Ilnttthaltungsblatt des Honvärts Nr. 85. Freitag, den 1. Mai. 1908 (Nachdruck verboten.) 21] Semper der Jungimg. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. 23. Kapitel. AsmuS als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfinc Moses als Seminardirektor. Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran findet, den Ver- folgten und Leidenden im Augenblick ihres größten Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen, oder sie durch einen heimlich an- gefügten Zettel lächerlich zu machen, oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen soll, eine kleine Schuld vor die Füße zu rollen, daß sie straucheln. Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den Fuß verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben verlorenen Freund betrauerte und der ..Klassenkampf" zwischen den Seybolden und den„Schäflein" j Die scheene Zeit is bald entfloh'» Drnm nu noch frifch getummelt. Hcit jeht et noch uf Dagelohn» Doch, ach herrje, von morgen schon Wird u f Akkord j e b u in m e l t l Daß man über die kommunistischen Bestrebungen jener Zeit noch blödere Witze riß, liegt bei der notonschcn Berständnislongleit deS Bürgertums gegenüber historischen Erscheinungen auf der Hand. Die moderne Arbeiterbewegung mit ihrer unwiderstehlichen Logik mußte erst emporkomnrcn, um dem deutschen Spießer wenigstens diese Sorte dumni-gaile» Spottens auszutreiben; sie hat dies denn auch ziemlich gründlich besorgt. äs. lAachdnick verholen.) Eine c!er böfen jVaebte. Sjpn I o h a n Falkbergct. Ans dem Norwegischen von Theobald Bölcker. Es ist Mitternacht in einer Grnbcnbaracke auf Dovreffeld. Dieses schreckliche Loch von einer Menichenwohnung I Ich liege i» meinen: Bett und kann nicht schlafen. Die Wanzen peinigen mich über dem. ganzen Körper. Diese Tauicitde von kleinen Raubtieren brennen wie glühende Messerspitzen in der Haut. ES ist auch so stockfinster hier drinnen. Rur ein Paar rote Lichtschimmer von der einen Wand her treffen mein Luge. Wie das Blinken kranker Raubtieraugcn. Es find die zwei Kochöfen der Baracke, die in Glut stehen. Ich versuche, mich in das Bcttstroh zu vergrabe::. Und ich ziehe das dreckige ScbafSfell über den Kopf. Jedesmal wem: ich mich darunter rühre, kommt mir eine Wolke von Staub in Nase und Mund. Aber nun beißen die Wanzen wie em Höllenbrand. Da haue ich meine Nägel in meinen armen Leib nnd kratze mich, daß die Haut zerfetzt. Eine Weile liege ich ruhig und empfinde meinen Schmerz mit zusammengebissenen Zähnen. DeS Tages Sklavenarbeit da unten in den tiefen Gruben singt und klopft in meinem Blut. Und das Herz bebt und schlägt gleich den Flügeln eines todesbangen Bogels, dem man die Schlinge um den Hals gcivorsen hat. Aber dann wird alles ruhiger. Wie bei einen:, der daliegt und stirbt. Und es kommt mir die Empfindung, daß der Tod... diese knochige klamme Gestalt, mit nur zusammen unter demselben Felle liegt. Nun fühle ich seinen kalten Griff um meine Kehle. ES gilt nur nach eine Weile stille zu liegen. Dann ist alles vorbei. Und ich be- ginne mit mir selbst zu reden. Wirft Du sterben in dieser Nacht! Sterben so jung— mitten in des Lebens Frühling I Nun sollte ja das Leben erst beginne». Sterben jetzt I Ich wiederhole die Worte einmal über das andere. Ein dumpfer Hnstenanfall steigt wie ein TodeSröcheln herauf durch meine Kehle. Und mir kommt etlvas dickes, salziges iit den Mund. Das itt Blut. Immer begleitet solche Tngst diesen salzigen Vlntgefchmack. Und das Herz beginnt wieder zu beben. Mein Leib ist bald kalt— bald brennend Heist._ Und ein kalter Schweiß netzt meine Stirn. Ist es Todesschweiß I Ist die Stunde gekommen 1 Soll ich nun die Grenze überschreiten zwischen Leben und Tod I Ist mein letzter und gröstter Äugcnblick dal Nun ja. Es ist vielleicht am besten, daß es so ist. Nicht vicie sind es, die an meiner Bahre trauern werden. Es wird meine Mutier sein! Meine eigene liebe Mutter-- Sie wird mir den letzten Kuß geben. Mir über das Haar streichen nut ihren sanften Händen— und ihren Schmerz ausweinen über mein Leichentuch. So ivill ich denn meines �ebens Rechnung aufstellen. Jahr für Jahr in der Erinnerung vorüberziehen lassen. Es ist min lange her, daß ich als Kind das erste Mal nach dies«», fürchterlichen Ort kam. ES war ein Frühlingsmorgcn. Ach, er ist mir so gut»n Gedächtnis. Die Sonne flammte über allen Bergen. Der Birkenwald stand da und leuchtete in frischem LanE Die Bäche schäumten weiß hernieder über die Berg- Halden. Die Luft war voll von dem imaufhörlichen Sausen der Gewässer— und voni Zwilscheru der kleinen Bügel. Wie ich mich damals freute auf die Tage, die da kommen sollten! Große Träum« glühten mir im Gemüte. Wenn ich erst erwachsen wäre, würde ich wohl die höchsten Zinnen erreiche,». Ich wollte so hoch steigen, daß keiner mir folgen könnte. Keiner I Aber— da? war nur cm Traum. Das Leben bot mir etwas ganz anderes. --- Wir loa ren eine Schar kleiner Burschen hier oben bei der Grube. Jeden Abend schliefe» wir ein unter den stinkenden Lumpen mit heiseren Flüchen auf den Lippen. Aber bald nach Mitternacht wurden wir ausgesagt und hinaus zur Arbeit getrieben. Verfroren und schlaftrunken standen wir beisammen draußen aus der kalten Berg- öde.' Die Steine waren schwer wie Blei und wir rissen uns an ihren scharfen Kanten die Fwller auf zu blutigen Fleischfetzen. Sank einer bin vor Ermattung gab es Haue und brutale Worte. Da beobachteten uns beständig einige alte Männer— grausame Sklaven- Halter. Und sie schlugen uns mit langen Virkenstöcken. Wie ich diese Menschen haßte I Wenn ich größer und stärtcr würde, wollte ich sie zuschandcn schlagen I Ihnen den Kopf spalten, daß die graue Hirnmasse hervorquellen sollte I Wir versäumten die Schule. Wir wurden wie eine SSar kleiner wilder Heiden. Und wir schufteten, fluchten und helilten früh und spät. Ich schleudere das dreckige Fell gegen die Wand. Und ich springe «uf dcitz Fußboden. Jcb kann doch nicht sterben I Kann nicht! In BerzweisUmg balle ich die Fäuste und strecke sie drohend in die Finsternis. Ich will erst Rache haben. blutige Rache! Ein schrecklicher Lärm strömt in meine Obren. Ein wütendes Unwetter rast dies« Nacht über die Sstrge. Alle Stürme des Sic- birges jammern und heulen da draußen, wie hungrige Wölfe Ewrei— wie wenn Wahnsinnig« tobten. Gleichw,« ich Lerne schreien hllrte, die in Fetzen zerrisse» wurden von herabsuinendern Gestein oder von donnernden Mnenschüffen da unten in den Gruben. Nun uehnt« ich ein Streichholz und zünde meine glaSlose Gruben- lantpe an. Sie qualmt verdammt schwarz. Dichte Tchnecwehru fahren an den Fenstern vorüber wie Ge- spcnstcr in weißen Gewändern. Ein leichte? Geriesel von Schnee legt sich mir über Antlitz und Hände bei jedem Sturmes- stoß, der die brüchige Grubenbaracke erschüttert. Und es siedet und zischt dort auf den glühenden Ocfen. Rund um mich her liegen meine Kameraden im Stroh. Me lebendige Leichen. Sie schnarchen und knirschen mit den Zähnen. Und sie liegen und stärken sich auf die Art. Ja, Gott gebe, daß sie eine gewaltige Stärke bekämen I Und eine unbändige Raserei. So daß sie die Bande sprengen könnten, die ste an der Nrnut� bittere Schmach fesseln. Sie haben hier alle von klein auf das Joch der Knechtschaft ge- tragen. Wurden gekettet an diese schwarzen Bergklippen— gleich Aolern, die man an ihre Gipfel fesselte. Und wie die gefesselten Adler sterben an unsagbaren SehnsuchtSqualen nach dem Flug in die Freiheit... so werden auch diese Menschen sterben. Sterben und vergessen werden! Diese, die da? Land bauen... die die ganze Gesellschaft auf ihren Schultern tragen.— Die Kälte packt mich. Und ich gehe hin nach einem der Oefcn und setze mich auf ein« Bank. Da wird mir brennend warn» auf der einen Seite. Und so eisig kalt auf der anderen. ' Aber mm» muß sich nur dann und wann umdrehen. So wird cZ wohl gehen. Wie ich so sitze, überkommt mich eine tiefe Wehmut. Nicht eine Spur von Härte ist mehr in meinem Gemüte. Ich beuge mich vorn über auf der Bank. Und ich lege mein Haupt in meine groben Hände und weine... ein jammervoll schmerzhaftes Weine». ----- Wie lange ich so gejessen bm, weiß ich nicht. Mit eins erhebe ich mich und gehe an mein Speisespind. Zwischen gelblichem Speck und hartem Brot hole ich ein schmutziges Mmui- skript hervor. Ich bin doch Dichter und Grubenliiiumel! Ich blättere das Manuskript durch und lese die drastischen Schiidcrimgen. Aber in meiner armen Seele steigen neue dichterische Gesichte empor. Sie sind bald so zart und wunderbar weich... bald sind sie wiid und rasend. Voll von Hohn über alles zwischen Himmel und Erdel Wieder gehe ich zum Ofen. Lege mein Manuskript ans die Bank vor mich hin. Ziehe den Docht der Lampe herauf, daß sie qualmt wie beiesien. Sieh so I Der Vleisiift fährt über das Papier. Es geht immer noch zu langsam. Hier ist viel zu überwinden. Schneller, zum Teufel! Die Buchstaben jagen einander. So vergeht Stunde aus Stunde. Ich vergesse alles um mich her. Nur einige dumpfe Hnsleuanfälle und etwas Blut im Munde -rinnern mich an mich selbst. Run sehe ich in der Ferne hohe Berge. Große, blaue Gewässer und herrliche, laiibreiche Wälder. Ein Märchenland, zauberhaft in Sonnenglanz gebadet. Und ich höre— irgendivo weit in der Ferne— Silberglocken erklingen, zart und behutsam. Elfensaiig... Geigen» klang und Harfenipiel. Die fernen lieblichen Erscheinungen und die herrlichen Laute erfreuen mich nicht. Sie peinigen mich vielmehr I Denn dieses Märchenland kann ich niemals— niemals erreichen. Und dies mein Manuskript? Möglich, daß ich eS einmal unter die Menschen bringe— damit e? verhöhnt und verachter werde. Run wohl. Laß sein Schicksal so grausam werden. Es gleicht dann nur dem seines Dichters. ES ist wohl auch gar nicht so viel d'ran an diesen Blättern. schir einig« Berzweijlungsschreie eines ungezähmlen und auf» rührerischen Sinires. Schon ist es Morgen. Ein langer, alter Mann steht dort an der Tür imd läutet die Erzglocie der Grube. Er reißt mit aller seiner Kraft am Glockenstrang. Für mich ertönt diese Glocke wie Grabgetäute. Und ich rufe ihn» zu, daß er aufhören soll I Aber er kümmert sich nicht um mich. Läutet nur und läutet, bis alle wach sind. Verschlafene Körper erheben sich in den Betten. Sic schütteln die Halme von sich ob— gleich Tieren, die in» Walde geschlafen baben oder in der Einöde. In Eile wird ein wenig Brot mit Margarine gegessen und eine Art starken JkaffeeS getrunken. Und so gehen wir still und stumm lote Sklaven mit schweren Schritten und steigen hinab in die nachtschwarzen Abgründe. Unsere ciseiibeschlagenen Holzschuhe rufen Funken hervor aus den, steinigen Boden. Und der Berg schließt sich tim uns. Kalt und klamm. Keiner von ims weiß, wa? der Tag Böse? bringen wird. Es kann das letzte Mal sein, daß ivir hinnnlergehen. Denn bevor der Abend kommt, kann eS geschehen, daß dieser oder jener von unS hinüberwaudert in das große Schweigen. Hier sind die äußersten Grenzen der menschlichen Gesellschaft. wo der Tod heimtückisch immer auf der Lauer liegt. Während wir fronen— ohne zu mucksen. Kapital schaffen. Große glitzernde Haufen Goldes. Kleines Feuilleton. Maifeste und Maibrüuche. Ter Kampf des Sommers mit dem Winter hat in der Pbantasie aller Völker eine gewaltige Rolle ge- spielt und in' der Personifizierung der miteinander ringenden Naturgewalten die Grundlagen für viele Mythen geboten. Di« Geister der Statur erheben sich zum Kampf gegeneinander; ver- mummte Burschen, in Laub und Blumen und in Stroh und Moos gekleidet, ahmen dieses Streiten nach; der Winter wird ausgc- trieben und in den tiefen Wald gejagt; der Frühling tritt auf als die siegende Macht. Diese altgermanische Feier des erwachende», Lebens, die im alten Rom und bei anderen Völkern ihre Parallelen hat, ist eng verknüpft mit dem festlichen Begehen des I. Mai. Der Sieg und der Einzug deö Sommers gestaltet sich am mächtigste», und stattlichsten in der Maienfahrt, dem Mairitt, in dem der mit dem blühenden Schmuck des Feldes aufgeputzte Maigraf oder Mai» kvnig die Gestalt des triumphierenden Frühlings personifiziert und — i540— (eine Braut oder Frau im Weißen Gewand«, mit Efeu und Sin- frün angetan die Stelle der alten Erdgötlin Nerthus eingenommen at bei der festlichen Fahrt durch die Lande. Aus Südschwedcn wird um die Mitte des 16. Jahrhunderts eine Maifeier gemeldet, die noch ganz in den alten Formen des Sommer- und Winter- tampfcs sich entfaltete. Am 1. Mai rückten zwei Reiterscharen, die eine vom Winter angeführt, der in Pelze gehüllt war und Schnee- ballen»ind Eisschollen auswarf die andere vom Blumcngrafcn, der mit grünen Zweigen, Laubwerk und kaum erst gefundenen Blumen bekleidet war, von verschiedenen Seiten in die Stadt und hielten ein Spcerstechen, worin der Sommer den Winter überwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes für den Sieger erklärt wurde. Später zogen die Maigrafen dann in vollem Harnisch mit ansehnlichem Geschwader daher und warfen dem Mädchen, das sie sich zur„Maiin" erwählt, den bunten Kranz zu. Wie sehr das Wölk an diesem Mairitt hing, beweist die denkwürdige Maicnfahrt der Bürger von Soest im Jahre 1446, die damals mit dem Erz- bischof von Köln in Fehde lagen und- vom Feinde hart bedrängt wurden. Trotzdem wollten sie am 1. Mai nach alter Sitte ihren fröhlichen Auszug durch das Land unternehmen und rückten daher mit großer Kriegsmacht aus, wußten sich auch der angreifenden Gegner kräftig zu erwehren und kamen nach blutigem Kampfe, aber fröhlich über ihre kecke Tat, mit grünen Maien geschmückt, wieder nach Hause. Am ersten Maimorgen erfüllte im Mittelalter allüberall der Klang von Flöten und Schalmeien und lustiger Jubelruf die Lust, denn die Ritter zogen aus mit ihren Spiel- leutcn, mit großem Schall den Mai einzuholen; die Burschen pflanzten den Maibaum der Liebsten bor die Tür; die Bauern führten auf dem Maiwagcn junges Grün herbei zur Ausschmückung. In England hatte sich die Feier des ersten Tages im Wonnemonat fchon zu Zeiten des Königs Artus überall eingebürgert. Tänze and Reihen wurden geschlungen auf dem jung begrünten Plan und lustige Spiele gespielt, in denen man den ersten Keim dramatischer Aufführungen gefunden hat. Die lichte Waldesgestalt des Robin Hood tritt als eine romantische Umwandlung des alten Maigrafen aus diesem Kranz der Frühlingsspicle und-Balladen hervor und der helle Ton seines Maihorns tönt nocki nach in Chaucers und Spencers Gedichten, in Shakespeares Lustspielen. So unternahm z. B. noch König Heinrich Vlll. den Mairitt, begleitet von der Königin und vielen Herren und Damen, und da er ritt durch den grünen Wald, traten ihm 200 Jünglinge entgegen, in Grün ge- tleidet, mit grünen Hüten, Bogen und Pfeile tragend. Ihr Führer, der sich als Robin Hood vorstellte, bat den Herrscher, mit seinen Leuten die Schützcnkunst vor ihm erproben zu dürfen, und die Pfeile flogen dahin mit einem lieblich sausenden Ton und trafen ihr Ziel. Da dankte der König den wackeren Männern und lud sie ein, zu fröhlichem Gelage unter Blumen auf den grünen Hügeln bei Greenwich. Noch heute wird in England an vielen Orten die Maienkönigin gekrönt und� ihr zu Ehren eine Phramide von jungem Grün und Blumen aufgestellt. Die jungen Burschen des Dorfes schmücken sich selbst und ihre Pferde mit frischem Reisig und reiten in langem Zuge durch die Felder. Im schottischen Hochland wird der 1. Mai von den Hirten mit lustigem Blasen begrüßt; Feuer sind entzündet und mit alten Beschwörungsformeln wendet sich der Landmann an die guten Geister' der Flur. Saat und Vieh zu schützen. Weit verbreitet ist der Glaube, daß die Frau eine bc- sondere Schönheit empfängt, die in der Frühe des ersten Mai- morgens ihr Gesicht in dem Tau des Grases badet. Im Mittel- alter zogen die vornehmen Frauen in Scharen zu dieser Prozedur aus und unter den Baucrnmädchen hat dieser Glaube selbst heute tioch viele Anhängerinnen. Theater. DaS Holländische Gastspiel im Hebbel- T h ea t e r machte uns am Mittwoch mit einem Lebens- und Traumspiel: ,'.E r l ö s u n g" von H. Heijermans bekannt. ES erinnert im allgemeinen Umrisse an Hauptmanns»Hannele'". Auch hier sieht man ein im Elend aufgewachsenes, krankes Kind, dessen letzte Augenblicke von glänzenden, Erfüllung jedes Wunsches vor- spiegelnden Fieberträumcn überstrahlt sind. Aber wenn Haupt- mann in das Geheimste und Tiefste kindlichen Märchenglaubens hinableuchtet und so im Innersten ergreift, bleibt der holländische Dichter am Nächsten hafwn, und schwächt die Wirkung seines Ein- falls durch allzu breite Ausmalung des wenig wechselvollen Traum- bildes ab. Ter Knabe einer armen Ticnsturannsfrau bat bei einem Sprung das Rückgrat gebrochen. Am Fenster vor dem Kranken- lagcr erscheint dem Träumenden ein Schwan, auf dessen Rücken et zum Himmel zu fliegen glaubt, um Haufen glitzernder Sterne, leuchtende Diamanten herunterzuholen, mit denen man alle die bösen drängenden-Gläubiger bezahlen kann. Sein Triumph, das Staunen und der Neid der Freunde und Geschwister, bilden den iganzen Inhalt der Bision. Endlich zerrinnt sie, der Knabe wird "von enem gräßlich martervollen Krampf gerüttelt, bis ihm der Tod die wirkliche Erlösung bringt. Erstaunlich unter all dem vielen schauspielerisch Guten und Gediegenen war Fräulein L u s »in der Figur des Knaben. Wie sie die aufgelreckte juugenmäßigc Lebendigkeit,. das Kindliche in der Freude und in jeder anderen Stimmung reizvoll und rührend zum Ausdruck brachte, das macht «ihr aus der deutschen Bühne so leicht nicht eine zweite nach. Der Einakter„Zuflucht" von Klara Biebig, der seit- I samerwcise erst durch die Holländer zu einer Berliner Aufführung ' gelangte, stellt in wuchtig aufsteigendem Kontraste zwei Lebens- Welten einander gegenüber: Die„Verlorenen" und eine bürgerlich bequeme Wohlanständigkcit, die gern„etwas tun" möchte und mit Gründungen von Magdalenenheimen, mit Almosen, Ermahnungen und billigen Ratschlägen Wunder was wirken zu können meint. Es ist keine Abschwächung, sondern Steigerung, wenn die Per- fasserin bei dieser Gegenüberstellung mit den individuellen Ver- tretern, um den Schein einer vorgefaßten Tendenz zu vermeiden. schonend umgeht. Die Aufseherin in der Rettungsanstalt hat bei aller rüden Barschheit doch ein gewisses Interesse für die Zöglinge, das Wohlwollen dcS Predigers erscheint gedankenlos, doch keines- Wegs als heuchlerische Maske, und die beiden recherchierenden Vereinsdamen, die sich für eins der Mädchen verwenden wollen. stehen sicher recht erheblich über dem Durchschnitt ihrer Kolleginnen. Aber das Versagen solcher Hülfe gegenüber dem furchtbaren Drucke der Verhältnisse, dem Elend der Verwahrlosung, die jene zu„Ver- lorcncn" gemacht, der wilde Grimm, den sie als Ausgestoßene fühlen müssen, tritt in dem Stücke darum nur noch zwingender hervor. Wilhclmina V. d. H o r st brachte in der Gestalt der blassen, bor sich hinstarrenden Christine ein Leidensbild von erschütternder Ueberzeugungskraft. In ihren kurzen widerwilligen Äntworteu enthüllt sich vor den Damen der Jammer ihres Lebens. Sie scheint vollkommen passiv. Erst als die Fremden in sie dringen. nach der Entlassung Dienst in einer kleinen Stadt zu nehmen, be- ginnt es in ihrer Brust heftig und immer heftiger zu arbeiten. Verächtlich stößt ste das Anerbieten zurück. Sie will bleiben, wo sie ihren Burschen hat! Den soll ihr niemand rauben! In der Ek- stase greift sie wild zum Messer. Man fesselt sie. Die feinen Damen haben Mühe, sich von dem Anblick zu erholen. Jede Rolle kam»lm Spiele meisterhaft gerundet heraus«lt. Hygienisches. Moderne Straßcnpflege. Wenn von schlechten Straßen die Rede ist, so denkt jeder zunächst an ein holpriges Pflaster und an Schmutz, während der Staub noch immer als eine Art höherer Macht gilt, vor der es kein Entrinnen gibt. In der Tat ist die Bewältigung des Staubes die höchste und schwierigste � Aufgabe für die Technik und Hygiene der Straßen, denn es braucht ! keines Beweises dafür, daß der Staub in noch viel höhcrem Maße gesundheitsschädlich und gleichzeitig, weit schwerer zu vermeiden ist als die Bildung von eigentlichem Straßenschmutz. Wir nähern uns jetzt der Jahreszeit, in der sich der Staub wieder niehr bc» merkbar machen wird, aber auch verhältnismäßig am leichtesten zu bekämpfen ist. Die Uebcrgangswochcn zwischen Frühling und Winter sind in der Regel die staubfreiesten des ganzen Jahres, weil der Boden dann so durchfeuchtet ist, daß kein Staub auf- kommen kann. Im Winter, wenn der Boden gefroren, und im Sommer, wenn er ausgedörrt ist, entwickelt sich am meisten Staub» dem man im Sommer wenigstens durch die Sprengung der Straßen beikommcn kann, was sich im Winter mit Rücksicht auf den Frost von selbst verbietet. Immerhin ist das Wasser ein sehr un- genügendes Mittel zur Staubbeseitigung, weil es bei starker Spren- gung zur Bildung von Schmutz und Pfützen führt und dann binter- her doch zu rasch verdunstet und den Staub wieder frei läßt. Daher sucht man seit Jahren nach anderen Flüssigkeiten, die wirksamer wären als das Wasser und sich vielleicht auch im Winter gebrauchen lassen. Als solche Stoffe sind Teer, Petroleum und der sogenannte Westrumit empfohlen worden. Aber die Tatsache, daß diese Mittel bisher keine große Verbrcftung geftmden haben, weist schon darauf hin, daß der Erfolg nicht einwandfrei und ihre Auwendung noch zu kostspielig ist. In jedem Fall hat, sich Dr. Ammann ein Ver- dienst damit erworben, daß er in der..Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege" die Erfahrungen dieser modernen Straßcnpflege gesammelt hat. Während die Benutzung von Pe- troleum im wesentlichen auf Amerika beschränkt gewesen ist, kommen für Deutschland und die Nachbarländer Westrumit und Teer in Betracht. Die Urteile über die Besprengung mit Westrumit gehen völlig auseinander, indem einige Städte das Ver- fahren loben, andere als unzweckmäßig bezeichnen. In den LuxuS« bädern Wiesbaden und Badcn-Badcn hat man es zwar als wirk- sam erprobt, aber die weitere Verwendung wegen des schlechten Geruchs aufgegeben. Auch über das Teeren der Straßen lauten die Berichte verschieden. Jedoch ist die Zahl der günstigen Gut- achten in den deutschen Städten erheblich größer, denen sich weitere aus einer ganzen Reihe von Schweizer Städten anschließen. Wahr- schcinlich ist der Erfolg sehr wesentlich vom Boden und Vomjlllate» rial des Straßenbaues abhängig. Ganz vorzügliche Ergebnisse sind mit der Straßentecrung in Frankreich erzielt worden, und zwar nicht nur vorübergehend, sondern bei sorgsamer Pflege für die Dauer. Wenn es darauf ankommt, nur für kurze Zeit eine Straße oder einen Platz staubfrei zu machen, so wird dort der Verwendung von Petroleum der Vorzug gegeben. Im ganzen glaubt Dr. Ammann, daß sich das Teeren der Straßen als ein dauernder Fortschritt in der modernen Straßenpflege in technischer und ge- sundheitlicher Beziehung bewähren wird Perantlv. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstalt Paul Singer Li Co., Berlin SW.