Mntechaltungsblatt des Horwärts Nr. 75.' Mittwoch, den 15. April. 1903 (Nachdnilk verboten.) u] Semper der IllngUng. � Ein Bildungsroman von Otto Ernst. 12. Kapitel. �Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler Ivcgcn eiixs Frosches; er empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen.) Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stcchschritt des Systeins gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen vor:- ..Als der Mond schien helle,>. Kam ein Häslcin schnelle" lind.\ „Gestern abend ging ich aus, Ging wohl in den Wald hinaus" «Nd „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal Saßen einst zwei Hasen" und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen EniP- fchlungcn vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als Asmus heraushaben wollte, daß der Hause ein Säugetier sei, da fragte er sie: „Was für ein Vogel ist denn der Hase?" Halloh, da gingen sie fast über die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen:„Das ist ja gar kein Vogel!" und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer dagewesen wären I Ueberhaupt fand er, daß es den Kindern ein bc- sonderes Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von ihnen aufklären ließ. Der alte Sokratcs kannte seine Leute. Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem Fahrwasser auf Klippen. Untiefen und Strom- schnellen. Da hatte er ihnen das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und in einem Bcttchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten müsse, und wenn es auch noch so schwer sei. „Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?" fragte Asmus einen Schüler. „Ich weiß nicht," sagte der. „Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?" „Ja!" rief das Bürschchcn begeistert. Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich. Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Er- wägungen. Es meinte wohl im stillen: wenn ich es ver- sprochen hätte. „Schön," fuhr der Magister fort,„Du möchtest also bei einem Frosch schlafen. Aber doch nur wan n?" „Immer!" versetzte strahlend der Gefragte. Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen. Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem Spiel mit den Tieren. Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die andere fiel. Ucberdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes. Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er sich von der Schule ins Prä- parandeum, und abends hatte er eine gute Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine Uebcrzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden. Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Be- schäftigung Asmusscns Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine Gesundheit gefürchtet hätte, — seine vollen, roten Wangen ließen solche Befürchtungen nicht aufkommen,— nein, sie bangte weaen des bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der sich bei einem Lehrer des Präparan- deums nach den Aussichten ihres Sohnes erkundigen sollte. „Zu Hause sagt der Bengcl ja nichts," klagte sie.„Er macht auch Gedichte; aber nieinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts davon." Seine Gedichte zu Hause zeigen,— nein, das brachte Asmus nicht über sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim nicht in der Toxa. palmata(im Staatsgewande) erscheinen. Jener geheime Eniissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und Literatur, einen großen Mann mit einer Pracht- vollen Römcrglatze und energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit dienten. Er niaß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und sagte dann:„Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir. dann bestehen lassen?" Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs vollständig. Als der erste Tag des schrift- lichen Examens anbrach, strich sie unaufhörlich mit lieb- kosenden Händen an ihrem Sohne auf und ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als ihn acht Tage später der Mann mit der Römcrglatze auf die Seite genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: „Ich gratuliere Ihnen. Sie haben den besten Aussatz ge- schrieben," da brachte er fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas ruhiger. Ludwig Semper konnte zu der Unrast Ncbekkens immer nur lächeln.„Du bist nicht gescheit", sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster hinaus in die Ferne. Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunder- bar gemischt. Er pflegte weder sich noch anderen Dcmuts- flausen vorzumachen und sagte sich wohl:„So viel wie die anderen weiß ich auch"; aber alles Leben, das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes oder schlinmies Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den schlimmen. Er dacht' es sich im Grunde als eine Lotterie, die der Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor natürlich alles wußte, oder Herr Stahmcr, der ebensoviel wußte, ihm die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen, an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zu Mute wie dem armen Gretchcn beim dies irae. Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein Platznachbar Seybold z. Ä. schrieb im schriftlichen Examen einfach alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja, dieser Jüngling setzte ein so heitres Vertrauen in die Kräfte seines Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen Prüfung ini Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach dein System„Mausefalle" einen babylonischen Turm er« richtete, der Bei der geringsten Erschütterung durch die ange- lehnte Schranktür ins Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte. Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn lachen sah, sagte er: „Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Lcichtthinn inth Ekthamenl" In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich er- heblich unruhiger, und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß. damit er ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich nicht selbst ans Messer liefern wollte: aber der gute Seybold bestand trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verbolen.j Der Derr von Kaarnajam. Von Juhani A h o. Aus dem Finnischen übersetzt von Laura Feil. (Fortsetzung.) „Was? Ihr untersteht Euch noch zu brummen? Falls Ihr rtoch ein Wort sprecht, seid Ihr auf der Stelle entlassen I Marsch fort mit dem Geschirr, sage ich!" Er stand im Flur und wies dem Mädchen mit ausgestrecktem Arm den Weg. ES stürzte mit einem Seufzer an ihm vorüber in das Zimmer und Hellman folgte ihm dicht auf den Fersen. Jeden Augenblick fürchtete die Magd, er würde sie bei den Haaren packen; aber sie kam noch glimpflich davon, der Herr vergriff sich nicht an ihr tätlich, da Pulkkincn gerade wieder in die Stube zurückkehrte. »Nun, was hat er gesagt?" fragte Hellman begierig. „Er hat gesagt, daß die Geschichte Sie auf hundert Mark kommen kann, ja, daß Sie sich überhaupt noch gratulieren können, wenn man Sie nicht gar dafür hinter Schloß und Riegel setzt." „So?... Unsinn! Was ihm nicht einfällt! Der Kerl weiß nicht, was er redet! Erlügt! Er will mir nur Schreck einjagen." „Na, einer vom Gericht muß doch fo was wissen, meine ich." „Er weiß davon g'rad so wenig, wie jeder andere. Es kann allerhöchstens fünfzig Mark Strafe losten. Er spricht vom Ein- sperren?... Sehr gut! Davon ist gar keine Rede... Das kann er mir nicht weismachen!" Aber Hellman war in dieser Hinsicht seiner Sache doch nicht' ganz so sicher, als er Pulkkincn glauben machen wollte, und aus seinen Augen sprach mehr und mehr ein banges Angstgefühl. Pulkkincn erhob sich, um zu gehen. „Höre, Pulkkincn," hielt ihn der Gutsbesitzer zurück.„Bleib' noch eine Weile. Auf wie hoch, hat er gesagt, kann sich die Strafe belaufen?" „Er hat gesagt, auf die Beleidigung einer Behörde stehe hundert Mark Strafe. Diese könne aber auch, je nachdem, bis auf viele tausend Mark erhöht werden, und manchmal sei sogar die Sache mit einer bloßen Geldstrafe nicht abgetan." Dem Gutsbesitzer sträubte sich das Haar zu Berge, und um feine Mundwinkel zuckte cS gerade so, als ob er weinen wollte. „Hundert Mark bis tausend Mark Geldstrafe! Eintausend Mark Strafe und... am Ende obendrein noch eingcspe'rrt werden!" rief er einmal über das andere!„Aber vielleicht haben sie mich mit der Vorladung nur schrecken wollen! Glaubst Du, Pulkkinen, sie meinen es ernst mit der Vorladung? Hm?" „Das habe ich den Herrn Beamten selbst schon gefragt und er erklärte, daß es den Leuten mit der Klage vollkommen ernst sei." „Was? Sie wollen mich wahrhaftig im Ernst klagen? Na ja— natürlich wollen sie'»! Natürlich wollen sie nur was an- haben! Diese Wolfsbande I Straßcnräuber sind sie alle mitsammen!" „Ter Beamte hat gemeint," suchte Pulkkincn den Hausherren zu begütigen,„daß die Herren geneigt wären, sich die Sache viel- leicht noch einmal zu überlegen, wenn man sich's ihnen gegenüber etwas kosten lassen wollte." „Sich's etwas kosten lassen?" «Ja, sonst nicht... sonst nicht!" „Sonst nicht? Natürlich! Sonst nicht! In der Tat?— Und Mit einer kleinen Summe würden sie sich nicht einmal zufrieden geben! Ich kenne sie! Sie wollen gleich einen ordentlichen Griff machen, wenn sie einem schon einmal über den Beutel gehen! Die reinen Wölfe... Wölfe sind sie! Nichts anderes!" „Aber mit einem hübschen Griff in den Beutel könnten Sie doch die ganze Geschichte vertuschen." »Lieber laß ich'S d'rauf ankommen, daß sie mich einsperren!" „Ja, man kann wirklich nie vorher wissen, wie so eine Sache bei Gericht ausgeht." „Ich weiß sehr genau, wie die Sache ausgehen wird. Sie werden mich nicht schonen! Sie hassen mich alle schon von lange her und verstehen sich auf alle Kniffe, wie Winkelschreiber. Zum Henker! Eine schöne Bescherung! Eine schöne Bescherung!" Und laut fluchend rannte er dröhnenden Schrittes von einem Zimmer ins andere. Mehr als einmal schickte sich Pulkkincn zum Gehen an, Hellman ließ ihn nicht fort. „Was hast Du denn solch' verteufelte Eile?" rief er.„Da versäumst ja daheim nichts. Wart' noch ein bißchen... Geh' noch nicht... Kann Du Dich nicht niedersetzen, Mensch?" „Wär's nicht wirklich das Gescheidteste, Herr, Sie würden versuchen, sich mit ihnen auszugleichen?" Hub Pulkkincn von neuem an. „Gewiß, es wäre das beste! Wahrhaftig, es wäre das beste? Geh', Pulkkinen, und laß einspannen... sofort soll er einspannen.., Na, eine schöne Bescherung!" Alle im Hause, und nicht zum mindesten die Dienstmagd, staunten nicht wenig, als sie jetzt den Herrn ganz still und zahm in den Hof hinaustreten sahen. Kein Schreien und Zanken gab'S. kein Wettern und D'reinschlagen. wie sonst immer beim Fort» fahren. Wie ein gebrechlicher Greis trottete er über den Hof, und als er sich in den Schlitten setzte, ächzte er wie ein Kranker. „Gib mir die Zügel." befahl er dem Burschen in sanftem, beinahe bittendem Tone, und matt und müde, wie mechanisch. lenkte er eigenhändig das Pferd. „Wie ein begossener Pudel schaut er aus," raunte der Knecht Pulkkincn zu, als sie gemeinsam dem Gutsbesitzer nachblickten. »» # Hellman fuhr immer langsam des Weges fort und hielt sich füe den unglücklichsten Menschen von der Welt. Man haßte, man der- folgte ihn... man hatte sich gegen ihn verschworen. Und wenn einer erst etwas gegen ihn aufbrachte, würden alle anderen dann auch gleich über ihn herfallen! Grund dazu findet sich ja leicht, wenn man einen finden will. Der beste Mensch von der Welt hat unter solchen Machinationen zu leiden, wenn er sich erst mit Jntri- ganten und Advokaten einläßt. Jetzt mußte er eine Strecke weit über Eis hinfahren, und ein scharfer Wind trieb ihm nadelspitzes Schneegegräupel ins Gesicht und in die Ohren. Ter Wind kam von der Seite her, so daß er ihm zuerst die rechte Schulter, dann die ganze Seite durch- kältete, schließlich bis zur linken vordrang und nach und nach den ganzen Körper erstarren machte. Das Schneegegräupel durchnäßte ihm den Pelzkragen, und die eisigen Tropfen rannen ihm in den Hals hinein über Rücken und Brust. Es durchschauerte ihn, und er zitterte so heftig, als wollte er alle Glieder von sich abschütteln. Das böse Gewissen machte sich den jämmerlichen Körper- und Seclenzustand des armen Schelms zunutze und fing sich plötzlich zu regen und zu rühren an, so lebendig, als ob es körperlich aus der Tiefe des Schlittens emporgestiegen wäre. Nach und nach ge- lang es ihm, in gähnende Abgründe seines Lebens hineinzuleuchten. und aus diesen Abgründen stieg so manche Tat empor, an die er lange nicht mehr gedacht oder die ganz aus seinem Gedächtnisse ent- schlvunden war. Unter anderem sab er manch blinkenden Silber- rubel, manch zerknitterte Banknote, die er geschickt in seiner Tasche hatte verschwinden lassen, so oft er hinter dem Zahltisch des Handclsrates von Ulcaborg gestanden hatte. Der Handelsrat war ja ein reicher Mann, hatte sich Hellman damals gedacht, und ein paar Silberlinge mehr oder weniger spürte er nicht. Auch hatte der Rächer droben ihn nie irgendwie darob zur Rechenschaft ge- zogen, wie ihm einfiel. Aber sollte er jetzt vielleicht damit be- ginnen? Wie, wenn er ihn das fremde Gut nur eine Weile hätte behalten lassen, um es'jetzt nur um so kategorischer einzufordern? Viel- leicht wollte er gar nun gleich über alles miteinander mit ihm ab- rechnen! Hinter den Silberrubeln und den zerknitterten Banknoten kamen dann auch noch andere kleinere Betrügereien im Pferdchandel zum Vorschein. Endlich klangen ihm auch alle seine harten Worte zu Hülflosen und Bedürftigen jetzt dröhnend im Ohr wieder, und ein ganzer Schwärm undeutlicher, in Lumpen gehüllter Schatten stieg vor seinem Geiste mahnend empor. All das versetzte ihn in eine jämmerliche Stimmung. Er gab sich die größte Mühe, das mahnende Gewissen zum Schweigen zu bringen, doch je mehr er dies versuchte, desto deutlicher nur um- kreisten ihn die gespenstigen Gesichte. Endlich redete er sich selbst zu: Es will Dir nur jemand mit Gewalt Schreck einjagen, aber Tu wirst diesem Jemand schon zeigen, daß Tu Dich nicht fürchtest. Sein Vorsatz und sein energisches Kopfauftverfen nützten ihm indes nichts. Je fühlbarer die Kälte wurde, je spitzer der Schnee- regen ihn ins Gesicht stach, desto mehr erzitterte seine Seele und desto feiger wurde er. Er war der festen lleberzcugung, daß der„Rächer" endlich die Hand auf ihn gelegt und alles eigens ins Werk gesetzt habe, um ihn zu vernichten. Ja, es war kein anderer, als der Rächer selbst, der ihn so sehr mit Blindheit geschlagen, daß er damals die ganze Versammlung in der Gemeindestube hatte insultieren können! Dadurch hatten nun seine Feinde Macht über ihn gewonnen. Hub jetzt suchte er in seinem Innern instinktiv nach irgendetwas, daS zu seinen Gunsten sprechen könnte bei dem himmlischen Straf- gericht. Er suchte lange und lange und fand nichts, aber endlich stöberte er doch in den Ritzen und Falten seiner Seele eine gute Tat auf, die er einst jemandem erwiesen hatte. Und da er endlich solch ein Mittel der Verteidigung doch gefunden hatte, ließ er es gav nicht mehr los, hielt es krampfhaft in Händen und fuchtelte damit wie mit einer Vögelscheuche. Einst hatte er�nämlich ein altes Bettelweib irgendwo auf seinem Wege in seinen Schlitten aufgenommen und dadurch vor dem Er- frierungstode bewahrt. Das alte Weib, das sich schon stundenweit über einen verschneiten Weg geschleppt, wäre vielleicht wirklich bald in Eis und Schnee erfroren, wenn Hellman es nicht auf den Kutsch- bock häte aufsteigen lassen und ihm nicht eine warme Decke zum Schutze gereicht hätte. Ja, das hatte er getan? Er hatte die Alte sogar in sein Haus mitgenommen und dort etwa vierzehn Tage lang gepflegt. Und dabei war sie nicht einmal eine Arme aus seiner Genieinde, sondern von weither, vom Golf von Bothnia, Hellmans engerer Heimat, von der sie dies und jenes neue zu erzählen wustte. Freilich war das alte Weib auch nebenbei eine treffliche Wäscherin gewesen und hatte während der vierzehn Tage ihrer An- Wesenheit auf dem Hofe für den Gutsbesitzer und sein Haus fleißig gearbeitet— aber eine Guttat bleibt immer eine Guttat, und die seine blieb es nichtsdestoweniger auch, denn er hätte ja damals unter den eigenen Pächterfrauen genug Wäscherinnen finden können. Während er sich all dessen erinnerte, gewann er allmählich sein Selbstgefühl wieder, und die gespenstigen Schatten verflogen nach und nach. Und jetzt hatte er auch endlich das Eis überquert. Der Gaul, der sich bis dahin mühselig durch die Schneewehen hatte durch- arbeiten müssen, zog plötzlich den Schlitten im Galopp über den Damm, so daß die Schellen lustig klingelten. Hellmans böse Ge- danken zerstoben dabei in alle Winde. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) IMauveikKen. Von Eduard O p p e l. Zu unseren anmutigsten Lenzblumen gehört zweifellos das Veilchen. Es blüht— der Name„Märzveilchen" sei Bürge!— bereits im März oder doch spätestens um die Zeit, da sich der März in de» April verwandelt. Unsere Dichter besingen denn auch den Frühling, wenn sie vom Veilchen, und das Veilchen, wenn sie vom Frühling singen. Aber so trefflich und kurz wie Ludwig Uhland haben nur wenige Lenz und Blauveilchen in Beziehung gebracht. Man vergleiche fem„Lob des Frühlings": Saatengrün, Veilchenduft, Lerchenwirbel, Amselschlag. Sonnenregen, milde Lust I Wenn ich solche Worte singe, Braucht es da noch großer Dinge, Dich zu preisen, Frühlingstag? Es ist nicht allein der Duft, der uns das Blümlein so gefällig macht, sondern sein ganzes Wesen. Es liebt sein stilles, beschauliches Plätzchen: an altem Gemäuer, unter bedachendem Strauchwerk, hinter schattigen Hecken ist sein liebster Standort. Wo es geht, bettet es sich sogar in einen wärmenden Moosteppich. Und dann weiß auch die Großmutter so schöne Dinge vom Veilchen zu berichten, z. B. daß aus den frischen Blüten der Veilchensyrup hergestellt, den man als kühlendes Arzneimittel bei gar mancherlei Kinderkrankheiten mit wundersamem Erfolge anwendet I Mit diesem Syrup könne man aber auch Zuckerwaren färben, und der Chemiker weiß, daß diese Brühe just wie Lackmustinltur als Eckennungsmittel von Säuren und Alkalien dienen kann. Die Wurzeln der Veilchen enthalten das sogenannte Violin, einen erbrechenerregenden Stoff. Die jungen Mütter dürfen darüber aber nicht erschrecken. Denn die Veilchenwurzeln, die sie ihren Kleinen um den Hals hängen, damit sie daraus beißen und so den Durchbruch der Zlihnchen befördern sollen, stammen nicht von einem Veilchen her, sondern sind die getrockneten, wohlriechenden, weißen Wurzeln der florcntinischen Schwertlilie; im Handel führen sie den gelehrten Namen„RMeom!» Iridis". Das Veilchen ist ein recht eigenartiges Pflänzlein, mit dem ma r sich stundenlang befassen kann. Aber wir werden in einer Viertel- stunde schon allerlei erkahren, was unser Interesse an der Sippe der Veilchen wesentlich steigern wird. Damit wir nicht nur durch trockenes Dozieren, sondern auch durch lebendiges Schauen die nähere Bekannt- schaft mit dem Blümlein machen, bitte ich den Leser, mit mir in meinen Garten zu kommen. Wir hätten zwar ebenso gut an eine alte Gartenmauer eines Vorortes wandern können, haben es aber diesmal bequemer im Garten. Im Eck unter noch dürr und kahl drei»- schauenden Himbcerhecken, neben grade ergrünenden Sprossen des PfeffernnnzkrauleS und mächtig treibenden Sauerampfer- büsche», hinter denen sich das lauchartige Laub einer Bisam- htjazinthe verbirgt, entdecken wir einen wilden Plan Veilchen- stocke. Zwischendurch lugen winzige weiße Spitzen, wie Erdbohrer oben gedreht, die ersten Triebe von Maiblümchen. Die silberfarbenen Samtblätter des Ziest(Swcb�s lanata) bilden den Abschluß. Man sieht, diese Flora, die sich hier vom vorigen Herbste über den bitter» kalten Winter in den jungen Lenz herübergerettet hat, ist gar nicht so arm und eintönig. Zwischen den alten dunkelgrünen Blätternder Veilchenstöcke leuchten die hellgrünen, noch gelblich angehauchten Jungblättchen der neuen Generatton, und gleichzeitig mit ihnen haben die zierlichen Blütenknospen ihre Köpfchen vorgestreckt. Die Mutterpflanze hat im vorigen Jahre lange Triebe in die Umgebung gesandt, und diese Ausläufer haben in einiger Entfernung festen Fnß gefaßt,„Wurzel geschlagen", und die Unterlage für ein neueS Stöcklein gebildet. Das kommt nun zur Entwicklung. Der Botaniker bezeichnet eine Vermehrung durch solche Ausläufer als ungeschlecht- liche im Gegensatz zur Samenvermehrung nach der Blütenbefruchtung. Wir werden später sehen, daß gerade für das Veilchen die ungeschlechtliche Vermehrung von besonderem Vorteil ist. Aber die Ausläufer sind auch die Erhalter des Lebens, wenn das Veilchen auf die Wanderschaft gehen will— oder mutz. Daß es wandern kann, das hat uns der Dichter Friedrich Förster besungen. Er er» zählt vi m Blanveilchen, das eben erst ein Weilchen gestanden im Tal am Bach I Und dieses Blauveilchen war in seiner jungen Un» erfahrenheit nicht zufrieden mit dem sicheren Heim und wollte„höher hinaus". So klettert es auf den nächsten Hügel. Aber das ist ihm noch nicht genug. Und: Aus dem Hügel, wo es stand, zieht es mit eigener Hand ein Beinchcn nach dem andern und begibt sich aufs Wandern. Da kommt es auf den Berg, wo eS den lieben Sonnen- schein hat, aber der Alpeuriese ist doch noch viel höher als der Berg» zwerg, denkt es, und so begibt es sich noch einmal aufs Wandern-» hinauf auf die Alp: ... Die Reise macht diesmal viel Beschwer, kein Weg, kein Steg war ringsumher; dem Veilchen flimmert'S bor dem Blick, es schivindelt, es kann nicht wieder zurück, da setzt es die letzte Kraft noch dran—- zum Tode ermattet kommt's oben an. Ach, da war der Boden von Stein, kann mit den Füßchen nicht hinein. Der Wind, der bläst so hart, das Veilchen vor Frost erstarrt; es zappelt mit allen Würzlein, bedeckt sie mit dem grünen Schürzlein, friert sehr an Händen und Beinen; da fängt's bitterlich an zu tveincn. Die blauen Bäcklein werden weiß, die Thränen zerfrieren daraus zu Eis. „Ach, wär' ich geblieben im Thale dort!� Das war Blauveilchens letztes Wort. Darauf sank eS um und blieb stumm.... ES ist eii, sinniges Gedicht und viel Wahrheit liegt darin. Und soweit vom Wandern des Veilchens die Rede ist, ist es nicht einmal eine Fabel, so schön der Dichter es auch darstellt. DaS ist eS ja, was unS so wunderbar anmutet: die Pflanze wandert! Run ja, sie tut es auf ihre Art. aber sie wandert doch. Wir aber glaubten nur in,mer, sie sei festgewurzelt und dazu verurteilt, unterzugehen, wo sie geboren wurde. Betrachten wir unseren Veilchenplan im Garten doch einmal ein wenig aufmerksamerl Einst waren es nur drei einzelne Stöcklein, die ich am Fuße einer Ruine der ehemaligen Grafen von Katzenellenbogen bei Dornburg ausgehoben und unter die stillen Himbeeren, unter die Waldfindlinge und Maiblumen gepflanzt hatte. Heute läßt sich die Sckmr der Nachkömmlinge nicht mehr zählen. Mehrere Hundert sind bereits ausgewandert; viele davon haben sich nach langem Hin und Her endlich einige zivanzig Meter weit unter dem Schatten einer feuerblütigcu Rotdornhecke an- gesiedelt und von da sind neuerdings junge Truppen in den Schutz eines Pfirsichbaumes gekrochen. So haben sie sich in kaum zehn Jahren ein großes Reich erobert, ja einige sind gar in des Nachbars Garten deferriert, trotz des bald zwei Meter hohen Zaunes I Sie haben den Weg schon untendurch gefunden! Viel rascher würden die Veilchen auswandern, würden sie ihrer Schattenspender beraubt. Fällen wir z.B. die Rotdornhecke— was geschehen wird, wenn die frechen Spatzen, die in jedem Frühjahr die lästigen Blürenknospen aufpicken, nicht baldigst Besserung geloben— so rücken die Blümlein, die sich bislang in' ihrem traulichen Halb- schatten ivohlgefühlt haben, schlennigst aus und gönnen sich erst wieder Ruhe, wenn sie ein neues passendes Plätzchen zu gedeihlicher Entwickelung gefunden haben. Anderenfalls werden sie ein Opser deS Uebermaßes an Sonne. Im Halbschatten gedeiht das Veilchen am besten. Wohl- verstanden, im Halbschatten I Denn im Dunkel vermag auch das Veilchen, bei all seiner Bescheidenheit, nicht zu leben. Ueberhaupt: Be- schcidenheit I Es ist gar nicht wahr, was die alten Botaniker lehren und die Dichter preisen, das Veilchen ist nicht bescheiden, kann und darf eS nicht sein. Alle Bescheidenheit im Leben ist entweder Dichtung oder Duinmheit. Das Leben und die Bescheidenheit liegen im ewigen Kampfe miteinander. Die Natur vollends kennt nicht einmal den Begriff Bescheidenheit. Man betrachte nur meine Gartenveilchen) Hier zwischen den Himbeeren stecken sie in ziemlich hohem Grase. Aber es fällt ihnen gar nicht ein, sich dazwischen zu verbergen. Im Gegenteil, die Stengel der Blätter und Blüten treibt das Pflmulein hier zwanzig, dreißig, ja vierzig Zentimeter lang, nur um die grünen Blattspreiten und blauen Blumenkronen dem Lichte und der Luftströmung näher zu bringen I Im kurz- grasigen Rasen freilich bleibt auch da? Veilchen nieder. ES braucht da»licht in den Gimmel zu wachsen, es bat Licht, so viel eS �edarf. Aber in einer Umgebung, die daS Pflänzlein zu überwuchern droht, wehrt es sich seiner Haut mid wächst den anderen über den Kopf. Da hört das»Blühen im Verborgenen" auf.... Gebricht eS dem Veilchen an Wasser, so wandert eS ebenfalls aus, und wir sind verblüfft, wie rasch und sicher eS de»» rechten Weg findet. Die Ausläufer wenden sich ohne Zögern dorthin, wo der Boden feuchter ist. Man bringt das mit dem Spürsinn der Wurzeln in Zusaminenhang und sagt: die Wurzeln„empfinden" die Waffernähe. Alle Versuche, diese Erscheinung erklärlich zu machen, sind jedoch noch wenig überzeugend. Aber die Pflanzen geben uns ja noch mehr Rätsel zu lösen I So ein Rätsel bietet uns sofort wieder das Liebesleben des Veilchens. Die duftigen blauen Blüten verwelken nämlich, ohne Früchte zu bringen»ind stellen so die ganze Naturordnung auf den Äbpf. Erst später entstehen auf kurzen Stielen iir den Blattachseln neue Blüten, die Samen entwickeln. Aber diese Blüten haben init den hübschen Blauveilchen gar keine Aehnlichkeit. Ihr Kelch l�leibt geschlossen, die Blüte schämt sich gar. ihr Gesichtchen zu zeigen: schließlich beobachten wir. wie sich der kurze Stiel neigt und innen, im geschlossenen Kelch reift der Same. Dig Befruchtung muß also in der verschloffenen Blüte erfolgt sein. Ter Botaniker nennt diese allen Regeln widersprechenden Blüten lleistogam�klsistos— verschließbar, gamlzio— heiraten). Ein besonderes Merkmal solcher kleistogamer Blüten ist die Verkümmerung oder das gänzliche Fehlen derBlumen- blätter, die durch Duft, Farbe oder Honig die Insekten anlocken könnten. Was an Blumenblättern ausgebildet wird, hat lediglich die Bedeutung einer Schutzhülle für die Pollen und Stemctel, die im Reifestadium die Autogamie betreiben. Was sollten auch die kostspieligen Auf- Wendungen an Farbe, Honig und Duft nütze sein, da doch gar kein Jnsektenbesuch gewünscht wird? Wir sehen, das Veilchen kann uns mancherlei lehren. Neue Schwierigkeiten finden wir, wenn wir seinen Dust bestiinmen wollen. Unsere Definition wird schließlich nicht viel anders lauten als: es duftet nach— Veilchen I Der Gelehrte zählte diesen Duft zu benei», die von aromatischen Körpern ausgehen, zu den benzoloiden Düften. Aber wir wollen hier keine chemische Analyse versuchen, sondern die merkwürdige Tatsache feststellen, daß der Veilchendust gar nicht so selten ist. Denn nranche Levkojei». Goldlacke. Nacht- Violen, der herbstliche gefranste Enzian, die Frühlingsknotcnblumc, der grllnblumige Seidelbast, die blaue Seerose des Nils, die fleisch- fressende Sarrazence und viele andere duften just ebenso wie das Veilchen„viola ockorata". Interessant ist, daß nahe Verwandte dcZ Veilchens, z. B. das bekannte gelbe Stiestnütierchcn, auf das vollkoininensle zur Insekten- bestäubung eingerichtet find. Ohne diese Einrichtung hätte,» unsere GärNier niemals die gewaltigen Zuchtcrfolge mit dein Stiefmütterchen, das die Urahne aller unserer Gartenstiefinütierchen ist, gehabt. Man sieht aber, wie grundverschieden die wichtigsten biologischen Vor- gänge innerhalb verschiedener Arten einer und derselben Familie sein können und mag daran aufs neue erkennen,»vie mannigsaltig und vielgestaltig die Kräfte der Natur wirken und walten, sonnen und gestalten._ Kleines f euületon. . Kulturgeschichtliches. W i e die Menschen bauen lernten. Jedes Volk hatte seine Urzeit; in den Völkern, die wir die„wilden" bezeichnen, können noch jetzt Urzustände und Urfähigkeiten gefunden werden, die uns an die vorwcltgeschichtlichcn Menschengeschlechter erinnern. Schatten sich z. B. Völkcrstämme von Ncuholland an einer Aus- stellung beteiligt: sie stellten aber nichts aus als— hölzerne Waffen. Außer diesen lieferten sie noch aus Gras geflochtene Beutel, in denen sie ihren Eßvorrat unterbringen. Die Kunst zu bauen kannten auch sie nicht. Sie ahnten kaum die schüchternsten Ansänge derselben. Im nördlichen Neuholland, das kernen Winter, Sondern statt deffen eine monatclange Regenzeit hat, verschafft sich er Australneger durch das Graben eines großen Loches, das er mit Reisig bedeckt, einigen Schutz. Er schmiert seinen Körper mit Fett, setzt sich auf dieses Reisig und läßt das Wasser an seinem Körper hinunter in die Grube laufen. In den nordischen Gegenden reichten jedoch diese Schlaminkellerbautcn den Urmenschen schon nicht mehr aus. Sic verstanden zwar auch, keine Häuser zu bauen, aber die Natur kam ihnen zu Hülfe. Sie bot ihnen in den Ge- birgen eine Menge Höhlen. Hier wohnten sie mit ihren Familien unter einem schützenden Dach. Die Höhlen reichten init der Zeit nicht aus. Die Menschen waren gezwungen, dieselben künstlich her- zustellen. Eine klaffende Spalte wurde der Einwirkung des Feuers ausgesetzt, gegen den heißen Stein Wasser gegossen, so daß er barst und Stücke heruntcrbrachen. Ein merkwürdiges Exemplar einer solchen künstlichen Felsenhöhle fand man im südlichen Württemberg. Dort steht irgendwo ein'-in am Bcrghang, der auf die beschriebene Weise künstlich ausgehöhlt ist. Nur die Außetl» Seiten blieben stehen, wie die Schalen eines hohlen EieS. Im vor- crcn Teile deuten eine Anzahl geschwärzter Steine den Feuerherd an, der Hintere Teil des Raumes ist hoch und schwer zu erklettern. Aber auch in den ebenen Teilen schleppten sich die Urmenschen einen Haufen Steine zusammen, wie man sie als Feldsteine im Freien findet. Diese Steine, welche in der Eiszeit auf schwim» inenden Schollen von den nordischen Gebirgen heranglittcn, trieben über den damals noch unter der Mecrcsfläche liegenden Norden Deutschlands und sanken infolge des Zerschmelzens des Eises zu Bode»». Es sind dies die heutigen„erratischen Blöcke". Solche Blöcke wälzten die Urbcwohner Germaniens in einen Kreis zu- fammen und überdachten den damit eingeschlossenen Raum mit flachen Steinen. Derartige Höhlen wurden mehrere im»vestlichen Schlesien entdeckt. Anfänglich hielt man sie für Heiden- oder Hünengräber, denn sie waren diesen von außen gleich. Höhlen- Häuser fand man auch in Mecklenburg, aber sie unterscheiden sich wesentlich von den beschriebenen. Hier hat man zwar auch einen Berg aus Erde, um darin zu wohnen, aber der feste Unterbau, zu dem der Erdberg nur die Umhüllung bildete, war aus Holz. Aus diesen Höhlenwohnungcn von Erde, Stein und Holz cnt« standen durch sorgfältigere Aufschichtungen der Wände allmählich die Häuser. Von dem Trieb beseelt, die Form der Steine im Lehm nachzumachen,»un auf diese Weise dünnere und schlankere Lehm« wände zu gewinnen, formte man später große Backsteine, die an der Sonne getrocknet wurden. Uralt ist die Ziegclbereitung. Schon im frühesten Altertum wurden die Juden in Aegypten u»»d Baby- lonicn zur Zicgeleibcreitung gezwungen. In Babylonien wurden sogar die Toten in tönernen Särgen bestattet. Diese bestanden aus einer wohlgebranntcn oberen und einer unteren Hälfte. Nach- dem der Tote zwischen beiden eingeschlossen, verschmierte man die Ritzen sorgfältig mit Lehm und setzte das Ganze»vicder dem Feuer aus. Einen solchen Sarg konnte inan einfach aufs Feld stellen. Weniger rasch konnte sich das eigentliche Holzhaus entwickeln. In Japan und Norwegen imirdcn nicht nur die Land- und Wohn» Häuser, sondern auch die öffentlichen Gebäude aus Holz hergestellt. Gleichwohl konnte dasselbe den Lchin-»vie den Bruchstein nicht verdrängen, denn eine Wand von Holz kann sich an Dauerhaftig- keit mit der eigentlichen Mauer nicht vergleichen. Man suchte durch Anwendung stärkerer Stämme die Lehmverkleidung überflüssig zu machen. Mit besseren Instrumenten als die Urmenschen versehen, schleppte man gerade glatte Stämme zur Baustelle und legte je einen Stainm der Länge nach horizontal auf den anderen, bis die Wand hoch genug genug war. Um den Stämmen den nötigen Halt zu geben, baute man die viereckigen Häuser derart, daß die beiden Seitenwände die Vorder- und Hinterwand gewissermaßen durchschnitten, so daß die Balkenköpfc aller vier Enden über die Ecken hinausragten. So entstand das Blockhaus. Die Pfahlbauten waren auf folgci'.de Art errichtet. Man rainmte nahe am Ufer in seichtes Wasser roh zugespitzte und am Feuer geschwärzte Pfähle, welche in regelmäßigen Reihen geordnet wurden. Auf diesen Spitzen wurde nun ein ausgedehnter Rost aus Balken, Flcchtwerk und Erde bestehend, angebracht. Er wurde mit dem Lande durch eine transportable Brücke verbunden; auf diesem Roste errichtete man Häuser. So war man sicher vor den wilden Tieren und den oft noch schlimmeren Menschen. Man hat diese Pfahlbauten in den meiftcr? Seen der sogenannten ebenen Schweiz gefunden. Holz und Lehm, die bisherigen Baumaterialien, haben der Entwickdung der Baukunst keinen starken Vorschub geleistet. Stein ist das beste Baumaterial der Welt. Der mit Quadern arbeitende Baumeister verließ schon bald die einfachen Formen, uin nicht nur zweckmäßig, sondern auch..stilgemäß" zu bauen. Die eigentliche Baukunst beginnt mit den Pyramiden in Aegypten und Babylon. Die ältesten dieser Monumentalbauten sind Grabhügel. Die Könige dieses Volkes bauten sich bei Leb» zeiten als Wohnung, nach dein Tode ein Grab so groß und Herr- lich ausgeführt, wie es ihrer Macht entsprach. Die Pyramiden sind im großen Maßstabe genau gebaut wie das Hünengrab. Der ein» zige Unterschied zwischen dem nordischen Hünengrab und der Pyra- mide besteht in der Größe und in ihrer regelmäßigen Form. Nicht nur in Aegypten, auch in Vorderasicn wurden im Altertum Pyra- midcn gebaut. So in dem am Euphrat gelegenen Babel mit dein sogenannten„Babylonischen Turm". Dieses Bauwerk war nichts anderes, als eine kolossale, sehr breite und lange Pyramide, welche aus sieben senkrechten und steil übereinander aufragenden bunten Stufen von 22 bis 28 Meter Höhe bestand. An den Seiten der Stufen führte eine Treppe von Terrasse zu Terrasse bis zu der großen obersten Plattform hinauf. Dort oben stand, die Pyrainide krönend, ein Tempel. Die babylonische Stufenpyramidc war das höchste Gebäude der alten Welt. Derartige Pyramidcnbauten findet man, wenn auch in bescheidenerer Größe, in allen Ländern der Welt, auch bei den alten Azteken in Mexiko. Immer aber wurden diese Gebäude nur in solchen Zeiten errichtet, welche den unmittelbaren Uebergang der Menschheit aus der Wildheit zu den ersten Triumphen der Kultur bildeten. So lernten die Menschen das Bauen. Aus Höhlen und Hürden wurden Häuser und Monumentalbauten auf dem Wege langsamer EntWickelung, den die Menschheit auch in der Baukunst durch- geinacht hat. Landgreba Berantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.