Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 63. Mittwoch� den 1. April. 1903 (Nachdruck verboten.) u Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. Erstes Buch. Spiel und Arbeit. 1. Kapitel. (Handelt von Balladen und Präparanden. Gendarmen und hebräischen Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.) Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine Hospitantenstelle I Jeden Morgen von 8— 12 Uhr sollte er in einer Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertund- sechzig Mark! Jeden Morgen sollt' er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis: das hohe Wunder sollt' er nun be- greifen: wie der Geist des Menschen Nahrung aufnimmt, wächst und sich vollendet I Und noch dreihundertundsechzig Markl Er hatte ja nichts von dem Geld, wollte auch keinen Pfennig davon. haha— aber auf das Gesicht seiner Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt' es ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann wollte er die Wirkung beobachten: aber die kleine Wohnung der Semper betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht mehr halten, und weil er wußte. was seine Mutter am meisten freute, rief er:„Ich kriege drei- hundertundsechzig Mark das Jahr!" Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief:„Freude war in Trojas Hallen!" Aber da stand auch schon Asmus neben ihr. und damit sie ihm nicht zuvorkommen könne, rief er:„Laß, Mutter, laß, ich will es Vater sagen!— Ich krieg' eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig Mark das Jahr!" Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm viel- leicht von allen auf der Welt der liebste war: in dem weiß- umwallten Jupiterantlitz Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die ganze Welt. „Ach nein— es ist ja wohl nicht möglich!" rief der Vater, indem er den Kopf zurückwarf. „Ganz gewiß!" rief Asmus.„Nun verdiene ich mehr. als wenn ich Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und das geb' ich natürlich alles euch!" Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war. und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter der- schnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen: aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen, und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein Kind nach dem anderen. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da— da stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig— nichts war verloren: denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja voll- kommen dasselbe. Rebekka aber, als sie von„sieben Mark die Woche" hörte, �vergaß all ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke wie eines Dankopfcrs zu den Himmlischen emporstieg. Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah man an den Bewegungen der Gabeln: aber Adalbert, der Jüngste, war so gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief:„Halt, mein Junge, Du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer gemacht!" Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater:„Laß doch den Jungen essen!" und trat seine An» sprüche an die Allgemeinheit ab. Und nach dem Essen— obwohl die Semper über da3 Abendbrot hinaus bis gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten— warf Ludwig Semper Messer, Tabak und Roll- klotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und vergilbten „Faust" vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich, es währte nicht lange, da klang es durch den Raum: „Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles» Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet."— In einem wundcrliebcn Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, da» mals aber noch im heiteren Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte.„Ich habe zuviel Glück," dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dank- gebet in den Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich, was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen den letzten Glockenschalg versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde einer obrigkeitlichen Stel- lung, namentlich als ein Vater, der mit dem Schulgeld im Rückstände war, an ihn herantrat und bat, daß man noch ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück und rief:„Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!"— aber als deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für eine Behörde hielt. Dies« Reize indessen verflüchtigten sich schon nach wenigen Tagen Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes, von Regep durchnäßtes Mägdelein, das weinte. „Warum weinst Du?" fragte Asmus „Ich konnte nicht eher kommen: mein Vater hat meint Mutter'rausgeschmissen." „Warum das denn?" „Och, er is all wieder duhn(betrunken)." „So früh schon?" „Ja, er säuft immer'rum." Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten? „Geh' nur zu." sagte er. Das war ja selbstverständlich. daß man die nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daß sie fror. Und dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne Jacke fuhr. Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Ver- spätung, und c votierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man muß alle aufschreiben oder keinen. Und nun ließ er alle vorbeilaufen und arbeitete an feiner ersten Ballade, die handelte von einem Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloß: .Drunten klingt berworrner Klang, Tönt es nicht wie Grabgesang?" Mes, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus jener Tage ohne weiteres schön. „Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?" fragte schließlich der Oberlehrer. ,Jch mag das nicht," sagte Asmus verlegen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) 1B} Proletarier. Von C h r i st e n Bundgaard. Der Wachtmeister brumnitc, ungefähr ein Kompliment an den Polizeimeister, so etwas wie, daß man ja ein Herz im Leibe habe— fast zu viel! Wozu der Schutzmann an der Tür bemerken zu müssen glaubte, das glaube der Teufel. Und so kam Martin ins Armenhaus der Stadt Und wenn so ein armer menschlicher Lastcsel mit zwanzig Flicken auf den Kleidern herumlaufen müßte, so wird er doch nur mit tiefer Verachtung seinen Blick über die Straßenfegerkompagnie aus dem Armenhause gleiten lassen, wenn er sie aus seinem Wege trifft. Diese Sammlung von Subjekten, in die gleichartige grobe graue Friestracht ge- kleidet, die es ausplaudert, daß man hier einen sieht, der nicht für sich selbst sorgen kann, der nichts ist, nichts vermag, nichts darf, nichts besitzt— nicht Geld oder Geldeswert— keines einzigen Menschen Achtung oder Freundschaft. Ohne einen einzigen kleinen belebenden Hosfnungsfchinimec in die leere Trostlosigkeit des Lebens hinausgestoßen. Sagt, daß das alles eigene Schuld, daß es wohlverdient sei— sagt, es sei nicht Eure Sache, über Dinge zu räsonnieren, die sich nicht ändern lassen. Sagt, was Ihr wollt und Ihr mögt recht haben in allem und in noch viel mehr �-- Nur werdet Ihr nicht gehört werden, denn hier spricht im Augen- blick etwas, dem eine stärkere Stimme verliehen ist: des Lebens großes Leiden und seine Verderbnis. Eines Tages hörte Martin, daß man ihn nach Hause schicken wollte. Nach Hause. Auf Kosten der Gemeinde— der Armenverwaltung.--- So sollte er also zurückkehren. Wenn ihn doch die Erde verschlänge. Am anderen Morgen war er fort. Spurlos verschwunden. VIII. Daheim in Asböl ging das Leben seinen gewohnten Gang. So irgend etwas von Bedeutung war eigentlich lange Zeit weiter nicht passiert, bloß daß Bette Anders' Haus abgebrannt war, und daß Jens Paulsens Mähre zwei Fohlen bekommen hatte. Ja, und dann war doch Wolles Frau gestorben. Die Anne vom Schmied-Jens war nun für das vierte Jahr bei Niels Kroghs gemietet worden. Es hätten sie genug haben mögen, auch Jens Paulsens Sohn, der eben den Hof übernommen, hatte nach ihr geschickt, ob er sie zur Haus- hölterin bekommen könne. Sie war ja als ein gesundes und tüchtiges Mädchen bekannt. Und sie war auch ein hübsches und kräftiges Mädchen, bei dessen Anblick einem Mann wohl das Wasser im Mund zusammenlaufen konnte. Daß sie ein wenig zurückhaltend und von selbstbewußteren Wesen war, als es Dienstmädchen zu sein pflegen, machte sie in den Augen der Kerle vielleicht nur noch begehrenswerter, jedenfalls, was die Reiferen anbetraf. Inger, Niels Kroghs Frau, hatte ja trotzdem gegen November hin einige Bedenken geäußert, ob sie Anne wieder mieten sollten— die Leute im Ort erzählten sich so viel. Aber das hatte wohl nichts auf sich. Einen Monat nach November kam es ihr indessen selbst vor, als ob sie es sehen könne. Und eines abends sagte sie zu Niels: „Mi deucht, Anne wird dick." Sie hatte ein paarmal versucht, mit Anne selbst die Sache zur Sprache zu bringen: Ob sie nich am Ende'n Liebsten hätte? Aber Anne wies jedes Gespräch über derartige Dinge kurz von der Hand. Sie hätte keine Liebschaft, mit gar keinem. Und insofern sagte sie die Wahrheit, wenn man bloß den einen Frühjahrsabend nicht mitrechnete. Dieser eine Abend, der zu vergessen sein mußte. Der schon fast vergessen gewesen war. Ter aber jetzt hundertfach ängstigend zurück- kehrte. Es war nicht Manneswille noch Manneslust, was sie besiegt hatte. Es war die Erdbrunst selbst, die ihren starken Körper bezaubert hatte in jener Maiennacht, als die ganze Natur sich beschwängerte, und sie hatte einen der jungen Knechte mit sich genommen. Sie wußte, daß die Zeit nahe war, da die Folgen sich zeigen würden. Und sie wußte auch, daß die Menschen mit ihrem Bedauern und ihrer Verdammung bereit standen, daß ihr Fehltritt sich dann zwischen ihr und allen die sie kannte, Mann oder Weib, erheben würde. Sie weigerte sich, mit irgend jemand über das zu sprechen, was einzig die Geburt ihres eigenen Sinnes und Leibes war. Deshalb schwieg sie� und sie suchte ihren Zustand zu verbergen. Aber Inger schielte immer mißtrauischer zu ihr ihn. Und sie sagte wieder zu Niels: „Ick weet nich, wo dat is mit Anne— de kregt nu doch wat Lüttes." Eines Tages, gerade während der Mittagszeit,- als die Knechte aufs Feld gegangen waren und Inger in der Stube saß, ging Anne und brachte die Küche in Ordnung. Sie hatte in den letzten Tagen einen Stich empfunden und kein Essen bei sich behalten können. Auch jetzt fühlte sie hin und wieder einige Beschwerden, konnte aber im übrigen ihrer Arbeit nachgehen. Sie war mit dem Aufwaschen fertig und lief zur Pumpe, um sich zwei Eimer Wasser zu holen. Aber mitten aus dem Hofplatz mußte sie sie wieder hinstellen und die Hände gegen den ge- spannten Unterleib gepreßt, schleppte sie sich in die Backstube. Sie stand ein wenig über einen Tisch gebeugt, ging aber dann zur Leiter und begann auf den Holzboden hinaufzukrabbeln. Sie quälte sich von Sprosse zu Sprosse. Die ge- krümmten Finger streckten sich und glitten und krümmten sich wieder, daß die Arme bei einem neuen Griff den sinkenden Körper über die nächste Stufe schleppen konnten. Bis es ihr gelungen war, sich über den Rand des Bodens zu beugen. Dann wälzte sie mit einem Ruck den Unterkörper in die Höhe, als ob es eine nicht zu ihr gehörige Last wäre, mit der sie sich plagen müsse.- Und wie sie da lag, war sie von Schreck und Schmerz und der vernichtendsten Verzweiflung erfüllt. Und während der Körper kränker und kränker wurde, kam es ihr selbst vor, als ob sie ängstlich und wild brülle vor dem Schicksal, das über ihr schwebte. Aber es kam nur ein schwaches Knurren aus ihrem zusammengebissenen Munde. Mit Nerven und Muskeln preßte sie den Schmerz in sich zurück, bis er so überwältigend wurde, daß er ihr die Hüft- sehnen zerriß, die Bauchmuskeln sprengte und den ganzen Körper in Krämpfen umherschleuderte, und sie sperrte den Mund weit aus in einem stummen und endlosen Geheul. Und alle Kraft des Körpers wieder um die Höllenpein gepreßt, erhob sie sich und wackelte umher, blind, hülflos. Ein niedriger, rußiger Schornstein ragte schräg durch das Dach auf— an diesen stützte sie sich— rieb ihre Stirn gegen dessen harten Rand, griff mit den Händen in das faulige Dach und riß an den Latten. Da kam ein Augenblick, in dem sie keine Schmerzen empfand, eine Linderung sondergleichen, der ein betäubender Jammer folgte über das Unabwendbare, das nun geschehen mußte. Sie fand keinen Boden in der Sorge und Schande, in der sie mkt sich und den ihren versank, sie konnte es nicht durchdenken. Unter und unter ging das alles in dieser toten Woge, die ihre Gedanken wegschülperte. Alles, was gewesen war, und sie konnte sich nichts davon vorstellen, was nun kommen würde. Der Hals schmerzte sie, weil der Kopf so schwer war und im Nacken lag ein toter Gehirnknoten, wo aller Verstand verloren gegangen war. Ein Messer, ein Messer, nicht um sich damit zu töten, sondern nur, um sich damit in den Nacken zu stechen, tief, tief hinein in die verschrumpste Drüse dort drinnen. Ein Messer oder eine Ahle. - 259— Mit Kopf und Armen an das feuchte Dach gelehnt, glotzte sie vor sich hin, in diese unsagbare Tristheit, die sich um sie verdichtete und die so hoffnungslos war, daß in ihr selbst das Bewußtsein sterben mußte. Nur das ewige Hämmern des Gehirnes gegen den Schädel brachte unter den aufgeschwollenen Augenlidern ein Flimmern hervor, daß ihr zu Mute wurde, als ginge eine Bewegung vor sich, eine Zirkelbewegung in großen Kreisen, immer schneller, in weite, immer weitere Ringe schwingend— vom Mittelpunkt aus— von da aus, wo alle Gesetze der Anziehungskraft und der Be- wegung herkommen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) früklmgs 6nvacbeii. Von Eduard Oppel. Kommt der Großstädter, des Winterdunstes der engen Wohnungen und von hohen Häusern eingeklemmten Straßen müde, nach Hornung einmal hinaus vor die Tore der Stadt, so vernreint er, fast über Nacht sei es Frühling geworden. Kaum ist das letzte schmutzige Schneelvasser vom durstigen Erdboden aufgesogen, so leuchtet zwischen den schwarzen Schollen das junge Grün keck und fürwitzig hervor. Die Gräser sind es, die den raschen Farbenwechsel gebracht haben. Aber sie sind doch keine eigentliche Schöpsiing der Frühlingssonne. Den ganzen Winter über waren sie da; sie hatten bei Beginn der Frostperiode eineit Winterschlaf angetreten, haben dank ihrer kräftigen Konstitution Kälte und Trockitis überstanden und nehmen nun, da die mildere Sonne ihre steifen, aber unversehrten Glieder wieder erweckt hat. den alten Gang der Entwickelring neu auf. Die Gräser gehören zu der kleinen Schar von Gewächsen, die am weitesten zu den Eis- feldern der Polargegenden Vordringen und am höchsten bis zum ewigen Schnee der Alpen hinaufsteigen. Sie find dann während des langen Winters im hohen Norden auch»st die einzige Nahrung der Remitiere und Moschusochscn. Also kaum ist der Schnee weg, so präsentieren sich die Wiesen und überwinterten Saatfelder schon in prächtigem Grün. Bald aber regt eS sich allerorten: gemach wachen die lenz- geborenen Frühlingskinder auf. Da ist es denn sehr kurios zu beobachten, wie just alle Naturordnung auf den Kopf gestellt scheint. Während sonst Strunk und Strauch. Busch und Baum mit großer Bedächtigkeit ein prangendes Laubkleid anlegen und dann, hochzeitlich gerüstet, die zarten Blüten zur Brautschau stellen, können die Ge- wüchse des ersten Frühlings gar nicht schnell genug ihre verschlafenen Blumenaugen und verträumten Dlütenknospcn aufmachen, um die junge Welt und den jungen Tag anzustaunen, ehe sie auch nur die Spur eine? Laubblättchens entfaltet haben. Das geschieht aus Zweckmäßigkeitsgründen, sagt der Natur- forscher. Für die wenigen Insekten, die in den noch immer kalten Vorlenztagen fliegen, dürfen die Blüten nicht durch Laub verdeckt fein; im Gegentell. weithin muß die leuchtende Blütenfarbe sichtbar sein, sonst bleibt der Besuch der Insekten und damit auch em gut Teil der Befruchtungen zweifellos aus I Die Pflanzen müssen alle Mittel aufbieten, die spärlichen Insekten anzulocken. Schon im Februar hebt der Blütenreigen an. Aus der Schule kennen wir das hübsche Gedicht von Robert Reinick: Schneeglöckchen tut läuten Klinglingling I WaS hat das zu bedeuten? Ei. gar ein lustig Ding! Der Frühling heust geboren ward, Ein Kind der allerschönsten Art; Zwar liegt es noch im weißen Bett, Doch spielt eS schon so wundcrnett. Drum komnit ihr Bogel, aus d�m Süd Und bringet neue Lieder mit. Ihr Quellen all, erwacht im Tal! Was soll das lange Zandern? Sollt mit dem Kinde plaudern!... Man hat in unsere» Wäldern und Gärten schon unter der gefrorenen Schneedecke voll entfaltete blühende Schneeglöckchen und blühende Gänseblümchen gefmidcn. Bald kommt der duftige Winter- ling, des Botanikers weiße Biole, der gelbliche Märzbecher, die Knotenblume, schon Theophrastos bekannt und die Rießwurz mit ihren Silberglöckchen, im BoUsmund Christblume oder WeihnacktS« rose geheißen. Die meisten Namen schon verraten die Frühblüher! Auf dem Felde treiben der biedere Schachtelhalm und der Huflattich ihre Blütenschäste und im Garten regt sich gleichzeitig der zarte Krokus, in dessen langen Blütentrichtern sich die dicken Hummeln mit putziger Täppischkeit und unter mächtigem Gebrumme ihren dichten Pelz über und über mit gelbem Pollenstaub bepudern. Auch im Strauchwerl lnacktS. wie wenn junge Reben gebogen werden, knittert und knospet es. Der Kellerhals oder Seidelbast, ein weitläusiger Verwandter des Lorbeerbaumes. entfaltet seine rosigen, nach Flieder duftenden Blüten, und kurz danach überschüttet sich der gelbe Hartriegel, die Komekkirsche, mit leuchtendem Blüten» gold. Jeder Tag bringt neue Blumen, jede Stunde neue Pracht. Mild noch wie die Lenzsonne sind die Farben, mit denen die Natur ihre floristischen Frühlingskinder koloriert. Im reinsten Himmelblau erscheinen das liebliche Leberblümchen, der Szilla, das Lungenkraut und bald auch das duftige Veilchen, in dunllem Violet, gefällt sich die Küchenschelle, in mildem Weiß, rosa überhaucht, zeigen sich Busch- röschen und Maßliebchen, das stolze Wiesenschaumkraut und daS arme Hungerblümchen, in freundlichem Gelb endlich sehen wir die prächtigen Hahnenfußarten, den Goldstern und die üppigen Schlüssel- blumen. Eigenartig, überaus charakteristisch wie der Vorfrühling selber, sind die Baumblüten des ersten Lenzes. Fast alle die winzigen Blülchen sitzen dicht gedrängt beieinander wie ängst- liche Küken, die sich nicht getrauen, einzeln hervorzutreten, in Forin von Kätzchen, zarr und schlank— schier, als wollte sich eines � hinter denr anderen verkriechen l' Haselnußstrauch und Erle haben als erste ihre hellen Kätzchen ausgehängt. Rauher Hornungwind oder unsanfte Märzbrise schaukelt die zierlichen Dinger, bis sie ihren kostbaren Goldstaub in die Lüfte streuen. Bald darnach stäuben auch die Birkenkätzchen, und auch die flaumigen Kätzchen der Pappeln und Weide» schülteln sich in rechter Frühlingsfreude. Mit vollen Backen bläst nun der Märztvind die Langschläfer und Träumer an und ein warmer Sonnenstrahl putzt auch den letzten verschlafenen Knospen in Wald und Feld die Aeuglein ans. Bäume und Sträucher werfen die braunen Kapuzen ab, die Knospen weiten sich, schwellen von Stunde zu Stunde, und endlich brechen die monatelang ein» gekerkert gewesenen Laubtriebe durch— durch zum Lichte l Die Stachelbeerstöcke sind die ersten, die ihr zartgrünes Frühlings- kleid anziehen; ihnen folgen die Johannisbeersträucher, die ja zur selben Sippe gehören. Flieder und Ahlkirsche kommen zaghaft nach. Da erwacht auch der Holunder und gewahrt, daß er verschlafen hat. Wie weit sind seine Nachbarn schon voran I Aber doppelr energisch läßt er seine jungen Lebenssäfte durch die Zelladern pulsieren, daß man bald Laub und Leben sieht, und ehe man es sich versieht, hat er seine Toilette fertig und hat obendrein noch die Frühaussteher alle überholt I Hagedorn und Eberesche schließen den Steigen, in- dessen der Rüster und die Esche wie die verschiedenen Ahornarten schon ihren herrlicheren Blütenschleicr entfalten. Rur Linde und Eiche, Robimi und Plantane trauen dem Wetter noch nicht reckt. Bei unserer alten knorrigen Eiche möchte diese Vorsicht verwunderlich erscheinen. Aber wer einmal gesehen hat, wie gerade ihre überaus empfindlichen, zarten Jungtriebe nach einer einzigen kalten Mainacht noch zu- sammenschrumpften und erfroren, der begreift das Zögern. Auf der anderen Seite muß die Eiche ihr junges Laub sogar auch vor der Sonne schützen. Sie bringt unter der Blattoberfläche einen rötlich schimmernden Farbschleier(Anthokyan) au, und dieser hindert die Sonnenstrahlen, die jungzarten Zellen mit der vollen Lichtintensität zu treffen, da andernfalls das grelle Licht das noch allzuempfind« liche Chlorophyll(Blattgrün) zerstören würde. So kommt es, daß wir nicht mir im bunten Herbst, sondern auch im Frühjahr prächtiges Eichenrotlaub finden. Nun steigt die Sonne höher und höher, und je wärmer ihre Strahlen, um so schöner und farbenftoher werden die Blumen und Blüten, mit denen sich die Pflanze» schmücken. Die Obstbaum- blute beginnt. Mandel-, Pfirsich- nud Bprikosenbaum machen den Ansang; Kirschen. Zwesschen, Pflaumen und Birnen folgen, bis schließlich der Apfelbaum in rosafarbener Pracht abblüht. Nun flackern die Kerzen der Kastanien auf, in den Fliederbüschen leuchtet und blitzt eS, und die Ebereschen, deren rote Beeren im Winter wie Feuergarben aus dem Gczweige flammten, gleißen nun in weißem Blütenschnee— ein herrlicher Kontrast I Die Beete im Garten gleichen bald buntgewebten Teppichen mit kostbaren Stickereien. Die farbensatten duslstarken Hyazinthen, weiß wie Alabaster, blau wie das Firmament, gUitigrol wie Purpur, wetteifern im Kolorit mit den edlen Tulpen in ihrer Psanenpracht; die poetische Narzisse richtet sich auf, die stolze Schwertlilie stellt ihre anmutige Schönheit zur Schau, der Berberizenstranch überschüttet sich mir Blunrcn mch die Zyttsusarten gießen ihren Goldregen zur Erde. Wohin man Charit; neue Farben, neue Formen. Das Herz weitet sich und sein Hammer pocht mächttger. So läßt sich Ludwig U h l a n d s„Frühlingsglaube" verstehen/ in dem er mit innigem Wohllaute fingt: Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Man weiß nicht, was noch werden mag. Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal. Nim, armes Herz, vergiß die Quak! Run muß sich alles, alles wenden... Gemach erreicht der Frühling seinen Höhepunkt. Wenn der Jasminstrauch seinen köstlichen beranichenden Dust ausströmt, dieses einzigartige Lethcröl,' das von allen Blumendüften allein noch der künstlichen Herstellung trotzt, wenn die Holunderhecken, die beinahe den jungen Tag verschlafen hätten, ihren schneeigen Blütenschleicr über sich breiten mid die nordamerikanischen Akazien(die in Berlin meist fälschlich als Mimosen angesprochcu werden) ihre weißen und gelb- lichen Blütchen zwischen dem zartfiederigcu Laube entfallen, dann kommt die Zeit, wo die Blnmenlönigi» Rose ihren Einzug hält. Damit schließt der Blütenfrühling, und eine neue Zeit, die der feuer- farbenen brennenden Sommerblumen hebt an. ►. Kleined feuilleton. Dom 1. April. Ein reicher Kranz von Legenden und Volks- Meinungen umrankt den ersten Tag des launischen Aprilmona der von altersher da? Privileg hat, oen eintönig ernsthaften Gang der Wochen und Monate, die Sorgen und den Ernst des Lebens als ein neckischer Kobold zu verhöhnen und zu verspotten. In Andersens Märchen entsteigt die bunt zusammengewürfelte Gesell. schaft der Monate einer ungefügen Postkutsche, und in der Schar oer Zwölf erscheint Freund April als ein übermütiger, toller, lustiger, lebensfreudiger Bursche, dessen sprühende Laune s'ch sofort in einem lustigen Aprilscherz äußert. Viele sehen noch heute in dem alten Recht, am 1. Apriltage unter den Freunden allerhand lustige Verwirrungen zu stiften und die Gutgläubigkeit der Daseinsgenossen ein wenig in die Irre zu führen, eine Parallele zu der launischen Wetterwendischkeit des unberechenbaren Monats, dessen größte Freude es zu sein scheint, uns mit strahlendem Sonnenschein ins Freie zu locken, um uns dann in grausamer Bosheit mit einem jähen Regenschauer in Not und Pein zu stürzen. Andere sehen in dem t. April den Geburts- und Todestag des Erz- schclmcn Judas, und mit Misttrauen erwarten sie das Wieder- kehren des unheilvollen Tages, da alles Vertrauen mistbraucht und aller Glaube betrogen wird. Auch Noah wird als Ahnherr für die Sitte des Jndenaprilschickens heraufbeschworen, der irrtümlich eine Taube ausfliegen liest, bevor das Wasser gefallen war. und zwar am 1. Tage eines Monats, der unserem April entspricht. So wir er, ohne es zu wollen, der erste, der am 1. April einen unausführ- baren Auftrag erteilte, und die lustigen Witzbolde, die ihren Mit- menschen an diesem Tage so gern zum Opfer eines harmlosen Gcherzes machen, berufen sich auf den Auftrag, den Noah seinerzeit der Taube erteilte. Eine andere Version führt den Brauch auf das Hin- und Herschicken Christi von Kaiphas zu Hannas zurück, und die Passionsspiele des Mittelalters, bei denen diese Szene dargestellt wurde, mögen manches dazu beigetragen haben, die Volksseele mit dem Aprilscherz zu befruchten. Denn im Altertum war die Sitte unbekannt, und Grimm nimmt an, dast sie erst in den letzten Jahrhunderten aus Frankreich nach Deutschland ver- pflanzt wurde. Man hat in ihr vielleicht entstellte Ueberreste eines alten heidnischen Festes zu sehen, wahrscheinlich eines keltischen, das zu Beginn des Frühlings gefeiert wurde. Es ist heute kaum mit Sicherheit zu entscheiden, ob die Sitte des April- scherzes vom Volke in die Paläste drang, oder umgekehrt; aber schon zur Zeit Ludwigs XIII. waren am Hofe allerlei Tollheiten und Irreführungen am 1. April erlaubt, und alles amüsierte sich über einen Prinzen aus dem Hause Lothringen, der sich mit seiner Gattin als Bauer und Bäuerin verkleidete und auszog, die Schild- wachen zu foppen. Allein der Ehrgeiz der modernen Witzbolde begnügt sich nicht mehr ausschließlich mit den harmlosen kleinen Scherzen, die ehedem gang und gäbe waron und in den ländlichen Bezirken noch heute ihre Zugkraft bewähren. Da schickt der Ober- knecht den Stallbuben zum Krämer, um Dukatensamen einzuholen, leichtgläubige Mädchen verlangen in der Apotheke für einen Groschen Storchenmilch und Adoramustee, wie ihn Maria ge- trunken, und unentwegte Idealisten machen am t. April immer wieder von neuem den Versuch, sich durch gute Freunde einige Tropfen von dem wunderwirkcnden Maurerschweist zu verschaffen. Mit der EntWickelung des Zeitungswesens ist dann auch der Ehr- geiz erwacht, mit einem einzigen Scherze möglichst viel Gut- gläubige zu nasführen, und es ist oft erstaunlich, wie zäh und be- harrlich bisweilen solche Aprilscherze fortwirken, ehe ein Heller Kopf sie entlarvt. Vor einigen Jahren leistete sich ein französischer Student einen Scherz, der längere Zeit der Gegenstand eifrigster Diskussion gewesen. In einem Pariser Blatte annoncierte er die Mitteilung, dast er auf den Höhen des Montmartre einen ver- witterten Stein mit der rätselhaften Inschrift„Clü STI CI LEG HEM IND ESAN ES" entdeckt habe. Die geheimnisvolle In- schrift verwirrte die Gelehrsamkeit aller französischen Archäologen, und die ganze Weisheit der Academie des Jnscriptions war außer- stände, den Sinn dieser fremdartigen Worte, die keinem Idiom anzugehören schienen, zu deuten. Die Rätsellöser machten sehr lange Gesichter, als der Entdecker der Inschrift schließlich den Schlüssel kündete:„C est ici le chemin des äncs"(dies hier ist der Weg für die Esel). Eine gelungene Nasführung vollbrachte im Jahre thW die N-w Dorker„Sun". Sie brachte einen langen Aufsatz über ein wunderbares neues Teleskop, das Hörschel und Brewster erfunden haben sollte und mir dem es gelungen sei, die kleinsten Gegenstände auf dem Monde zu erkennen. Basaltfelsen mit Mohnblumen waren beobachtet worden, Felder, Bäume, grünende Täler, Tiere, die Auerochsen glichen, ein Einhorn. Pelikane, und was das wunderbarste von allem war: ein seltsames Wesen von der Gestalt eines Orang Utang mit riesigen Fleder- mauSflügeln, das„Vespertilio Homo" getauft wurde. Alle führenden Blätter gingen in die Falle und erörterten ernsthaft die Konsequenzen dieser Entdeckung, die sich erst Monate später als ein Aprilscherz von R. A. Locke erwies und die von allen Blättern angekündigte..neue Aera der Wissenschaft" zunichte machte. Und schliestlich ist auch Edison, der graste Erfinder, einmal der Held eines gelungenen Aprilscherzes gewesen; man kann nicht leugnen, daß sein- Art, seine neuen Entdeckungen anzukündigen, viel dazu beigetragen hat, daß de- Spaß so erfolgreich war. Im„New Uork Graphic' erschien am 1. April die Ankündigung, Edison habe eine Maschine hergestellt, die Getreide aus Erde zu bereiten und Wein aus Wasser zu machen imstande wäre. Die Meldung ging in die anderen Blatter über, und die Leitartikler flössen über von beredtem Lob des genialen Erfinders, den sie..zu seiner revolu- tionären Entdeckung beglückwünschten, durch die die Schwierig» leiten des Lebens für unzählige Millionen gelöst wären". Der „New flork Graphic" druckte eine Anzahl dieser überschwenglichen Leitartikel ab und schrieb sarkastisch darüber:„Sie beisten an". Erst jetzt mcrkwn viele, daß sie auf einen Aprilscherz herein» gefallen waren. Naturwisseuschaftliches. Vom Farbensinn der Vögel. Während das Problem vom Sehen der Tiere bislang fast ausschließlich vom Anatomen untersucht worden ist, hat Professor C. H e st mit der Anwendung physiologischer Experimente eine neue Bahn beschritten, und über die Ergebnisse seiner Forschungen, die sich zunächst auf die Seh- fähigkeit der Vögel erstreckt haben, gibt er in der„Umschau" einige interessante Einzelheiten. Die Versuche haben ergeben, daß alle Vogelarten, die bei den Experimenten geprüft wurden, bei der Aufnahme ihrer Nahrung sich ausschließlich vom Gesichtssinn leiten lassen. Selbst ein ausgehundertes Huhn beginnt nicht die vor ihm liegenden Körner aufzupicken, wenn der Raum so stark verdunkelt ist, daß es die vor ihm liegende Nahrung nicht sieht. Professor Heß hat dann auf dunklem Grunde eine Anzahl Weizenkörner ausgestreut und darüber in einiger Höhe einen schmalen Stab an- gebracht, der einen Schattenstreifen über einen Teil der Körner warf. Das Huhn pickte nur die austerhalb dieses Schatten liegen- den Körner auf und ließ die andern liegen. Man kann auf diese Art ganze Silhouetten aufpicken lassen, ohne dast von dem Tiere die im Schatten liegenden Körner beachtet werden. Ein Experiment mit einem jungen Turmfalken gab dasselbe Resultat. Man setzte den Raubvogel vor eine von oben beleuchtete dunkle Fläche, in der Weise, dast ein etwa zehn Zentimeter von dem Tier befindliches Flcischstück hell belichtet war. Der Falke stürzte sich sofort auf da? Fleisch zu, wobei jedoch die Beute in den Schatten seines eigenen Kopfes geriet. Das Tier war nur noch ein bis zwei Zentimeter von seinem Leckerbissen entfernt, aber cS hielt sofort inne und zog den Kopf zurück, ohne daS Fleisch zu fassen. Durch die Kopf- bewegung wurde der Köder wieder sichtbar nnd der Falke stürzte sofort wieder darauf hin. Außerordentlich interessant sind alsdann die Versuche, die mit farbiger Belichtung gemacht wurden. Auf einem mit schwarzem Tuch bespannten Tische wurden Reis- und Weizenkörner ausgestreut und mit Hülfe einer Bogenlampe ein Spektrum über die Fläche geworfen. Die Hühner begannen als- bald zu picken, aber sie nahmen zuerst die in dem roten und gelben Teile liegenden Körner und wandten sich erst dann zu den gelb- grünen und grünen. Die blauen und die violetten Körner aber und zum Teil auch die blaugrünen blieben unbeachtet und wurden auch nach längerer Hungerzeit nicht berührt. In dem Körnerstrcif entstand dabei eine scharf begrenzte schwarze Lücke, die genau mit der Grenze des Spektrums am roten Ende für unser Auge zu- sammenfällt und auf der andern Seite vom Grünblau flankiert ist. Daraus ergibt sich die interessante Tatsache, dast die Hühner das Spektrum am roten Ende genau so weit sehen wie wir; am kurzwelligen Ende dagegen ist für diese Vögel da? Spektrum stark verkürzt. Das Experiment wurde auf Tauben und Turmfalken ausgedehnt und ergab die gleichen Resultate. DaS Blau und Violett wurde überhaupt nicht wahrgenommen. Man kann daran? den Scklust ziehen, dast die blauen und violetten Tönungen als Schmuckfarben ausscheiden, und für die Hühner scheint dies im allgemeinen ja auch bestätigt. Insofern geben Forschungen von Heß auch eine Erklärung für das Dominieren der roten, gelben und braunen Farben im Federschumck dieser Vogclartcn; die Unter- suchungen auf andere Vogclarten auszudehnen, würde für den Zoologen zweifellos von weittragendem Interesse sein. Auch die Annahme, daß die Tagvögel im allgemeinen„nachtblind" sind, wurde durch weitere praktische Experimente erschüttert. Im Gegen- teil zeigte sich bei den Versuchen, dast die Hühner imstande sind, ihre Augen der Dunkelheit anzupassen, und daß diese Fähigkeit der des menschlichen Auges nahezu gleichkommt. Bei Falken und Habichten ist der Verlauf der Anpassung deS Auge? an die Dunkel- heit etwas langsamer, weil ihre Netzhäute mehr Purpur enthalten. Ein überraschendes Ergebnis aber brachte die Ausdehnung dieser Versuche auf die Nachtvögel. Es zeigte sich, dast die schwächsten Licktmassen, deren die Eule bedarf, um ihre Beute zu sehen und zu erhaschen, sich nur sehr wenig von der Lichtstärke unterscheidet, unter der auch das menschliche Auge die betreffenden Gegenstände noch wahrnimmt. Auch die allgemein verbreitete Anschauung von der„Lichtscheu" der Nachtvögel wird durch die praktischen Forschungen zerstört. Professor Heß stellte mit mehreren Nacht- vögeln Versuche an; nach mehrstündigem Aufenthalt im Dunkel brachte man sie ins Helle, und durch Spiegelung warf man ihnen die Sonnenstrahlen unmittelbar in die Augen. Dabei zeigten sie nicht die geringste Spur von Lichtscheu und schnappten sofort nach den Fleischködern, die vor ihren Augen bewegt wurden. Verantw. Redakteur: Geora Davidkobn. Berlin.— Druck u. Verlaa:VorwärtS Buckdr. u. Verlansanitalt Vaul Singer& Co.. Berlin SW.