Unterhalt»ngsblatt des vorwärts Nr. 82. Dienstag, den 23 April. 1903 (Nachdruck verboten.) iq Semper der JUnglmg. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, feucht- bares Land, und Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen chn wuchs. Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie sollten es nicht nur hier! Unter den Eiftpflanzeu ist eine, die keines Samens und keines Keimes bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs, das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann erzeugt sie sich aus nichts. Eines Tages wurde Asmus von Scybold gestellt, von demselben Seybold, der bei der Präparandcnprüsung einen so sicheren Blick für Sempers Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminariften umgeben und Hub also an: „Hier wird behauptet. Du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller und Warncke nach der letzten Kneipe den Unter- richt geschwänzt und im Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten." Wäre nun Asmus Semper irgendein anderer gewesen, so würde er vielleicht gesagt haben: „Bemühe Dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung fest- stellen." Oder er würde wie jener Dankes gesprochen haben, den jemand einen Schurken nannte und der freundlich erwiderte: „Damit, mein Vcrehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange nicht bewiesen." Aber wär er besonnen gewesen, so wäre er nicht der Semper gewesen, und also erwiderte er: „Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot." Das Blut seiner Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus. Auch diese Antwort war ja richtig: aber ihre Nichtigkeit wurde nicht zugestanden. „Hahaaa," johlte die Korona,„da haben wirs, wir sind alle Lumpen und Idioten!" Wäre Asmus jener Dankee gewesen, so hätte er gesagt: „Dieser Schluß entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit": statt dessen verzog er das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und sagte: „Bitte, ich sagte: oder." Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines..Hochmuts", seiner„Frechheit" und seiner„In- koliegialität" in Verruf. Die Inkollegialität bestand darin, baß er mehr wußte und konnte als Seybold, Wiedemann und Kompagnie und dies in seinen Arbeiten schamlos zu er- kennen gab. Vor Asmusiens Augen stand sein alter herrlicher Schul- meister, Herr Cremer, wie er dem Ouinws Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in seinen Rock zu machen und zu sagen:„So stand ÖuintuS Fabius vor der karthagischen Rats» Versammlung und sagte: Hier in den Falten meiner Toga habe ich Krieg und Frieden— wählt!" So hatte das Schick- fal in Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und genau wie die Karthager hatte er gcant- wortet:„Gebt, was Ihr wollt." Und Ouinws Fabius Sey- bald hatte gesagt:„So Hab denn Krieg." Und so war es also Krieg. Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es war die bekannte Guerilla böser Schikanen. iu deren Erfindung die Jugend so grausam ist und in der das„Zwanzig gegen Einen" durchaus nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam— gerade jetzt wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war— dann bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über seinen Rock. „Der Kerl is'n richtiges Originaoll" rief der Bauern- sich« Rohweder, der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen Vermochte. Er hielt„Original" für etwas sehr Schimpfliches. Oder sie lösten ihm von der Milchslasche, die in seinem Bücherfach lag und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und Bücher floß und ihm seine sorgfälligen Ausarbeitungen verdarb. Daß er dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten beschmutzt waren, war schlimmer: aber das schlimmste war die Niedrig- keit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie be- schmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas Gleichgültiges: er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er brauchte ihn nicht: wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte, sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrig« leiten konnten ihn in eine heilige Wut und dann in eine tiefe. vollkommene Niedergeschlagenheit versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann... Er verfolgte den Ge- danken nickst weiter: er wollte ihn nicht Wetter verfolgen. Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feind- seligkeit der Neid war. Aber auch andere Schüler gaben Wohl einmal Anlaß zum Neide: warum kam der Haß nickst auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe, die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht schön, wenn auch Flora, die verführerische Nach- barstochter, und jenes kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte, ihn unverkennbar gern ge» habt und ihm dies keineswegs verborgen hatten: er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte? Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen. Das Wort des Polonius an seinen Sohn: „Härte Deine Hand nicht durch den Druck Von jedem neu geheckten Bruder" hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut entsprach. Ost empfand er gleich bei der ersten Be- gegnung mit einem Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an bei nickst hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es hochfahrend und arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen. Immerhin hatte er eine Minorität ernf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch des Konfliktes hatte sich Morien? mit tausend heroischen Gesichts- und Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu Werner von Kiburg, wenn er ruft: „Hin fahr i