame Zeremonie. An der Spitze dcö Maratschen Leichenzuges erschien ein Gerichtsbotc des Konvents vor dem Tor des Pantheons und verlas feierlich die Ausweisungsakte. Ein Polizcikommissar überwachte die Aus- führungen dcö Dekret? und dann verbrachte man in feierlichem Aufzuge den Sarg MaratS in das Mittelschiff des Gebäudes. Schon vor Marat, als zweiten nach Mirabeau, hatte man Voltaire im Pantheon beigesetzt; zwölf iveiße Pferde zogen damals den Wagen mit den Resten des Schriftstellers zur Ehren. statte. Als dritter wurde der 5iommandant Beaurepaire, der sich im Augenblick der Ucbergabe Vcrduns das Leben nahm, bestattet und als vierter Lepelletier de Saint Fargeau, der ermordet wurde, weil er für den Tod des Königs gestimmt hatte. Als später die KönigSmörder in Acht getan wurden, wurden die Reste Lepellcticrs gleich denen MirabeauS wieder aus dem Pantheon entfernt. Nach der Beisetzung Marats fand schließlich auch Rousseau im Pantheon seinen Ehrenplatz. Später erhob sich das Gerücht, daß man die Asche Marats aus dem Pantheon entfernt habe, aber es scheint, daß diese Annahme widerlegt worden ist. Dagegen gilt cS als wahrscheinlich, daß während der Restauration die Gebeine Voltaires und Rousscaus entfernt und außerhalb von Paris in eine Grube geworfen wurden, wenngleich ihre Grab- mäler im Pantheon noch heute stehen. Zur Zeit Napoleons häuften sich dann die Beisetzungen in der Ruhmeshalle, nicht weniger als KS.große Franzosen" wurden damals in der Rationalgruft bestattet. Unter ihnen befand sich auch der Marschall Lannes, um den jetzt gestritten wird, der Mathematiker la Granche und der Mediziner und Arzt EabaniS. Aber außer diesen wurden mehr als SO Senatoren des Kaiserreiches im Pantheon beigesetzt, deren Namen heute längst vergessen sind und von denen niemand weiß, welche unsterblichen Verdienste sie sich um ihr Heimatland erworben haben. Auch unter LoniS Philippe wurde eine Reihe von Persöirlichkeiten im Pantheon bestattet, deren Taten die Nach- Welt ohne Schaden vergessen hat. und La Rochefoucauld und Constant sind wohl die einzigen, deren Erinnerung fortlebt. 1828 wurde dann die Kirche dem Gottesdienst wieder eröffnet, 1830 wieder zum Pantheon erklärt. 1851 bis 1870 war sie wieder Kirche. Die Juliregierung hatte das Kreuz entfernen lassen, das später von Napoleon III. wieder ersetzt wurde, aber erst im Jahre 1885 beschloß die Kammer, die Kirche endgültig zum Pantheon zu er- klären, und als erster nach diesem Entschluß wurde mit feierlichen Zeremonien Viktor Hugo heigcsetzt. Seit ihm sind Marceau, Hocbe. La Tour d'Auvergnc, der Barrikadenkämpfer Baudin, Präsident Carnot, und als letzter Berthelot beigesetzt worden. AuS der Pflanzenwelt. Die Schu�gifte der Zwiebelgewächse. Die Zwiebel, und Liliengewächse gehören zu den Charaktcrpflanzen der Steppen; ihre oberirdischen Teile sterben mit Eintritt der Dürre ab, während die unterirdischen Zwiebeln und Knollen die ungünstige Jahreszeit überdauern. Sie müßten, schreibt „Prometheus", hier aber ohne Zweifel den allein auf Pflanzen» nabrung angewiesenen zahlreichen Nagetieren der Steppe zur Beute fallen, wenn sie nicht durch Giftstoffe geschützt und vor der Ausrottung gesichert wären. ES ist darum sehr bezeichnend, daß gerade die Zwiebelgifte den Nagern ganz besonders schädlich sino. So wird aus der für die Felsensteppen charakteristischen Meerzwiebel(Scilla) das noch immer wirksamste Rattengift her- gestellt, obwohl das Gift dieser Zwiebel in geringeren Dosen dem Menschen ungefährlich ist, und eben dieser relativen Unschädlichkeit verdankt die Meerzwiebel ihre weite Verbreitung und doch auch wiederum ihre häufige Verwendung zur Rattenvertilgung. Andere Zwiebelgewächse enthalten indessen Gifte, die für den Menschen durchaus nicht so relativ unschädlich sind, wie das Mecrzwiebelgift (Lcillitoxin). So ist das von Gcrrard in unserer Gartentulpe fest- gestellte und Tulipin genannte Gift ein gefährliches Herzgift; daS Gift einer indischen Liliazee(Gloriosa supe-.ba) tötet schon vom Magen aus in der geringen Dosis don 0,047 Gramm eine aus- gewachsene Katze, und auch die Zwiebel der Kaiserkrone(Fritillaria imperialis) ist als sehr scharf bekannt. Daß die Zwiebel unserer Herbstzeitlose giftig sei, weil sie sonst im Winter gefressen und ver- tilgt werden würde, zumal ihre Samen erst im Frühjahr reifen, hat schon Erasmus Darwin vermutet. Die Tatsach«, daß in den Familien der Zwiebel- und Liliengewächse die spefizischen Herz- gute weit verbreitet sind, findet ihre Bestätigung auch darin, daß deren Knollen und Zwiebeln vielfach zur Bereitung von Pfeil- giften Verwendung finden. Ohne ein derartiges, heftig wirketides Gift würden die Zwiebeln und Knollen der Liliazcen und .lmarhllideen als Spcichcrorgane für Stärke geradezu ein Lock- mittel für das Heer der Nager sein. Technisches. Der Schall als Maschinenlenker. Die Roman- schriftsteller, die sich die Schilderung der technischen Fortschritte kommender Tage zur Aufgabe gemacht hatten, sind heute in vielen Dingen bereits„bestätigt" worden. Vor mehr als einem Jahr- zchnt tauchte unter anderem auch der Gedanke der„akustiscben Tür" auf, d. h. einer Tür. die mit keinerlei Schlüssel oder sonstigem Werkzeug geöffnet werden kann, die aber auf ein gegen sie ge- sprochenes Wort den Durchlaß frei gibt. Ein immerbin vergleich- bares Prinzip entbält ein Vorschlag, den John Gardener in der „Electrical Review" nvacht. nämlich Schallwellen zur Auslösung mechanischer Wirkungen in solchen Fällen zu verwenden, wo zwischen Aufgabe- und Empfangsstation keine materielle Verbindung w?e z. B. durch einen Leitungsdraht bcstebt, also etwa bei nautischen Signalen und ähnlichem. Es bandelt sich also darum, durch Luft- scbwingungen dasselbe zu erreichen, was seit etwa acht Jahren auf dem Gebiete der lenkbaren Torpedos, der Fernsteuerung unbe- manntcr Fahrzeuge usw. mittels elektrischer Wellen wiederholt ausgeführt und erst ganz kürzlich infolge der Branlyschen Ver- suche auch außerhalb der Fachkreise viel besprochen worden ist. Für solche Wirkungen des Schalles erscheint es von vornherein nötig, das zu erzielen, was bei der drahtlosen Telcgrapbi« scbsn seit einiger Zeit zur Vermeidung von Störungen durch andere Stationen geschieht: Die Sende- und Empfangsstationen niüssen für elektrische Wellen von bestimmter Frequenz bczw. Wellenlänge zusammengestimmt werden, und ebenso muß die Empfangsstation für Schallwellen derart eingerichtet sein, daß sie nur auf einen bestimmten Ton anspricht. Man denke sich beispielsweise an der Verschalung eines Schiffes einen Vibrator in Form eines Stahl- streifcns angebracht, der auf einen bestimmten Ton abgestimmt ist. Dieser Stahlstreifen wird natürlich an allen akustischen Impulsen teilnehmen, die ihn erreichen, aber nur der eine Ton, ans den er abgestimmt ist, wird durch Resonanz so verstärkt werden, daß e? zur Auslösung der beabsichtigten Wirkung kommt. Der aus dem Vibrator aufliegende Stift eines.Koblenstiftmikrophons wird seinen Druck gegen den Stahlstreifen verändern, sobald dessen Eigenton anklingt, während bei anderen Tönen keine Druckändcrung eintritt. Die Widerstandsänderung im Mikrophon, die durch die Veränderung des Drucks gegen den Bibrator verursacht wird, läßt sich nun in geeigneter Weise zur elektromagnetischen Betätigung einer mechani- schen Vorrichtung verwenden. Man kann auf diese Weise linier- wassersignalc von Schiff zu Schiff übermitteln oder mittels ge. eigneter Zwischenvorrichtungen verschiedene andere mechanisch« Wirkungen hervorbringen, Schiffsschrauben anlassen, steuern und hemmen, wobei es genügt, den auslösenden Ton in cmer Eni- fernung ganz leise gegen den Apparat zu singen. Die Vorrichtung gehorcht also direkt dem Befehl der menschlichen Stimme. Ilm Störungen bintanzuhaltcn, die durch das Vorhandensein inter. fcrierender Töne oder vieler störender Nebengeräusche an der Empfangöstelle sehr leicht eintreten können, kaiin man gleichzeitig mehrere Mikrophone zur Auslösung der mechanischen Wirkung einschalten, deren Stifte aus drei verschiedenen Vibratoren auf- liegen. Sind diese z. B. auf die Roten c, e, g abgestimmt, so kann die betreffende maschinelle Wirkung nur dann eintreten, wenn alle drei Töne gleichzeitig die Empfangsstelle treffen. Damit ist ein recht guter Schutz gegen ein unfreiwilliges Jnganggcraten des Apparats gegeben, das allerdings bei verschiedenen Verwcndungs- arten recht unliebsame Folgen haben könnte.— Berantw. Redakteur: Georg Davidsohn. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.