Anterhaltimgsblatt des Horwärts Nr. 83. Donnerstag, den 7. Mal. 1903 (Nachdruck verboten.) 2±] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. „Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Be- keidigungl— Wie heißen Sie?!" schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem Gesicht. „Also mal bitte seien Sie nicht so erregt!" rief Belly gngstlich. „Er sagt, er heißt Hummel!"*) berichtete Stelling. „Was soll ich ihm sagen?." Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen. Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen. „Da— eben geht er ins Halls!" rief Stelling.„Vor Lchnen hat er natürlich Angst." Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür:„Ich werde also mal hinuntergehen und mit idem Mann sprechen." „Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier," sagte Mr. Belly. „Ja, aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?" „Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?" .Tes, mister," sagte Stelling und ging an seinen Platz. Also mal: Sie sagen: �es, mister! Heißt es so?" „Yes, gentleman!" „Also mal: Sie wollen es nicht richtig sagen! Sie sind also ein Heuchler!" „Herr Belly," sagte Stelling kaltblütig,„ich nehme an, daß Sie die wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie fordern." „Aber, Herr Belly," riefen jetzt viele durcheinander, „wie konnten Sie so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!" „Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen," lenkte Belly ein, es heißt also mal: lies, Sir!" „Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit ge- sagt wird..." Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopf etwas wie Morgendämmerung angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den Uebeltätcr und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen. Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte ihn aufs Pult und sagte:„Lesen Sie weiter, Müller." Er tat das alles ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen Gering- schätzung, ja. einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten englischen Erziehungsregel: Be a gentleman!(Sei ein Gentleman) entspringt, nahm Asmus doch immer wieder sür ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daß solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daß sie ihm aber zu kindisch waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging schließlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand eine feierliche Beratung statt mit dem Er- gebnis: Da Mr. Belly nicht imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel mit einem kräftigen Stoß nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den Stiefel als corpus delicti konfiszierte und damit die Klasse verließ, der Einstieflcr, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm protestierend nach- humpelte und Mr. Belly endlich sagte:„Also mal: Sie verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!" da brachen ob dieser rätselhaften Jdeenverbindung *) Name eines in den fünfziger Jahren des borigen Jahr- Hunderts in Lzamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen auf den Zuruf„Hummel" mit einem sehr derben Ausruf xu antworten. alle Dämme der guten Zucht zusammen, und der jugendliche Uebermut nahm wieder freien Lauf. 27. Kapitel. �(Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.) Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch im, tauglicher waren als Mr. Belly: aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung amüsant. Zu einer solchen Be- trachtung zwang Asmussen wider seinen Willen der Herr Pastor Dinneoeil, der eine Zeitlang den Religionsunterricht erteilte. Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebcil! Das war wie David Friedrich Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen Traktätchcnterminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller, was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für Papuas bei- bringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und Würde lieblich gemengct war. Anfangs hörten die ver» blüfften Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz und Honig niederging, mit offenem Munde zu: aber schon nach der dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man beschloß. sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes immer abwechselnd zu antworten:„Der Glaube" und„Die Liebe". Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte, so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und Ein- würfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt: als aber Dinne- beil allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19:„Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes" als Be» weis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er: „Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer, tendenziöser Zusatz?" „Was? Wieso?" fragte Hochwürden indigniert. „Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemcr Apostel-Konvcnt im Jahre 52 Paulus gegen- über den Grundsatz, daß nur den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe: das wäre doch ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft: es ist danach undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 13 ein späterer Zusatz sein: sie..." „Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!" rief Dinnebeil sittlich entrüstet.„Fahren Sie fort, Seybold!" Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre Ueberzeugung: aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und forschte. Er ließ einfach „fortfahren". Fortfahren war allerdings das leichteste. Von nun an„klaubte" Asmus nicht mehr: aber er„glaubte"� noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil ihn durch eine Frage ausschreckte, so rief er:„Der Glaube!!" oder„Die Liebe!!" Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrcr, dm anderer Manns Der war auch sromm, köhlerfromm, so» — 350— zusagen: aber er war ein MensH. Sie hatten einer am anderen einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja, Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die Hochachtung des Lehrers ariindete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende Be- wandtnis. �Fortsetzung folgt.) VentTcKe Dorfanlagcn, Von R. MieNe.') Die ersten Nachrichten, die wir über Teutschland haben, lassen ein rauhes, unwirtliches Land erkennen. An diesem Urzustände ist vieles geändert worden: Die Wälder sind gelichtet und stellen- weis verschwunden, die unbändigen Ströme bezwungen, Sümpfe und Moore ausgetrocknet und blühende Gefilde geschaffen, wo einst der Ur und der Wisent ihre Gründe erfolgreich gegen die ersten Kultivicrungsversuche der Bevölkerung verteidigten. Wer erkennt heute noch aus der bunten Vielheit der Fluren die Linien, nach denen unsere Vorfahren das Land ehemals aufteilten, wer die ein- fachen Grundzüge der Siedelungen, die sich in den Wandlungen der Dorf- und Stadtgeschichte verloren haben! Die Separation(Flur- Vereinigung) zumal hat in vielen Gebieten die Flureinteilung völlig verwischt, die als Erbe einer uralten Vergangenheit noch im 18. Jahrhundert fast überall, Ende des 19. nur vereinzelt vor- handcn war; aber noch hat sich als wahrnehmbares Denkmal jener alten Zustände die Dorfanlage selbst erhalten, welche in den ver- schiedenen Landesteilen wie eine eherne Klammer Hof und Wege an den Boden ketten. Noch können wir, wenn auch die Flur von neuen Einteilungslinicn überzogen ist, das alte Gesicht der Siedelung wieder erkennen, wenn wir die Art und Lage der Ge- Höste betrachten. In ihnen zeigt sich häufig die letzte Ausstrahlung uralter volklichcr Gewohnheit, die sich schon seit der Völker- Wanderung stammcsartlich absonderte. Auch geschichtliche Vorgänge haben zu dieser Verschiedenartig- kcit beigetragen; doch fällt die Grenzlinie zwischen den landschaft- lichen und den geschichtlichen Formen keineswegs immer zusammen. Sowohl der Einzelhof wie das Haufendorf haben sich über Gebiete verbreitet, welche die verschiedenartigsten Landschaftsstufen in Deutschland einnehmen; aber sie haben sich bei diesem Vorschreiten beide verändert— oft so gründlich, datz man ihren gemeinsamen Ausgang nur schwer oder gar nicht mehr erkennen kann. In den Formen unserer Dörfer können wir unterscheiden Einzelhöfe, Haufendörfer, Weiler, Reihen-, Straßen- und Rundlingsdörfer und Veenenkolo- u i e n, die zum Teil wieder mit der Verteilung der Feldflur in Beziehung stehen, häufig so innig, datz eine Aenderung der hier üblichen Normen auch zu einer Aenderung des Ortscharakters drängt. Denn überall, wo germanische Dörfer angelegt worden sind, bildete die Feldflur nicht allein die Grundlage für den poli- tischen und wirtschaftlichen Organismus, sondern auch für die An- ordnung der Höfe. Wie groß das ursprüngliche Landmatz für einen einzelnen Hof gewesen ist, können wir aus der späteren Ver- teilung des bebaubarcn Feldes erschließen. Den zu Dörfern ver- einigten 19 bis 49 Höfen kamen ursprünglich gleiche Anteile zu. die als Hufen bezeichnet wurden und— für den Lebensunterhalt einer Familie berechnet— aus je 29 bis 49 Morgen bestanden, d. h. aus einem Landmatz, das an einem Tage(Morgen) von einem Hofbesitzer bearbeitet werden konnte. Die Verschiedenheit der Matze ergab sich aus der ungleichen Güte der Becker. War der Boden schwer, so verringerte sich die Zahl der Morgen, war er leicht, so wurde sie— entsprechend der Arbeitsleistung einer Familie— größer. Im Lahngau, Rheingau, Nahegau, Lobdcngau, im Stift Corvey bestand die Hufe aus 39, in der Umgebung Triers nur aus 15, in Oldenburg aus 49, in der Abtei Prüm sogar aus 169 Morgen. Um die Anteike für die Bedürfnisse eines Haushalts annähernd in gleicher Güte zu erhalten, wuroe die dem Anbau zu- gewiesene Fläche je nach ihrer Ertragfähigkeit in verschiedene, meist in 3, aber auch in 2, 4 oder mehr Abschnitte(Gewanne oder Zeigen) aufgeteilt, die wiederum in so viel gleiche Unter- abteilungcn zerlegt wurden, wie Hofstellen vorhanden waren. Ein gemeinsam beschlossener Flurzwang, d. h. die Festsetzung des Ernte- anfangs für die einzelnen Gewanne, die sich aus den fehlenden Zu- *) Aus dem in der bekannten Sammlung„Aus Natur und Gcistcswelt" bei B. G. Tcubner in Leipzig erschienenen Bändchen von R. Mielke,„Das deutsche Dorf"(Preis 1 M., geb. 1,25 M.). das die EntWickelung des deutschen Dorfes schildert und zeigt, wie sich mit dem Wechsel der Wohnsitze die Gestaltung des Dorfes änderte, wie mit neuen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnissen das Bild immer reicher wurde, bis am Anfange des 19. Jahrhunderts ein fast wunderbares Mosaik ländlicher Siede- lungstypen vorhanden war. Zahlreiche dem Büchlein beigcgcbene Abbildungen dienen zur Ergänzung der Schilderung. sahrtswegen von selbst ergab, begünstigte die Erhaltung dieser Llurcinteilung, während der Hvj als Sondereigcntum leichter per- Abb. 1. Einzelhos mit zugehörigen Ländercicn.(Aus Ranck, deutsches Bauernhaus.) sönlichcn Bestrebungen offen stand. Zu der gemeinsamen Feld« slur kam die Allmende, die aus Wald, Weide, Wiesen, Wegen, öffentlichen Plätzen(Dingplätzen), den Seen, Flüssen, Sandgruben. Steinbrüchen, kurz aus allen Gelände» bestand, die weder der Feldflur noch der Hofftait zugehörten. Infolge dieser Einteilung der Gemeindeländereien, die lange Zeit einheitlich blieb, weil sie nur in Uebereinstimmung aller bebaut, umgrenzt, bepflanzt oder überhaupt verändert werden konnte, ist gerade die Feldflur wie ein bunter Teppich hergerichtet worden. Reichte die Anbaufläche für die angewachsene Dorfgemeinde nicht mehr aus, dann wurde ein neues Stück Flur in Angriff genommen und in gleicher Art aufgeteilt. Auf diese Weise mutzte die Flur immer mannigfaltiger werden; besonders aber entstanden aus den mit Sorgfalt über- wachten Grenzrainen, die die Frühzeit allerdings nicht kannte, und den kleinen Zwischenresten des Naturbodens jene vielen vegetations- reichen Laub- und Heckcnwinkel, welche angenehm für das Auge, nützlich für die Tierwelt waren. Der Einzelhof.(Abb. 1.) Im Nordwesten Deutschlands — ungefähr durch die Weser von den östlichen Haufendörfern ge- schieden— Westfalen, Oldenburg, die Niederlande, die nördliche Rheinprovinz, das nördliche Belgien und einen nordöst- lichen Zipfel Frankreichs ein- schließend, finden wir den hoch- altertümlichen Einzelhof, den ein hervorragender Forscher (Meitzen) ohne überzeugenden Beweis den Kelten zuschreibt. Dunkle Spuren leiten zu der Annahme hin, daß das System des Einzelhofes, das die Wohn- stätte inmitten des in Kultur genommenen Geländes auf- bauen läßt, ein Gemeingut nordeuropäischer Jndogerma- nen war. Es liegt diese Ver- mutung in der Tat um so näher, als die Natur des Landes selbst durch die vielen Moor- und Heidesiächen auf eine Kultivierung drängt, welche vom Hofe aus leicht erreichbar und übersehbar ist. Dieser ein- heitliche Bodenbesitz bildet in seiner Vielheit eine Bauer- schaft, die indessen mehr poli- tische als siedelungstechnische Bedeutung hat. Eine charakteristische Erscheinung dieser Einzelhofverfassung ist das Um- und Abgrenzen durch Hecks, Gräben und kleine Wälle, über die der einfache Fnßweg nicht selten in Form einer urwüchsigen Steigevorrichtung führt. Dem Hofe haftet seit Alters her ein Name an, der sich auf den Be- sitzer überträgt und nun in Tausenden unserer Personennamen weiterlebt. Ucbrigens ist das Gebiet der Einzelhöfe weder in sich ein ge« schlosscnes, noch auf Nordwestdeutschland beschränkt. Ueberall haben sich hier Gruppendörfcr eingeschoben oder selbst Einzelhöfe mit Hufenverfassung gebildet, die ein charakteristisches Moment der Ge- Wanndörfer ist. Auch läßt sich vielfach der Nachweis erbringen, datz Einzelhöse erst in verhältnismäßig junger Zeit entstanden sind. Das Haufendorf.(Abb. 2.) Es mag dahingestellt sein. ob das Haufendorf eine selbständige, wirkliche Siedelung ist, oder >— was sehr nahe liegt— als eine Eniwickelung aus dem Einzel- hos aufgefaßt werden mutz. Jedenfalls äußert sich in der regellosen, sowohl in Richtung als auch Entfernung ganz willkürlichen An- läge der Hofstätten eine starke Erinnerung an das Einzelsystem. Als geschlossene Gebiete kann man ansehen: Teile von Schleswig- Holstein, Osthannover, Braunschweig, Thüringen. Hessen, das slld- liche Westfalen und Rheinland und einzelne Striche Süddeutsch» lands und Oesterreichs. �_, Die alte Gewohnheit, den I j Einzelhof durch Graben«»»-..?» I s und Zaun zu umgrenzen, übertrug sich auf das Haufendorf als Pflicht, die das Dorf mit einem Zaun, dem Etter, um- geben ließ, lvkan findet Dörfer, besonders in Süddeutschland, bei denen sich daS Etter zu einem ganzen Wehrfystein, mit Toren, Gräben und Mauern entlvickelt hat. Mehr aber noch als durch feine Anlage unter- scheidet sich das Haufen- dorf von dem typischen Einzelhof mit seinem Landblock durch die fast immer mit ihm ver- bundene Aufteilung der Flur in Gewanne, die oben geschildert ist. Das Dorf Maden in Hessen, unweit Fritzlar, das man als das alte von Tacitus in feinen Annalen erwähnte Mattium ansieht, besteht Abb. 2. Haufendorf.(Aus Andrer, Braun- schweiger Volkskunde.) — 351— öu 5 16 Hufen. Tie Allmende, hier in annähernd dreieckiger Gestalt mit teils gerundeten, teils gezackten Seiten, in deren ungefährer Mitte die regellos um die Kirche geschalten Höfe liegen, ist in 40 Gewanne von verschiedener Größe geteilt, deren in- und anein- andergedrängte Lage schon an und für sich die Regellosigkeit des Dorfbildes auch aus die Flur ausdehnte. Da diese einzelnen Ge- Wanne für die 16 Hüfner wieder in je 16 gleiche Teile aufgeteilt sind, so ergibt sich ein buntes, aber für ein solches Gewanndorf charakteristisches Bild. Ueber die Hälfte der Flur besteht aus weniger gutem Boden und bildete einst die Allmende, die aber später ebenfalls aufgeteilt und der Gemenglage angereiht worden ist. Mit diesem Gemengdorf setzten sich die vordringenden Ger- manen auch in Süddeutschland fest, weil der Geschlechterverband das politische Leben beherrschte. Anders wurde es, als die Anlage von Dörfern von der Grundherrschaft, den fürstlichen und geist- lichen Landesherren, planmäßig vorgenommen wurde. Da ent- Wickelte sich ein System, das man Das Reihendorf nennt, das sich stellenweise auch als regelrechtes Straßendorf zeigt. Bei ihm handelt es sich nicht um eine Enrwickelung von unten auf, welche die großen, schon im Ge- meindebesitz befindlichen, Marken von älteren Stützpunkten aus besiedelte, sondern um Erschließung von Oedland durch die Landes- gewalten. Diese teilten das Land in streifenförmige Abschnitte, in sogenannte Königs-, Wald- oder Hagenhufen von je 66 Morgen, später, als die Nordseemarschen besiedelt wurden, in Deich- oder Marschenhufcn. Hier lagen die Gehöfte in langer, strahen,örmiger Reihe oder in doppelter Zeile um einen Platz, den Anger, herum. Dies Schema, das in feuchten Niederungen auf leichten Erhebungen angewandt wurde oder sich in dem anderen Falle in langer Reihe an dem Teich entwickelte, kann also auf die Gemenglage verzichten, obschon es wie im preußischen Ordenslande, wo neue Teile der Allmende aufgeteilt wurden, sich nicht selten zu einer Mischung beider Systeme herausbildete. Jedenfalls ist es die Grundlage des späteren Straßendorfes, das in der Kolonisation des Ostens von ausschlaggebender Wichtigkeit wurde. Fast alle Dörfer, soweit sie nicht die slawische Flureinteilung beibehielten, sind in dieser Form angelegt worden, die weit über Teutschlands Grenzen hinaus- drang. Ist das Land in lange Streifen ausgeteilt, dann erleichtert es natürlich die Arbeit und macht den Flurzwang entbehrlich. Da sich andererseits zwischen den langen und geraden Gcwannstreifen Grcnzrainc entlangzogen, eine im alten Volkslande unbekannte Eigentumsmarke, so nähert sich die Bewirtschaftung der freien Arbeit des Einzelhofbesitzers, ein Vorzug, der indessen durch die spätere EntWickelung stark vermindert wurde. ■77- yr" V�l DaS R u n d d o r f. L(Abb. 3.) Ucbcrall, wo einst slawische Stämme gesessen hatten: in Ost- Holstein, Mecklenburg, Pommern, Brandenblirg, Schlesien und Sachsen — nicht aber in Posen, West- und Ostpreußen— gibt es diese charakte- ristischen Rundlinge, bei denen die Wohnhäuser mit dem Giebel nach dem rundlichen Dorfanger ge- richtet sind. Die so um- schlossene Fläche. der Ring, hat dann meistens nur einen Ausgang, der Abb. 3. Runddors Domnowih.(Aus Meitze», leicht verschlossen werden SIcdclunge» und Agrarwesen der West- und konnte. Die Flur ist in Ostgermanen.) segmentartige Felder ge- schnitten, deren schmälste Stellen von den Gehöften besetzt sind. Man hält diese Anlage im allgemeinen für slawisch z doch ist es immerhin sehr auffallend, daß sie sich auch in Skandinavien findet, wo nie Slawen hingekommen sind, und befremdend, daß sie sich in einem so ausgesprochen slawischen Landgebiet wie dem ehemaligen Polen nicht nachweisen läßt. Andererseits hat sich das Runddorf auch in eine viereckige Anlage und häufiger zu regelmäßigen Straßendörfern entwickelt, die fast zu typischen Formen des Ostens getvorden sind. In vielen Fällen, in denen deutsche Kolonisten Gebiete be- setzten, die schon von den Slawen kultiviert waren, die möglicher- weise auch noch Siedelungen aus der germanischen Vorzeit ent- hielten, schränkten sie nach dem Recht des Eroberers die Slawen in dem Besitz des Bodens erheblich ein. Sie teilten auch die Fluren nach ihrer Gewohnheit in Gewanne; aber sie ließen die slawische Rundform oft unverändert weiter bestehen. Das Dorf ist mit einem Zaun, auf der Insel Fehmarn auch mit einem Steinwall umgeben. Weiler. Nicht alle Dörfer in Deutschland sind als Haufen» oder Straßendorf erkennbar. In weite, von den Gcwannoörfern eingenommene Gebiete schieben sich unvermittelt blockartige Lände» reien hinein, die ursprünglich schon in dieser Form vorhanden waren. Einen Teil können wir ohne weiteres als germanisch ansprechen, bei anderen aber liegen die Wurzeln sicher in einer anderen Bevölkerung. Die Vermutung, daß die Weiler Rest« einer römischen Farm- und Gutswirtschaft seien, hat vieles für sich, obgleich bei einigen auch andere, vorgeschichtliche Völker wenigstens in Frage kommen. Jedenfalls deckt sich ein Aus- breitungsgebict der Weiler, die übrigens nirgends geschlossene Bc- zirke bilden, sondern sich mit den anderen Torfformen vermischen, häusig aber an den höheren Abhängen der Gebirge liegen, mit der Einflutzzone der römischen Kultur. So kommen sie vor auf den Rheinabhängen Badens, des Elsaß und in Lothringen, in der Pfalz und in Frankreich. Da sie in Deutschland oft auf den bewaldeten Bergen liegen, so scheinen manche zu einer Zeit an- gelegt zu sein, in der die tieferen fruchtbaren Gelände schon von Gewanndörfern besetzt waren. Ursprünglich zählten die Weiler jedenfalls nur einen Hof, dessen Besitzer das Land an seine Söhne weitergab und deshalb nach Willkür und nach den land- schaftlichen Verhältniffcn aufteilte. Vermutlich haben sich auch viele Weiler— namentlich in der Nachbarschaft großer Gewann- dörfer— zu diesen entwickelt, die sich in diesem Falle nur durch die Flureinteilung von den Weilern unterscheiden, wenn nicht noch die Endung„Weiler" selbst ein weiterer Hinweis auf diesen Ursprung ist. Bei den alten wendischen Dörfern in der Umgebung von Dresden und Meißen finden wir gleichfalls weilerartige Felder. Diese Blockeinteilung ist vermutlich von dem oberflächlich arbei- tenden Pflug abhängig gewesen, der den Boden nur wenig lockerte und darum das Gehöft in die Mitte des eigenen Feldes setzte. Doch ist es natürlich nicht ausgeschlossen, daß der Wille des Grundherrn in diesem Falle maßgebend war. Es erübrigt nur noch, eine letzte Siedelungsform zu er- wähnen, die sich auch als jüngste ausweist. Das ist die Veen- t o l o n i e, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts die Moore Nord- Westdeutschlands der Kultur erobert. Sie legt dar, wie Zweck- dienlichkeit in der Flur- und Ortsanlage bis in die jüngste Zeit hinein nicht aus dem Auge verloren wurde. Da zunächst ein großer kilometerlanger Kanal zur Entwässerung des Moores an- gelegt wurde, von dem schnurgerade kleine Seitenkanäle recht» winkelig ausgehen, die zugleich zur Abgrenzung der einzelnen Bauerngüter dienen, so haben wir eigentlich das alte Reihen- oder Waldhufendorf, nur daß die Wasserstraßen und die große Aus- dehnung der aneinander gereihten Höfe dem Lande einen eigen, artigen Charakter geben. Die Separation oder Flurbereinigung. Da? deutsche Torf, besonders aber die Feldflur hat seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten ein anderes Gesicht bekommen. Durch die jetzt mehr intensive als extensive Bewirtschaftung stellten sich Erschwerungen heraus, welche einer rationellen Ausnutzung sehr hinderlich waren. Flurzerstückelungen durch Erbschaft und Ver- kauf, mangelhafte Zugänge und die daher notwendige Erhaltung des Flurzwanges, das Aufgeben der alten tausendjährigen Drei- felderwirtschaft, die vielfach hemmenden gegenieitigen Nutzungs- und Eigentumsrechte haben vereint auf die Notwendigkeit einer neuen Flurteilung hingedrängt. Auch die neueren Methoden der Beackerung, welche kleinere, unzweckmäßig geschnittene Flächen nur unvorteilhaft benutzen kann, die Schwierigkeit, welche sich bei dem alten Zustand« einer guten Ausnutzung der Wasseradern in den Weg stellen, müssen die gewaltigen wirtschaftlichen Vorteile einer neuen Aufteilung in den Vordergrund treten lassen. So sehen wir denn, daß seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts diese Maßregel eine der Hauptsorgen der deutschen Regierungen wurde, deren Schwierigkeit dadurch erst in das rechte Licht gesetzt wird, daß trotz aller verstärkten Bemühungen der Behörden im lg. Jahrhundert noch heute viele Gemeinden die Separation nicht haben durchführen können. Im allgemeinen wird sie dadurch erreicht, daß die gleich» artigen Bodenmengen zusammengelegt und dann an die Be, rechtigten nach ihren früheren Besitzantcilen und unter Berückfich- tigung rationeller Wege aufs neue verteilt werden. Dabei sind die charakteristischen Flureinteilungen, welche wir eben kennen ge- lernt haben, verschwunden, zugleich aber auch vielfach die Hecken, Gebüsche und toten Ländereie», die das alte Dorfbild so überaus malerisch machten. Auch die neuen Zufahrtswege sind gerade gelegt, manche schattenspendenden Bäume sind verschwunden und mit ihnen ist die Vogel- und Jnseitenwelt vermindert. Viele Gemeinden entäußerten sich bei dieser Gelegenheit ihres Gemeinde- landcs, der Allmende, um es in Bruchstücken an die Torfbewohner zu verteilen. Das sind— wie sich immer deutlicher herausstellt — Fehler gewesen, die nicht nur von wirtschaftlichen Nachteilen be- gleitet waren, sondern auch viele Wälder in Gefahr der Vernich- tung brachten. Da man heute umgekehrt wieder die alten All» wenden herzustellen und auch der Hecke einen Platz im Landschafts, bilde zu geben sucht, so darf man hoffen, daß trotz der so jiotwen» digcn Separation unsere Dorfsluren bald wieder freundlicher auL« sehen werden, als sie manchenorts sich zeigen. (Nachdruck vervoim.) Klrrcbbltitcnfert in Japan. Die Zeit der Kirschblüte bietet unS Deutschen ein köstliches Schauspiel, von weit und breit strömt Jung und Alt in die Kirsch- Plantagen, um den Blick über das weite weiße Blütenmeer schweifen zu lassen, um ein Bild zu genießen, daS jede ehrliche Freude am Naturgenuß so sehr befriedigt. Wie der Berliner nach Werder pilgert, so zieht der Hamburger inS Kirschenland, der Erfurter nach den Fahnenrschcn Höhen und so haben viele Städte ihre Obstkammern, die weit über ihr eigentliches Gebiet hinaus bekannt geworden sind. Allein wir haben diese Obstanlagen nicht erstehen lassen, damit sie uns lediglich durch ihre Blütenpracht während einiger Tage in Ent- zücken verletzen, sondern wir erwarten noch einen anderen Genuß. Und in dieser Beziehung unterscheidet sich die Bedeutung unserer Kirschblüte von jener des Kirschblütenfestes der Japaner. Den Japaner« gilt dieses Fest lediglich der Blüte wegen, denn all die vielen Kirschbäume, welche zur Frühlingszeit in Japan genau so gut die ganze Bevölkerung auf die Beine bringen wie bei unS, tragen keine Früchte, sie besitzen lediglich einen Zierwert als Blütenbäume. Der Japaner liebt die Natur über alles, und die Pflanze ist ihm insonderheit ans Herz gewachsen: alljährlich werden fünf Blumenfeste veranstaltet, von denen das Kirschblüteufest nicht das unbedeutendste ist. Alle Japanreisenden, welche ein derartiges Fest miterlebten, sind Voll des Lobes. Und welchen Eindruck die japanische Kirschblüte bei dem Europäer unserer Breitengrade hervorruft, das mag aus folgenden Worten eines Japanreisenden hervorgehen: Die Morgen und die Abende waren noch kalt, aber die Tagesstunden waren er- füllt von fruchtbarer Wärme, und so ward der Frühling geboren, dies Meisterwerk der Schöpfung. Nicht langsam und leise kam er heran, wie bei uns, wo sich schüchtern die ersten Blumen hervor- wagen, nur verklingend daS Lied der Lerche erschallt und ani Weg« rain und auf der Wiese nur ein bescheidener Blumenflor sich dar- bietet. Der japanische Frühling bricht jäh und plötzlich hervor mit zauberhaft blendendem Glänze; in einer einzigen Nacht wird er geboren und erscheint strahlend, leuchtend, in Schönheit erglühend. Gestern noch waren die Bäume kahl und dunkel, keine Blätter, kein bißchen Grün, heute rauschen Wellen von dichten Blüten dem Wanderer ums Haupt, ein Wirrwarr von Blumen, eine Welt von Farben, vom reinsten Weiß zum tiefsten Rot, lacht überall. Meilenweit blühen an den Landstraßen die Kirschbäume. In einer Woche ist all die Herrlichkeit abgestorben und versunken: jetzt aber, da diese Bäume blühen, überfluten sie ihr Heimatland ,mt einem unendlichen Glanz und einer hinreißenden Schönheit. So schwer sind die Aeste mit diesen weißen Kostbarkeiten überladen, daß sie sich zur Erde niederneigen und eine strahlende Krone bilden über den kleinen, braunen Kindern, die unter diesem Wunderdach umherspielen. Wie glücklich sind sie, diese kleinen braunen Heiden, wenn sie den wehenden Blüten nachjauchzen, die, von einem Wirbel- wind dahingetragen, wie lveiße Flämmchen durch die Luft huschen: wie viel glücklicher sind doch diese mit Blumen spielenden Kleinen als unsere armen europäischen Kinderl Sie haben keine schönen Kleider an, auch keine reichen Väter und Mütter, sondenr ihre Eltern sind arme Kulis, die für eine Handvoll Reis ihr mühsam Tagewerk tun, und doch geht eine selige Heiterkeit von ihnen auS, denn sie fühlen sich verwandt diesen schönen blühenden Gebilden und haben etwas von ihrer schwebenden und hellen Leichtigkeit.— Ein leichter Wind ist aufgestiegen von der stillen, weiten, klar blitzenden See und wiegt sich in dem unruhig flüsternden Blütenmeer, in dem kleine Vögel zwitschernd herum hüpfen. Der glühende Sonnenball wühlt sich mit seinen heißen Strahlen in diese fleckenlose Weiße hinein und über- strömt mit blutigem Rot die zarte Pracht. Wie wenn die Schleier von einem Wunderland gefallen wären, scheint nun der fabelhafte Orient mit seinen Märchenwundern und farbig heißen Paradiesen sich aufzutun. Diese langen Baumreihen sind nun zu leuchtenden Feuern geworden und umrahmen die weite Küste mit einem pur- purnen Saum. Wie lange Regimenter in geschloflener Parade- stellung, Reihe an Reihe, unabsehbar sich ausdehnend, erscheinen daneben die Pfirsichblüten in all ihrer farbenreichen Lieblichkeit. Hier ein dunkles Rot, ein blasies Rosa, ein grelles Karmoisin, in einer Anzahl gebrochener Lichter schillernd und erstrahlend, wie Regenbogenglanz I Blaue Wolken darüber, blaues Meer im Westen, graue Küstenhiigel, und dies alles in einer wundervollen abgeklärten Harmonie zusammenklingend. Das ist Kirschblüte in Japan? Wir müssen gestehen, dieS ist denn doch etwas anderes als die Baumblüte bei uns. st. st. kleines feuilleton. Gemälde von Farbeublinde». Wer durch die Säle moderner Bilderausstellungen wandert, wird oft durch die Frcmdartigkeit ge- wisser Farbengebungen in Erstaunen versetzt werden. Es ist auch nicht zu leugnen, daß bei manchen Malern die Wiedergabe der Natur eine oft unwahrscheinliche Art angenommen hat; bisweilen streift sie an das Karikaturistische und es sind nicht wenig Witze über die grünen Himmel und violetten Bäume gerissen worden, die in unseren Tagen entdeckt worden sind. Abgesehen von dem eigentlich Maltechnischen, das doch viel mehr Methode als Farbensinn enthält ist aber gleichwohl die Frage ins Auge zu fassen, ob nicht neben ver« schärfter Beobachtung auch krankhafte Störungen des Sehvermögens in Betracht kommen. Die Erscheinung der Farbenblindheit kann für einen Eisenbahnbeamten Berufshindernis sein und wird bei ihm seitens der vorsorglichen Behörden erwogen werden. Eine solche Prüfung findet beim Kunstmaler nicht statt, und zum Berufs- Hindernis wird sie bei ihm im praktischen Sinne zunächst nicht. Schon längst hat man von ärztlicher Seite der Möglichkeit solcher Anomalien bei Künstlern Aufmerksamkeit zugewendet. Der berühnite Augenarzt Liebreich hat bereits vor etwa vier Jahrzehnten unter anderem auf die Eigentümlichkeiten hingewiesen. die der große englische Maler Turner als Kolorist erkennen läßt. Er führte damals aus. daß er in seinen späteren Gemälden die Natur wie durch einen gelben Schleier sah, wofür übrigens seine 70 Jahre eine hinreichende Erklärung boten. Auf daS gleiche Thema greift nun Angelucci im„Recueil d'Ophthalmologie" zurück. Er hat in eingehender Weise die Erscheinungen des DaltoniSmus— so benannte Prevost zu Ende des 13. Jahrhunderts die Farben- blindheit nach Dalton, der sie untersucht hatte und selbst daran litt— studiert und bei einer Reihe von Malern ungewöhnliche Farbtöne festgestellt. Angelucci erinnert, daß Liebreich auf Turners Bildern, deren Gegenstand Marktszenen sind, das Marktvich in hellroten Tönen dargestellt findet, während die Schatten deutlich griin gemalt sind. Diese Eigentümlichkeit ist ein charakte- ristisches Zeichen für Farbenblindheit, und Angelucci schlägt vor, es das„Liebreichsche Zeichen" zu nennen. Man unterscheidet nämlich nach der Anzahl der Grundfarben, die man annehmen will, verschiedene Arten von Farbenblindheit, sofern nicht, was in selteneren Fällen vorkommt, das Wahrnehmungsvermögen für Farben überhaupt mangelt, sodaß nur größere oder geringere Grade von Helligkeit gesehen werden und die Außenwelt gleichsam wie eine Schwarzweiß-Zeichnung erscheint. Nimmt man nach der Boung-Hclmholtzschcn Theorie rot, grün und violett als die Grund- färben an, so unterscheidet man Rotblindheit, Grünblindheit und Violettblindheit. Nach den Heringschen Farbenpaaren rotgrün und gelbblau, auf denen unsere sämtlichen Farbencmpfindungen beruhen sollen, gäbe eS nur zwei Arten, nämlich Rotgrünblindheit und Gelb- blaubliudheit. Jedenfalls wird der Notblinde grünes Licht viel intensiver einpfinden als der Normale und der Grünblinde wird für rot und für violett überempfindlich sein. Theater, f Friedrich-Wilhelm städtisches Schauspielhaus: „Frei i st der Bursch", Studentenschauspiel von Paul Gräbeln. Der Verfasser ist durch verschiedene Studentenromane einem größeren Leserkreise bekannt geworden. So mag ihm der Gedanke gekommen sein, nach dem Vorgänge Försters, dessen„Alt- Heidelberg" solchen Bombenerfolg erzielte, es mit dem beliebten Stoff nun auf der Bühne zu veriuchen. Für einen Akt reichte gut und gern das Jenaer Bergpanorama als Hintergrundskulisse sowie eine sommerliche Couleurkneiperei mit den obligaten Gesängen hin, für einen weiteren halben der eben so leicht zu be- schaffende Katzenjammerulk auf einer Studentenbude aus, und für das weitere und die Moral des Ganzen ließ sich durch irgend eine Duellgeschichte Deckung finden. SudermannS.Fritzchen" hatte ge- zeigt, wieviel Spannung aus einer Situation gezogen werden kann. in welcher der Geforderte, von Todesahnungen gemartert, vor Mutter und Schwester sein Geheimnis hinter un- befangenen Mienen zu verstecken sucht. Was dort nur ein vorübergleitendes, in die bedeutsam charakteristische Dar- stellung des Verhältnisses von Vater und Sohn eingegliedertes Moment gewesen, wird hier, wo jeder psychologisch tiefer inter- essierende Gehalt fehlt, zu einem ganzen Aufzug breitgetrcten, woran im Schlußakt als HauptspannungSmittel die Vorbereitung zu der Schießerei und die Frage, wer von den Gegnern wohl den anderen treffen wird, sich dann anschließt. Der Autor versteht sich im Arrangement auf die Kunst der billigen Wirtschaft und der Dialog bestätigt stilgerecht dieselbe Sparsamkeit. Farblos, ohne Ansatz zu individualisierender Prägung, plätschern die Sätze dahin. Das schließt eine gewisse Routine, die beim heutigen Stand der Dutzenddramcn-Fabrikation schon immerhin einen Vorzug bedeutet, nicht aus. Geschwollene Geschmacklosigkeiten sind vermieden und die Tendenz hält sich verständigcrweise fern von der Verherrlichung deS korpsstudentischen Klimbims. Der junge Eckbrecht, der in betrunkenem Zustand durch Brutalitäten einen Fremden zur Pistolenforderung provoziert hat, kommt bei dem Abschiede von der Familie endlich zur Einsicht in die hohle Nichtsnutzigkeit seines Treibens und reißt sich, nach durchflochtcncn Zweikampf, von seinen Korpskumpanen, die ihm zum Siege gratulieren, mit ein paar kräftigen Worten der Ver- achtung loS. Es wurde flott gespielt. Recht gut war Herr Heinz S a r n o w in der Hauptrolle. 6t. Gerantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buckdr. u. Verlaasanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin LW-