Nntethallungsblatt des Horwärts Nr. 166. Freitag, den 28 August. 1903 KNachdruS bettoUtt.J Mafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emtl RaS müssen. Endlich hob sich der Vorhang über dem Einzug in Jeru- salem. Hinter der Szene hörte man Trompetenfanfaren, Hofiannarufe und Volksjubel. Gleich darauf kam ein Haufe Gassenjungen, die Purzelbäume über die Bühne schlugen, und ihnen folgten Frauen mit Palmzweigen in den Händen, ganz in Weiße orientalische Gewänder gekleidet und in faltenreiche Schals gehüllt, die sie unter fanatischen Rufen abnahmen und auf die Erde breiteten. Crocifissa war ganz Auge und Ohr. Sie lebte in dem Vorgeführten� es war für sie vollste Wirklichkeit. Doch der« hielt sie sich ganz ruhig, bis der Herr erschien, umwogt von den anbetenden Huldigungsrufen, auf einem Esel sitzend, den St. Peter selbst beim Zügel führte. Dem regelmäßig schönen. aber bartlosen Geficht Don Serafinos war durch einen blonden krausen Bart nachgeholfen worden, und seine Tonsur deckten lange, auf die Schultern herabfallende, blonde Locken. Aus feinem Inneren heraus aber kam das seraphisch liebenswürdige Lächeln, das in seinen Augen strahlte und m Verbindung mit der künstlichen Beleuchtung seine Erscheinung wie eine gött- liche Offenbarung wirken ließ. /Crocifissa begann zu zittern. Sie erhob sich unwillkürlich, ihre Arme streckten sich ihm ent- gegen, sein Lächeln spiegelte sich in ihren großen Augen, die das geisterhafte Antlitz ganz beherrschten, und ihre Lippen be- wegten sich, als suchten sie Worte, die nicht Laut gewannen. Von allen Seiten flüsterte man, sie solle sich setzen, aber sie hörte weder Diambra noch die Nonnen. Erst als der Vor- hang nach der ersten Szene fiel, fiel sie auf ihren Stuhl zu- rück und saß still, mit geschlossenen Augen, ohne'die zahl- reichen Ermahnungen in ihr Bewußtsein aufzunehmen. Es folgten nun einige Szenen, die auf das ganze Publi- kum, besonders auf die Frauen, großen Eindruck übten: es war Judas' Versuchung durch Satan— einem großen, mageren, hinkenden Mann, in langem schwarzen Gewand, mit einem über die Brust reichenden schwarzen, spitzen Bart und einem breitkrämpigen Priesterhut—; hierauf die Bestechung der Juden durch Judas. Auf Crocifissa wirkten diese Szenen weit weniger. Da- gegen kehrte ihr Entzücken zurück, als der Herr während der Fußwaschung und des Abendmahls sich wieder zeigte, und war von da ab in unterbrochener Steigerung begriffen. Man beachtete sie jedoch weniger, denn das Schauspiel begann nun auch die anderen in einem Grade gefangenzu- nehmen, daß ihnen für nichts anderes Aug' und Ohr blieb. Won dem Augenblicke an. da der Knoten der Tragödie sich fester zu schürzen begann,— nach der Ergreifung in Gethsemane — saß die ganz dichtgedrängte Versammlung in nervöser Spannung vor etwas Unabwendbarem und Fürchterlichem, das nun bald losbrechen mußte. Seltsam war es zu sehen, wie die Männer, die, mit den Hüten auf den Köpfen, gesessen, einer um den anderen das Haupt entblößten, während die nicht seltenen erregten Zurufe an die Schurken der Bühne be- wiesen, in welchem Grade die Zuschauer mitlebten. Man hatte um vier Uhr nachmittags begonnen, aber die Szenen war zahlreich und die Pausen nicht kurz. Als Jesus von Herodcs zu Pilatus geschleppt wurde, war es Mitter- nacht: es war vorauszusehen, daß die Auferstehung, mit der das Schauspiel schließen sollte, nicht vor vier Uhr nächsten Morgen stattfinden würde, und dennoch war keine Müdigkeit unter den Zuschauern zu merken. Es schien, als ob die stei- gende Hitze, die das.Atmen schwer machte, zugleich die Nerven eregte und für die immer peinlicheren Szenen des unheim- lichen Dramas sfimulierte. Das Entsetzen des cmzeknen ver- doppelte sich, wenn er sein Spiegelbild in den ihm umgeben- den Dkienen beobachten konnte. Crocifissa zitterte vom Scheitel bis zur Sohle, so daß Diambra für sie zu fürchten begann: aber sie war nicht zur Heimkehr zu bewegen. Endlich kam die Szene, wo der Herr verhöhnt und ge- geißelt wird. Don Serafino überließ nun seine Rolle einem jungen Schuhmacher, einem Gildenbruder, da es einem Priester nicht ansteht, den Hohn piid Scknmvf zu erdulden. den er in der Rolle des Jesus von da an über sich ergehen lassen mußte. Auf Crocifissa wirkte diese Veränderung störend. Sie er» kannte Jesus' Züge nicht wieder. Erst allmählich, mit fort» schreitender Handlung, wurde sie von ihrer Umgehung ange- steckt und willenlos in die Illusion mitgerissen. Jesus ist nur mit einem Lendentpche bekleidet. Die Partien, die den nackten Körper vorstellen sollen, sind jedoch von einem fleischfarbenen Trikot bedeckt, das über den ein- gelegten Blasen, welche die Bestimmung haben, während der Vrügelszene aufzuspringen und ihren blutroten Inhalt über seinen gemarterten Körper zu ergießen, schwach hin und her wogt. Er soll während dieser ganzen Szene stumme Person sein. Ruhig findet er sich darein, daß sie ihn als den ein» gebildeten Judenkönig verhöhnen. Erst als sie ihm die Augen verbinden und ein Soldat ihm ins Gesicht schlägt, stößt er einen entsetzlichen Fluch aus, befreit sich von seinen Banden und will sich auf den, der ihn geschlagen hat, losstürzen. Dies fällt ja ein wenig außerhalb der traditionellen Auffassung. Aber man verzeiht es einem rohen Schuhmacher, und das Ganze wirkt fo lebendig: das Blut fließt ihm über das Ge» ficht: sie haben ihn gehöhnt und geprügelt: wer kann sich da wohl bezähmen I Die ganze Bande wirft sich über ihn: eS kommen sogar Statisten aus den Kulissen herbei, mit dem Hahnenschrei Pamfo an der Spitze. Sie binden ihn an den Pranger und lassen Peitschenhiebe und Faustschläge über den Unglücklichen herabsausen. Das Blut riefelt vom seiner Brust und seinen Schultern über die Lenden bis hinab auf die Beine: er heult und jammert: aber die Henker übertäuben sein Geschrei und der Anblick des Blutes reizt sie zu immer wilderer Grausamkeit— bis Don Serafino hereingestürzt kommt und der Vorhang unter fortdauerndem Lärmen fällt. Unten auf den Zuschauerplätzen hatte keiner bemerkt, daß das Spiel in Ernst ausgeartet ist. Die Szene hat auf sie ge» wirkt, wie sie es mußte und sollte— wie sie es verlangten— als ein namenloser Schrecken.' der Heilige gepeitscht, wie man keinen Verbrecher mißhandelt! Gepeitscht! Welcher Gräuel für einen Sizilianer, der wohl töten kann, aber der den Men- schenadel hat, nicht peitschen, nicht mißhandeln zu können! Alle sind erschüttert, als seien sie Augenzeugen eines Meuchel» mordes auf offener Straße geivescn. Einige flehen um Barm» Herzigkeit, andere fluchen, die meisten schluchzen laut: nur ein» zelne fitzen versteinert in stummem Entsetzen. Es dauert eine Weile, bis man die Bewegung bemerkt. die unter den Nonnen entstanden ist; und erst als einige Kinder aufschreien, sehen die Nächftstehenden in dem Halb- dunkel eine Frau in Konvulsionen auf dem Boden liegen, mit wild rollenden Augeu und aus dem Munde fließenden Blute. Einen Augenblick später— während der Lärm auf der Bühne anhält und die Aufmerksamkeit zu erregen beginnt— widerhallt der Saal von ihrem Name»: Die Gräfin Del Chiarok Crocifissa! Alle Nonnen kehren mit ihr heim, während das Spiel seinen Fortgang nimmt. Der verletzte Schuhmacher, welcher über den ersten, ganz außer Programm stehenden Nasenstüber in Wallung geraten war, wird abermals von Don Serafino ersetzt, der unermüdlich aushält, bis er bei frühem Morgen- grauen, ehe die Sonne aufgeht, gen Himmel fährt.— Lange Zeit hatte Crocifissa keinen Aulaß zu besonderer Aufmerksamkeit gegeben. Don Gerlando hatte wohl bemerkt, wie tief versunken sie bei der Komunion war, und daß sie im Beichtstuhl manch- mal auf seine Fragen gar nicht antwortete. Aber er maß diesen Dingen keine Bedeutung bei: er kannte ihre große Frömmigkeit, ihre anhaltenden Gebete und fttengen Fasten. Diambra beobachtete sie näher und genoß bis zu einem gewissen Grade ihr Vertrauen. Sie wußte, daß sie stunden- lang auf den Knien lag vor einem grauenhafter Wachskopf in Lebensgröße, der die tote Katharina von Siena vorstellte und den sie unter einer Glasglocke in ihrem Zimmer aufbe- wahrte. Sie kannte ihre brennende Sehnsucht, diesem frommen Weibe zu gleichen, das ihr oft erschienen war, manchmal zusammen mit dem heiligen Franz. Auch hatte �ie bemerkt, mit welchem Gemisch von Freude und Schrecken sie den Namen..Schwestern des teueren Blutes" aussprach und tvußte, wie ihr Gedanke um diese Worte kreiste. Sie war die einzige, der Crocifissa Einblick gestattete in ihre Erscheinungs- Welt und in ihre immer stärker hervortretende Sehnsucht, Ehristi Leiden teilen zu dürfen. Aber ihre Ekstase zu sehen, erlaubte sie auch Diambra Iltcht. Sie hatte die Kraft, sich Gewalt anzutun, wenn andere «lgegen waren. Es war, als schäme sie sich, gesehen zu wer? den. Und als ihr teuerstes Geheimnis bewahrte sie das Glück jenes Tages, da ihre Brust an der linken Seite zu bluten begonnen hatte. Es war wie ein Vorgeschmack der paradiesischen Freude und Seligkeit, dies Geheimnis zu bergen, daß das Blut, wie aus ihres Bräutigams linker Seite geronnen, nun aus ihrer eigenen Brust floß. Konnte er ihr Wohl ein kostbareres Zeichen und Pfand seiner geistigen Ver- feinigung mit ihr schenken? Zu ihrem tiefen Kummer erfuhr Crocifissa, daß die Priorin pach dem Anfall beim Martyriumspiele die Bestimmung ge- troffen hatte, daß eine kleine französische Nonne, Schwester Claire, künftighin bei der Leidenden schlafen solle. Sie empfand das als ein gewaltsames Eindringen in ihr in- timstes Leben. Sie empfand gegen Schwester Claire ein Ge- fühl, das der Eifersucht glich. Es verging eine ganze Woche, ohne daß Claire das Aller- geringste bemerkte. Erst am Abend des Palmsonntags, nach- dem sie zur Ruhe gegangen, bemerkte sie eine sonderbare Un- ruhe in Crocifissas Bett. Sie zündete Licht an, und was sie sah, erfüllte sie mit Entsetzen. Crocifissa kniete auf dem Bette, die Hände über der Brust gekreuzt: das Antlitz erblich und wurde weiß wie das Linnen, während sie Seufzer ausstieß, die sich nur mit Not der beklemmten Brust entrangen: aus den starren, unbeweg- ffichen Augen rannen Tränen über ihre Wangen hinab. Ver- gebens rief Claire sie an, rief entsetzt ihren Namen.. Es kam keine Antwort, nur ein hohles Stöhnen. Die Wangen waren nun rot, fast bläulich und schwollen an. Die Zunge wurde im Munde dick und schien an dem trockenen Gaumen zu kleben. Dann folgten Konvulsionen, immer heftiger und heftiger: die Hände flochten sich ineinander, daß die Nägel weiß wurden: die starren Augen schienen brechen odep yus ihren Höhlen treten zu wollen« � .'(Fortsetzung folgt.)] (Nachdruck verboten.)' 6] Huf Irrwegen. Von Jonas Lie, 2. Staubwolken auf den Wegen und immer lauter werdende klagen über Wassermangel.-- Erdrückend schwüle Hundstage. Schattenlos wie das kleine hölzerne Haus der Witwe Forland dort hart an der Landstraße lag, nur mit ein paar Ebereschen zu beiden Seiten der Treppe, brodelte die Sonnenglut förmlich in den alten, längst ausgetrockneten Astlöchern der Holzwände.— Fenster und Türen waren der Hitze wegen geöffnet, die jetzt Tag für Tag ihr einförmiges Schweigen über die Stadt lagerte, ihren vtebel immer dichter um den Abhang spann und die Masten und viaen unten im Hafen immer undurchsichtiger in ihren grauen Schleier hüllte. Die Tochter des HauseS, Sölvi, ein schöngewachsenes Mädchen bon zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, kam auf die Treppe hinaus. Sie hatte einen Hut auf und stellte den Sonnenschirm hin, um die Handschuhe zuzuknöpfen. p Plötzlich lauschte sie Und vergaß das Knöpfen. Unten vom Wege herauf ertönte das einförmige Gerassel eines leichten Fuhrwerks, das in schnellem Trab daherkam. Es blieb ihr gerade noch Zeit, einen hastigen Blick auf ihre Kleidung zu werfen und den Hut ein wenig zurecht zu rücken, ehe der neue Arzt des Städtchens, Doktor Falkenberg, in seinem Kariol bahergerollt kam, ganz eingehüllt in die Staubwolke, die die Räder aufwirbelten. Er hielt bor der Treppe an, grüßte mit dem Strohhut und kuschte den Staub von der Brille, während er verstohlen durch die Vläser zu ihr aufsah. „Run. wie geht es Ihrer Frau Mutter, Fräulein:— hat mein kleiner Rat ihr geholfen?" „Danke, Herr Doktor! Mutter ist so glücklich darüber. Sie shat den Rheumatismus fast gar nicht mehr gefühlt, seit sie an- gefangen hat, Ihren Rat zu befolgen." „Es war übrigens nur ein einfaches Altweibermittel, auf Apothekerlatein übersetzt. Es hilft unfehlbar, wenn man nur daran glaubt", lachte er.„Im übrigen ist dies trockene, heiße Sommer- Wetter wohl das beste Heilmittel. Aber ich halte Sie auf, Fräulein Sölvi, ich sehe. Sie wollen ausgehen." „Ja. in die Stadt hinab,— auf das Kontor:— aber ich habe Zeit geMg.'''' „Hm,— ich hätte mich fast erkühnt zu fragen, fites wollen Sie dort?— sitzen und rechnen und Assekuranztabellen ausfüllen! Ich will wetten, mein Fräulein, Sie gehen immer über den Markt, wenn Sie aufs Kontor wollen?" „Ja, das war nun gerade nicht schwer zu erraten!— woher sollten sie sonst daheim ihr Mittagsessen bekommen?" „Ach, seien Sie einmal aufrichtig,— Sie hatten es sich niemals träumen lassen, daß das Märchen Ihres Lebens Sie die Kontor» laufbahn führen würde, mit Tinte an den Fingern!" Sie blickte vor sich hin auf die Treppe. „Gestchen Sie es mir, Sie würden tausendmal lieber daheim bleiben und für die Mutter und den Garten und die Hühner und die Enten sorgen und den, Haushalt führen und hin und wieder ein» mal ein kleines Tanzvergnügen hier oben bei den befreundeten Familien mitmachen, als Mitglied des„Kontoristenvereins" zu sein!" Sie brach in ein hclltönendes Gelächter aus. Gleich darauf aber folgte ein leidenschaftlich qualvolles—„Ach ja!", Der Doktor hakte den Spritzlederriemen los, um auf die Treppe hinüberzuspringen, als Faste plötzlich in Hemdsärmeln aus der Gartentür trat, ein paar Meßinstrumente in der Hand. „Guten Tag, Herr Doktor! Nun, ich kann Ihnen sagen, daß Sie gestern abend unten im Klub gehörig vorgenommen wurden. Oder vielmehr der Plan, draußen im Westen von der Stadt«ine Scebadeanstalt anzulegen,— und man vermutete, daß Sie die treibende Kraft des Unternehmens seien. Versteht sich, wir dis- kutierten die Sache ausschließlich von der ökonomischen, Seite,— in bezug auf die Rentabilität.--" Der Doktor schob die Brille ein wenig in die Höhe und sah in die Lust hinaus: „Ja, Herr Forland. Es will mir nur scheinen, als wenn der- selbe Salzstoff sich in allen Küstenstädten des Landes finden müßte, wo die See den Kloaken nicht zu nahe liegt.— Jedenfalls kann man mal drauf anstoßen." „Man fängt an. Witze zu machen, Herr Doktor!— Aber da zählten wir auf Sie,— daß Sje, der Sie schon so schön in den Krankenhausverhältnissen aufgeräumt haben/ auch der Erste sein würden, der dem Plan und der Aktienzeichnung seine Unterstützung angedeihen ließe. Daß, worauf wir hinaus wollen, ist nichts Ge- ringeres, als der Ankauf der ganzen Landzungen und ihre Ver- Wandlung in einen Kurort mitsamt dem Vorstrande. Und dann, wenn der Gedanke lebensfähig ist, was ich glaube,— allmählich Hotels auf der ganzen Westseite und diese Gegend der Stadt in ein modernes nordisches Bad verwandelt." Der Doktor lachte. Es geht jungen Architekten wohl ebenso wie frischgebackenen Doktoren. Ganz ähnliche Ideen schwirrten auch mir durch den Kopf, als ich in die Stadt kam. Sie können mir glauben, in einsamen Stunden in einem Kariol wird viel phantasiert,— ja, dann adieu, Fräulein!" unterbrach er sich.«Vor der Sonne sind Sie auch nicht bange.-- Stehen da in der Gluthitze und lassen den Sonnen, schirm auf der Bank liegen!" „Ach, mit einem breitrandigen Hut—" „Sie haben einen heißen Weg zur Stadt hinab!—— Und hüten Sie sich, daß Sie keinen Sand und Staub in die Augen bekommen", schallte eS ihr nach, während das Kariol weiter bergan rollte. Mit einer gewissen bleichen Empörung blieb Sölvi Forland auf der Treppe stehen, dann eilte sie ins Haus. In der Einsamkeit des Schlafzimmers saß Frau ForlaNd unL las einen eben angekommenen Brief von ihrer jüngsten Tochter Agnete, die bei Pastor Fejer in Sogn Gouvernante war. Sie hatte den Krückstock an die Stuhllehne gestellt, während ihre gichtgekrümmte Gestalt sich darüber lehnte. Sölvi erschien in der Tür: „Dann also adieu, Mutter.-- Ja, glaub mir nur, sie hat sich zu dem Pastor entschlossen!" „Pfui, pfui, Kind, wie kannst Du Nur so etwas denken,— ein älterer Mann!" „Ich höre es ja aus dem ganzen Brief heraus, Mutter, sie nennt ihn fortwährend„Fejer" und nicht mehr den Pastor. Und» dann die Bemerkung, daß der Pfarrhos jetzt einen so günstigen Kontrakt mit der Molkerei abgeschlossen hat! „Ach, das ist häßlich von Dir, Sölvi,— sie sollte den Alten Nehmen—" � Sölvi lachte so eigenartig. „Ich meine nun gerade um so lieber, weil er so alt ist!©oft behüte uns, einen Mann zu nehmen, ohne etwas dabei zu emp- finden, wenn er obendrein noch jung ist,— und hübsch und schwär- men will. Stell Dir doch Nur vor, wie entsetzlich Agnete dann lügen müßte!" „Ich liebe eS Nicht, dergleichen Gedanken zu verfolgen, Sölvü Du bist in der letzten Zeit so verbittert geworden. Ich weiß wirk» lich nicht, was Du hast."> „Ich für meinen Teil würde mit Vergnügen in so einen Pfarr» Hof einziehen,— ich meine zu so einem bemoosten Pastor,— so einem recht stümperigen Alten,— bei dem ich leben könnte wie ixt einer alten, ehrwürdigen Kirche,— und ihm den Weg ebnen— und daS Geleite bis ans Grab geben. Ich würde ihn in keinem Punkt betrügen. Ich hatte ja vor einigen Jahren ohnehin schon die AbsM, als Krankenpflegerin fortzugehen. Und dann, wenn ein Mädchen einige zwanzig Jahre alt ist und eine gute Anstellung hat, sei es nun als Gouvernante oder als Kassiererin auf einem Kontor, so ist sie über die Romangrillen hinaus; dergleichen ist ganz einfach weit unter ihrer Würde. Hat sie irgendwelche Illusionen gehabt, so ist eS damit auf alle Fälle vorbei.— Das einzige, was mich stören würde, sind diese ewigen Milchspeisen, die man auf so einem Pfarrhof bekommt!" »Pfui, Kind, Dein Scherzen hört sich häßlich an—" „Dann adieu, liebste, beste Mutter! Setze Dich auch nicht ans offene Fenster--" Sölvi eilte zu ihr hinüber und küßte sie heftig auf die Wänge, ehe sie aus der Tür verschwand. lFortsetzung folgt.) Demi ßecqucreU Henri Becquerel, dessen plötzlich und überraschend erfolgten Tod wir vorgestern meldeten, entstammte einer berühmten Physikerfamilie. Sein Großvater, der erst vor dreißig Jahren im hohen Alter von neunzig Jahren gestorben ist, sowie sein Vater, der ein Alter von 71 Jahren erreichte, waren wegen ihrer Ver- dienste um die Ausbreitung physikalischen Wissens als Hochschul- lehrer und um die Erweiterung der physikalischen Kenntnisse als Forscher geschätzt. Henri Becquerel hat nur ein Alter von bö Jahren erreicht; doch stehen seine Leistungen denen seiner unmittel- baren Vorfahren nicht nach; sie wurden durch große Anerkennung in wissenschaftlichen Kreisen belohnt: im Jahre 1903 wurde Becquerel durch Verleihung des Nobelpreises ausgezeichnet, er war Mitglied der Akademien der Wissenschaften von Paris, Berlin, Göttingen und viele andere gelehrte.Gesellschaften ehrten ihn durch die Verleihung der Mitgliedschaft. Der Name Becquerels ist erst in den letzten zwölf Jahren über die engeren Grenzen des Kreises seiner Fachgenossen hinaus bekannt geworden, und zwar durch die Untersuchunge, welche sich an die Entdeckung Röntgens anschlössen. Diese Entdeckung bestand bekanntlich darin, daß die in einer Vakuumröhre erzeugten Kathodenstrahlen bei ihrem Auftreffen auf die Glaswand eine neue, bis dahin unbekannte Art von Strahlen erzeugen, welche un» durchsichtige Körper durchdringen und auf die photographische Platte einwirken. Ihr Entdecker gab ihnen den Namen X-Strahlen, während man sie heute allgemein nach ihrem Entdecker als Röntgen- strahlen bezeichnet. Die Entdeckung Röntgens gab den Anstoß zu zahlreichen Unter- suchungen, die zum Teil die Erzeugung der Röntgenstrahlen und die Erforschung ihrer Eigenschaften betrafen, zum Teil zu weiteren Entdeckungen neuer Strahlen führten. Da die Glaswand an der Stelle, wo sie von den Kathodenstrahlen getroffen wird und von der die Röntgenstrahlen ausgehen, in den Zustand lebhafter Fluoreszenz gerät, so vermutete man, daß vielleicht die Entstehung von Röntgenstrahlen mit der Fluoreszenz oder der wesensgleichen Phosphoreszenz zusammenhänge. Diese Vermutung, welche sich übrigens nicht bestätigt hat, gab Anlaß zu weitgehenden Versuchen mit fluoreszierenden und phosphoreszierenden Substanzen, und in der Tat glaubten verschiedene Forscher, hierbei Strahlen gefunden 8u haben, welche gleich den Röntgenstrahlen durch schwarzes Papier indurch Einwirkungen auf die photographische Platte ausüben. Bestätigt haben sich von diesen angeblichen Entdeckungen aber nur die Becquerels, welcher mit fluoreszierenden Uransalzen experi- mentierte. Zunächst glaubte Becquerel natürlich, daß diese Versuche eine Bestätigung der Vermutung ergaben, die den Anlaß zu ihnen ge- geben hatte, daß also die von ihm gefundenen Strahlen in engem Zusammenhang mit der Fluoreszenz der Uransalze stehen. Es zeigte sich aber bald, daß die beobachtete Erscheinung mit der Fluoreszenz gar nichts zu tun hatte. Das Uran und alle seine Verbindungen, auch die nicht fluoreszierenden, wirken in ganz gleicher Weise strahlenaussendend, das metallische Uran sogar am stärksten. Auch wenn man die Uranverbindungen jahrelang in voll- kommener Dunkelheit aufbewahrt, so daß von einer Fluoreszenz aar kein« Rede mehr sein kann, fahren sie trotzdem andauernd fort, auf die photographische Platte wirksame Strahlen in unver- minderter Stärke auszusenden. Diese von ihrem Entdecker als Uranstrahlen bezeichneten Strahlen, die heute allgemein Becquerelstrahlen genannt werden, bilden den Ausgangspunkt für einen ganz neuen wichtigen Zweig der Physik, der unter der tätigen Mitwirkung Becquerels bereits stark entwickelt ist und unsere Kenntnis von dem Zusammenhang aller Naturerscheinungen wesentlich bereichert hat. Becquerel und andere, unter denen vor allen das Ehepaar Curie zu nennen ist, haben festgestellt, daß die von Becquerel beim Uran gefundene Eigenschaft eine sehr weit verbreitete ist, nicht nur Uran und seine Verbindungen sind radioaktiv— diese Bezeichnung für die strahlen- aussendenden Körper rührt von Frau Curie her—, sondern dieselbe Eigenschaft wurde bei den Verbindungen des Elementes Thor gefunden sowie bei Mineralien, in denen die Radio-Aktivität auf neuen, bisher unbekannten Elementen beruht, die dann als Radium, Polonium, Aktinium bezeichnet wurden. Kleine Mengen radio- aktiver Materie zeigen sich überall in der Erdrinde und in der Atmosphäre, es scheint sogar, daß in geringem Maße alle Materie radio-aktive Eigenschaft hat. Das weitere Studium der radio-aktiven Erscheinungen führt« zu ungeahnten Ergebnissen und Zusammenhängen. Die Becquerel» strahlen erwiesen sich als ein Gemisch dreier Arten von Strahlen, die in enger Beziehung zu bestimmten, bei elektrischen Entladungen erzeugten Strahlengattungen stehen, deren Erforschung sehr wesent- lich zu dem Ausbau und der Umgestaltung unserer Anschauungen über die elektrischen Erscheinungen überhaupt beigetragen hat. Darüber hinaus zeigte speziell das Radium neue wunderbare Eigenschaften in chemischer Beziehung: Das Atom dieses Elementes erwies sich im Gegensatz zu allen bisherigen Erfahrungen der Chemiker als etwas Unbeständiges, es zerfällt und liefert als ein Zerfallsprodukt ein anderes Element von merkwürdigen Eigen- schaften, das Helium. Vielleicht ist die Tatsache der Umwandlung von Elementen, die auf unsere chemischen Anschauungen von Grund aus umwälzend einwirken müßte, eine sehr allgemeine— wenigstens glaubt der hervorragende englische Chemiker Ramsay weitere Anhaltspunkte für solche Umwandlungen erhalten zu haben; doch sind diese Er» gebnisse keineswegs bereits ganz sicher und allgemein anerkannt, der Streit der Meinungen, aus welchem schließlich der feste geistige Besitz sich ergeben wird, ist noch in vollem Gange. Mitten aus dieser verheißungsvollen EntWickelung, an welcher er als einer der hervorragendsten Kämpfer und Pfadfinder mitarbeitete, ist Becquerel plötzlich und überraschend dahingerafft. Die EntWicke- lung selbst wird deshalb nicht stille stehen— die Menschheit ist reich genug an schöpferischen Geistern, um jede Lücke, die der unerbitt- liche Tod reißt, rasch wieder auszufüllen; aber der Name Becquerels wird fortleben als der eines der hervorragendsten Förderer der menschlichen Erkenntnis, und wenn in einem späteren, glücklicheren Zeitalter Wissen und Bildung in weit höherem Maße als in unserer barbarischen kapitalistischen Epoche Gemeingut aller Menschen sein werden, wird auch sein Name weit mehr, als das jetzt möglich ist, in dankbarer Erinnerung gehalten werden,.. iL. Indien— ein Scblangenparadies. Von D r. I. W i e s e. Gewitterschwüle Tage und feuchtheiße Lust bilden das Enst zücken der Schlangen. Solche Tage sind denn aber auch zugleich die gefährlichsten, weil an ihnen gewöhnlich die Kinoer beim Beerenpflücken gebissen werden. Allerdings ist bei uns die Gefahr, durch Schlangengift verwundet oder getötet zu werden, nur gering, da ja die Zahl der wirklich giftigen Schlangen nur eine kleine ist. Selbst Bisse von der so sehr gefürchteten Kreuzotter sind äußerst selten. Tritt man die Kreuzotter nicht gerade auf eine empfindliche Stelle, so beißt sie nicht einmal. Gefährlicher ist die Sandviper, die alle Mittelmeerländer bewohnt, aber auch schon in dem süd» lichen Bayern vorkommt. Eine weniger giftige Schlange, die ge- wöhnlich mit der Kreuzotter verwechselt wird, kommt besonders in der Gegend von Metz vor. ES ist die AspiSviper, deren Verbrei- tungsgebiet daS südwestliche Europa umfaßt. In anderen Erd- teilen, besonders in den Tropen, ist allerdings die Gefahr, von Schlangen gebissen zu werden und den Tod zu finden, eine sehr große, und unter ihnen nimmt die erste Stelle Indien ein, das man geradezu, wenigstens vom Standpunkte der Schlangen. Schlangeneldorado nennen kann. Neuere Forscher wollen he- haupten, daß in Indien die Zahl der Giftschlangen trotz aller Ver» folgungen und Prämien seitens der Regierung, immer mehr zu- nimmt, und da? erscheint begreiflich, wenn man erfährt, daß nach amtlicher Berechnung mindestens LbdOO Menschen jährlich in Indien durch Schlangengift ihr Leben verlieren. Wenn Europäer und Weihe überhaupt seltener ein Opfer des Schlangenbisses werden, so liegt der Grund davon in ihrer größeren Vorsicht und Umsicht, in ihrer besseren Kleidung und vielleicht in dem Umstanoe, daß sie nicht so viel im Freien sind. Allein auch unter den Europäern gibt eS nur wenige, die nach einem mehr, jährigen Aufenthalte in den indischen Ebenen in die Heimat zurück» kehren, ohne eine lebhaste Erinnerung an eine oder mehrere Rettungen vor dem Schlangenbiß mitzunehmen. Selbst in großen Städten wie Bombay oder Kalkutta sind Schlangen nicht unbekannt; dagegen kommen sie in und bei den BungaloS oder Landhäusern auf allen ober den meisten ländlichen Stationen ganz gewöhnlich vor und machen diesen Behausungen in ungewöhnlich kurzen Zwischenräumen ihren Besuch. ES gibt wenige BungaloS, deren Stroh- oder Schilfdach nicht der gelegentliche Aufenthalt eine« besonders gefährlichen Schlangenart, der Sankor oder der Dachs,. schlänge ist, währeno rings umher in den Höhlungen alter Bäume, unter den Fußböden der Zimmer, in den Kellern oder daneben- liegenden Gärten von Zeit zu Zeit Exemplare von anderen Arten! vorkommen, die für das menschliche Leben nicht weniger gefährlich sind. Die Eingeborenen, Hindu wie Muslimen und Buddhisten, sind gegenüber den Schlangen unendlich sorgloser und gleichgültiger als die Europäer. Barfuß, mit nackten Beinen und mit jenem fatalistischen Glauben an das Kismet, das der Hindu mit dem Mohammedaner teilt, betritt der Hindu mit seinen dunkelhäutigen Beinen ohne Bedenken Orte, die von Schlangen wimmeln, und eS ist daher nur zufällig, ob er mit einer solchen in Berührung kommt oder nicht. Mit jener erhabenen Gleichgültigkeit gegen di« Ge? fahr, die er von Kindheit auf durch die Gewohnheit und Vertraut- heit mit ihr erwirbt, kauert er sich mit oder ohne seine dürstige Kleidung von Baumwollstoff auf dem nackten Erdboden feiner Lehmhütte oder unter den weiten Testen und Zweigen eines Baumes nieder und verfällt in einen tiefen Schlaf, aus dem ihn weder die Stiche der Muskiten, noch das Geheul raubgieriger Schakale, noch das Geschrei der Waldeulen in den Zweigen über ihm zu wecken vermögen. Manchmal hat er vielleicht an derselben Stelle schon eine Schlange erschlagen sehen. Aber das ficht ihn wenig an. Gibt es nicht auch an anderen Orten Schlangen? In einer Minute schläft er wie ein Sack und träumt vielleicht von seinen Reis- urtd Paddyfeldern, die er gegen 90 Proz. ZinS verpfändet hat. und die es womöglich immer bleiben werden; er träumt von seinem Mahadschan oder Bankier� dessen Abgefeimtheit und überlegene Rechenkunst diesen Schuft in den Stand setzt, seine Rachbarn auszubeuten. Dann dreht er sich um und wälzt sich ruhig auf eine tödliche Krätschlange hinauf oder reckt seine braune Hand hinauf und ersaht damit den glatten Rücken einer vorbeikriechenden Kobra, die ihn beißt oder vielmehr mit ihren Gistzähnen schlägt, und er stirbt! Aber die Götter wollten es so; seine Zeit war ge- kommen— KiSmctk Tulfi Kartdn bessert das Strohdach seiner Hätte aus, und wie er das verfaulte Gras aufhebt, drückt er dabei eine Sankor oder Dachsschlange, die darin ruht und die Störung mit ihren scharfen Gistzähnen vergilt, und Tulfi wird zu seinen Bätern versammelt. Dann ist dort Sirikisson Belida damit be- schäftigt, Bambus zu einem neuen Dach oder die Dschungelgräser zu schneider, mittels deren er neue Matten für sein Haus an- fertigen will; dadurch belästigt er den Feind, der sich durch seinen Biß fühlbar macht, ehe er sich in Sicherheit bringt. Gidari Teli ist in der Dämmerung oder der dunkelen Rächt an den benach- harten Dorfbrunnen gegangen, um seinen Lata(Steinkrug) zu füllen, und kehrt nun in seine Hütte zurück, um sein junges Weib eilends nach dem Bhb(eingeborenen Arzt) zu schicken, der sein Geheimmittel anwenden wird, und nach dem Brahminen, der seine Beschwörungen singen und verschiedene mystische Gebräuche vor- nehmen wird, während der arme Gidari rettungslos dem Tode verfällt. Unter den Eingeborenen Indiens herrschen noch manche seit- same Vorstellungen und abergläubische Ansichten hinsichtlich der Schlangen. So soll es«ine groß« Schlange. Dhamin genannt, eine angebliche Kreuzung zwischen der Kobra und irgendeiner anderen Art, geben, die nicht beißt, sondern, weim man sie verfolgt, mit dem Schwänze schlägt urtd nach der Aussage der Eingeborenen imstande sein soll, damit schmerz hafte und sogar gefährliche Wun- den beizubringen, �nnd man findet allgemein den Glauben vor« waltend, daß die Schlange an Sonntagen und Donnerstagen ganz unschädlich sei. Der Biß der Giftschlangen soll an kalten Tagen weniger gefährlich sein als an heißen. Es gilt für unheilvoll, wenn man irgendeine Giftschlange bei ihrem eigenen Namen nennt, und man bedient sich statt dessen allgemein eines Spitznamens oder einer Umschreibung; gerade so, wie man das richtige Wort für Cholera morbus vermeidet und glaubt, seine Anwendung sei im höchsten Grade gefährlich und könne die Krankheit selbst bringen. Viele Eingeborenen klopfen, wenn sie bei Nacht ins Freie gehen müssen, mit ihrem Bambusstock wiederholt vor sich auf den Boden und gehen sehr langsamen Schrsttes, und die Dakläufer oder länd- lichen Postboten, die auf Stationen von fünf bis sechs englischen Meilen Entfernung hin und her traben, führen unwandelbar an ihrem schulterhohen Bambusstock eine Anzahl loser Eisenringe. um ein klirrendes Geräusch zu machen, wenn sie daher traben; durch diefes Geklingel sollen die Schlangen und andere schädliche Tiere verjagt, nach anderer Lesart bei Rächt dem nächsten Postboten die Annäherung seines Kollegen verkündigt werden. Einige Fälle über Schlangenabenteuer aus neuerer Zeit mögen hier Platz finden, um die große Gefahr zu schildern, die den Ein« aeborcnen seitens der Schlangen droht. So erzählt ein englischer Beamter in Ostindien, Sir Gilbert Campbell, in seinem Werl über die Tropen:»Ich war so müde von dem Rütteln und Knarren meines elenden Gefährtes, daß ich mich, sobald ich ein Glas Wein getrunken und eine Zigarre geraucht hatte, auf mein Lager warf und bald in einen schweren Schlaf sank, der aber von häßlichen Träumen heimgesucht wurde. Es war mir. als läge eine schwere. eiskalte Mass« auf meiner Brust, die mich zu ersticken und zu zer- malmen drohte. Plötzlich erwache ich und will sogleich von meinem Lager herunterspringen; doch ganz entfetzt halte ich mich zurück. Bei dem Schein der in meinem Zimmer brennenden Lampe erblicke ich auf meiner Brust eine ungeheure zusammengerollte Schlange, die den Kopf mit zwei feurigstrahlenden Augen nach mir richtet und zischend ihre gespaltene Zunge bewegt. Sofort begreife ich den Zusammenhang: Das Tier ist durch das Loch der Wand in den Waschraum, und von da durch die Tür, die ich nicht wieder zugemacht hatte, in mein Zimmer gekommen, wo sie durch das Be- dürfnis nach Wärme von meinem Bett angezogen worden ist. Meine rasche Bewegung hatte sie munter gemacht und gereizt. An dem Feuer ihrer Augen, an dem heftigen Zucken ihrer Zunge er- kenne ich ihren steigenden Zorn, und da sich auf ihrem Kopfe eine helmartige Anschwellung bemerkbar macht, wird es mir klar, daß die schrecklichst« der Schlangen, die giftigs Kobra, sich auf mir niedergelassen hat. Meine plötzlich« Unbeweglichkeit besänftigt sie. Ihre Zunge wird ruhiger, ihre Augen weniger glänzend, ihr Zischen Hort auf, und der Helm verschwindet. Ich fühle mich von einem Lerantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u.Verlag: kalten Schweiß bedeckt und ksiüge Eeder die leiseste Bewegung zv machen, noch um Hilfe zu rufen. Bei der geringsten Bewegung würde mich die Kobra beißen, und gegen ihr Gift gibt eS kein Heilmittel. Ich muß also ruhig ausharren, bis sie sich bei den einfallenden Lichtstrahlen des neuen Morgens erhebt, um für den folgenden Tag eine dunkle Zufluchtsstätte zu suchen. Sie ist wieder eingeschlafen, und ich bleibe in meiner Angst, ohne nur ein Glied zu rühren. Die Last, die auf meiner Brust liegt, und der abscheuliche Geruch der Schlange peinigen mich entsetzlich. Eine Stunde mochte vergangen sein, die mir zur Ewigkeit wurde; da höre ich plötzlich meine Tür gehen. Ein Mann schleicht herein und mach! sich mit meinem Gepäck zu schaffen. Dann erhebt er sich Wied«: und nähert sich meinem Bett. Er besaß nur einen Dolch, den er zwischen seinen Zähnen hielt; sein ganzer nackter Körper aber war vom Kopf bis zu den Fußen mit Oel gesalbt. Es war ein irt&ischer Dieb, der diese Nacht zum Stehlen ausersehen, sich deshalb seiner Kleider entledigt und seinen Körper eingefettet hatte, um so leichter den Händen entgleiten zu können, die ihn etwa aufzuhalten ver- suchen würden. Der Glanz der über mein Lager gebreiteten Decke reizt die Begehrlichkeit des Diebes. Er will sie wegnehmen, und um sich ihrer schneller zu bemächtigen, ergreift er sie an beiden Enden. Dabei berührt er mit der Hand die giftige Schlange, die sich augenblicklich mit Blitzesschnelle' emporrichtet und ihn in die Wange beißt. Mit einem Hieb seiner Waffe haut er ihr den Kopf ab. dann prüst er sie, und als er sich überzeugt, daß eS eine Kobraschlange ist, die ihm ihr Gift eingeflößt hat, setzt er sich mit stummer Ergebung zur Erde, in dem Bewußtsein, daß er nur noch einige Augenblicke zu leben hat. Auf mein Rufen kamen die Leute aus der Herberge herber und stürzten sich auf den Dieb; doch dieser versuchte sich nicht zu verteidigen; er empfand schon die Wirkung des tödlichen Giftes und verschied bereits nach einigen Sekunden tu der Seife des schrecklichen Tieres, von dem er mich befreit hatte." Man findet Schlangen häufig an Orten, wo man sie allem Anscheine nach am wenigsten vermuten sollte. Eine europäische Dame berührte einmal mit der Hand eine lebende Kobra, als sie irgendeinen Rippesgegenstand von ibrem Kamin nehmen wollte; das Reptil lag ruhig hinter einer Stutzuhr an der Wand, und wie es dort hinkam, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. Ein Re- gierungsbeamter hatte eine der im Lande verfertigten hölzernen Fallen für Ratten aufgestellt und eine Kobra darin gefangen, zum großen Entsetzen seines Hauslehrers. Ein englischer Offizier wollte einst seinen Federhut zur Galauniform aufsetzen und fand. als er den Deckel der Hutschachtel öffnete, eine fast armlange Kobra darin. Noch merkwürdiger aber ging es einer Dame, die vor einigen Jahren in einem Bungalo auf einer Station eine kleine Schlange auf dem Tisch in ihrem Salon liegen sah. Diese war von einer kleinen giftigen Art und lag unter einem Kinder- lnlderbuche. Als die Dame das Buch hinwegnahm, wurde sie ge- bissen, erkrankte unter heftigen Schmerzen, genaß aber wieder. Man behauptet, Schlangen vermeiden die Annäherung an ein offenes Licht oder eine Flamme irgendwelcher Art. Dies ist jedoch ein Irrtum, wie ein ariderer Europäer mehr als einmal entdeckt hat, und zwar beinahe mit Lebensgefahr. Er bemerkte bei einer Gelegenheit rund um die auf dem Fußboden seines Ankleide» znnmers stehende Oellampe herum einen dunklen Kreis, wie wen« jemand Oel auf der hellen Matte verschüttet habe. Er toar schon im Begriff, sich zu bücken und mit der Kerze hinzuleuchten, die er in der Hand trug, um den dunklen Fleck genau zu inspizieren, als dieser ans eine Viertelspanne Entfernung an seinen nackten Füßen vorüberkroch. Es war eine 9V Zentimeter lange schwarze Schlange. die sogenannte bahra samp, d. i. die taube Otter. klsines feinUewn. Medizinisches. Di« Kenntnis der Mosquitogefabr vor siebzig Jahren. Die Rolle der MoSquitoS als lleberträger schwerer Infektionskrankheiten wie des Gelben Fiebers, der Malaria usw. ist nicht erst in jüngster Zeit, wie allgemein angenommen wirb. entdeckt, sondern eigentlich nur wiederentdeckt worden. Nach dem„British Medical Journal" hat Louis Daniel Bcaupertbuy (geb. in Guadeloupe 1808) schon im Jahre 1383 darauf hingewiesen, daß das Gelbe Fieber an sich keine aickteckende Krankheit sei, sondern daß die Mosqniws den Krankheitsstoff, der dem Schlangen- gift verwandt sei, aus der Haut der Kranken auf- nehmen und durch ihre Stichs weitergeben. Auch die Uebertragrmg des Wechselfiebers auf demselben Wege wurde von ihm behauptet. Er sprach in bestimmter Förrn aus, daß den Sumpf- gegeuden als solchen keine gesundheitsschädlichen Eigenschaften inne- wohnten, da die Sümpfe nur Feuchtigkeit und geringe Mengen ganz unschädlicher Gase au die Lufl abgeben, die keinerlei Krankheit er- zeugen könnten und daher auch nicht an den schlechten GesundheitS- Verhältnissen der äquatorialen und subtropischen Gegenden schuld trügen. Auch die Fäulnis des Wassers käme nicht in Betracht, sonder» eben nur die Anwesenheit der MoSquitoS. veauperthuy hat auch an die Pariser Akademie der Wissenschaften verschiedene Berichte gesandt, ans denen hervorgeht, daß er schon im Jahre 1339 die Mosquitos als Fieberüberträger erkannt hatte. Vorwärts Buchdruiferei mVerlsüsavstalt Paul Emaer chCo..Berlin SUiT