Nnterhattungsblatt des Horwärts Nr. 83. Mittwoch, den 29 April. 1903 (Nachdruck verboten.) m Semper der Jüngling. Ein Bilbungsroman von Otto Ernst. Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den See tahrer verbannt hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht: er hätte ihm damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal„Das Blatt im Buche" in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu unterdrücken war.„Ich Hab' eine alte Muhme'� so beginnt das Gedicht, und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den Sachsenwald kannte der Deklamator: er kannte jeden Weg und Steg, und Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie Plötz- lich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die Försterstochter ihnen zur Begrüßung entgegentrat. Jetzt wunderte sich Asmus nicht mehr, daß das„geschätzte Mitglied hier herum Weg und Steg kannte: denn diese Försterstochter Jpar wohl das Hübscheste, was der Sachscnwald zu geben yatte. Sogleich empfand Asmus in der Herzgegend ein so süßes Weh, daß er bei dem bald darauf aufgetragenen Mahle nur Flüssiges genießen konnte und den Deklamator des „Blattes im Buche" mit argwöhnisch brennenden Blicken an sah. Nach dem Essen sollte Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem Tempelherrn, weil es Morieux„kolossal" fand, wie er zugleich das edle Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das Roß eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewiß so gut wie je, und als er ge- endet hatte, klatschte auch die Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal: sie hatte nämlich eine Motte ge- fangen, die sie schon minutenlang mit den Augen verfolgt und nur mit Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte. Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unauf- gefordert, der Führer durch den Sachsenwald, um das„Blatt im Buche" zu rezitieren. Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und zerrungenen Händen ab: nur Morieux explodierte natürlich in einem jähen Nasen- laut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein dringend nötiges Ausschnupfcn maskierte. Die Tochter des Waldes aber blickte strahlend auf den Handlungsgehülfen, als wollte sie sagen:„Ein Küstler bist du auch noch?" „So'n Sirupskringell" knirschte Asmus in sich hinein, und damit meinte er nur den Handlungsgehülfen, obwohl es in gewissem Sinne auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus, daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt: aber doch blieb er ganz in ihr gefangen: sie war eine Brezel, die der himmlische Menschen- bäcker mit unendlich vielem Sirup bestrichen hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und„Dritten ab- schlagen" spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß sie Förstcrstochter vor dem alten Muhmendcklamator stand, und dann legte er— dieser Frechling— ganz ungeniert, wie im Eifer des Spiels die Hände lim die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes.„Der Schuft," dachte Asmus. und die Treue von 1880 wankte in ihren Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die Hände um die Hüsten zu legen.„Nie," sagte er sich. Wenn sie es ihm verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als „Dritter" den Platz räumen mußte, um nicht„abgeschlagen" zu werden da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot holte er dann nach, was er nnttags ver- säumt hatte: in seiner grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm vorkam: Schinken. Rühreier, Schwarz- brot und Liebesgram. Beim Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden: aber sie sollte es sich nicht einbilden, daß kie ihn verwundet habe, und mit blutendem Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er, im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl an tausend Füße hatte, fühlte er sich be- deutend ruhiger. Und als er nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders„Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" las und plötzlich aus einer Wald» Wirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie eine Stecknadelwunde. Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine tiefere Herzenswunde bringen. 21. Kapitel. (Wie Asmus eine bessere Liebe fand.)' Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte.„Als ich deinen Vortrag über Schillers„Antritt des neuen Jahrhunderts" gehört hatte, war ich dir für immer verfallen," sagte Sturm in vertrauter Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief, und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der„Treue von 1880" eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend selten be- sitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabak- Humor, der noch ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein hält: was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare— obwohl sie's heucheln— nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der tief» sinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn„blöd- sinnig", und die Knoten heißen ihn„unvornchm". Diesen Humor nun, wie alle kräftigen Humore. liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem Steg» reif eine Hintertreppenfamilientagödie mimte, oder einen Volksredner oder auch die Jlsebill aus dem Märchen„vom Fischer und syner Fru" verkörperte, dann lachten zwar die andern auch: aber Asmus lachte so, daß er endlich rufen mußte:„Hör auf, ich sterbe!" Aber dieser Humor ivürde viel- leicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaft» sicher Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Ver- vollkommnungsstreben verbunden hätte. Diese beiden Eigen- schaften, die immer wie Gegensätze aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte. Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Men» scheu, der ihm endlich zu jedem ersehnten Aufschwung ver- helfen könne, und wenn Asmus solche enthusiastischen Ueber- schätzungen mit Händen und Füßen ängstlich abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio: „Hab ich nur deine Liebe, Die„Treue" brauch ich nicht." Aber das quälte ihn. das er diese Liebe nicht ganz zu be- � tzen glaubte: er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux, Mit dem sollte Semper sich nicht einlassen. „Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux Verkehren! Morieux! Auf dem Dom*) gab es früher ein Affentheater von„Morieux". Das paßt. Dieser ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!" „Nein, das ist er nicht." räumte Semper ein.„Er ist oft ein unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein blaues Bein und ein gelbes, eine ») Der H �nburgcr Weihnachtsmarkt wird„Tom" genannt. fjcilb rolc unb halb grüne Jacke, wie ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem schweren Streit und gegen eine große Ueberniacht auf meine Seite gestellt: er hat um mich gelitten: das kann ich doch nicht einfach der- «essen." Tann sehte Stnrm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und introduzierte ein neues Lied: denn singen mußte Asmus zu seiner Begleitung, sobald ein Klavier in erreich- barer Nähe war. Eines Tages aber, als sie am Abend vorher in der„Treue" wieder die schönsten und die verrücktesten Dinge getrieben hatten— Asmus saß wieder in seiner engen Klause und übersetzte Byron— da klopfte jemand. Auf As- mussens„Herein" trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der Tür zu sinken und in Tränen auszu- brchen. Sein Gesicht war aschfahl: in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke bringen müssen. „Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden," sprach er unter Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Semper« fast so sehr wie die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem Neunzehnjährigen! Ter nichts er- fahren hatte! Sein Freund war ja älter als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden. Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen Bruder Leopold durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit. Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise, wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus mit sanftem Tone: „Ich habe einen Weg zu machen: es wäre riesig nett von dir, wenn du mich begleiten wolltest." Sturm nickte nur. „Da," sagte er,„die Rose solltest du haben— jetzt ist sie verwelkt. Na— ist ja alles einerlei!"— un? wollte sie zum Fenster hinauswerfen. „Gib!" rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand.„Sie wird sich erholen." Und er stellte sie in ein Wasserglas. Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte ihn an den Elbstroin unterhalb Oldcn- sunds bis nach Blankenese und darüber hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das jenseitige Ufer .dem Blick sich entschwindet, und wo der sinnende Wanderer oder der still hintreibendc Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund, wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und Heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle, wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag wurde. Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hate erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen habe, doch schon oft geheilt wor- den�sei. Unter anderen Beispielen fiel ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm war fanatischer Wagnerianer: nach zwei Takten schwamm er schon„aus wolkigen Höh'n": Asmus folgte ihm barin nicht einmal bis über die Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf Wagner und ließ sich in nicht weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz, damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war glückselig und lächelte wieder: es war ein höheres, ein verklärtes Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners— nun konnte�man es wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim'Abschied hielt er die Hand des Asmus fest. „Du—" sagte er.„Ich habe dich zuweilen gekangwcilt mit diesem Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von niir. Was ist Morieup an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir nicht, solangeichlebel" Tann kam der Zug: Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagcnfenster. Als er wieder in seinem Zimmer war. fiel sein Blick auf die gelbe Rose. Sie hatte sich nicht erholt. lForisetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Sin Ekarnter. Von V i c e n t e B la S c o Jbanez, autorisierte Ucbcrsetzung von Albert Eronau. (Schluß.) „Alle sind gegen mich fuhr er fort.„Ich habe viele Theater- stücke gesehen, verstehen Sie wohl? Da habe ich es gesehen, daß gewisie alte Könige, wohin sie auch gingen, ihren Scharfrichter, der rot gelleidet war und das Beil am Halse trug, hinter sich her- schleppten imd ihn zu ihrem Freund und Ratgeber niachten. Das war logisch I Wer damit beauftragt ist, Justiz zu vollzieben, der i st doch etwas, will mir scheinen, und verdient eine geivisse Achtung. Aber ilt heutigen Zeiten ist alle» Heuchelei. Der Staatsanwalt fordert laut einen Kopf im Rainen von ich weiß nicht wie vielen ehrwürdigen Dingen, und allen erscheint eS so gut; dann komme ich und erfülle seine Befehle. Und sie speien mich an und beschimpfen mich. Sagen Sie doch, ist das gerecht? Wenn ich in ein Wirtshaus trete, setzt man mich, sowie man mich erkannt hat. an die Tür; auf der Straße fliehen alle nieine Berührung, und selbst im Gerichtshof werfen sie mir das Gehalt vor die Füße, als ob ich nicht ebenso gut Beamter wäre wie sie, als ob mein Geld nicht im Budget stände.... Alle sind sie gegen mich I... Und dann," fügte er mit kaum hörbarer Stimme hinzu,.die anderen— versiehe» Si? wohl?— die, welche davongingen, um nicht inehr zurückzukehren, und trotzdem zurückkommen, diese hundert Unglücklichen, die ich wie ein Vater verhätschelte, indem ich ihnen so wenig Schaden wie möglich zufügte, und die... o die Undankbaren I... sie kommen zu mir, sowie sie mich allein sehen I" »Was, sie kommen wieder?" »�ede Nacht. Einige belästigen mich wenig, die letzten eigentlich gar nicht. Sie sind wie Freunde, von denen ich gestern Abschied nahm, aber die alten, die aus meiner ersten Zeit, als ich mich»och aufregte und mich selbst für niederträchtig hielt, das sind wahre Dämonen. Sowie sie mich in. Dunkeln allein sehen, ziehen sie auf mciner Brust in unabsehbarem Zuge dahin, drücken mich, nehmen mir den Atem, scheuern mir mit dem Saum ihres Gewandes die Augen. Sie verfolgen mich überall hin, und jetzt, wo ich alt werde, sind sie um so emsiger bei der Arbeit. Als man mich in die Dachkammer steckte, sah ich sie wieder in den dunklen Ecken zum Borschein kommen l Deshalb verlangte ich nach einem Arzt, ich war krank, ich hatte Angst vor der Nacht, ich wollte Licht, Gesellschaft." »Sind Sie denn immer allein?" »Nein, ich habe in meinem Häuschen in der Umgebung von Barcelona Familie, und zwar eine, die mir keinen Verdruß macht: einen Hund, drei Katzen und acht Hühner. Sie verstehen die Leute nicht imd achten mich daher; sie lieben mich, als ob ich ein Meiisch wie die anderen wäre. Sie werden«m meiner Seite in Ruhe alt. ES ist mir nie eingefallen, ein Huhn zu töten; ich falle in Ohnmacht, wenn ich das Blut fließen sehe." Er sagte das mit derselben kläglichen Stimme von vorhin, er war ganz schwach, wie vernichtet, als ob er fürchte, daß er innerlich allmählich zusammenbräche. »Hatten Sie denn eine Familie?" »Ich... wie jedermann. Ihnen, gnädiger Herr, erzähle ich alles. Es ist schon so lange her, daß ich zu jemand gesprochen habe. Meine Fainilic starb vor sechs Jahren... Glauben Sie nicht, daß eS eine von diesen betrunkenen, verdummten Weibsbildern war, wie man sie in den Romanen immer dem Henker zur Frau gibt. Es war ein Mädchen aus meinem Ort, mit dem ich mich verheirate, als ich vom Militärdienst zurückkam. Wir hatten einen Sohn und eine Tochter. Das Brot war knapp. daS Elend groß und da— was wollen Sie?— trieben mich die Jugend und eine gewisie Brutalität im Charakter zu dem Amt. Glauben Sie nicht, daß ich den Posten leicht erlangte, es war sogar Protektion dazu notivendig. Anfangs machte mir der Haß der Leute Vergnügen, ick war swlz daraus, Schrecken und Abscheu zu erregen. Ich leistete vielen Gerichtshöfen meine Dienste, wir durchstreiften halb Spanien und die Kleinen wurden immer schöner, bis wir schließlich nach Barcelona kamen. WaS für eine große Zeit! Die schönste meines Lebens, in fünf oder sechs Jahren gab eS nichts zu tun. Meine Ersparnisse wurden in einem Häuschen in der Umgegend angelegt, und die Rachbarn achteten Don Nicomedes, einen sympathischen Herrn, der beim Gericht angestellt war. Der Kleine, ein wahrer Engel, arbeitsam, sittsam und der- schwiegen, war in einem Handelshause angestellt, daS Mädchen— wie bedauere ich, ihr Bild nicht hier zu haben— war ein Seraph mit blauen Augen, mit blondem Zopf, so dick wie mein Arm: wenn sie in unsere»» Gärtchen herumlief, sah sie wie eines jener Fräuleins an«, wie sie in den Opern vorkommen. Sie konnte mit ihrer Mutter nicht nach Barcelona gehen, ohne daß nicht irgend ein junger Mann fle verfolgt hatte. Sie hatte einen wirklichen Brüittigam. einen guten Jungen, der Arzt werden wollte. Das ging sie und ihre Mutter an; ick> tat als ob ich nichts sähe, rmt der gutmütigen Blindheit der Väter, die sich bis zum letzten Augenblick zurückhalten. Aber, mein Gott, wie glücklich waren wir l" Die Stimme von Nicomedcs wurde immer zitteriger, seine kleinen blauen Augen wurden trübe. Er weinte nicht, aber sein grotesker dicker Leib bewegte sich zitternd hin und her, als wenn ein Kind Anstrengungen niachte, die Tränen hinunterzuschlucken. »Aber da fiel es einem Bösewicht, der schon viel hinter sich hatte, ein, sich fangen zu lassen; man verurteilte ihn zum Tode, und nun mutzte ich in Fuitklion treten, als ich schon fast ver- gessen hatte, weis mein Amt war. Was war das für ein Tagt Die halbe Stadt kannte mich, als man mich auf dem Gerüst sah. und Journalisten von der Sorte, die schlimmer als eine Epidemie sind (Sie entschuldigen wohl l), forschten sogar mein Leben aus, stellten mich und meine Familie in gedruckten Lettern den Leuten vor, als ob wir«in seltenes Gewürm wären, und bestätigten bewundernd, datz wir das Aussehen von anständigen Leuten hätten. Wir kamen so in die Mode; aber welche Mode! Die Nachbarn schlössen Fenster und Türe», wenn sie mich sahen, und wenn die Stadt auch grotz ist, man erkannte ynch doch auf der Stratze und beschimpfte mich. Als ich eines Tages nach Hause gekommen war, empfing mich meine Frau wie eine Wahnsinnige. Das Mädchen! Ich sah sie im Bett niit verzerrtem, grünlichem Angesicht liegen, sie, die so hübsch war I Die Zunge hatte weitze Flecke. Sie hatte sich vergiitet, vergiftet mit Streichhölzern, und hatte ganze Stunden slaug entsetzliche Schmerzen ertragen, ohne etwas zu sagen, damit das Mittel dagegen zu spät käme... und so kam es I Am folgenden Tage lebte sie nicht mehr.... Die Arme hatte Mut. Sie liebte ihren Arzt von ganzem Herzen, und ich selbst laS den Brief, worin der junge Mann für immer von ihr Abschied nahm, nachdem er erfahren hatte. Westen Tochter sie ivar.... Ich beweinte sie nicht. Hatte ich vielleicht Zeit dazu? Die Welt fiel über uns her, das Unglück kam von allen Seiten, das ruhige Heim, das wir uns gezimmert hatten, stürzte an allen vier Ecken ein. Mein Sohn... auch den warf man aus dem Handelshause, und es war vergeblich, eine neue Stellung oder Hülfe bei den Freunden zu sucven. Wer wechselt ein Wort mit dein Sohn des Henkers? Der Anne. Als ob er sich den Vater hätte aussuchen können, bevor er zur Welt gekommen war I Was halle er, der so gut war, für Schuld daran, datz ich ihn erzeugt hatl«? Er war den ganzen Tag zu Hause, da er die Leute floh, und satz traurig und seit dem Tode des Mädchens verwahrlost in einer Ecke des Gärtchens. „Woran denkst Du, Antonio?' fragte ich ihn. „Ich denke an Anita, Papa I" Der Arme hinterging mich. Ich dachte daran, wie grausam wir unS geirrt harten, als wir eine Zeitlang geglaubt hatten, den anderen gleich sein zu können. Der Sturz war grätzlich, unmöglich, sich davon zu erheben. Antonio verschwand. „Und Sie haben nichts über ihn erfahren fragte Dauez, den die grausige Geschichte interessierte. „Jawohl, vier Tage nachher. Man fischte ihn Bareelona gegen- über auf; nls man ihn herauszog, war er in_ die Netze gewickelt, aufgeschwollen und entstellt. Sie werden das übrige schon erraten haben. Die Alte schwand nach und nach dahin, als ob die Kinder sie von oben nachzögen, und ich, der Schlechte, der Hartherzige, blieb hier allein zurück, ganz allein, ich kann nicht einmal zum Trunk meine Zuflucht nehmen, denn wenn ich mich betrinke, komnicn sie, verstehen Sie wohl?, sie, meine Verfolger und machen mich mit den Flattern ihrer schwarzen Gewänder, die ungeheuer grotzen Naben gleichen, verrückt, und ich fange an zu sterben.... Und doch hasse ich sie nicht I die Unglücklichen! Ich weine fast, wenn ich sie auf dem Armcnsünderstuhl sehe. Andere haben mir weh getan. Wenn die Welt sich in eine Person verwandelte, wenn alle die Unbekannten, die mir die Meinen mit ihrer Verachtung und ihrem Hätz raubten, nur einen Hals hätten und man würde ihn mir übergebe», o, wie würde ich ihn zusammenschnüren... mit welcher Wonne r Er war aufgestanden und schrie das heraus, wobei er seine Fäuste heftig hin und her bewegte, als ob er einen Hebel umdrehen wolle. Nun war er nicht mehr das furchtsame, dickbäuchige, klägliche Wesen. In seinen Augen funkelten rote Flecke, die Blutzspritzflecken glichen, der Schnurrbart richtete siöh auf und seine Gestalt erschien grötzer, als ob die wilde Bestie, dre in ihm schlief, der Hölle einen furchtbaren Ruck gegeben hätte. In dem Schweigen des Kerker? ertönte immer deutlicher der schinerzliche Singsang, der vom unterirdischen Gefängnis kam: Va... ter un... ser, der du bist im Himmel I Don NicomedeS hörte es nicht. Er lief wütend durch das Zimmer, wobei er durch seine Schritte den Futzboden erschütterte, der seinem Opfer zum Dach diente. Schließlich wurde er auf das eintönige Jantmer aufmerksam. „Wie dieser Unglückliche singt I' murmelte er.„Wie weit entfernt ist er davon, zu wisten, daß ich hier über seinem Kopfe bin." Er setzte sich autzer Atem nieder und verharrte lange in Still- schweigen, bis seine Gedanken, seine Wut zu protestieren, ihn zu fprechen zwangen. „Sehen Sie, ich weiß, datz ich ein schlechter Mensch bin und datz die Leute mich verachten nrüssen. WaS mich aber in Zoru bringt, ist der Mangel an Logik. Wenn das, was ich tue, ein Verbrechen ist, sollen sie die Todesstrafe abschaffen und dann werde ich in eine» Ecke wie ei» Hund bor Hunger berste». Ist es aber notwendig zu töten, damit die Guten Ruhe haben, warum haßt man mich dann? Der Staatsanwalt, der den Kopf des Bösewichts fordert, wäre nichts ohne mich, der ich gehorche, alle sind wir Räder derselben Maschine und wir verdienen bei Gott den gleichen Respekt, denn ich bin ein Beamter, der dreißig Dienstjahre hinter sich hat.. (Nachdruck verboten.) Die VcrrchiuelziiRöf vor HrbcltcrgcfaRgvemRen. Von Eugen Th ari. II. Doch höher als alle materiellen Vorteile stehen die künst- lerischen. Wieviel mehr mit einem grotzen Chor zu erreichen ist als mit einem kleinen, ist so klar, daß man darüber kaum Worte zu verlieren braucht. Ein Teil der einschlägigen Erwägungen hat ja zur Bildung der Sängerbünde geführt. Nun können diese, wie schon gesagt, da sie die Mitglieder nicht immer zu Proben zu- s-unmen-.haben, nicht das leisten, was einem einzelnen grotzen Verein zu vollbringen möglich ist. Die ständige Anwesenheit einer grotzen Anzahl von Sängern bei den Proben gibt dem Dirigenten ein ganz anderes Arbeitsfeld. Tie einzelnen Stimmgattungen lassen sich bester ausgleichen, die Stimmdisziplin, d. h. die Unter- ordnung des einzelnen Sängers unter die Masse seiner Stimm- kollegen, kann besser herangebildet werden, die Atemführung lätzt sich bester handhaben usw. Es ist ein altes, nie zu beseitigendes Uebel, datz es in jedem Verein Minderbegabte Sänger gibt, solche, die entweder musikalisch schlecht beschlagen sind oder deren Stimmen minderwertig sind. Zwei oder drei solcher Sänger können den Erfolg einer Konzertaufführung in Frage stellen, wenn sie nicht durch eine größere Zahl von Mitsängern gedeckt werden. Das ist unmöglich bei kleinen Chorvereinen von 20 bis 25 Mitgliedern. Auch bei etwas größeren Vereinen hat der Dirigen't oft seine liebe Mühe, datz der Gesangseifcr solcher Mitglieder nicht allzu gefährlich wird. Hier hilft zum Ausgleich nur der große Verein» der die Möglichkeit bietet, durch eine größere Zahl von tüchtigen Sängern die Schwächen der anderen zu verdecken. Aber auch wenn nur gute Stimmen vorhanden sind— ein Umstand, der bekanntlich nie eintrifft—, ist ein großer Chor einem kleinen vorzuziehen. Bei diesem wird man einzelne Sänger hören, bei jenem lätzt sich ein Gesamtklang, der einheitliche Chorklang, erzielen. Diese Ver» hältniste gehen analog denen des Orchesters. Im Zusammenhang mit dem Chorklang steht auch die Frage der Atcmtechnik. Auch darin lätzt sich mit einem grotzen Chor besseres erzielen als mit einem kleinen. Denn das Wesen des Choratems besteht darin, datz die Ungleichmätzigkeitcn und die Unfertigkeiten der einzelnen Sänger untereinander ausgeglichen werden, datz man nicht den von der Güte der Lunge usw. abhängigen Atem des einzelnen, sondern die Chormasse als solche atmen Hort. Wie z. B. bei wichtigen Einschnitten der Komposition und des Textes. Zur Erzielung einer guten Phrasierung ist ein solcher Choratcm unerläßlich. Auch ausgchaltene Töne müssen beliebig lang, ohne zu stoßen und zu wackeln, in jeder Stärke gehalten werden können. Gleichmäßiges Anschwellen, noch mehr gleich- mätziges Abschwellen sind die schwersten Aufgaben für einen Chor. Wie oft hört man schwierige Chöre— sogenannte Kunstlieder— höchst unvollkommen wiedergegeben! Und weder den Dirigenten, noch den Fleiß der Sänger trifft eine Schuld. Lediglich die zu ge- ringe Zahl-der �Ausführenden hat eine ersprießliche Leistung ver- hindert. Der überwiegende Teil des modernen Chorkunstlicdes ist nur von grotzen Chören zu bewältigen. Und die Arbeiterchöre hätlcn in dieser Beziehung besonderen Grund zum Vorwärts- streben. Denn es zeigt sich, daß die guten modernen Chorlicder sozialen Inhalts— es sind freilich erst ganz wenig vorhanden—, nicht im alten Licdcrtafelstil gehalten find, sondern die Errungen- schaftcn moderner Tonsetzkunst berücksichtigen. Wollen also die Ar» teitcrgesangvereine sich für die Aufgaben der Zukunft beizeiten rüsten, so ist unbedingt nötig, datz dort, wo die Möglichkeit sich bietet, die kleinen Acreine ineinander aufgehen. Die zuhörende Arbeiterschaft hat ein Recht darauf, datz ihr soziale und Freiheitslicder so gut wie nur mög- lich dargeboten werden. Denn auch für leichte Freiheits- lieber ist es von Nutzen, wenn sie von einer grotzen Sängerschar ausgeführt werden. Freiheitsliedcr müssen mächtig llingep, wenn sie die volle Wirkung auslösen sollen und sind deshalb auch durch- gängig für Massenchöre berechnet. Ferner denke man an die vielen Lieder für Männerchor und Orchester, ein Gebiet, das den kleinen Chören fast ganz verschlossen ist! Und auch die Ausführung von größeren Chorwerken mit Solisten ist nur einem grotzen Verein möglich. Aus finanziellen und künstlerischen Gründen. Es ist bekannt, datz die Stellen, an denen die Masse des Volkes ihre musikalische Erbauung sich holt, im wesentlichen die Militärkonzerte und die Liederabende de? Männergesangvcreine sind. Auf die künstlerische Ausgestaltung de» Milit2rkonz?rte haben tvir keinen Einfluß, aber die Konzertabcnde der Männerchöre sind zu beeinflussen. Die Wünsche von Freunden einer guten Volkskunst gehen dahin, daß die Konzerte der Männer- chöre aus dem sogenannten Liedertafelnireau sich heben und zu wirklichen Kunstereigniffen de? Volles werden mögen. Den Männcrchören ist die Erziehung des Volkes in musikalischer Hinsicht anvertraut. Dieser Pflicht sind sich erst wenig Vereine bewußt. Den meisten geht das Ver- einsinteresse noch über das allgemeine. Gute künstlerische Aufführungen können— es sei nochmals betont— nur große Vereine zustande bringen. Auch die größte Begeisterung eines Dirigenten muß scheitern, wenn die Mittel zur Ausführung un- zulänglich sind. Und damit kommen wir zur Dirigentenfrage, die gleichfalls in unsere Betrachtungen hineingehört. Sie ist für viele Arbeitergcsangvereine geradezu brennend geworden, da ihnen bei weitem nicht die große Ausivahl unter den vorhandenen Kräften zur Verfügung steht wie den bürgerlichen Vereinen. Auch zur Lösung dieser Frage kann die Verschmelzung kleinerer Gesang- vereine in einen großen helfen. Denn ein guter Dirigent verlangt ?;ute Bezahlung und kann sie auch beanspruchen. Kleine Vereine önnen ihrem Dirigenten oft nicht mehr als 2,50 Mark für die Probe zahlen.(Der Musiker, der abends zum Tanz aufspielt, erhält mehr.) Und selbst diese 10 Mark monatlich aufzubringen, fällt einem Verein von 20— 25 Mitgliedern schwer. Die Folge davon ist, daß jeder Dirigent danach streben muß, sich aufzubessern, d. h. den schlcchtzahlenden Verein zugunsten von besserzahlenden aufzugeben. Ferner aber sind selbst bessergestellte Vereins- dirigenten gezwungen, Abend für Abend einen Chor zu leiten. Zeit, seine eigene Ausbildung durch Besuch von anderen Konzerten, Öpernvorstellungen usw. zu fördern und auf dem laufenden zu erhalten, hat ein solcher Dirigent nicht. Kleinere Talente laufen dabei Gefahr, im Fache zu versimpeln. Darunter leidet die eigene Arbeit und im weiteren auch der Verein. Besser kann das erst werden, wenn die Dirigenten aus ökonomischen Gründen bricht mehr gezwungen sind. Abend für Abend je einen kleinen Verein zu leiten. Die Berufsfreudigkeit der Dirigenten wird gehoben, wenn sie sehen, daß ihre Arbeit auch finanziell sich lohnt, und wenn sie aus dem Berufsstumpfsinn herauskommen, der ihnen auferlegt, Abend für Abend mit immer einem anderen Verein womöglich die gleichen Lieder durchdreschcn zu müssen. Auch ergibt sich für die Vereine die Möglichkeit, daß bei genügender Bezahlung sich mehr gute Kräfte als sonst zu Dirigenten melden werden. Auch der Umstand, daß ihm eine große Sängerschar zur Verfügung steht und daß er die Möglichkeit hat, größere Aufführungen zu machen, veranlaßt manchen guten strebsamen Musiker, seine Kräfte den Vereinen zur Verfügung zu stellen. Was sonst noch alles mit einem großen Verein sich leicht schaffen läßt, ist zum Teil noch Zukunftsmusik; soll aber noch kurz gestreift werden. So können mit geringen Kosten ein paar Bücher musikalischen Inhalts, eine Musikzeitung usw. zum Verleihen an die Mitglieder angeschafft werden, Dinge, die für den einzelnen musikliebcnden Arbeiter zum Anschaffen meist zu teuer sind. Die Ausleihziffern von Volksbibliotheken zeigen, wie groß das Be- dürfnis ist. Auch das Arrangieren von einem Kammermusikabend oder einem Sololicdcrabend stände nicht außer dem Bereich der Möglichkeit. Ich meine hierbei keine Konzerte, sondern mehr einen behaglichen musikalischen Abend für die Vereinsmitglieder und deren Angehörige, der vielleicht einmal im Winter stattfinden könnte usw. Wie sollen sich nun Vereine verschmelzen? Hierüber ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Ganz kleine Vereine schließen sich, wie schon gesagt, am besten einem größeren an. Gleich große werden einen neuen Verein gründen. Die Aufrechnung des Inventars macht keine Schwierigkeiten. Die Hauptsache ist guter Wille auf allen Seiten, bessernd eingreifen zu wollen. Das Sonder- interesse muß zurücktreten. Immer soll man sich vor Augen halten, daß auch auf dem Gebiete deS GcsangvereinswesenS der Zusammenschluß die Macht ist, daß der einzelne kleine Verein nichts bedeutet, der große aber sehr viel zu sagen haben kann. kleines Feuilleton. Astronomisches. Riesenmeteore. Der Zufall will eS, daß in den letzten Monaten zwei Fälle bekannt geworden sind, in denen durch Meteore, vom Himmel fallenden Steinmassen, Unglück angerichtet worden ist. In Amerika ist durch ein herabfallendes Meteor ein Mann getötet worden— der erste dieser Art zweifellos bekannt gewordene Fall— und vor kurzer Zeit ging durch die Tagcspresse eine Notiz, nach welcher der Dampfer..Cambrian" bei 42 Grad 5 Minuten nörd- licher Breite und 5 Grad 10 Minuten westlicher Länge beinahe durch ein herabfallendes Riescnmeteor zerftbrt worden wäre. Der dritte wachthabende Offizier schilderte den Vorfall. Das Meteor ging etwa 40 Meter vom Meer ins Meer, wobei sich heiße beißende Dämpfe entwickelten. Es soll die Größe eines großen Wohnhauses gehabt haben. ES ist nicht ausgeschlossen, daß die Größenschätzung des Offiziers richtig gewesen ist, denn eS ist kein Grund vorhanden, anzunehmen, daß solche Massen nicht auf die Erde herabfallen könnten. Hat man doch manche Delege dafür, daß mitunter ganz ungeheure Massen auf diese Weise der Erde hinzugefügt werden. Nach einer Mitteilung in der Zeitschrift„Himmel und Erde" ging im Jahre 1806 in Ungarn ein Meteorit von 250 Kilogramm Ge« wicht nieder, 1888 in St. Geneviere. Missouri, eins von 244ch Kilogramm, und in Finnland fiel 1899 in Borgo in Gegenwart von Augenzeugen ein glühender Stein von 325 Kilogramm Gewicht auS der Luft herab. DaS sind immerhin noch kleine Steine gegen die Meteoriten, die man aufgefunden hat. Man kann bekanntlich die Mcteoritennatur an Steinen nachweisen, besonders wenn sie Eisen in größerer Menge enthalten. 1902 wurde in Willamette Oregon (Amerika) ein in seiner Struktur prachtvoller Meteorit auf» gefunden, der nicht weniger als 13 500 Kilogramm wog. D«e Sammlung der Berliner Universität besitzt von diesem Koloß ein Stück von 1 Kilogramm. Noch größer ist ein Stein, der in Campo del Ciele(Tucuman, Argentinien) gefunden wurde. Noch größere fand man in Chupaderos(Vereinigte Staaten), Gewicht der zwei zusammengehörenden Stücke— 20 880 Kilogramm, Cape York zirka 40 000 Kilogramm und Ranchito etwa 50 000 Kilogramm. Der am 12. Februar 1900 in Porto Alegre heruntergegangene Stein maß 20 Meter in der Höhe und 17 Meter im Durchmesser. Viele Meteore zerspringen beim Durchfallen der irdischen Atmosphäre in viele kleine Stücke. Ein 1309 bei Heßle in Schweden niedergehendes Meteor zerstob in etwa 500 kleine Stücke deren größtes nur 1,8 Kilogramm wog. Der zurzeit größte Niedergang eines gesprengten Weltkörpers konnte in Klauscnberg(Sieben- bürgen) beobachtet werden. Seine Bestandteile verbreiteten sich über eine fast 25 Kilometer breite Fläche in etwa 100000 Stücken von 0.1 Gramm bis 35 Kilogramm Gewicht. Man sieht, daß eS gar nicht so unbeträchtliche Massen sind, die der Erde auf diesem Wege aus dem Weltenraume zufliegen. Wenn man weiß, wie häufig Meteoritenfälle sind, wie viele gerade in un- bewohnten Gegenden vorkommen und über den Weltmeeren, und wie wenig und selten Fälle in bewohnten Gegenden zur Beobachtung kommen, obwohl ihre Anzahl sicher sehr groß ist. dann kommt man zu der Ansicht, daß in dem scheinbar leeren Welten- räume eine Riesenmenge von Material in kleinsten Bruchstücken umherschwirren muß, mit dem die größeren Himmelskörper mit- unter„gespeist" werden können.— Physiologisches. Die Nervenerregung— ein chemischer Pro- ze ß. Unsere Sinnesorgane nehmen bekanntlich die durch irgend- welche Erscheinungen auf sie ausgeübten Reize entgegen, und diese letzteren werden durch die Nerven zum Gehirn fortgeleitet, wo sie uns zum Bewußtsein kommen. Ob der'Errcgungsvorgang in den Nerven nun ein chemischer oder ein physikalischer Prozeß ist, ist schon oft Gegenstand wissenschaftlicher Erörrerung gewesen, bisher jedoch noch nicht entschieden worden. Die bislang angewandte» Untersuchungsmcthoden, z. B. die Feststellung der Ermüdbarkeit der Nerven, der Versuch, die Bildung chemischer Produkte im gereizten Nerven nachzuloeisen, oder gar zu zeigen, daß im gereizten Nerven eine Temperaturänderung stattfindet, oder schließlich zu unter- suchen, ob der Nerv freien Sauerstoff bedarf, haben keinen Beweis dafür geliefert, daß es sich um einen chemischen Prozeß handelt. Die neuere Chemie hat uns aber durch die Arbeiten von van Hoff und ArrheniuS Mittel an die Hand gegeben, welche mit großer Sicherheit dafür verwandt werden können, zu entscheiden, ob ein Vorgang chemischer oder rein physikalischer Natur ist. Alle chemischen Vorgänge sind nämlich dadurch ausgezeichnet, daß die Geschwindigkeit, mit welcher sie verlaufen, bei einer Temperatur- crhöhung um 10° sich auf das Doppelte oder Dreifache steigert. Dieses Prinzip ist schon von mehreren Forschern benutzt worden. um zu entscheiden, ob es sich, speziell bei Lebensvorgängen. um chemische Prozesse bandelt. Die Benutzung dieses Prinzips ist vor allen Dingen dann bequem und zweckmäßig, wenn die sich abspie- lcnden chemischen Prozesse zu kompliziert sind, als daß wir sie ihrer Natur nach erkennen könnten. Ueber die in der Uebcrschrift genannte Frage hat nun ein englischer Forscher, S. S. Maxwell, Untersuchungen angestellt. Er bediente sich zu einem Versuchen des Pedalncrven der Riesenschnecke �nolinmx columbianus. Die Nerven kann man bequem in einer Länge von 10 Zentimeter präparieren und hat den großen Vorteil, daß die Erregung in diesen Nerven sich nur mit einer Gcschwindig- keit von 44 Zentimeter in der Sekunde fortpflanzt. Maxwell hat nun in einer großen Reihe von Versuchen die Fortpflanzungsge- schwindigkeit der Nervenerregung bei zwei verschiedenen, 10° aus- einanderliegenden Temperaturen gemessen und gefunden, daß die Fortpflanzungsgeschwindigkeit im Durchschnitt auf das 1,78 fache steigt. Das übereinstimmende Ergebnis dieser großen Zahl von Versuchen führt logisch zu dem Schluß, daß die Fortleilung im Nerven ein chemischer Prozeß ist. Verantw. Redakteur: Georg Davidiohn. Berlin.—- Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin LW.