Nnterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 74. Dienstag, den 14 April. 190» (Nachdruck verböte».) 10] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. Noch einen stärkeren Widerhall aber fand AsmuS bei einer Frauenseele, von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38 jährigen Jungfrau, Lehrerin und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine Nadel war. in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und unter» stützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, die sie las. wußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen fühlte, da sagte sie:„Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein reiches Leben gehabt." In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben konnte, w sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: o,Jch habe immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch'mal auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!" „Vielleicht heirate ich auch die!" dachte Asmus Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie und Asmus schenkten ein» ander zu Anfang nur wenig Beachtung, unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die „Dame in Trauer", die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner Präparandcnzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, das konnte er nicht mehr wissen. 11. Kapitel. (Wie Asmus Plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den Hund kam.) Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines Präparandentums eines Morgens in die Schule kam. ließ ihn der Oberlehere in sein Zimmer rufen.„Herr Dohrmann hat sich krank gemeldet," sagte er. „und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht kommn können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung auserseben. Uebernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden." Asmus konnte vor Ueberraschung nicht sprechen: er nickte nur stumm und verließ das Zimmer. Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbeln- der Jubel. Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und jüngste von den drei Präporanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum nicht Morieur, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar nichts. Ach ja. er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen einen zusammengerafften, ent« schlossenen Ernst gegeben, und wer ihn nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte ep „Erscheinung". Eine düstre Wolke seh':ch schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum. Gleichwie starrgewalt'ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur, Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur. Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts Also sah ich düstre Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnet, Eines fremden Lichtes leiser Hauch. Augen sah ich, die dem Hirn entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit sel'gem Glanz erfüllt. Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick. ein überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in Wirklichkeit aber sprang sein« Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens mit frischen Jugend« beinen auf der Erde umher. Das wußten die in der Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit. Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentllr auf. Er stand vor den Kindern. Sie verstummten vor Ueberraschung. Was will der denn, dachten sie. Asmus gebot ihnen, ihre Sachen untev den Tisch zu legen und sich ordentlich hinzusetzen. Sie gs> horchten; aber einige duckten sich hinter den Rücken deS Vordermannes und kicherten, weil der kleine Schreiber auS dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allercrnsteste auf und sah den Aufsässigen ruhig in die Augen— da saßen sie still und ohne Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war nicht so schwer; aber da» Unterrichten! Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die ein« fachste Sache von der Welt. Man sagt� den Kindern, waS sie wissen sollen, und dann wissen sie's ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist's ja gerade! Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man's aus ihnen herausholen: so verlangt es das„erotematische" oder„kateche« tische" oder„heuristische" Lehrverfahren. Asmus kannte diese gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der Darmgcgend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn es war Brauch, daß, wenn ein Prä- parand unterrichtete, die andern zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesfer mußten sie aufpassen, ob auch fiÜe Fragen deZ Katecheten mit„�V" anfingen(denn so verlangt es das„System"), ob Asmus auch keine„Wahl- fragen" stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Rate» verleiteten, ob er auch rechtzeitig zusammenfasse und wieder- hole, ob er auch alle Kinder- gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase geputzt habe usw. Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich aus dem kleineu Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank der Kunst des Ausstopfers den Hinter- leib einer feisten Katze hatte. „Was ist das?" fragte Asmus. „Das ist ein Hund," antwortete ein Schüler; deun die Stadtkinder kannten keinen Fuchs. Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort an- zuknöpfen und den Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in diese Antwort fest. „Nein, ein Hund ist das nicht," sagte er.„woran sieht Mau, daß es kein Hund ist?" „Er hat gar keinen Maulkorb um!" rief ein kleiner Bursche. „Haben denn alle Hunde Maulkörbe?" fragte der junge Präzeptor.(O weh, eine„Wahlfrage!") „Nein," riefen viele Kinder.(O weh. der Präzeptor duldete, daß die Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln I Münz und Morieur notierten eifrig in ihren Heften.) „Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?" „Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund," sagte ein Schüler. Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irr- tum beseitigen, daß der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei(er wußte, daß die Kinder auch das Hufeisen für eineu Teil des Pferdehufes halten), er wollte die Ant- wort:„Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des Hundes": ober wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort„Körper" herauskatechifieren? Sollte er fragen:„Ist der Maulkorb etwa ein Körperteil des Hundes?" Nein, das durfte er nicht, das war eine„Ja- und Nein-Frage". Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte, jeder auftauchende Irrtum müsie sofort und gründlich beseitigt werden: aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon am ganzen Körper schwitzte. Endlich mußte er das Rätsel doch ausgeben, und so war Zeit und Mühe verloren. „Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?" Da stand ein Genie auf und sagte: „'n Hund hat nicht solchen Schwanz!" „Na also!" jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort vergaß er, daß das Genie»'n Hund" statt„ein Hund" gesagt hatte. Münz und Morieux notier- ten das. (Fortsetzung folgt.) flknivdruii verboten.) Oer k)err von Kaarnajäm. Bon Juh an i A ho. Aus dem Finnischen übersetzt von Laura Feil. (Fortsetzung.) „Grad' deswegen Hab' ich mit dem Herrn sprechen wollen," stammelt« dhr Pächter. „Bringt Ihr das Geld... ja oder nein?" „Ich kann's beim besten Willen jetzt grab' nicht zahlen, Herr. „Wozu seid Ihr dann hergekommen?" fuhr Hell man gleich wütend aus.„Wenn man von jemandem Haus und Hof in Pacht hat. muß man auch dafür zahlen. Perstaudeu?" „Ja, gewiß, daß weiß ich... aber wenn man gerade nicht kann... „Warum könnt Ihr nicht? Ihr habt ein ganz gutes Jahr gehabt." „O, cS war kein gutes Jahr, Herr... die ganze FrühjahrLcrntc hat der Frost vernichtet." „Das ist Eure eigene Schuld. Ihr habt viel zu spät gesät." „Ja, ich versäumte die rechte Zeit, weil ich ja doch auf Ihrem Feld, Herr, arbeite» mußte— und dann kam der Stegen." „Ich Hab' den Regen nicht gemacht. Wie komme ich dazu, Euretwegen Verluste zu haben?" „Wenn Sie doch nur ein bißchen zulvarten wollten, bis ich die nächste Ernte herein habe, dann hoff ich, Ihnen die Pacht und auch sogar das Darlehen auf einmal abzahlen zu können." „Ich kann weder auf die Pacht, noch auf die Rückzahlung des Darlehens länger warten. Das Darlehen ist bereits eingeklagt... der Amtmann hat die Sache in Händen." „Dann muß meine letzte Kuh draufgehen." .Mag sie draufgehen! Ich kann nichts dafür, daß sie Eure letzte ist. Daß Jhr's wißt, ich warte nicht länger ruf das, was Ihr mir schuldig seid. Ich habe keine Lust, auf irgendwen und irgendwas zu warten, was immer es auch sei. Weshalb sollt' ich warten? Ich brauch' Euch doch nicht meinen Grund und Boden für nichts zu überlassen. Schreibt Euch also die Folgen selbst zu, wenn der Roggen, den Ihr mir abzuliefern verpflichtet seid, nicht innerhalb einer Woche in meiner Scheuer ist..." „Da drinnen ist kaum Platz genug für die Menge Roggen, die schon da ist," warf Llntii mit einem bitteren Lächeln halb- laut ein. „Was?" herrschte ihn der Gutsbesitzer an. „Nichts, nichts," entgegnete der Pächter eingeschüchtert und ging seines Weges. „Was hat er gebrummt?" fragte Hellman Pulkkinen, der die Zeit über sich ganz still verhalten und geraucht hatte. „Ich glaube, er hat gesagt, daß Eure Scheuern bereits so voll find, daß sie kaum noch was fassen können." „Ohof Er ist noch keck obendrein! Das ist ein Volk hierzu« lande, ein Pack boshafter Dnmmkäpfc!" „Diunmläpfe sind sie, wahrhaftig!" rief Pulkkinen.„Selbst dieser Antft versteht nicht das bißchen Land ordentlich zu bewirk- schaften, obwohl ich? ihm noch am ehesten zugetraut hätte." „Nicht einer versteht'S, nicht ein einziger!" „Wenn Sie mir dort den Grund dort überlassen wollten, Herr, würde ich ordentlich auf die Wirtschast schauen und die Pacht stets pünktlich zahlen." „Du... Du willst Anttis Hof? Was willst Dn, ein Jung- geselle, mft solch einem Hof ansagen?" „Ich denke, es wäre an der Zeit, daß ich mein eigenes Häuschen hätte. Ich schäme mich wirklich, daß ich noch innner unter fremdem Dache Haufen muß. Und dann— das Häuschen hat eine so hübsche Lage am Seeufer." „Willst Tu im Ernst das Anwesen laufen?" „Ich möchte nur die Gebäude laufen, und Sie könnten die Nutznießung der Felder und Wiesen behalten. Die find in ganz gutem Stande." „Ja, er scheint sie ziemlich gut gehalten zu haben. Aber ich darf Auttt doch nicht wegjagen, wenn er seinen Pachtfchilling zahlt." „Aber er kann ihn ja absolut nicht aufbringen! Wenn Sie Antti wegen des Darlehens pfänden lassen und gleich hinterher die Pacht einklagen, womft soll er Ihnen denn zahlen!" Hellman dachte eine Weile nach. „Zweimal zwei sind vier— vierhundert— noch einmal hundert— das macht fünfhrrndcrt... Hm, willst Tu zweihundert für die Gebäude geben. Pulkkinen?" „Freilich, das könnt' ich schon aufbringen." „Dann sollst Tu sie haben. Uebrtgczls muß Antti jetzt bald die Vorladung kriegen; denn daS Gericht tritt dieser Tage zusammeu." „Ha, ha! Wenn man vom Teustl spricht...!" rief Pulkkinen belustigt auS.„Wenn ich mich nicht täusche, kommt da eben einer von den GerichtSleuien grab' des Weges daher!" „Was, zum Teuft l. hat der bei mir zu suchen?" brummte Hellman. „Na vielleicht macht er nur eine Spazierfahrt her." „Das mag sein! Ich wüßte sonst wahrhaftig nickst.. Gleichwohl stieg in Hellnums Seele etwas wie Argwohn auf, und er begann im Zimmer unruhig auf und ab zu gehen, dabei hier und da einen Blick zum Fenster hinaus werfend. Der Gtwichtsbeamte schien keine sonderliche Eile zu haben. Er band fein Pferd an den Pfosten, holte aus seinem Schlitten ein Bündel Heu hervor, das er dem Tiere zum Fressen auf die Erde breitete, warf sorglich die Decke über den Rücken des Gauls und kam dann erst laugsam quer über den Hof auf Hcllmanns Behausung zu. Er war ein großer, knochiger Mann mit hagerem Geficht und ruhigem Blick. Der Gutsbesitzer suchte zu erraten, welche Botschaft der Beamte ihm wohl bringen könnte, doch er vermochte nichts aus diesem Ge- ficht herauszulesen. „Nehmen Sie Platz!" zwang er sich zu sagen, als der Gerichts- beamte nahe der Tür stehen geblieben toar. „Ich Hab jetzt gerade lang genug gesessen," versetzte der An- kömmling, ließ sich aber trotzdem auf einen Sitz nieder. Hellman fühlte sich verpflichtet, dem Gast auch noch Tabak anzubieten, obwohl eine böse Ahnung mehr und mehr in ihm die Oberhand gewann, daß der Mann ihm nichts Gutes bringe. Pulkkinen erkannte sehr wohl, was im Jrmco» seines Brotherrn vorging. Auch wußte er ganz gut, in welckicr Angelegenheit der Fremde kam und beobachtete das Gehaben der Beiden mit bos- hasten Blicken. „Schönes Wetter haiie. Nicht gerade milde, aber doch auch gerade keine starrende Kalle." ließ sich der Gerichtsbcamte vernehmen, nachdem er seine Pfeife angezündet und gemütlich zu rauchen begönne» hatte. Er' blies stürze, annnttigc Ranchwölkchen 295 in die Luft, blidte unablässig auf seinen Pfeifentopf und bewegte die Behenspitzen in den Schuhen vergnüglich hin und her. Ja, wir haben wirklich ein schönes Winterwetter," stimmte Bulttinen bei. Kommt der Herr Assessor direkt vom Hause?" fragte Hellman. " Ja, aber ich bin schon hübsch zeitig in der Früh fort." " Sie haben vermutlich eine Menge Vorladungen," warf Bull finen ein. Ja, auch Berladungen find ein oder zwei Stück dabei." Die Dienstmagd brachte noch zwei Schalen Kaffee herein, eine für Pulkkinen, die andere für den Gutsbefizer. Gib den Kaffee dem Herrn da," befahl Hellman. Während der Gast trant, fonnte sich der Hausherr nicht enthalten, ihn zu fragen, ob er irgendwie in amtlicher Eigenschaft zu ihm tomme. Wilhelm Bufch als Maler. Vor einiger Zeit erregten zwei Bilder von Wilhelm Busch, bie in München auftauchten, das Interefie der Kunstfreunde. Eingeweihte wußten schon lange, daß Buich als Maler erst noch zu entdecken war und daß die Steffung, die er in der deutschen Kunstgeschichte einnimmt, in seinem zeichnerischen Werk nicht beschlossen ist. Die Sachlage war so, daß Buich den richtigen Malerinstinkt wohl hatte, bon seiner Zeit aber nicht die geistige und fünstlerische Unterstügung erfuhr, die nötig gewesen wäre, um diefes Talent zur Entwidelung zu bringen. Bei dem grüblerischen, zur Einsamkeit neigenden Tem perament Buschs mußte diese Leidenschaft eine Heimliche bleiben. Er war nicht einer von denen, die fich und nur sich fennen und sich und ihre Eigenart burchiezzen. Eo leufte er sein können ab auf das Sondergebiet der Karifatur. Wer feine Ohren hat, wird da leicht Untertöne hören, die von einem inneren Kampf und von leberder windung, von Verzicht und Erbitterung, ja Haß, zugleich aber auch von einem leberwinden und Verstehen aus dieser Mischung tommt das Aggressive und zugleich das Humoristische in Busch erzählen, Die Zeit war nicht reif, und so verfümmerte der Einzelne. Es ist dies wieder eines jener traurigen Stapitel in der deutschen Kultur, die zu denken geben. Wenn der Boden so dürr ist, fann auch der Begabteste nicht Früchte ernten. Es bleibt bei Ansätzen die zugrunde gehen und verfümmern. Allerdings fomme ich in amtlicher Eigenschaft hierher," verfetzte der Beamte. „ Geh hinaus, Bulffinen," befahl Hellman, damit Herr. Er braucht nicht hinauszugehen," unterbrach der Affeffor. Jm Gegenteil, was ich hier auszurichten habe, muß sogar in Gegenwart von Zeugen geschehen." Nun war sich der Gutsbesitzer darüber llar, daß es sich um eine Vorladung handle; dennoch fragte er etwas unsicher:" Bringen Sie mir vielleicht eine Vorladung?" Der Gerichtsbote schlürfte erst den ausgeschütteten Staffeereft aus der Untertaffe, sette die Schale wieder darauf, legte den Löffel zur Seite, ftellte alles miteinander auf den Tisch, nahm seine Pfeife, die am Tischbein lehnte, wieder zur Sand, zündete sie sorgfältig an, und erst als er ein paar Züge daraus getan hatte, erwiderte er: Ob ich Ihnen eine Vorladung bringe? Jawohl." Und weswegen? m? Handelt sich's etwa um eingeflagte Schulden? Bin ich jemandem etwas schuldig?" Es handelt sich nicht um Schulden Der Beamte erhob sich, legte die Pfeife an ihren Plaz am Pfeifenständer und fuhr in trodenem Amtston fort:„ Es handelt fich nicht um eine Schuld, sondern um eine Berleumdung und Ehrenbeleidigung, deren Ihr Euch legten Dienstag im Gemeindehause schuldig gemacht habt. Ihr werdet im Namen des Steuerausschusses vom Hauptmann Steelhammer aufgefordert, nächsten Montag vor Gericht zu erscheinen." So...?! Wahrhaftig? Hahaha! Wirklich? So! Hm, hm!" ftieß Hellman berwirrt hervor. Beim ersten Anblick des Boten war in ihm allerdings die Bermutung aufgestiegen, daß es sich um diese Geschichte handeln föunte, allein er hatte sich die böse Ahnung rasch aus dem Kopf geschlagen. Jeht traf ihn die Gewißheit wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Aber die vertrauliche und dabei doch würdige Haltung des Be amten hinderte ihn, sich, wie es nach seinem Geschmack gewesen wäre, in träftigen Flüchen Luft zu machen, Wegen Verleumbung und Ehrenbeleidigung? Schön. Nun möchte ich aber doch in aller Welt wissen, wann ich den Hauptmann je beleidigt hätte!" Meine Instruktion lautet, Sie bor Gericht au zitieren." " Bildet Ihr Euch vielleicht ein, daß ich auf diese Vorladung hin erscheinen werde? Seid versichert, daß ich das nicht tun ie's beliebt." Die Busch- Freunde und alle, die die deutsche Kunst lieben, werden daher aufs höchste erfreut fein von der Nachricht, daß im Nachlaß von Wilhelm Busch eine große Anzahl von Delbildern und Studien gefunden worden sind, die sein fünstlerisches Werden und Streben ganz nen beleuchten. Es find dies Werke von zwar nicht großem Umfange, die aber doch in verblüffender Weise die Energie des Malers zeigen. Im fleinen zeigen diefe Bildchen eine für das damalige Deutschland ganz einzig daftebende Kultur des malerischen Sehens. Wie ein roter Rock als Farbenfled aufs fräftigfte und mit Werve als ganzes vorherricht, wie ein Grau malerisch dazu gestimmt wird und das Ganze doch eine Szene wird, die Genre wäre, befreite fich nicht die Kunst aus dem Gegenständlichen, das ist in diesem ficheren Instinkt verblüffend und für damals unerhört. Dazu kommt bie flüffige Behandlung der Farben, das Gefühl für malerische Delikatesse, die bei aller Entschiedenheit da ist, eine gewisse Großzügigfeit auf fleinem Raum. Vor allem aber und das ist das Enticheidende ein entschiedenes Eindringen zum Künstlerischen, zum Malerischen eines Vorgangs, aus dem, richtig disziplmiert und fortgeführt, etwas hätte entstehen können, das in unserer Straft eine neue Entwidelung hätte anbahnen fönnen. Das aber auch in diesem Fragmentarischen noch seine Größe und Schönheit zeigt, mit ber Kraft eines Torso. Diefe Delbilder und Studien fanden sich bei dem Neffen von Wilhelm Buich, dem Profeffor A. Nölbefe in Berben, bei dem Paftor in Mechtshausen, wo Busch seine lezten Jahre verbrachte. Es ist hinzu zufügen, daß in Hannover auch ein Fries von Wilhelm Busch er halten ist. Diese Bilder werden wahrscheinlich aus der Zeit stammen, als Busch noch in Antwerpen planlos, ohne festes Ziel und Wollen herumging; jedenfalls sind sie Nachwirkungen dieser Zeit. Doch wird. natürlich erst Detailforschung das aufhellen, die nun erst einzusetzen hat. Jener Zeit, von der seine Freunde ihn als nicht besonders fleißig und nur als bummeinden Spaziergänger fennen, der die Schönheit in fich aufnimmt, ohne nach dem Ausnutzen zu fragen. Wer hat Euch eigentlich beauftragt, mir die Vorladung zu Bis er nach München fam. Jener Zeit, von der Busch in einem Eringen?" Briefe eine so feine Schilderung entivirft: " Der Hauptmann." verde." " Ich wohnte( in Antwerpen) am Eck der Näsbrücke bei einem So fagt ihm uur, daß es mir nicht einfallen wird, auf seine Bartscherer. Er hieß Jan und sie hieß Mie. Zu gelinder Abendwerte Borladung zu erscheinen. Er soll sich dieser schönen Hoff- stunde saß ich mit ihnen vor der Haustüre, im grünen Schlafrock, die mung nicht hingeben... Ihr habt Euch ganz unnötig bemüht wahrlich, ganz und gar unnötig herbemüht. „ Na, nun ist es aber Zeit, daß ich gehe," versezte der Beamte Na, nun ist es aber Zeit, daß ich gehe," versette der Beamte und berabschiedete sich mit einem Handschlag. Als er die Türe hinter sich zuschlug, machte Hellman eine Bewegung, als ob er ihm folgen wollte. Aber er befann sich eines anderen und wandte sich statt dessen zu Pulffinen. „ Was meinst Du, Pulffinen? Kann die Sache wirklich Folgen haben?" Jah kenne das Gefeß zwar nicht, aber immerhin fann's sein." " Gch und frag' den Mann, welcher Ansicht er darüber ist. Lauf geschwind, bevor er noch davonjährt. Er bindet schon die Zügel los. Aber tu nicht so, als ob ich Dich ihm nachgeschickt hätte... Frag', als ob es Dich selber interessieren würde." Während Bultfinen draußen mit dem Beamten sprach, der Fereits die Pferdedede vom Gaul genommen hatte, um sie über ben Sitz zu breiten, bemerfte Hellman die leeren Staffeetassen auf dem Tische. Bütend schoß er aus dem Zimmer und schrie zu den Mägden in die Küche hinein: Weshalb nehmt Ihr denn das Geschirr nicht fort? Was zum Henter ist das für eine Schlamperei? Soll es bis in die Macht dastehen?... Hm? Warum antwortet Ihr mir denn nicht, Ihr Frauenzimmer?" " Jesus Maria! Ich konnte sie nicht früher holen, weil..." ( Fortsetzung folgt.) Tompfeife im Munde, und die Nachbarn famen auch hinzu; der schwarzladierten Holzschuhen. Jan und Mie waren ein zärtlich Storbflechter, der Uhrmacher, der Blechschläger; die Töchter in Bärchen, fie dick, er dünn; fie arbeiten auch abwechselnd, pflegten mich in einer Strankheit und schenften mir beim Abschieb in fühlen Jahreszeiten eine warnie, rote Jacke nebst drei Orangen." Wie diese Schilderung sind die Bilder. Weiche, intime Töne. und plöglich herausleuchtend aus dem warmen Grund die„ rote" Jacke und die drei Orangen", Bon der intimen Malerei der Holländer ist hier für Deutschland eine Verbindung hergestellt mit der modernen Entwickelung, die den Umweg und die Verirrung ins bloß Anekdotische, Situationenhafte ficher vermied und einen Anfang hätte bedeuten können für die Nachfolgenden. Hätte! Zu dieser Zeit arbeitete Buich bei Lenbach im Atelier; der bcscheidenste Stünstler bei dem Maler, der am meisten sich in Szene zu sepen berstand. Aber während die Bedeutung eines Wilhelm Busch fidh immer fester einprägt, beginnen wir den Werten Lenbachsgegen über fritischer zu werden. Aus der Zeit, in der Busch bei Lenbach malte, gibt es eine ganze Reihe Bilder, die in dem brauniaucigen Atelierton gehalten find, die dabei durch eine feine, malerische Behandlung sich auszeichnen. Diese Bilder sind vornehmlich in Privatbejizz and die Besizer hüten ihre Schäße. And aus dieser Zeit werden manche der Bilder stammen, deren Eigenes in der feinen Beobachtung, der vornehmen Farbenwahl, die auf wenige Nuancen beschränkt ist, in der liebevollen, echt fünstlerischen, nie nachylafsenden Beobachtung bei schnellstem Erfassen und Beibehalten des Wesent lichen, des Gindendemotivs, liegt. Die Busch Literatur wird durch diese Entdeckung um ein ganz 296 1 neues Kapitel bereichert: Wilhelm Busch als Maler. Die Literatur, geschlachtet oder auch lebendig der Mauer eingefügt wird. Gin die im Verhältnis zu dem Ruhm des Malers so spärlich ist. Es folches Ersaßopfer" ist die Schildkröte des pompejanischen Tem gibt kaum ein Buch über ihn. Die Kunstgeschichten nennen ihn, ver pels; die Schildkröte wählte man wohl, weil dieses Tier lange ohne weilen aber nicht allzu lange bei ihm. Er, der mit seinem Wert Nahrung leben kann und man meinte, der Bauber sei besonders in die weitesten Kreise gedrungen ist, den die Künstler unbedingt wirksam, solange das eingemauerte Wesen lebe. schätzen, der über dem Gegensatz von alter und neuer Zeit steht, der Physikalisches. der Vater der modernen Karikatur und der Schöpfer einer neuen Kunst zu nennen ist, der deutschen Kunst im Ausland Ansehen verschafft hat, ihn verherrlichen keine Werke, die sein Schaffen mit tünstlerischem Ernst behandeln. Es mag das eben daran liegen, daß er mit seinen Werfen, die so staunenswert höchste, reifste Kunst mit Allgemeinverständlichkeit einen, sich die Welt so nachhaltig erobert hat, daß es nicht nötig war, daß der Kritiker mit langen Unters suchungen und Erklärungen dem Werk an die Seite trat. Aber feltsam bleibt es doch, daß in einer Zeit, wo jeder Dugendfünstler seine Behandlung erfährt, über Buich kaum ein Werk eritiert, daß man sich vergeblich nach einer Literatur umfieht, die um jeden einiger maßen bekannten Künster üppig blüht. Und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß das Publikum vielleicht nur durch den Wig gefesselt wurde, so daß die ernste Forschung erst einzusetzen hat, die die Künstlerische Handschrift in ihren Elementen feststellt; wozu durch die neue Entdeckung des Nachlasses willkommene Gelegen heit gegeben ist. Man nahm Busch zuerst nur als Spaßvogel; feine Verse, seine Komit verschafften ihm Eingang beim Spießbürger, der gern lachen will. Dann lernte man in ihm die zeichnerischen Gestalter verehren, der mit beispielloser Kühnheit von den Erscheinungen des Lebens das Wesentliche, den Kern in temperamentvollsten Kurven Hinschrieb, mit einzigem Gefühl für die Abstraktion von der Wirklichkeit, das im Grunde eine verblüffende Begabung für stilistische Um deutung bekundete. Dieser Zeichnungen geistreiche Flüchtigkeit und markante Charakteristik richtig zu erkennen, gelang erst der Gegen wart; bis dahin ist die Forschung vorgedrungen. Eine Nervosität in Strichen, Punkten und leren, eine straffe Einheitlichkeit in allem Wirrwarr, eine Ausdrucksfähigkeit in schnellen, huschenden Linien, die uns ganz modern anmuten. An dieses Bekannte schließt sich nun das neue Kapitel: Wilhelm Busch als Maler" an. Aus all dem werden die künstlerischen Lehren erst zu ziehen sein. Die Bilder und Studien kommen demnächst in München zur Ausstellung. Ernst Schur. Kleines feuilleton. Die Verwandlung von Diamanten in Rots. Eine höchst merkwürdige Verwandlung von Diamanten haben zwel englische Forscher, Parsons und Swinton, vorgenommen und in einer der letzten Sizungen der Londoner Royal Society beschrieben. Experimente mit Diamanten find an sich schon nicht besonders häufig, weil es den Gelehrten, die aus irgend einem Grunde Luft dazu verspüren, meist an dem nötigen Kleingeld fehlt, um sich so ja auch längst, daß der Diamant nichts anderes ist als tristalli foftbare Untersuchungen leisten zu können. Uebrigens weiß man fierter Kohlenstoff und daß er bei genügender Hiße einfach zu Kohlensäure verbrennt. Diese lezten Versuche bieten nun aber sowohl in ihrem Verlauf wie in ihrem Ergebnis etwas ganz Neues. zur Behandlung des Diamanten wurden Rathodenstrahlen ge wählt. Der Edelstein wurde in eine luftleere Glasröhre mit zwei kontaven Aluminium- Elektroden gebracht, die abwechselnd unter der Wirkung eines hochgespannten Wechselstroms Rathodenstrahlen genau auf den Diamanten schleuderten. Wenn die Verdünnung der Luft in der Röhre einen bestimmten Grad erreicht hatte, so wurde der Diamant zunächst rot, dann intensiv weißglühend und weiterhin, wenn eine Spannung von 9600 Bolt bei 45 Milliampères erreicht war, schwarz. Bei einer Spannung von 11 200 Volt endlich geschah eine schnelle Bersetzung des Diamanten, der sich er heblich aufblähte und nun in einen Stoff verwandelt wurde, der ganz das Aussehen und die Eigenschaften von gemeinem Rots hatte. Die Temperatur, unter der sich diese sonderbare Wandlung vollzog, wurde auf 1890 Grad bestimmt. Es entwickelten sich dabei auch Gase aus dem Kristall, deren Natur aber nicht mit Sicherheit zu ermitteln war. Das Experiment wurde zweimal wiederholt, beide Male mit dem gleichen Erfolg. Diese neuen Versuche bilden eine dankenswerte Ergänzung zu den klassischen Arbeiten des Ber. liners Physikers, Professor Goldstein, der die Einwirkung der Stathodenstrahlen auf eine große Reihe von Stoffen studiert hat und dadurch zu wichtigen theoretischen und praktischen Resultaten geführt worden ist. Hoffentlich sind sich die glücklichen Befizer darüber klar, daß ein solcher Besiz Verpflichtungen auferlegt. Wilhelm Busch selbst wollte zwar nicht, daß die Sachen an die Deffentlichkeit tommen sollten. Wenn die Erben diesen Willen nicht akzeptieren, obgleich Busch erst so furze Zeit tot ist, wofür ihnen die Kunstgeschichte dankbar zu sein forschung hat eine so gewaltige Anziehungskraft auf die Gelehrten Die Radium strahlen der Erde. Die Radium. hat, so mögen sie wenigstens dafür sorgen, daß das Material Fach ausgeübt, daß sich schon eine ganz erhebliche Anzahl von Spezia Leuten, berufenen Kunstschriftstellern überantwortet wird und nicht, listen herangebildet hat. Zu diesen gehört Professor Strutt, der die vie so oft in solchen Fällen, Dilettanten, die zufällig zur Bekannt bisher wichtigsten Studien über den Radiumgehalt der verschie Bekannt- listen schaft oder Verwandtschaft gehören; denen dann der Nachlaß eines benen Gesteine der Erdkrufte gemacht hat. Die Ergebnisse seiner berühmten Mannes gut genug ist, ihre eigene, bis dahin unbeachtete neuesten Arbeiten hat dieser Naturforscher jetzt in einem Vortrage Persönlichkeit in den Vordergrund zu schieben. radioaktive Veränderungen in der Erde" gehalten hat. Er ging niedergelegt, den er in der Royal Institution zu London über zunächst auf die Frage ein, wie das Mineral Bechblende, das fast ausschließlich zur Rabiumbereitung benutzt wird, zu seinem hohen Gehalt an diesem merkwürdigen Element gekommen sein mag. In England findet sich Pechblende nur in dem Gebiet von Cornwall als Adern im Granit und Schiefer. Der Granit enthält felbst auch Radium, aber nur im Verhältnis von einem Teil zu einer Milliarde Teilen des Gesteins oder von einem Milligramm zu einer Million Kilogrammen. So winzig dieser Anteil sein mag, so ist doch die Gesamtmenge von Radium, wenn es in diesem ge ringer Verhältnis in der ganzen Erdkrufte bis zu einer Tiefe von 60-80 Kilometern vorhanden wäre, mehr als hinreichend, um die Wärme des Erdinnern zu erklären. Von den Bestandteilen des Granits enthalten oft die Kristalle des Zirkon eine auffallend große Menge von Radium, und bei der Betrachtung unter dem Mikroskop zeigen sich gerade in der Umgebung dieser Kristalle oft merkwürdige Veränderungen in der Farbe. Außer dem Radium kann auch die Gegenwart von Helium im Granit bei gründlicher Untersuchung nachgewiesen werden. Helium und Radium find ferner noch in einer erheblichen Zahl anderer Mineralien entdeckt worden, und wahrscheinlich ist das Helium dabei stets ein Produkt der Umwand. lung des Radium. Einen Zweifel an diesem Zusammenhang tann nur das als Edelstein bekannte Mineral Beryll erweden, das in einer Probe zwar eine überraschend große Menge Helium, aber feine Spur von Radium aufwies. Und nun fommt Strutt zu einem Schluß, der für die Wissenschaft von ungeheurer Bedeutung werden könnte und auch auf das Interesse des Laien seine Wir tung nicht verfehlen wird. Er meint nämlich, daß man möglicher. weise aus dem Gehalt der einzelnen Schichten der Erdkruste an Radium und Helium berechnen fönnte, wieviel Zeit seit der Entstehung dieser Schichten vergangen sei. Die Uhr der geologischen Beit hat ja bisher ein noch unverständlich gebliebenes Zifferblatt, da sich die Länge der einzelnen Berioden in Jahren oder Jahrtausenden nicht hat ausdrücken lassen. Wenn man nun annimmt, daß alles Helium aus Radium entstanden sei und durch Beobach tung bestimmt, in welcher Zeit sich die Verwandlung von Radium in Helium vollzieht, so wäre es denkbar, daß man danach einen Maßstab für das Alter der einzelnen Schichten der Erdkruste nach ihrem Gehalt an diesem Element gewinnen fönnte. Vielleicht wird demnach das Radium, das schon jetzt so viel des Wunderbaren zutage gefördert hat, die menschliche Wissenschaft auch noch dazu befähigen, in das Geheimnis der geologischen Zeiten einzudringen. Bauopfer im Altertum. Ein über die ganze Erde berbreiteter Aberglauben ist es, daß man einem Bauwerk besondere Festigkeit zu verleihen und es gegen feindliche Einflüsse zu schüßen meint, wenn ein lebendes Wesen, am besten ein Mensch geopfert und in den Bau felbst eingemauert wird. Dieser Glaube, der besonders start auf der Balkanhalbinsel verbreitet ist und zum Beispiel der rumä nischen Königin Carmen Sylva den Stoff zu einer ihrer schönsten Voltserzählungen geliefert hat, war in Italien bisher noch nicht nachgewiesen. Professor A. Mau wies nun in einer Sigung des deutschen Archäologischen Instituts, wie der Kunstchronit" aus Rom geschrieben wird, darauf hin, daß der Unterbau des Fortunatempels in Pompeji einen Hohlraum enthielt, in dem man nichts weiter fand als eine Schildkrötenschale in vier Stüden. Es war also hier als Bauopfer eine Schildkröte eingemauert worden, wie sich auch aus der Anordnung des Quaderbelags noch deutlich erfennen ließ. In Italien mag dieser Aberglaube schon früh in Vergessenheit geraten sein; der römischen Religion war das Menschenopfer überhaupt fremd und wurde nur unter griechischem Einfluß gelegentlich geübt. Da aber bei den alten Griechen Menschenopfer nicht ungewöhnlich waren und in Griechenland wie den Nachbarländern die Voltsüberlieferung vom Bauopfer noch start ist, so wird wohl auch im alten Griechenland das Bauopfer bekannt gewesen sein. Beispiele des Bauopfers aus dem Altertum find allerdings nicht häufig; alle, von denen wir wissen, stammen aus dem griechischen Orient. Gewöhnlich wurde eine Jungfrau ge opfert, die zugleich der Schuhgeist des Baues wurde. So ließ Trajan in Antiochia die Statue des Mädchens, das bei dem Wiederaufbau nach einem Erdbeben geopfert worden war, im Theater als die Thche, die Glücksgöttin der Stadt, aufstellen. Dieselbe Vorstellung liegt noch heute dem Aberglauben des Bauopfers zugrunde. Man schließt einen Menschen in den Bau ein, damit seine Seele darin lebe und nicht entweichen könne Heute ist an die Stelle des Menschenopfers ein Erfazopfer" getreten. Und zwar wird das Menschenopfer entweder nur symbolisch vollzogen, indem man einen Menschen oder seinen Echatten mißt und die das Maß darstellende Schnur einmauert, oder indem man ein Tier opfert, das vorher Berantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.- Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.