Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 77. Freiwq den 17 April. 1903 (Nachdruck verbolen) ig)' Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. Das war Oel ins Feuer. Den Kopf in beide Hände ver- graben, las er stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut:„O Gott— o Gott l" Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein Mut, welch ein Wahrheitsmut: Welch eine erschütternde Liebe zur Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen: aber kaum hatte er das Buch berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen: eine geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er fühlte nur eine unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut, sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen, die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte. Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter— er hatte Einblick in den Lehr- plan des Seminars bekommen— ach: was gab es da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in Literatur und Geschichte. Mathematik und Naturwissen- schaften— ihm lief das Walser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu lernen— „O Erd', o Sonne, O Glück, o Lustl' das war der tägliche Text seines Hcrzcnsschlages, die immer wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün über unendliche Fluren in : einem Herzen dehnte: es war derselbe Frühling, derselbe erchenfrohe Lebcnsmorgcn. Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend, erzählt:„Da ihn die Wehmutter mir brachte, Hub ich ihn gen Himmel und rief:„Bin ich nicht ein glück- sicher Mann?" Im Uebermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrusen: Bin ich nicht ein glücklicher Mann? Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich geworden. „Aber ich bin glücklich!" rief Asmus in sich hinein,„und ich werde glücklich sein, ich weiß es." Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem April- morgen zum ersten Male die Schwelle des Seminars. Er hörte nicht die Sckiere klingen, die Schere des Gärtners, der herkam, sein Glück zu beschneiden. Zweites Blich. Arbeit und Kampf. 14. Kapitel. (Der Gärtner beginnt, seine Schere zu handhaben.) Asmus war erst wenige Tage im Seminar, als er sich auf dem Heimwege, auf demselben Spielbudenplatze, der seine sonntäglichen Schwelgereien in nun vergangenen Tagen ge« sehen hatte, von einer weiblichen Stimme anrufen hörte. „Asmus, sei man nich so ßtolzl" rief die weibliche Stimme. Er fuhr aus seinen Gedanken auf und starrte in das Gesicht einer Frau, die ein Kind auf dem Arme trug. Ja, war's denn möglich— das war ja Adolfine Moses, die mütterliche Gespielin früherer Jahre, die treffliche Sibylle, in deren Herenlüche er so manchen Buchweizenkloß gegessen hotte, die ihm die erste Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Frankreich gebracht hatte. Jl'cnns mich woll ganich mehr?" rief Adolfine und vcr« zog lachend den Mund bis an beide Ohren. „Aber natürlich. Adolfine, natürlich kenn ich Dich!" rief Asmus. Ihre Häßlichkeit war im wesentlichen nicht anders geworden, nur reifer.„Wie geht's Dir denn?" „Och. ich bin jetz verheirat't. Dies is mein Jung: mags ihn leiden?" „Ja, natürlich", sagte Asmus. „Was bist Du denn geworden?" forschte Adolfine. „Ich will Lehrer werden", antwortete Asmus. Da klaffte Adolsinens Mund wie eine Löwcngrubc, und sie lachte, daß es über den ganzen Platz hallte. „Bis woll verrückt!" schrie sie. Asmus sah sich unwillkürlich um.„Schrei doch nich so!" rief er.„Natürlich wcrd' ich Lehrer." Aber es kostete viel Mühe, sie daran glauben zu machen. Und langsam und gradweise, wie sie ihm Glauben schenkte. öffnete sich wieder ihr Mund. „Kanus das denn alles in'n Kopf behalten?" fragte Adolsine. Sie dachte an ihre eigene Schulzeit. „Jaa— ziemlich", versetzte er langsam.„Aber letzt muß ich weiter. Adieu, laß Dir's gut gehen!" Er gab ihr die Hand; aber sie war jetzt sprachlos, und als er schon fünfzig Schritte weit war, stand ihr Mund noch immer offen.-- Hinter der Satyrmaske Adolsinens war das Schicksal verborgen gewesen und hatte gerufen:„Du bist wohl ver» rückt!"—---- Das drohende Tabakmonopol und später die erhöhte Tabakslcucr lasteten schwer aus dem Gewerbe der Zigarren- macher: wenigstens hatten die Fabrikanten die ohnedies be- schcidcncn Arbeitslöhne noch herabgesetzt. Der Urheber der Steuer nannte sich Bismarck, und dieser Bismarck wurde in den Stuben der Zigarrenarbeitcr um dessen willen nicht ge» liebt. Aber dieser Bismarck hatte noch etwas anderes hervor- gebracht, und das war das Ausnahmegesetz gegen die Sozial- dcniokratie.� Asmussens Bruder Johannes aber war leiden» schaftlichcr Sozialdemokrat. Nicht als Redner trat er hervor: aber er war im Vorstand der Ortsgruppe und wirkte still und begeistert für die Organisation. In harter Winterzeit machte er Agitationsreisen ins unberührteste Schleswig-Holstein. dorthin, wo die Landbevölkerung den„Dczimalkroaten" Unterkunft und Nahrung weigerte und sie nicht selten mit Hofhunden an Leib und Leben bedrohte. Einmal aber trat Heinrich Moldenhuber, der„Wolken- schieber" oder wie ihn Ludwig Semper ob seiner stürm- geschwellten Rockschöße gewöhnlich nannte: Heinrich der See- fahrer ins Arbeitszimmer der Semper und sagte mit stoischem Lächeln: „Ich bin ausgewiesen." Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses neunundzwanzigjährige Kinder- herz sollte„gemeingefährlich" sein? Wie? dachte Asmus. dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und meiner Heimat gehört— den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben; aber nie würde er auf- gefordert haben, eine zu bauen: er würde vielmehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht aus- übenden General von seinem Irrtum und von der Nichtigkeit der sozialistischen Lehre zu überzeugen. Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache. .Wohin willst Du oenn?" fragte Ludwig Semper. „Nach Amerika" antwortete Moldenhuber ruhig. Nach Amerika I Ter Wolkenschieber nach Anierika! Ta3 Kar so, als wenn Hölderlin auf die Hamburger Börse ge- gangen wäre, um hinfort in Kaffee zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die Schicksals- Wendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen? Nahm er nicht seine Dichter und Philo- sophen überallhin im Kopfe mit? Und für eine Bücherkiste war. wohl auch noch Platz im Zwischendeck. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck uerdolerr.) Der f)crr von Kaarnajarvu Von Juhani Aho. Aus dem Finnischen übersetzt von Laura Feil. (Fortsetzung.) „Das glaube ich schon, boshaft genug ist er... Aber meint Ihr nicht doch, daß er sich zureden lasten wird?" „Ja, wer kann das im voraus wissen?" „Ich will auf der Stelle zu ihm. Mein Weg führt mich zufällig vor ihm vorbei. Hauptmann, Ihr seid ein prächtiger Mensch, auf Euch halt' ich'was, bei Gott! Adieu denn!... Sprecht doch hie und da einmal bei mir vor, Freundchen. Ihr macht Euch so selten, obgleich wir Nachbarn sind. Also Adieu!" „Warum gar so eilig! Setzt Euch doch noch ein wenig nieder Und raucht mit mir ein Pfeifchen." „Nein, nein, besten Dank. Ich hätte zwar gern noch ein Pfeifchen geraucht, aber jetzt habe ich keine Zeit dazu. Ich mutz schleunigst zum Amtmann... ich fürchte, er könnte später fort sein. Entschuldigt also." „Na denn, Gott befohlen." „Adieu, Freundchen. Grützt Eure Frau von mir und bergetzt ja nicht, mich zu besuchen.""" Und draußen war er mit einem rischen, ehrerbietigen Gruße. Im selben Moment kam der Amtmann aus seinem Versteck hervor. Beide, Botbcrg und der Hauptmann, blickten verstohlen durchs Fenster und sahen, wie Hellman ungestüm sein Pferd vom Zaune band und in den Schneesturm hinausjagte. Nun aber lachten sie aus vollem Halse über den gelungenen Streich, den sie ihm ge- spielt hatten. Endlich bemerkte der Hauptmann-„Aber sind wir nicht ein bißchen zu hart mit dem Aermsten verfahren?" „Keine Spur. Dieser Kerl, dieser Shylock! Er soll nur einmal selbst fühlen, wie einem zumute ist, wenn man von anderen ab- hängig ist." Ich bin nur neugierig, was er tun wird, wenn er Dich nicht zu Hause trifft." „Wenn er hört, daß ich hier bin, macht er sofort Kehrt und kommt wieder zurück." «DaS glaub' ich kaum." „Tu wirft sehen, er kommt. Ich wette um meinen Kopf, daß wir ihn heute nachmittag wieder hier haben." Und in der Tat, die Lampen waren noch nicht angezündet, da fuhr auch schon der Gutsbesitzer zum zweitenmal in des Haupt- inanns Hof ein, just in der Dämmerung. Die beiden Busenfreunde saßen gerade bei einem heißen Punsch, als sie im Vorzimmer das Stapfen von schweren Männer- tritten und ein Tasten nach der Klinke vernahmen. Endlich betrat Hellman mit beschneiten Haaren und Augen- brauen das Zimmer. Man hatte ihm in Botbergs Hause mitgeteilt, daß der Herr sich zum Hauptmann begeben hätte. Unverzüglich hatte sich Hellman daraufhin wieder aufgemacht und war spornstreichs wieder zurück- gefahren. Nicht einmal so viel Zeit nahm er sich, einen kleinen Abstecher in sein eigenes Haus zu machen, und die ganze lange Zeit hindurch folterte ihn der Gedanke:„Jetzt stecken sie sicherlich die Köpfe zusammen! Ich muß so rasch als möglich hin, sonst stimmt Botbcrg den Hauptmann noch zu meinen Ungunsten um." Plötzlich stieg aber der Verdacht in ihm auf, daß der Amtmann am End: gar schon morgens beim Hauptmann gewesen sct. „Sicherlich," sagte er sich,„sonst hätte ich ihin ja jetzt begegnen müssen! Ich erinnere mich auch, noch einen zweiten Schlitten etwas abseits im Hofe gesehen zu haben. Meiner Treu! Die hinterlistigen Halunken haben mir diesen Streich gespielt!" Doch, obgleich er sich dessen bewußt war, daß sie ihn einfach zum Narren gehalten, verfiel er jetzt angesichts der beiden behaglich beim Glase Sitzenden nicht in Wut, sondern trat mit einem fast schüchternen Gruß näher. „Guten Tag, guten Tag!" gaben Botbcrg und der Hauptmann gemächlich zurück.„Nehmt Platz, Gebatter." Mit einem mißtrauischen Blick auf das Paar und sich mit den Fingern durch den nassen Bart streichend, setzte sich Hellman auf «inen Sessel in der Nähe des SofaS nieder. Der Hausherr bot ihm Tabak und Punsch an, aber er nahm weder von dem einen noch von dem anderen. Unbeirrt fuhren der Haupimann und sein erster Gast in ihrem Gespräch über gutes und schlechtes Wetter, Schneestürme usw. zu reden fort und sie versuchten, auch Hellman ins Gespräch zu ziehen. Hin und wieder streute er in gezwungenem To» ein Wort ein und lauerte auf eine Gelegenheit, sein Anliegen vorzubringen. Endlich ging der Hauptmann hinaus, um heißes Wasser zum Punsch zu holen, und Hellman wandte sich an den Amtmann: „Ich suchte Euch soeben in Eurem Heim wegen unserer Angelegen- heit auf. Sicherlich hat der Hauptmann schon mit Euch ge- sprochen." „Nein. Was ist das für eine Angelegenheit?" „Nun, die Geschichte bei der Steuersitzung. Ihr wißt schon, was ich meine. Erinnert Euch, bitte." Der Amtmann dampfte unaufhörlich aus seiner Pfeife.„O ja, an die Geschichte erinnere ich mich sehr wohl. Was soll's denn damit?" „Ihr habt mich bei Gericht verklagt; aber ich meine, wir sollten es nicht erst so weit komme» lassen. Nicht?" „Weshalb nicht? Auf diesem Wege werden wir unS am ehesten Genugtuung verschaffen." „Nein, nein, lassen wir es nicht erst dazu kommen, machen wir lieber, wie es sich für achtbare Männer schickt, die Sache unter uns ab." Der Amtmann sog nachdenklich an seiner Pfeife weiter und sagte nichts, so daß Hellman gezwungen war, fortzufahren: „Außerdem wäre ich sogar zu einem kleinen Geldopfer bereit, um alles aus gütlichem Wege.. „Hm! Das ist alles ganz gut und schön, aber Ihr schmähtet mich— erinnert Euch gefälligst daran— auf die gemeinste Weise. Ihr nanntet mich einen Schurken, einen Trunkenbold, ja sogar einen Ehebrecher." „Ehebrecher habe ich nicht gesagt." Der Amtmann wurde mit einem Male zornig.„Was?" fuhr er auf.„Ihr habt das nicht gesagt? Ihr wollt jetzt bestreiten, daß Ihr das gesagt habt? Ich aber wiederhole Euch, Jbr habt diesen Ausdruck gebraucht und noch ganz andere dazu. Ihr habt mir Beleidigungen ins Gesicht geschleudert, mir, einem Tiener deS Staates, und noch dazu in öffentlicher Sitzung." „Ich weiß von nichts; ich weiß nur. daß mir vor Erregung mein Kautabak aus dem Munde fiel." „Fiel? Das stimmt nicht. Ihr nahmt ihn direkt mit den Fingern aus dem Munde und warft ihn nach mir. Es lag in Eurer Absicht, mich zu treffen. Daß es nicht geschah, war reiner Zufall. Seid versichert, daß ich solche Behauptungen nicht aus der Luft greifen würde. Ich bin aber durchaus nicht gesinnt, mich als Beamter, dessen Pflicht es ist, die Ordnung aufrecht zu er- halten und über die Sick�rheit von Ehre und Gut zu wachen, öffentlich beleidigen zu lästern Wißt Ihr auch, welche Strafe aus ein derartiges Delikt entfällt?" „Ich weiß es, ich weiß es; sie ist viel zu streng. Ich ließ mich ja nur von meinem Temperament hinreißen; ich bin unzurechnungs- fähig, wenn ich in Aufregung gerate." „Das geht mich gar nichts an. Das Gericht wird sein gcsetz, mäßiges Urteil fällen." Der Amtmann war ernsthaft böse geworden, da er sich den ganzen Vorgang ins Gedächtnis zurückrief. Die Hände auf dem Rücken, schritt er erregt im Zimmer auf und nieder. Hellman ging dicht hinter ihm her und brachte allerlei Einwände und Ent- schuldigungen vor. „Hört mich doch an, mein Lieber, laßt den Streit nicht erst bor Gericht kommen. Nehmt die Vorladung zurück, bester Freund. Ich will zahlen, was Ihr fordert. Nehmt sie zurück. Der Haupt- mann hat ja auch bereits in einen Vergleich gewilligt. Nicht wahr,- Hauptmann?" Er nahm diesen, der gerade wieder ins Zimmer trat, zum Zeugen. „So ist's," bestätigte der Hauptmann, während er eine Kanne mit heißem Wasser auf den Tisch stellte. „Na also, weshalb solltet Ihr eS dann nicht auch tun können? Uebcrlegt es Euch nur Freundchen. Bereitet mir doch nicht solche Unannehmlichkeiten. Wie gesagt, ich will ja zahlen, was Ihr verlangt." (Fortsetzung folgt.) �ecbnifcke R.iinclfckaii. (Neuerungen anDampfkesselfeuerungen, Schorn« st einen und Kesselreinigungsapparaten.) Das Wahrzeichen eines jeden Industriegebietes sind heute fast durchwegs die zahlreichen hohen Schornsteine mit dem ihnen ent- strömenden Ruß und Qualm. Ganz abgesehen vom ästhetischen Stand- Punkt ist dieser Rauch für alle Anwohner in größtem Maße gesimdhcits- schädlich und bedeutet auch für den Kapitalisten einen direkten Verlust, da er in der Hauptsache aus imverbrannteii also unansgcnutzten Kohlenteilchen besteht. Diese Ranchentwickelung tritt in vor- wiegendem Maße dann ein, wenn die Heiztüre eine-- Dampfkessels geöffnet wird, damit der Rost neu beschickt werde. Der dabei ein- tretende kalte Luftstrom verursacht die unvollkommene Verbrennung und den Ueberschuß an unverbrannten Kohlenteilchen in den ab- ziehenden BerbrenmmgSgnsen. Um diesen Grund der Rauchbildung zu vermeiden, hat HugheS einen automatisch wirkenden Rauch- verzehrer konstruiert. Dieser beruht auf dem Prinzip, daß nach jeder Beschickung bezw. bei jedesmaligem Oeffnen der Heizttire ein Strom von warmer Luft aucomalisch über den Rost geschickl wird. Die beste rauchverzehrende Feuerung ist, so lange der Kessel Von der Hand beschickt wird, wie ein bekannter Professor zu sagen pflegte, ein tüchtiger gut bezahlter Heizer. Denn von deflen Geschick- liebfeit, wie und wann er neue Kohlen aufwirft, hängt die Rauch- bildung in größtem Maßstäbe ab. Von welcher Bedeutung ein tüchtiger Heizer( für einen Betrieb ist, zeigen in Sheffield durchgeführte interessante Versuche. Ein und derselbe Kessel wurde von fünf verschiedenen Heizern bedient. Der geübteste. erzielte bei fonjt gleichen Verhältnissen mit 1 Kg. Kohle, 9 Kg. Dampf, die geruigste Leistung betrug aber nur 7,4 Kg. Bei der schlechten Bedienung leisteten also die Kessel und dann auch die Maschinen zirka 20 Proz. weniger. Buch in Deutschland ist man zu ähnlichen Resultaten gelangt. In der Zeitschrift des„Bahr. Dampf- kefiel-Revistons-Ver." empfiehlt Geiger nach eingehenden Unter- suchungen über die körperliche Leistungsfähigkeit der Heizer, die viel- fach an die Heizer gestellten sehr großen Ansprüche in bezug auf die Heizgeschwindigkeit herabzumindern. Man würde durch die dann mögliche größere Sorgfalt beim Helzen vom ökonomischen Standpunkt dennoch für den Betrieb günstiger fahren. Wie auf allen Gebieten, macht sich auch hier das Bestreben merkbar, von der Geschicklichkeit des Einzelnen unabhängig zu werden und seine Arbeit der präziseren, unermüdlichen und— billigeren Maschine zu übertragen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus sind die»mechanischen Feuerungen" entstanden. Die mechanischen Feuerungen, die vorerst nur für größere Betriebe ge- eignet find, bringen vor allem eine Reduzierung des BetricbSpersonalS und so der Löhne mit sich. Während z. B. in einem be- stimmten Falle für eine Kesielanlage von 7500 Pferdestärken bei Handfeuerung 10 Heizer und eine HülfSkrast erforderlich waren, benötigte derselbe Betrieb nach Uebergang zur mechanischen Feuerung nur 3 Heizer und 2 Hülfsarbeiter. Auch die Rauchentwickelung ist bei der mechanischen Feuerung auf ein Mindestmaß beschränkt, wenn auch minderwertige Brennmaterialien verbrannt werden. Für Kessel mit Autzenfeuerung, sog. Wasserrohrkessel, kommen in erster Linie die neuen Ketten- oder Wanderroste in Frage. Bei diesen mechanischen Feuerungen liegt die Kohle in gleichmäßiger Schicht auf einer endlosen durch Walzen vorbewegten ette, die langsam in die Feuerung eingeführt wird. Eine inter- eflante mechanische Feuerung für Kessel mit innen liegender Feuerung ist die K a t a p u l t- F e u e r u n g, bei der die Kohle wie von einem Katapult, einer Art der antiken Schleudermaschiiien, durch Schaufeln, die unter Einwirkung von Federn stehen, in den Feuer- räum geschleudert wird. Ein drittes System neuerer mechanischer Feuerungen find die Unterschubfeuerungen, bei denen die Kohle aus dem Fülltrichter von unten mittels einer Schnecke in die Brenn- schickt gehoben wird. A llen diesen Feuerungen ist. wie bereits erwähnt, die Unabhängigkeit der Bedienungsmannschaft und die rauchfreie Ver- brennung gemeinsam. Auch Kohenzufuhr und Aschenabfuhr ge- schehen jetzt bei größeren Anlagen durchweg automatisch mit dem Seringsten Aufwand an Bedienungspersonal. Nachstehende Be- hreibung einer automatischen Kesselheizung und Aschenförderung nach System Dennis für eine Batterie von 12 Kesseln mit einer Gesamtleistung von 4500 wird wohl am besten die einschneidenden Ber- änderungen, die dieses System im Betrieb hervorruft, erkennen lassen. Für die Bedienung sämtlicher zwölf Kesiel genügen vier Mann, zwei bei Tag und zwei bei Nacht. Diese haben nur den Wasserstand und den Zustand der Feuerung zu beobachten, also keine schwere Arbeit zu verrichten. Zur Ueberwachung der Aschcnförderung ist ein weiterer Mann erforderlich. Der Kohlenwogen wird über einer Grube ent- leert. Aus dieser Grube und dem mit ihr in Verbindung stehenden Kanal wird die Kohle mittels Elevatoren in eine oberhalb der Kessel befindlichen Rinne befördert. In dieser Rinne bewegt sich dauernd eine endlose Kette, die die Kohle ans den Rost bringt. Die Asche wird aus einer Rinne, die sich unterhalb des AschenfolleS be- findet, mittels eines Schöpfwerkes automatisch in einen senkrechten Elevator eingefüllt und durch diesen in einen Bebälter entleert. Die ganze Anlage kann täglich 10 000 Kilogramm Kohle verfeuern. Die Raucherzeugung ist um so ärger, je minderwertiger das Brennmaterial ist. Die mechanischen Feuerungen erfordern aber, daß das zu verfeuernde Material möglichst gleichmäßig ist. Bei den minderwertigsten Brennstoffen also,. bei Torf, Holz, Müll, Kohlenstaub lassen sich mechanische Feuerungen nicht gut anwenden. Da ist und bleibt man vorläufig auf die Sorgfalt des Heizers an- gewiesen. Ein gutes Mittel ist in solchen Fällen, sich nicht auf den natürlichen Zug des Schornsteins zu verlaiien, sondern mit k ü n st- lichem Zug zu arbeiten. Dieser künstlicbe Zug wird in neuerer Zeit auch sonst verwendet, um kostspielige Schornsteinbauten zu ver- meiden. So wird zum Beispiel in dem Wege der abziehenden Feuergase ein Neiner, durch eine eigene Kolbendantpfinaschine oder Dampfturbine angetriebener Ventilator angeordnet, durch den ein sogenannter induzierter Zug erzeugt wird. In der Regel ist man aber noch immer auf Schornsteine an« gewiesen, die wnmer gigantischere Abmessungen erhalten muffen. Während bis vor kurzem die Schornsteine auS Formziegeln hergestellt wurde», gebt man jetzt besonders für große Höhen nach dem Beispiel der Amerikaner daran, Eisenbeton für Schornsteine zu verwenden. Diese Betonschornsteine haben noch den Borteil, daß sie nicht mit feuerfestem Material gefüttert zu werden brauchen, da der Beton gegen Hitze sehr unempfindlich ist. Bei der Herstellung aus armiertem Beton ist der Schornstein durchwegs zylindrisch ausgefübn und besteht auS zwei konzentrisch ineinauder steckenden Belonröhren, die zwischen sich einen Luftraum freilassen. Die Ver- steifung der Betonröhren untereinander erfolgt durch Eiseustäbe. Auch aus Stahlblech werden bis zu 100 Meter Höhe in Amerika Schornsteine aufgeführt. Nach der Kohle ist für den Dainpflesselbetrieb das Wasser das wichtigste. Leider ist das zur Verfügung stehende Wasier oft als Spelsewasser ungeeignet, weil es zu„hart" ist, das beißt es ent- hält zu viel Kalk und Magnesia, die zur Kesjelsteiuhildimg Anlaß geben. Dieser Kefielstein ist für den Keffel sehr gefährlich, weil er sich an der Wandung des Bleches festsetzt und die Abkühlung behindert, ferner hemmt er die Wasserzirkulalion und begünstigt, da infolgedesieu größere Beanspruchungen des Kesielbleches emsteben, die Explosionsgefahr. Man sucht daher das Wasier vor dem Ge- brauch für die Kesselspeisung zu enthärten, indem man ihin gewiffe Chemikalien zusetzt. In dem Schroederfchen Wasserrcini» gungsapparat geschieht dies automatisch, indem durch diesen Apparat den, Rohwafier proportional dem Wasserverbrauch die er- forderlichen Chemikalien zugesetzt werden. Vollständig läßt sich die Kesielsteinbildung oft nicht vermeiden, weil man selten entsprechend reines Speisewasser zur Verfügung hat. ES muß dann von Zeit zu Zeit der Kesselstein abgeklopft werden. Damit dies möglichst schonend und schnell geschieht, verwendet nach einem neueren Patent eine französische Firma ein elektrisch be- triebeneS Riffclrädchen, das an einer beweglichen Stange montiert ist und durch die Zentrifugalkraft an die Kesiel- oder Röhrcnwand angepreßt wird. Der auf diese Weise losgelöste Kesselstein wird durch einen Wasserstrahl fortgeschwemmt. Ein anderes französisches Patent will überhaupt zur Entfernung des Kesselsteins keine mechanischen Mittel benützen, sondern sich dazu der Einwirkungen einer aus llbereimmdecgelegten Blei- und Eisenplatten bestehenden thermoelcktrischcn Säule bcd'.enen. Sth. Kleines femlleton* Vom Osterhasen. Der Osterhase, der putzig ausstaffiert mii seinen drolligen Männchen jetzt hcrumhüpft, hat ernsten Männern schon mehr Kopfzerbrechen. gemacht, als der ahnungslose Frohsinn unserer Jugend sich wohl träumen läßt. Wie kommt Meister Lampe wohl zu dem ebenso ehrenvollen wie ihm schlechterdings unmög« lichen Geschäfte des Eierlegens? Wir haben eS jedenfalls hier mit einer urdeutschen lleberlieferung zu tun, denn in den Oster» brauchen anderer Länder weiß man nichts vom dieser für uns so wichtigen Figur. In der altgermanischcn Mythologie erscheint eine der Holda verwandte Frühlings- und Waldgöttin„Mutter Rose" auf ihrer Fahrt durch die erwachende Natur von Hasen begleitet; nach einer niedersächsischen Sage tragen ihr dabei zwei Häschen die Schleppe, zwei andere laufen mit Lichtern voraus. Als ein wunderlich elbisches Wesen erschien der langohrige. pfeilgeschwinde Bewohner der Wälder und Felder unseren Vorfahren; mit den Wurzelmännchen, den Kobolden und Zwergen, all dem schnurrig kauzigen und doch zugleich dämonisch mächtigen Volk der Erde und des Hains schien er verwandt zu sein, und nicht selten verwandelt sich im deutschen Märchen ein Häschen in einen glückbringenden Zwerg. Elben und Wichtelmännchen sind Freude verkündende Vorboten, wenn sie den Frauen erscheinen, um ihnen baldigen Kindersegen.zu verkündigen. Der Hase, der wegen, seiner Frucht- barkeit früher so berühmt war wie jetzt das Kaninchen, hat infolge seines elbischen Wesens mannigfache Kräfte, und wie er früher mit der Frühlingsgöttin in Verbindung gebracht wird, unter deren Tritt die winterlich erstarrte Natur zu neuem Leben aufblüht, so wird er auch zum Symbol der Fruchtbarkeit. Das so der Hase zu einem Oster- und Frühlingsticr wird, ist verständlich. Aber warum legt er Gier? Ein anderes Tier, dessen zu Ostern die Germanen gedachten, war der Hahn, der Verkünder des Tages, des nach langer Winternacht anbrechenden Frühlingslichtes. Wie so manche rötlichen Tiere dem rotbärtigen Tor, dem Besieger der Frost- und Ncbelricsen, dem Helden, der den Winter vernichtenden„Ost- oder Ostcrnfahrt" heilig sind, wie das Eichhörnchen, auf daS zu Ostern die jungen Burschen Jagd machen, das Rotkehlchen und der Fuchs, so ist auch der rote Hahn ein besonderer Liebling des Tor, und. sie rot gefärbten Ostereier, die er legen soll, sind Symbole des Lebens und der Fruchtbarkeit. Der Humor unseres Volksgeistes brachte nun die beide» uralten Symbole junger fruaitbarcr Lebens- kraft in eine überraschende Verbindung miteinander, indem er den Hasen, der zu Ostern schon, wenn kaum die ersten grünen Halme aus der Erde gucken, seine Familie um einige Junge vermehrt, die Eier legen ließ, in denen alles Wachsen und Gedeihen im Keime schlummert. Das Ei gilt in vielen Religionen und Mythologien als das scheu verehrte Sinnbild der Natur und der alles gebären- den Mutter Erde. Das Ei spielt daher natürlich beim Osterfest, daS den Einzug des Frühlings und das Erwachen alle» jungen Lebens feiert, eine große Rolle. Da ist da» Eierpickcn, das gegen- seitige Aufklopfen der Eier« wie es in Suddeutschland auch heute noch ein beliebtes Kinderspiel ist, ein Symbol der Ruferweckung des Lebens aus dem Ei. Das österreichische„Eierschupfen", das in die Höhe Werfen und Auffangen des Eis, aus dem uralten österlichen Ballspiel entstanden, das badische„Ostcreierruggeln", wobei man Eier den Wiesenhang hinabrollt, das Eierlaufen, bei dem es darauf ankommt, wer am schnellsten die weithin verstreuten Eier sicher zusammenliest und dann das Eierlcsen, wohl das be- liebteste Lsterspiel. DaS Eierlesen hat sich augenscheinlich aus dem Wettlauf um die Eier entwickelt; es wird in Norddeutschland meistens nur so gespielt, daß die vom Osterhasen gelegten, im Gar- ten und auf dem Felde versteckten Eier gesucht werden müssen. In Süddeutschland aber hat es sich noch vielfach in der ursprüng- lichen Fcrm erhalten, wie sie uns bereits aus dem Mittelalter überliefert ist. In einer schwäbischen Predigt wird uns das Volks- tümliche Eierlesen beschrieben.„Man gehet hinauf aufs Feld, oder in einen weiten Holgarten oder Wiesen, da läuft man mit ganch Körben voll Eiern zu. Man nimmt eine gewisse Zahl der- selben, 100, 200 oder noch mehr. Solche legt man auf den Boden, der Länge nach, eins hinter das andere, in gewisser Distanz: etwa einen Schritt weit von dem andern. Diese Eier muß einer(der das Spiel gewinnen will) allesamt, eines nach dem andern, zuvor aufklauben und in ein bestimmtes Geschirr, Sieb oder Korb legen, unzerbrochen, che daß ein anderer, zu einem gewissen Ziele laufend, wieder zurückkommt Da gilt es nun ein Gewctt, welcher aus diesen Beeden geschwinder sei, der Läufer oder der Klauber. Das ist nun lustig zu sehen. Dann als so oft der Klauber ein Ei aufhebt, lauft er damit zum Korb oder Sieb und legis darein. Kehrt derweilen der Laufer chender zurück, so ist das aufgesehtc Gcioinnct sein; gleichwie es des Aufklaubcrs ist, wann er vor der Zurückkunft des Laufenden mit dem Aufklauben fertig wird; zerbricht er aber ein Ei, so hat ers Spiel verloren." Das ganze Dorf zieht zum Eier- lesen aus; die Burschen tragen weiße Hosen und sind mit roten Bändern behängen; die Musikanten spielen dazu; einmal lesen die Burschen und dann lesen die Mädchen und alles endet in einer un- gebundenen fröhlichen Frühlingsfeicr. Kulturgeschichtliches. Die Geschichte des OsterlammS. Die Feier der' hohen kirchlichen Feste ist noch heute mit gewissen äußerlichen Ge- wohnheiten verbunden, die sich auf die in diesen Tagen ein- genommenen Speisen erstrecken. Zu Ostern sind es das Osterlamm und der Ostenschinken, zu Weihnachten Karpfen und Geflügel(in Deutschland vorzugsweise die Gans und in England der Truthahn), während das Pfingstfest nicht durch besondere Speiscrcgcln aus- gezeichnet ist Der Ursprung dieser Gebräuche ist bei den der- schiedenen Festen und bei den verschiedenen Völkern nicht immer leicht und sicher nachzuweisen, aber eine Ausnahme in positivem Sinne macht selbstverständlich das Osterlamm, und zwar ist dessen Genuß ohne Zweifel ein Ueberbleibsel aus heidnischer und jüdischer Zeit, obgleich in symbolischer Weise verklärt und seines eigentlich kirchlichen Ritus entkleidet. Die blutigen Tieropfcr, die bei allen heidnischen Völkern eine so große Bedeutung gehabt haben und zum Teil auch heute noch besitzen, haben in den christlichen Kulturländern aufgehört, aber es sind auch bei Völkern, die sich zum Christentum bekennen, noch mehr Ueberrcste dieser alten Sitte vorhanden, als man annehmen sollte. Die Kenntnis, die wir von der Verbreitung dieses Gebrauchs in der Gegenwart haben, gründet sich Haupt- sächlich auf die Forschung des Engländers Conybcare, der keine Mühe gescheut hat, Tatsachen teils aus den Schriften, teils durch ausgedehnte Reisen in den vorzugsweise in Betracht kommenden Ländern zu sammeln. Durch ihn ist festgestellt worden, wie lange die Sitte der blutigen Tieropfcr in der christlichen und namentlich der griechischen Kirche fortbestanden hat und wo sie noch heute zu finden ist. Das Judentum war lange Zeit ein Hort dieses Ritus. ist aber dadurch von seiner Ausübung zurückgekommen, daß die Opfer nach der Vorschrift des mosaischen Gesetzes nur in dem Tempel von Jerusalem dargebracht werden sollten, nach dessen Zer- störung sie also keine Stätte mehr hatten. Von den Sekten, die für die Geschichte der Tieropfcr in der christlichen Kirche ein besonderes Material bieten, ist die armenische zu nennen. Die Priester dieser Kirche, deren Würde erblich war, hatten an dem Fleisch der Opfer- tiere ihren einzigen Erwerb, und daher gestattete ihnen auch der heilige Gregor noch im dritten Jahrhundert die Fortsetzung der Opfer und den weiteren Genuß ihres Fleisches und knüpfte nur die ausdrückliche Bedingung daran, daß die Opfer dem Gott der Christenheit dargebracht würden. Immerhin wurden den Armeniern von den Byzantinern diese Ticropfer zum schweren Vorwurf gc- macht, jedoch ohne eigentlichen Erfolg. Der Sinn, der mit diesen Opfern damals verbunden wurde, war derselbe, der im Vergleirb de? Todes Christi mit dem Osterlamm zum Ausdruck gekommen ist, also die Vorstellung, daß die Sünden derer, die das Opfer dar- bieten, geheimnisvoll auf das geopferte Tier selbst übertragen und demnach vergeben würden. Allerdings bestand eine Erweiterung dieses Glaubens darin, daß auch die Sünden von Verstorbenen, für die das Opfer gebracht wurde, auf diese Weise getilgt werden konnten. In der damaligen armenischen Kirche wurde das Opfer in der Art ausgeführt, daß der Priester dem Opfertier an der Tür der Kirche geheiligtes Salz zu lecken gab, ihm dann die eine Hand auf den Kopf legte und mit der anderen den Hals durch- schnitt; daran knüpfte sich die feierliche Vcrspeisung als Liebesmahl unter Verlesung einer passenden Stelle aus dem Evangelium. Eine Abweichung von der altjüdischen Sitte forderte jedoch der Patriarch Nerses auf das bestimmteste, nämlich die Verwerfung deS Gebrauchs, das Blut des Lammes zu sammeln und zu genieße» oder auch damit die Türpfosten zu bestreichen, wie es die Juden in Aegypten taten. Begründet wird dies Verbot mit dem Hinweis auf den Befehl, den Gott an Noah gegeben hat. Trotzdem bestreiche» in Armenien die Priester angeblich noch heute die Mauern der Kirche mit dem Blut des Osterlamms. Nach einer anderen Angabe galt oder gilt den Armeniern kein Kreuz als heilig, das nicht in das Blut eines Opfertieres getaucht worden ist. Merkwürdig ist die Tatsache, daß die Byzantiner noch zu der Zeit, als sie die Armenier wegen solcher Gebräuche beschuldigten, in ihrer eigenen Mitte ähnliche judaisiercnde Sitten duldeten. Auch in der iberischen und georgischen Kirche, die ihren Sitz im Kaukasus hat, ist die Ge- wohnheit der Tieropfert-is auf den heutigen Tag nicht ausgestorben, vielmehr wird dort vor jeder Kirche ein großer Steinblock als Opfer- altar aufgerichtet. Ebenso sind im östlichen Syrien, namentlich unter den Nestorianern von Urmia, noch heute Tieropfer üblich, und zwar sollen dort in einer einzigen Kirche mehr als 200 Schafe jährlich geopfert werden, um feierlich mit Blut, Wein und Reis ver- speist zu werden. Bei dieser Häufigkeit des Opfers findet selbst- verständlich keine Anlehnung an bestimmte kirchliche Feste statt, sondern die dortigen Christen sagen, daß sie das Opfer darbringen, damit ihnen Gott günstig sei, also aus ganz denselben Motiven, wie es auch die Heiden taten. In den keltischen und germanischen Ländern hat die Sitte des Ticropfers gleichfalls den Sieg deS Christentums noch lange überlebt, und zwar unter Bewilligung der höchsten kirchlichen Autoritäten. Der Papst Gregor der Große gestattete in einem Schreiben an Melitus, den damaligen Bischof von London, im siebenten Jahrhundert ausdrücklich die Abhaltung von Tieropfcrn unter der einzigen Bedingung, daß die Opfer nur an einem Fest zu Ehren des wahren Gottes stattfinden müßten. Die Missionare machten von dieser Erlaubnis sogar vielfach einen zu weitgehenden Gebrauch, so daß die Päpste sich dagegen wenden und untersagen mußten, daß ihre Abgesandten sich an den Tier- opfern beteiligen und von dem Fleisch der Opfertiere mitspeisten. Statistisches. Wie hoch beläuft sich die Gesamtbevölkerung der Erde? Mit dieser keineswegs leicht zu beantwortenden Frage haben sich die Gelehrten schon im 17. Jahrhundert lebhaft beschäftigt. Sie kamen dabei zu sehr voneinander abweichenden Resultaten. Sir William Petty, der Begründer der Sozialstatistik in England, schätzte im Jahre 1083 die Erdbevölkerung auf L20 Millionen, während um die gleiche Zeit der Philolog Isaak Voß 500 Millionen und der gelehrte Jesuit Riccidi 1000 Millionen bcrausrechneten. Der in Deutschland zuerst den Fragen der Be- Völkerungslehre nachgehende Prediger Johann Peter Süßmilch stellte 1701 eine„Tabelle aller Lebenden auf Erden auf", deren Resultat 1080 Millionen war. Was die neueren Berechnungen anlangt, so gibt I u r a s ch e ck für 1900 folgende Tabelle: Asien.... 820,4 Millionen Europa.... 417,8„ Afrika.... 133,0„ Amerika... 154,0„ Australien... 0.8 1538.0 Millionen Fircks hatte die Erdbevölkcrung schon 1895 auf 1500 Millionen geschätzt, der schwedische Statistiker Sundbärg auf 1586 Millionen; und nach den Angaben der englischen amtlichen Statistik belief sie sich in den ersten Jahren nach der Jahr» hundertwcnde sogar auf rund 1000 Millionen. Sind die Grundlagen für die Statistik der Erdbevölkerung heute auch ungleich sicherer als ehedem, wo man auf ganz vage Schätzungen angewiesen war, so sind wir doch immer noch weit entfernt von einer zahlenmäßigen Erfassung, die den Anspruch auf wissenschaftliche Exaktheit erheben könnte. Nur 00 Proz. der von Jurascheck zusammengestellten Bevölkerungsziffern sind durch Zählung gewonnen; die übrigen 40 Proz., d. h. zirka 000 Millionen, beruhen auf bloßer Schätzung. Wie unsicher Bevölkerungsangabcn, denen keine Zählungen zugrunde liegen, sind, zeigen z. B. die Angaben der verschiedenen Gewährsmänner über China, dössen Bevölkerung um die Jahrhundertwende von Fircks auf 440, von Jurascheck auf 357, von Supan auf 330 Millionen eingeschätzt wurde. Aber auch da, wo„gezählt" wird, sind die Resultate, soweit es sich nicht um hochzivilisicrte Länder handelt, mit vielen Fragezeichen zu der- sehen. Von der Größe und Schwierigkeit einer einigermaßen zuverlässigen Erfassung der Bewohnerschaft in unkultivierten und unwegsamen Gebieten macht man sich schwer eine Vorstellung. Dort ist man auf die Mitwirkung von Eingeborenen angewiesen, die weder lesen noch schreiben können. Als HülfSmittcl zur Zählung werden Stäbe. Getreidekörner. Kawrimuschcln usw. ver- wendet. Bei den großartigen Zählungswcrken, die im englischen Kolonialreich durchgeführt worden sind, hatten die Zähler oft wochenlange ebenso anstrengende wie gefährliche Expeditionen zu überstehen, um ihre Aufgabe nur einigermaßen zu lösen. Kerantw. Redakteur: Georg Daridsohn, Berlin.— Druck u. Verlag-Vorwärts Buckdr. u. Verlaasanstalt Paul Singer& Co„ Berlin