Anterhaltungsbl Nr. 76. Donnerstag (Nachdruck verboten.) 121 Semper cler Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. 13. Kapitel. (Frühlings- und Ferienluft i Wicderauftreten des Herrn Morieux; ein längerer Blick der„Dame in Trauer", ein Aufstieg ins Gebirge und ein Gärtner mit einer Schere.) In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die Ferien, die sich ihnen anschließen. Drei Wochen hatte er nun frei— er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken wollte. Und auch gefeiert wurde erl Frau Rebekka, die nun endlich ganz beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel der Imagination und sagte nach einigem Er- wägen:„Pfannkuchen mit Pflaumenmus."„Sollst Di» haben", sagte Frau Rebekka lmd flog in die Küche an den Herd. Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an seinem gewohnten„Schreibtisch", und Ludwig Semper saß an seinem Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu der- scheuchen. Er las nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus Furcht, die Sonne mächt' es merken und sich verhüllen: er fühlte sich von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht, wie goldene Stäub- chen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln. Und noch ein anderes HerzenSglück sollten diese Tage ihm bringen. Als Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und aus seiner Zehn Mark-Geigc nach einer Notenschrift in den Wolken phantasierte, wurde heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf, und wer trat herein? Morieux. Morieux niit bleichem, ver- zerrtem Gesicht und weit vorgestreckter Hand. „Ich wollte Dir die Hand zur Versöhnung bieten", sagte er. „Bravo I" rief Asmus, indem er klatschend einschlug,„wie geht's Dir? Was machst Du? Komm, seh' Dich ins Sofa! Steck Dir eine Zigarre an, eine feine Brasil. Trinkst Du lieber Bier oder Kaffee?" Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate anzubieten: denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund: er war über und über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa gebeten hatte. Moricur fing an, von seinem Verschulden sprechen. „Aber ich bitte Dichl" rief ASmus,„sprich nicht davon. Wenn ich mich vertrage, Hab' ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt' es sowieso schon vergessen. Da— hier— spiel' mir was vor!" Er drückte ihm die Geige in die Hand.„Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!" Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg. Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen— es war nicht auszudenken! Ganze Epopöen könnte man dichten! Er begann auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung„Niobe", in der die vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben. Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er— wenn seine Mitschüler ihn nicht peinigten— mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts» und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten das Liebste auf de' Welt gewesen: aber das Allerliebste blieben dock die Ferie.n Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing itt des Vorwärts den 16 Zlpril. 1908 gewesen war, da war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt: „Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank." „Hurra!" hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer gerufen:„Jungens, seid Ihr des Teufels Wenn Euer Lehrer krank ist, brüllt Ihr Hurra?" Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht an die Krankheit des Herrn Rösing: sie dachten nur an ihre Freiheit. Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien... Aber seine Ferien waren noch nicht ganz: einige Tage mußte er noch in die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung oblegen: prüfend sollte er ge- prüft werden. Da der kranke Lehrer noch immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus„seine" Klasse bei der öffcnt- lichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde: denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des Kollegiums. Auch Laura war natür- lich da und die beiden Leonorcn: und ganz hinten auf der lebten Bank saß Beatrice, oder, wie sie eigentlich hieß: Hilde Ehavonne. Sic hatte zum ersten Male die Trauer abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern: sie trug ein leuchtend braunes Kleid, und in diesem 5t'leide, mit nhrem reichen braunen Haar und ihren mclancholisch-braunen Äugen war sie brünetter, hübscher und stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht. Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts: er wiegte nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonuc sich mit einer Kollegin über ihn unter- hielt: denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite an: Hilde Ehavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch ein- mal den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg, wie es sonst die-Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet: offen, fest und ernst blickte sie ihm ins Auge. Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des Kollegiums verabschieden. JBas fällt Ihnen ein!" rief einer der Herren,„Sie müssen mit unS." Asmus erklärte, er könne nicht, er habe„furchtbar viel zu tun", und als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise:„Ich habe kein Geld." „Wofür halten Sie mich denn?" rief der Lehrer lachend, „wenn ich Sie einlade, brauchen Sie doch kein Geld." Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz: die Herren behandelten ihn nicht nur als.Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und sie wären über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht. die er vor allem Unbekannten hegte, diese Herren für Halb- göttcr gehalten, die hoch über der Lust gewöhnlicher Sterb- licher dahinwandelten. Die Entdeckung, das; sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. Sie gc- fielen ihm noch viel besser. �.... Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte, das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur wolle.' „Na, Herr Semper," warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde ein,„darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen." „Nee", sagte der Herr. Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen: „Monument von unsrer Zeiten Schande, Ew'ge Schmachschrift deiner Mutterlande« Rousseaus Grad, gegrüßet seist du mirl Fried' und Ruh' den Trünimern deines LebcnZ! Fried' und Ruhe suchtest du vergebens; Fried' und Ruhe fand'st du hier Wann wird doch die alte Wunde narbcn? Einst war's finster, und die Weisen starben; Nun ist's lichter, und der Weise stirbt. Sokrates ging unter durch Sophisten, Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen, Rousseau— der aus Christen Menschen wirbt/ Tie Worte„Schande",„Schmachschrist",„Sophisten" und -„Christen" hatte Asmus mit vorzüglicher Betonung hervor- gehoben. „Ja, das ist ja sehr sorinvollendet," sagte der Gedörrte mit einer empörenden Kälte,„aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend." „Was? Schiller—?" Asmus wollte aufspringen: aber jener andere Herr legte ihm die Hand aus die Schulter und sagte:„Ich werde Ihnen mal Rousseaus„Bekenntnisse" leihen: die werden Sie inter- essieren." „O ja! Herzlichen Tank!" rief Asmus und am nächsten Tage stürzte er sich in die„Bekenntnisse" sFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdolen.) Oer Oerr von Kaamajam, Von Juhani Aho. Aus dem Finnischen übersetzt von Laura Feil. (Fortsetzung.) „HollaI" schrie er und schwang die Zügel, damit das Tier noch geschwinder in Gang käme.„Was für eine Tumheit ist's doch, so dazuhocken und über seine Sünden nachzubrüten I Bin ich denn um ein Haar schlechter als andere?" Als er sich endlich dem Hause des Hauptmanns näherte und mit Gepolter in den Hos einfuhr, fühlte er sich wieder so srank und frei, als läge sein Gewissen irgendwo unter den« Steinpflaster versteckt; durch keine Ritze, keine Spalte tonnte es hindurch— es war sorgfältig vergraben.' Kurz bevor der Gutsbesitzer in den Hof einfuhr, war Botberg zum Hauptmann zu Besuch gekommen. „Sieh da, kommt da nicht gar der alte Halunke angefahren?" riefen beide aus. als sie Hellmans ansichtig wurden.„Wahr- haftig! Das ist er! Er kommt gewiß, um die Sache gütlich beizu- legen." „Ich wüßte sonst nicht, was ihn herführen sollte," meinte der Amtmann.„Tun wir, als ob wir gerade die Köpfe darüber zu- sammengesteckt hätten. Das soll ein Hauptspaß werden!" Es bereitete den Beiden in der Tat einen Hauptspaß; denn sie schüttelten sich nur so vor Lachen. „Es wird urkomisch sein, einmal zu sehen, wie sich der Alte..."\ „Pst! Ruhig!" mahnte der Hauptmann.„Er ist bereits im Vorzimmer. Jetzt die Amtsmiene ausgesetzt! Weißt Du, geh Du doch lieber erst ins Nebenzimmer und horche." Der AmtmanU hätte just noch Zeit gehabt, im Nebenzimmer zu verschwinden, als Hellman bereits die Schwelle betrat. Cr kam ziemlich schneidig herein und warf Pelzmütze und Handschuhe auf einen Sessel nieder. „Guten Tag!" sagte er so kurz angebunden, wie gewöhnlich. Der Hauptmann hatte rasch am Tisch Platz genommen, seine Brille aufgesetzt und tat nun so, als ob er in die Lektüre von Akten vertieft wäre. Wohl ließ er cS sich anmerken, daß er Jemanden hatte eintreten hören, aber erst nach geraumer Zeit hob er den Kops in die Höhe und blickte über die Brille hinweg nach seinem Besucher hin. „Guten Tag!" gab er frosfig und langsam zurück, dabei eine unangenehme lleberraschung heuchelnd. Hellman hatte sich vorgenommen, so aufzutreten, als wenn gar nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre, doch dieser kühl« Empfang raubte ihm daö bißchen Selbstgefühl, das er unterwegs allmählich wiedererlangt hatte. Nichtsdestoweniger versuchte er es beizubehalten und trat näher, um dem Hauptmann die Hand zu reichen. Obgleich der Händedruck dcS Beamten keine besondere Herz- lichkeit verriet, ermutigte er Hellman doch so weit, daß er un- aufgefordert auf dem Sopha Platz nahm. Seine Augen schweiften dabei etwas scheu im Zimmc» umher, wanderten dann hinaus über Mauern und Dächer, da es dem Hauptmann noch immer nicht gefallen wollte, das Wort zu ergreifen. Er saß nach wie vor mit erzwungener Ruhe da, nur wandte er den Kopf beständig zur Seite, aus Angst, daß sein Gesicht seine innere Heiterkeit doch widerspiegeln könnte. „Womit kann ich Euch denn dienlich sein, geehrter Herr?" fragte er schließlich sehr gemessen. „Hm... na ja... ich komme eigentlich wegen der leidigen Affäre von neulich... Na, ich meine, sie ist zwischen uns ver- gessen. Lassen wir sie vergessen sein; wir wollen kein Wörtchen darüber reden... Warum sollten wir Brüder einer Gemeinde um solcher Kindereien willen in Hader leben?" Und er versuchte dabei zu lächeln und die ganze Affäre quasi mit einer leichten Handbewegung abzutun. „Es ist mir lieb, mein Freund, daß Ihr selbst die Affäre als eine leidige bezeichnet; denn es ist eine leidige Affäre, in der Tat, besonders für uns." „Schon gut... schon gut! Macht nicht solch Aushebens davon! Wozu auch? Ich will ja die Sache in Ordnung bringen." „Ah, Ihr wollt die Sache in Ordnung bringen? Ihr seid also dazu bereit, die Geschichte auf gütlichem Wege auszutragen? ... Hm... so. so... na ja... natürlich, natürlich! Das freut mich zu hören." „Ja, dazu bin ich bereit. Was würden wir auch dabei gewinnen, wenn sich erst das Gericht da hineinmischt? Es handelt sich ja auch nur um eine ganz geringfügige Sache. WaS würden wir durch das Gericht erreichen? Wir würden nur müßige Zungen in Bewegung setzen. Es ist das beste, die Sache bleibt unter uns. Abgemacht?" Ter Hauptmann verharrte immer noch mit abgcwandtcm Kopfe, aber von Zeit zu Zeit schielte er zur angelehnten Tür hinüber, durch deren Spalt ein Auge des Amtmanns hindurchblinzelte. „Hm, hm!" hüstelte der Hauptmann ein paarmal.„Wißt Ihr aber auch geehrter Herr, welche Strafe gesetzlich Eurem Verschulden gebührt?" „Rein, das weiß ich nicht; jedenfalls kann sie nicht gar groß sein... die ganze Sache ist eine Lappalie." „Ja, alles hängt davon ab, wie man es auffaßt. Erlaubt, daß ich Euch im Gesetzbuch den Paragraphen zeige, der sich auf unsere Angelegenheit bezieht. Da kommt einmal her und leset selbst." Der Hauptmann hatte merkwürdig schnell den betreffenden Paragraphen gefunden und schob nun das Gesetzbuch dem Guts- bcsitzer zu. Dieser trat näher an den Tisch heran, beugte sich ein klein wenig darüber, bat aber den Hauptmann, ihm die Stelle vor- zulesen. ..... Weil ich meine Brille nicht bei mir habe." entschuldigte er sich. „Gesetz de dato 26. November 19.., betreffend falsche Beschul- digungen, sowie andere Ehrenbeleidigungcn...." begann der Haupt- mann mit lauter Stimme, indem er während des Lesens den Text mit dem Finger begleitete.„Paragraph sieben. Wer einen anderen vorsätzlich in seiner bürgerlichen Ehre kränkt oder ihn in seiner amt- liehen oder obrigkeitlichen Würde herabsetzt... Das letztere habt Ihr getan." „Schön, schön... weiter, weiter." „... sei es durch Worte, durch Tätlichkeiten oder durch Schmä- Hungen, die er selbst weiter verbreitet, beziehentlich durch andere verbreiten läßt— oder wer einen anderen fälschlich eines Per- brechens oder einer Handlungsweise bezichtigt, die geeignet ist, ihn in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, wird zu Zwangsarbeit in der Tauer von zwei Monaten bis zu zwei Jahren oder zu Ec- fängnis in der Tauer von einem Monat bis zu einem Jahre, even, tuell zu einer Geldstrafe von fünfzig bis tausend Mark verurteilt." „So? Wirklich? Hm! Ganz schön... Aber ist das Gesetz noch in Kraft?" „Es ist kürzlich erst sanktioniert worden. Bitte, seht selbst." „Schon gut... schon gut! Das stimmt? Ich sehe, ich sehe.», Also fünfzig Mark Strafe wären zu zahlen?" „Ja, fünfzig Mark ist das geringste; aber das geringste Straf- maß kanimt in diesem Falle nicht in Anwendung. Eine Korporation in öffentlicher Sitzung beleidigen, das gehört zu den gröbsten De- litten und wird mit dem höchsten Strafmaß geahndet." „Das glaube ich nicht." „Wie es Euch beliebt. Wir können ja den Gerichtsspruch ab- warten." „Na, jedenfalls kämen doch wohl mildernde Umstände in Bc- tracht. Ich war nicht völlig nüchtern." Ihr w a r't völlig nüchtern; wir�ttlle können dies bezeugen." „Ich war nicht nüchtern," brauste Hellman auf, dann schwieg er eine Weile und kaute an seinem Schnurrbart.„Na. meinetwegeii denn, legen wir die Sache friedlich vci," begann er endlich wieder. „Warum sollten wir auch nicht?" „O, ich bin sehr gern dazu bereit, so weit es auf meine Person ankommt. Mich hat. aufrichtig gesagt, die Sache weniger erbost. Mir ist es ganz angenehm, wenn die Angelegenheit gütlich aus- getragen wird, allein..." „Ich danke Euch, ich danke," fiel ihm Hellman ins Wort und schüttelte dem Hauptmann kräftig die Hand. „O. nichts zu danken, nichts zu danken... wie gesagt, was meine Person betrifft... aber die anderen werden nicht damit einverstanden sein, am wenigsten der Amtmann, den Ihr am gröb- lichstcn beleidigt habt. Es wäre daher das beste, glaube ich, Ihr würdet Euch persönlich zu Amtmann Botberg begeben, um Euch mit ihm auseinanderzusetzen und auszusöhnen." „Ja, ich will gehen, jetzt gleich will ich zu ihm, Er wird schon mit sich reden lassen. WaS glaubt Ihr, wird er sich zu einer gut- liehen Beilegung verstehen?" .Möglich." .Hat er sich darüber Euch gegenüber nie ausgesprochen?" .3ch bin in letzter Zeit mit ihm gar nicht zusammengekommen." „Nun, einmal doch wohl! WaS sagte er da? Hegte er starken Groll gegen mich?" »Ich das muß ich sagen, er ist recht gallig über Euch."' �Fortsetzung folgt.) I�eue Magneriana. Jetzt find auch WagnerS Briefe an seine erste Frau unter dem Titel„Richard Wagner an Minna Wagner"(Verlag von Schuster u. Loefflsr. Berlin und Leipzig) herausgekommen. Sie füllen zwei Grohoktavbände und umspannen 21 Jahre, die Zeit von 1842 ViS 1883. Es war eine höchst tragische Ehe, die zwei so grundverschiedene Menschen 27 Jahre hindurch an einander fefielte. Was konnte Wagner dafür, dag er ein Genie war? WaS tonnte Minna dafür. dah fie dies geniale Wesen niemals begreifen lernte? Obgleich Schauspielerin von Talent, vermochte fich ihr Geist doch nie über «ine dürre nüchterne Hausbackenheit zu erheben. Sie sah im künstle- rischen Menschen eben nicht mehr, als dag er Marktfähigkeit besitze. Warum muhte Wagner Werke von ewigem Gehalt schaffen? Ihr leuchtete diese Mission nicht ein. Warum muhte Wagner immer gegen den Strom schwimmen? Wo er doch so fabelhaft leicht unfinnig viel Geld gewonnen hätte, wenn er fich dem blöden alltäglichen Geschmack der Philistermenge angepaht hätte. Oder wenn er als Taktstockvirtuose durch die Welt gezogen wäre. Es ist richtig: Minna hatte bereits die Königsberger, die Rigaer und vornehmlich die erste vierjährige Pariser'Leidens- epoche durchgemacht. Ohne schwere Anfechtungen war diese Zeit gewih nicht geblieben. Ewige Enttäuschungen mochten ihr Ber- trauen, vielleicht auch ihre Gesundheit für immer erschüttert haben. Minna blieb kränklich. Ein nervöses Herzleiden, gegen besten Be- kämpfung Opiate angewendet wurden mtd gegen welches jedweve Kur fich scheinbar erfolglos erwies, plagte die arme Frau und brachte ihr endlich 1888 den Tod. Nein, sie verstand Wagner nicht. Sie verstand ihn wahrscheinlich von Haus aus nicht; allenfalls ging sie noch mit dem liomponisten des„Rienzi",„Fliegenden Holländer" »md„Lohengrin" cinigermahen mit; aber dann gab fie ihn auf. Ihre künstlerische Anschauung war verknorpelt— weiter ging's nicht. Minna sagt es selbst. und Wagner bestätigt eS ihr: sie besah nicht jenes Maß von Liebe, die alles umspannt. Würde es denn so weit gekommen sein, dah Minna den Einflüsterungen kleinlicher Geister, dem Klatsch und Tratsch einmal über das andere Vkal erlegen wäre? Ihre Liebe, wenn sie solche jemals besessen hatte, vcrflüchligte sich in quälerische Zweifelsucht, in alles zersetzenden PessimiSinus. Sie glaubte an Wagner nicht; sie gab sich auch keine Mühe, an ihn zn glauben. Und seitdem grenzenlose Eifersucht fich ihre», Unglauben gesellte, da flohen alle guten Geister von ihr. Wenn sie de» Mann doch nicht zu lieben vorgab, warum quälte sie ihn denn iortwährend mit ihren Vorwürfen, mit ihren fleinlichen Rechenexempeln, mit ihrer tödlichen Eifersucht? Warum suchte sie ihn von seinein rechten Wege abzubringen? Warum schuf fie sich und anderen ewige Pein? Jedenfalls ist diese Frau in ihrem ganzen verneinenden Wesen ein psychologisches Rätsel. Gewih, auch Wagner war unberechenbar, feine Laune machte die merkwürdigsten Sprünge. Was alles muhte er aber auch aushalten! Und teilte er sich ihr mit, sprach er von seinen Plänen, von seiner Zukunft, so hatte Minna nur schneidenden Zweifel fiir ihn. Er unternimmt das menschenmöglichste; denn ihm ist eine glückliche Häuslichkeit desto mehr seelisches Bedürfnis, je mehr er in der Welt herun, zigeunern niuh. Der Not- wendigkeit— und Minna zuliebe zwingt er fich zn einer vier- monaligen Kapellmeistertätigleit in London, dann zn einer sechs- jährigen an der Dresdener Hosoper. Er erträgt die Fessel, bis er nicht mehr kann. Sein Schöpfergenie läht sich nicht an den Karren der Alltäglichkeit spannen. Minna hadert, grollt. Warum blieb Wagner nicht„Kgl. sächsischer Hofkapellmeister"? ES wär' doch so schon— und vor allem eine so sichere Brot stelle gewesen. Er aber konnte nicht; sein Blut rebellierte; er sprang in die Reihen der Revolutionäre. Einer, der die Mission in sich trug, die Kunst zu erneuern, er sollte teilnahmslos zugesehen haben, wie die politische Freiheit und das Menschenrccht meuchlings gemordet wird? Rur das nicht I Doch loi e zeigte fich Minna?„Seit meiner Anstellung in Dresden"— schreibt Wagner am 17. April 1850 von Paris an die in Zürich zurückgebliebene Frau—„tritt Deine wachsende Mihstimnumg gegen mich genau mit der Zeit und in dem Grade ein. als ich— meinen persönlichen Vorteil vergessend— int Interesse meiner Kunst und meiner künstlerischen wie menschlichen Unabhängigkeit den elenden DirektionS- Verhältnissen jener Kunstanstall mich nicht inehr zn fügen vermochte und mich dagegen auflebnte.— In dieser entscheidenden Periode meines Lebens wird jeder, der mich genau beobachtete und mich zu verstehen suchte, zugestehen müssen, dah alles, was ich tat, ein« unausbleiblich richtige Konsequenz meines künstlerischen Wesens lvar, dem ich eben— trotz aller persönlichen Gefahren— treu blieb. Dah ich endlich nicht nur als Künstler, sondern als Mensch auch mich gegen all die lasterhasten Zustände empörte, die— bei meiner leidenschaftlichen Natur— niemand zu größerer Oual empfinden konnte, a!S gerade ich. dos muh demjenigen höchst erklärlich— und daher auch gewiß nicht tadelnswürdig erscheinen, der mir aenan gefolgt wäre, wie ich Sckiritt für Schritt— nicht sprungweise— zu dem Standpunkt als Künstler und als Mensch gelangte, den ich jetzt einnehme: er hätte erkennen müssen, dah ich hierin nicht will- kürlich und aus Eitelkeit Versuhr. denn er hätte beobachtet, wie ich daruuter litt: er hätte mir demnach Trost und Mut zugesprochen, und mein Weib hätte dies getan, wenn fie sich Mühe hätte geben wollen, mich zu verstehen, wozu ste keineswegs der Aüchergelehr- samkeit bedurfte, sondern nur der Liebe!— Wenn ich von einem neuen Aerger. von einer neuen Kränkung, von einem neuen Miß- lingen tief verstimmt und erregt nach Hause kam. was spendete mir da dieses mein Weib anstatt des Trostes und erhebender Teilnahme? Vorwürfe, neue Borwürfe, nichts als Vorwürfe! Häuslich gesinnt, blieb ich dennoch zu Hause, aber nickt um mick auszusprechen, mich mitzuteilen und Stärkung zu etnpfangen, sondern um zu schweigen, meinen Kummer in mich hineinfresse» zu lassen, um— allein zu sein! Dieser ewige Zwang, unter dem ich solange schon lebte, und der mir nie erlaubte, nach einer Seite hin mich ganz gehen zu lassen, ohne zu den heftigsten Auftritten zu gelangen, lastete auf mir und zehrte an meiner Gesundheit. Was ist alle körperlich« Pflege, die Du mir allerdings reichlich angedeiheu liehest, gegen die notwendige geistige für einen Menschen von meiner inneren Erregtheit! Entsinnt sich wohl meine Frau, wie fie eS einst über fich vermochte, acht Tage lang mich auf dem Krankenbette zu pflegen, kalt und ohne Liebe, weil fie mir eine heftige Aeuherung vor meiner Erkrankung nicht vergeben konnte?" Er erinnert Minna dann an ihr beiderseitiges letztes Zusammen« sein in Weimar unmittelbar noch seiner Flucht aus Dresden. Minna war zwar mit Wagner zu dessen Schwager nach Chemnitz init- gereist, jedoch wieder nach Dresden zurückgekehrt, wo ihr mm die Polizei eröffnete, dah hinter ihrem Gatten ein Steckbrief erlasien werde. Bevor Wagner Deutschland ganz verlieh, wollte er aber noch seine Frau einmal sehen— selbst auf die Gefahr hin. fich „fangen zu lasten". Sie war wirklich gekommen, allerdings aus ganz anderen Beweggründen.„Ich kann die Nacht nicht vergessen, in der ich in meinem Zuflucht-Zarte geweckt wurde, um meine Frau zu empfangen: kalt und vorwurfsvoll stand fie vor mir und sprach die Worte:„Nun. ich komme, ivie Du es durchaus verlangt hast: fetzt wirft Du zufrieden fei» I Reife nun fort, ich kehre ebenfalls noch die Nacht um!"— Es gelang mir endlich. Dich in Jena zu einem herzlichen warmen Abschiede zu gewinnen. Dieser Abschied war mein Trost in die Ferne. Nur einen Gedanken hatte ich: schnelle. unverzügliche Wedervereinigung. Feurig und seelenvoll bat ich Dich darum in meinen Briefen. Da endlich erbielt ich auf dem Lande bei Paris jenen unglücklichen Brief, der mich in seiner Lieb- und Herzlosigkeit zu Eis erstarrte. Tu erklärtest mir, nicht eher wieder zu mir kommen zu wollen, als bis ich Dich sin Auslande durch ein Verdienst ernähren könnte: auch sprachst Du deutlich au«. Du hegest keine Liebe mehr zu mir"... Und s o schrieb Minna in dem Augenblick, wo ihr Wagner von Bordeaux aus mitgeteilt hatte, dah zwei edle Bewunderer seiner Kunst, nämlich die Frauen Ritter in Dresden und Laussot in Bor» deaux die vollkommene materielle Sicherung seines Lebens über» nomine» hätten! Arbeiten sollte er, eine Oper für die Pariser schreiben, die Geld einbrächte. Rur deshalb follre er nach Parts gehen I Es ist klar, dah eine Frau, die, um ihn von Zürich wegzutreiben, erklärt hatte, sie müsse„endlich die Stube scheuern und daS Logis reinigen lassen", überhaupt eine grenzenlose Nicht- achsimg für den künstlerischen GeniuS bezeigen konnte.„Alle meine Ansichien mtd Gesinnungen blieben Dir ein Gräuel— meine Schriften verabscheutest Du, trotzdem ich Dir deutlich zu machen suchte, dah sie mir jetzt nöttger wären, als alles unnütze Opern» schreiben. Alle Personen, mit denen ich nicht gleichgesinnt war. verteidigtest Du, alle mir Gleichgesinnten verdammtest Du,— ich durfte sie vor Dir nicht einmal entschuldigen."... Weil Wagner die Aussichtslosigkeit erkannte, mit Minna jemals glücklich zusammen- leben zu können, obwohl er immer bestrebt ist, fie für ihre mit ihm„uutzlos verlebte Jugend, für ihre mit ihm überstandenen Drangsale zn belohnen", entschließt er fich. nach Griechenland und dem Orient z» gehen. Es ist dazu nicht gekomtnen. Er kehrte bald wieder nach Zürich zurück. Es tritt dann zwischen Minna und Wagner eine Frau: Mathilde Wesendonck. Diesem reinen, zarten Seelenbundc verdankt die Welt„Tristan und Isolde", das Musik- drama des„tönenden Schweigens". Nun erfolgte eine mehrjährige Trennung. Minna ging nach Dresden zurück. Wagner streifte tri Italien umher, ging auf vier Monate nach London, kehrte nach Zürich zurück, lebte wieder in Venedig und kommt im Frühjahr 1869 nach Luzern, um von hier anfangs September abermals sich nach Paris zu wenden. Die Zeitspanne zwischen 1859 bis Frühjahr 1861 umsaht WagnerS erneute Versuche, als Komponist in Parts Wurzel zu fassen. Er gibt 1860 verschiedene Konzerte in Brüssel und Parts. Endlifl) gelsitgt'es ihm, wenn auch nicht den„Tristan", so doch den „Tannbäuser" an der Großen Oper zur dreimaligen Aufführung zu bringen. Minna hatte er diesmal zur Uebersiedetung zu bewegen vermocht. Es schien, als würde das Zusammenleben dauernden Be- stand erhalten; doch war das mir ein holder Wahn. Die Wagner, das heiht dem»Tannhäuser" bereitete Niederlage zerschlug alle Glück- ibole. Minna trennte sich im beiderseitigen Wunsche und zog dauernd nach Dresden. Wagner verbrachte die nächsten Jahre auf Reisen, bald im Interesse emer Tristan-Aufführung, bald um des lieben BroteS willen Konzerte gebend. Mit einer kurzen Mit- teilung vom 28. September 13SS aus Penzing bricht der Brief« Wechsel ab. Aber auch diesmal schien der Bruch nicht unheilbar zu sein, wenn man den von Praager mitgeteilten Briefen WagnerS glauben darf, worin er seine Sehnsucht nach Minna ausspricht und behauptet, daß das frühere freundschaftliche Verhältnis leicht wieder hätte her» gestellt werden können. Man ersieht hieraus, wie sehr Wagner allzeit darauf bedacht war, mit Minna den Abend des Lebens in Glück und Ruhe gemeinsam zu feiern. Aber nicht bloß sein Wunsch und Wille war es. Wenn nwn nämlich diese 269 Briefe an Minna durchgeht, so findet man Blatt um Blatt Beweise seiner zärtlichen Fürsorge, einer Fürsorge, die rührend schön genannt werden muß. Das Letzte gibt er her, nur um Minna ohne Sorgen, ja in Be- lhaglichkeit zu wissen. Seine Liebe hörte nicht auf. Er beklagte immer das Los der Frau an seiner Seite.„Arme Frau", rief er aus, als keine Hoffnung auf Wiedervereinigung mehr bestand,„arme Frau, die mit einem Ungeheuer von Genie sich zurecht finden sollte I' Und im Frühjahr 1864, als alles vorüber war, sagte er zu Frau Eliza Wille:„Unter meiner Frau und mir hätte alles gut gehen können l Ich hatte sie nur zu heillos ver- wöhnt und ihr in allem nachgegeben I Sie fühlte nicht, daß ein Mann wie ich nicht mit gebundenen Flügeln leben kann! Was wußte sie von dem göttlichen Rechte der Leidenschaft, welche ich in dem Flammentode der aus der Götter- Huld verstoßenen Walküre verkünde I Mit dem Todesopfer der Liebe tritt die Götterdämmerung ein... Minna starb, wie bereits oben gesagt, 1866. Kurz vor ihrem Tode hatten die Feinde WagnerS von München aus verbreitet, er lasse seine Frau in Dresden bittere Rot leiden, sie sei genötigt, sich als Feinwäscherin durchzubringen. während er in LnxuS schwelge I DaS Gegenteil war wahr, und es ehrt Minna, daß sie jene gemeine Verdächtigung Wagners in einem offenen Briefe widerlegte. So fehlte es dieser traurigen Ehe doch auch nicht an einem versöhnlichen Abschluß. Indes sind die vorliegenden Briefe noch in anderer Hinsicht bedeutungsvoll. Sie offenbaren nicht nur die Misere elneZ stetigen Kampflebens, welches Wagner dank der Kurzsichtigkeit der Mitwelt zu führen gezwungen war; sie geben auch gleichzeitig weitere und höchst wichtige Aufschlüsse über Wagners AmnesticrungS- versuch« Im ganzen und großen waren sie uns ja aus den Mitteilungen und dem inzwischen veröffentlichten Bricfivechsel WagnerS mit verschiedenen seiner Freunde, wie Liszt, Bülow, Präger, llhlig, Röckel u. a. bekannt. Hier jedoch erfahren jene Tat- fachen ihre detaillierte Ergänzung und Bekräftigung. Zunächst war Wagner über die Unanfechtbarkeit seines schweizerischen Exils vollkommen beruhigt. Als sich zwei Jahre später das Gerücht verbreitete, er sei begnadigt worden, nahm er diese Zeitungsente mit„furchtbarer Gleichgültigkeit" auf. Genug, aber der Steckbrief war nicht nur nicht zurückgenommen, sondern auf Betreiben des Ministers Beust erneuert worden. Aller- dingS gesteht Wagner 1851, daß„es auf die Länge der Zeit denn doch ein Elend mit seinem Anfenthalt in Zürich sei, das endlich doch zu fühlbar ivird, als daß es immer nur durch stolze Entsagung zu bekämpfe» und zu unterdrücken wäre. Ich gestehe, daß— wenn mir heute der Großherzog von Weimar die Erlaubnis auswirkte, in seinem Ländchc» ungestört leben zu dürfen, ich wahrscheinlich mich nicht laitge besinnen loürde, von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen". Liszt nährte die Hoffnung auf diese Verwirklichung i ja, er unternahm Schritte in solcher Richtung. Natürlich ohne Erfolg, denn noch 1861, als er für Wagner ohne dessen Willen die Verleihung eines Ordens erbat, ließ der Großherzog erst vorsichtig in Dresden anfragen, ob das dort vielleicht übel vermerkt werden würde. Man bedeutete ihm, in solchem Falle würden alle Orden refüsiert werden, die der Großherzog zuvor an Dresdener Würdenträger ausgeteilt hätte! Die sächsische Regierung ließ Wagner sogar auf Schritt und Tritt beobachten und verlangte 1859 nicht nur seine Ausweisung aus Venedig von der österreichischen Behörde, sondern ließ Wagner sogar noch 1863 in Wien beobachten. Wenn Wagner inzwischen auch zweimal an den König Johann von Sachsen wegen der Aufhebung de? Ausweisungsdekrets geschrieben hatte, so läßt sich daraus keineswegs auf Kriecherei bei Wagner schließen. Wohl hatte er einmal schon den Gedanken erwogen. ob er sich der sächsischen Staatsgewalt nicht doch auf Gnade oder Ungnade stellen sollte, wiewohl bereits zehn Jahre seit dem Dresdener Aufftand verstrichen waren. Er war aber rasch von dieser Absicht abgekonnnen. Dem sächsischen Hof traute er eben die erbärmlichsten Handlungen zu. Mehrmals läßt er sich in scharfen Ausdrücken darüber aus. Sein Groll gegen den Dresdener Hof, wo er„wie ein räudiger Hund" behandelt worden sei, war ebenso lief als sein demokratisches Freiheitsgefühl. Schließlich sprach er eS offen aus, daß er sich überhaupt auf keinen Fürsten verlassen wolle. Wenn Sachsen ihn endlich amnestieren werde, so würde das nicht seinetwegen geschehen, sondern Schanden halber.... Betrachten wir also diese Briefe an Minna genauer, so gewinnt da? Charakterbild WagnerS auch gerade nach feiner memchlichcn Seite und im besonderen hinsichtlich seiner Steifuackigkeit gegenüber Fürstenthronen nur noch an Sympathien— wenn wir nicht schon hierfür von mancher Seite, wie von Hans v. Bülow u. a., neuer» dingS auch durch Angela Neumann(„Erinnerungen an Richard Wagner") sehr glaubwürdige Beweise empfangen hätten. _ Ernst Kreowski. Kleines f euilleton* Medizinisches. Der Erreger des Gelenkrheumati». Im Gegen- scch zu dem chronischen Rheumatismus, der auf krankhaften Ver» änderungei des Stoffwechsels beruhen muß, ist der akute Rheu- matismus mit immer größerer Sicherheit als eine ansteckend« Krankheit festgestellt worden, die wahrscheinlich von Bakterien ver» mittelt wird. Nicht nur die Beobachtungen an einzelnen Kranken haben zu diesem Schluß geführt, sondern auch die Erfahrung, daß dies Leiden epidemisch auftreten kann. Die wichtigsten Arbeiten über die Bakteriologie des akuten Rheumatismus hat der deutsche Forscher Wassermann geleistet, nach ihm aber hat eine große Zahl von anderen Fachleuten sich der gleichen Aufgabe gewidmet und die Ergebnisse seiner Untersuchungen bestätigt. Jetzt hat Professor Bcattie aus Sheffield neue Versuche mit einem Kleinwesen ange- stellt, das er von drei typischen Fällen dieser Erkrankung ausge- schieden hatte. Das wichtigste Ergebnis dieser neuen Forschungen, die ihr Urheber in der Märzsitzung der Modico-Chirurgischen Ge- scllschast in Sheffield vorgetragen hat, ist in der Tatsache zu er- blicken, daß es ihm gelungen ist. durch Einimpfung jenes KeimS bei Kaninchen eine Krankheit zu erzeugen, die in ihrem klinischen Bild durchaus die Merkmale deS akuten Rheumatismus trug, wie er beim Menschen austritt. Das betreffend« Klcinwesen gehörte zu der Gruppe der Streptokokken und fand sich bei den geimpften Tieren nur in den Gelenken, nicht aber im Blut ober in den Ausscheidungen der Gelenke. Durch Einspritzung in die Adern verursachte Professor Beattie ferner bei Kaninchen mehrfach Gelenkentzündung und auch eine Entzündung der inneren Herzhaut. Die Sterblich- kcit unter den Versuchstieren beirug 49 v. H., aber eine Wieder- Herstellung war selten. Möglicherweise hat der englische Forscher tatsächlich den eigentlichen Erreger des Gelenkrheumatismus gc- fundcn, denn die Versuche, die von ihm und anderen Gelehrten mit Streptokotten von anderer Herkunft als rheumatischer Er- krankung gemacht worden sind, haben ein ganz verschiedenes Er- gcbnis geliefert, das der Krankheit, wie sie beim Menschen auftritt, unähnlich war. Hydrographisches. Die Entstehung des Grundwassers. Nach den von v. Pettcnkofer aufgestellten Regeln über den Kreislauf des WasserL gelangt das an der Oberfläche der Meere verdunstende Wasser in Form von Regen auf die Erde, dringt in dieselbe ein und tritt oberhalb einer undurchlässigen Schicht als Quelle zutage, um in den Wasserläufen der Erdoberfläcl)« wieder ins Meer zurück- zugelangen. Hiergegen machte, wie wir im„Prometheus" lesen, Vogler schon in den achtziger Jahren geltend, daß die Nieder» schlage im allgemeinen nicht ausreichten, um die sich überall finden- den großen Vorräte an Grundwasser immer neu zu ergänzen. Die Verdunstung des Regenwassers ist auch weit größer, als man bis- her angenommen hat, und andererseits ist der Teil der Nieder- schlagsmenge, ivelchet in den Untergrund eindringt und zur Ver- rnchrung deS Grundivassers beiträgt, viel geringer, als bisher an- genommen wurde. Ein starker Gewitterregen dringt z. B. in fandi- gen, gut durchlässigen Boden nicht tiefer als 29 bis 25 Zentimeter ein, und wenn nicht neuer Regen nachfällt, verdunstet das Wasser wieder, ohne bis an den Grundwasserspiegel zu gelangen. Im Durchschnitt verdunstet an der Erdoberfläche mehr Wasser, als vom Himmel herabfällt. Auf die Bildung und das Verhalten des Grund- Wasserspiegels hat demnach die Niederschlagsmenge nur untergeord- ncten Einfluß, und Haedicke hat nachgewiesen, daß in der Tat die Bildung des Grundwassers weniger auf das Eindringen von Niederschlagswasser als auf das Eindringen von Wasser- dampf in die Erde zurückzuführen ist. Er setzte einen mit kleinen Steinen gefüllten Teller dichi am Strande des Meeres in eine Grube und füllte diese wieder mit heißem Dünensande auf. Am folgenden Tage befand sich trotz heißer, regcnloscr Zeit in dem Teller klares, salzfreies Wasser. Eine in Siegen 1,7 Meter tief eingegrabene, mit Rand und Ablauf versehene und gegen Regenfall geschützte Platte lieferte stets Tropfwasser, wenn vor dem Regen die Luftfeuchtigkeit zunahm. Diese Versuche weisen darauf hin, daß das Grund.oasscr Ivenigstcns teilweise durch Kondensation deS mit der Luft in das Erdinnere cindriirgendcn Wasser- dampfeS gebildet wird. So erklärt sich auch, daß z. B. das Steigen des Grundwasserspiegels vielfach schon vor dem Regenfall eintritt, wenn die Luft ganz l>esonders mit Wasserdampf gesättigt ist; die Kondensation des Wasserdampfes und die Wasserbildung tritt dann in der Erde schon früher ein, als die Abkühlung draußen zum Rcgenfall führt. Auch die bekannte Tatsache, daß sich nicht selten dicht unterhalb der Spitzen hoher Berge fast nie versiegende Quellen vorfinden, läßt sich auf Grund dieser Anschauung ebenso zwanglos erklären, wie die Bildung von Hochseen» die in bedeutender Höhe von 1399 bis 2999 Meter liegen. Verantw. Redakteur: Georg Davidkobn, Berlin.— Druck u. Berlaa: Vorwärts Vuchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SVf.