Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 73. Mittwoch den 22 April. 1903 (Nachdruck verboten.) mj Semper der JUnglmg. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Amerika! Asmussens Brüdern. Johannes und Alfred, hatte dies Land schon oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer wieder verschoben worden: denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer Unentschlossenheit zur Hülfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein Sohn Johannes auf der Pro- skriptionsliste stehe und demnächst„drankomme". Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern. Das gab einen Aufruhr im Hause Semperl Frau Rebekka sprach sich über Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die ihr gegebenen Falles IVO Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im stillen wcinre sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er:„Die Narren, wenn sie glauben, daß ihnen das was hilft I" Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt' es„zu was bringen" und erbot sich, feinem Bruder das Geld für die Ueberfahrt zu leihen. Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte. 15. Kapitel. '(AsmuS hört ein französisches Lied von deutschem Heimweh, gibt Privatstunden bei Lachtauben und Häschen und erhalt sein erstes Dichterhonorar.) Schon acht Tage später bewegte sich durch die Straßen von Oldensund und Altenberg ein Trupp von Auswanderern dem Hamburger Hafen zu. Außer Moldenhuber und Johannes Semper waren noch andere ausgewiesen worden: Europamüde hatten sich ihnen angeschlossen, und zahlreiche Verwandte und Freunde gaben ihnen das Geleite bis zu den Landungsbrücken. Man war auf gewisse Weise heiter: einige hatten ihrer Heiterkeit mit Alkohol auf die müden Beine geholfen. Man könnt' es Heiterkeit nennen, wie man es Sonnenschein nennen kann, wenn durch unaufhörlich ziehende Wolken hin und wieder auf Minuten die Sonne mit stechendem Glänze hindurchblickt. Man sang sogar, man sang lustige Lieder: aber kein Mensch nahm sie lustig. Asmus ging eine Weile allein neben seinem Bruder Johannes. Sie sangen beide nicht mit: aber plötzlich sang etwas in Asmus. Er hatte es oft, daß plötzlich eine Melodie in ihm aufwachte, die er nur einmal gehört und die er dann wochenlang, monatelang vergeblich in seiner Erinnerung gesucht hatte. Vor mehr als einem Vierteljahr hatte er mit dem blinden Pianisten zusamincn die„Fantastische Sinfonie, Op. 14" von Berlioz gehört. Und da hatte ganz besonders ein Gesang gedämpfter Geigen sich wie ein weicher, warmer Herbsttag ihm in das Herz gelegt. Er hatte sich die Worte gemerkt, die den Komponisten zu diesem Gesänge angeregt hatten: aber die Melodie hatte er doch vergessen. Heute mit einem Male schlug jene wundersame, süß-traurige Weise dw Augen auf. cke vnis dono qnitter pour jamais man doux paya, ma douce amie(So werd' ich denn meine süße Heimat, meine süße Freundin auf immer lassen) sang es in ihm. Tann hörte er seinen Bruder sprechen. „Sobald ich drüben bin, schick' ich meine Adresse: dann mußt Du mir fleißig schreiben." „Gewiß," sagte Asmus. „Schreiö mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht— sie werden allmählich alt." «Ja, ja," sagte Asmus nachdenklich. „Mach' ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwaZ übrig habe, schick' ich auch Geld." „Aber überarbeite Dich auch nicht," fügte Johannes noch hinzu. Dann schwiegen sie wieder. Und wieder Hub in Asmus die sanfte, traurige Weise an: de vais donc quitter pour jamais Mon doux pays--- Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in Asmussens Herz. Er wußte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und was sie verließen: aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern, Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein großes, bitteres Elend, und zum ersten Male in diesen Tagen des Abschiedes traten ihm heiße, reichlichs Tränen ins Auge. Er trocknete sie schnell: denn es galt, Abschied zu nehmen und den Brüdern ein fröhliches, er- munterndes Gesicht zu zeigen. Der guten Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten: sie knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon. Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans Fenster und blickte nach Westen Wo werden sie jetzt sein, dachte er. de vais douo quitter--- Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangen, blllten durch alle seine Gedanken. Das Lied paßte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war ein französisches Lied, und hier handelte eS sich um eine deutsche Heimat: auch der Sinn der Worte paßte nur halb: aber die Töne, die Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den Traum und bis iit manchen folgenden Tag. Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele nicht übrig: das Leben schickte sich an, unserem Seminaristen mit realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuß verloren. Vor- übergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der dreihundertundsechzig Mark pro anno waren vorbei: im ersten Seniinarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im zweiten zweihundert, im dritten zwei» hundertundvierzig. Aber wie sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre hindurchschleppen?! Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner Eltern. „Dann muß er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher werden," sagte die Mutter. „Ach, Unsinn!" klang die Stimme Ludwig Sempers. „Ja, Unsinn! Weißt Du, woher das Geld kommen soll? Ich weiß es nicht. Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein." „Na ja, das findet sich," sagte Ludwig. „Ja, das sagst Du immer," meinte Rebekka.„Wozu auch?" fuhr sie fort.„Die anderen Kinder sind auch all« begabt und sind auch keine Lehrer geworden." Sie sagte das nicht lieblos: sie sagte es mit jener Re» signation des Armen, der das Gefühl hat, daß das Talent für den Mittellosen ein Unglück ist. Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es Asmussen wie ein Messer durchs Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen, die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er. vielleicht begabter, und mußten Ligatten drehen.' Sollte er seinen Eltern, die sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche liegen? Nein. Asmus beschloß, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu verdienen. Tozu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig. Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlcrs, drei allerliebste», wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem Buben. Tie Aelteste war ein Lach- täubchen, und wen» Asmus über eine seltsanie Aufgaben- lösung ein humoristisches Augenrollcn vollführte, wollte sie sich unter den Tisch kichern: nur wenn er die Frage an das etwas„thumbe" Brüderlcin richtete, machte sie ein be- kümmertes Mnttergottcsgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, niit 75 Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weiß beschürzte Vater mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut. lFortsetzung folgt.) lAachvruck verboten.) Der k)err von Kaarnajam. Von I u h a n i A ho. Aus dem Finnischen übersetzt von Laura Feil, (Fortsetzung.) „Ihr wollt so diel zahlen, als ich fordere? Wollt Ihr Wirklich?" »Ja, ja, aber nur, was recht und billig ist!" „O, ich weiß nur zu gut, was Ihr unter„recht und billig" versteht. Ich kenne Euch: Ihr möchtet keinen roten Heller zahlen, wenn Ihr nicht vom Gericht dazu gezwungen würdet." „Ich will zahlen, sage ich Euch, ich will auf der Stelle zahlen. Wieviel begehrt Ihr?" „Auf eine bloße Vergütung in Geld legen wir nicht so großen Wert," sagte der Hauptmann.„Ihr müßt uns auch noch eine moralische Genugtuung geben, Ihr müßt uns Abbitte leisten." „Das habe ich bereits getan und tue es jetzt wieder." „Ja, uns beiden allein; aber das genügt nicht, selbst wenn Ihr Euer ganzes Leben lang um unsere Verzeihung betteln würdet. Ihr habt ja die ganze Korporation beleidigt. Allen, allen müßt Ihr Abbitte leisten." „Der ganzen Korporation?" „Ja. Eure beleidigenden Redensarten waren gegen sämtliche Mitglieder der Steuerkommission gerichtet, und ein jedes hat mir die Vollmacht erteilt, die Sache bei Gericht anhängig zu machen," sagte der Amtmann. „Guter Gott! Alle wollen sie auf mich loshacken! Dann bin ich verloren!" jammerte Hellman. Votberg weidete sich eine Weile an der Pein des Gutsbesitzers, dann sagte er:„Ihr seht also, welch gutes Herz ich habe, wenn ich Euch helfen will. Aber merkt es Euch wohl, ich tue es aus reiner Gutherzigkeit. Ihr verdientet es eigentlich gar nicht." „Ja, helft mir, mein Freund. Geht nicht zu hart mit mir um." „Run, ich will sehen, was ich bei meinen Kollegen werde aus» richten können, um Euch aus der Klemme zu ziehen. Große Ver> sprechungcn kann ich Euch nicht machen; es ist ja möglich, daß sie sich mit einer öffentlichen Abbitte zufrieden geben. Ich will ihnen zureden, und der Hauptmann wird, denke ich, dasselbe tun." „Gelviß." entgegnete dieser, die Nase im Glase, aus dem er gerade einen kräftigen Schluck Punsch sog. „Also merkt's Euch, Ihr müßt öffentlich, in Gegenwart von Fremden, uns alle, die Ihr gröblich beleidigt habt, um Vcv geihung bitten." „In Gottes Ramen, das will ich tun. Wann soll das sein?" „Die Angelegenheit wäre also Montag vor Gericht gekommen, {o erscheinet denn am Nachmittag des vorhergehenden Tages in !em Saal, der sich im rückwärtigen Trakte des Gcrichtsgebäudes befindet. Dorthin werde ich alle jene zitieren, die die Sache angeht." „O, die guten Leute werden nicht kommen," warf der Haupt- mann ein,„wenn Ihr sie dort etwa im Trockenen fitzen lassen wollt. Da müßt Ihr schon etwas auffahren lasten." „Freilich," bekräftigte Botbcrg,„so ein kleines Nachteffcn werdet Ihr schon leisten müssen. Einverstanden?" „Meinetwegen, aber es wird doch nicht... es kann doch nicht... ein... Ich selbst habe noch nie ein ähnliches Arrangement ge- troffen... Es soll doch nicht etlva ein regelrechtes Bankett sein, wie?" „Ein Bankett? Ja, da? hängt davon ab, was Ihr unter Bankett versteht. Gut, lasten wir es ein kleines Bankett sein, wenn Ihr es so wünscht. Also auf Eure Rechnung ein kleines Bankett I" »Kann man nicht im vornhinein berechnen, wie hoch sich so «twas belaufen wird?" »O, wenn Ihr Euch wegen ein paar Dutzend Mark oder so etwas steifen wollt," brauste der Amtmann auf,„so erledigen wir die Sache lieber vor Gericht. Uns ist es ja einerlei." „Nein, nein!" lenkte Hellman mit einem gewissen Galgenhumor ein.„Es soll meinetwegen lustig werden." Damit war die Sache abgetan, und nach einer kurzen Pause wurde wieder von etwas anderem gesprochen. Aber weiß Gott, die Unterhaltung wollte nicht mehr recht von statten gehen. Hell- man war in Gedanken versunken, wie geistesabwesend, und ließ die Pfeife, die der Hauptmann ihn? angezündet, langsam ausgehen. Nachdem er noch ein Weilchen gesessen, erhob er sich, verabschiedete sich und ging von bannen. Im Vorzimmer jedoch hatte er nicht übel Lust, noch einmal umzukehren, und vom Torweg winkte er den Amtmann noch ein- mal z» sich hinaus.„Ich wollte nur sagen." sagte er ihm,„das heißt, ich möchte gern, daß dieses... dieses Bankett nicht gar zu viel Geld koste. Ich bin nämlich momentan ein wenig knapp bei Kasse, und da könnte man vielleicht den Gastwirt ersuchen, daß Fleisch, Fische und Milch bei mir gekauft würden. Ihr könntet übrigens für die Zubereitung der Speisen auch meine Kochfrau haben. Das wird sie alles wohl auch treffen, da es ja, menre ich, kein reguläres Bankett sein soll, nicht wahr?" „Sört, Nachbar," entgegnete der Amtmann heftig,„entweder wir überlasten die Herrichtung des Nachtessens einfach dem Gast- Wirt, oder wir gehen, wenn Ihr Euch dazu nicht verstehen wollt, zu Gericht, und Ihr seid aller„Umständlichkeiten" enthoben." „Behüte," behüte," wehrte der Gutsbesitzer abermals ab.„Also macht, was Ihr wollt. Adieu l" „Die Geschichte muß aber jetzt gehörig herumgeschwatzt werden," meinte der Amtmann lachend, als er dem Hauptmann das Ee- sprach mit dem Geizhals Wort für Wort wiederholte. „Gewiß; sie ist zu drollig." „Der Teufel hole den schmutzigen Filz!" Und vergnügt rieben sie sich die Hände,'baß sie bermochk hatten,-den grhßten Geizhals der Gemeinde zu einem solennen Bankett zu zwingen. „Wir wollen so viel Fremde einladen, als das Haus nur bergen kann," wiederholte Botbcrg einmal über das andere, und sie toastiericn auf ihren gelungenen Einfall. Gutsbesitzer Hellman fuhr indes mit sehr gemischten Gefühlen in die Nacht hinaus. Die Landstraße war von neuem beschneit» und er konnte daher nur langsam und mit großer Mühe vorwärts kommen. Zunächst trieb er das Pferd durch laute Zurufe an, und als dies nichts hals, griff er ärgerlich zur Peitsche. Das Tier machte zwar einige Sprünge nach vorwärts, stapfte aber danach gleich wieder sehr langsam durch den tiefen Schnee, und Hellman blieb nichts anderes übrig, als sich darein zu fügen. Zwei Sachen gingen ihm quälcrisch durch den Kopf: erstens die Ahnung, daß er den beiden Kumpanen am Ende gar aufgesessen und von jetzt ab stets der Spiclball ihrer Launen sein könnte, und zweitens der Gedanke an die großen Kosten des Banketts. Sicherlich hatte er ihnen zu viel Freiheit dabei eingeräumt. Sie allein sollten Eßwaren und Getränke sowie die Zahl der Gäste bestimmen dürfen. Er zählte im Geiste die Leute ab. die mutmaß. lich dabei sein würden, aber er scheute davor zurück, einen bei» läufigen Kostenüberschlag zu machen. Zum Unglück kamen ihm die Bankette des HandelSrateS v. U leaborg in den Sinn, wo Champagner und kostbare Leckereien etwas ganz Gewöhnliches waren. Run, bei seinem Bankett würden sie wohl den Champagner bei Seite lassen? Champagner! So gottlos würden sie doch nicht sein? Aber wer konnte dafür ein» stehen? Die Schufte waren zu allem fähig, um so mehr, als sie ihn ja haßten! Je näher er seinem Hause kam, desto lauter jammerte er. und als er endlich daheim war, gebcrdete er sich ganz krank. Er pustete und schnaufte und zog die Stirn in jämmerliche Falten. In seinen Pelz gewickelt, warf er sich aufs Bett; er wollte schlafen— schlafen, die ganze verteufelte Geschichte iin Schlaf vergessen. Das war eine helle Freude unter den Dorfleuten, als cS bekannt wurde, daß Hellman gezwungen worden war, ein Bankett zu geben, zu dein der Amtmann Gäste nach Belieben einladen durfte. Wo zwei Leute einander trafen, sprachen sie von nichts anderem, als von dieser Neuigkeit. „So muß der alte Fuchs auch einmal in die Falle gehen!" sagten sie und rfeben sich vergnügt die Hände. Was Botberg und seine Verbündelcn nur an Bekannten auf. treiben konnten, wurde eingeladen. Da gerade der Gerichtshof tagte, wurden sämtliche Assessoren, Sollizitatoren. Registratorcn, Advokaten usw. usw. zugezogen; der Arzt, der Apotheker sowie der Brückeninspektor fehlten natürlich auch nicht. Das große Zimmer des Geineindcgaslhauses, wo der GerickitS- Hof sonst tagte, war für den solennen Abend gemietet worden. Die Tafel, an der die Richter Platz zu nehmen pflegten, wurde be- scheiden an die Wand geräumt, die Bibel und das Gesetzbuch auf das oberste Fach des staubigen BückcrkastenS verbannt. Dagegen stellte man den größten Anrichtetisch aus dem Backhaus in die Mitte des Zimmers und bedeckte ihn mit einem weißen Tiscbtrich; hier sollte der Willkommstrunk als Einleitung zu den, Bankett ge- nommcn werden. (Fortsetzung folgt.) Hus äen Berliner Kunftfalono« Bon Ernst Schur. Da? Hauptinteresse in der letzten Ausstellung des KunstsalonS Schulte gehört Zügel. Ein Maler, der sein Ledenlang nichts anderes gemalt hat als Kühe und Schafe. Und der darin eine Er- ziehung und Entwickelung durchgemacht hat, die sich in seinem Werk deutlich bekundet. Eine Entwickelung, die parallel geht niit der grogen Entwickelung in der modernen Malerei überhaupt: von der genauen, detaillierten Wiedergabe der Einzelerscheinung zur Dar- ftellung des Atmosphärischen und des Farbigen, von dem Interesse deS Inhaltlichen zur Prägung der grosten, malerischen Form. Deutlich grenzen sich in diesem Lebenswerk, das hier in über sechzig umfangreichen Bildern vor uns steht, vier Eniwickelnngs- Perioden ab, die ein Fortschreiten zn immer Größerem und Höheren, bekunden, die auch zeitlich diese Aufeinanderfolge, die Werte gibt, innehalten. Zuerst die kleinen genauen, ein wenig mühsamen Tierstudien, bei denen der Blick über daS Einzelne nicht hinweggeht. Vor- studien, Tastversuche, Lernübungcn. Ein Tier von allen Seiten be- trachtet, ohne Rücksicht auf bildlichen Zusammenhang; ein Neben- einander, mit unendlich liebevoller Versenkung ins Einzelne. Dann die Stimmungsbilder. Klein, einheitlich. Herden, die nach Hause ziehen; die gesammelt als Masse leuchten, auf deren Fellen flimmernd die Lichter spielen; eine dunkele Figur, der Hirt. Ruhige Landschaft, Ebene rahmt diese stille Erscheinung ein. Danach im Technischen eine Erweiterung, die das Idyllische wegnimmt. Es erweitert zum Großflächigen, Malerischen. Wieder tritt das Einzeltier hervor. Nun sind es Kühe, die mit ihren breiten, schwarzen, weißen, gelben Flecken in der Sonne, ain Bach stehen, unter Laub hervorleuchten. Das Lichtvolle, Prächtige lernt der Maler geben. Das Einzcltier bleibt Mittel, wird nicht Selbst- zweck. Und wieder eine Stufe höher. Eine großzügige Monumentalität lag in diesen letzten Versuchen im Kern. Die wird nun in großen Werken mächtig gestaltet. Kühe, die pflügen; verdampft; Morgen- licht sprüht aus dem Acker. Kühe, die durch eine Furt niajestätrsch- ruhig waten. DaS Idyllische ist gtniA entfernt. Größe im Ganzen überall. Eine Wahrheit und Schönheit, die ganz Natur bleibt und doch im Technischen eine neue, freie Form gewinnt. Man denkt an Segantini. Das, was Zügel versagt schien, ist hier erreicht. Und es ist bewunderungswürdig, daß gerade diese letzten, reifen Werke seinem Schaffen die Krönung geben. Auf einem kleinen Spezialgebiet ist eine Entwickelung' von ganz persönlicher Art zum ollgemeinen erweitert. Die Natur ist daS Vorbild. Ihre Steigerung ins Wesentliche ist das Schaffen des Künstlers. Man be- schuldigte Zügel, wenn man einzelne Bilder hier und da sah, der Monotonie. Nun sieht man, daß Disziplin und Erziehung dieses Können auf diese Motive beschränkte. Und die Uebersicht zeigt, daß dieser Weg der rechte war. Nach dem alten Berlin fiihrt eine reiche Kollektion von Werken des Karl S t e f f e ck, der LiebermannS Lehrer war. Alles kleine, seltene Bilder von einer eigentümlichen Enge der Auffassung. Aber doch von einer Bescheidenheit und Freiheit, die Achtung erweckt. Seine Force lag im Reiterbild; auch hier das kleine Format. Der bescheidene NealismnS knüpft an die Tradition, die mit Franz Krüger anhebt. Die Farben haben oft eine diskrete, alte Vornehmheit und Schlichtheit. So daß mau fühlt: ein begrenztes Talent, aber doch ein Talent niit eigenem Sehen und solidem Können.— Eine Ausstellung von Originalen der„Berliner Illustrierten Zeitung" schließt flch au und zeigt, daß eigene Art auf diesem Gebiet noch nicht gewonnen ist. Da? Photographiemäßige herrscht vor. Weder im Technischen, in der Führung der Linie, besondere Eigen- ort, noch im Inhaltlichen, im Motiv Charakter. Die Arbeiten dekorativ-zeichnerischcr Art von A. Schmidhammer. Christophe, Wackcrle, die charaktervollen Tierbilder von Kätc Olshauseu-Schöu- berger, die menschliche Schwächen in Ticrdarstellungen geißeln, wären zu nennen. Da?„Künstlerhaus" zeigt eine umfangreiche Kollektion von Werken Karl L e i p o l t s. Fast nnöschlicßlich Serstücke von einer eigenen Erscheinung. Der Künstler gewinnt aus den atmosphärischen Werten der See mit ihrer großen Räumlichkeit, ihrer zarten, wäfierigen Abtönung die Mittel zu einer feinen, leichten Darstellung, die flch über das Tatsächliche erhebt. Graue Schiffe mit dunklen, weißen und rostroten Segeln vor weiß- lichein Abendhimmel, sehr frei und eigen in der diskreten, grau abgetönten Erscheinung, dann breite, schwere Kähne, wuchtig schwan- kend auf dem feuchten Element, drflen ffüsffge Farbigkeit im Gegen- satz zu diesem Kompakten vorzügixv heranskommt. Ein Spielen und Verändern und Strömen in"er Lust, in den Wolken. So lebt imnicr der Wille, etwa? Etiidringliches aus der Natur herauszuholen.— Eine andere Kategorie stellen die Szenerien von Venedig dar. Die Paläste mit ihren Fassaden, die edelsteingleich schimmern. umspielt von leichter, strahlender Lust am Waffer. Ein Vibrieren der zartesten Farben, die das Architektonische ganz auflösen. In ichleierhafter Feinheit baut sich von den einsamen W offer», den dunkelblauen Abendhimmeln wie eine Vision diese Schönheit auf. Die Farben sprühen wie ein Feuerwerk. Hans Unger stellt bei Keller u. Reiner aus. Em Talent, das zum Dekorativen strebt, das zuweilen noch im Koiwen» tionellen stecken bleibt, in der Farbe süßlich, in der Linie charakterlos bleibt, das aber doch Eigeuast besitzt. Diese streng aufgefaßten weib- lichen Köpfe haben Grüße und Herbheit. In großen Flächen und schönen Linien baut sich solch Bildnis auf. Nur das Farbige müßte noch zurückhaltender sein, nicht so bunt. Es ist in der Komposition eine wohltuende Ruhe und ein Hinstreben zum Einfachen.