HlnterhaltungsSlatt des Horwiirts Nr. 86. DienStag� den 5 Mai. 1908 (Nachdruck verboten.) az] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Er mochte wohl hoffen, dab einer von den dreien vor Unterleibsschwäche abfallen und reumütiges Bekenntnis ab- legen werde, und das war nicht fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde, daß dieser Pastor Zump, ein guter, hülfsbereiter und opferfreudiger Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich auch so ein Stcinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des Schicksals unter die Füße gerollt hatte. Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung bitten würde. Tann aber kam die Re- lcgation. Dann war alle Mühe und Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine schlaflose Nacht. Das Schlimmste war, daß das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte zwar den Mann nicht verlacht: aber er hatte die andern unbedingt in Schuh genommen, und das war doch gewiß: zum mindesten Klöhn hatte eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn nian wahr sein wollte, mußte man das ein- gestehen. Aber darum Buße tun in Sack und Asche, wie Uriel Acosla, vor diesem„hochmütigen, intriganten Priester"?! Asmus fuhr mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn: es ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist. Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halb- schlaf. Der Direktor stand vor ihm und sagte:„Sie wollep Lehrer werden? Sie sind wohl verrückt!" Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von Adolfine Moses. 24. Kapitel. (Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht cS wieder gut.— Der Schiffbrüchige von Salas h Gomcz als Mittler zwischen den Parteien.) Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor ein, Semper wieder voran. „Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daß unser Lachen nicht ihm gegolten habe; er will diese Erklärung nicht an- nehmen," berichtete Asmus und erwartete das Vcrnichtungs- urteil. Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal auf und ab durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen Blick, Und dann sagte er: „Sie können jeb'n." Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und den Pastor: keiner kam wieder darauf zurück. Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiede- Männer. Das war ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die„Schäflein", wenn sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit hoch- wütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daß sie ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und sonderlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daß ihr der Buckel tanzte und rief: „Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht bekommen? Du bist wohl verrückt?!" In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht wider- wärtiges Gesicht machte, sollte er etwas erleben, was nach „Duplizität der Ereignisse" aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den Bahndämmen in der Rainstraße, vor der Tür eine Schenke, einem lieben braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen, und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfrcundes emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgcwachsene Brünette und blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu Füßen, der nicht allzu leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrcrslcuten, die Asmus geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat beschcidentlich um die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt. Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt. „O, wie famos!" rief Asmus.„Haben Sie die ge> zeichnet?" Hilde klappte schnell das Heft zu.„Machen Sie sich nicht lustig darüber!" rief sie ängstlich.„Sie können es gewiß tausendmal besser." „Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen," sagte AsmuS. Sie sah ihn zweifelnd an: aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie ihm und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es. als er sich über das Heft bückte, daß der Aermcl ihres Kleides seine Wange streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich. Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung. Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähn- liches Gefühl Hab ich schon einmal gehabt— ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal— nicht die gewöhnliche Welt, aber die andere, die immer über ihr schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so, damals, als ich zwischen den Bahndämmen„am Rain" mit dem kleinen braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der„Königin der Mainotten". Und was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas Uebereinstimmendes— nicht nur, daß sie beide braunes Haar und braune Augen haben, das will nichts sagen — auch der Teint und das ganze Aussehen— auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches— so— so etwas Französisches— übrigens ist ja auch ihr Name franzö- sisch. Aber ihr Wesen ist— gewiß: es ist deutsch— und doch wieder so ganz anders als das des fürchterlichen„deutschen Weibes" mit der Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er. mit wehendem Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser feinen, schmalen Faust— es würde keinen Augen- blick überraschen. „Wie sitzest Du zu Pferde So königlich und schlank!" sang er vor sich hin, daß ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn anstarrte.... Seit diesem Abend fühlte sich»Asmus auf eine wunder- bare Weise frei und leicht,, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er hätte nicht sagen können, woher das kam: es kam aber einfach daher, daß ihn in dieser armen bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es menschlicher Pöbel war. der sein Leben verfinstert hatte. Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifechaft Pöbel: daß aber unter den anderen Feinden auch anderes Material war. das sollte er bald erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages du Rede auf den die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus. � „Ja," rief eines der Antischäslein,„die andere Parter macht ja auch nicht den geringsten Versuch, zu einer Annähe» rung." 4 Da lachte AsmuZ laut auf, daß es durch die Klasse scholl. ~ Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht und da sollten sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber sKampf bis zur Vernichtung". Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Ge- schüft, bei dem man eine berechtigte Forderung nur zu Prä- sentieren brauche, um sofort Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle Geschäft eine sehr weit- schichtige Buchführung hat und daß es seine Bilanzen oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert oder tausend Instanzen geht. Man bekomint gewöhnlich sein Recht, aber oft mit einer Begrün- dung, die man nicht erwartet hat, und manchmal, wenn man das Urteil erhält, ist man tot. Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe„Salas y Gomez" vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der Nachbarklasse Sempers Freudenschrei: „Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!" vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln:„Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte, nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?" Rothgrün war eben Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte: „Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir blamieren uns. Und wir müssen wieder anfangen." Und in den anderen wachte die Hochherzigkeit des Jüng- lingsalters freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden Bergfest« die feierliche Versöhnung zu begehen. 25. Kapitel. (Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast bekam.) Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen waren und also der Berg des Aergernisses bis zum Gipfel überwunden war, pflegte man das„Bergsest" zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor und alle Lehrer dazu geladen werden. Vor der nächsten psychologischen Stunde Hub der Herr Direktor also an:.,'n Bergsest woll'n Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was das sein soll. Ich habe jedacht: wieso woll'n denn Seminaristen des Flachlandes'n„Bergfest" feiern! Schließlich Hab ich mir's erklären lassen. Das heißt: „Jott sei Dank, nu sind wir über'n Berg!" Ick will Ihnen mal wat sagen: Freu'n Se sich, wenn Se noch Zeit und Je- legenheit haben, wat zu lernen: später wird's anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber den Unsinn mach' ick nich mit!" Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach, desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal(„der Steinthal is man so'n janz kleenes Männeken mit'n Zahntuch um'n Kopp— wenn man'n auf der Straße sieht, möcht' man ihm'n Jroschen schenken"— und dann pries er ihn in begeisterten Erinne- rungen) oder er kam auf»die Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter. „Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal'ne Rede! denn kann er's, un wenn man sagt: Richter: nu halt mal eine dajcgenl denn kann er's ooch. Aber'n janzer Kerl is er doch!" (Fortsttzimg folgt.) Der Garten des Laubenkolonlften« Mai. Wer als Gartenbesitzer noch nicht das Warten gelernt hat, dem wird es häufig durch die ungünstige Witterung wohl oder UM beigebracht. Kaum sind im zeitigen Frühling die ersten Samen der Erde anvertraut, so möchte man sie auch schon keimen sehen. Damit hat es aber, wenn kalte Tage kommen, seine Weile; es vergeht dann Woche um Woche, ohne daß sich aus den Saat. beeten junges Leben regt. Ein heiterer, sonniger Tag, ein kräftiger, warmer Landregen wirken dann wieder Wunder, und wie durch Zauberfchlag hat sich plötzlich über Nacht alles in licht- grünen Schleier gehüllt. So manche Gemüseartcn, die einerseits wenig frostempfindlich sind, andererseits lange zum Keimen be- dürfen, sät man schon in den ersten Märztagen. Wenn aber die Witterung kalt und unfreundlich bleibt, so kann man bis Ausgang April auf das Erscheinen der Keimlinge von Spinat, Karotten, Petersilienwurzeln, Erbsen u. a. warten. Rascher keimen Schnitt- salat und namentlich Gartenkreffe, die uns das erste zarte Salat- gemüse liefern; ist das Wetter warm, so pflegt letztere oft schon nach 36—48 Stunden auszukeimen und wenige Tage später kann sie bereits mit der Schere geschnitten und zu einem würzigen Salat verarbeitet werden. Nascheste Erfolge bieten immer die später, Ausgang April und im Mai ausgeführten Saaten, die, bei genügender Feuchtigkeit, weil nun der Boden durch die Sonne gründlicher durchwärmt wird, in kurzer Zeit auflaufen und sich jetzt rasch entwickeln. Eine Hauptkunst in der Bewirtschaftung der Parzelle besteht darin, es mit Saat und Pflanzung so einzurichten, daß die Ernten möglichst früh beginnen und sich möglichst lange in der Weise fort- setzen, daß immer der nötige Küchenbedarf vorhanden ist, also nicht einmal Ueberfluß und dann wieder Mangel herrscht. Dies erreicht man, wenn man in Zwischenräumen wiederholt gleiche Saaten und gleiche Pflanzungen ausführt. So legt man Erbsen vom März bis zum Juni, Bohnen vom Mai bis zum Juni in 16- bis Ibtägigcn Zwischenräumen. In ähnlicher Weise werden bis Mai und dann wieder vom August ab immer kleine Saaten von Spinat ausgeführt, die im Hochsommer ausgesetzt werden mutz, da der Spinat an heißen Tagen rasch in Samen schießt, seine Kultur dann also unlohnend ist. In ähnlicher Weife verfährt man mit Salat; der Kopfsalat des Vorsommers wird im Hochsommer durch die Sommercndivie und vom September bis zum Frühling durch die Winterendivie ersetzt. Auch von Möhren oder Karotten macht man mehrere Aussaaten vom Februar bis zum Borsommer. Für Feinschmecker empfehlen sich die kleinen, zarten Pariser Karotten, während für vielköpfige Familien der Anbau der großen, langen Karotten, die man meist Möhren nennt, dankbarer ist; sie sind zwar gröber in Geschmack, liefern aber beträchtlich größere Erträge. Radieschen gedeihen am besten bei zeitiger Aussaat, doch kann man in kurzen Zwischenräumen bis gegen Mitte Mai immer eine kleine Aussaat machen, wozu sich am besten die schon nach 5— 6 Wochen erntefähige Sorte„Expreß" eignet. Mit Eintritt warmer Witterung lohnt die Kultur nicht mehr, die Wurzeln werden dann bald schwammig und ungenießbar. Im Sommer ersetzt der Sommerrettich das Radieschen, dem später Herbst- und Winterrettich folgen. Letztere dürfen, um brauchbar zu werden und nicht in Samen zu schießen, nicht vor Mitte Juli ausgesät werden. Der Mai ist der beste Monat zur Auspflanzung des Wirsing-, Kopf- und Blumenkohls für den Winterbedarf. Für den gleichen Bedarf sät man jetzt die später zu verpflanzenden Blätter, und Rosenkohle. Des ferneren ist dieser Monat als Hauptsaatmonat für frostempfindliche Nudgewächse des Gemüsegartens, wie Bohnen. Gurken und Kürbisse. Kürbiskerne rankender Sorten legt man auf 2 Meter breite, tief gegrabene und reichlich gedüngte Beete durch die Mitte in einer Reihe, die Samen in 80—100 Zentimeter Abstand; von Gurken zwei Reihen auf ein gewöhnliches 120 bis 130 Zentimeter breites Beet. Um sicher zu gehen, legt man von Gurken und Kürbissen immer zwei Kerne nebeneinander; gehen beide auf, so erntfernt man bald das schwächere Pflänzchen zu. gunsten des anderen. Von Gemüsen werden in diesem Monat Tomaten, Breitlauch und zu Ausgang des Monats oder Anfang Juni auch Sellerie gepflanzt. Die erforderlichen Pflänzlinge mutz man sich in einer Gemüsegartnerei beschaffen, da den durch Garten. aussaat gewonnenen Sämlingen in unserem Klima nicht ge- nügend Zeit zu vollständiger EntWickelung bleibt. Allenthalben tritt jetzt im Garten das Unkraut in bedenk- lichem Umfange auf; es muß regelmäßig in sorgfältigster Weife durch Behacken und Ausjäten der Beete vertilgt werden. M»t dem Behacken der Beete geht Hand in Hand das Behäufeln der Kohlgewächse, der Erbsen, später auch der Bohnen, Gurken und Kürbisse. Auch die Kartoffelbeete werden behackt und vielfach gleichzeitig behäufelt; das Behäufeln ist aber bei Kartofieln nicht asolut nötig, wenn es zu stark ausgeführt wird, sogar schädlich; eS kann in vielen Fällen unterbleiben, in manchen Landesteilen, wie z. B. in der Provinz Sachsen, ist es überhaupt nicht üblich. Vielfach räumt man im Kleingarten und auch auf der Parzelle den verschiedenartigen Blumen«in sonniges Plätzchen ein. Die früher gesäten Sommerblumen, die zu dicht aufgegangen, find nun zu verziehen, d. h. man entfernt immer die schwächsten der zu dicht stehenden Pflanzen, um den verbleibenden Raum und Luft zu schafien. Die Blumen müssen schließlich so diel Zwischen- räum haben, daß sich die nebeneinanderstehenden in voller Ent, Wickelung kaum gegenseitig mit den äußersten Blättern berühren, da bei zu dichtem Stand Wuchs und Blütenbildung nur kümmer- lich sein werden. In der ersten Hälfte dieses Monats pflanzt man die frostfrei überwinterten Knollen der Edeldahlien, Gladiolen, Wunderblumen, de? blauen Salbei und der Blütenkanna. Die nun abgeblühten frühen Blumenzwiebeln, wie Narzissen, Hyazinthen, Tulpen u. a. bleiben solange unberührt im Boden, bis das Laub ein- getrocknet ist. dann nimmt man sie heraus, trocknet sie an der Sonne, reinigt sie danach und bewahrt sie dann in einer luftigen Kammer bis zur erneuten Pflanzung in den ersten Oktobertagen auf. An den Gartenrosen, die nun bald flott treiben und erste Blüten» knospen zeigen, stellen sich Wicklerraupen ein, die von zusammen- gesponnenen Blättern aus Triebspitzen und Knospen anfressen. Sie sind sorgfältig abzusuchen und zu töten. Ein noch gefährlicherer Schädling der Rosen ist die Rosenblattlaus, die zu Hunderten dicht gedrängt an den jüngsten, saftigsten Trieben sitzen und diese aus- saugt. Ein vorzügliches Bekämpfungsmittel gegen diesen Schäd- fing ist das Eintauchen oder gründliche Bespritzen der befallenen Triebenden mit 4b— 50 Grad Celsius warmem Wasser, das so- fortiges Absterben dieser Schädlinge zur Folge hat. Auf eine sehr wichtige, jetzt auszuführende Maßnahme möchte »ch noch alle Besitzer von Obstbäumen hinweisen. Sie betrifft das Wespritzen der Bäume, um einerseits schädlichen Pilzen und andererseits Jnsektenschäden vorzubeugen. Nach dem neuesten Verfahren ist das erst seit kurzem im Handel erhältliche Obst- baumkarbolineum ein wirksames Bekämpfungsmittel für alle tierischen und viele pilzlichen Schädlinge. Jetzt, wo die Knospen schwellen, die Blüten vor dem Aufbrechen stehen, ist die beste Zeit zu einer Bespritzung; klares, windstilles Wetter mutz hierfür aus- gewählt werden. Es genügt eine zweiprozentige Lösung, d. h. auf 98 Liter Wasser kommen 2 Liter oder 2 Kilo Obstbaumkarbolineum, das sich sofort mit dem Wasser verbindet, was eine milchweitze Flüssigkeit ergibt. Durch diese Bespritzung werden alle die winzigen Räupchen, die jetzt dem Auge noch nicht sichtbar, mit Sehnsucht auf die ersten Blätter und Blüten warten, und alle Eier vernichtet. Die Bäume sind auch weiterhin im Sommer mehrmals zu bespritzen, dann aber nur mit einhalbprozentiger Lösung; um pilzlichen Erkrankungen vorzubeugen, spritzt man auch kurz vor und zwei bis drei Wochen nach der Blüte je einmal mit Kupferkallbrühe, zu deren Herstellung ich im nächsten Monat das Rezept geben will. Wird bei der zweiten Bespritzung der Lösung etwas Arsen oder Schweinfurter Grün, je M Gramm auf 1 Liter Flüssigkeit, zugesetzt, so hält man den Apfelwickler fern, der seine Eier einzeln an die jungen Früchte der Aepfel- und Birnbäume ablegt, worauf sich dann die ausschlüpfenden Räupchen in die Frucht einbohren und diese wurmstichig machen. Leider sind die brauchbaren Obstbaumspritzen des Handels sehr teuer. Ich möchte den Kolonisten- und Grundbefitzervereinen empfehlen, auf Vereins- kosten je eine Spritze anzuschaffen, um sie den Mitgliedern leihweise zur Verfügung zu stellen. Ich felbst habe mehrere dieser teuren Spritzen anschaffen müssen, bis ich diejenige fand, die allen An- forderungen genügt. Es ist dies die tragbare Spritze„Ceres" der Technischen Verkaufsgenossenschaft in Duisburg; sie stellt sich mit allem Zubehör einschließlich Fracht auf etwa 45 M., und faßt 25 Liter Flüssigkeit. Sie wird auf dem Rücken getragen und hat gefüllt ein Gewicht von etwa 38—49 Kilo, das sich natürlich im Laufe der Arbeit durch Abnahme der Spritzflüssigkeit mehr und mehr vermindert. Immerhin gehört schon ein kräftiger Rücken dazu, mit solcher Spritze zu arbeiten. Diese Arbeit wird besonders jenen nichts schaden, die von Natur aus zu einem sogenannten Katzenbuckel neigen und erweist sich im übrigen für die Bäume als außerordentlich nützlich. Hd. (Nachdruck verboten.) Eine Ctleibemvolution. Von M. Andersen Rex 6. Berechtigte Ucbersetzung aus dem Dänischen von E. S t i n e. Der Himmel über Andalusien ist so blau, so blau. Droben sitzt die Madonna, die Schmerzensmutter, und weint Segnung hinab übre die Menschen. Und auch Gott sitzt da oben und übt sich in Schonung und hat alle Hände voll zu tun, alle Sündenregister zu quittieren, die die Heiligen, von Empfehlungen begleitet, ihm einsenden. Und die Heiligen selbst, was in aller Welt wären sie nicht imstande zu tun, wenn sie nur erst ihr Quantum Olivenöl bekommen haben I Einer kuriert gebrochene Beine und entfernt Leichdorn«; ein anderer besorgt den Witwen ehrbar« Liebhaber und den jungen Schönheiten stürmische Anbeter; ein dritter sucht abhandengekommene Dinge und beschafft Mieter, die bezahlen können und keine schreienden Nach- kommen haben. Die Erde wetteifert mit dem Himmel und den Heiligen und lächelt in dem tropischen Sonnenlichte. Sie hat den Fluch des Sündenfalls vergessen und zieht den Regen d«S Himmels dem Echweitze der Menschen vor. Und diese selbst haben das beste Lebenselexir zur Sclbsterhal- hing, den Leichtsinn, mitbekommen; sie sind genügsam im Täglichen und unbegrenzt in ihren Erwartungen für die Zukunft. Was tut es, daß wenige die Mittel haben, den Wein des Landes zu trinken? Das Blut ist warm genug, den Mund läßt man laufen, wohin eS ihn gelüstet, die Gedanken sitzen auf dem Blocksberg. Die Sonne selbst und die Luft berauschen, und man betet mn nichts, als um ein Stück Brot und Zeit und Freiheit, um zu träumen. Der Humor sinkt nicht, solange die Kastagnetten Triller haben, Lascoplas gehen gratis und unermüdlich von Mund zu Mund, und Fandango sitzt in einem Bein, Lajota im anderen bis zum siebzigsten Lebensjahre. Das Leben ist in Andalusien leicht und herrlich zu leben für den, der nur zwei Schilling für ein Brot hat. Und das haben die meiste» —- in den guten Zeiten. Aber die Zeiten waren schlecht. Die Arbeiter hatten nichts z« tun und verlegten sich aufs Betteln, und die Bettler, die ungehört an den Straßenecken standen, fingen an, an Arbeit zu denken. DaS eine war ebenso hoffnungslos wie das andere. Und das Brot stieg. Es war schon auf 29 Centesimas das Pfund angelangt. In guten Zeiten kostete es nur zehn, und es gab Greise, die sich erinnerten, daß es auf acht gestanden. Dazumal konnte man freilich Brot genug haben; jetzt hieß es, sich das halbe und bisweilen alles entziehen. Der letzte Versuch endete selbstverständlich auf dem Friedhofe» Eines TageS sammelten sich Granadas Handwerker und zogen, eine schwarze Fahne an der Spitze, in Prozession durch die Straßen. Vor der Wohnung des Präfekten blieben sie stehen und baten um Arbeit. Der Präfekt kam mit dem Hute in der Hand auf die Veranda heraus und erklärte, der hohe Rat habe bereits einen Vor- schlag eingebracht, um der Not abzuhelfen. Er brachte ein Hoch auf den König aus und zog sich zurück, und die loyalen Handwerker gingen mißmutig ihrer Wege. Die Bäcker allein beteiligten sich nicht an dem Trauerzuge, sondern benutzten die Zeit, um noch fünf CentesimaS auf das Brot zuzuschlagen. Die Handwerker versammelten sich nicht mehr, aber der hohe Rat trat abends zusammen und erörterte die Begebenheit. Sämt- liche Mitglieder bewunderten die Diplomatie, mit welcher der Präfekt den Auflauf abgewehrt, und man beschloß, an die Regierung in Madrid einen telegraphischen Bericht des Geschehenen zu senden und eine Ordensverleihung an den Präfekten vorzuschlagen. Damit waren die Verhandlungen des Rates zu Ende. Granada liegt in einem Winkel der Bega, sozusagen zwischen Sierra Nevadas Zehen. Drunten auf der Ebene wohnten die besseu Situierten. Aber die Stadt verläßt sie und die Ebene und zieht hinauf über die Albaicin. Hier auf dem steilen Abhang, wo die Häuser einander auf der Schulter stehen und über die Bega hinaus» starren, wohnen die Weberinnen. Und die Stadt geht noch weiter und wird zu Baracken, die über schmalen Terrassen hänge», und ganz zu oberst zu vielen Erdlöchern in der Bergseite, die sich all« gen Süden wenden. DieS ist die Stadt der Allerärmsten und der Zigeuner. Außer den Zigeunern gibt es nicht viele Männer da droben in den Höhlen und in Albaicin und in den letzten Barocken. Aber desto mehr Frauen: Witwen, die durch den Verlust ihrer Ernährer von Armut zur Not geglitten, und andere Frauen, die nie einen Ver» sorger hatten, sondern nur eine flüchtige Liebe und deren bleibende Früchte. Ihnen hatte die Liebe nichts geschenkt, sondern sie zu Er» nährern gemacht— zu lebenslänglichen. Denn in Andalusien leben die Kinder von den Eltern, bis diese sterben. Am Abend kroch bis hinauf zu den Erdhöhlen unter Sacre Monte das Gerücht, daß das Brot auf vierundzwangig gestiegen sei. „Wir können es bald nicht mehr mit unserem eigenen Fleisch aufwägen!" sagte eine magere Frau, die, an ein Steinkreuz ge» lehnt, ihrem Kinde die Brust gab. Sie lächelte gequält und nahm das Kind von der Brust; es war rot um den Mund von Blut aus ihren Brüsten. Sie küßte das Blut von des KindeS Lippen und legte sich auf das Fußgestell des Kreuzes, um zu ruhen. Späte» kamen Leute und trugen sie in eine Höhle. » Auf dem Berge gab es Bewegung, che es noch Tag war. Die Mutter von gestern war in der Nacht gestorben, und die Leichen- träger waren da, um sie mitzunehmen. Weiber liefen durcheinander umher, einige bekreuzigten sich vor der Leiche, andere riefen die Madonna an. Es war diesen Menschen nichts Neues, de» Tod zu sehen, sie pflegten ihn zu nehmen, wie alles andere, was das Leben brachte, und ihre leichte Natur half ihnen über all« Schatten hinweg. Aber die harte Wirklichkeit hatte ihnen etwas Neues aufgedrückt, einen Schicksalstropfen, und in der Leiche de» Nachbarin, wie sie sie bei Nacht gefunden mit dem kleinen Kinde, das, nach der Brust tastend, über ihr krabbelte, suchten sie irgend ein Vorzeichen.„Nun flüchtet der Hunger." sagte ein Weib, als die Leiche von den halb betrunkenen Trägern die Höhen hinab, getragen wurde.„Ja, zum Friedhof!" erwidert« eine andere. Die Panik war in ihnen zum Ausbruch bereit.„Zum Fried- Hof, ja!" das war das Resultat. Diese verzweifelte Aussicht strich alle phantastischen Hoffnungen, aber bloß, um sie Wirklichkeit in die Wolken zu heben und ihr den Schimmer der Phantasie zu ver- leihen— die Wirklichkeit, sich sattessen zu können. Und im Wir»- warr der Gedanken, unter den vielen Rufen war einer, welche» traf und zündete:„Leu a ocho." Dies hatte die wirren, tappenden Gedanken formuliert und ging nun von Mund zu Mund. Fan a ochol— das Brot herab auf acht, wie in den alten Tagen, das war das Glück, das schwindelnde Ideal, das keiner auf- gibt. Und jede Höhle gab dem Rufe Widerhall und stellte ein zerlumptes, halbbekleidetes Weib in die Reihen. Fan a ochol Die Gedanken hatten ihren Ausdruck gefunden, und der Wirrwarr erhielt Richtung. Die Schar bewegte sich den Pfad entlang, der im Zickzack läuft und alle Höhlen mitnimmt. Und sie wuchs rasch, denn der Armnt Kinder find zahlreich. Wie häßlich sie waren, diese Weiber! Blatternarbig, beschmutzt. Runzeln im Gesicht von dem starten Sonnenlicht, dag sie Jahr um Jahr gezwungen, die Augen zuzuzwicken; mit kruftigen Ohren und schuppenbcdeckten Schläfen. Di« Not verschont nicht. Aber ihr« Sicherheit wuchs mit ihrer Anzahl, sie seuertc» mit Drohungen und ©efdjrei einander an, sie ergriffen Knüppel und Holzstücke und kratzten scharfe Topfschcrl-en aus der einzigen steilen Wand des Weges. Und sie rollten Steine hinab über die andere abschüssige Eeite, hinab auf die Barackendächer und schrieen: pan a ocbo! Das Feldgeschrei gellte in die Baracken und antwortete ihren Träumen, die Bewohner erwachten und zollten ihren Tribut. ?-m a ochol Wie ein kalter Wind blies es über die Höhen, ganz Albaicin hörte es. Nur die Stadt da drunten, die Stadt der Wohl- habenden, lag stumm im letzten Morgenschlummer. Droben am äußersten Ende steht eine Kirche. Auf dem Platze vor der Kirche war eine alte Kanone in die Erde gepflanzt. Die Weiber gruben sie mit ihren Nägeln aus und rollten sie zur Brust- »vehr vor. Dort lag sie und deutete schicksalsschwanger hernieder über die Stadt— die Zeit hatte sie mit Staub geladen. Und weiter drängten die Scharen, hinab durch Albaicins hundert Gäßchcu. Pan a ochol Albaicin, die Stadt der Weberinnen, antwortete und gab ihren Beitrag. Auch Männer wollten sich dem Zuge anschließen! sie wurden abgewiesen.—„Wir brauchen sie nicht! Fort mit ihnen!" Und die Gassen spieen eine verwilderte, rasende Heerschar von Lumpen und Geschrei auf den großen Platz hinaus. (Schluß folgt.) kleines feuilleton. Kunst. Die Neuerwerbungen der Nationalgalerie find in die Sammlung eingereiht worden, ohne, wie sonst üblich, vorher in einem besonderen Räume vereinigt zu werden. Es wäre dies tanz angebracht gewesen, um den Mißgunstigen zu zeigen, daß der Zirektor,' dem man immer seine Ausländerei vorwirft, diesmal nur deutsche Künstler berücksichtigt hat. Es sei auf folgende Werte aufmerksam gemacht. Ein neuer Menzel hängt im ersten Nebensaal des zweiten Geschosse». Eine Arbeit, die um ihrer feinen, malerischen Behandlung willen auf- fällt.„Chorgestühl im Mainzer Dom" heißt eS: eine Jnnenstudie. Braungraues Dunkel, aus dem die Mützen zweier Priester auf« blitzen. Fein ist daS Grau der in den geschwungenen Formen des Barock gehaltenen Orgel, die den oberen Teil des Raumes licht macht. Wichtig ist dann ein S p i tz w e g. ES sind zwar zwei Werke dieses Künstlers erworben. Das eine aber, der„Poet in der Dachkammer" ist noch trocken und detailliert gemall und stellt daS Anekdotische stark in den Bordergrund. Zur Charakteristik des Künstlers ist es wichtig. Dagegen ist das andere Bild breilflüsfig und leicht gemalt. »Drachenfliegen". Schon' ein eigentümliches Fonuat, lang-hoch. Fein ist die sonnige Lnft über der Wiese gemalt; hinten im grauen, rofigen Schein eine verdämmernde Stadt; im Bordergrund, klein, ein paar Kinder. DaS Ganze ist keck und frisch. Und die kleinen Farbenflecken der weißen und roten Drachen smd ordentlicki graziös in das Blau gesetzt.— DaS Geschmackvolle betont noch stärker ein kleines Werk von A l b. b. Keller. Eine Dame im Atelier, die gemalt wird. Braun und weiß und blau sind prickelnd geordnet. Breiter ist die sonnige Allee der Villa Albani, mit einer Reihe Heller Marmorftatuen im Grünen. — Von Pip lhern ist ein Porträt erworben, daS zwar düster in den Farben ist, aber doch trotz seiner Schwere eigenartig wirkt.— Im Leibl-Kabinett hängt ein neuer S ch u ch: Rebhühner und Käse; graue und braune Töne, von erstaunlicher Wucht, wie fie im Süll- leben selten ist. Der Studicnkopf einer Alten von Ludw. Eibl hat viel Kraft und markante Charakteristik.— Die Plastik ist durch eine Bronze des verstorbeueu Bildhauers Aug. H u d l e r bereichert. Eine nackte, sitzende JünglingSfigur von einfach schöner Erscheinung deS Ruhig-Körperlichen. e. s. Völkerkunde. Der Ackerbau in Neu-Guinea. DaS Innere von Neu« Guinea ist ein fast ganz unbekanntes Gebiet, so daß über Art und Umfang der Bodenbcbauung keine genauen Angaben vorliegen. Aber auch über die Küstenstriche war bisher nur wenig veröffentlicht Worden, und eS blieb den Arbeiten des jungen kürzlich auf einer geologischen Forschungsreise in das Innere Neu-GuincaS ver- storbenen Missionars P. Reiter vorbehalten, genauere Aufschlüsse über de» Ackerbau der Eingeborenen zu geben. Nach seinem in der Zeitschrift„AnthropoS" veröffentlichten Bericht wird der Boden eines großen Teiles des in Frage stehenden Gebietes in regelmäßiger und rationeller Weise bewirtschaftet. Hauptgegen« stand des Anbaue« find der Dam, der Taro und die Süßkattoffel. Die Kultur aller dieser Produkte erinnert durchaus an das europäische Kartoffelland. Man findet allenthalben um die einzeln in den Boden gelegten Früchte Häufchen von Erde aufgeworfen. Zur Verrichtung dieser Allbauarbeiten werden vorzugsweise die Frauen verwendet. Dem männlichen Teil der Bevölkerung fallen die schwereren Arbeiten auf den Pflanzungen zu, wie sie für die Kokosnuß und Banane Nötig sind. Außerdem werden vielfach noch Brotfrucht, PandanuS, Betel und Papaya gebaut, an einzelnen Orten auch Maniok. Fast allgemein wird auch die Sagopalme kultiviert, die allerdings nur beim Fertigmachen des Sago erheblichere Arbeit macht. Zur Anlage einer Pflanzung wird gern ein mit Alang-Alang-Gras bestandenes Stück Land gewählt. Das Gras wird mit recht primitiven— oft hölzernen— Werkzeugen niedergehauen und in gleichmäßiger Dicke über die in Angriff zu nehmende Fläche verteilt. Nachdem es trocken geworden ist, wird es angezündet, um mit seiner Asche als Düngemittel zu dienen. Sodann wird der Boden gebrochen. Auch bei dieser Operation kommen höchst primitive Werkzeuge zur Verwendung. Mittels eines zugespitzten Stabes von Meter Länge wird die Scholle zertrümmett. Das weitere Zerkleinern des Bodens mit einer kleinen Holzschaufcl und das gleichzeitige Ausjäten des Alang-Alang-GraseS und anderen Unkrautes fällt wiederum den Frauen zu. Sodann umhegen die Männer den Acker mit einem festen Faun, um ihn vor Verwüstung durch Wildschweine zu bewahren. Wert schwieriger liegen die Verhält- nisie, Ivenn im Buschgebiet Pflanzungen geschaffen werden sollen, weil da erst mühsam gerodet werden muß,»md doch ist ein großer Teil der Plantagen in dieser Weise angelegt! manche umfasien mehrere Hektar. Auch steile Hänge werden sorgfältig ausgenutzt, und Flächen, die im Winkel von 60 bis 6V Grad ansteigen, durch Querhölzer gangbar gemacht. Der Ackerbau dieser Natur- menschen flößt also entschieden Respekt ein. Daß auch sie selbst ihm solchen entgegenbringen, beweist schon der Umstand, daß die einfachen Ackergeräte alle sorgfätig verziett sind. Merkwürdig erscheint, daß der Gebrauch de? Düngers ganz unbekannt ist. ja daß anscheinend eine Art unüberwindlichen Ekels da- vor besteht. Der Eingeborene wird kaum zu bewegen sein, von einem in der Nähe des Düngerhaufens stehenden Baume eine Frucht zu holen oder gar zu essen, und die Zumutung, einen Platz von tierischen Dungstoffen zu reinigen, würde bei ihm einen leiden- schaftlichen Entrüstungssturm hervorrufen. Wohlbekannt ist da- gegen die Wirkung der Brache, die nur leider oft mit einem Ortswechsel der ganzen Dörfer verbunden ist. Im allgemeinen ver» dienen die landivittschaftlichen Leistungen in Neu-Guinea alle An- erkennung. Technisches. DaS telegraphische Sehen. Die Fernphotographie, die in Deutschland durch die Arbeiten von Profcffor Korn in so hervorragendem Maße gefördett worden ist, bedeutet, wie er selbst Hervorgehoben hat, die Vorstufe zum eigentlichen„telegraphischen Sehen", d. h. jener bisher nur in der Phantasie der ZukunftS- roman-Schriftsteller verwirklichten Art der Bildübertragung, bei der man etwa auf einem weißen Wandschirm Vorgänge dirett mit dem Auge verfolgen könnte, die sich in einer Entfernung von Hunderten von Kilometern abspielen. Ließe sich die Kornsche Bildübcrtragung, die bei der heutigen Leistungsfähigkeit seines Verfahrens etwa 6 Sekunden Zeit beansprucht, auf den dritten Teil einer Sekunde herabdrücken, so würde daS menschliche Auge infolge seiner Eigenschaft, eine schnell vorüberziehende Serie von Einzelbildern zu einem fortlaufenden Bilde zu vereinen, wie eS z. B. bei den Kinematographenbildern geschieht, eine kontinuierliche Abbildung eines in der Ferne statt- findenden Vorganges erhalten können. DaS Ziel der Verkürzung der für die Bildübertragung nötigen Zeit loird nun von einem neueren französischen Verfahren, dem System Selencq- Tival, in bedeutend höherem Maße erreicht, so daß man der Frage des.telegraphischen Sehens" wieder um einen Schritt näher gerückt wird. Die Schwierigkeit, mit der bei einer Beschleunigung der Leistung des Kornschen Verfahrens zu rechnen ist, besteht darin, daß das Selen, aus dessen unter dem Ein- fluß verschiedener Lichtstärken veränderlicher Leitfähigkeit die Methode beruht, nach dieser Richtung eine ziemliche„Trägheit" besitzt, d. h. daß die Aenderung der Beleuchtung erst nach einer gewissen Zeit die ihr entsprechende Widerstandsänderimg hervorzurufen vermag. Korn hat einen eigenen Kompensator konstnliert, um dieser Schwierigkeit Herr zu werden. Gleichwohl ist er von der- praktischen Möglichkeit de« telegraphischen Sehens noch weit entfernt. Ueber das neue System Selencq-Tival liegen, wie die„Revue Scientifique" ausführt, erst spärliche Nach» richten vor, die in gewissen Einzelheiten genauere Mitteilungen als recht wünschenswert erscheinen lasten. Gleichwohl läßt sich das Ver» fahren in seinen Grundzügen übersehen. DaS zu übermittelnde photographische Bild wird nach dem Kohleverfahren hergestellt und nach dem Prinzip der Widerstandsänderung, die ein abtastender Stift infolge der verschiedenen Dicke der ein- zelnen Bildstellen erfährt, übertragen. Die große Schnellig- keit der Uebertragung wird dadurch erreicht, daß die Vottichtung mit dem Poulsenschen Telegraphen kombiniert ist. das seinerseits Anschläge einer Galvanomerernadel auS» löst, die in entsprechender Weise auf ein Lichtfilter übertragen, die Reproduktion des Bildes ermöglichen. Ein ganz kürzlich in der Pariser physikalischen Gesellschaft demonstrietteS Verfahren deS Ingenieurs Armangaud soll nun dem eigentlichen Fernsehen nahe kommen. In welcher Weise die greße Geschwindigkeit der Ueber» lragung dabei erzielt wird, ist noch nicht bekannt. Es bleibt daher abzuwarten, ob wirklich ein erheblicher Fortschritt nach dieser Rich» tung damit erreicht worden ist. Berantw. Redakteur: Georg Davidsoh». Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlaaSanstalt Paul Sinaer& T»„ Berkin SW,