Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 67. Freitage den 3. April. 1903 lNachdmck verboten.) *] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. Auf anderen Wegen schwärmten andere Herzen, und nach den drei Grazien zu urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge durchaus nicht zu miß» fallen: sie verfielen wenigstens aus einer zeitweiligen ent- rüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und träu- mendes Hinschlendern: aber sei es nun. daß irgendwo ein Jüngling dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges Herz befand— eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem franzö- fischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und nannte die ritterlichen Präparanden„grüne Jungen". Man war sich sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei. Am fol- genden Tage dachte man milder über die Sache: man be- durfte ja der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen für möglich, daß die Eltern sich von der Auffassung des Direktors nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloß man, die unquali- fizierbare Aeußerung des Direktors auf dessen preußische Un» bildung zurückzuführen und ihn zu verachten. Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu be- zwingen. Der Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die Wandtafel einen Pfahl, der einen preußischen Adler trug, und dazu eine Kanone, die sich gegen das fliigelspreizende Wappentier entlud. Der Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweißen Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur Klasse:„Da können Se lange schießen, bis Se den runterkriegen..." und wandte sich seinen Geschäften zu. Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt be- ginnt eine neue Epoche der Wissenschaft. Und Herr Roth- grün begann, Geschichtszahlen zu repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mußte die Zahl nennen: Amenemha III.?" 2200." „Vertreibung der Hyksos?" „1S80." „Durch wen?" „Durch Thutmosis." „Amenophis?" „1500." Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und d'er Schüler das geschichtliche Faktum, was genau ebenso bildend und inter- essarit war. So ging es die ganze Stunde hindurch: denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr Rothgrün nicht, weil er heute nichts wußte. „Er war wieder mal nicht präpariert", sagten die Prä- paranden, als er fort war. In der nächsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach effektvollem Eintritt und imperatorcnhafter Besteigung des Katheders von neuem: „Pbul?" „770." „Tiglat Pilesar?" „740." Und so fort über Acgypter. Phönizier, Israeliten, Meder, Perser, Griechen und Römer bis zu den Franken und Mero- wingern. Wer die Zahl wußte, war gescheit, wer sie nicht wußte, dumm. Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward eS abgemacht: Wenn er die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer er- innerte, die ihm einmal mißfallen hatten. Asmus und einige andere waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei „unmännlich". Man solle eine Abordnung zu Herrn Roth- grün schicken und sich über seinen Unterricht beschweren. „Ja, willst Du das tun?" riefen einige höhnend. „Ich gehe mit", sagte Asmus. Aber die anderen wollten nicht, und da sagte Asmus:„Allein will ich auch nicht." „Sems'er will artig Kind spielen", spottete einer. „Du bist ein Esel!" rief Asmus.„Trampeln tu ich nicht. Aber die Folgen trage ich natürlich mit." 3. Kapitel. (Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen Augen zum Arzt mußte.) Die nächste Gcschichtsswnde erschien, und Herr Rothgrün begann:„Tiglat Pilesar?" „740", sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die Klasse, das wie grollender Donner klang. � Herr Rothgrün wurde weiß. „Was soll das?" rief er. Keine Antwort. „Was soll das heißen?" Eisiges Schweigen. „Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und. zu sagen, was das bedeuten soll?" schrie der Lehrer. Niemand rührte sich. „Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu melden, daß ich durch ein unerklärliches Ge- räusch im Unterricht gestört nwrden bin." Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Mel- dung: denn er wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze:„Unterrickstet nur gut: dann kommt der Respekt der Schüler von selbst." Auch erklärte sich Herr Roth- grün das„unerklärliche Geräusch" sehr schnell und richtig: er begann sofort zu erzählen: diesmal erzählte er freilich.noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich: denn wenn er wollte, so konnte er's vielleicht am besten von» allen Lehrern der Anstalt. Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte,— er glaubte die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner„Faust"-Lektllre wußte er sehr wohl: „Die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. WaS ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, Darin die Zeiten sich bespiegeln." und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte man von all dew Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, fühlten, be- absichtigtcn und wünschten, und davon hörte man so gut wie nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnen- strahl in eine Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß man aus der Ge» schichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbcsicdeltes deutsches Land, indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da könig- liche Väter büßend vor unstMürlichen Söhnen knieten und lange Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen. bekannten, und das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum JSSgenfelb"*. Dann ga? eB eine IciNsie'Zeit, Seren Angesicht tn die bunte Glut des Ostens schaute und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten Novembertag; dann kam ein Jahr- hundert, das lag verborgen unter den Brand- und Mutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften Poltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger Professors zu streiten. So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden, und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur Wissensckxlft. Die rohe, un- verdauliche Masse der Tatsachen, wie sie Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang cr jedes Wort, fast eh' es der Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit fliegender Feder zwanzig, dreißig Ouartseiten voll, und wohl zehnmal mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts. Und etwas Größeres begrifj er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber eine Sache ganz wissen, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns um- geben, ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der„Systematischen Pädagogik" das„mm multa sed multnm"(nicht vielerlei von allem, sondern viel von einem) bis zum Ekel wiederkäuen mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und niemals befolgte. Das und manches andere im heiligen Tempel des Prä- parandeums war nun wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die gefürchtetsten waren die Zeichen- stunden, die in einer weit entlegenen Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie sogar den .Charakter verdarben. Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst der kümmerliche Zeichen- Unterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack ein dreiseitiges Prisma von Holz v.or. Asmus zeichnete willig den Holzklotz und tvartete die Wieder- kunft des Lehrers ab. Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche.(Bis dahin hatte es auf einer Grundfläche ge- standen.) Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den Lehrer. Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere Seitenfläche. Asmus dachte: Aller Anfang ist ode, und zeichnete den Klotz zum dritten Male. Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges aus- zusetzen und legte dann den Klotz auf die große Seiten- fläche. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) 171 Proletarier. Von Christen Bundgaard. Aber langsam schreitet die Zeit, und niemand kann das Kommende abwenden. Es kommt der Abend, ehe man es er- wartet, denn der Regen läßt es früh dunkel werden. Und bei dem ersten Laut von den Schritten der Leute auf dem Flur kommt die Frau aus der Flurtür und winkt ihnen, herein- zukommen. Und bald darauf gehen sie beide wie zwei große Schatten hinter den Gebäuden umher, der Plann mit einer Laterne unter seinem weiten Rock. Sie gehen nicht gleich in die Holzkammer, trotzdem sie alle beide sehen, daß es da ist. Aber wenn sie in irgend einem Raum gewesen sind, sehen sie dort hinüber— und gehen dann doch wo anders hin. Bis es keinen Sinn mehr hat, noch länger an diesen Orten zu suchen. Dann gehen sie beide, ohne daß einer den anderen zum Mitgehen aufzufordern braucht, auf den Boden, von dem sich ihre Gedanken die ganze Zeit nicht entfernt hatten. Und da sehen sie dann, was sie schon längst gesehen haben — die winzig kleine starre zerschlagene Leiche. Da gehen sie schnell herunter— einer will schneller sein als der andere. Und während der Mann hineingeht, soll der Knecht den Schulzen holen. Der Schulze nimmt einen Mann mit und befiehlt seinem Knecht, ihm bald mit dem Federwagen nachzukommen. In Niels Kroghs Stube stehen alle diese Leute und sprechen leise miteinander. Wenn sie sich ansehen, machen sie seltsame Gesichter, und ihre Blicke sind scheu. Als wenn hinter ihrem schlaffen und alltäglichen Verständnis etwas aufdämmerte wie eine be- ängstigende Ahnung von der Tiefe des Menscheninnern. Eine Furcht davor, was dort unten an Wahnsinn und Verzweiflung gebunden liegt. Als würde plötzlich über ihre einfache Lebensführung ein Schlagschatten aus dem düsteren Hinter- gründe des Lebens geworfen. Unsicher kommen die Worte, und ein Zittern streift die groben Hände, nicht zum wenigsten die Hände dessen, der das Laken nehmen muß, das die Frau hervorgeholt hat. Damit gehen sie hinaus— sie gehen alle, um zeugen zu können. Und als sie wieder hineinkommen, befindet sich etwas in dem weißen Laken, das auf das Ende der Bank gelegt wird. Ein paar Nachbarfrauen sind inzwischen dazugekommen, denn es ist ja bekannt geworden, und wenn sie sich an Ingers Stelle versetzen, so können sie wohl begreifen, daß man in solcher Lage nicht gern allein ist. Andächtig und bekümmert sitzen sie da und hören Ingers nervöse Berichte und Vermutungen mit an. Aber all das Unbehagen, das dem Laken dort an der Wand entsteigt, kriecht von einem zum anderen und läßt den Wortstrom der Weiber in einem Schauder enden. Nun ist noch das mit dem Mädchen zu ordnen, dem un- glücklichen Menschen. Sie drücken sich darum, sie sehen ein- ander an. Sie muß geholt werden. Inger geht also hinaus und ruft sie. Sie hören sie kommen— sie blicken zur Tür. Sie schwankt ins Zimmer herein unter dem Druck des- selben Unbehagens, das in dem Starren dieser zwanzig Augen und unter dem betäubenden unheilverkünidenden Schweigen glimmt, das wie dumpfe Stöße ihr Gehirn durchdringt. Sie weiß wohl, was diese Menschen wollen. Sie brauchen nichts zu sagen. Sie hat es schon längst gewußt. Und ohne daß jemand gefragt hätte, beginnt sie zu antworten. Aber sie weiß nichts von ihrer Stimme, bald ist sie unhörbar und bald unnatürlich laut. Und sie leugnet eifriger all dem gegen- über, dessen sie die schweigenden Menschen zu beschuldigen scheinen. Leugnet ganz sinnlos und allen Tatsachen zum Trotz. Da ist etwas, dort am anderen Ende der Stube, das ihren Blick anzieht, und es hat den Anschein, als ob sie ihr Leugnen dagegen richte— als ob es das ist, wogegen sie sich wehrt. Was soll das weiße Bündel da? Einer der zunächst Sitzenden zieht den Zipfel zur Seite, und alle sehen des Kindes zerschmetterte Beine und seinen blutbespritzten Rücken. Es ging ein Schrei durchs Zimmer. Die Männer erhoben sich; aber eine Wildheit ergriff die Weiber, und sie scharrten auf dem Tisch mit hornigen Nägeln und sie schrien über sie, die zusammengestinken an der Bank lag:„Das Zurenstüc?,?aZ Vieh, KaZ Lre'ckige Aas!!" Sie drohten und verwünschten und weinten, und sie gebürdeten sich ohne Sinn und Verstand für irgendetwas, denn sie hatten keine Herrschaft mehr über ihre Nerven� » Als sie endlich wieder ein wenig zu Verstand gekommen waren, begannen sie das Mädchen aufzuheben. Der Orts- schütze ging nach Hause, um sich einen Mantel umzubinden: er und Niels Krogh mußten in den Wagen mit, der sie heute abend noch zur Stadt fuhr. Es durfte nicht die Nacht über aufgeschoben werden. Wer konnte in einer solchen Nacht schlafen, und wer konnte die Verantwortung dafür über- nehmen, was möglicherweise passierte? Erst wenn alles der Hand der Gerechtigkeit übergeben war, konnte der Schrecken beginnen, seine Schwingen von dem Orte zu heben. „Wer will die Mutter holen?" fragten die Frauen ein- ander.„Oder willst Du selbst hinübergehen? Dann können wir ja mitgehen." Das wollte sie. „Oh, Mutter, Mutter! Ich babe ja nur Dich! Dich allein!— Was soll daraus werden!" Aber drüben in dem kleinen Hanse in der stillen Stube, wo die Lampe brannte, ging ihre Mutter bei ihrer ruhigen Arbeit umher und hatte keine Ahnung, daß draußen in der Tnnkecheit das Unglück auf ihre erleuchteten Fensterscheiben zuschritt. Trat es nicht auf das Pflaster?— Und was war das für ein Tasten an der Tür? Eine halbe Stunde später konnte man einen Wagen aus dem Hause des Schniiede-Jens abfahren hören. Und hinter dem Wagen folgte einsam eine alte arme Mutter. Auf die Landstraße hinuntergekommcn fuhr der Wagen im Trab. Aber sie folgte ihm aus dem Dorfe, auf das Feld hinaus, wo Wege und Stege sich wirr nach allen Richtungen kreuzten. „Lebwohl, Mutter", hörte sie es aus weiter Ferne rufen, wie von jemand, den sie nie wiedersehen sollte. „Lebwohl I" schluchzte ihre alte Stimme laut und ge- krochen in die Nacht hinaus. Und sie eilte weiter, so eilig, daß sie stolperte. Sie eilte dem Wagen nach, den sie nicht mehr sehen konnte, bis auch das Geräusch vom Rollen der Räder weit, weit draußen erstarb. Da stand sie still auf dem einsamen Wege. Stand lange, ge- beugt und lauschend. Nnn war nichts mehr übrig von allem, waS sie in ihrem armen Leben geliebt und wofür sie gelebt hatte. Sie war einsam wie nie zuvor. Wie ein verirrtes und fremdes Tier auf dem Felde: denn der Flecken, für den sie mit all ihrer schwachen Kraft gelitten und gestritten hatte, um ihn zu einem Heim zu machen für die, die sie lieb hatte, war niedergetreten und verwüstet.--- „Oh, mein Kind, hätte ich Dich getötet, als Du geboren wurdest und all das Leid auf mich genommen. Aber wieviel Glück hast Du mir nicht aus Deinem warmen Herzchen ge- schenkt! Und nun ist auch das zerschmettert von Kummer und Bitternis! Und mein Junge, der draußen in der kalten Welt herumirrt. Oh, meine Kinder, meine Kinder! Kommt zu mir. Kommt in meine Arme. Kommt zu Eurer alten Mutter, daß sie Euch wärmen kann!" (Schluß folgt.) Oer Gartenc Hauptpflanzung gemacht. Um dauernd Erbsen zu haben, legen wir von jetzt bis in den Juni hinein immer in Zwischenräumen von 2— 3 Wochen ein neues kleines Beet an, ähnlich verfahren wir mit Karotten. Die letzte Saat dieses beliebten Wurzelgemüses wird gleichfalls im Juni ge- macht. Die aus ihr hervorgehenden Pflanzen können wir draußen im Freien lassen, wenn wir den Boden, nachdem er oberflächlich gefroren, tüchtig mit Laub decken und dadurch einen sicheren Frost- schütz bieten. Im Winter nimmt man dann die Wurzeln je nach Bedarf aus. Eines der wichtigsten Gemüse ist der Spinat. Die Herbstsaat liefert uns das erste grüne Gemüse int zeitigen Frühling, dann wachen wir mehrere Aussaaten in diesem und im nächsten Monat, die uns bis in den Vorsommer Ertrag liefern. Für den Hoch- sommcr taugt der gewöhnliche Spinat nicht, da er ebenso wte der Kopssalat bei Hitze rasch schießt und wertlos wird. Im Hochsommer ersetzt man ihn durch den sogenannten neuseeländischen Spinal, der sehr üppig wächst, im Herbst ausgesät wird und erst lm Früh- jähr keimt. Den gewöhnlichen Kopfsalat vertritt vom September ab die Sommercndivie und von da ab die Winterendivie, eine sehr krausblätterige Pflanze, deren Blattköpfe nach vollständiger Ent- Wickelung nach und nach mit einem Bastfaden zusammengebunden werden und dadurch innerhalb von zwei bis drei Wochen im Innern bleichen; sie sind gebleicht goldgelb und sehr schmackhaft. Diese. Winterendivien lassen sich mit den Wurzeln im Keller oder draußen in Erdgruben eingeschlagen, sehr gut überwintern. Zu den Ge- müscn, die aus einer Gärtnerei beschafft werden müssen, wenn sie sich rechtzeitig entwickeln sollen, gehören des ferneren noch Tomaten. die man Mitte Mai pflanzt, Breitlauch, der anfangs Mai gepflanzt wird, und Knollensellerie, dessen beste Pflanzzeit Anfang Juni ist. Tomaten bringen, wenn man sie im Garten selbst aus Samen heranziehen will, überhaupt keine reifen Früchte mehr, da unser Sommer für ihre Entwickelung zu kurz ist. Breitlauch und Sellerie erlangen, wenn selbst im Freien herangezogen, höchstens "noch jene Stärke, die ihre Verwendung als Suppengrün zuläßt. Hd. kleines Feuilleton. Technisches. Marconi über seine transatlantische Tele- g r a p h i e. Noch sind nicht zwei Jahrzehnte verflossen, seit Marconi zum erstenmal über einen trennenden Meeresarm hin- weg eine drahtlose telegraphische Verständigung zwischen England und Frankreich erzielte, aber diese kurze Zeitspanne hat erstaun- liche Leistungen gezeitigt. Wenn die Geschichte der Marconischen Entdeckung auch nur kurz ist. so drängt sich in ihr doch eine Fülle kultureller Arbeit zusammen, die jetzt schon zur regelmäßigen Ucbcrbrückung der ungeheuren Entfernung zwischen der Alten und Neuen Welt geführt hat. Marconi hat vor wenigen Tagen in einem Vortrage in der Londoner Royal Institution die einzelnen Etappen dieser Arbeit beleuchtet. Er sprach zunächst von den Be- fürchtungen zu Beginn seiner Versuche, die er durch die Krümmung der Erdoberfläche behindert glaubte. Doch lehrten die Erfahrungen, die bei dem Verkehr zwischen St. Catherine Point, der Südspitze der Insel Wight, und Kap Lizard, der Südspitze von Cornwall, im Jahre I8g9 aus eine Entfernung von 3vY Kilometer gemacht wurden, daß diese Krümmung kein wesentliches Hindernis dar- stellte. Auch gelang es, die Verbindung mit dem verhältnismäßig geringen Energieaufwand von ISO Watt herzustellen. Durch diese Erfolge ermutigt, begann Marconi den Bau der beiden großen Stationen Poldhu in Cornwallis und Cape Cod bei Boston io Amerika. Der maßgebende Gedanke hierbei war. daß es ungeachtet der hohen Anlagckosten wirtschaftlich bedeutend vorteilhafter schien. einen amerikanischen Betrieb mit einer Werttaxe von 6 Pence inS Leben zu rufen, als zum Preise von Vi Penny den Verkehr über den Aermelkanal zu vermitteln. Es liegt im Wesen der drahtlosen Telegraphie, daß sie sich im Gegensatz zu den gewöhnlichen Tele- graphen- und Kabelverbindungen um so ökonomischer gestaltet, je größere Entfernungen sie überbrückt. Die mächtige Station in Poldhu begann ihre transatlantischen Versuche mit Hülfe des amerikanischen Linienschiffes.Philadelphia". ES ergab sich, daß noch auf eine Entfernung von über LAX) Kilometer lesbare Depeschen aufgenommen werden konnten, während einzelne Zeichen auf mehr als 3