Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 73. Sonnabend, den 11. April. 1903 (Nachdruck verboten.) »I Semper der JUngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. „Warum reden wir eigentlich nichts?" sagte Asmus endlich. „Hm." machte Herrig,„weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe nach und nach alle Deine Anschauungen angenommen." Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt feststellte. Er hatte recht: das innere Freund- schastsverhältnis war eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein Zweifel- hafter Reichtum gewesen. Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit fich herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines kalten, blaßhaarigcn Freundes hinüberzu- leiten. Sie wollten cm den herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand. Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach einigen Briefen mußten sie's abermals aufgeben. Nun studierten sie Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische Autoren lasen sie? wenn sie ihnen lateinisch zw schwer waren, dann in Uebersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung. „Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp I" rief Herrig eines Abends aus. Das ärgerte Asmus und er versetzte. „Und Dein Sueton ist ein altes Waschweib." Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das Frcundschaftsverhälwis? bald aber sollte es trotzdem für immer erkalten. John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen einkehrten, um zu ihrem mit- genommenen Frühstück ein Glas Bier zu trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater er- haltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich näm- lich: Wenn er Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren? wenn er kcins hat, versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus erwischte hin und wieder Privat- stunden, die mit 50 Pf. bezahlt wurden. Und wenn sie zurückkehrend, hungrig, durstig und müde von der Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich, den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu lassen, und er sagte:„Komm mit und iß mit mir? meine Mutter wird wobl soviel haben." Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, dar- unter fiir fünf Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie, die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war,„daß sie den Flicken eines Flickens flickte", und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt, der Schneider, ausrief:„Das ist so schön gemacht, daß ich es nicht besser machen kann!"— sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einn Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen,— sie strahlte von Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig einhieb. DaS war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt, unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer Mahlzeit als Freund das Scmperische Haus betrat, der wurde an den Tisch gebeten, das war eine Ueberliesenmg von Semperischen Urvätern her. Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan. dieser Herrig, doch Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich zu„revanchieren". Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte:„Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen." Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig. Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat, fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte Herrig: „Abend— Abendbrot hast Du wohl schon gegessen?" „Ja." sagte Asmus,„Adieu!" Und nun war er sich klar über lFohn Herrig. Er hatte vorläufig kein Glück mit den„Freunden" unter seinen Studiengenossen. 10. Kapitel. (Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Tasso und Petrarca. Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige Bekanntschaft). Ob er den Freund in seinem andern Muhospitanten, jenem Jüngling mit der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl? aber er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempera die Hand gab, drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen, und hatte den sehn- lichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom Spezialitäten- theater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er, daß er als Schulineister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal tüchtig in die Franzosen einHauen können. Er hatte als Knabe jenen Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise heraus- zustreichen? aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu? Asmus hingegen war überzeugter Tyranncnmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte auf sein Feind zu sein, sobald er litt? aber so sehr er Cäsarn bewunderte und liebte, an den Iben des März und bei Philippi hatte er's mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Har- modius und Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrcnmacher den ersten Wilhelm kaum anders als„Kartätschenprinz" hatte nennen hören, hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders? aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund, gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tvrannen seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und Freiheit zu geben,- und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der Notwendigkeit steherk und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen, bis ihm j diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstundcn des Herrn j Stahiner hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Ver- 1 kettung der Tinge in ihm erweckt? aber dieser Unterricht war I zur kurz gewesen und hätte wohl auch, wenn er länger ge- währt, aus den jungen Keimen einer Jünglingsseele— einer ! Kindessecle fast— keine Bäume machen können. Die Geistes- ! kräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu ! geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen: dieser gab eS sogar vollständig auf, zu streitm, weil Claus Münz immer nur muskulöse Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert, jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel eines Galeerensträflings. Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht der- sicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages ..die bezauberte Rose" von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon an, folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte mache,„wunderbare, großartige Gedichte!" Und nun, wenn die Schule vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron, und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen! Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am Musenhof zur Ferrara oder Avignon. sFortsetzung folgt.) (Nachdruck verbot«»» Der f)err von Kaarnajarvi. Von Juhani Aho. Aus dem Finnischen übersetzt von Laura Feil. (Fortsetzung.) „Ha, ha, ha, ha! Herr Obmann? Das nennt sich Obmann! Mit demselben Recht könnte jeder Vagabund ein Obmann sein! Da sitzt er und blättert in einemfort in seinen Papieren herum, ohne selbst zu wissen, was er darin sucht... Ja, Herr Obmann, Ihr seid auch ein feiner Hecht! Alle Eure Kühe laßt Ihr im Winter krepieren, an der Dysenterie zugrunde gehen. Meine Kühe krepieren nicht! Ich mächt' nur wissen, wie Ihr dabei Eure Milchwirtschaft noch weiter betreiben könnt. Wieso dünkt Ihr Euch mehr als andere? Ihr seid nicht mehr und nicht weniger als ein armseliger Negierungslostgänger, ein ordinärer Bauer, ein Einlieger, ein verabschiedeter Feldwebel, ein armer Schlucker, der..." „Herr Hellman, wenn Sie nicht augenblicklich still sind und sich nicht sofort von hier trollen, lasse ich Sie einfach beim Kragen packen und hinauswerfen!" versetzte der Hauptmann auf schwedisch. „Sprecht finnisch mit mir, verstanden! Ich habe keine Ge» Heimnisse mit Euch! Mögen Euch nur die anderen hören; auch jene Bauerntölpel draußen mögen es hören, was Ihr mir zu sagen habt!... Mich hinauswerfen?! Kommt nur heran und versucht's einmal! Das wäre doch! Ha, ha, ha! Ich nchm's mit Euch allen noch jederzeit auf! Wagt's nur. Euch zu rühren und Ihr fliegt ohne weiteres zum Fenster hinaus, unter die Hufe meiner Pferde, alle miteinander! Wofür haltet Ihr Euch denn eigentlich, he? Sagt'S nur dreist! Oder soll ich's Euch sagen? Ihr seid alle miteinander die größten Schufte, Narren, die miserabelsten Schmarotzer der ganzen Gemeinde, Bettler, Lumpensammler, die in dem herum- schnüffeln, was andere wegwerfen! Ihr habt überhaupt keine Idee davon, was Reichtum ist, habt weder davon gehört, noch jemals etwas davon gesehen und erst einen Begriff davon bekommen, seit ich hier bin... Jawohl, ich bin ein reicher Mann! Ich, ich habe weit mehr, als Ihr ahnt! Bah! Auf siebentausend Mark taxiert Ihr mein Einkommen? Was sind siebentausend Mark für mich? Eine Bagatelle. Ich hätte mich geschämt, mich so gering einzu- schätzen, wenn ich mich selbst eingeschätzt hätte... wahrhastig, ich hätte mich geschämt!... Taxiert mich ruhig auf zehntausend, weil Ihr gerade dabei seid, nein, auf hunderttausend oder zweimal- bunderttausend, wie es Euch beliebt!... Da, schreib's in Euer Buch ein, Herr Obniann. Setzt Euch nur wieder auf Euren Sitz nieder und notiert es auf dieselbe Seite, wo Ihr die siebentausend notiert habt! Und hier meine Handschuhe, die gebe ich Euch noch d'rauf! Da— nehmt sie und versetzt sie meinetwegen, wenn Ihr wollt. Ha, ha!" „Konstabler, schließen Sie die Tür!" „Die Tür bleibt offen, sage ich! Hier soll mcht bei geschlossenen Türen verhandelt werden... UebrigenS w«»be ich mich bald empfehlen, ich will mir nur noch den Pelz überwerfen. Halt, wo habe ich meinen Kautabak? Daß ich es nicht vergesse!... Pfuh, dort klebt er an der Wand, dort über Eurem Ohr, Amtmann. Nehmt ihn d«rt fort und steckt ihn in den Mund. Steckt ihn in den Mund, sage ich, er schmeckt fein und süß... Und jetzt mag die wohllöbliche Behörde getrost nach Hause gÄhen. Vergeßt nur sa Eure Pfeifenstümpfe nicht mitzunehmen! Und richtig! Fügt nur noch zu Hellmans Steuermemorandum bei:„Auch seine zwei langen Pfeifen sind in die Schätzung noch mit einzubeziehen..«• Das macht auch noch ein hübsches Sümmchen aus, hä, hä, hä!" „Schmeißt ihn hinaus!" „Ha, ha. ha, ha! Wenn i ch nicht von selbst gehe, Ihr werdet mich nicht hinausbringen! Aber jetzt will ich gehen, für den Moment habe ich Euch nichts mehr zu sagen. Vielleicht ein anderes» mal mehr!... Adieu!" Schäumend vor Wut stürzte er zur Türe hinaus und stiefj die in der Vorhalle Versammelten rücksichtslos beiseite. „Hierher mit dem Schlitten!" rief er seinem Burschen von der Treppe aus, die Hände in die Hüften stemmend, zu.„Hierher, dicht vor die Stufen, hörst Du? Ein Mann, der auf siebentausend Mark eingeschätzt worden ist, braucht sich nicht den Fuß naß zu machen!" Er warf sich mit der ganzen Körperschwere in das Gefährt, daß es krachte. „Spring' hinten auf, Pulkkinen, und rasch davon, Olli!" Das Pferd zog an, und fort ging's im Galopp. „Ergebenster Diener!" rief Hellman den am Fenster nach» schauenden Beamten zu, und seine Mütze vom Kopfe reißend, schwang er sie hinter sich immer und immer wieder in weitem Halbkreise, so daß sie bald hoch in den Lüften schwebte, bald den Boden zu berühren schien. Erst als das Gemeindehaus ganz seinem Gesichtskreise ent» schwunden war, drückte er die Pelzmütze tief in die Stirn hinein und setzte sich bequem im Schlitten zurecht. Er strahlte vor innerer Beftiedigung, und Wenn er auch nicht gerade laut auflachte, so verriet sich seme gute Laune durch ein behagliches Grinsen. „Ha, ha, ha! Das wird denen noch lange in den Ohren liegen, was Pulkkinen? Hast Du gehört, wie ich es ihnen gegeben habe?" Pulkkinen balanzierte auf seinem schmalen Rücksitze von der einen auf die andere Seite und hatte bei der sausenden Fahrt a>e Mühe, sein Gleichgewicht zu bewahren. „Sprich, Pulkkinen, hast Du's gehört?... Komm', setz' Dich da neben mich in die Ecke. Nicht wahr, Du hast's gehört, Wie ich eS ihnen gegeben habe?" „Ja, ich hab's gehört; Sie haben ihnen ordentlich die Leviten gelesen, meiner Seele. Mir wär' die Schamröte ins Gesicht ge» stiegen, wenn man mir nur halb soviel gesagt hätte." „Das glaub' ich... Hast Du Dir ihre Gesichter angeschaut» ja?" „O, der Amtmann schnitt eine jämmerliche Miene." „Wohl wie ich ihm meinen Tabak übers Ohr weg spuckte?" „Ja, gerad' in dem Moment." Hellman rief sich diese Heldentat mit besonderem Behagen ins Gedächtnis zurück und so noch vieles, was er gesagt hatte. Und dazu lachte er wieder und immer wieder und richtete immer neue Fragen an Pulkkinen. „Ha, ha, ha, ha! Die bekamen es gut zu hören! Ha. ha, ha, ha! Ich Hab' mir kein Blatt vor den Mund genommen, nicht? Ich hab's ihnen zu verstehen gegeben, wie man über sie denkt, wie? Und sie verdienten es auch. Haben sie meinen Tabak von der Erde aufgehoben? Sag' mir, haben sie ihn aufgehoben?" „Ich hab's nicht gesehen." „Aber ich weiß es, sie habeni ihn aufgehoben, hi, hi, hi... Sag', hat der Amtmann meinen Tabak in den Mtind gesteckt? Ich will wetten, er saugt jetzt noch daran, hi, hi, hi!" Den ganzen Weg über sprach er von nichts anderem und wurde nicht müde, herzlich darüber zu lachen. Als er zu Hause anlangte, ging er nicht direkt in die Wohnung, sondern blieb noch eine Weile draußen, bis das Pferd ausgespannt war. Jetzt streichelte er es und klopfte ihm zärtlich den Hals. „Olli, gib dem Gaul reichlich Hafer!" befahl er,„er soll soviel fteffen, als er nur mag." Dann rief er Pulkkinen, der den Schlitten in den Schuppen ziehen wollte, zu sich heran: „Komm' mit mir herein, Pulkkinen. Du kannst mit niir ein Schnäpschen trinken. Komm'." „Ich will erst den Schlitten einstellen." „Das hat keine Eile, laß es sein. Olli wird das schon be- sorgen." Aber Pulkkinen ließ sich's dennoch nicht nehmen, erst den Schlitten unterzubringen, und dann tat er noch einen Blick in den Stall hinein. „Meinst Du, daß die dort sich das gefallen lassen werden, ohne den Herrn zu verklagen?" horchte ihn der Stallbursche aus. „Ach, keine Spur! Die Herren müßten rein von Sinnen sein, wenn sie so was ruhig auf sich sitzen ließen." „Na, dann hat er sich aber was Schönes eingebrockt!" „Ja, hundert Mark kann ihn der Spaß kosten, wo nicht einen Taufender? Was glaubst Du denn? Beleidigung von Amts- Personen in öffentlicher Sitzung?... Wenn'S schief geht, muß er vielleicht obendrein noch sitzen." „Hui!" pfiff sich der Stallknecht durch die Finger. S HellmanS gute Laune hielt solange an, daß das Gerücht davon l all seinen Nachbarn drang; eines Morgens suchte sogar die rau«ineS seiner armen Häusler ihren Mann zu bereden, zu ihm zu g«hen und ihn um den Rachlaß der fälligen Jahrespacht zu er» suchen. „Sie sagen," erzählte sie ihrem Manne,„Hellman habe letzthin die Herren von der Gemeinde so heruntergemacht, daß er in der rosigsten Laune von der Welt ist und daher wohl einmal zugänglich sein wird. Geh', Antti, und bitte ihn, uns den Pachtzins diesmal zu erlassen... Du weißt, wir können ihn nicht ausbringen, wir sind ja ohnedies schon über und über verschuldet... Geh' und sieh' dazu, daß Du etwas ausrichtest." „Ach, es ist umsonst!" versetzte Antti.„Erinnerst Du Dich nicht noch daran, wie es im Herbst dem armen Aappo bei Hellman erging?" „Freilich, er fuhr ihn hart an... Aber trotzdem, vcrsuch's doch noch einmal, Antti... vielleicht.. „Na, gut, so will ich gehen.' Antti machte sich in der Tat aus den Weg; aber sein Schritt war schwer und zögernd, und unterwegs machte er noch einmal vor einem benachbarten Hose Halt und setzte sich bedrückt und miß- gestimmt aus eine Bank. Endlich erhob er sich wieder. Er hatte noch quer über die Felder zu gehen, um zum Hause des Gutsbesitzers zu gelangen. Hellman stand in einem kurzen Pelz vor dem Getreidemagazin und schien jemandem, der sich auf dem Oberboden befand. Befehle zuzurufen. Auch der Zugang zu der unteren Kammer war offen, und über den Flur hin konnte man sehen, wie ein Bursche darin gefüllte Getreidesäcke zuknüpfte, wobei er die Hähne zu Hülfe nahm. Ein anderer Mann trug die gebundenen Säcke hinaus zu einem Schlitten, der dicht vor den Stufen des Magazins hielt. „Aha! Er verkauft Getreide... Da wird er hoffentlich bei guter Laune sein," sagte sich Antti. Jetzt wandte sich der Gutsbesitzer wieder seinem Wohnhause zu; doch Antti ging noch nicht divekt an ihn heran, sondern machte erst einen kleinen Abstecher zu dem Magazin hin. Antti warf einen Blick in das Innere des Magazins, in welchem das Korn bis zur Decke aufgestapelt war, und ging dann ebenfalls dem Hause zu. Sorgfältig putzte er sich den Schnee von den Schuhen, bevor er eintrat. „Ich weiß, es wird nicht viel Gutes dabei herauskommen," murmelte er in sich hinein, als er auf die Klinke drückte. Hellman, der sich seines Pelzes entledigt hatte, saß jetzt in Hemdärmeln dg und labte sich an Kaffee und Weißbrot. Auch Pulkkinen, der an der Türe saß, löffelt- gerade in der Schale Kaffee, die ihm eine Magd gebracht hatte. „Was führt denn Euch daher?" fragte der Gutsbesitzer den Eintretenden, doch weniger barsch, als gewöhnlich. Noch hatte Antti seine Bitte gar nicht vorgebracht, als Hellman sich plötzlich auf etwas zu besinnen schien. „A propos, Sinti!" begann er und nahm einen Schluck.„Was ist's denn mit der Pacht heuer, he?... Vergangene Woche hätte sie ja schon bezahlt werden sollen... wie Ihr wißt." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbot«'.) Sakterien. Von Fritz Hansen- Berlin. Jede grundlegende Entdeckung auf dem Gebiete der Krank- heitsforschung bringt in kürzerer oder längerer Zeit, mag sie selbst auch völlig auf theoretisch-wissenschaftlichem Gebiete liegen, eine Umwälzung der Heilmethoden zustande, deren unendlich große, in alle Lebensverhältnisse eingreifende Wichtigkeit es erklärt, wenn der Laie begierig mindestens die Schlngworte der neuen Aera auf- greift. , So ist seit der Mitte der achtziger Jahre der Begriff der Bakterien oder volkstümlicher der„Bazillen"(von ihren bekann- testen Vertretern, den Tuberkel- und Kommabazillen) in weite Volkskreise gedrungen, ohne daß diese im großen und ganzen mehr von diesen Dingen wüßten, als ihren engen Zusammenhang mit diesen oder jenen Krankheiten. Das Volksbewußtscin hat sich in der Wichtigkeit dieser rasch populär gewordenen Entdeckung nicht getäuscht. Mit ihr beginnt tatsächlich eine neue, von allem bisher Bekannten völlig abweichende Einsicht in das Wesen der sogenannten Infektionskrankheiten, und ihre ungeheure allseitig anerkannte Wichtigkeit rechtfertigt ein näheres Eingehen auf den vielgenannten Gegenstand der Entdeckung. An der Hand der zum Teil sehr geistreich ersonncnen Untcrsuchungsniethodcn soll hier ein Bilb Dieses Gebietes entworfen werden. Untersucht man ein Tröpfchen irgendeiner bakterienhaltigen Flüssigkeit, z. B. Tümpelwasser, mit einem Mikroskop, und zwar mit den stärksten, tausend- bis fünfzehnhundertfach wirkenden Ver- größcrungen, so sieht man alÄiald ein Gewirr von verschieden- artigen Körperchen. Da gibt es längliche und kurze, schmale und breite, runde, gewundene und ovale Körperchen, zum Teil wie Hanteln, zum Teil wie Stecknadeln, zum Teil kommaartig geformt, bald in lebhafter zitternder Ortsveränderung, bald langsam sich be- wegend, bald völlig bewegungslos, die einen einzeln, andere in Ketten oder Haufen vereinigt. Keinerlei Organe sind in diesem Zustande an den Körperchen erkennbar. Die ganze Körperform wird anscheinend von einer gleichartigen meist farblosen� durchscheinenden Masse gebildet. Dabei ist ihr« Größe so gering, daß in bakterienreichen Flüssigkeiten Tausende im Gesichtsfelde sichtbar sind; oder in Zahle» ausgedrückt, ihre Länge berechnet sich nach Tausendstel Millimeter oder„Mikron"(ein Tausendstel Millimeter— 1 Mikron). Das sind Bakterien, und zwar unterscheidet man noch ihrer Gestalt längliche, rundliche und gewundene, Stäbchen-, Kugel- und Schraubenbakterien oder entsprechend„Bazillen", Kokken" und„Spirillen". Mehr ist in diesem Zustand nicht von ihnen zu erfahren, und zur weiteren Beobachtung müssen die Bakterien mannigfachen Maßnahmen unterworfen werden. Die Kleinwesen werden zunächst gefärbt. Man verwendet dazu fast ausschließlich die aus dem Teer hergestellten sogenannten Ouilinfarben, deren wissenschaftliche Er» forschung und praktische Verwertung die Welt dem unvergeßlichen A. W. von Hofmann dankt. Diese Farben besitzen die Eigentum« lichkeit, daß sie bei der Färbung von den Bakterien energischer festgehalten werden, als von anderen Körperbestandteilen, so daß man bei geeigneter Behandlung eine isolierte Färbung dieser Kleinwesen erreicht. So sind nun die Bakterien in blauer, roter, violetter Färbung zu sehen, ihre Gestalt und Größe tritt stark hervor, während alles Nichtbakterielle als ungefärbt verschwindet, Bei den allermeisten von ihnen zeigen sich nun gcißelförmige Anhänge des Körpers, die vorher unsichtbaren Werkzeuge der beob» achteten Bewegung. Ferner sieht man bei manchen Bakterien, daß eine rundliche Stelle ihres Körpers ungefärbt geblieben ist, und mit Hülfe später zu besprechender Methoden hat man ermittelt, daß diese Stelle sich als selbständiger Organismus von dem Körper des Bakteriums ablöst, und befähigt ist, aus sich einen neuen Bakterienstaat hervorgehen zu lassen. Diese FortpflanzunaS- form, die sogenannte„Spore", zeichnet sich, sehr zum Leidwesen der Menschen, dadurch aus, daß sie gegen äußerliche schädliche Ein» flüsse, Wärme, Trockenheit, Licht und Chemikalien, erheblich wider» standsfähiger ist als das Bakterium selbst, so daß bei den krankheit- erregenden Bakterien, soweit sie Sporen bilden, besonders die Ver» nichtung der letzteren von Wichtigkeit ist. Die Sporenbildung tritt indessen nur dann ein, wenn unter ungünstigen Umständen da? Fortleben des Bakteriums gefährdet erscheint. Gewöhnlich pflanzen sie sich fort, indem sie über ihr Normalmaß hinauswachsen und dann in zwei Individuen zerfallen, die nun gemeinsam oder ae» trennt weiterleben. Die Sporenbildung ist dagegen ein Mittel, dir Art, auch trotz des Unterganges der gewöhnlichen Lebensform, zu erhalten. Mit Hülfe verschiedener Farbenmethoden, gegen die sich lfle Bakterien verschieden verhalten, ist es möglich gewesen, unter ihnen verschiedene streng geschiedene Arten festzustellen. Im wesentlichen aber hat man gelernt, Bakterien voneinander ihrer Art nach zu unterscheiden, ihre Eigenschaften und besonders ihr Verhältnis zu menschlichen und tierischen Erkrankungen festzu- stellen, seit Robert Koch die Isolierung und künstliche Züchtung der einzelnen Arten durch feine geniale Methode gelungen war. Erst von dieser Zeit an wuroe die Bakterienlehre aus einer Anhäufung von Tatsachen eine eigentliche Wissenschaft. Diese Methode beruht darauf, daß durch eine Zusammensetzung von Gelatine oder ähn- lichen Stoffen mit verschiedenen„Nährsalzen" feste, gewöhnliche» plattenartige Körper gebildet werden, auf" denen und aus deren Kosten die auf sie verpflanzten Bakterien zu leben und sich zu vermehren imstande sind. Diese„Nährböden" werden in der Weise beschickt, daß das Bakteriengemcnge mit Nadeln in möglichster Ver» dünnung auf ihnen ausgeiät wird. Da nun das Verhältnis zwischen Baktcrienmenge und Nährbodenmcnge so gewählt wird, daß verhältnismäßig wenige Bakterien auf einen großen Nähr» boden angewiesen sind, so können die entstehenden Bakterienkolonien sich ungestört voneinander entwickeln und beobachtet werden. Das Verfahren arbeitet mit einer Anzahl von Glasplatten, auf denen die Nährgelatine heiß ausgebreitet wird mit einigen Reagens» röhrchc», wie sie in der Chemie gebraucht werden, einigen Nadeln aus Platindraht und einer Gas- oder Spiritusflamme, und ist dabei so verblüffend einfach und so lückenlos, daß eben diese Ver» einigung die gerechte Bewunderung vor dem genialen Erfinder erzwingt. Beim Einsäen der Bakterien muß vor allem darauf geachtet werden, daß in die anzulegende Kolonie keine anderen Keime gelangen als nur die der zu prüfenden Substanz. Die Nährböden und alle mit ihnen in Berührung kommenden Jnstru- nlcnte, Glasgerätc, Hände müssen daher vorher sorgsam„sterili» sicrt" oder„keimfrei" gemacht, das heißt, di- Instrumente, Glas- schalen, Wattestückchen, Nährböden ausgeglüht resp. ausgekocht, die Hände gründlich desinfiziert werden Dieser Teil des Verfahrens ist deshalb von allgemeinem Interesse, weil er sich bei jeder moderneu Operation, Wundbehandlung usw. in fast derselben Weise vollzieht. Seitdem man erkannt hat, daß die sogen. Wundkrank- heiten: Rose, Starrkrampf, Eiterungen usw. auf der Aerunreini- gung der Wunden mit gewissen Baktericnarten beruhen, ist man peinlich bemüht, nach Möglichkeit alle diese Keime von Wunden fernzuhalten, und hat als das sicherste Verfahren dasjenige gewählt, das der berühmte Bakteriologe zur Reinhaltung seiner Nährböden anwendet. Ja, ein bekannter Berliner Chirurg ist sogar soweit gegangen, die Instrumente zum Teil direkt in Rährgclatine ein- geschmolzen aufzubewahren, um jederzeit über die etwaige Ver» unrcinigung derselben dadurch die Kontrolle ausüben zu können, daß etwa an den Instrumenten haftende Keime sich selber durch Kolonialbildung in der Gelatine verraten. Ist nun unter diesen peinlichen Vorsichtsmaßregeln die Einsämung vollendet, so bleibt der zubereitete Nährboden einige Tage unberührt steh«», entwednl bei gewöhnlicher Zimmertemperatur oder in besonders konstruierten Wärmekästen bei der Temperatur deS menschlichen Körpers. Bald sieht man nun. falls nicht die Bakterien infolge irgendwelcher ungünstiger Umstände zugrunde gegangen sind, an einzelnen Stellen des Nährbodens verschiedenartige Trübungen auftreten, die sich rasch vergrößern. Diese Flecke sind neuentstehende Bakterien- kolonien, und zwar jede nur aus einem Keim hervorgegangen und daher auch nur Bakterien dieser Art enthaltend. So ist es also gelungen, das scheinbar unentwirrbare Bäk- teriengemenge voneinander zu isolieren. Die Kolonien zeigen je nach den Arten verschiedenes Aussehen. Bald sind sie größer, bald kleiner, bald scharf begrenzt, bald mit verschieden gestalteten Aus- läufern versehen. Die einen liegen als Häutchen oder Knöpfchen an der Oberfläche, andere fressen sich in den Nährboden hinein, wieder andere haben die Eigenschaft, den Nährboden zu verflüssigen (daher die Eigenschaft mancher Käse zu laufen", denn der Käse ist ein Nährboden für bestimmte Bakterienarten, die sich dadurch dank- bar zeigen, daß sie dem Käse einen besonderen Geschmack verleihen). Einige Bakterienkolonien bilden Farben, so blau, braun, grün, blutrot. Besonders die letztgenannte Art, der Bacillus prodigiosus, hat früher viel Unheil angerichtet, wenn er sein rotes Banner auf geweihten Hostien entfaltete und zu der mörderischen Legende von »blutenden" Hostien Veranlassung gab. Es ist nun möglich, von Iben einzelnen Kolonien wiederum auf besondere Nährböden abzu- impfen und so das Verhalten der Bakterien unter den verschieden- artigsten Einflüssen kennen zu lernen. Ddan kann die Nahrung, das Licht, die Wärme, die Lust, die Feuchtigkeit verändern, kann diese oder jene Chemikalien in ihrer Einwirkung auf die Bakterien prüfen, kann andererseits die von den Kleinwesen gebildeten Stoff- Wechselprodukte untersuchen, kurz, kann mit den Bakterien experi- menticrcn wie mit eingefangenen Tieren. Einer der wichtigsten zu prüfenden Punkte ist das Verhältnis der Bakterien zu menschlichen oder tierischen Krankheiten. Man mutmaßte schon früher, daß die Uebertragbarkeit mancher Krankheiten, wie Milzbrand, Diphtherie, Typhus usw., an das Vorhandensein von organisierten Wesen ge- bunden sei; man hatte z. B. auch bei milzbrandkrankcn Tieren mikroskopisch kleine, fadenförmige Gebilde im Blut gefunden, ohne doch die Rolle, die diese Gebilde bei der Entstehung der Krankheit spielten, ergründen zu können. Auch hier erwies sich Robert Kochs Methodik als bahnbrechend. Nachdem es ihm gelungen war, jene Gebilde zu züchten und zu isolieren, übertrug er sie auf lebende ge- snnde Tiere und diese erkrankten an Milzbrand. Der Milzbrand- bazillus war entdeckt und als Ursache der Erkrankung nachgewiesen. Damit tritt die vierte Methode der Bakterienforschung in ihr Recht, die der Uebertragung auf Tiere. Wenn bei einer bestimmten Krankheitsform regelmäßig Bakterien gefunden werden, die ihrem Färbevermögen, ihrer Züchtung und allen sonstigen Eigenschaften nach stets dasselbe Bild zeigen, d. h. als sichere Art erkannt find, so muß der Nachweis erbracht werden, daß sie auch wirklich die Ur- Heber jener Erkrankung und nicht etwa nur als zufällige Begleit- erscheinung zu betrachten sind. Man versucht daher durch Ueber- tragung der rein gezüchteten Bakterien auf Tiere bei diesen die entsprechende Krankheit hervorzurufen. Ist die betreffende Krank. heit, z. B. die Tuberkulose, schon als Tierkrankheit bekannt, so macht das Gelingen gewöhnlich keine Schwierigkeit, vorausgesetzt, daß die gefundenen Bakterien wirklich die Krankheitserreger sind. Mitunter handelt es sich aber um Krankheiten, die dem Menschen eigentümlich sind, zum Beispiel um Typhus. Dann gelingt eS nur sehr schwer, empfängliche Tiere dafür zu finden, oder der Versuch mißlingt in dieser Hinsicht überhaupt, so daß man sich an konstantem Bäk- teriennachweis in allen untersuchten Fällen genügen lassen muß. Die Bakterien verdienen aber die Ehrenrettung, daß sie nicht unter allen Umständen schädliches oder bestenfalls unnützes Ge- sindel darstellen. So war sckion oben erwähnt, daß cS Bakterienarten sind, die dem Käse seine beliebtesten Eigenschaften verleihen. Bäk- terien sind es, die uns zur dicken Milch verhelfen; Bakterien fabri- zieren aus Spiritus den Essig; Bakterien reinigen die Flüsse von den organischen Schlemmstoffen, die sonst alles verpesten würden; Bakterien haben wahrscheinlich großen Anteil am geregelten Gange der Verdauung. Und schließlich sind es Bakterien, die an den Wurzeln vieler Pflanzen sitzen, diesen den Stickstoff der Luft und des Bodens zuführen und so zum Gedeihen wichtiger Nahrungs- mittel wesentlich beitragen.— Kleines feuiUeton* Musik. Ueber Volksliederpolitik, die ja neuerdings bei uns auch in Mode gekommen ist, macht Richard B a t k a im zweiten Aprilheft des»Kunstwart" beherzigenswerte Ausführungen. Er wendet sich gegen die Bevormundung von oben her, gegen die toten Formeln des grünen TischcS und will lieber die natürlichen Quellen erschließen. Wir stehen, schreibt Batka, wieder mitten in einer Bewegung zugunsten des Volksliedes. Herrscher und Staaten nehmen sie in ihnen Schutz. Hofkapcllmeister, Musikdirekioren, Chorregenten und Musikgelehrte werden zu Ausschüssen zusammengetan und setzen eine ausgebreitete Sammeltätigkeit ins Werk. An Pfarrer, Aerzte, Berantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Lehrer usw. tritt man heran, man forscht, man zeichnet auf, MO» vergleicht, man veröffentlicht, bis vielleicht einmal der ganze mu geheure Liederhort des Volkes mitsamt den Lesarten in Papier und Druckerschwärze umgesetzt ist. Und dann? Dann stehen wir immer noch am alten Fleck, denn ob tausend oder zehntausend Volkslieder im Druck vorliegen, ist für den lebendigen Volksgesang ganz einerlei. Den Nutzen hat nur die Wissenschaft, die ihr Re- gister erweitert. Die kulturell wichtige Frage, wie all diese müh- sam aufgestapelten Werte endlich wieder in Umlauf gebracht werden sollen, wird fast niemals gestellt. O du armes Waisenkind Volkslied! Seit Herder die Freud« an dir geweckt hat, haben sie di chschier umgebracht mit ihrer Liebe! Da waren zunächst die Liedertafeln. Weil eS unter den Volks» liedern eine beträchtliche Anzahl gibt, die gesellige Lieder find und sich im harmonischen Satze vortrefflich ausnehmen, wurde ein neuer Paragraph aufgestellt:„Es muß alles vervierstimmigt werden." Und so paukten denn Legionen von biederen Sängern ihre Parte etn, vor allem eifrig bedacht, den vorgezeichneten Ton zu treffen. Was als individueller, beseelter und lebendiger Vortrag eine? einzelnen gedacht war, das sangen nun ganze Scharen nach dem Stab eines ehrenfesten Taktschlägers. Melodien, die bestimmt waren, vom Vortragenden mit voller Freiheit und schöpferischer Phantasie dem wechselnden Inhalt der Liedstrophen angepaßt und wie plastischer Ton unter der Hand des Bildners fast improvisatorisch behandelt zu werden, wurden pedantisch nach den vorgeschriebenen Notenwerten abgesungen oder man strebte bei den„guten" Chören der Virtuosität und dem Raffinement zu, die den Schein erwecken konnten, dieser vielköpfige Singkörper sei eigentlich nur ein ein» ziges Instrument. Der Chorgesang, der doch nur für eine besondere Volksliedcrgruppe paßt, hat in seiner stilwidrigen Erstreckung auf die ganze Breite des Volksliedes ihm das gesunde LebenSblut ent- strömen lassen und an dessen Stelle als schlechten Ersatz nicht selten eine falsche Kraftmeierei und schwächliche Sentimentalität in die übriggebliebene Melodienhülse ergossen. Er hat es verschuldet, daß manche unter Volkslied schließlich nur noch lyrische Duseleien oder Hurralieder verstehen wollen. DaS so gut gemeinte Volksliederbuch des deutschen Kaisers leidet bor allem an dem Nebel, daß sich die Herausgeber nicht immer klar darüber geworden sind, was im Munde eines Männerchorcs möglich und passend ist und was nicht. Es mußte eben alles vervierstimmigt werden. Diese einseitige Betonung deS Musikalischen seitens der Hüter des Volksliedes von Berufs wegen hat dem Volksliede überhaupt viel Schaden gebracht. In völliger Verkennung des Wesentlichen haben große Tonmeister versucht, dem Volkslied ein erhöhtes künst- lerisches Interesse zu verleihen, indem sie ihm ein prächtiges, färben- reiches, kunstvoll gewebtes harmonisches Gewand anlegen. In dieser „großen Toilette" führt man es dann auch wohl vor das Konzert- Publikum. Hof- und Kammersänger ließen sich herab, Volkslieder in demselben Stile vorzutragen, wie sie sonst Kunstlieder zu singen pflegten, mit vollendeter Tonbildung usw. Es klang ja sehr schön, die melodische Linie kam wundervoll heraus, und schon der Ab- wechselung wegen, die sie brachten, gefielen diese Volksliederabends sehr. Aber dem Volksliede selbst war damit nicht geholfen. Denn das Volkslied hat seinen eigenen Stil, es ist nicht nur einfacher als'das Kunstlied, sondern auch wesentlich anders geartet. Das wissen unsere Volkssänger und die Vorkämpfer des echten Volks- gesanges, ein Heinrich Schmer, ein Robert Kothe in München, eine Wolzogen und überhaupt alle, die mit dem Wesen des Volksliedes durch langen praktischen Umgang wohl vertraut sind. Es besteht bei uns kein eigentlicher, durch eine wohlbewahrte Ueberlieferung zusammenhängender Volkssängerstand, wie in Frankreich, aber wenn ich über den echten Vortragstil de? Volksliedes Bescheid wissen will, frage ich lieber bei einem Brettlsänger an als bei einem Musikhistoriker. Denn die beiden Gattungen mögen inhaltlich verschieden sein: die Gesetze des Vortrages find bei beiden die gleichen. Weil die Ausdrucksmittel beider die nämlichen sind, näm- lich eine aus dem Stegreif abzuwandelnde, plastische Melodie, die Wiederholung der Verse und Vcrsglieder und der Kehrreim. Wie man diese Mittel, die dem'gewöhnlichen, an Kunstmusik gebildeten Sänger als rein formelle Erscheinungen gelten, nicht as? gleich- gültige Zutaten, vielmehr als die stärksten Trümpfe des Liederstils behandeln, wie man ein und demselben melodischen Gebilde die verschiedensten Ausdrucksnuancen abgewinnen kann, wie sich daS dichterische und musikalische Element in ganz besonderer Weise innig durchdringt, darüber zu lehren gibt es noch keine Schule und kein Konservatorium. Man höre nur, wie Scholandcr oder wie die Uvette Guilbert einen Kehrreim behandeln I Nicht in den Gesangvereinen, nicht in den Konzertsälen steht die Wiege für die Geburt des Volksliedes bereit, ich glaube viel- mehr, daß in Kabarett und Variete, wenn auch in verrohter und vielfach entarteter Gestalt, die Keime desjenigen Stils liegen, dessen das Volkslied bedarf und der nur eine entsprechende Veredelung erfahren muß, um uns wieder starke, künstlerische Eindrücke zu bcr- Mitteln. Eine„gute" wandernde Volkssängergesellschaft, deren Programm die besten Volkslieder bringt, scheint mir einer Unter- stützung aus öffentlichen Mitteln mindestens ebenso wert wie ein mit den Leuchten der Wissenschaft und Kunst umsctzter grüner Tisch. Jener würde Leben schaffen, diese häufen totes Material.— Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin S\V,