9Zr. 81. Sonnabend. (NaHdnick ecvfiolcn.) i7j Semper der JUngUng. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfine» denken, wie sie lachend ihren großen Mund aufriß und rief:„Du willst Lehrer werden? Du bist wohl verrückt!"---- Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn warf und ans Zigarrenbrctt ging! Aber da war Ludwig Semper, sein Vater. Fe älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf: er schlief nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens bereitete er seinem Sohn den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und wenn AsmuS seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick feines Vaters auf ihm ruhte.„Er freut sich, daß es mir schmeckt," dachte Asmus.„Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas werde, was er nicht werden idurfte." O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot: aber er wußte auch den Tag über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein. Die Lust dieser alten Schulkaserncn belegt alle Luft- und Speisewege wie mit einer übelschmeckendcn Schicht: bis in den Magen hinein füblte man diese Luft: er nnißte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen hinuntcrwürgcn wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn Herr Rothgriin in der Geschichtsstunde: „Stehen Sie morgens so früh auf?" „Ich— o nein," sagte Asmus ohne Verständnis. „Sie schliefen nämlich eben," fuhr Herr Rothgriin pikierten Tones fort. „Ich? Nein!" erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein: denn Herr Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äußerst schwach. Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgesühl in diesen Zeiten verließ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daß er in der Klasse eingeschlafen war, empfand er bei seinem Pein- lichen Ehrgefühl als eine Schmach, und daß er Herrn Roth- grün in seiner Eitelkeit verletzt hatte, war nicht gut: denn Herr Rothgrün vergaß dergleichen schwer: aber das altes bc- deutete nichts gegen einen anderen Schmerz. Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! DaS war nichts als ein Aufschnappen und Wicderfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt, zu dem, was das Semi- nar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene Arbeit hinzu- zutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben— und seinem Feuereifer schien fast alles wichtig— holte er sich alle Dar stellungcn und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte sie: aber nie beruhigte er sich bei den Büchern: er zwang sich, die Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Hcrbart, die Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Tarstellungen eines Ranke und Mommscn unabhängig vom Buch, in eigener Form zu re- konstruieren, ihre Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden: er hielt sich gleichsam selbst Vorträge: ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit sich selbst und stellte . Grund und Gcgengrund sozusagen im kontradiktorischen Vor- fahren einander gegenüber, so daß Frau Rebekka, die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief:„Junge, Tu priestcrst ja wieder ordentlich." Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche Bedürfnis nach Klarheit: es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts Dunkles hinter Dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles.Künftige, und er hatte den heiligen Glauben, daß, wer sich bei keinem unklaren Gedanken be- des vorwärts den 2o April. 1908 ruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu be- weisen und die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen. Daß jede Größe sich selbst gleich ist � natürlich, die Wahrheit dieses Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch: aber er wollte sie auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven Gewiß- Helten, sie machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler in ihm, der sich nicht bei in Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des MenclaoS von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet, logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind: aber er wollte auch sehen, daß die Produkte der nicht anstoßenden Ab- schnitte einander gleich seien. Und das konnte mau nicht. Ja. man konnk es ja ausrechnen, ober das war kein Sehen! Und nun kam noch hinzu, daß er mit einem Mangel in seiner An- läge zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik, der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das drei- dimeusionalc Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des menschlichen Körpers oder einer Ma« schine oder eines pflanzlichen Gesäßsystems vorstellte, so ward eS ihm bitter schwer, sich zugleich den Ouerdurchschnitt vor- zustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut, daß es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner geballten Faust. Daß die Molckularbewegung und das Atomgewicht, der Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangcn Hebelarm das halbe Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu erlenneu. Und er fand in feinem Seclendrange nicht immer Unterstützung. Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den möglichen Ver- ändcrungcn in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob daS Hypothenusenguadrat oben oder unten, rechts oder links liegr, dicweilcn sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiß. Aber Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathe- matik, dachte nicht so vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsausgaben einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit siebcnundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern aus dem Bauche oder auf dem Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er niit Wucht darunter„falsch" und eine Vier, das schlechteste Zeugnis: denn er durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs nicht hält. Asmus machte ihn darauf aus- merksam, daß alle Aufgaben zweifellos richtig gelöst feien und nur sozusagen andere Hosen anhätten als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch:„So" und dann sah er ins Heft und sagte:„Die"— und dann sagte er unsicheren Tones: „Das"— und nachdem er noch„Hm" gesagt hatte, rief er ärgerlich:„Ja, richtig sind sie wohl: aber was sollen die Ver- änderungen: machen Sie es doch, wie es alle anderen machen!" und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis— um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe 19. Kapitel (Asinus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf erklärt.) Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spek- trums und vor allem jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft, jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu sehen, sie hatten seincni bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht: aber es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht scheute, sondern suchte: denn das ist das göttliche Wunder in allem geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier machen, solange uns Hoffnung bleibt. Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstundcn konnte er nur das notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte dies ober» flächliche„Wissen" für einen Wert? Was sollte das für ein Wisscnsgebäude werden, das so schwiiwelhaft gebaute Partien aufwies. In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, uns dies Bewußtsein einer Art Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andere, obgleich niemand mehr von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse deutlich erkennen. Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen:„Das Kollegium ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden." Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem Tastgefühl, das weit über die Grenzen de» Körpers hinausrcicht, daß seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren Wohl manche da, die es ihm freudig gönnten: aber die anderen waren in der Mehrzah;. Unter diesen anderen war Wiedemann, ein langer Jüngling mit der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und fcuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm, fast heiß. Zwischen solchen Mensche-» steht etwas, was nicht zu überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen vorzüglichen Mathe- matiker, der es namentlich im Rechnen allen anderen zuvortat. „Ter Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?" sagte Wiedemann mit lauerndem Sacheln zu Semper. „Das ist er," versetzte dieser. „Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse," fuhr der Lauernde fort. „Ich auch," erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte. Wiedemann war enttäuscht. Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer, tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb. Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran. „Der Frey schreibt doch'n großartigen Aufsatz, was?" forschte Wiedemann. „Er schreibt'n guten Aufsatz, ja," sagte Asmus. „Na. das mußt Du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner nach!" „Soo?" machte Semper. „Ja, bist Du nicht der Meinung?" „Nein," erwiderte Asmus kalt. Er wußte ganz genau, daß er's besser konnte. Das sagte er zwar nicht; aber er sah auch nicht den geringsten Anlaß, das Gegenteil zu lügen. Wiedemann machte noch immer ein lammfreundlichcS Gesicht mit Ausnahme der Augen. Augen sind Löcher, die der Herrgott im Menschenkörper gelassen hat wie die Guck- löcher in einer Verbrecherzelle, damit der Mensch nicht allzu ungehindert heucheln könne. Augen heucheln nicht mir. Wiedemanns Antlitz und Stimnie streichelten; aber seine Augen stachen, als er nun fragte: „Wer schreibt hier denn einen besseren Aufsatz?" Und obwohl ihm Asmus jetzt durch die grünglimmernden Augen bis in die Nieren schaute, sagte er: „Tu nicht." In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengcist über ihn. Wiedemann ging erquickt von dannen. Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und finde die Arbeiten Freys nur„so ziemlich". Ties sagte er besonders zu Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde (Fortsetzung folgt.) (lm sonst? Da stand et nun. von höheren Gelvaltcn postiert, dte Ordnung 1 hüten, und lugte— die Hand am Revolver— sorgsam aus. leäugte mißvergnügt einen mageren Menschen, der langsam vorbei- trottete, schüttelte den Kopf, schaute wiederum auS und fand und fand n.ckt-S, das sich hätte hüten lassen. Wenn man nachdachte:— es war doch eigentlich ein Hunde- leben, so tagaus tagein in den Straßen zu stehen, an den Ecken und in Hausfluren, und aus Langeweile Pferde zählen, während in den Gliedern die besten Kräfte gärten und hinausdrängten an den Tag. Ein Rollwagen humpeile vorbei. Er war hochbeladen mit langen Kisten, auf denen„Lanolin- Seife" stand und mußte schon ein gut Stück WegS hinter sich haben, denn der Mann, der ihn schob, pustete und prustete und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Ordnungshüter sah ihm neidisch nach. Der hatte eS gut! Der arbeitete I Keuchte und prustete vor seinem Wagen, schimpfte, wenn er schwer, war froh, wenn er leicht lvar, und stieg Abends ins Bett mit dem köstlichen Bewußtsein, Seife geschoben zu haben. Gewiß! Seife war ein nützlich Ding. Alles brauchte Seife— ohne die ging's nicht. Und wenn er sie nicht geschoben hätte--- Er dachte nach und nickte mit dem Kopf. Gewitzt... Vielleicht hatte er sie gar zum Bahnhof gebracht. Dort wurde sie nun verladen, und die Packer niachten große Schnörkel darauf und dann ging's los, heidi I— erst nach Hamburg und dann übers Meer, weiß Gott wohin, vielleicht sogar zu den Schwarzen unten in Afrika. Die würden eines Morgens am Bach stehen— so wie Gott sie geschaffen hatte, ganz ungemert mitten in der Sonne— laut quicken und kreischen und sich grunzend die schwarzen Bäuche waschen... DaS wußte der Mann natürlich nicht. Wie sollte er auch? Das wußte er nur. Aber immerhin— wenn er sie nicht geschoben hätte, wäre sie nicht in Afrika... Er legte die Hände auf den Rücken und trollte sich die Straße hinab. Ja, der hatte es gut! Hatte immer zu tun, brauchte keine Pferde zu zählen und nicht Tag für Tag zu warten, bis irgendeiner fragte, wo Berlin sei, oder einer einen Auflauf machte. Einen Aus- laut— I Gott, war das lange her I Nicht auszudenken, wie lange I Schnee hatte noch gelegen. Und als er den Kerl anpackte, waren seine Hände vom Frost ganz steif gewesen. Beinahe ärgerlich war er gewesen, daß er sich so lange mit ihm herumzerrcn mußte in der Kälte..» Er ärgerte sich noch jetzt. Im Winter, wenn man sich am liebsten in einen Torweg stellte und sich tüchtig einmummelte und die Hände in die Taschen vergrub, da kam so ein Kerl— gerade wie absichtlich I— und machte Skandal. Im Winter— da fielen alle Pferde. Da wußte mit einem Male kein Mensch mehr, wo die Lützowstraße war. Aber im Frühling— so wie jetzt— wenn die Sonne schien und die Lust plötzlich so ganz anders war, so würzig und lau und stark, daß man sich bei jedem Atemzuge hätte recken und dehnen mögen, überhaupt gerade, wenn man darauf brannte.— dann war gewiß nichts loSl Er wurde immer ärgerlicher. Was liefen die bloß alle so? Würden schon noch hinkommen ... würde nichts weglaufen... Als wenn sie wirklich was Be- sonderes vorhätten, als wenn man das nicht wüßte... lächerlich! Warum fragten sie bloß nichts? Da— die alte Tante I Konnte nicht bitten, daß man sie über den Damm stihrte!— nein, sie muß unter die Räder! So alt und so dumm! Natürlich, wenn'S dann ZU spät ist--" Er sah ihr griminig nach und schüttelte den Kopf. Keiner wollte was von ihm wissen. Alle gingen vorbei.— Vor ihm, an einem der Bäume, die das Trotloir begrenzten, spielte eine Kinderschar. Ein kleiner Junge rollte Murmeln in ein Loch, das sie in die Erde gebuddelt hatten. Er war mit Leib und Seele bei der Sache. Jedesmal, wenn eine Kugel Miene machte, stehen zu bleiben, geriet er in Angst und Spannung, beugte sich auf den Zehenspitzen vor, streckte die gespreizten Finger voir sich und verharrte regungslos, den Blick auf die Kugel geheftet. Und jedes- mal. wenn sie dann doch eine Senkung erreichte und dem Ziel zu- rollte, klatschte er in die Hände und hüpfte auf einem Bein. Der Mann der Ordnung sah aufmerksam zu. Da stand er, der Knirps, stampfte mit dem Fuß und zog ein bitterböses Gesicht: die Kugel war nicht ans Ziel gekommen. Fast schien es. als wolle er vor Aerger weinen. „Junge," sagte der Schutzmann plötzlich und trat ganz nahe heran,„Du wirst doch nicht—? Wer wird denn weinen? Stärker schieben mußt Du!" Der Kleine sah verwundert auf. „Es hilft alles nicht," sagte er mit kläglicher Stimme.„Wenn ich schwach schiebe, bleiben sie stecke» und wenn ich stark schiebe"— er schluckte an den Tränen—„dann— dann... kollern sie alle vorbei..." Der Schutzmann nickte verständnisvoll.„Hm... vorbei... Zu stark muß man auch nicht. Alles mit Matzen. Erst ordentlich hingucken und dann zielen und dann— hopp I Na, zeig mal..." Er nahm eine Kugel, hockte sich umständlich hin, zielte einmal, zweimal, und schoß ab. „Hurra I" schrie der Junge und die ganze Schar stiiniitte ein. Die Kugel war zum Ziel gegangen. „Noch einmal!" bat der Junge.„Für mich— noch einmal I" Die Straße lag leer. Vor einem Lastwagen nickte ein müder Gaul und fern am Wasser beschnupperte ein eifriges Hündlein einen Baum. Und die Erde duftete so stark und der Wind war so lau und die Sonnenlichter hüpften und lockten und tanzten—— FrühlingSluft I „Für mich... noch einmal t" Da schoben sie denn. Noch einmal und noch einmal und noch einmal... -- Vom Neubau gegenüber sah ein Mann zu und lachte. Und so sehr der„Onkel" auch bei der Sache war,— als er auf- blickte, sah er das Lachen doch und ärgerte sich. Was hatte der zu lachen? Lachte er etwa über ihn? Ueber ihn— hm... Der Mann der Ordnung begriff:— es war doch eigentlich nicht schicklich, Murmel zu spielen.... Aber waS ging das den an? WaS hatte er zu lachen? WaS hatte er überhaupt da zu stehen? Er motz den Mann mit einem giftigen Blick. Der stand seelenvergnügt, als sei nichts vorgefallen, da. sah bald auf den„Onkel", bald auf den Bau, ging einige Schritte auf und ab und kam dann wieder an seinen Standort zurück. Der„Onlel" dachte nach. Einer, der am Werktage, wenn alle arbeiten, auf der Straffe steht und harmlose Menschen angafft und über... über königliche Beamte lacht und vor Langeweile nicht weih, was zu tun— das war entschieden ein verdächtiger Mensch I Was wollte er? Was schaute er so nach allen Seilen auö? Was suchte er hier beim Bau? Und plötzlich ging dem Hüter der Ordnung ein Licht auf. Beim Bau?! Ha— ha— ha I Wie er bloff nicht schon früher darauf gekommen I Da drüben streikten sie ja I Er richtete sich stramm auf, in seine Gestalt kan» Leben. Ha— ha— ha I Famos I Wunderbar I Kein Zweifel mehr: — ein Streikposten l Er ging klirrend über die Straffe. Der Helm blitzte. Der Säbel wippte... Natürlich I Schon wie er aussah I Das Kiim voller Bart- Koppeln, spöttische Augen, eingefallene Wangen,— natürlich einer von denen I Der Fremde beobachtete gerade die Zimmerleute, die einen Balken aufwanden. Da trat der„Onkel" auf ihn zu „Was machen Sie hier?" herrschte er ihn an. „Ich?"— der Mann kicherte—„ich suche einen zum Murmel spielen." Der„Onkel" schäumte. So ein Frechdachs I„Murmelspielen�, sagte er. Dem wollte er's zeigen. „Ich fordere Sie auf weiter zu gehen l" knirschte er. Der Mann lachte. „Störe ich Sie etwa? Ich störe Sie nicht. Ich störe niemanden. Und die Straffe ist breit." „Ich fordere Sie nochmals auf weiterzugehen I" klang es zurück. Und wieder lachte der Mann. So ganz unverschämt gemütlich. „Tja, denn wollen wir man... Tja, denn Adieu I" Er tat einige Schritte und blieb stehen. „Eigentlich ist es schade," sagte er.„wirklich schade... Sie Sefallen mir"— um seine Mundwinkel zuckte es wie Lachen—„Sie ud ein... ein so netter Mann..." Im nächsten Augenblick bog er um die Ecke und war ver- schwanden. Der Mann der Ordnung legte die Hände auf den Rücken und stolzierte die Straffe entlang. Er hatte sein Gleichgewicht gefunden. Er fühlte sich wieder. Er lebte... Also war er doch nicht umsonst I Umsonst? Ohol WaS für Gedanken! Wie konnte er bloff—? Er— er reckte sich noch höher auf— wie konnte er umsonst sein?! W. P. Larsen. flinchdrult verboten.) Alas man im frukjakr ißt. Von C. K j ä r b ö l l. Dem gewöhnlichen Sterblichen, der zwar auf eine gute Tafel sieht, dem es aber an dem nötigen Kleingeld mangelt, die Lecker- bissen der Saison zu erstehen, dünkt in gastronomischer Beziehung der Frühling ziemlich prosaisch. Namentlich die Fleischkost zeigt sich wenig abwechselungsreich; Wildpret ist überhaupt nicht zu haben, abgesehen von Schnepfen und Birkhühnern, deren Beschaffung sich als zu kostspielig erweist. Haus- geflügel fehlt gleichfalls auf den: Markt. Da bleibt der Hausfrau eben nichts anderes übrig, als die üblichen Fleischenten durch verschiedenerlei Zuspeisen abwcchselungs- reich zu gestalten. Aber auch dazu bietet die schönste Jahreszc'.t wenig Gelegenheit. Wohl ist der Frühling die Zeit der Gemüse, wohl schmecken die unter den milden Frühlingssonnenstrahlen auf- gegrüntcn Salate am besten; doch ein Gegengewicht gegen die wünschenswerte ausgiebige Verwendung bildet der hohe Preis. Hier darf nun die wirklich praktische Hausfrau nicht knausern. In gesundheitlicher Hinsicht sind die Gemüse direkt notwendig und dürfen deshalb bei keiner Hauptmahlzeit fehlen. Da ist zunächst der Spinat, eine von vielen geschätzte, von vielen nicht nur unterschätzte, sondern fast verächtlich behandelte Gcmüscark. Bei 3*2 Prozent Stickstoffgehalt nicht ganz ohne Nähr« wert, dabei leicht verdaulich und von angenehmem Geschmack, bildet der Spinat eines unserer besten Frühjahrsgemüse, das neben diesen Vorzügen auch noch die Eigenschaft hat, in allen Jahreszeiten zu gedeihen, indem es nur dem härtesten Frost und der anhaltenden Dürre weicht. Wird der Same in gute Gartenerde Anfang April eingesät, möglichst Sonnenseite, so gedeiht die Pflanze gut und schnell und gibt nach sechs Wochen ihr Gericht; die Blätter müssen aber sorgfältig gepflückt, nicht abgerissen werden. Tie Italiener ziehen die Spinatpflanze in deren erster, zartester Jugend aus dem Boden, nehmen bloff die äuffersten Blätter und die Fasern de? Wurzel ab, und dämpfen diese Pflänzchen mit ihren Wurzeln gaiH, ohne sie zu zerschneiden und zu hacken. Die Wurzel junger Spinat- pflanzen ist in der Tat sehr schmackhaft und teilt den mehr sützlichcu Blättern eine leichte, gewürzhafte Bitterkeit mit, welche auch einer verwöhnten Zunge nach einigen Proben gefallen dürfte. Erwähnt sei noch, daff der Spinat seiner leichten Verdaulichkeit wegen eine Rolle unter den Krankenspeisen spielt und allen Personen mit schwachem Magen und solchen, die eine sitzende Lebensweise führen, sehr zu empfehlen ist. Durch kräftige Zubereitung gewinnt er überdies an Nahrungswcrt und ist überhaupt nicht ein blosser bslsi de l'estomac(Magenbesen), wie ihn die Franzosen scherz- weise zu nennen pflegen, sondern eine angenehme Zukost zu Cote- leiten, Schinken, Zunge, Pökelfleisch, Bratwurst usw., überhaupt zu den meisten Fleischarten passend. Ein vielfacher Gefährte des Spinats ist, wenn auch in eine andere Klasse und Ordnung gehörend, der Sauerampfer, auch kurz» weg Ampfer genannt. Der Ampfer zeichnet sich in allen Lebens- lagen durch einen Gehalt von saurem oxalsauren Kalium aus; die jungen Blätter werden daher vielfach als Salatwürze benutzt, hauptsächlich aber wie Spinat zu Gemüse verwendet und bilden in dieser Gestalt, mit gekochten Eiern garniert, eine gesunde und nahrhafte Schüssel der Frühlingstafcl. Ganz besonders beliebt ist der Sauerampfer in Frankreich, wo man seinen erfrischenden, an» genehmen Geschmack sehr zu schätzen weih. Der König aller Frühjahrsgemüse ist und bleibt aber doch noch immer der Spargel. In Norddeutschland wird allgemein der weihe Spargel gebaut, dessen starke Triebe man höchstens 1 bis 2 Zentimeter aus der Erde herauswachsen läht, bevor man sie 20 bis 25 Zentimeter tief im Boden absticht; in Süddeutschland, besonders in und um Ulm. dagegen herrscht der grüne oder Ulmer Spargel vor, dessen schlankere Sprossen sich 15 bis 18 Zentimeter über die Beet» fläche erheben dürfen und dann 5 bis 8 Zentimeter tief im Boden abgeschnitten werden. Der grüne Spargel schmeckt etwas stark, ist aber sehr zart und kann lange gestochen werden, weil er beim Kochen bis unten weich wird; auch hat er den Vorteil, früher zu treiben und weniger empfindlich in bezug auf Wärme und Boden zu sein. Der rote oder violette holländische Spargel schmeckt auch vortrefflich und bildet sehr starke und grohe Stangen, ist aber nur oben zart und muff daher lang über die Erde wachsen, um gcnieffbar zu werden. Da die Spargel zu den beliebtesten Gemüsen gerechnet werden, ist der Wunsch erklärlich, daff manche Hausfrau sie längere Zeit in einem möglichst frischen Zustande aufbewahren möchte, um auch in den Zeiten, in denen sie seltener sind, die Stangen zur Verfügung zu haben. Es gibt verschiedene Methoden, den Spargel frisch aufzubewahren. Ein bewährtes und sehr einfaches Ver- fahren besteht in dem Aufbewahren in Kleie. Der Spargel wird reingewaschen und mit einem Tuche gut abgetrocknet. Dann nimmt man trockene Kleie, mit bräunlich geröstetem Salz vermischt, bringt davon zu unterst in einem Topf, legt darauf eine Schicht Spargel, dann wieder eine Lage Kleie und geröstetes Salz, dann wieder Spargel und so fort, bis der Topf voll ist. Die oberste Schicht muff aus Kleie bestehen, wird etwas fcstgcdrückt und dann der Topf mit zerlassenem warmen Fett zugegossen. Das letzte dient dazu, die Luft von dem Inhalt abzuschlicffcn. Ter Topf wird an einen trockenen, zedoch kühlen Ort gestellt. Dem edlen Spargel hat in neuerer Zeit eine Gemüsepflanze aus dem sonst so verachteten Tistelgeschlcchte den Rang streitig gc- macht. Die Artischocke, um diese handelt es sich, ist ein Fremdling auf germanischem Boden, und sie wird es wahrscheinlich auch bleiben, trotz der emsigen Pflege, die man auf sie verwendet und der fortschreitenden Kultur, deren sich die Nutzgärtnerci unter der Obhut bewährter Züchter in den letzten Jahrzehnten bei uns er» freuen darf. Die schönsten Artischocken wachsen auf Marschboden ,n der Nähe des Meeres. Die besten sollen die französischen, groffen, grünen Artichaut de Lüon und die Artichaut de Bretagne sein, nächst diesen die grosse, grüne, runde englische Artischocke. Der eigentlich cssbare Teil ist bekanntlich der dicke, fleischige Fruchtbodcn, im Küchenjargon„Stuhl" oder„Käse" genannt. Je grösser der„Stuhl" ist, um so eher findet er Abnehmer. Nach Habs und Rosncr er» reichen in Spanien die Alcachofos(Artischockenstühle) die Grösse einer Faust und werden dort nach dem Gewicht verkauft. Sie sind wunderbar würzhaft, bei guten Arten sehr fleischreich und munden ganz vorzüglich, ob man sie nun mit Essig und Oel als Salat oder in Butter geschmort mit einfacher Sauce als Gemüse herrichtck; fette und gewürzte Saucen sind als Gelchmacksverderber durchaus verpönt, dagegen ein Bett von frischen Erbsen oder grüner Peter- silie höchst empfehlenswert. Eine nicht zu unterschätzende Frühlingsgabe bildet neben den Gemüsen das Ei. Zu keiner anderen Jahreszeit hat man soviel Gewähr für die Frische des HühnerprodukteS, als in dieser, und in leiner anderen ist eZ so luoTilfeil. Die bürgerliche Küche kennt denn auch eine große Anzahl von Eierspeisen, die besonders auf der Frühlingstafel eine große Nolle spielen. So„Spinat mit Ei", oder ..Eier auf Schinken", oder„verrührte Eier mit Schnittlauch" und die verschiedenen„Eierkuchen". Einen vorzüglichen Eiersalat erhält man, indem man das Gelbe von verschiedenen hartgekochten Eiern recht klein zerhackt und mit einigen Löffeln feinen Olivenöls zu einer rahmartigen Masse verrührt. Hierzu mengt man mit dem Weiß der Eier fein gewiegte junge Frühjahrskräuter, wie Sauerampfer und Kresse, Schnittlauch und Estragon. Gibt man nun den nötigen Essig, etwas Pfeffer, Salz und Kapern dazu, so ist ein vorzüglich schmeckender Salat fertig. kleines feuilleton. Naturwissenschaftliches. Die Bedeutung der Pilze für den Menschen. Die große Gattung der Pilze mit ihren zahllosen Arten ist dem Laien im allgemeinen aus ziemlich oberflächlichen Eindrücken, die er ab und zu in feinem Leben empfängt, als unbestimmter Begriff gegeben. Jeder erinnert sich, manchmal Freude an einem schmack- hasten Pilzgcricht gehabt zu haben, wird wohl auch von den schädigenden Wirkungen des Schimmels oder Hausschwammes ge- hört und vor der Schar der neucntdeckten unsichtbaren KrankheitS- träger durch Mitteilungen oder Lektüre ein gelindes Gruseln zu empfinden gelernt haben. Einen umfassenden lleberblick über die Bedeutung der Pilze für das tägliche Leben und die Technik gibt die Wochenschrift für Brauerei nach einem Vortrage des Pro- fcssors Lindner. Man unterscheidet die Pilze in Hefen-, Schimmel- pilzc und Bakterien. Schon die Schimmelpilze weisen eine un- geheure Verschiedenheit der Formen auf. Man kennt fast 50 000 Arten, die in imposanten Kompendien klassifiziert und zusammen- gestellt sind. Der Alltag freilich kann sich mit diesen gelehrten Unterscheidungen nicht befassen, aber man weiß im Hause sehr tvohl den grünen Schiimuclübcrzug des Brotes von dem Schiminel der Milch zu unterscheiden; mau findet da Gelegenheit, allerlei unliebsame bunte Flecken auf den Tapeten wahrzunehmen, die ihre Entstehung dem Wachstum verschiedener Schimmelpilze ver- danken. Auch der Weinkeller ist ein günstiger Boden für ihre EntWickelung. Der feine Rasen der Pilzfädchen macht sich auf den Korken der Weinflaschen bemerkbar und spannt nur zu oft feine graugrüne Decke über Fässer und Wände. Auch in Gärten find Zaunlatten und Bäume häufig mit den braunen oder schwarzen Tupfen schmarotzender Pilze besät. Ja selbst an unerwarteten Stellen des Heims, wie etwa im Tintenfaß, finden sich die in ihrer Nahrung lvcnig anspruchsvollen Gäste. Obst- und Süd- früchtehändler haben oft schwer unter solchen Ansiedelungen zu leiden. Tatsächlich betragen die Werte, die an großen Orten durch Schimmelpilze vernichtet werden, viele Millionen. Besonders eingreifend ist die Nolle der Pilzc in die Interessen der Landwirt- schaft. Kaum daß der Schnee sich im Frühiahr.von der Erde zurückgezogen hat, erscheint schon der Schnecschimmcl als gefähr- licher Feind der jugendlichen Saaten, die dadurch von vornherein dem Untergang geweiht sind. Im ganzen Pflanzenreich wüten die Pilze als böse Würger. Es gibt kaum ein Kulturgcwächs, das nicht in schlimmster Weise heimgesucht würde. Aus den Getreide- Pilzen sei nur das Mutterkorn herausgegriffen, das nicht allein der Pflanze selbst ein Feind ist, sondern durch seine Anwesenheit -im Brotmehl, insbesondere im Gebirge, unter den Menschen mörderisch gewütet hat. Aber nicht nur das Pflanzenreich wird verwüstet, auch Tiere haben schwer unter Pilzangriffen zu leiden. Auf Käfern, Raupen, Fliegen und vielen anderen Insekten finden sich Pilzmasscn, die wahre Epidemien bedeuten. Eine besondere Plage stellt die Vcrpilzung für den Fischzüchter dar. Zahllose Schimmclgattungen schädigen das Leben der Wasscrbcwohncr aller Art und vermindern die Fischbestände zweifellos in erheblichem Maße. Man hat vielfach die Ansicht geäußert, daß frisches Quell- Wasser Schutz gegen die Angriffe gewähren könne, allein genauere Beobachtungen haben diese Annahme als irrig erwiesen. Von sehr übler Wirkung sind naturgemäß die sogenannten Abwässer- pilze, die ans dem Boden der Gewässer schmutzig-graue pilzartige Ueberzüge bilden. Wie unangenehm das Wuchern derartiger Gc- bilde Wirken kann, erhellt am schlagendsten aus einem Bericht aus Ehilc, wo das b'uszrinin aquaeductmim die Mühlenräder derart vcrschlamtn'.t hat, daß das Wasser nicht mehr stark genug angreifen konnte. Das.Kapitel von den Kranlhciten, die bei Mensch und Tier durch Pilzwucherungcn erzeugt werden, ist ein sehr aus- gedehntes, aber auch indirekt vermögen diese unscheinbaren Pflanzen- gebilde schtvere Gesundheitsstörungen zu bewirken, indem sie z. B. in Räumen mit arsenhaltigen Tapeten den mörderischen Arsen- Wasserstoff eigentlich erst gleichsam entfesseln und dadurch die Be- »volmer krank machen. Eine weitere unangenehme Betätigung mancher Pilzgattungen ist die Holzzcrstörung, aber das Interesse der Pilze an den Bäumen ist nicht immer ein verderbliches, gibt es doch einen gemeiusanien Haushalt zwischen gewissen Baum- gattungen und Pilzen, der für das Gedeihen der Bäume wcfenr- lich ist. Die Pilze machen sich um ihre Wirte dadurch verdient, daß sie durch das Umspinnen der Wurzeln die Verarbeitung der Bodenbestandteile leichter machen. Man wußte längst, daß manche Pilze stets in der Nähe gewisser Waldbäume gefunden werden. Tics ist auch bei dem Juwel der eßbaren Pilze, der Trüffel, der Fall. In Frankreich, dem klassischen Lande der Trüffelkultur, werden jährlich für 80 Millionen Frank der kostbaren Knollen gc- erntet. Berlin konsumiert jährlich über eine viertel Million an Trüffeln, die fast durchgchends aus Frankreich bezogen werden, da in Deutschland etwa nur 1000 Kilogramm gcerntct werden. Im Jahre 1891 wurden die ersten deutschen Trüffelkulturen bei Wilhelmshöhe angelegt. Mit einzelnen Sorten find die Anbau- versuche recht gut gelungen. Ebenso ist Frankreich auf dem Ge- biete der Champignonzucht führend. In der Nähe von Paris finden sich in steinbruchreichen Gegenden große Anlagen, die zum Teil eine Bcetlänge von 15 Kilometer erreichen. Die Ernte findet während des ganzen Jahres statt. Ihr Erfolg hängt im wesent- lichen von der Wahl einer geeigneten Düngung ab. Die Kultur- räume müssen vor Wctteretnflüssen geschützt sein und auf etwa IL— 25 Grad Celsius gehalten werden. Die vom Pasteur-Jnstitut gelieferte Brut wird auch vielfach schon in Deutschland bezogen. In den letzten Jahrzehnten hat man in Europa erfahren, daß in Ostasien seit Jahrhunderten in systematischer Weise die Pilz- züchtung zu gewerblichen Zwecken getrieben wird; dies ist in China in einer ganzen Reihe von Betrieben der Fall. In Europa hat man günstige Pilzimpfungcn zunächst in der Käscfabrikation ver- sucht. Auch große Maisbrennereicn in Frankreich, Belgien und Ungarn bedienen sich des Amhloyces-Pilzes zu Gärungszwccken« Anthropologisches. Die Verwandtschaft der Menschenrassen. Den beutigcn Stand der Anthropologie liehandelt Franz Boas, Pro- fessor der Anthropologie an der Columbia-Univcrsität zu New Dork, in einem gemeinverständlichen Vortrage, den der„Globus" wieder- gibt. Boas weist darauf hin, wie wir auf diesem Gebiete erst in den Anfängen stehen und wie viel auf diesem Felde der Zukunft noch zu tun übrig bleibt. ES ist heute noch unmöglich, bestimmte Ansichten über die Verwandtschaft der verschiedenen Menschenrassen untereinander auszusprechen. Allerdings erkennen wir, daß zwei extreme Menschenrassen vorhanden sind: die Neger auf der einen, die M o n g o l o i d c n auf der anderen Seite. Zu den erstercn gehören die Afrikaner und die dunklen Bewohner der Süd- sce; die zweiten umschließen die Ostasiatcn und Amerikaner. Alle anderen sieht Boas als in einer sehr frühen Zeit entstandene?lb- ändcrungen jener beiden fundamentalen Typen an. Als solche den Negern verwandte Abänderungen erkennt er die Australier und die Zwergrassen Afrikas. Verknüpft mit den Mongoloiden, und vielleicht Abänderungen ihres Typus, sind die Malaien, die Alna und vielleicht die Europäer. Nimmt man diese breite Einteilung der Menschheit an, so scheint es, daß zwei große Abteilungen in frühester geologischer Zeit entstanden sind: die Indische Ozean- Rasse mit den Ncgroidentypen und die Pazifische Ozcan-Rasse, welche die Mongoloiden und ihnen nahe Stehenden umfaßt. Ge» trübt wtrd diese Anschauung durch die gewaltige Vermehrung der Europäer in den letzten zwei oder drei Jahrtausenden und ihre schnelle Ausbreitung über den Erdball; dabei ist aber zu bedenken, daß die weiße. Nasse ursprünglich nur einen sehr kleinen Teil der Menschheit bildete und nur e inen kleinen'Teil der bewohnten Welt einnahm. In welcher Beziehung die beiden Hauptrasscn zu dem Vor- läufer des Menschen, zu dem guartärcn Menschen Europas standen, ist unbekannt. Ebenso bleibt die Geschichte der Ausbreitung dieser großen Rassen zum größten Teil uns noch unbekannt. Dcch scheint es, laß die Pazifische Ozean-Rasse in sehr früher Zeit nach Amerika Wanderte und daß sie nach dem Rückzüge der Eisdecke nach dem nördlichen Asien zurückflutete und den jungen Norden der Alten Welt einnahm, der lange Zeiten unbewohnt war. Davon bleibt aber vieles Hypothese. Während nun aus der Verschiedenheit der Menschenthpcn Hervorgeht, daß die Tendenz, Abänderungen zu schaffen, stets vor- Händen war, scheint es, als ob die vorhandenen Varietäten sich außerordentlich beständig erhalten innerhalb der Grenzen ihres Abänderungsbcreiches. Die in Europa aufgefundenen vicltausend- jährigen und die altägyptischen Menschcnreste. die mit der heutigen Bevölkerung dieser Länder veralichen werden, gleichen sehr den modernen Formen, und danach hat in diesen Gegenden in Taufen- den vor Jahren keinerlei Wechsel stattgefunden. Die gleiche Be- ständigkcit der Rasse zeigt sich im Falle von Mischungen. Bei den Mischungen zeigt sich eine starke Tendenz, zu den ursprünglichen Rassen zurückzukehren, ohne daß sich eine neue Zwischenrasse bildet. Trotzdem aber ist auch der umbildende Einfluß des Milieus, Ab- ündernnzen bewirkend, vorhanden. Tie Untersuchungen über die Beständigkeit und die Verwandtschaft der menschlichen Typen haben also gezeigt, daß es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich ist, einen sogenannten reinen Typus rufzustcllcn. Wir wissen, daß die Ueber- gänge zwischen den verschiedenen Typen ganz allmähliche sind, und zwar in so verschiedener Richtung, daß die Aufstellung irgendeiner der Serien als primärer TypuS ganz willkürlich ist. Alle Völker unserer Zeit, und die Europäer nicht weigcr als die übrigen, sind gemischt, und die Rassenreinheit, worauf die Europäer stolz sind, ist nicht vorhanden. Bcrantw. Redakteur: Georg Dapidsohn, Berlin.— Druck u, Verlag: Vorwärts Auchdr. u.Bcrlagsanstalt Paul Sinaer L-Co., Berlin SW.