Nr. 298 Aboimements-Kcdingungrn: SlbonncnientS- Preis pränumerando: Pierteljährl. z,30 Ml., monatl. l.lOMl., rvöchenllich 28 Psg. frei in» HauS. Sinzeine Nummer S Psg, EonnlagS- Nummer mit illuslrteriec SonnlagS- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Abonnemeni: 3,30 Marl pro Quarlal. Eingelragen in der Post- Zetlungz- Preisliste für 1869 unter Nr. 7820. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Arsch, lnk täglich auRer Monlig». Berliner VolksMnkt. 16, Jahrg. Die Inserttons-AebLhr betragt für die fechSgefpaltene Kolonel. zeile oder deren Raum so Psg, für poltttsche und gewerkfchastltche Vereins- und Verfammlungs- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anzeigen" jedes Wort S Psg. (nur da« erste Wort fett). Inserate für dle nächste Nummer müssen biS 4 Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Srpcdttton ist an Wochen- lagen vi» 7 Uhr abends, an Sonn- und festlagen bis S Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher: Nml I, Sr. 1508, Telegramm- Adresse: „Sorlaldemostritl Berlin'« Csntralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: 3�. 19. Veutlz-Straste 2. Donnerstag, den Äl. Dezember 1809. Expedition: SW. 19, Venth-Steasze 3. Drohende Zeichen. Schon voriges Jahr zeigte der Geldmarkt ganz außergewöhnliche Züge. Alle Warenwerte waren fortgesetzt im Steigen, ebenso wie der Warenumsatz quantitativ zweifel los weiter wuchs. Ueberall überbot man sich in industriellen Neuanlagen, in Umgestaltungen alter Betriebe. Die Gründung von neuen Aktiengesellschaften erreichte z, B. in Deutschland im Jahre 1898 einen Umfang, wie man ihn seit dem Jahre 1873, in dem die große Wirtschaftskrisis aus brach, nicht mehr erlebt hatte: das Aktienkapital der Neugründungen hatte seit dem Jahre 1874 nur in einem Jahre, nänilich 1889, die Summe von 409 Millionen Mark überstiegen; im Jahre 1898 belief es sich auf 463 Millionen. Zu diesem ungeheuer vennehrten Geldbedarf für den Warenumtrieb und für industrielle Neu anlagen trat dann noch ein ebenfalls außergewöhnlicher Anleihebedarf einheimischer und fremder Staaten und Kommunen, so daß die Klagen über Geldversteifung und Geldknappheit schon im vorigen Jahre nicht ausstarben. Der letzte Reichsbank-Jahresbericht spiegelt die wachsende An- spannung und Unzulänglichkeit des Leihkapitals vielleicht am getreulichsten wieder: „Im Jahre 1898 stellte der in steigender Richtung sich weiter entwickelnde Verlehr noch erheblich höhere Ansprüche an die Rcichsbank als in den beiden vorangegangenen Jahren. Ins- besondere trat ein außerordentlicher Geldbedarf wiederum zu den Vierteljahrsschlüssen und zwar in verstärktem Maße hervor. Im Diskont- und Lombardverkehr wurden zum Schlüsse der beiden letzten Vierteljahre 104 bezw. 114 Millionen Mark mehr eut- nommen als im Vorjahr. Demgegenüber zeigten die fremden Gelder— bei gesteigerten und beschleunigten Umsätzen im Giro- wie im Abrechnnngs- verkehr— nur eine unerhebliche Zunahme. Der inländische Mehrbedarf an Geld führte zu einer be- trächllichen Ausdehnung des Banknotenumlaufs, und trotz er- heblichcr Mehreinfuhr von Gold zu einer starken Verminderung des Gold-, gleichzeitig auch des Silbervorrats der Bank. Diese Umstände nötigten die Bankverivaltung, gegen den Schluß des Jahres hin den Diskont bis auf 6 Proz. zu steigern." Mau wird sich ennnern, welches Aufsehen damals jener Schritt der deutschen Centralbank erregte. Man wies darauf hin, daß ein so abnorm hoher Stand seit der Errichtung der Reichsbank erst zweimal eingetreten war: vom 3. bis 18. Januar 1876 und vom 1. bis 17. Februar 1882. Aber sechs Prozent genügten vor einem Jahre vollständig, um die Lage der Bank wesentlich zu verbessern. Am 19. November war die Zinsfußerhöhung erfolgt; bereits am 7. Dezember wurde, seit dem 23. September zum erstenmal wieder, eine kleine steuerfreie Notciircscrve ausgewiesen, die bis zum 15. Dezember auf 36,7 Millionen angewachsen war. Dann kam, wie gewöhnlich, nochmals eine starke Jnanspruch- nähme der Bankmittel in der letzten Dezeniberwoche für Ge- schäftsabwicklungen aller Art, für Gehaltszahlungen, Löhne; der absolute wie der ungedeckte Notenumlauf erreichte damit die höchsten je erzielten Beträge. Aber dieser Ansturm war eben nur ein momentaner; die rasch zurückströmenden Gelder ermöglichten bereits ani 17. Januar eine Wiederherab- fetzung des Diskonts auf 5 Proz. Wie ganz anders in der Gegenwart! Sechs Prozent Reichsbankdiskont haben wir in diesem Jahre bereits seit Anfang Oktober— was für diese Jahreszeit überhaupt noch nicht dagewesen ist. Die Wechsel- und Lombardanlage der Reichsbank hatte am 39. September die Riesensumme von 1238 Millionen Mark erreicht, während sie am gleichen Tage des Vorjahres, welcher seinerseits alles bisher Dagewesene übertrofien hatte, erst 1989 Millionen betrug, und während sie am 39. September 1894, also vor Beginn des allgemeinen Aufschwungs. sich nur auf 719 Millionen Mark belaufen hatte. Die Folge dieser ungeheuren Inanspruchnahme für Kreditgewähr an die Geschäftswelt war eine solche Zu- nähme der Notenausgabe und Abnahme des Metallvorrats der Reichsbank, daß damals bereits die metallische Deckung, sowohl der Noten wie auch der sämtlichen täglich fälligen Verbindlichkeiten aus einem vordem niemals gekannten Tief- Punkt angelangt war. Das steuerfreie Notenkontingent der Reichsbank war am 39. September bereits um 371 Millionen Mark überschritten worden, während bisher die größte Ueber- schreitung(am 31. Dezember 1898) nur 283 Millionen Mark betragen hatte. Am letzten 39. Septeinber standen einem Notenumlauf von 1383 Millionen Mark und den sänitlichen täglich fälligen Verbindlichkeiten im Betrag von 1866 Millionen Mark nur i18 Millionen Mark Barmittel, davon 687 Millionen Mark Metall, gegenüber. Darum fand man diesmal die Diskonterhöhung auf sechs Prozent schon am Onartalsanfang für notwendig und nicht erst im Hinblick auf den kritischen Jahresschluß. Im Vorjahre haben, wie gesagt, die sechs Prozent rasch die Position der Bank günstiger gestaltet. Dieses Jahr ver- mochten sie weiter nichts, wie einen Goldabfluß ins Ausland zu hindern. Besonders England suchte infolge des Krieges mit allen Mitteln Gold heranzuziehen. Die Bank von Eng- land erhöhte am 3. Oktober ihren Diskontsatz auf 4'.� Proz., dann am 5. Oktober auf 3 Proz., endlich am 39. November auf 6 Proz. Damit war den Wechselkursen und der Gold- ibewegung wieder ein Anstoß zu Ungunsten Deutschlands ge- geben. Am 16. Dezember war bei uns der kurze Wechsel auf London bis 29,595 gestiegen und. hqtte damit den für Deutschland ungünstigen Goldpunkt über schritten. Die Antwort darauf war die abermalige Erhöhung des Reichsbankdiskonts auf 7 Prozent— eine Höhe. die man. zurückschauend, erst in der Zeit des deutsch-stanzösi scheu Krieges bei der Vorgängerin der Reichsbank, der Preußi scheu Bank, wiederfindet. Wenn die Bank von England jetzt abermals Deutschland, wenn auch in entsprechendem Abstände, folgen sollte, so müßte der Kampf um das Gold sich noch weiter verschärfen. Dabei hat die Bank von England ihre seit dem Anfang dieses Monats in Kraft stehende Rate von 6 Prozent in den letzten 23 Jahren nur viermal erreicht. Die erschwerte Zugänglichkeit des Leihkapitals trifft natür lich in erster Linie die Börse und zwar gerade in einem Augenblicke, wo partielle Krachs— besonders, wie an der Londoner Börse, in Minenwerten— die Vollkraft der Banken erfordern, um einer allgemeinen Panik zu wehren, die dann sofort auch auf die industrielle Produktion und ihren Waren absatz überschlagen müßte. Der andauernd hohe Zinssatz trifft ferner die Besitzer der öffentlichen Schuldverschreibungen und damit die S t a a t e n und Kommunen, soweit sie An leihen zu vergeben haben. Alle Rentenpapiere— des Reiches, der Bundesstaaten, die Kommunalanleihen, die östreichischen und ungarischen Renten, die englischen Konsols— sinken unter der Konkurrenz der höher verzinslichen Geldanlagen seit Jahr und Tag im Kurse. Mancher Staat und manche Gemeinde müssen sich hüten, ihren Anleihebedarf unter so ungünstigen Verhältnissen zu decken. Und selbst wenn die I n d u st r i e noch immer so kraftvoll und glänzend dastehen sollte, wie in den Jnteressenten-Organen geschildert wird, so umfaßt sie zweifellos eine zahllose Menge kapitalschwacher Existenzen, für die jede Krediterschwerung, besonders an der Wende des Jahres, gleichbedeutend ist mit raschcrem oder langsamerem Verbluten. Der SchwerpunktderWeiterenüvicklungliegthcute mehr denn je in England, und für England wiederum mehr, als die Fanatiker des Orreater Britein(Größerbrttannien) jemals sich träumen ließen, in Südafrika. Nicht wegen der paar Goldgruben, die dort zum Feiern verurteilt sind und deren Stillstand die Goldknappheit um ein weniges vermehrt, sondern wegen der Rückwirkungen, die in einer Zeit der höchsten Anspannung aller Kräfte des ganzen wirrschaftlichen Organismus jede Ablenkung von Kapitalien und jede Vergeudung von Menschen leben haben muß. Wenn diese Rückwirkung nur auf das englische Kapital beschränkt bliebe, so könnte man darin fast eine gerechte Strafe für den vom Zaun gebrochenen Krieg erblicken. Wir fürchten nur, daß jeder K?ach in Eng land sofort auch die Krisis auf dem Kontinent und in den Vereinigten Staaten entfesseln und zuletzt von den Arbeitern aller Länder ausgebadet werden muß. Aber wenn sie abermals über einen engeren Kreis nicht hinauswachsen und die Industrie im ganzen und großen noch unberührt lassen sollte, ernster und seit dem Wicderaufschwung von 1893 steht vor der Thür. drohender wie je die Krise dennoch Die amtliche„Berliner Korrespondenz" tritt in einer Notiz zur Erhöhung des Bankdiskonts der agrarischen Bebauptung entgegen, als spiele dabei die angebliche„kurze Golddecke" eine Rolle. Es handele sich um Geld und Kapital, das infolge der über ans angespannten wirtschaftlichen Thätigkeit fehle, nicht wesentlich um einem Mangel an Geld. Die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" sieht die Situation auf dem Geldmarkt sehr pesstmistiich an: „Die Folgen dieser Banksätze sind ganz unübersehbar. Schon kommen uns von vielen Orten in Rheinland und W e st- f a l e n die Klagen, daß keine Hypotheken mehr zube- schaffen sind und daß die Bauthätigkeit deshalb reihend schnell zurückgeht. Wenn nickt bald Wandel geschaffen wird, so wird im Frühjahr die Bauthätigkeit so schlaff einsetzen, daß der Träger markt schlver erschüttert wird. Der Trägermarkt ist aber heute die Basis des gesamte» Eisenmarktcs, und deshalb wird der hohe Prozentsatz das ganze kaufmännische und industrielle Leben in Rheinland und Westfalen schwer schädigen. Es wird schließlich den Verbrauch einschränken und damit die ganze gegenwärtige Blüte unserer Industrie angreifen."_ Die Krise in Oestreich. Zur gegenwärtigen Regierungskrise in Oestreich erhalten wir von unserm Wiener Korrespondenten die folgenden instruktiven Mitteilungen: -st- Wien, 18. Dezember. Graf Clary wird bald auSregiert haben. Genau betrachtet, besteht die Ministerkrise so lange, als die provisorische Beamtenregierung am Ruder ist; daß sie gerade jetzt ausbricht, hat keinen andern Grund, als daß die Ungarn nicht länger warten wollen. Die Regierung Clary war ein seltsamer Versuch; es sollte mit ihrnicht nur ohne Majorität regiert werden, sondern direkt gegen die Rechte des Abgeordnetenhauses, jenes Konglomerat von Parteien, die nichts gemeinsam haben, als den Haß gegen die deutsche Bourgeoisie. Durch das Ministerium Clary sprach der Wille der Krone; der aber hat sich als völlig unzureichend erwiesen, um die widerspenstigen Mehrheitsparteien zum Einschwenken für die berühmten Staats- Notwendigkeiten zu bewegen. Der Fall der Regierung Clary, das heißt die Thatsache, daß eS ihr nicht gelungen ist, das noch aus- ständige letzte Ausgleichsgesetz im Parlamente durchzubringen, ist also viel weniger ein Beweis der Untüchtigkeit jener Regierung, sondern oissntl-iich aine offen» und»mpfi«dlech« Niederlage der Krone. Aus dem fehlgeschlagenen Versuche dieser jenseits von Majorität und Minorität gestellten Beamten- regierung erkennt man. daß die Macht der Krone in Oestreich ganz außerordentlich überschätzt worden ist. Zwanzig Jahre haben sich die Deutschen eingebildet, daß sie nur deswegen nicht regieren können, weil der Kaiser es nicht wolle, sondern es lieber mit den Klerikalen und Slaven halte. Deswegen bestand die deutschlibcrale Politik allezeit in der Hoffnung auf einen Umschwung von oben. Diese Meinung, daß wenn die Krone wolle, es auch umgekehrt gehen werde, hat sich nun als irrig erwiesen. Jene slavisch klerikale„Majorität" ist zwar kein politisch einheitliches, aber trotzdem ein sehr reales Gebilde; sie ist, genau betrachtet, eine Erscheinimg der Statistik, die eben berichtet, daß die Deutschen nur eine Minorität des östreichischen Staates sind. An Liebes- Werbungen für die sobenannten Staatsuotwendigkeiten hat es der östrcichische Kaiser seit drei Wochen nicht fehlen lassen; er hat für das Ministerium Clary mehr gethan, als je ein Monarch für seine Rc- gierung geleistet hat. Aber alles blieb vergebens; die Jungczechen setzten mit der Obstruktion ein, und die gesamte Rechte— Deutsch- klerikale, Polen, Feudale und Südslaven— sah mit Behagen zu, wie die vom Kaiser als unerläßlich bezeichneten Staatsnotivendig- leiten im Schlund des arbeitsunfähig gewordenen Parlaments ver- schwanden. Die Krise besteht darin, daß Graf Clary das sogenannte Ueber- weisnngsgesetz— es ist dies das Gesetz, womit die Verteilung des Ertrages der indirekten Steuern zwischen Oestreich und Ungarn geregelt wird— im Parlament nicht durchbringt. Wohl giebt es der StaatSnotweudigkeiten Ivie: nebst dem Ueberweisungsgesetz noch das Ouotengesetz und das Butgetprovisorium. Bei diesen zweien ivürde man sich aber noch zu helfen wissen, wogegen das Ueber- Weisungsgesetz am 1. Januar wirksam werden muß, da die Ungarn absolut nicht länger warten wolle». Herr v. Szell war gestern extra zu dem Zwecke hier; es erscheint aber nach seinen wiederholten Erklärungen im ungarischen Parlamente ausgeschlossen, daß er in einen Aufschub willigen könnte. Ein Ausweg wäre noch: daß nämlich die Ungarn das Ucberiveisuugsverfahren einseitig durchführen—- die nach Ungarn eingeführten Quantitäten von Wein, Bier und Zucker in Evidenz nehmen— in Oestreich aber vorläufig jede Verfügung in dieser Sache unterlassen werde. Da dies aber der faktische Beginn einer Zwischenzolllinie wäre, so wird sich die Krone zu diesem Ausweg nicht verstehen wollen. Es bleibt also nichts übrig, als das Gesetz nach geivohntem Brauch zu machen: mit dem§ 14, mittels des Verfassungsbruches. Die Entscheidung wäre wahrscheinlich schon längst gefallen und der Z 14 wäre wahrscheinlich schon längst in voller Thätigkeit, wenn nichts anderes zu thun wäre, als das Parlament heimzuschicken. In diesem Punkt, in den Fragen des konstitutionellen Gewissens. hat man sich in Oestreich die Geschämigkeit schon längst abgewöhnt. Aber diesmal genügt cS nicht, bloß das Parlament bei feite zu schieben; diesmal muß auch das Ministerium gewechselt werden. Denn Graf Clary hat erklärt, den 8 14 uicht anwenden zu wollen, und er ist anständig genug, sein Wort zu halten. Mit dem Kabinettschef werden auch»och ein paar andere Minister flüchten— namentlich der von den Czechen so gehaßte Justizminister— und dem Rest des Kabinetts wird dann die„ehrenvolle" Aufgabe zufallen, die unter« schiedlichen Verfassungsbrüche ins Leben zu setzen. ES dürfte also diesmal zu keinem rechten Ministerwechsel kommen, sondern aus dem Kabinett werden einfach die anständigen Elemente ausscheiden und die unanständigen werden berufen sein. eine Regierung etwa für vierzehn Tage zu markieren. Ein geistreicher Mensch meinte einmal: Oestreich habe zweierlei Minister: solche, die zu nichts, und solche, die zu allem fähig sind. Die nun, die zu allem, zu jeder Schandthat fähig sind, die werden von dem Kabinett Clary übrig bleiben und mit dem 8 14 zu„regieren" anheben. Nach der definitiven Regierung kam Oestreich auf die provisorische; den Anfang des Jahrhunderts wird es mit einer A u s h i l f S r e g i e r u n g begrüßen. Welch Elend und welche Schmach! » Wien, 20. Dezember. Die„N. Fr. Pr." bestätigt, daß das Resultat des gestrigen Kronrats die Demission des Kabinetts Clary sei und daß der Eisenbahnminister Wittel an die Stelle Clarys treten werde. In parlamentarischen Kreisen glaubt man nicht, daß die neue Regierung einen Systcmwechsel zur Folge haben dürfte. Es werde nicht mehr daran gedacht, gegen die Deutschen zu regieren. Demselben Blatte zufolge wird das neue Kabinett sofort den Reichs- rat vertagen. Die neue Regierung werde ein Provisorium bilden von vier- bis sechswöchiger Dauer.— Wie», 20. Dezember. Abgeordnetenhaus. Die Abgeordneten Kaiser. Hoffmann und Genossen bringen folgenden Antrag ein:„Das HauS der Abgeordneten erklärt, daß die Bewilligung des Budget- Provisoriums, des Rekrntenkontingents und die Erlassung der auf die Durchführung des Ausgleichs mit Ungarn bezüglichen Gesetze, insbesondere des Ueberweisungsverfahrcns nur mit Zustimmung beider Häuser des Reichsrates erfolgen darf, und hierfür die An- Wendung des Paragraphen 14 unbedingt ausgeschlossen erscheint. Die Antragsteller beantragen die dringliche Behandlung des Antrages.". Vor dem Uebergang zur Tagesordnung nimmt das Haus den Antrag des Mißbilligungsausschusses an, dem Abg. Kinder- mann die Mißbilligung auszusprechen weger seiner in der letzten Sitzung gegen den Abg. Dvorak gethanen Aeußerung. Vor der Ab- timnmng verläßt die Linke den Saal. Hierauf geht das HauS zur Tagesordnung über. Der Antrag Kaiser und Genossen wird sodann mit 167 gegen IIS Stimmen angenommen. Volikifche Mebevfichk. Berlin, den 20. Dezember. Um gütige Nachsicht bittet ganz ergebenst der Reichskanzler Fürst Hohenlohe die zürnenden Konservativen. Während Herr v. Miquel mr Namensunterschrift und im Reichstag sich verteidigen mußte, ist Fürst Hohenlohe noch so glücklich, offiziöse Verteidiger zu finden, die sich seiner in der„Norddeutschen Allgemeinen Ztg". mit Sperrdruck annehmen. „Fürst Hohenlohe und die konservativen Parteien" über- schreibt der Offiziosus seinen Artikel, der nun allerdings gar nicht den starken Mann verrät, sondern vielmehr von einer Wehleidigkeit erfüllt ist, daß es selbst steinhartgcsottenen Sündern jammern könnte. Das ist kein Schreiben mehr, das ist Winseln. Ans das kleinkalibrig pfeifende Mißtrauensvotum antwortet der Verteidiger Hohenlohes mit einem ebenso end- losen>vie demütigen Entschuldigungsgestammel. Zunächst wird der Reichskanzler in Schutz genommen. daß er für die Landwirtschaft nichts gethan habe. Da ist die fatale Jndustriestaats-Aeußerung auf dem Geographischen Kongreß. Ach, das war gar nicht so schlimm gemeint: In der That hat FiirstZ Hohenlohe bei dieser Gelegenheit geäußert, man könne fich dem Eindrucke nicht verschließen, daß Deutschland seit der Aendening seiner Zollgesetzgebung mehr und mehr Industriestaat werde. Muß es nicht im hohen Maße über- raschen, daß dieses Eingeständnis des Fürsten Hohenlohe gerade von konservativer und agrarischer Seite abfällig beurteilt wird? Wären denn viele der berechtigten Klagen der Landwirtschaft, B. diejenige über Arbcitermangcl, überhaupt möglich, wenn die fort- schreitende Entwicklung Deutschlands zum Industriestaat geleugnet lverden könnte? Wo anders als in der Industrie finden denn die das platte Land verlassenden Arbeiter überwiegend Beschäftigung? Und ist nicht eine Schlußfolgerung schon allein aus dem zu- nehmenden Arbciternwngel aus den, Lande auf die Erstarkung der deutschen Industrie zulässig und berechtigt? Ein Vorwurf gegen den Reichskanzler ließe sich von agrarfrcundlichcr Seite doch imr dann erheben, wen» Fürst Hohenlohe diese thatsächliche Eni- Wicklung Deutschlands ctlS wünschenswert und erfreulich be-. zeichnet hätte. Das ist nicht geschehen; vielmehr hat er aus- drücklich hinzugefügt, daß er als Agrarier unter dieser Entwicklung persönlich leide." Wird das die Agrarier besänftigen I Als ob denen daran liegt, ob der Reichskanzler sich über die Entwicklung zum Industriestaat freut oder nicht. Gerade das hat sie erbost, daß er diese Entwicklung als T h a t s a ch e zugab. Die einfache Konstatierung dieser Thatsache ist ihnen viel unangenehmer als ein noch so feuriges Loblied auf den In- dnstriestaat. Was Fürst Hohenlohe auf dem Geographenkongrcß ge- sündigt, sucht er nun in der„Norddeutschen" wieder gut zu machen. „Hier mag cS ausgesprochen werden, daß Fürst Hohenlohe die Bedeutung der Landwirtschaft für unser Vaterland und die Notwendigkeit, sie zu schütze», voll anerkennt. DaS Sinken des Preises der landwirtschaftlichen Produkte erklärt sich auch seiner Ueberzeugung nach in erster Linie durch die Inangriffnahme jungfräulichen Bodens in überseeischen Ländern und muß daher als eine wenn auch vor- aussichtlich lange andauernde, so doch vorübergehende angesehen werden. Und für die Dauer dieser ungünstigen Verhältnisse bedarf die deutsche Landwirtschaft auch nach Ansicht des Fürsten Hohenlohe allerdings eines ausreichenden Schutzes". Das würde den Konservativen schon eher behagen, wenn nur gleich hinzugefügt wäre, mit welchem Gctreidezollsatz der ausreichende Schutz anfange. Der zweite Teil des Artikels wendet sich gegen den Vor- Wurf des brockenweisen Preisgebens von Machtbefugnissen. Auch Bismarck habe parlamentarische Niederlagen ruhig hin- genommen, ohne mit einer Auflösung zu antlvorten. „Wenn gegenüber dem Grafen Posadoivsky der Abgeordnete v. Kröchcr sich auf einen Ausspruch des Fürsten Bismarck bezog, welcher erklärt hatte, sich unter Umständen keinen ehrenvolleren Tod als denjenigen auf dem Schafott denken zu können, so darf dieser Ausspruch als zutreffend selbstverständlich nur für große, sich aus der Enttoicklung der Menschheit weit sichtbar heraushebende historische Momente gelten. Wollte in der Gegenwart ein deutscher Staatsmann oder Parteimann ein derartiges als „politisch" anzusprechendes Martyrium erleiden, so würde ihm das nicht gelingen. Wohl aber würde er in dem Streben nach Bethätigung einer rllcksichtslosenKraftpolitik das- jenige zu thun versäumen, was in den verfassungsmäßigen Kämpfen der Gegenwart dringend erforderlich ist, nämlich die Ergreifung des richtigen Augenblicks zur Förderung der von ihm verfolgten Ziele." Die wohlfeil-heroische Koketterie mit dem Schafott erklärt sich gerade daraus, weil jeder Staatsmann und Politiker genau weiß, daß ihm niemals möglich sein wird, die Wonne eines derartigen Martyriums auszukosten. Endlich verteidigt sich Hohenlohe gegen den Verdacht, daß er ein süddeutscher Liberaler sei. Er sei niemals so recht bayrisch gewesen, weil er immer in Preußen— begütert war; und auf die liberale Partei habe er sich während seiner bayrischen Amtsthätigkcit eigentlich nur deshalb gestützt, weil es in Bayern keine konservative Partei gab. Mit thränenscliger Sentimentalität schließt der Artikel: Bei allem, was Fürst Hohenlohe thut und unterläßt, ist er der Thatsache eiligedeuk. daß sich nach menschlichem Ermessen seine Laufbahn ihrem Ende nähert. Er glaubt die ihm verliehenen Fähigkeiten nach bestem Wissen und Gewissen zum Wohle des deutschen Vaterlandes und Preußens angewandt zu haben. Er fürchtet nicht, daß sein im Laufe eines längen und arbeitsreichen Lebens erworbener staatsmännischer Ruf. durch die Gegnerschaft einzelner politischer Gruppen geschädigt werden könnte." Der Hinweis auf das nahe Ende scheint jetzt das modernste staatsmännische Argument zu sein. Auch Herr v. Miguel sprach von der noch kurzen Zeit seines Mitwirkens. Wir glauben aber, daß solche weinerlichen Gnadenarien tlicht geeignet sind, den Konservativen zu imponieren.— •« » Deutsches Weich. A«S dem Reiche deS starken Mannes. Der Superintendent S ch o lz veröffentlicht einen Bericht über die Sittenzustände in der Diözese Salzwcdel. ES heißt darin: „Von 761 getauften Kindern waren III unehelich, also über 14 Proz.. daS bedeutet wieder eine Steigerung. WuS von dem Verkehr der Knechte und Mägde auf dem Lande erzählt wird, crinnert an Sodom. Die Leutenot der Landwirtschast bringt aus dem Osten Gesinde, welches in sittlicher Beziehung ans ziemlich tiefer Stufe steht und losgelöst vom Elternhanse seinen fleischlichen Gelüsten nachgeht. Die Leutcnot macht auch leider Herrschaften, die gern ans Zucht und Ordnung halten möchten, wehrlos. Die gewerbsmäßige Unsittlichkeit in Salzwedel hat einen Umfang angenommen, der nun auch anderen lästig wird. Der Kreistag und die Stadtverordneten haben sich mit dem Notstände beschäftigt, der erstere, weil das Kreiskranken ha uS, die letztere, weil das Siechenhaus in Mitleidenschaft gezogen würde. Wenn nian sich nicht auf- schwingen kann, aus sittlich religiösen Gründen dem Un- Wesen zu steuern, so sollte man es aus wirtschaftlichen Gründen thun. Solch ein Satanshaus verschlingt Tausende von Mark. Die Vergnügungssucht wendet einen neuen Kniff an, um neben den öffentlichen Tanzlustbarkeiten sich amüsieren zu können. ES wird nach der Harmonika getanzt, es ist auch das eine Ver- Pflanzung flavischer Sitte in unsere deutschen Gebiete." Fügen wir hinzu, daß in dieser Gegend die Schulverhältnisse miserabel sind, dafür aber der Kreis die Ehre hat, von dem Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses, dem hochfcudalen Herrn v. Kröchcr parlamentarisch vertreten zu werden. Der ReichStags-WahlkreiS Salzivedel-Gardelegen ist nämlich noch ganz im Banne von Religion, Ordnung und Sitte. Umsturz wird nicht getrieben. Bei der letzten Rcichstagswahl siegte der Konservative mit der überwältigenden Majorität von 10317 Stimmen, während der Kandidat der Freisinnigen Vereinigung nur 1L34, der Social- demokrat gar mir 14S9 Stimmen erhielt. Der starke Mann, nach dem Herr v. Kröcher so brünstig fich sehnt, dürfte also zunächst in seiner engeren Heimat ein genügendes Feld für die rettende Thätigkeit vorfinden.— Wer ist der starke Mann? Herr v. Kröcher hat, wie erinner- lich, im Reichstag erklärt, sein ersehnter starker Mann sei möglicher- weise bereits in der Regierung vorhanden. Man behauptet nun, Herr v. Kröcher habe seine Jdcalgestalt— nach dem Modell gearbeitet und man rät umher, wer ihm zu dem starken Mann Akt ge- standen habe. Einige sind, so wird der„Franks. Ztg." geschrieben, auf Herrn v. K ö H e r verfallen. Auf den stimnit die Zeichnung ungefähr, wenn auch in einzelnen Zügen geschmeichelt; aber der hat es ja schon einmal vergeblich versucht, und dann— ans ihn stimmt nicht die Andeutung, daß der große Mann schon in der Regierung sei. Er ist zur Zeit Oberpräsident und gehört als solcher nicht zur Regierung. Ein anderer aber, der sehr gute Nerven und dabei auch diese Art von Jovialität hat, die an Herrn v. Köllcr und an Herrn v. Kröcher selbst erinnert, fitzt allerdings in der Regierung: Herr v. Podbielski. Die Art, wie er sich als Leiter der Reichspost- Vertvaliung über die Bekämpfung der Socialdemokratie im Reichs- tage ausgesprochen und die praktischen Erfolge, die er mit einer gewissen freundlichen Rücksichtslosigkeit erzielt hat, haben ihm den Dank und das Vertrauen aller für die Bekämpfung des Umsturzes schwärmenden Verehrer einer starken Hand ein- getragen. Es giebt wirklich Leute, die auch noch aus anderen Gründen glauben, daß die Laufbahn des Herrn v. Podbielski mit der Leitung der Reichspostverwaltung nicht abgeschlossen sei. Wir müßten uns sehr irren, wenn Herr v. Kröcher, als er das Bild des starken Mannes skizzierte, nicht die freundlichen Züge seines Freundes Podbielski vor Augen gehabt hätte. Wir müssen denn doch Herrn v. Podbielski in Schutz nehmen. Erstlich hat er schwerlich die verlangten starken Nerven, weil er gelegentlich an Rheumatismus leidet. Und dann zieht er von den Sorten Blutes, nach denen ein starker Mann pflichtgemäß zu lechzen hat, dem der Socialisten immer noch das der Trauben er- heblich vor.— Zick-Zack. Nicht übel sagt die„Deutsche Tages- zeitung": „Drei Jahre lang ist der Aufhebung des Ver- bindungsverbotS für politische Vereine seitens der Rc- gierung der schärfste Widerspruch entgegengesetzt ivorden: man lese die Ministerreden im preußischen Abgeordneten- hause, mit denen die schlanke Aufhebung ohne gleichzeitige Schaffung von Sicherheitsmaßregeln bekämpft worden ist. Ganz derselbe tiefe Brustton der heiligen Ueberzeugung, den ivir hcnte zur Begründung der Flottcnvcrmehrnng anschlagen hören, klingt ans jenen staatsreltcnden Vereins- reden uns entgegen. Und nun erklärt Herr Graf Posadowsky namens der Regierung schlankweg: die ganze Geschichte sei nicht mehr wert gewesen wie ein„ausgepustetes Ei". Heute: ein notwendiges Fundament staatlicher Existenz; morgen: ein aus- gcpustctes Ei!" Das ist ganz zutreffend bemerkt. Nur lösen sich schließlich die Widersprüche in eine höhere Einheit ans: Das ganze Fun da- m e n t dieses Regieningssysteins ist eben nicht viel mehr als ein ausgepustetes Ei. Zutreffend ist auch der Hinlveis auf den gleichen„tiefen Brustton", der bei der lax Recke und bei dem Flottenplan angewandt worden ist. Der gleiche Ton bei der gleichwertigen Sache.— Demokratisier«»»« der Flottenbcweguug. Als wir gestern darauf hinwiesen, daß die Flottenschwärmer zum Volke herabzu- steigen beabsichtigen, wußten wir noch nicht, daß in derselben Nummer unseres Blattes ein I n s e r a t einen schlagenden Beweis Tir unsere Behauptung brachte. Die„Freie Vereinigung für deutsche Flottenvorträge" geruht, sogar im„Vorwärts", dem Organ der vaterlandslosen Gesellen, eine Flotten-Versammlung zu inserieren und auf diese Weise indirekt den Umsturz finanziell zu unterstützen. Wir freuen unS sogar über das Inserat an dieser Stelle; denn es ist uns nur willkommen, wenn auch das Proletariat über die Absichten und Ideen seiner Feinde unterrichtet wird. Kostete die Geschichte nicht Eintrittsgeld, und müßte die Arbeiterschaft nicht so schon aus einer Tajche den Flotttenwahn bezahlen, würden wir den Arbeitern ogar raten, sich einmal einen solchen Vertreter des Wasserfanatismus anzuhören. Aber vielleicht wird mau noch demokratischer und ver- anstaltet kostenlose öffentliche ArbeiterbekehrungS- Versammlungen mit freier Diskussion; dann iverden gelegentlich auch einmal Arbeiter in einer Veranstaltung der Sce-Hcilsarmee erscheinen.— Ans Schweinburgs Schule. Der Oberpräsident von Ost- Preußen hat, wie die„Volks- Zeitung" erfährt, folgenden Erlaß verfügt: Der Oberpräsident. Königsberg, 30. Novbr. 1899. Sehr vertraulich. Ew. Hochwohlgeboren I Nachdem der durch einige Herren des Provinzial- Ausschusses augeregte Rufruf vom ö. November bereits zweimal veröffentlicht ist, wird das Verständnis für den hohen Zweck und die segensreiche Thätigkeit des„Deutschen Flottenvereins" auch im dorlseiligen Kreise allmählich durchgedrungen sein. Ich ersuche, die von Ew. Hochwohlgeboren wohl schon bereits genügend vorbereitete Gründung einer Krcisgruppe nunmehr unverzüglich in Auregmig zu bringe». gez. v. Bismarck. Der Erlaß ist an die Landräte gerichtet, die nun das Weitere veranlasse» werden, um die nötige Flotteirschwännerei in das Volk hineinzubringen. Wo zwei deutsche Reichsbürger sich zufällig treffen, laufen sie Gefahr, eine K r e i S g r up p eyauf behördliche Anweisung bilden zu müssen. Man sieht, daß Herr Schweinburg in der That entbehrlich ge- worden ist. Er hat die Uhr aufgezogen und nun läuft sie. von selber.— Er klagt! Victor Schweinburg will mittels der Gerichte seinen Ruf säubern'; er erklärt: „Nachdem meine Verbindung mit dem Deutschen Flottenverein gelöst und auch ein anderer Umstand, welcher mich in meiner Be- wegungsfreihcit beschränkte, durch Seine Durchlaucht de» Fürsten zu Wied beseitigt ist, habe ich imnmehr den Weg der Klage gegen die an jenen Angriffen Beteiligten beschritten." Wenn Schweinburg alle seine Angreifer vor den Richter cittert, so werden so ziemlich sämtliche Publizisten Deutschlands zu ihren Gerichten versammelt werden. Die Sache hat nur einen Haken: Es giebt einen— WahrheitSbelveis!— Die Dcckungsfragc soll für das Centrum der Lieberschen Qualität den Weg zum Kuhhandel über den Flottenplan bilden. Das klingt aus einer oppositionell verkleideten Leußerung der „Germania" hervor. Sie»mschreibtLiebcrs Etatsredc wie folgt: „Aus dem Verlaufe der Etatsdebatte läßt sich klar und evident der Nachweis führe», daß die angekündigte„Novelle" zum Flotten- gesetz, die der Abg. Dr. Lieber in Uebercinstimmung mit einem früher gewählten Ausdruck als einen„Umsturz" des bestehenden Flottengesctzcs bezeichnete, absolut keine Aussicht auf An- »ah m'e i m R e i ch s t a g e hat, wen» und so lauge die ver- bündeten Regierungen die Absicht haben oder in der dem- nächstigen Flottenvörlage den Vorschlag machen, die Deckungs- frage bei der angeblichen„Novelle" zum Flotteugesetz mit der sehr bequemen Art der Finanzierung durch Anleihe» zu„er- ledigen". Weiter heißt es: „Steht es mm so hinsichtlich der Kostenfrage, so fragt eS sich andererseits: was hat eigentlich die ganze Flottenvorlage für einen Zweck? Wenn lediglich„festgelegt" wird, daß die Flotte so und so groß sein soll, so ist das an sich ein gesetzgeberischer Monolog ohne alle praktische Bedeutung. Jedermann weiß, daß der„fest- gelegte" Plan unter keinen Umständen 16 Jahre lang gelten lvird. Zur Bewilligung irgend welcher Summen für Schiffs- bauten verpflichtet ein solches Gesetz aber auch niemand; alle Jahre ist der Reichstag in der Lage, die Forderungen der Marineberlvaltung abzulehnen. Im Grunde bedeutet das Gesetz nichts mehr als eine Denkschrift über die Absichten der Marine- Verwaltung. Fast möchte mau glauben, es sei beabsichtigt, mit einem derartigen unverbindlichen Gesetze weitergehende Wünsche einstweilen zu beschwichtigen. Indessen dürfte es gefährlich sein, die Sache als so harmlos zu behandeln, denn sicher werden sehr reale Ansprüche mit Erfolg darauf aufgebaut werden können." So pendelt der„LicberalisnniS" verdächtig zwischen„wenn" und „aber", anstatt klipp und klar zu sagen, daß jeder Floltenplan nach den Erfahrungen mit dem„bindenden" Flotteugesetz von 1898 schon aus konstitutionellen Gründen unannehmbar sei. Ein deutsches Flottcnlied soll die neuen Flottenpläne in Schwung bringen. Die„Freie Vereinigung für Floltenvorträge" hat die Firma Breitkopf u. Härtel in Leipzig veranlaßt, ein Preis- ausschreiben für ein delusches Flottenlied zu erlassen. Der Dichter und der Komponist sollen insgesamt 1000 M. erhalten. Die Dichter haben mit der Einsendung nur bis zum 18. Januar 1900 Zeit. Es entspricht ganz dem Wesen des Flottenspcktakels, daß nur künstlich gereizte Poetenbegeisterung ihm Unterstützung bringen kann.— Borlagcn an den Bundesrat. Dem Bundesrat ist der Ent- Wurf einer S e e in a n u s- O r d n u n g zugegangen, ferner Mtwürfe eines Gesttzcs über die Verpflichtung deutscher Kaufs ahrtei- schiffe zur Mitnahme heimzuschaffeuder Seeleute und eines Ge- lctzeS betreffend die Stelle»Vermittlung für Schiffs-� l e u t e. sowie schließlich eines Gesetzes betreffend Abänderung seerechtlicher Vorschriften des Handels-Gesctzbuches. Ueber die Ein-; richtung und den Betrieb der Zinkhütten ist dein Bundes- rat ein Entwurf von Vorschriften zur Genehmigung unterbreitet ivorden. NcichstagS- Ersatzwahl. Bei der Reichstags- Ersatzwahl im 3. pfälzischen Wahlkreise wurden nach den bisherigen Feststellungen für Lichtenberger snationalliberal und Bund der Landwirte) 7776 Stimmen abgegeben, für Baum(Centrum) 6307 Stimmen und für H u b e r(S o c.) 523 Stimmen.— Gegen de» Schutz der Frauenarbeit hat der Vertreter der Textilindustricllen von Chemnitz und Umgegend eine Eingabe an den Reichskanzler gerichtet. Die Kunde, daß im Reichs- amr des Innern Vorarbeiten zum Erlaß von Schutzbestimmungen für gewerblich beschäftigte, verheiratete Frauen getroffen werden, hat genügt, daß die Herren Unternehmer„schwere, nicht gut zu machende Schädigungen" befürchten. Natürlich sprechen die Herren auch im Namen„ikires ArbcitcrstaudeS". Sie sollten es diesem aber nur getrost überlassen, wie er sich zu den erwartenden Vorschlägen des Grafen Posadowsky zu stellen gedenkt.— Syndikats- Herrschaft. Der Kohlenliefcrungs- Verttag des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikates mit den preußischen StaatSbahiicn läuft am 80. Juni 1900 ab; dieser Abschluß. welcher ursprünglich für die Zeit vom 30. Juni 1898 bis dahin 1899 zum Preise von 9,60 M. pro Tonne zu stände gekommen war, wurde im Sommer 1898 zu gleichem Preise bis 30. Juni 1900 ver« längcrt. Wie die„Rheiw-Wesif. Ztg." erfährt, hat der Minister zu einem neuen Abschluß zu einem um 1,50 M.prv Tonne erhöhten Preise ans ein Jahr seine Einwilligung gegeben. Trotz hoher und stelig steigender Dividenden und unVerhältnis- mäßig zurückbleibender Arbeiterlöhne legt der Unternehmerbund dem Staat, d. h. den, steuerzahlenden Volke, Wucherpreise auf. Und der Minister, der Diener des Volkes, gehorcht den Forderungen des mächtigen Kapitalistenringes.— Vom Kleinkrieg in Lippe und um Lippe. Mr haben schon gestern gemeldet, daß der bisherige lippische Staatsminister M i e s i t s ch e ck, fortgesetzter Angriffe müde, seine Entlassung gegeben hat, um sich ins Privatleben zurückzuziehen. Von tvem mögen nur die fortgesetzten Angriffe ausgegangen sein?— Dresden, 20. Dezember.(Eig. Ber.) Der sächsische Landtag ist in die Weihnachtsfcrien gegangen, nachdem er in der letzten Sitzung dem König die Civilliste von 3 142 300 M. und den Prinzen die Apanagen im Betrage von 639 913 M. bewilligt hat. Die Socialdemokraien stimmten natürlich gegen diese Etatstitel. In der vorigen Session hatten auch zwei Konservative gewagt, gegen die Apanagen zu stimmen. Den einen hat man ans Rache dafür bei der letzten LaudtagSwahl durchfallen lassen, und der noch in der Kammer sitzende andere erklärte diesmal aus Furcht vor gleichem Schicksal, er sei von der zwecklosen Venieimmg abgekommen. Der Herr erntete für seine tapfere That den wohlverdienten Spott unserer Genossen.— Am 8. Januar wird die sächsische„Volksvertretung" wieder zusammentreten.— Acts Sachsen-Weimar.(Eig. Ber.) Am IS. Dezember starb in Jena ein alter Demokrat, der Rentier Dr. H. S y. Denelbe beteiligte sich lebhaft an der 1848er Bewegung und ist trotz du in unserem Ländchen vollzogenen reaktionären Wandlung semer alten Gesinnung treu geblieben. „Die Welt' wird schöner mit jedem Tag," so lautete das Thema einer für den 3. Oktober in Ilmenau ge- planten Versammlung, doch wurde dieselbe damals mit der Begründung verboten,' daß anzunehmen sei, man beabsichtige, nuter diesem Thema eine am 30. September verbotene Versamniluug zu ermöglichen. Jetzt ist auf erfolgte Beschwerde endlich der ministerielle Eutscheid— natürlich ein a b I ch n e n d e r— in der üblichen Form erfolgt, in welchem ein Teil besonders charakteristisch ist. H a n S Lutze von W u r m b schreibt, nachdem auf die vollkommen ge- rechtfertigten Verbote früherer Versammlungen hingewiesen ist, weites* „Es steht sonach auf Grund des von den Vorinstanzen über- einstimmend angenommenen Thatbcstandes für uns fest, daß die Abhalttmg der beiden angemeldeten Versammlungen eine Gefähr- dcing der öffentlichen Ordnung zur Folge hätte haben können. Wir können übrigens auch nicht dahin gelangen, den Versicherungen des Albert(Beschwerdeführer) Glauben zu schenken, das Thema für die Versammlung am 3. Oktober „die Welt wird schöner nnt jedem Tag" habe der Redner Baudert, dessen agitatorische und gegen die bestehende staatliche Ordnung ans- reizende Thätigkeit ja schon damals allgemein bekannt war. neuer- dings aber auch wieder durch den von ihm verfaßten„Thüringer Landbote»"(VoikSkakender für 1000) in daS grellste Licht gesetzt worden ist, dahin apßspinnen wollen, daß die rapide Entwicklung der Erfindnuge» und Entdeckungen auf allen Gebieten des Erwerbslebens die Welp init jedem Tag schöner mache." Bei solcki willkürlicher Handhabung des Vereinslvesens ist c-Z natürlich, dag die Welt nicht mit jedem Tag— besonders in Sachsen- Weimar. welches einst als ein Hort der Geistesfreiheit gefeiert ivurde— schöner wird. Die Nimmersatten Agrarier verlangten kürzlich an die Stelle des Neichskanzlers einen starken Mann, nun — wie wär's mit Hans Lutze von Wurinb?! Der entspricht doch allen Anforderungen und Licbliiigswünschen der Volksfeinde. Karlsruhe, 19. Dezember.(Eig. Ber.) Die Stcurrresorm, welche die Regierung als Wcihnachisgabe vorlegt, verfolgt, wie Dr. Buchen berger heut erklärt, nicht steucrfiskalische, sondern nur socialpolitische Absichten. Heiterkeit ans den Bänken der Volks- tribuncn belehrte den Minister, daß dieser Idealismus der Regierung dorr unerwartet kain. Die Steuerreform iveicht in wesentlichen Punkten von dem preußischen Muster ab. Unter Preisgabe des Princips der reinen Vermögenssteuer scheidet sie von vornherein das l a n d- rvirt schaftliche Betriebskapital von der Veranlagung aus. Auch bei dem beweglichen Kapitalvermögen hat maii zur Vermeidung einer wesentlich höheren Belastung der inländischen gegenüber den exotischen Wertpapieren im Interesse der Klein- kapitalistcn von der Bcrnckfichtignng der Kursbewegung abgesehen. Bei den gewerblichen Betriebskapitalien ist dagegen da§ Princip der reinen Vermögenssteuer verschärft, soivohl für Mobilicn wie Immobilien der Verkchrswert eingeführt. Um den Groß- i n d n st r i e l l e n, namentlich den Aktiengesellschaften, wirksamer bcikonnnen zu können, soll neben der Entlastung der kleinen Leute, für welche die Grenze der Steuerbefreiung von 500 auf KX) M. normiert ist, die Herabsetzung des S t c u e r f u ß e s von 15 auf 10 Pfennig ihrer plutokratischcn Wirkung dadurch entkleidet werden, daß eine progressive Skala mit verstärkter Heran- zichung stufenweise die großen Rcichtünier treffen soll. lieber die zu erwartende Verminderung der Gefälle im ganzen infolge der neuen steuerlichen Veranlagung ivill der Minister nichts angeben. Sicher ist, daß gegenüber dem heutige» Kontingent der Steuerzahler etwa 200 000 Träger von Steiicr- pflichten, das heißt etlva die Hälfte der steuernden Personen ausfallen und dadurch allein schon snbgcsehen vom reduzierten Zinsfuß und tcilweisen Schuldeiiabzug) etwa 500 000 M. Gefälle künftig in Wegfall kommen. Der Finanzmiuister v. Bucheubergcr will diesen Verlust gern vcrswnicrzen. Ob er ihn etwa deshalb so erleichterten Herzens in den Kauf nimmt, weil vielleicht diese Steuerbefreiung einen Vcr- l u st des Gemeinde-Wahlrechts in sich birgt? Dar- über schwieg der lleberbringer der gnädigen Wcihilachtsbotsckiaft. Tic Volksvertreter und namentlich die Abgeordneten der socialdemokratischen Partei werden gut thun, sich dieses Festgeschcnk etwas genauer an- zusehen. Vorortshast soll nun gar die Söcialdcmokratie haben. Die »Deutsche Tageszcitnng" schreibt: „Die Social demokratie, welche bekanntlich allen dem allgemeinen Wohle dicneiiden Bestrebungen feindlich gegenüber- steht, beklagt es, daß die Arbeiter infolge der steigenden Mieten in Berlin in die Vororte gedrängt werden; wir sehen in der dadurch herbeigeführten Mischung der verschiedenen Bc- völkerungsklasscn einen erheblichen socialen Fortschritt." Nun, man stelle nns auf die Probe! Man gebe jedem Arbeiter durch Reichsgesetz in einem Vorort ein hübsches, wenn auch bc- scheidenes Gartenlandhaus, gewähre freies Fahrgeld— und man wird sehen, wie wir stimnien tverden.— Bon» vaterlandSlosen Kapital, lieber die Nachricht, daß Krupp jetzt trotz der in Deutschland allgemeinen Sympathien für die Boeren Granaten für die Engländer anfertigen soll, entrüsten sich einige Zeitungen. Lächerlich. Was will denn daS besagen? England ist doch nicht„Erbfeind", wie weiland Frankreich. Und Herr Krupp. der ältere, hat bekanntlich, wie aus den 1870 nach Napoleons Sturz veröffentlichten„Briefen deutscher Bcttelpatrioteu" erhellt, mit Napoleon vor dessen Sturz in Korrespondenz gestanden und Gc- schäfte zu machen versucht, tvohl auch wirklich gemacht. Mit wen, macht Krupp überhaupt nicht Geschäfte? Und weim Teutschland durch seine Diplomatie eimnal wieder in eiuen Krieg verwickelt werden sollte, so können ivir tausend gegen eins Ivetten, daß Kruppsche Kanonen und Geschosse gegen unsere deutschen Soldaten verwendet würden.— Ein kraffer Fall von Gcsindcsklavcrci. Der Fall des Knechtes Schimmclpfeimig, der eine Reihe von Strafen verbüßen mußte, weil er seinen Dienst bei dem Amtsvorsteher, Rittergutsbesitzer»nd Reservelieutenaut Abrahm in Neuendorf inr Kreise Elbing verlassen hatte, ohne rechtzeitig gekündigt zu haben, ist im„Vorwärts" mehr- fach erwähnt. Die letzten beiden Strafbefchle, welche der hartnäckig verfolgte Mann erhielt, lauteten jeder über 60 M. oder 14 Tage Haft. Da Schimmelpfenuig die 120 M. nicht bezahlen konnte— ei» gut bezahlter Knechts erhält diese Summe als Jahrcslohn— ist er am 7. d. M. ins Gefängnis gegangen, um 28 Tage dort zu sitzen. Wenn er in die„Freiheit" zurückkehrt, hat er auf Beranlassuiig des Abrahm 52 Tage Haft verbüßt. Dieser Fall dürfte in Deutschland wohl ziemlich einzig dastehen. Die Gesinde-Ordnung, deren überlebte Bestimmungen so etwas möglich machen, kann gar nicht schnell gerntg aus der Welt geschafft werden. Die oben geschilderten Vorgänge muten geradezu mittelalterlich an.— Der Menschenmarkt im Osten hat wieder begonnen. Die »Dtsch. Tagesztg." bringt folgende Anzeige: 20 000 G alizier!'Männer, Mädchen, Burschen, für Feld, Ziegelei, Fabrik, auf Stunden-, Tage- oder RionatSlohn, auch Accord, kann unter sehr giinstigen Bedingungen stellen. Eventuell übernehme auch die Garantie fürs N i ch t f o r t l a u f e n d e r L e u t e bis Schluß der Arbeit, wenn Aufseher durch m i ck g e st e l l t werden kann. Auf Wunsch sende sofort Vcrtragsformulare zur gefl. Durchsicht. Beste Zeugnisse zur Seite. Laudsberg, Ober- schlesien. Adolf Lück, Größtes reelles Arbeiter- VerniittelungS- Bureau. Ein lehrreiiier Beitrag zur Geschichte der„Lcutenot" in Ostelbien. Und ferner ein Zeichen, mit welcher Mißachtung die ländlichen Arbeiter behandelt werden, die man thalsächlich als weiße Sklaven betrachtet, für deren Nichtfortlaufen ein dazu gestellter Sklavenaufscher sorgen muß.— Gegenwärtig finden auf ministerielle Veranlassung, wie die „Deutsche Tageszeitung" hört, Erhcbmigeii darüber statt, wie viele Fälle des K o n t r a k t b r u ch e s russischer und g a I i z i s ch- polnischer Arbeiter beiderlei Geschlechts im laufenden Kalenderjahr bisher zu verzeichnen gewesen sind, sowie welche Mittel und eventuell mit welchem Erfolge seitens der Arbeitgeber zur Verhütung von Kontraklbrüchen der Arbeiter angewendet worden sind.—_ Die„Eiuvcrleibuug" Samoas scheint auf Samoa selbst nicht so ganz glatt abzugehen. Dem Reuterschen Bureau wird aus A p i a vom 13. d. M. gemeldet: Der deutsche Konsul hat an Bord des„Cormoran" die bevor- stehende Einverleibung durch Deutschland in aller Forni verkündet. Auf die Bcmcrknugen einiger Häuptlinge der Mataafa-Partei sagte der Konsul, die Samoauer könnten ihren eigenen König haben, worauf sie ihm mitteilten, Mataafa würde gewählt werden. Später, am gleichen Tage, wurde die deutsche Flagge auf dem Gerichtsgebäudc gehißt und hierdurch die Einverleibung offiziell angezeigt. Die Mataafa-Anhänger haben erklärt, ihre Regierung sei eingesetzt, und vertreiben dieMalietoa-Leute ausihrenDörfern. Unruhen scheinen bevorznstehen. Das Wölfische Bureau erklärt diese Meldung allerdings für un- glaubwürdig,„da die Ratifikation deS Samoa-Abkommens durch den amerikanischen Senat noch nicht erfolgt ist und die Meldung über- dies mit allen bisherigen amtlichen Meldungen aus Apia in Wider- spnich steht".— Ganz so unglaubwürdig sind die Meldungen über Unruhen ans Samoa aber doch nicht. Denn dasselbe Wölfische Bureau meldet in einer späteren Ausgabe seiner Depeschen: Apia, 13. Tezeniber. In dem Dorfe Luatuanuu ist es zu einer unbedeutenden Störung der Ruhe unter den Ein- geborenen gekommen. Einige dort angesessene Häuptlinge der Tanupartei hatten sich geweigert, die von den drei Konsuln ge- meinsam ausgeschriebene Kopfsteuer zu zahlen und waren deshalb aus dem Ort ausgewiesen. Nachts wurde von einigen jungen Burschen Unfug an' der zurückgelassenen Habe der Ausgewiesenen verübt. Die drei Konsuln haben die Einlieferung der Thäter nach Apia zur Bestrafung gefordert und zugesagt erhalten.— Ausland. Neuorganisation der französischen Partei. Paris, 18. Dezember.(Eig. Ber.) Die erste» Beschlüsse deS focialistifchen GcneralkomitecS zeugen davon. daß die Centralvertretnng der gccinigtcn Partei fest entschlossen ist, das vom Kongreß begründete Einig ungS werk iveiter auszn- bauen. Im Geiste der Kongreßbeschlüsse wirkend, hat daS Komitee gleich in seiner ersten konstituierenden Sitzung Maßnahmen getroffen, die seine Thätigkeit im Interesse der Gesamtpartei so ersprießlich als möglich gestalten müssen. Zunächst wurde beschlossen, daS erste Jahresbudget auf 10000 Frank(8000 M.) zu veranschlagen. Das ist fürs erste, namentlich angesichts des Fortbestehens der Sonderorganisationen, eine bedeutende Summe. Das Geld soll teils durch die auf dem Einigungskongreß vertretenen Gruppen(3 Frank jährlich pro Gruppe) aufgebracht werden, was die kleinere Hälfte der Einnahmen sichern würde, teils durch Eintrittsgelder für die vom Generalkomitee zu vcrnnstaltenden Volksversammlungen und Festlichkeiten, sowie durch Subskriptionslisten des Gcncralkomitces. Ferner wurden drei elfgliedcrige Komnnssioncn eingesetzt: 1. Eine Propaganda- und AktionSkommission. 2. Eine Kommission zur Kontrolle über die Presse, die Deputierten usw. 3. Eine Kom- Mission zur Organisation des nächsten allgemeinen Parteitages und deS internationalen Kongresses von 1900 in Paris. Tie Mitglieder dieser Kommissionen werden nächsten Donnerstag gewählt werden. Zum Sekretär des Gencralkomitees ivurde e i n st i in in i g Genosse Dubreuilh, der Sekretär des früheren Verstäudignngs- komitccs gewählt. Ebenso einstimmig erfolgte die Wahl bezw. die Wiederwahl des Kassierers B a r r e t und des Archivarius F a r j e t. Einen Vorsitzenden hat daS Generalkomitee nicht. In jeder Sitzung fungiert ein neuer Vorsitzender, der gemäß der alphabetischen Reihenfolge der Komitecmitglieder abwechselt. Fortan wird der Sekretär, dessen Aufgaben ja im Vergleich mit seiner Thätigkeit im Verständigungskomitee erheblich gewachsen sind, ein Monatsgehalt von 300 Fr. beziehen, der Kassierer ein solches von 100 Fr. In der Donnerstagssitzung des Generalkomitees wird die erste taktische Frage für die'Gesamtpartei entschieden werden: die Frage der Beteiligung an den S e u a t s w a h l e n. die Ende Januar 1900 stattfinden. Es unterliegt keinem Zivcifel. daß die Beteiligung jedensalls mit erheblicher Mehrheit beschlossen wird. Die Zahl der veteiligungsgeguer ist nämlich in den letzten Jahren sehr znsammeiigeschniolzen. Und was die gncsdistische Arbeiterpartei betrifft, so hat sie sich bereits gemäß einem Beschluß ihres Kongresses an den Senatsivahlen von 1897 beteiligt. Tie so ci a listisch e Ka m m e rfrakti o n hat bereits für die Vereinheitlichung und regelmäßige Ausgestaltung der außer- parlamentarischen Aktion der Deputierten Sorge getragen. Jede Woche sollen durch das Los zwei Deputierte gewählt tverden, die für die Dauer der Dienstwoche verpflichtet sind, der Einladung poli- tischcr und gewerkschaftlicher Organisationen als Redner Folge zu leisten bezw. durch einen Kollegen vertreten zu lassen. Selbst- verständlich steht es den anderen Deputierten frei, die Agitations- thätigkeit der Ausgelosten zu unterstützen. Die„Pctite Rspnbliqiie" macht bekannt, daß die Unterschrift des Abg. I o n r d c aus Versehen unter der Priiicipieiierklärnng der gc- einigten Fraktion fehlte. Unsere Fraktion zählt dcmuach 37 Mit- glicder.—_ Skaudalanstritt vor dem französischen TkaatSgerichtShof. Am Dienstag wurde vor dem Staatsgcrichtshof seitens der Verteidiger beantragt, daß diejenigen Senatoren, welche sich während der Dauer einer Sitzung entfernen, an derselben nicht niehr teil- iichmcn dürfen. Ter Antrag wird vom Gerichtshof abgelehnt.— Marcel Hadert, welcher sich im Palais Lnxcmbourg einfand, wurde in Haft genommen. Am Mittwoch veranstaltete Teroulide einen seiner beliebten Theater auftritte vor dem Staatsgerichtshof. ES wird darüber aus Paris telegraphiert: Deronlöde wohnte trotz seines leidenden ZiistaudeS der Sitzung bei. Die Verteidiger bringen Anträge ein, nach denen die An- gclcgcnhcit Hadert mit dem gegenwärtigen Prozeß verbunden tverden soll. Der General- Staatsanwalt bekämpft die An- träge als ungesetzlich. Dero n lade wirft in heftigen Ausdrücken den Senatoren und dem Staatsanwalt vor, daß sie lediglich auf Befehl der Regierung handeln.(Lärm.) Doroulede fügt hinzu: Ich werde venirteilt werden und ich sage, was ich von diesen Elenden denke. Diese Versammlung besteht aus Nichts- würdtgcu, sie entehrt Frankreich und die Republik. sLebhafter Widerspruch.) Deroulöde erklärt weiter, er inciue mit seinen Ausdrücken auch den Senat und Prä- i d e n t e n der Republik. Hierauf erhebt sich ein nnbeschreiblichcr Lärm. Der Generalstaatsanwalt verlangt, daß Döroulede von den Verhandlungen bis zu den PlaidoyerS aus- geschlossen und daß gegen denselben inzwischen das Gesetz über Vc- leidigtiugen zur Anwendung gelange. Deroitlöde setzt seine Dc- leidigungen gegen den StaatSgcrichtShof fort und ruft, er mache sich nichts aus den Strafen, welche derselbe verhänge. Schließlich wird unter großem L ä r m die öffentliche Sitzung unterbrochen und der Gerichtshof schreitet zur Beratung. Die Angeklagten rufen Deroulöde Beifall zu.— Italien. Nom, 19. Dezember. Die Deputierteiikammcr vertagte sich bis zum 31. Januar 1900. Der Senat vertagte sich auf unbe- stimmte Zeit.— Vom Papste. In Rom verbreitete sicb am Dienstag plötzlich das Gerücht von einer lebcnsgesährlicheii Erkrankung des Papstes. Dr. Lapponi dementiert es und erklärt, der Papst sei wohl und verbringe nur den größten Teil des TageS i m B e t t. um sich zum Eröffnungstage deS Jubeljahres zu kräftigen.— Der Papst hat offenbar den Wunsch, unter allen Umstanden daS neue Jahr- hundert zu erleben.— Spanien. Parlamentarische Schwierigkeiten. Madrid. 20. Dezember. Die Unterhandlungen der Regierung mit der K a m m e r o p p o s i tion, welche bezweckten, die Annahme des Budgets vor dem 31. Dezember zu ermöglichen, find gescheitert. Der Finanzmiuister erklärte, er werde lieber seine Demission geben, als den Forderungen der Opposition nachkommen.— Türkei. Fremde Postämter in der Türkei. Aus K o n st a n t i n o p e l wird geschrieben: Auf die an die Großmächte gerichtete Rote der Pforte, worin die Aufhebung der fremdenPostämter in der Türkei verkündet wird, sobald die Reorganisation des türkischen Postwescns vollendet sein würde, haben nunmehr Deutsch- land,> Rußland und England geantwortet,»vährcnd Frankreich und Ocstreich-Uiigarn keine Notiz davon genommen hatten. Die drei geiiaiiiiten Mächte erklären, daß sie bereit scien, ihre Postämter im türkischen Reiche aufzuheben, sobald sie den Beweis hätten, daß das türkische Postwescn vollständig neu organisiert, und daß die Verwaltung desselben zur Zufriedcuhcit aller Mächte geleitet würde.— Amerika. Vom philipPinischensKrieg. Washington, 19. Dezember. Einer Depesche des Generals Otis aus Manila zufolge wurde General Law ton gestern morgen, als er die Anfstäudischen aus San Mateo nordöstlich von Manila zu vertreiben suchte, von einer Kugel tödlich getroffen.—_ Ei»t Komplott der Unternehmer im Bangewerbe! Das„Schwciueglück der Socialdcmokratie" läßt nuS folgende Mitteiliiug zufliegen, deren Zuverlässigkeit verbürgt ist. Die hiesigen Großnutcrnehiner im Baugewerbe, an ihrer Spitze die Baufirma Lachmann u. Zauber, sind empört über den Schiedsspruch, den das Einiguiiginmt deS Berliner Gewerbcgerichts in Sachen der Sperre über den Karchowschen Schulbau gefällt hat. Die Achtzehner-Kommission ist Herrn Lachmann ganz besonders ein Dom im Auge, weil die in dericlben befindlichen Arbeiter- Vertreter über größere Gelvandtheit verfügen, als ihre Kollegen aus der llnternehmcrklasse. Ans Gewcrbegerichte giebt Herr Lachmann — der Führer der Bamtnteriiehmer, ein Kühnemann in seinem Reich— gar nichts, weil dieselben bei ihrer socialdcmokratischen Ziisamineusetzüiig regelmäßig zu Gunsten der Arbeitnehmer ent- schieden. Eine Behauptung, die einzig in der Phantasie deS Herrn Lachmann Boden finden kann, da jeder Kenner der Gewerbegerichts- Eittscheidimgen weiß, daß ungemein viel Urteile zu Uiigiiiisten der Arbeiter gefüllt werden. Viel wichtiger aber als das Vorstehende ist der saubere Z u k u n f t s p l a n der Bamniteriichmer, welcher dieser Tage in Berlin in„streng vertraulicher" Besprechung auSgeheckt wurde. Man ist in den maßgebenden Kreisen der Baufirmen der Ansicht, daß die Beilegung deS Kampfes im Baugewerbe nur eine schein- bare ist. In allerletzter Zeit hatte man wieder den Plan einer Aussperrung ventiliert. Um die Verhinderung dieses Plaues hat sich Herr Lachmann wesentliche Verdiciiste erworben— weil er de» Moment noch nicht für gekommen erachtet, de» Kampf mit solchem Erfolge für die Arbeitgeber zu führen, daß eine Wicdcranfuahmc des Kampfes für die Rrbcitiichmcr für ab- schbare Zeit ausgeschlossen sei. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und so ist denn für daS kommende Jahr eine allgemeine AnSsPerrung sämtlicher in Betracht kommender Arbeiter lManrer, Stet,«träger, Ziui- mercr, Putzer jc.) projektiert. Ruf ein gegebenes Signal soll die AnSsPerrung gleichzeitig in ganz Dentschland er- folge». In der.vertraulichen Erörterung" diese? teuflischen Plans wurde ausgeführt, das) bei der nngchcnrc» Zahl der in Betracht kommenden Arbeiter»nd der durch die AnSsPerrung täglich verloren gehende» Millionen— bereits nach 8 Tage» die Kassen geleert seien«ind die Wirkungen dcö HungcrS an- fangen würden, sich geltend zu machen. Die Aussperrung werde jedoch dennoch aufrecht erhalte» bleiben, bis auch die letzte» Mittel der Arbeiter aufgebraucht und sie derart ver- niclitet scien, daß sie auf Jahrzehnte hinaus nicht an Wieder- ausnahmcdcö Kampfes denken könnte». ZnrDnrchführmigdiefcs Planes sei naturgemäß ein gewaltiger Geldfonds und eine Nebereittstiinuilmg aller bedc«ttcndcn Firmen des Ba,igc»vcrbcS vo«««löten, deren Herbeiführung gesichert scheint. In Berlin ist solche bereits erfolgt«uid auch in der Provinz«nd iin Reiche haben bereits zahlreiche Firme» ihr Ciuvcrständni» erklärt. Wo dasselbe noch aussteht, gedenkt man durch provozierte TtreikS die Arbeitgeber mürbe z» machen»nd ihnen so zu zeigen, das« ihre Jittcresse» nnr gewahrt sind,»venn sie dem Ueber- einkommr» sich anschliche, Der z»r Turchftthnmg d«S Unter- »rhnicnS für die Arbeitgeber erforderliche Fonds ist große««- teils bereits vorhanden und wird mehr«nd mehr vergrößert. Die von Herrn Lachmann inspirierten Unternehmer«vollen also im nächsten Jahr die Diktatur des Kapitalismus im Baugclvcrbe etablieren: sie«vollen die Arbeiterorganisation zertrümmen; sie wollen daS Koalitionsrecht der Arbeiter vernichten, um die durch Hunger und Not wehrlos gemachte» Arbeiter„auf Jahrzehnte hinaus" wider- standSloS knechten und ansbeiiten zu könucii. Wir hoffen, daß die deutschen Bauarbeiter— für die wir die Pläne des Unternehmer- tums hiermit öffentlich aimageln— in der Lage sein«Verden, den Herren Lachmann und Konsorten einen recht dicken Strich durch die Rechnung zu machen. Bedarf es gegenüber diesem Komplott ans die Arbeiter noch einer«vcitercii Rechtfertigung der socialdemokrattschen Anträge ouf Sicherung deS Koalitionsrechts ber Arbeiter, die von der bürger- lichcn Presse aller Schatticrimgen so heftig als Ausnahmegesetz gegen die Unternehmer bekämpft worden sind? Die AuSbeutnngSivut dcö Unternehmertums würgt nicht nur einzelne Arbeiter ab, nein, sie rüstet sich, wie obiger Plan zeigt— zum Maffemvürgen, wenn es gilt, die„Herrschaft deS Unternehmers" zu sichern. WaS aber sagt der Herr Graf von PosadolvSky zu diesem TcrroriSmuS der Unternehmer? Glaubt er auch hiernach»och, daß das Koalitionsrecht gegen TerrorismnS der Arbeiter geschützt «Verden muß?_ DaS Jahrhundert, so betitelt sich ein nach Art der März- und der Mai-Fcstzcitmigcu ausgestattetes Gedenkblatt zur Feier der Jahrhun'dertlveiide. ivelchcs soeben im Verlag der Blichhaiidlling Vonvärts erschienen ist. Das Titelbild im Stile Walter C r a n c s und das große Hauptbild, darstellend den „Triumph de? Friedens" sind sinnvoll, von künstlerischem Wert und packender Wirkimg. Der Text giebt in verschiedenen Aufsätzen und Skizzen einen Rückblick auf das scheidende Jahrhundert und einen Ausblick in die Zukunft, und behandelt, von verschiedenen Gesichts- punkten aus, namentlich das natuniotwendige Hervorwachseu des SocialiSmuS und der socialistischeu Bewegung aus dem Kapitalismus und derkapitalistischcn Gesellschaft, unsere Kämpfe.unsere Kämpfer, unsere Toten. Wir können das, acht Seiten in Großquart umfassende Gedenkblatt, das der Belehrung nicht weniger dient als der Agitation, den Genossimien und Genosten' zn eigenem Gebrauch wie zur propa- gandistischcn Verbreitnug niir aufs wärmste empfehlen. Die Gemeinderatswahle» in der Pfalz, die alle fünf Jahre vom 1. November bis 15. Dezember stattfinden, sind nun vorüber. Die letzte Wahl, nnd«vohl auch die) bedeutungsvollste, fand in Ludwigshafen statt und endete mit einer entscheidenden Niederlage des n.itionalliberalen Regiments. vor fünf Jahren schon beschloß die Partei, sich energisch an den Gcmeinderatswahlcn zu beteiligen. Der Erfolg entsprach nicht den gehegten Erlvartmigcn, die Partei brachte es damals auf annähernd 10 Sitze und selbst diese verdankte sie zum Teil nur der Gunst des Bürgertums. Diesmal vollzog sich der Wnhlkamps unter ganz andern Verhältnissen. Den GeineinderatS- wählen gingen die glänzenden Erfolge der Reichs- und Landtags- wohl voraus. Die Organisation, die vor fünf Jahren vielfach«ncht vorhanden, war ausgebaut, das Klassenbewußtsein der Arbeiterschaft war ein ganz anderes geworden. Während vor fünf Jahren die Arbeiter vielfach im Schlepptau des Bürgertums segelten, über- nahmen sie diesmal in gar niauche» Gemeinden die führende Stellung oder waren, wo dies nicht der Fall war, viel umworbene Bundesgenossen- Als erfreulicher Beweis des wachsenden Klassen- bcivußtsein mag der Umstand dienen, daß selbst in solchen Gemeinden, in denen der Socialismus noch keinen oder nur geringen Eingang gefunden, die Arbeiter es durchsetzten, daß Arbeiter gewählt wurden. In Lndwigshafcn, wo die Socialdemokratie bisher nur durch den Genossen Ehrhart vertreten war, rücken wir nunmehr 7 Mann stark auf das Stadthaus und ebenso in Speyer, wo gleichfalls das uationalliberale Liegiment gestürzt wurde. In Oppersheim haben wir acht, in Lambrecht fünf und in Kaiserslautern einen Vertreter durch- gebracht. Doch damit sind unsere Erfolge noch lauge nicht erschöpft. In einer ganzen Reihe von Landorten haben wir drei und noch mehr Sitze er- obert. In drei Gemeinden, Fraukeneck, Hettenleidelheim und E l m st e i n siegte die socialdemokratische Liste mit großer Mehrheit Insgesamt wurde» 70 Parteigenosse» in die Ge- meindc-Verwaltungen gewählt. Dazu kommen noch 25 Ersatz- Männer. Die Partei kann mit Befriedigung und Stolz auf die Gcmemdewahlen zurückblicken. Eine» glänzende» Erfolg erzielten unsere Genossen bei den Gemeiudeivahlen in dem Dorfe F o r ch h e i m bei Karlsruhe. Nachdem sie bereits in der 1U. Klasse mit großer Majorität seit Jahren den Sieg errungen hatten, eroberten sie dieser Tage auch die II. Klasse, so daß unsere Genossen über 31 von den 48 Bürger- auSschuß-Mitgliederii verfügen. Es ist dies die erste Gemeinde im „liberalen" Musterländle, welche über eine socialdemokra- tische Mehrheit in der Gemeindevertretung verfügt. Bei der diesjährigen Stadtvcrordnctcnwahl in Trebbin errang, wie noch erinnerlich sein dürfte, die Socialdemokratie den ersten Sitz im Sladtparlament, und zwar wurde in der 3. Abteilung der Genosse Karl Dornbursch gclvählt. Die Arbeitgebern! desselben, von einigen Spießbürgern scharf gemacht, verlangte, uächdemderGenosse das Mandat bereits angenommen hatte, die Niedcrlcguug desselben oder aber— es sei mit der seit vielen Jahren innegehabten Arbeit aus, da sonst auch ihre Existenz ans dem Spiele stehe(?). Dadurch wurde nun eine Neuwahl nötig, die am letzten Sonnabend vor sich ging und mit der Wahl des von uns aufgestellten Kandidaten Paul Gräfe endigte. In einer KreiSkonferenz des Kreises Solingen wurde trotz erhobener Bedenken folgender Beschluß gefaßt: „Die KreiSkonferenz beauftragt den KreisvertrauenSmann, sich in Sachen des täglichen Erscheinens der„Bergischen Arbeiterstimme" an den Parteivorstand zu wenden und dringend zu verlangen, daß das hiesige Partei-Organ schon vom 1. Mai 1S00 an täglich erscheint." Volizettirfu's, Gerichtliches usw. — Durch einige kritische Bemerkungen über das Urteil gegen die Löblauer Bauarbeiter soll die Genossin Fanny Jmle in Dresden das Gericht beleidigt haben, ivofür sie jetzt zu 1var. — Ein Reinfall mit dem„unerlaubten Umzug". Auf Grund eines amtshauptmannschaftlichen Strafbefchls wurden seiner Zeit eine Anzahl Genossen von Meißen vom dortigen Amtsgericht wegen groben Unfugs-c. zu 3, 6 bezw. 9 M. Geldstrafe verurteilt. Die Behörden foivie dieses Gericht erblickten die Straftbatcn der Angeklagten darin, daß diese nach einer Volksversammlung in Wein- böhla gemeinschaftlich„im Zuge" des Abends nach Hanse gegangen seien. In Sachsen ist ja alles, auch so etwas möglich. Auf eingelegte Berufung der Angeklagten erkannte aber jetzt das Dresdener Landgericht auf Einstellung des Verfahrens, da der Strasbcfehl überhaupt zu Unrecht erlassen Ivordcn ist. Das mußte erst gegenüber übereifrigen Beamten nach Jnbeivcgnugsctzcn eines so großen aintlichen Apparates festgestellt werden. Die Kosten zahlt der Staat. — Für politisch erklärt wurde in Wismar eine Bauarbeiter- Versammlung, iveil sie erstens in einem Lokale abgehalten iverden sollte, das der socialdcmokratischcn Agitation dient, zweitens ein focialdemokratischer Agitator als Referent genannt ist. drittens keine Tagesordnung angegeben ist, viertens erfahrungsgemäß an solchen Versammlungen auch andere als Bauarbeiter teilnehmen und fünftens die Versammlung„zweifellos" von socialdemokratischcr Seite angeregt ist. Deshalb wurde die Versammlung, die sich init der Notwendigkeit des Arbeiterschntzes beschäftigen sollte, verboten. Nun sage man noch, daß die niccklenbnrgische Regierung nicht Gründe genug hat für die Unterdrückung der Gewerkschäflsbcwegnng. Bei dieser Gelegenheit auch einige Worte über den famosen, von den Bergbehörden in ihren Jahresberichten so oft ge- lobten Arbeitern ussch u ß der„Königin Luise." Die Arbeiter pfeifen auf ihn, und nicht erst seit heute. Die Vcr- trauensmänner der Belegschaft wurden mehr bestimmt als gewählt; wenn ein Vertrauensmann in der Sitzung sich energisch der' Arbeiter annahm, wurde ihm vom Vorsitzenden das Wort entzogen, und zu- letzt ging die Grnbcnverwaltung sogar so weit, daß sie Vertrauens- männer, denen sie nicht recht traute und von denen sie annahm, sie könnten ihr Schwierigkeiten bereiten, gar nicht mehr zu den Sitzungen einlud. Diese und ähnliche Gewaltmaßregeln haben glücklich dazu bei- getragen, die gesamte Belegschaft der„Königin Luise" aufzurütteln. und, wie gesagt, sogar den hl. Barbara'vercin oppositionell zu stiminen. Nur so weiter! Das Ergebnis wird sein, daß alle Bergarbeiter- Vereinigungen, die man trotz aller Machtmittel nicht ausrotten kann, das Programm des Bochumer Verbandes zu dem ihrigen machen, wie das ja schon in der Lohnbewegung dieses Jahres hervortrat. Wir haben deshalb gar kein so großes Interesse daran, daß den königlichen Koalitionsseinden ihr Handwerk gelegt wird. Sie be- sorgen ja doch nur— unsere Arbeit. GemeMflsznfHulzes. Das Koalitionsrecht in Oberfchlesieu. In immer dreisterer Weife gehen o b e r s ch l e s i s ch e Unter- nehm er gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter, insbesondere der Bergarbeiter, vor. Am schlimmsten treibt es die Verwaltung der fiskalischen Königin Luise- Grube, deren Belegschaft, ca. 9000 Mann, in Zabrze, Zaborze und Umgegend Ivohnt. An Einschüchterungen der Arbeiter haben die königlichen Beamten dieser Grube das menschenmöglichste geleistet. Unter Androhung der sofortigen Entlassung wurde der Besuch der Bcrgarbeitcrversammlnngen in Bielfchowitz verboten. Durch erzwungene Unterschrift ganz unsinniger Erklärungen mußten sich Arbeiter, die im Verdacht standen, jene Versammlungen zu be- suchen oder zum Bochumer Bergarbeiter-Verband zu gehören, ver- pflichten, keine Versammlung niehr zu besuchen und anS dem Verbände auszutreten. In die Versammlungen wurden bezahlte Spitzel geschickt und ein Arbeiter, Marek mit Namen, wurde in der That wegen Uebertrctung des Verbots des Versammlungsbefuchs entlassen! Nunmehr geht diese Hetze königlicher Beamten nicht mehr bloß gegen den Bochumer„socialdemokratischen", sondern auch gegen den christlichen Beuthener Verband, ja sogar gegen den uralten und urfromme», aus Berglcutcu bestehenden Barbara- verein. lDie hl. Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute; vor ihrem Bilde beten die Bergleute vor der Einfahrt in den Schacht; mit einer Fahne, auf der ihr Bild gemalt ist. ziehen sie in die Kirche.) Der Direktor der Königin Luise-Grube, Salzbrunn, lud jüngst vier Mitglieder des Beuthener Verbandes vor und forderte sie auf, sofort aus diesem Verbände auszuscheiden, widrigenfalls sie sofort entlassen würden. Die zu unterschreibenden Erklärungen darüber waren bereits fertig. Auf den Einwand der Berg- leute, daß der Beuthener' Verband doch ein christlicher sei. erwiderte der königliche Direktor, das sei ganz gleichgültig, auf ver königlichen Grube dürfe überhaupt niemand Mitglied e i n e s V e r e i n s sein.(Er meinte natürlich nur Arbeitervereine, zum Eintritt in Krieger- und Marinevereine iverden ja die Arbeiter geradezu! gezwungen.) Einer der vier, Picha mit Namen, der zugleick Präses des Barbaravereins ist, unterschrieb die Erkläning nicht, die anderen unterschrieben. Piecha wird nun entlasse»'und Salzbrunn hat durch seine ungesetzliche Schneidigkcit den ganzen Barbaraverein gegen sich aufgebracht, wie sich in dessen letzter Sitzung(Sonntag, den 17. Dezember) zeigte. Auch der(Hirsch-Dunckersche) Bergarbeiter-Gewerkverein. der vor zwei Jahren in Zaborze entstand und in der ersten Zeit sogar be- hördlich protegiert wurde, damit er dem Bochumer Verband das Wasser abgraben konnte, ist jetzt in behördlichem Verruf. Zu seinen Versammlungen erhält er kein Lokal mehr. Die königliche Berg- inspektion wacht ängstlich darüber, daß wirkliche Arbeitcrvcrfammlungcn nicht zu stände kommen und unterbindet auf diese Weise den Ar- beirci! den Gebrauch frägl sie nicht. Tie beste» Stützen des Staates— das sind nach der be- kannten Denkschrift zur Zuchthansvorlage ja die Arbeitswilligen. Zum Leidivesen ihrer Schutzpatrone haben aber die Herren Arbeitsiuilligen schon in sehr vielen Fällen recht bedenkliche moralische Qualifikationen gezeigt. So auch jetzt wieder in Frankfurt a. M. Dort hatte der Arbeitswillige W. zwei Maurer und einen Lehrling angezeigt, die ihn durch Beleidigungen und Drohungen zur Niederlegung der Arbeit zu bewegen versucht haben sollen. Der Denunziant fiel aber mit seiner Anzeige vor Gericht dermaßen durch, daß nicht nur die Augeklagten freigesprochen wurden, sondern auch gegen W. die Ver Haftung vom Staatsanwalt beantragt wurde. Das Gericht jedoch lehnte diesen Antrag ab, obwohl W. nichts von seinen Angaben über Bedrohungen aufrecht erhalten konnte. Tie von den 1' geklagten gegen W. ausgestoßcnen Beleidigungen wurden als kom- pensicrt angesehen. Der Gewcrkverei« christlicher Bergleute hält am 14. Januar seine Generalversammlung in Essen ab. Der„Bergknappe" be- spricht an leitender Stellung die reichhaltige Tagesordnung der Gcneralversammlniig. wobei auch mitgeteilt wird, daß der Geiverk- verein am Schluß des Jahres 1398 den Mitgliederbestand wohl ans 27 000 angab, in Wirklichkeit aber erst 19 lXO zählte. Eine ganze Reihe Zahlstellen haben es unterlassen, die ausgetretenen Mitglieder bei der Hauptverwaltung abzumelden. Diese„saumäßige" Wirtschast hat, wie der„Bergknappe" bemerkt, zu diesen hohen Zahlenangaben geführt. 40—50000 Mitglieder sollte der Gewerkverein schon„im nächsten Jahre" haben, schrieb 1894 seine Presse. Heute hat er erst 22 000; ivieviel davon unsichere Kantonisten sind, weiß die Gewerk- vereins-Leitnng recht gut. Die Betonung des christlichen Charakters hat dem Verein nichts genützt, denn nicht einmal die circa 40 000 ivlitgliedcr konfessioneller Knappcnvereine im Rnhrbccken ge hören ihm an. Und da ivird er naturgeniäß dazu gedrängt, gerade so wie andere Verbände das Hauptgewicht auf materielle Anziehungspunkte zu legen. Der„Bergknappe" kündigt eine E r- höh ii ii g der Beiträge um 20 Pf. und Auszahlung von Sterbegeldern anl Wie die christliche GcwcrkschaftSbcwcglnig die Wirkung hat, die Arbeiterschaft zu zersplittern, sie in ihrer Aktionsfähigkeit zu lähmen, so trägt sie auch in sich selbst den Keim der Zcr- fahrcnheit und ttneinigkeir. Was sich„christliche Gewerk- schaft" nennt, ist zunächst iveitcr nichts als Sammelpunkte k a t h o- lisch er Arbeiter; die evangelischen Arbeiter halten sich fern; ic haben ihre eigenen Arbeitervereine und wollen von den ultra- montanen Unternehmungen nichts wissen. Tann aber ist diese christ- liche Geivcrkschaftsbcwcgnng im Westen schon wieder in sich selbst gespalten. Bon M n ii ch e n- G l a d b a ch geht eine Richtung ans, die grundsätzlich für die allgemeine Organisation eintritt und nur noch die Zeit nicht für gekommen glaubt, wo den gläubigen Arbeitern der Eintritt' in die bestehenden freien Gewerkschaften zu empfehlen sei. In praktischen Fragen, bei Lohnbeivegungen usw., ist sie für ein Zusammengehen mir den„focialistischcn" Geivcrkschaften. Diese Richtung befleißigt sich einer anständigen KampfeSart dem Gegner gegenüber; ihr Blatt, die„Westdeutsche Arbciter-Zeituug". ist gut geleitet und bringt fach- lich gehaltene, belehrende und aufklärende Artikel, natürlich im Geiste der christlichen Socialpolitik. Das gerade Gegenteil davon ist die von Köln ausgehende Richtung. Sie betrachtet die christlichen Be- rufsvereine in erster Linie als Kampfesorganisationcn gegen die Socialdcinokratie und die freien Gewerkschaften. Ihr Organ, der „Christliche Arbeiterfreund", kämpft mit den genreinsten Mitteln der Lüge und Dummheit; es ist ein Hetzorgan niederster Art. Zur Kennzeichnung des Geistes, der in diesem von Geistlichen geleiteten Blatte waltet, diene folgender Satz, der einen längeren Artikel über die„Neutralisicrung der steicn Gewerkschaften" abschließt:„Es bleibt dabei: ivir erstreben christliche Bcrnfsvereinigungen und bekämpfen die freien Gewerkschaften als d a r>v i n i st i s ch e und soeiali{tische Kampf-Organisationen B e r n st e i n s ch e r Observanz!" Das ist schon mehr karuevalistische Gewerkschaftsbewegung! Um so trauriger ist eS, daß es noch Arbeiter giebt, die solchen Blödsinn zu ertragen vermögen. Socinleo« Preisausschreiben für Arbeiterschutz. DaS Eisenwerk Thale, Aktiengesellschaft, erläßt stir eine Schutzvorrichwng oder Angabe eines Arbeitsverfabrens, durch das Verletzungen der Hände bei den Arbeiten an den Excenter-, Kurbel-, Friklions- und Spindelpressen, wie sie für die Emailblcchgefchirr« Herstellung verwendet werden, unmöglich gemacht werden, ein Preisausschreiben. Als Preis sind 5000 M. ausgesetzt. Das Preisgericht behält sich das Recht vor, bei nur teilweiscr Lösung der gestellten Aufgabe einen Betrag von 2000 M. zur Verteilung zu bringen für die besten Konstruktionen oder Arbeits- Methoden, welche den Schutz gegen Verletzungen der Hände bei den angegebenen Arbeiten wirksam fördern. Das Preisgericht besteht aus den Herren Geh. Regierungsrat Professor K. Hartmann, Dirigent der technischen Abteilung des Reichs-Versichcrungsamtes, Geheimer Bergrai Professor Dr.' H. Wedding, Berlin, Ingenieur Kirchner, Berlin-Friedenau. Zur Hebung der Handweberei in Oberstanken will die bayrische Regierung einen Wanderlehrer anstellen. Er soll die Weber- bezirke bereisen, mit den Handwebern lebhaften Verkehr unterhalten, sich von ihren Verhältnissen genaue Kenntnis verschassen, den Handwebern zur Verbesserung ihrer Webmethoden, ihrer Vorrichtungen und Werkzeuge ,c. an die Hand gehen, praktische Vorträge in den Weberorten halten, auch mit den Abnehmern der Handwebereiwaren Berbindiuigen anknüpfen. Das wird diese niedergehende Arbeitsmethode auch nicht be- fähigen, mit der Maschinentechnik zu konkurrieren. fernten Hügelrücken in der Richtung nach JacobSdaal. Die Boere» führten eine Kanone mit sich. Es ist wahrscheinlich, daß die Boeren die Stadt(Jacobsdaal) jetzt in beträchtlicher Stärke besetzt halten. London, 20. Dezember. Es verlautet, daß die Boeren bei C o l e n s o 13 Wagen mit Munition erobert haben. In England gehen indessen die Rüstunge» weiter. Die Regierung beruft für den Dienst in Südafrika die „Imperial Ueomanry" genannte berittene Jiifauterietruppe ein, welche in Compagnien zu je 120 Mann eingeteilt ist; außer- dem werden taugliche Freiwillige und Civilpersonen angenommen werden; diese Maiuischnften werden eigene Pferde und eigene Ausrüstung stellen und müssen im Alter von 20 bis 35 Jahren sein. Für jedes in Afrika dienende Linienbataillon wird eine Jnfanterie-Freiwilligen-Compagnie von 114 Mann ausgehoben werden. Diese Freiwilligen- Compagnien werden im allgemeinen bei den Linienbataillonen die als berittene Infanterie dienende Compagnie ersetzen. » Werbungen im Ausland. Nicht genug, daß England alle Truppen zusammenrafft, die eS im eigenen Lande oder den Kolonien auftreiben kann, sind auch, wie es scheint, nach aller Herren Länder Werbe-Agentcn aus- gesandt worden. Auch Deutschland ist von diesen nickit ver- schont geblieben. Das Amtsgericht K o b u r g erläßt einen Steck- b r i e f gegen einen Engländer Namens Dorf, welcher Deutsche zum ausländischen H e e r e s d i e n st angeworben hat. Aus Brüssel wird berichtet: Infolge einer von dem Justiz- minister angeordneten Untersuchniig erschienen heute vormittag bei einem in der Nähe des Südbahnhofes wohnenden Mnime, welcher Rekruten für die englische Armee in Südafrika anwirbt. mehrere Polizisten, welche etwa 50 in dem Bureau des Werbe- Agenten anwesende arbeitslose Personen vorläufig verhafteten. Der Werber wurde nach einem Verhör in Freiheit belassen. Und auch in Ungarn ist das Treiben der englischen Werber nachgewiesen. Die Bndapester Polizei erfuhr, daß im geheimen eine ganze Bande englischer Unterhändler junge Leute als Soldaten zur Armee in Südafrika anwerben. Die Behörden sind bestrebt, diese Anwerbungen überall zu vereiteln. «» Die deutsche Heeresverwaltung verwahrt sich übrigens ent- schieden dagegen, daß deutsche Offiziere Erlaubnis zum Kriegsdienst in den Reihen der Boeren bekomincn hätten. Die amtliche„Berliner Korrespondenz" schreibt: „Durch die Presse ist die Nachricht über Beteiligung deutscher Offiziere an dem südafrikanischen Kriege auf der Seite der Boeren- staatcn gegangen. Demgegenüber kann auf das bestimmteste versichert werden, daß kein preußischer Offizier die Erlaubnis, nach den Voerenstaaten zu gehen, oder Urlaub dorthin erhalten hat." Netzke Machvirtzkett und Depeschen- Hessischer Landtag. Tarmstadt, 20. Dezember.v o h l einige im „Vorivärts" erschienene Preßangriffe gegen den K r e d i t v e r e i n zurückzuführen.-) Der Zweck könne nur gewesen sei». Panik nntcr den Mitgliedern de» KrcditvereinS zu verbreiten, letzteren in eine schwierige Lage zu bringe» nnd ihn zn veranlassen, die vielerlrähnte Hypothek für ein Butterbrot zn verkaufen. Die Fcldzngspläne gegen den Kredit- verein seien alle in der Fclke'schen Wcinhandlnng geschmiedet worden, Ivo sich Gehlsen, Äranse, Ahlmeyer mid Hartzfeld wiederholt trafen. Er, der Zeuge, sei bei Beginn des Fcldzugcs auf Urlaub gewesen, nach seiner Rückkehr habe er zn Gehlsen gesagt:„Sic schädigen ja den Verein unermeßlich," worauf Gehlsen geantwortet habe:„Ja, das glaube ich!" Zeuge bclnndct weiter, er habe Gehlsen von früher schon gekannt, da Gehlsen von ihm ein- mal ein Darlehn erhalten hatte. AIS er sich damals darüber wunderte, daß Gehlsen sich gerade an ihn wegen eines Darlchns gewandt habe, habe dieser geantwortet:„Meine alten Freunde aus den siebziger Jahren haben mich im Stich gelassen, aber>v e n n i ch erst ein Blatt habe, werden sie schon s ü h l e n. daß ich e i n e M a ch t bin. dann werden sie mich schon wieder kennen!" Als dann die Zeitinigsangriffe fortgesetzt wurden, habe er, der den Eindruck hatte, daß Gehlsen ein Revolverjonrnalist sei, den Herren im Kreditverein gesagt, daß es Gehlsen einzig a uf> Geld an komme und da habe man ihm 1500 M. zur Verfügung� gestellt, mn Gehlsen zum Schweigen zu bringen. Er sei dann zw dem ihm bcfrenndctcn Wcinhändler Felke, der sich wohl nur während) der Wahl dazu verstanden hatte, zu seinen eigenen p o l i t i s ch e i» Zwecken das Gehlscnsche Blatt zn nuterstützcn, hingegangen und habe ihm gesagt. Gehlsen müßten 1000 M. gegeben werden, denn die fortgesetzten Slngriffe auf de» Kreditverein könnten zu den uicheil-. vollsten Folgen für ganz Charlotteiiburg werden, da es sich um eine Genoffcnschaft mit unbeschränkter Haftung handele. Herr, Felke habe die 1000 M. an Gehlsen gezahlt und Quittung darüber erhalte». Als der Zeuge bald darauf Gehlsen ge- troffen, habe er ihni gesagt:„Na. nun werden Sie doch wohl Ruhe halten?" worauf Gehlsen antwortete:„Gewiß, Herr Doktor, was ich verspreche, halte ich. jetzt ist Schluß!" Die Sache habe dann auch im Wochenblatt ganz versöhnlich aiiSgcklnngen und die Versuche. Gehlsen zur Wieder» aufnähme der Poleinii zu veranlassen, habe derselbe zurückgewiesen und im Briefkasten seiner Zeitung verkündet:„Die Tafel ist auf-, gehoben, wir bringen nichts mehr." Als die 1000 M. alle waren, habe sich Gehisen wohl gesagt: „Run kannst du die Schraube wieder anziehen", denn er machte Anstalten zn neuer Polemik in dem Augenblick, als die Charlottenburger„Bürgcrztg." über de» Bagatellprozeß Krause kontra Kreditverein einen Bericht brachte. Er habe dann eines Abends Gehlsen im Garten dcS Theaters des Westens getroffen. Gehlsen sei etwas angetrunken gewesen, er bramarbasierte. wie er dies zu thun liebte, er habe innner so gethan, als ob er ganz Charlottcnburg in der Tasche habe und alle? nach feiner' Pfeife tanzen müsse. Er habe bei jenem Zusammentreffen mit Gehlsen diesem gesagt:„Herr Gehlsen, Sic haben doch daS Geld vom Kreditverein empfange», wenn Sie die Angriffe wieder aus- nehmen, dann haben Sie' sich die Folgen selbst zuzuschreiben. T» las voulu!" Gehlsen habe also ganz genau gewußt, daß die 1000 M. vom Kreditverein gezahlt worden seien, um ihn zum Schweigen zu bringen, habe darauf geant-i wartet, daß er sich das von der„Bürgcrztg." nicht gefallen lassen) könne; er liebe es überhaupt, wenn jemand, der sich auf seine! kolossalen Angriffe wehre, eS so darzustellen, als ob er der zu Unrecht' Angegriffene sei. Gehlsen habe es auch verstanden, alle die betreffenden, Artikel vor ihrem Erscheinen iiidirekt zur KeiniiiiiS des Kredit-- verein» zn bringen, dies sei in der Weise geschehen, daß er die! Manuskripte ohne ersichtlichen Grund mehrere Stunden beiFelke liegen ließ, in der Slbsicht, daß sie Felke weiter zeigen würde. Der Kriditverein habe in jener Zeit infolge der Artikel sehr schwere Zeiten durchzumachen gehabt nnd jedem Sonnabend mit erklärlicher Sorge entgegen gesehe». Nach der Verhaftung Gehisens zeichne dessen Frau daS„Wochenblatt" verantwortlich nnd eS fei! charakteristisch, daß in diesem Blatte in neuester Zeit gegen ihn' (Zeugen) die gehässigsten Angriffe mit allerlei Drohungen und Enthüllniigen veröffentlicht werden, nachdem bekannt geworden,' -) Der Herr Rechtsanwalt Dr. Herttvig scheint eine lebhafte Phantasie zu haben. UnS ist der Dr. Hartzfcld in Köln unbekannt; wir haben von diesem Herrn nichts veröffentlicht und unS unseres Wissens mit dem Kreditverein überhaupt nicht befaßt. Vielleicht hat Herr Dr. Herttvig die Güte, seine Behauptungen näher zu be- gründen. Sag er in biciciu Prozesse vernommen werden lmd Anssage liegen GeHkicil machen würde. Das seien die krassesten Versuche der Ein- schüchtcrnng.— Angeklagter G e h l s e n bestreitet alle die. belasten- den Schlnszfolgcrungen. die der Zeuge auS den Thatsachen gezogen habe. Er habe thatsäclilicb da§. waS er versprochen, gehalten nnd verweise ans die Herrn Felke ausgestellte Quittung, in welcher sich kein Wort vom Kreditverein vesinde und die durchaus die Form einer Darlchusquittung habe. Angeklagter Krause. Zeuge Rechtsanwalt Dr. Hertw ig spricht seine persönliche lieber- Zeugung dahin aus. dah der Angeklagte Krause im vollen Belvnhtsein von der Unbegründetheit seiner Förderung die 200 M. gegen den Kreditverein geltend gemacht habe. Das folgere er daraus, daß Krause eincS TagcZ dem Gehlsen gesagt haben solle:„Sic haben Ihre Angrisse gegen den Kreditverein eingestellt. Sie haben gewih Geld bekommen, dann will ich auch etwas habe n." Ferner fei es auch charakteristisch, das; Krause seine Forderung erst nach so langer Zeit geltend gemacht habe. Die Forderung sei mibe- rechtigt gewesen und wenn die Gesellschaft im VcrgleichSwege an Krause 150 M. gezahlt habe, so sei dies nur geschehen, um nicht noch einmal Unruhe über den Kreditverein zu bringen.— Angckl. Krause bestreiket, die ihm nachgesagte Bemerkung zu Gehisen gemacht zu haben. Er bleibt dabei, das; seine Forderung durchaus berechtigt gewesen sei!— Angeklagter Gehlsen»inlbt gegen den Zeugen H ertwig noch geltend, das; dieser versucht habe, auf Grund der Fordcriing eines gewissen Hampel das Verlagsrecht des „Wochenblattes" mit Beschlag zu belegen, um ihn und seine Familie ins Elend zu bringen.— Die Verteidiger richte» au den Zeugen eine ganze Zahl von Fragen, die darauf hinzielen, die Glaubwürdig- kcit des Zeugen in Zweifel zu ziehen und ihn als voreingenommen und gehässig gegen Gehlsen hinzustellen. Es kommt darüber mehr- malS zu ziemlich heftigem Znsammenprall zwischen dem Zeugen und seineu beiden Kollegen am Verteidigertisch. Wcinhiiudlcr Felkc-Charlottenburg bestreitet, mit Gehlsen zusammen das„Wochenblatt" begründet zu haben. � Er habe nur— wie viele andere— Herrn Gehlsen 100 M. als Beitrag zu den Kosten der von diesem projektierten Zeitung gegeben und übte eine geivisse Kontrolle ans. Als die ersten Artikel gegen den Krcditverein erschienen waren, habe er Gehlsen wiederholt Vorhaltungen gemacht, das; er ihm mit diesen Artikeln sein Geschäft verderbe, da in seinem Lokale viele Mitglieder des Kreditvereins verkehrten. Als er auf der Sommcrreise war, habe er einmal eine Karte von Gehlsen er- halten mit folgendein Inhalt:„Ich mache Sie ans die nächste Rilmmer anfmcrksanr. Am Wilhelmsplatz kippelt'S und wackelt'S, ES ist ein Grauer fällig gewesen, aber ans der Hand eines Esels will ich nicht fressen." Gehlsen behauptet, daß der Ausdruck„Grauer" sich auf dem grauen Cylinderhut beziehe, den er gewohnheitsmäßig seit vielen Jahren zu tragen Pflege. Der' Zeuge giebt zu, daß ei»- mal in seinem Lokale um einen neue» grauen Cylinder Hut für Gehisen Skat gespielt worden sei. Der Cylinderhut sei ihm mich gestiftet worden, mit dieser Sache habe aber der in der Karte erwähnte Grane nichts zu thun, das könne mir aiif einen Tausendmarkschcin sich beziehen. Der Zeuge behauptet, daß er. nachdem ihm SiechtSrnnvalt Hertwig die 1000 M, zur Verfügung ge- stellt hatte, um Gehlsen zum Schweigen zu bringen, er dem Gehlsen gesagt habe, daß er Gelder vom K r e d i t v c r e i n zur Bcr- sügiing habe. Er habe Gehlsen zunächst ein verpfändetes S P a r k a s s e n b u ch zurückgegeben, dann sei Gehlsen»ach und nach unt allerlei Geldforderliiigen„für Drnckkostcii",„zu einem Rad für seinen Sohn Emil" zc� an ihn herangetreten, er habe ihm»ach und nach die geforderten Snminen gegeben, bis die 1000 M. voll waren. Darauf habe Gehlsen die Quittung über 1000 M. unter- zeichnet, die Gehlsen selbst diktiert habe; die Quittungen. über die einzelnen Summen seien verbrannt worden. Die Onittung, die er selbst bei Verabfolgung der Schlußsumme Gehlsen zur Unterschrift vorgelegt, habe dieser nicht gutgeheißen, sondern die Generalguittung nach seinem Diktat hergestellt! Gehlsen habe ihm dabei auf Handschlag versprochen, das; er nichts mehr gegen den Äreditverein veröffentlichen werde. Gehlsen habe nicht annehmen können, daß die 1000 M, seine ldes Zeugen) Beiträge für die Zci- tung darstellen sollten. Angeklagter Gehlsen bleibt dabei, daß bei den einzelnen Zahlmige» vom Äreditverein keine Rede gewesen sei und er diese Summen für die Beiträge des Zeugen und seiner Freunde gehalten habe,— Zeuge Felke bekundet weiter: Der neue Äuzug. Eines Tages habe ihm Gehlsen einen Zettel gezeigt, in welchem ihm die Abnahme von 500 Exemplaren seiner Zeitung zugesagt wurde, wenn eine den Vorstand des Kreditvercins und dessen Verhältnis zu einem gewissen Strafparagraphe» betreffende Notiz in den Briefkasten käme, Zeuge Felke will sich dann den Zettel haben geben lassen„um mal damit zum Rechtsanwalt Hertwig hinüber zu gehen". Gehisen habe darauf gesagt,„die Sache bedeute für ihn einen neuen Anzug". Dr. Hertwig habe sich dann dahin geäußert: „Gehlsen scheine den Kreditverein für eine melkende Kuh zu halte», man solle aber dem Manne einen neuen Anzug stiften" und habe 100 M, dafür ausgesetzt, Gehlsen sei alsdann ein neuer Anzug für 00 M. gemacht worden, den Rest habe er bar erhalten, Gehlsen erklärt die belastenden Aussagen dc-s Zeugen für durchaus unwahr. Die Verteidiger stellen fest, daß der Zeuge am 17. August selbst ein Manuskript mit heftigen Angriffen gegen den Kreditverein für den Sprcchsaal der Zeitung geschrieben habe. Der Zeuge behauptet, daß dieses von seiner Hand herrührende Manuskript nur die weit ab- gemilderte Korrektur eines vorliegenden MmmikriptS eines Dritten darstellen, der Artikel aber keineswegs selbständig von ihm verfaßt sei. Er selbst sei Mitglied des„ D e n t s ch- s o c i a l c n Vereins" gelvcse». (Schluß in der 2. Beilage.) GevUszks-;3eitmtg» Auch eine uueutschuldigte SchulversäuniiiiS. Ter Landwirt Jäger hatte seine Kinder aus der Schule in HnnShcim heraus- genommen und sie nach dem benachbarten Ohlhagen in die Schule geschickt, nachdem er gehört hatte, daß der Lehrer in tzunShcim in sittlicher Beziehung nicht ganz einwandsfrei sei. Hiervon benachrichtigte I. den Bürgermeister, welcher Mirglicd'des Hims- hcimer Schulvorstandes ist. Ter betreffende' Lehrer wurde später von der Anklage des SittlichkeftSvergchens freigesprochen. Die Regierung hatte cS indessen I. durch eine Verfügung an den Lehrer in Ohlhagen schon am 16. Juni 1893 unmöglich gemacht, seine Kinder dort weiter unterrichten zu lassen. Zugleich hatte sie I. aufgefordert, die Kinder wieder in HunSbeim zur Schule zu schicken, was er aber sittlicher Bedenken wegen nicht that. Vom 16. Juni bis zum 19. August 1898 erhielte» die Kinder überhaupt keinen Unterricht. Von da ab besuchten sie die Schule in einem entlegeneren dritte» Ort, wo er sie bei anderen Leuten in Pension gegeben lvtte. Wegen der„Sckmlvcrsänmnis" in der Zeit vom 16. Juni bis zum 19. August wurde mm I. von der Strafkammer in Bonn zu einer Geldstrafe verurteilt. Gegen das Urteil legte Rechtsanwalt W o l f g a n g H c i» c die Revision ein. indem er begründend auS- führte: ES stehe fest. daß I. das Fernbleiben des Kindes an-Z der Schule in Hunsheim beim Bürgermeister als einem Mitglied des SchnlvorstandcS entschuldigt habe. I. habe ferner die Kinder sogleich in die Ohlhagenrr Schule geschickt, bis die Regierung es dem Lehrer dort verboten habe, sie weiter zu unterrichte». Eine strafbare Handlung deS Angeklagten könne dcShalv nicht angenommen werden. Daß er seine Kinder nicht mehr am Unterricht in Hunsheim habe teilnehmen lasse», sei auch durch triftige Gründe gcrechtfertigi. wenn auch der Lehrer schließlich freigesprochen worden sei.— Die Negicrimg habe überhaupt nicht zu befehlen, wo»lau die Kinder in die Schule schicken solle. Jeder könne seine Kinder in die Schule senden, die ihm passe. Sonst könnte ja die Regierung verlangen, daß man seine Kinder z.B. nicht in eine höhere Schule schicke und könnte damit den Bildungsgrad bestimmen. ES liege hier ei» Rechlsirrtnm der Regierungsbehörde vor. I. sei darum unmöglich strafbar. Das Kammcr- gcricht ging indessen der priueipiellen Frage ans dem Wege und wies die Revision mit folgender Begrütldung zurück: Der Angeklagte hätte gegen die fragliche N e g i e r u n g s v e r s ü g n n g Beschwerde erheben können. Auf keinen Fall hätte er aber die Kinder vom 16. I n n i bis z u in 19. Aug u st ohne Unterricht lasse» dürfen. Erforderlichenfalls hätte er sie in eine andere Schule schicken oder ihnen Privatunterricht erteilen lassen können. VevsÄittttlinngen Charlottenburg. Die Zahlstelle des„Verbandes der Bau- ii n d gewerblichen Hilfsarbeiter" hielt am Sonntag in der GambrinuS-Braiierci eine öffentliche Versammlung ab. Genosse Schubert- Schöneberg sprach über: Der Ar- bester im Klassenkampf. Von einer Diskitsfion deS mit Beifall cuifgenommmeu Vortrages wurde Abstand genommen. Nach- dem Gräber»nd S t r a u f über ihre Thäiigkeil als GewcrbegcrichtS-Beisitzer Bericht erstattet, wurden Prantzkart und Strauf als Kandidaten aufgestellt. Unter Ver- schiedenem wurde das Verhalten der Banarveilcr lokaler Richtung einer scharfen Kritik unterzogen. Folgende Resolntiou fand einstimmige Annahme:„Die Veriammlung spricht ihre tiefste Miß- billigung darüber ans, daß die in Charlottenburg organisierten Bauarbeiter lokaler Richtung sich in keiner Weise an öffentlichen Versammlungen beteiligen, sogar ihre Versammlungen und Zu- sammeukünste in Lokalen abhalten, die von den übrigen Arbeitern gemieden werden." Charlottenburg. In der Bereinigung der Dialer, Lackierer:c. sprach am 13. Dezember Stadtverordneier Paul Hirsch in einem lehrreichen Vortrage über das Thema:„Das Wesen des gewerk- schaftlichen Kampfes." An den beifällig aufgenommenen Vortrag schloß sich eine Diskussion, in der Wandamm und Flemming das Wort nahmen. Der Vorsitzende ersuchte die Kollegen, die statistischen Fragebogen betreffs Erhebung der Arbeitslosigkeit und Krankhcits- fälle gewissenhaft auszufüllen und dieselben am Jahresschluß an ihn abzuliefern, Zu einem wuchtigen Protest und gleichzeitig zu einer würdigen Feier gestalteie sich die am Dienstag, den 19. Dezember, von den Genossen i» Friedrichsberg-Lichtenberg ein- berufene Bolksversammlung, um gegen die durch den Ortsvorstcher Ziethen verfügte Ausweisung des Vertraueiismannes für den Kreis R i e d s r b a r n i in, des Zeitungsspediteurs Anton Kopp, z» protestieren. In seinem Vortrag über„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" führte Genosse Theodor Metz» er folgendes aus: Das bevorstehende christliche Weihiiachtsfcst. welches mizertrcnnlich von dem frommen Gesang: Friede ans Erden usw. erscheint, ist die Siegesfeier des Lichts über die Finsternis. Bei uns aber, im praktischen Leben, ist ein unerbitt- liches Ringen der Erkenntnis des freien Geistes und des LichtS gegen die Mächte der Finsternis. Als Opfer dieses Kampfes erscheine der zum Ehrenpräsident der Versainm- limg erhobene, erprobte und bewährte Genosse Anton Kopp, der nichts verbrochen hat, als daß er im östreichischer Staatsgebiet geboren und für seine Ueberzeiigung thätig gewesen ist!„Er ist i äst ig gefallen," heißt es in der Ausiveisungs- Verfügung; das soll wohl heißen:„Er hat den Staat gefährdet." Doch' ein Staat, �der sich eine große Flotte leisten will, um mit großen Seemächte» zu konkurrieren. muß auf sehr schwachen Füßen stehen, wenn ein einzelner Menscki den Staat gefährden kann. Nach wenigen Tagen muß unser Genosse daS Feld seiner jahrelangen Thäligkeii verlassen, aber Unzählige werden für ihn eintreten, um den Geist der Aufklärung zu verbreiten. Darum seid einig und geschlossen, durch Kampf zum Sieg, damit wirklich und wahrhaftig auch bei uns einziehe, der:„Friede ans Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!" Tosender Beifall folgte dem Bortrag und als nun prachtvolle Bliimenspeilden, Rose», rote Nelke» und Maigläcklichen als duftende Abschiedsgrüße aus der Versammlung dem AuSgeiviescuen überreicht wurden, raun manche Thräna über die gefurchte Wange graubärliger Mitkämpfer. Von einer-Diskussion wurde Abstand genommen und folgende Resolution ciilstimmig angenommen:„Die von ca. 800 Männern und Frauen besuchte Versammlung erhebt entschiedenen Protest gegen die AnSweisuiig des seit l6 Jahre» am Orte ausässige» Einwohners Anton Kopp, Sie erblickt darin einen Polizei-Akt, welcher den finanziellen und lvirtschaftlichen Ruin eines ruhigen und besonnencn Mitbiirgcts unvermeidlich herbeiführen muß. Sie erklärt, mit aller Energie und Nachdruck die moderne Arbeiterbewegung zu stärken und zu fördern, und zu diesem Zweck dem„Socialdemokratischeu Wahlverein für FlicdrichSbcrg-Lichtcnberg" beizutreten ihn und aus- zubaucii." Zu der durch die Ausweisung bedingten Ersatzwahl deS Kreis- vertranensmannes und der infolgedessen notwendig gewordenen Kreis- konscreiiz wurden Grauer, Liepe nnd Scckcl als Delegierte gewählt.— Mit einem Hoch auf die internationale Socialdemokratie wurde die imposante Versammlung geschlossen. Centralvcrei» der Burean-Angestellteu. Donnerstag, den 21. De- zemvcr er., abends ß.g Uhr, bei Schiller, Rosenthalerstr. 57; Mitgliederversammlung. Bericht über die leytc Generalversammlung der Ortskranken- lasse. Anträge zur Urabstimmung. Verschiedenes. Köpenick. Gewerkschaftliche Bildungsschnle, Heute letzter Lese-Abend. Nächste Sitzung den 4. Januar 1900. Hoch lebe unser Bummclbudikcr Adolf Abendroth zu seinem heutigen Wiegenfeste. Die arbeitswilligen Bummelbrüder. Deerdigungsverein Berliner Zimmerleule. Am 19. d. M- verstarb nach kurzem Krankenlager unser Kamerad, der ginimerer Mmm Iliim im Alter von 73 Jahren. Die Beerdigung findet Freitag, den 22., nachmittags 2 Uhr von der Leichenhalle deS Städtischen Kirchhofes im Friedrichshain nach dem St. Georgen-Kirchhof an der Landsberger Allee statt. 144Sb vei» Vorstand. Todes- Anzeige. Am Sonntag, den 17. Dezember, verstarb durch Absturz der Bauarbeiter Kollege Emil Diner im Alter von 44 Jahren, Die Be- erdigung findet heute, Donnerstag, den 21. d. M, nachmittags 3 Uhr, »an der Leichenhalle des nencii Nazarcth-KirchhofcS an der Dalldorser Ehaussec aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die OrtSvertualtuiig der Zahlstelle Berlin III. Dankfagttttg. Den Kollegen der Firma Seifert u. Wolf sowie dem Verband der Möbel- poliere und allen Freunden und Be- kannten sagen wir für die Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres lieben Vaters und Schwiegervaters, Heinrich Körner, uiiseru herzlichen Dank. Die trauernden Hiiiterbliebeueu. Vt'or gut und reell bedient sein will beim psapsgeienksuk ferner Kanarienvögel, liederpieifeudc Dompfaffen, alle Sorten Wald. Vögel, Papagei- u. Vogel- baner nebst passendem Ständer, wende sich an den allbekannt. Papageien- Händler J Didakowsky I. Geschäft; Cr. Frankturterstr. 75. XI.„ Strausbergsrstr. 14. Prämiiert mit goldenen Medaillen und dem Ehrenpreis der Stadt Berlin. Dompfaffei k Die schönsten und passendsten Weihnachts- Geschenke sind gut gearbeitete 3152a4 Steppdecke!! Mhttbllminer Äreiskoiismiij. Sonnabend, den v. Januar 1900. abendS Pünktlich 8 Uhr: Kreis-Koufereuz des Niederbariiimer Kreises in Welgels Lokal, Runimclsbnrg, Thürrschmidtftrastc 45. Tages-Ordnung: 1. Wahl eines Kreis> Vertrauensmannes. 2. Zlcnderung der Organisation. 223/14 Die einzelnen Orte wollen baldigst die erforderlichen Delegierten- wählen vornehmen. Arthur Sfadtliagcn Arn besten und billigsten direkt in der Fabrik Beruh. Strobmanilei Herl In S.. 7S Wall str. 5Ä, wo auch alte Decken aufgearb. werden. Verein für Frauen nnd Mädcben der Arbeiterklasse. Am S. Weihnachtsfeiertag in denArminhane», Konunandantenstr. SO: Weihnaclitisfeier. Aus dem Programm sei hervorgehoben: ?ttnclsrdesotisruiiki.—.Prolog, Deklamation von Fräulein I. Altroann. Geaangsvorträgke der Sangrs- brüder Moabit. Aufführung eines Theaterstückes. Zum Schluß: W Tanz-Wvi GAste willkommen. Eröffnung 5 Uhr. Anfang pünktlich 0 Uhr. Billets a 90 Pf. sind zu haben bei: Frau Mesch, Lycheiicrstr. 3, Iran P a n s e r a m, Pappel-Allee 128, v. I, Frau Thiede, Gr. Frank' iurtcrstr. 63, Frau Klatsch, Koppenstr. 81, Hof IV, Frau Müller, Wicsenstr. 30, II. 59/1» ver Vorstand. � Bruchkohlen, V /> ab Play Scheffel 50 Pf. XN J. Fischer, Oftbahn, 33 lOiubctgerftr.Ub. Uhren»eil Galdwaren Iteweck, Juwelier u. Uhrmacher, In grösster Auswahl. Trauringe 2 Dukaten 21 MI. Silb. Herrenuhren v. 12 Mk. an, keoll8trs88e.™ Wernaus Festsäle, Schwedterstr. 23-24. 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Alle Kollegen machen wir darauf aufmerksam, daß vom 1. Januar 1900 ab Beiträge, welche über 13 Wochen restiereii, nicht mehr angenommen werden. Wie erwarten, daß durch pünktliche Beitragslcistung die Mitglieder sich davor schützen, daß sie auS der Mitgliederliste gestrichen werden müssen und ihrer Rechte verlustig gehen, 117/18 Die Lrtsvcrwaltnng. Mitglieder-Zttsattttttettkttttft drS Raturheilvereius Grundmann 143Sb Donnerstag, 8Vs Uhr, bei Wllke, Andreacstraste 26. Schllttschnhe}Gro"" Billige Preise. Fahrräder# �.01.«« Von 100 Bark an. Fabrikat. 3334L* Acetylen-Laternen, Glocken etc., zu Geschenken passend, billigst. C. H. Jusl, Wilhelmstrasse 148, am Belle-Alliance-PIatz, mi! und mn-i ausgedehntes Lager. Princip: Gut nnd billig. Pl* P QplllllD lAndsbergerstr. 41 1. r 1• Ua OUIiUläf Teilzahlung gestattet. empfehle Für Weihnachts-Miihaufe Herren-, Damen- und Kinder-Wäsche «nr eigenes Fabrikat, gute Stoffe und saubere Arbeit. j3139L* ]>. Wurzel& Co., Wrangelstrasse 17. 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Sonnabend, abends 8Uhr: Zum 1. Male: In Behandlung. Thalia-Theater. T«l. AmtIVa 8440. Dresdenerair. 72/73. Zum 101. u. lebten Male: Der Platzmajor. Tliomas, Thielecher, Helmerding, Junkermann. Anfang 71/2 Uhr. Freitag der Generalprobe wegen geschloffen. Sonnabend, den 23. Dez., ab. 7»/, Uhr: Mit gänzlich neuer Ausstattung: HovlUK! Zum 1. Male: Novität! Im ijininipllof. Grobe Ausfiattungspoffc mit Gesang und Tanz in 3 Akten von Jean Kren u. Alfred Schönseld. Mufll von Mar Schmidt. An allen WeihnachtS-Feiertagen. abends V/z Uhr: Im Hirnmelhof. Rachmittags 3 Uhr. Am I. Feiertag: Xorn. Von Henrik Ibsen. Am 2. Feiertag: Kenn.(Stenn— _ Eugen Schady.) Crntrnl Ttzentrr Direktion: Jose kerencry. AbendS l/.8 Uhr: Dir C6 v i s tz tt. Operette in 3 Akten v. Sidney Jones. Morgen u. folgende Tage: Dieselbe Vorstellung. Sonntag, 24. Dczbr.(Heiliger Abend) — nachmittags 3 Uhr:— Ille GelMha. Abends findet leine Vorstellung statt. Montag, 25. Dezember(l. Fciermg), nachm. 3 Uhr, zu halben Preisen: Tie Fledermaus. Abends>/z« Uhr: Tie Geisha. Apoilo-Theater. Zum 4. Male: Im Novität! Reiche des Urania TnnbcnstraMSc 18-10. Im Theater abends 8 Uhr; Der Sieg des Menschen über die Xutur. Inralldcnstr, 57, OS: Tägl. Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr. ■Passage-Panopticum.' In» Theatorsaal an den drei Feiertagen ja 2 Vorstellungen um 3 und 6:|2 Uhr, Anatomisches Museum an den Feiertagen nur für Herren gebffnet. ■■ CASTANS PANOPTICÜM Gr. Weilmachts- Ausstelliing mit Berliner Weihnachtsmarkt (Sghlosspiatz) Im 18. Jahrhundert Ira Theater-Saal; �liKlarella. Die Weihnachts-Ilescherung. Die heilige Familie. Konzert einer Damenkapelle. Der Wunderhund„Schimmel". WBWB Die Boci-en. HB Carl Welss-Theater Gr. Frank,„rtcrstraste Uta. Donnerstag und Freilag megeu Vor- bereitung zur Novität geschloffen Sonnabend nachm. 3 Uhr: Kleine preise. Kleine preise. Kiudcr-Porstellung. Schneewittchen. Zauber-Märchen in 8 Bildern von Ziminermann. Regie: W. Lang. Abends 8 Uhr: Zum crstcnmale: Novität! Novität: Wilder der Wlle. Phant. Ansstattungspoffe mit Gelang in 3 Akten(5 Bildern, 0. R. Helstlrg 11. P. Frei. Regie Jos. Dill. Mnfil von A. Wicher. Orchester-Dirigent: Kapellmeister Corn. Schüler.— Die neuen Dekorationen ans dem Atelier von Falk.— Die neuen Kostüme von Elzel Beck. Lorzngsbillets haben ifiültigkcit. Sonntagabend: Geschloffen. Sonntagnachm 2>/z Uhr: Kl. Preise. „Schnecniitlchen". Montag u. folg. Tage, abds. 7t/z Uhr: «inder der Hölle. Nachm. 3 Uhr. Kleine Preise: Montag: Zlschenbrödel. Dienstag: Weltuntergang. Mittwoch: Schneewittchen. ietrepiil-llieater. Behrenstr. 55/57. Dir.: Rieh. Schultz. Liane de Vries und das brillante Dezbr.-Specialität.- Prograniin. Um VjÖ Uhr: Nnttd um Berlin. ivi 0 n t a g, den Ä5. Dezember: Zuui erstenmal: Ilo verhohrte Welt. Ausstattungs- Operette in 6 Bildern von Roger Ferrier und Freund. Musik v. I. Serpette n.J. Einödshoser. Ansang 8 Uhr. Montag, den 25. Dezbr., nachm. 3 Uhr: 1. Kilsemble-�llstsvitl htö Theaters SeS Westeiis: Der Barbier vou Sevilla. Dienstag, den 26. Dezbr, nachm. 3 Uhr: t kilsemble-CllWel lies Theaters lies WesteilS: „ver Trouhaäour." ludr». »ovltilt: Xusstattungs- Operette in 1 Akt prrt drei Bildern und Apotheose von Leop. Ely und Bolten-Baeckers. Musik von Faul Ii»oho. Forner: Die vo i-z ii g I io he n Specialitäten. Anfang 71/j Uhr. Vorverkauf täglich Im Theater von W— 1 Uhr, sowie im Invalidendank, Puter den Linden 24, und Künstler- dank, Unter den Linden 09. ReichShallcu. Slettiuer Sänger. tiVOSMeS Weiliuachts- Prvgramm. Entree 50 Pkg. Auf. präc. 8 Uhr. Xordhäuser von Wilh. Uhley, Nordhausen, von 00 Pf. aufm, Rum v 1,20, Grog. Glühwein u. Punsch-Extrakt 1,50 p. 8. empfehlen Adamczyk& Co. ffr. Geora Borstorff). Michaelkirchstr. 28. Cif�HKS VNSvlR. Heute, Donnerstag, 20. Dezember er., abends 7». Uhr: CsaIa-�K»viAtV. Zum 4Z. Male: Vi« Caniorra. Bon der gesamten Presse als das grüble und imposanteste Tensations- Schaustück d. 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Revue sänitl.ülrtisten und giüftteS Ritterschaustuck Schwarz nnd Weist. Trotzdem in dieser Vor- stellung: ein Kind frei auf allen Pläne».— An de» 3 Weihnacht-- feiertag. Montag, Dienstag, Mittwoch: Je 2 grofte Vorstellungen, nachmittags 3>/z»nd abends l1/-! Uhr. Nachm. SVa Uhr, extra neu einstudiert: Im Weilmachtshazar. Gr. Wcihnachtö- AnSstattiinaL-Pantouiime dargestellt von 80 Kindern im Alter vo» 3 bis 5 Jahren und 100 Personen.'Abends 7Vi Uhr: Grobes Ritterschaustück: Schwarz und Weift._ American-Theater. Dresdeuerstr. 96. Dir.: Emil Schnabl Gr. FeftvorsteUung. Aninftlich des SSjährlgen Künstler Jubiläums des Direktors Schnabl: Jubiläums-Porstelliing unter Mitwirkung namhafter Künstler hiesiger Bühnen. 8 Uhr:..Ileclln nlklf Präc. lO3/, Uhr: Aufführung des Gebr. Hcrrnfcldschc» Lebensbildes: Tie letzte Ehre. Unter gütiger Mitwirkung u. Leitung des Herrn Dir. Donat Hermfeld. Aiifaiig 8 Uhr. Kaffenerüffnuiig 7 Uhr lilaehrs Iheater Di'nnlenxtc. L I. 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Er hat an Gehisen die schriftliche Bitte gerichtet, über die Generalversammlung des Ärcditvereins einen Be- richt gegen Honorar zu bringen. Der folgende Zeuge, Buchhändler Huckstedt, bekundet, daß er, als ihm die Nachricht wurde, daß ein Angriffsartikel gegen den Kreditverein erscheinen würde, sich»ach der Druckerei, in der das„Charlottenburger Wochenblatt" hergestellt wurde, begeben habe. Auf sein Ersuchen habe man ihm ohne weiteres einen Fahnenabzug verabfolgt. Der Angeklagte Gehlscn bezeichnet dies als einen kolossalen Vcrtraucnsbruch seitens des Druckers und beantragt die Ladung der sämtlichen Trucker, da es ihm darauf an- komme, daß die in der Anklage aufgestellte Behauptung, er habe den Mitgliedern des Vereins Fahnenabzüge in die Hände gespielt, als unwahr bewiesen werde. Bnchhändler M i ch o w hat als langjähriges Mitglied des Vereins dem Angeklagten Gehisen erklärt, daß die in dem ersten Artikel anf- gestellten Behauptungen der Wahrheit nicht entsprächen. Bei dieser Gelegenheit sei zwischen ihnen vereinbart worden, den Mit- angeklagten Krause als Gutachter zu verwenden. Der Zeuge habe gefragt, ob dies etwas koste und will darauf eine Antwort erhalten haben, die er als unklar bezeichnen müsse. Gehlfen be- hauptet mit Bestimmtheit, daß er geantwortet habe:„Das müssen Sie mit Krause selbst abmachen." Zeuge Rentner Ahlmeier hat mit Felke zusammen dem Angeklagten Gehlsen eine Zeitlang bei der redaktionellen Herstellung des Blattes geHofen. Bei den Angriffen gegen den Kreditverein sei er nicht beteiligt. Daß der erste angreifende Artikel erscheinen würde, hat der Zeuge gewußt. Er hat es für seine Pflicht gehalten, den Buchhändler Huckstedt zn warnen, worauf dieser sich den Fahncnabzug desorgt habe. Den Mitangeklagten Krause bezeichnet der Zeuge als einen Ehrenmann. Gehlsen sei ein alter Hau- degen, dem man eine etwas schroffe Ansdrncksiveise nachsehen müsse, der Zeuge meint aber doch, daß Gehlsen mehr die Sache als die Person bei seinen Angriffen im Auge gehabt habe. Auf Be- fragen des Verteidigers, Rcchtsanw. Pohle, erklärt der Zeuge, daß Gehlscn ihm gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck gegeben habe, daß Felke plötzlich so flott mit dem Gelde herausrücke, eS müßten Wohl Beiträge für sein Blatt eingegangen sein. Es foigt die Vernehmung des Rechtsanwalts Dr. Hartzfeld in Köln. Er erklärt, daß cr nie die Absicht gehabt habe, das Theater des Westen zu kaufen, er wollte es nur für sich und andere mit 335 000 Mark zur zweiten Stelle beleihen. Zur ersten Stelle waren 3 Millionen eingetragen, dahinter standen noch vier Hypotheken von verschiedenen Gesellschaften. Diese letzteren Hypotheken mußten von Sehring abgelöst werden, und dazu sollte die Anleihe von 335 000 M. dienen. Da auch der Charlottenburger Krcditvercin zu den Gläubigern des Theaters gehörte, so habe der Zeuge auch mit diesem i» Verbindung treten müssen. Im Princip war der Vorstand mit der Ablösung der Hypothek einverstanden. Der Zeuge mußte dann aber Erkundigungen einziehen und das Ergebnis war, daß er am 14. Juli die Sache aufgab und dies den Beteiligten in cinci» Briefe mitteilte. Dieser Brief müßte an Gehlsen lveitcr gegeben sein, der ihn als Grundlage zu dem ersten Artikel benutzte. Der Zeuge ist zu Gehlsen gegangen und hat seiner Vcrivundcrung darüber Ausdruck gegeben. Gehlsen habe erklärt, daß er das Material von einem Bekannten habe. Zur Verwunderung des Zeugen sei dann später eine Erklärung des Kreditvereins in dcr'Gehlscnschcn Zeitung erschienen, worin der Inhalt des erste» Artikels als durch- weg unwahr bezeichnet wurde. Begleitet war diese Erklärung von dem Krauseschen Gutachten, welches der Zeuge als„weder gehauen noch gestochen" bezeichnete. Es sei dem Zeugen unbequem gewesen, gewiffermaßeii als Lügner hingestellt zn werden und des- halb habe er mehrere Artikel verfaßt, die Gehlsen benutzt habe. Er erkläre, daß er nie daran gedacht habe, auf den Kreditvcrein einen Dmck auszuüben. Der Zeuge giebt zu, daß er gelegentlich seiner Besprechung mit Gehlsen auf 25 Exemplare seines Blattes abonniert und sofort für ein halbes Jahr ini voraus bezahlt habe. Er habe es gethan um Gehlsen, der auf ihn den Eindruck eines anständigen Mannes geniacht habe, der lediglich im Interesse der Ocffentlichleit vorgehe, für seine Mühewaltung etwas zn entschädigen. Rechtsanwalt H e r t w i g, der sich auf das Zeugnis des Vor- zeugen äußern soll, erklärt, daß Dr. Hartzfeld dem Angeklagten Gehlsen ein Abonnement auf 500 Exemplare versprochen habe, wenn derselbe den Wortlaut des Z 141 des Genosscnschafts-Gesetzes in Verbindung mit dem Kreditverein veröffentliche.— Dr. H a r tz f e l d: Das ist eine Lüge! Woher wissen Sie das?— Zeuge Herttvig: Ich habe einen Zettel gesehen, der dem Papier und der Handschrift nach aus dem Bureau des Rechtsanwalts Dr. Hartzfeld stammt.— Dr. Hartzfeld:„Zeigen Sie her den Zettel, es ist doch höchst verdächtig, daß Sie ihn nicht haben I" Der Staatsanwalt beantragt, den Zeugen Dr. Hartzfeld, der sich vor Gericht einem Kollegen gegenüber in ungebührlicher Weise benommen habe, in eine Geldstrafe von 100 M. zu nehmen. Der Gerichtshof behält stch die Beschlußfassung vor.— Der Zeuge Hertwig bleibt dabei, daß der Weinhändler Felke ihm den Zettel gezeigt habe. Der Inhalt habe etwa folgendenuaßen gelautet: „Wir stellen Ihnen ein Abonnement auf 500 Exemplare in Aussicht, wenn Sie folgende Notiz im Briefkasten Ihrer Zeitung ver- öffentlichen:„Mehrere Anfragende. Der§ 141 des Genossenschasts- gesetzes hat folgenden Wortlaut:" u. f. w. Der Zeuge Felke bekundet, daß Gehlsen ihm einen Zettel wie beschrieben gezeigt habe mit dem Bemerke»:„Sehen Sie mal, ich könnte wieder 50 M. verdienen". Der Zeuge hat gefragt, ob er den Zettel �um Rechtsanwalt Hertwig bringen dürfe, der ihn schadlos halten würde. Hertwig habe sich hierzu denn auch bereit erklärt und die Ivriefkastennotiz sei unterblieben. Der Vorsitzende stellt fest, daß sich bei den Akten ein Zettel be- findet, der aber mit den Worten„Mehrere Anfragende" beginnt. Dr. Hartzfeld prüft den Zettel und erkennt an, daß der Inhalt von einem seiner jungen Leute geschrieben sei. Er wisse aber nichts da- von, bestreite auch mit Entschiedenheit, daß am Kopfende des Zettels noch ein anderer Text gestanden haben könne. Der Vorsitzende be- merkt, daß eigentlich ja nur Gehlsen ein Interesse an der Beseitigung des oberen Textes haben konnte und es dann doch bequemer hatte, wenn er den ganzen Zettel vernichtete. Der Gerichtshof lehnte den Antrag des Staatsanwalts, den Zeugen Hartzfelo in eine Geldstrafe wegen Ungebühr zu nehmen ab. da der Zeuge feinen übereilten Ausncf sofort mit Bedauern zurück- genommen habe. Es wird dann der Direktor B e h n s e n von der Immobilien- Verkehrsbank vernommen. Er erklärt, daß er durch Vermittlung des Professors Meyer dem Angeklagte» Gehlsen 1000 M. habe zu- kommen lassen, um vor weiteren Angriffen gegen die Bank in der „Stadtlaterne" Ruhe zu haben. Zeuge Professor M e y e r bestätigt dies. Er sei zu dem ihm bis dahin unbekannten Gehisen gegangen und habe ihm vorgestellt. daß seine Angriffe gegen die Bank jeder Begründung entbehrten und er doch lieber seine Thätigkeit einem anderen Gebiete Ividmen solle. Gehisen habe sich entgegenkommend gezeigt und sein Wort gegeben, seine Angriffe zu unterlassen. Von einer Geldentschädignng sei bei diesem Gespräche nicht die Rede gewesen, Gehlsen habe auch auf ihn nicht den Eindruck gemacht, als ob er eine solche erwarte. Gehlsen habe vielmehr gesagt: i.Sie haben mein Wort, daß ich nichts mehr schreibe, brechen wir .davon ab." Werdings habe Direktor Behnje» dem Zeugen 600 M. zur Verfügung gestellt, um Gehlscn zu beschwichtigen, der Zeuge habe aber gar keine Gelegenheit gehabt, hiervon Gebrauch zu machen. Erst nach feiner Rückkehr zum Direktor Behnsen habe der Zeuge gemeint, daß es doch wohl besser sei, dem in höchst be- dränglicher Lage befindlichen Gehisen eine Zuwendung zukommen zu lassen und hierzu habe Behnsen dann 1000 M. bestimmt, die der Zeuge am folgenden Tage zu Gehisen brachte, der sie dankend annahm. Hierauf wird die Sitzung bis Donnerstag, vormittags O'/s Uhr, vertagt._ NommunKles. Auf die Tagesordnung für die heutige Sitzung der Stadt- lierordneten-Versammlung sind u. a. folgende Gegenstände gesetzt: Berichterstattung über die Vorlagen betreffend die kontraktliche An- nähme von S ch u l ä rz t e n, den Vorentwurf zum Erweiterungs- bau des Friedrich Wilhelms-Hospitals in der Pallisadcnstraße 37, die Einstellung der Erhebung der G e nc e in d e- E in k o m m e n- st e u e r nach dem Steuersätze von 4 M., die Einkommen von mehr als 660 M. bis einschließlich 900 M. umfassend, vom 1. April 1900 ab. Berichterstattung über die Einsprüche gegen die Wahl des im 3. Wahlbezirk der II. Abteilung zum Stadtverordneten gewählten Rentier Runge, Gneiscnaustraße 49, des im 4. Wahlbezirk der II. Abteilung zum Stadtverordneten gewählten Kaufmanns Wienstruck, Landarafenftratze 11, und gegen die im 7. Wahlbezirk der Iii. Abteilung erfolgte Wiederwahl des Stadtverordneten U l l st e i n, sowie' über die im 44. Wahlbezirk der III. Abteilung erfolgte Wahl des Gewerkschaftssekretärs M i I l a r g, Prinzessinnenstr. 8, zum Stadtverordneten. Anträge betreffend die Erhebung von Beiträgen in Gcmäßheit des Z 9 des Kommunal- Abgabengesetzes bei Straßcndurchbrüchen, Verbreite- rungen zc. und Vereinbarung mit den Vororten zwecks gemeinsamer Fragestellung bei der am 1. Dezember 1900 stattfindenden Volks- Zählung. Vorlagen betreffend die llebcrwcisung eines der Stadt- gemeinde Berlin aus der aufgelösten Wohlfahrtskasse der hiesigen Gastwirte-Jnnung zugefallenen Betrages an den hiesigen Zentral- verein für Arbeitsnachtveis behufs Einrichtung eines paritätischen Arbeitsnachweises für das G a st w i r t s g e Iv e r b e.ßdic erfolgte Revision der eingelösten Zinsscheine und die Festsetzung der Feue'r-Soctetäts-Beiträge für das Geschäftsjahr 1. Oktober 1898 bis 30. September 1899. Der Stadtverordnete Nosenow hat folgenden Antrag ein- gebracht: Die Stadtverordneten-Versammlunq wolle beschließen, den Magistrat um Auskunft über folgendes zu ersuchen: 1. Was ist als die Ursache dcS widerlichen Geschmacks des aus dem Müggelsee be- zogenen Leitungswassers festgestellt worden? 2. Welche Maßnahmen gedenkt der Magistrat zu ergreifen, um solchen, die Bürger- schaft beunruhigenden Vorkommnissen vorzubeugen?" Herr Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Langerhaus, welcher durch Krankheit genötigt war, einige Zeit sich von den Geschäften der Stadtverwaltung fernzuhalten, ist heute wieder in sein Amt ein- getreten._ ToltÄle-s. Die Parteigenosse» deS 3. Berliner ReichötagS-Wahl- kreises und deren Angehörige werden auf den am 3. Weihnachts- feierlag in Möhrin gs Spiegelsaal, Adiniralstr. 18 o, stattfindenden Familie nabend aufmerksam gemacht. Anfang 4 Uhr, Entree pro erwachsene Person 20 Pf. Garderobe frei. _ Die Vertrauensperson. Weihnachtöbeschernngen. Die Tage der werkthätigcn Räch st en liebe sind jetzt herein- gebrochen. Das staatlich und kirchlich approbierte Christentum be- sonders schwelgt in Wcihnachtsbescherungen armer Kinder. Aber auch profane Bürgervcreine vermögen es trotz aller Nörgeleien des Um- sturzes über sich, aus den Ueberschüssen von Skat- uiidKcgelabendcn bedürftigen Eltern eine Freude zu bereiten. Man versammelt im Vereinsiokal eine Gesellschaft von zwanzig, dreißig Schulkindern um den Weihnachtsbaum-, die Arrangeure bringen ihre p. t. Gattinnen zur Vorstellung mit und nun beginnen die Damen zunächst ein dummdreistes Lorgnettieren der je nachdem mit ängstlichen oder abgefeimten Blicken dastehenden Kinder. Dann folgt eine salbungsvolle Rede des Herrn Vorsitzenden, in der die Kleinen ein- dringlich zur Dankbarkeit gegen Gott und ihre Wohlthäter, zum Fleiß und' zur Zufriedenheit ermahnt werden. Endlich die Bescherung. Ein Päkchen Pfefferkuchen, drei Aepfel, ein halbes Pfund Nüsse und unter Umständen sogar einen Federkasten und ein Paar Strümpfe. Als Hauptsache aber Gottes Wort in Gestalt diverser T r a k t ä t ch e n. Nun müssen die Bescherten noch ein Lied auf den lieben heiligen frommen Christ singen: endlich ein letztes Spießrutenlaufen dem Ausgange zu— und die Kinder sind erlöst. Die mildthätigc Gesellschaft der Bescherer aber benutzt, christlichen Hochgefühls voll, den angebrochenen Nachmittag zn einer kleinen, jedoch an- regende» Kneiperei, in der die Damen einander von wegen der Dickfclligkeit der Dienstboten ihr Leid klagen, die Männer aber die Streiksucht der ewig unzufriedenen Arbeiter in Grund und Boden verdammen. Die Erziehung und Aufsicht entbehrenden Proletarierkinder wissen in relativ gerechter Würdigung des Wertes der Weihnachts- bcscherungen diese sportmäßig auszubeuten. So zu Anfang November heißt es: jetzt müssen wir die S o n n t a g s s ch u l e be- suchen. Und die fromme Sonntagsschule, die das ganze Jahr über sich nur der Gegenwart solcher Göhren erfreut, die von den unter- stützungsbedürftlgen Eltern zum Besuch gepreßt werden, füllt sich in Erwartung der Weihnachtsbcscherung mit Freiwillig« Andächtigen. Wie oft ist selbst in verständigen bürgerlichen Blättern der frivole Mumpitz der landesüblichen Bescherungen gerügt und verspottet worden. Wie oft ist der Mahnruf ergangen, beim Wohlthun des Wortes zu gedenken, daß die linke Hand mcht wissen dürfe, was die rechte verrichte. Wie verständlich wurde auseinandergesetzt, daß eS christlich gehandelt sei, dem Arme» die Demütigung der öffcnt- lichen Beschenkung zu ersparen, daß ihm in eigener elender Behausung der Weihnachtsbaum angezündet werden müsse, wenn man bescheren und dem Bescherten als Entgelt für die paar ge- spendeten Gaben nicht dcS letzten Restes der Selbstachtung berauben wolle. Vergeblich klangen bis jetzt die aufrichtige» Ermahnungen solcher Gemüter, die es mit ihrem Christentum e r n st meinten. Es blieb in der Erwägung, daß bei stillem Wohlthun die Eitelkeit leer ausgehen' könne, von der hochherrschaftlichen Bazargesellschaft bis zum' lumpigen Kartenklub herab bei der öffentlichen Weihnächts- penoe. Ist so, von seltenen Ausnahmen abgesehen, die christlich-bürger- liche Vereins« Wohlthätigkcit innig mit einer Demütigung ihrer Opfer verbunden, so trifft dasselbe vielfach anf den„Weihnachten" zu. den einem alten aber lästigen Herkommen au« der Patriarchenzeit gemäß der Prinzipal seinem Angestellten, den die Madame ihren Dienstmädchen zu spenden nicht umhin kann. Wir kannten einen schwerreichen Unternehmer, der etwas darauf hielt, sowohl die Kategorie der Buchhalter und höheren Betriebsleiter als auch die der Werkführer und Hausdiener persönlich zu beschenken. Die eigentlichen Arbeiter fchieden aus, weil sie ihrer großen Zahl wegen beim Weih- nachten überhaupt nicht in Frage kommen konnten. Wie der edle Prinzipal eS mit dem getrennt beschenkten höheren Personal machte, blieb unbekannt, die niederen Angestellten aber erhielten der Reihe nach in öffentlicher Bescherung neben den zwanzig oder dreißig Marl immer noch einen verbe.n Rüffel zugesteckt. Dem einen wurde vorgehalten, daß er fünfmal im Jahr bekneipt gewesen, dem anderen, daß er nicht pünktlich genug zur Arbeit komme, dem dritten, daß er verschiedentlich Vorschuß genommen. So ging es, in stärkerer oder milderer Tonart weiter, aber irgend einen Fehler, der öffentlich gerügt werden mußte, hatte der Gute a» jedem entdeckt. Wie immer rech- neten die Leute auf den Weihnachten als aus eine unentbehrliche Zugabe zu ihrem meist kärglichen Gehalt und s ch iv i e g e ii daher auf die oft ungerechten, aus jeden Fall aber von Gemlltsroheit zeugenden Borwurfe. Allen aber, denen noch Ehrgefühl im Leibe wohnte, war der Heiligabend durch die Art des Spendens gründlich verdorben worden. „Wegen häuslichen Notstandes entlassen", sollen nach einer durch Verfügung der städtischen Schuldeputation erlassenen Anordnung die Gemeindeschul-Rektoren nicht mehr auf die Entlassungsscheine� derjenigen Schulkinder schreiben, die schon vor Vollendung des 14. Lebensjahres vom Schulbesuch dispensiert werden, um mitverdienen zu können. Künftig soll der be- treffende Vermerk auf den Zeugnissen lauten:«Entlassen auf Grund einer Dispensations-Verfügung der Schuldeputation." Es waren nämlich bei einigen S ch u l k o m m i s s i o n e n Bedenken ent- standen, ob nicht ein solches Kind durch den bisher üblichen Vermerk am Ende für sein ganzesLeben„gebrandmarkt" ivürde. Bei den Verhandlungen der Stadtverordneten- Versammlung über die gewerbliche Nebenbeschäftigung noch schulpflichtiger(Kinder wurde es' sozusagen alS eine Ehre hingestellt, wenn ein Kind seinen Eltern helfen dürfe, den Lebensunterhalt zu beschaffen. Diese An- ficht erscheint uns in gewissem Sinne zutreffender als die der Schulkommissionen, so wenig wir im übrigen ncit den Freunden der Kiuderausbeutung gemein haben wollen. Wenn man sieht, was von vielen gewerblich n'ebenbeschäftigten Schulkindern geleistet wird, dann kann man in der That nur Achtung und Betvunderung für diese Kinder empfinden. Dasselbe gilt von denjenigen Kindern, die schon als Dreizehnjährige iicS Erwerbsleben übertreten, weil die Armut der Eltern nicht gestattet, daß sie bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres ihrer Schulpflicht genügen. Es kann daher auch niemals eine Schande' sein, wenn einem' Schulkiude bescheinigt wird, daß es„wegen häus- lichen Notstandes" vorzeitig entlassen werden mußte. Wem in seiner Jugend dieses Schicksal beschieden geivcsen ist, oder wer gar schon während des Schulbesuchs hat mitvcrdienen müssen, der braucht sich dieses Umstandes nicht zu schämen, sondern darf Zeit seines Lebens stolz darauf sein. Daß das lein Grund sein kann, die Kinderausbeutnng zu beschönigen, das versteht sich natürlich von selber. Den braven Jungen und wackeren Mädeln, die schon von früher Jugend an mitarbeiten, gebührt Ehre, das ist wahr; aber, diese„Ehre" ist durch all' die gesundheitlichen nnd erziehlichen Schädigungen, denen sie bei ihrer allzu frühen Erwerbsarbeit ausgefctzt find, denn doch zu teuer erkauft. Kaiser Wilhelm II. Ucber den Kaiser auf der Jagd in Göhrde schreibt man dem„Hann. Kour.":„Im Waschkabel" heißt das Revier, in dem die heutige Jagd stattfand. Punkt 1 Uhr traf der Kaiser nach kurzem Frühstück im Schlosse dort ein, bewillkommnet durch den Fürsteugruß. Ganz ungewohnt war heute die äußere Erscheinung des Kaisers; statt der Jagduniform trug er einen aus Rußland stammenden, eugauliegeuden Rock aus Bärenfell, dessen Haarseite nach außen genominen ist, und statt des Filzhutes eine schirmlose Mütze aus grauem Krimmer lPersianer). Zur Erwärmung der Hände diente ein Muff aus Fuchspelz. Schulärztinnen. Der Verein für Franenstudium hat eine Eingabe an den Berliner Magistrat nnd an die Stadtverordneten- Versammlung gerichtet, der Magistrat wolle bei der bevorstehenden versuchsweisen Annahme von 20— 24 Schulärzten für hiesige Gemeinde- schulen einige der betr. Stellen mit weiblichen Aerzten besetzen. Die gestrige Jahrhundertfeier in den Berliner Schulen wurde mit der zum Schulschluß üblichen Zeugnisverteilung verbunden. In' den meisten Anstalten wurde die Feier mit Gesang eingeleitet und� geschlossen. Der Direktor oder ein Lehrer wiesen auf die Bedeutung des scheidenden Jahrhunderts hin und feierten insbesondere das An- denken der mehr oder minder großen Männer, deren Thatcn für die Entwicklung Preußens und Deutschlands in den letzten Jahrzehnten� entscheidend geworden sind. Ueber die Praktiken der„Großen Berliner" wird uns. noch berichtet: In den Frosttagen der vorigen Woche ordnete der> Oberinspektor an, daß das infolge der Einschränkung des Betriebes� dienstfrei gewordene Fahrpersonal in erster Reihe zum Schnee- fegen verwandt werden solle. Diese ivesentlich aus Sparsamkeit erfolgte Maßnahme war bisher noch nicht geübt worden. Immerhin. machten die Schaffner und Fahrer sich an die neue Arbeit— wenigstens hatten sie den guten Willen dazu. Doch trat zunächst ein Hindernis dadurch ein, daß es an B e s e n nnd Schippen fehlte; und eS dauerte eine Weile, in der der Schnee gemächlich weiter von» Himmel niederfiel, bis die telephonisch bestellten 500 ReinigungSinstrnmente endlich anlangten. Aber nun fehlte es an einem neuen Bedarfsartikel, nämlich an S a l z zum Streuen. Streu- salz war nur in so geringer Menge vorhanden, daß die äußerste Sparsamkeit geboten wurde. Einzelnen Bahnhöfen ging der Vorrat aus und so half man sich durch Leihen von anderen Bahnhöfen. Ueber den Transport vergingen selbstverständlich wieder kostbare Stunden. Die Direktion muß ihre inzwischen ausgedeckte Spekulation auf den Oberleitungsbetrieb sehr hoch bewertet haben, denn die Betriebs- störungen haben einen Einnah me-Aus fr, ll von ungefähr 40—50 000 M. gehabt. Fachleute sind der Ansicht, daß ein Teil der Störungen sich sehr gut hätte vermeiden lassen, ivenn die Direktion auf die Anstellung brauchbarer Arbeitskräfte noch 6—8 000 M. verwendet hätte. Das Betriebspersonal klagt in diesem Winter über be» sonders unerhörte Ausnutzung. Die Dienststunden sind durchweg erhöht und durch Wege und Warten nach Beendigung der Fahrzeit wird oft eine tägliche Beschäftigungsdauer von 14—15 Stunden erreicht. Es ist Hohe Zeit, daß Polizei und Verkehrsdeputntion sich auch mit den Arbeitsverhältnissen an der„Großen Berliner" eingehend beschäftigen. Die ersehnte Oberleitung. Wie das Polizeipräsidium wird sich anch, wie verlautet, die städtische Vcrkehrskommission gegen die Wünsche der Großen Berliner Straßenbahn-Gesellschaft auf Erweite« rung des Oberleitungsbetriebs im Innern der Stadt ablehnend ver- halten. Die Verkehrsdeputation wird in ihrer nächsten Sitzung am Sonnabend sich mit den Betriebsstörungen bei der Straßenbahn be- schäftigen und voraussichtlich gegen die Gesellschaft Stellung nehmen. Die Vorkommnisse werden ferner Gegenstand einer Anfrage in einer der nächsten Stadtvcrordneten-Versammlungen werden. Bersteigernng der„Allgemeinen Börsenzeitnng". Die bisher dem zur Zeit in Untersuchungshaft befindlichen Haupt- mann a. D. Wendland gehörige„Allgemeine Börsenzeitung", die kürzlich schon zum Verkaufe ausgeboten war, ist heute durch de» Gerichtsvollzieher im Zwangsvcrsteigerungs- Verfahren von Herrn Wolff im Bankgeschäft Adolf Linducr zum Preise von 1720 Mark erstanden worden. Die Zeitung ist seit zehn Tagen nicht mehr er- schienen. Eine Petition wegen Verbreiterung des Fahrdnmmes der Potsdamcrstraße von der Lützowstraße bis zur Weichbildgrenze Ivill der Haus- und Grundbesttzcrverei» im Westen von Berlin nach einem Beschluß in seiner gestrigen Sitzung an den Magistrat und das Polizeipräsidium richten. Begründet wird die Eingabe damit, daß bei den letzten Schneefällen und den dadurch hervorgerufenen Verkehrsstockungen die Notwendigkeit der Verbreiterung sich als dringend herausgestellt habe. Die Herstellung der neue« Briefmarken ist jetzt soweit ge- fördert, daß deren Ausgabe zu Neujahr gesichert erscheint. Auch die Briefmarke zu 1 M. wird schon am 1. Januar ISOO zu haben sein. Bon den Briefniarkcn zu 8 und zu 6 Pf. hat jedoch die erforderliche Menge noch nicht hergestellt werden löiinen. Deren Ausgabe wird sich also etwas verzögern. Der Weihnachtsmann hat gestern bei den Beamten der Paketfahrt-Gescllschaft Einkehr gehalten, doch hat er bei Bcrtcilung der Gratifikationen in Höhe von 40—100 M. nur die höheren Beamten berücksichtigt, während die Unterbeamten, die ein Monatsgehalt von 50— 100 M. beziehen, leer ausgingen.— Nach allem, was wir bisher von dieser Gesellschaft hörieii, war etwas anderes kaum zu erwarten.— Die Weihnachtsgratifikationen für die Feuerwehr sind ebenfalls zur Verteilung gelangt. Die jüngeren Fcuermänner erhielten 9 M.. die älteren 12 M.' Ober- feuermänncr wurden mit 13 M. und Feldwebel mit 25 M. bedacht. Ganz leer gingen das Offiziercorps und das Bureaupersonal aus.— Die Weihnachts-Gratifikationen für die Schutzmannschaft sind ebenfalls bereits zur Verteilung gelangt. Die Wachtmeister erhielten je 27 SOI, die Schutzleute je 20 M. Auch bei den Beamten der Stadt- und Ringbahn ist der Weihnachtsmann schon ein- gekehrt', er brachte den Stationsvorstehern je 50 M., den Assistenten je 30 SO?., von den Schaffnern erhielt der sechste Teil je 15—20 M. Die Betriebsleitung der elektrischen Bahnen von Siemens u. Halske bestimmte für ihre Unterbeamten eine außerordentliche Zuwendung von 3—7 M., je nach der Dienstleistung derselben. Einem Gauner haben am„silbernen Sonntag' zahlreiche Blumengeschäfte in Berlin und Charlottenburg ein Opfer gebracht. Ein fcingeklcidetcr Mann von etwa 30 Jahren kam mit eine Taxa- meter-Droschke borgefahrcn und ließ sich mit großer Eile einen schönen Blumenstrauß binden. Wenn er dann ebenso hastig bezahlen wollte, entdeckte er zu seinem Schrecken, daß er sein Portemonnaie vergessen hatte. Das lvar um so peinlicher, als er nun auch den Droschkenkutscher nicht bezahlen konnte. Der Mann legte in äugen- scheinlicher Verlegenheit dem Geschäftsinhaber seine Visitenkarte auf de» Ladentisch, gab auch mündlich Namen und Wohnung an und bat um 5 bis 6 Mark, da er schleunigst nach'Moabit oder je nachdem anders wohin zu einer Geburtstags- feier fahren müsse. Um etwaiges Mißtrauen zu beseitigen, stellte er auch anHeim, sich das Geld von seiner Wirtin zu hole». Die ver- traueusseligen Geschäftsleute, die den Kaufpreis für den Strauß zugleich niit dem dargeliehenen Gelde am nächsten Tage erhalten sollten, hatten das Nachsehen. Die Wohnungsangaben erwiesen sich stets als falsch. Der Gauner aber hatte einen guten„silbernen Sonntag". Bis jetzt haben sich schon zehn Blunienhändlcr gemeldet, die er um 5 bis V M. geprellt hat. Der Schwindler trug einen blonden— nach anderer Beschreibung schwarzen— Schnurrbart, einen goldenen Kneifer— oder Brille—, einen feinen dunkelblauen Pelerinenmantel mit Stehkragen und einen Chlindcrhnt mit Trauerflor. Zum Fall Gönczi.�Nach einem Beschluß des dritten Civil- scnats des Kammergerichts sollte das Gönczische Ehepaar im Unter- suchungsgefängnis zu Moabit durch einen ersuchten Richter darüber vernonimcn werden, ob bei der Blutthat in der Königgrätzerstraße die Witwe oder die Klara Schultze z n e r st ermordet worden sei. Von der Beantwortung dieser Frage hängt in dem von den Erben der Klara Schultzc gegen den Pfleger der Erbschaftsmasse an- gestrengten Prozeß die weitere Frage ab, welche von beiden Frauen das gesamte Vermögen ererbt und'hinterlassen hat. Wie jetzt ver- lautet, werden die Gönczischen Eheleute von dem ihnen im 8 349 Nr. 2 der Civilprozeß-Ordnung eingeräumten Rechte Gebrauch «rächen und ihr Zeugnis v e r w e i g'e r n. [ Seinen Verletzungen erlegen ist der Bahnarbeitcr Eduard Baudach, der am Montagabend auf der Potsdamer Bahn hinter Schöneberg verunglückte und in das Elisabcth-Ltrankcnhans gebracht tvurde. Er hatte sich einen Bruch des Beckens und eine starke Quetschung dcS Bauches zugezogen. Traurige Weihnacht. Beim Schulbau in'der Hussitcnstraße verunglückte gestern nachmittag der Maurer Robert M a h n aus der Sivincmiindcrstr. 122. Er stürzte aus einer Höhe von sechs Meter herab und zog sich eine schwere Kopfverletzung und eine starke Lungenquetschung zu. Die Unfallstation VI ließ den Verunglückten mit einen» Koppschcn Rettungswagen nach dem Augusta- Hospital bringen. Mahn rst verheiratet und Vater von zivei Rindern. � Theater. Die Direktion des Friedrich-Wilhelmstädti schen Theaters, die mit dein drolligen Onkel Cohn ehrliche Erfolge erzielte, hat sich in einem Anfall von Uebermut gestern zur Aufführung eines recht öden Schwankes verleiten lassen. Das Stück beißt Rad lersie g und sein Verfasser ist ein Herr Paul Koch. Die vier Akte des Werkes bergen Albernheiten in sich, die vielleicht in einem mehr auf Sport als ans Dramatik versessenen Radlerklub bei entsprechender Kürzung Erfolg haben können, auf öffent- licher Bühne jedoch nichts als eine llngehörigkeit gegen das Publikum sind. Es ist bedauerlich, daß die Künstler des Friedrich- Wilhclmstädtischen Theaters an einer solchen Arbeit ihre Kraft verschwenden müssen.— Im Thalia-Theater geht heute, Donnerstag, Der Platzmajor zum letztenmal in Sccne: morgen, Freitag, bleibt das Theater Ivegen der Generalprobe zu der Novität -,Jm Himmelhof" geschlossen. Die Erst- Auffühning der neuen lAuSstattungs- Gesangsposse findet, wie bekannt, am Sonn- abend, den 23, Dezember, abends Vs8 Nhr statt.— Das Schiller-Theater bleibt Sonntag, den 24. Dezember, geschlossen. Es findet an diesem Sonntag ausnahmsweise, des Heiligabends wegen, weder eine Nachmittags- noch eine Abend- Vorstellung statt. Die erste Ailfführung des' Dreyerschen Lustspiels „In Behandlung' ist Sonnabend.— Im Thcatersaal des P a s s a g c- Panoptikums finden während der 3 Feiertage 2 Vorstellungen iin VariötS- Theater statt, die erste um 3 Uhr, die zweite um 6>/3 Uhr. Feuerbericht. Ein größerer Fabrikbrand beschäftigte die Wehr Dienstagabend mehrere Stunden. Wenige Minuten vor Feierabend kam S ch ö n h a u s e r Allee 163a. in der im vierten Stock des Quergebäudes befindlichen Wattefabrik und mechanischen Weberei von Brückner u. Andrescn auS nicht ermittelter Ursache Feuer aus, das schnell um sich griff und die noch anwesenden Arbeiterinnen zur schleunigen Flucht veranlaßte. Obgleich die Feuerwehr bald zur Stelle war und mit einer Dampf- und einer Druckspritze eingriff, dauerte es doch über zwei Stunden, bevor die Flammen gelöscht wurden. Der Fabrikraum brannte total aus, auch wurde ein großer Teil des Dachstuhles mit eingeäschert. Die im dritten Stock befindlichen Verarbeitungsmaschincn er- litten keinerlei Beschädigungen, doch wurden die im vierten Stock aufgestellten gurichtemaschinen stark beschädigt, so daß der verursachte Schaden bedeutend ist.— Zur selben Zeit hatte Artillerie st raße 9 ein Posten Holz Feuer gefangen, das mit einem Rohre abgelöscht werden mußte. Ein gleicher Brand war Grenadier st rahe9 zu beseitigen, während Körner st ratze 19 eine Partie Papierabfälle in Flammen aufging. Mittwoch früh 1 Uhr wurde der Melder an der A l s e n b r ü ck e böswillig gezogen, doch ist der Thäter entkommen. Blücherplatz 1 war ein Kcllerbrand abzulöschen. Kronen st raße 19 hatten Papierabfälle Feuer ge- fangen, das noch im Kenne erstickt werden konnte. Aus den Nachbarorten. Unfall auf dem Nangterbahnhof in Pankow. Ein Fleischer. der Dienstagabend auf dem Rangierbahnhof Pankow mit dem Ver- laden von Vieh beschäftigt war, geriet zwischen die Puffer eines Wagens und die Wandung der Laderampe. Dem Bedauernswerten wurden beide Beine zerquetscht. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Zur Freisprechung Gehlsens. Der Magistrat von Charlotten- bürg hat gestern beschloffen, die Revision gegen das freisprechende Urteil anzumelden. Gleichzeitig ist(einem Eharlottenburger Blatte zufolge) vom Magistrat beschlossen worden, gegen Stadtsekretär Kuh low ein Disciplin arverfahren einzuleiten. K. hat einen 14tägigen Urlaub nachgesucht. Was die Revision helfen soll, ist uns unklar. An den bedauerlichen Thatsachen, die der Prozeß enthüllte, kann dies Rechtsmittel doch nichts ändern. Für den Ausbau der Kanalisationsanlagen der drei großen Vororte Schöneberg, Friedenau und Wilmersdorf, deren Abwässer bis zum Jahre 1904 vertragsmäßig noch Cherlottcn- bürg aufnimmt, die dann aber von den drei Genicinden oder zum mindesten von Schöncbcrg und Friedenau selbständig abgeleitet werden müssen, ist jetzt zu Nieselzwecken das Gut Ragow bei Mittcnwalde, zwischen der Dresdner und Görlitzcr Bahn, endgültig in Aussicht genommen worden. Friedenau. Dem Beispiele Schönebergs folgend, beabsichtigt der hiesige Gcmeindevorstand die steuerpflichtigen Einkommen bis zu 660 Mark für das nächste Etatsjahr nicht zu erheben. Bereits am Freilag wird sich die Gemeindevertretung mit diesem Antrag zu be- schäsrigen haben. Im Auftrage des KricgSmiuisteriumö hat sich der Zimmer- Meister Bastian aus Spandau»ach Paris begeben, um die Vor- bereitungen für die Errichtung eiireS Arbeiter>v oh»Hauses zu treffen, das die Militärverwaltung nach dem Muster ciueS Hauses der Arbcitcrkolonie Hasclhorst bei S p a n d a u auf der Weltausstellung ausstellen will. Spandauer Kommunalpolitik. AuS Spandau schreibt man uns: Bekanntlich entwickelt sich Spandan immer mehr zur Industriestadt. In letzter Zeit sind in Spandau selbst und in dessen nächster Nähe mehrere Privatfabriken erstanden, andere Fabriken sind schon für die nächste Zeit projektiert. Am„Nonnendamiil' hat nun die Firma Siemens u. Halske große Fabrikanlagen errichtet, welche zur Zeit jedoch noch fern von jedem Verkehr liegen, so daß es für die dort beschäftigten Arbeiter äußerst beschwerlich ist, ihre Arbeitsstelle oder umgekehrt ihre in Charlottenburg oder Spandau befindlichen Wohnungen zu erreichen. Ein Berliner Bankgeschäft wandte sich deshalb vor kurzem an den Spandaucr Magistrat und erbat von ihm die Genehmigung zum Bau von Häusern für etwa 5000 Arbeiter- lvohnungen. Würde dieses Projekt verwirklicht werden, so würde dies wesentlich im Interesse der Arbciterbcvölkerung gelegen haben, der Stadt würden mehrere Tausend Steuerzahler zugeführt worden sei», und vor allem würde sich Spandau zweckmäßig und schneller nach jener Richtung hin entwickelt haben. Man sollte nun glauben, daß die städtische» Behörden dies auch ein- gesehen haben müssen und dieseui Projekt ihre Unterstützung nicht versagen würden. Statt dessen aber erfuhr das Projekt eine strikte Ablehnung, denn, so begründete uian diese Ablehnung,„die Ar- beiter bringen der Stadt nichts ein, nur Armen- u n d S ch n l l a st e n würden die Folge sein'. Bisher haben stets die Arbeiter de» weitaus größten Teil der Kommunallasten zu tragen gehabt, denn, so schrieb eine Spandaucr Zeitung neulich ganz richtig:„Spandau hat Ivohl schon viele „Millionäre" gezüchtet, aber in Spandau ist noch kein Millionär gestorben!" Gegen eine Kommunalpolitik, wie sie jetzt in Spandan geübt lvird, werden die ncngcwähltcn Vertreter der Arbeiterschaft mit aller Macht und in erster Linie anznkämpfen habe». Schönebcrg. Ter städtische Arbeitsnachweis hatte im Monat November folgende Frequenz: Au Gesuchen der Arbeit- n c h m e r gingen ein 195 idavon 157 nuinnliche, 33 weibliche), voin Vormonat übernommen 23(19 männliche. 4 weibliche) znsaullncn 213 Personen. Davon erledigt durch Einstellnng 37, durch Zurück- nähme 24, durch Streichung:c. 67 Personen; unerledigt auf den folgenden Monat übernommen: 90 Personell. Angebote der Arbeitgeber: 61(davon 32 männliche, 29 weibliche) vom Lormonat übernommen 46(davon 39 nlännlichc. 7 weibliche) zusammen 107 Personen. Davon erledigt durch Einstellung 33. durch Zurücknahnle 14. anderweite Besetzung 37, durch Streichung 10 Personen; unerledigt auf den folgenden Monat übernommen: 8 Personen. Von den Nenmeldungen sind männliche Gesuche(Angebote) Kutscher 14(1), Hausdiener 16(3). ArbcitSburschcn 6(4), ungelernte Ardeiter und Fabrikarbeiter 93<21). gelernte Arbeiter 28'(3>; weibliche: Auf- Wärterinnen 10(7), Reinmachcstcllen—(—). Wäscherinnen 4(1), Näherinnen und LluSbesseriimen 3(1), Fabrikarbeiterinnen 14(8), Gesinde 7(12)._ Vevssmmlungvn. Mit dem Lohntarif der Einsetzer beschäftigte sich am Dienstag eine öffentliche Versainmiung von Bautischlerlneistern. Einladungeu waren, wie Obermeister Marschall bemerkte, an 150 Tischlermeister ergangen, außerdem lvar die Dersaumilung durch Säulcnanschlag und Zeitungsinserate angezeigt, aber nur 50— 60 Personen waren anwesend. Wie aus den AuSsührungcn Marschalls imd anderer Redner hervorging, fand am 7. Dezember eine kombinierte Sitzung von Arbeitern und Arbeitgebern statt, um einen Lohntarif zu vereinbaren. Man sei über die einzelnen Lohnpositioncn im allgemeinen einig gewesen, fchließlich sei aber doch die Einignng an den Ncben- bedinguugen des Tarifs gescheitert, vor allem an der Forderung der Einsetzer, ivclche für das Abladen und Hinauftragen der Arbeiten einen Stundenlohn von 75 Pf. verlangten, während die Meister das Abladeil ec. nur dann bezahlen wollten, tvenn der Einsetzer die betreffende Arbeit nicht selber einsetzt. Nachdem die Sitzung vom 7. Dezember resultnt- los verlaufen lvar, habe eine Mcislcrkommission einen Tarif auS- gearbeitet, der jetzt für Berlin maßgebend sein solle. Der von den Einfctzcrn aufgestellte Tarif(Blaubuch) wurde als unannehmbar be- zeichnet. Gleichwohl sollen bereits 35 Meister den letzteren bewilligt haben. Obcrineister Marschall betonte, cS sei durchaus notwendig, daß die Meister ebenso einig zusammenhalten wie die Gesellen, denn eS sei anzunehmen, daß für nächstes Frühjahr ein großer Streik für de» Achtstundentag und Abschaffung der Accordarbeit ins Werk gesetzt tverde. Andere Redner bemerkten, der Verdienst der Einsetzer sei ein so hoher, daß schon bei den bisherigen Löhnen bis zu 60 M., fast nie aber unter 36—40 M. pro Woche erzielt iverde. Ein Ein- fetzer soll sogar, trotz der niedrigen Preise, einen JahrcSverdienst von 4500 M. erzielt haben.— Nach längerer Debatte nahm die Ver- sammlung den von der Koinmisston vorgelegten Tarif an. Ferner wurde die Gründung eines Verbandes der Bautischlcrmeister Berlins beschlossen, der die Interessen der Meister sowohl den Gesellen gegen- über wahrnehme», als auch auf angemessene Preise gegenüber der Kundschaft halten soll. VermifilzteSs Ueber ei» Vrandunglück mit furchtbaren Folgen wird auS Hamburg vom Mittwoch berichtet. In einem Haufe der Peter- stroße brach früh gegen 9'/, Uhr in einem Laden mit küiistlichen Blumen Feuer aus, das sich schnell ausbreitete und das ganze HauS ergriff. Die Feuerwehr fand beim Vordringen im Dachgeschoß in der Wohnung des Schneiders Wipke die Ehefrau Wipke, deren Mutter und zwei lleinc Töchter de» Wipkeschen Ehepaares als Leichen vor, wahrscheinlich waren sie erstickt. Die anderen Be- wohner des HaufeS. ivclche ebenfalls in großer Lebensgefahr schwebten, wurden durch die Feuerwehr gerettet. DaS Feuer wurde bald gelöscht. I» Wartenberg(Ostpreußen) wurde dem siebzigjährigen Ar« better K o l l a k o w s k i von seiner erheblich jüngeren Eheftau mit einer Axt der Schädel gespalten. Die Mörderin wurde ver- haftet und ist geständig. Der Beweggnmd zur That ist unbekannt. Kampf für Ordnung, Religio» und Sitte. Ein Pistolen- duell zwischen einem Referendar und einem Studenten wird aus Göttingen gemeldet. Der Referendar erhielt einen Schuß. Die Verwundung ist nicht lebensgefährlich._ Eisenbahnunglück. Aus Leipzig wird vom Mittwoch ge- meldet: Am 19. Dezember, abends, ist bei Bude III in der Nähe der Station S ch k e n d i tz die von Groebers nach Leipzig-Magde- burger Bahnhof fahrende Rangiermaschine infolge Schienenbruchs aufgehalten worden und auf diese Maschine ist der von Halle fällige Personenzug 495 anfgefahren. Der Grund des Änffahrcns dürfte, so weit bisher festgestellt, darauf zurückzuführen sei», daß der Personenzug infolge starken Nebels den Block überfahren hat. Der Heizer der Rangiermaschine ist dabei getötet, der Lokomotiv- sührcr und Heizer sowie der Zugführer und der Packmcister des Personenzuges sind schwer verletzt. Reisende sind nicht veningliickt. Der Maleriälschaden ist nilbedeiiteiid. Infolge Sperrung der Hauptgeleise winde der DurchgangSverkebr über Bitlerfcld bezw. Corbetha geleitet. Heute vormittag gegen 7 Uhr war das Geleis Leipzig— Halle, gegen 8 llhr auch daS GcleiS Halle— Leipzig wieder fahrbar. lieber einen Gnibenbrand wird aus O b c rh a u s en ge- meldet: Auf Schacht 1 der Zeche„Unser Fritz" brach Mittwoch ein Grnbeilbraild ans, der eine Anzahl Opfer forderte. Ter Brand entstand durch Selbsteutzülidung von Kohlen. Die Plötzlich auf- tretenden Gase brachten die»m zahlreichen Arbeitern stark belegte Grube in große Gefahr. Die meisten verdankten nur der Geistes- gegemvart'der Steiger, die die schleunigste Flucht ermöglichten, ihr Leben. Acht Bergleute wurden bewußtlos, drei tot zu Tage gefördert. Der Feuerherd wird durch Ver- mauerung des ganzen Feldes zum Ersticken gebracht. Grscllfchastftüücndcs. AusH e i d elb e rg wird berichtet: Das hiesige Bankhaus Wilhelm Cuntz». Co. stellte seine Zahlnngen ein. Der Inhaber Wilhelm Cnntz wurde lvcgcn Unterschlagung von Depositen im Betrage von ungefähr 400 000 M. verhaftet. Es soll eine starke Ueberschuldung vorhanden sein. I» Kulmsce ist eine Typhusepidemie ausgebrochen, die einen größeren Umfang ai'genommen hat. ES find bisher über 50 Erkranknngsfälle vorgekommen, von denen zwei tödlich verlaufen sind. Trotz der weitgehendsten Vorsichtsmatzregeln kommen täglich neue Erkrankmigsfälle vor. Schiffsnngliick. Infolge Nebels übcrsegelte in der Nacht zum Dienstag der ilalienische trailsatloiitische Dampfer„Perseo". voll Südamerika kommend n»d nacki Genna bestimmt, den französischen Dampfer„Mense", der von Marseille nach Gibraltar und Tanger unterwegs war. Infolge des Zusanlinenstoßes brach an Bord der „Mense" Feuer ans und das Schiff sank. Der Dampfer„Perseo" erlitt schwere Havarien. Mehrere Passagiere und Leute der Besatzung des„Perseo" sind ertrunken. Sieben Menschen verbrannt. Von einer furchtbaren Brand- katastrophe berichtet ein Telegramm aus New Jork, 19. De- zember: Bei einem Brande von zwei Mietshäusern hicrselbst sind heute nacht sieben Personen umgekommen. � Marktpreise vo» Vcrliu am IS. Dezember lSSS iinckl Ermittlungen des lgl. PoüzelpvilsidiumS ♦iSE'Cljcn D.-Cir. »jNvggen ff» iler-Ä erste Hllfer gut, „ millel, . flcviiifl Nichlstrvh„ He» fMbfen b)Tpeisedohnen -tlLiiilcii„ Üattossel», neue Siilidsteisch, Kenle 1 kg tu. Bauch„ *) Eniiiticlt rro 16,— 14,75 14,- 15.20 14,30 13,50 4,50 7,20 40,- 45,- 70,- i.'co 1,20 3 oim« chweini: fleisch Kalbfleisch Haimuelflelsch Butter Eier Karpfen Aal- ttnilder Hechle Barsche Schleie Bleie Krebse «0 IKa Stück Iba per Schock 1,60 1,70 1,60 2,80 2,20 2,80 2,50 2,- 1,60 2,80 1,20 12,- 1,10 1,- 1,- 2,— 3,- 1,20 1,40 1,20 1,~ 0,80 1,40 0,80 3,- 14,— 13,80 13,- 14,40 13,60 12,80 4,- 4,60 25,— 25,— 30,— 5,— 1,20 1,- doii der Ecillralflelle der Prcnst. Landwirt- schaflskaininelll- NollcrmigSstelle- und iniigerechnet vom Poliieipräsidinm für den Toppcl-Ceiniicr. t) Kkcinhaildclsprcise. Produktenmarkt vom 20. Dezember. Die Umsätze waren am heutiacii Gelrcidemartt insölge gänzlich fehlender UntemehmungSkust nicht von Belang. Die Tendenz war trotz strenger Kälte schwächer auf rü« gängiges Sioldanirrika und bedeutend- nissische Roggenoffertcu zu fast rentablen Preisen. Gerüchtweise verlnutet, das) einige Posten Wetzen vom hiesigen Lager»ach Etetti» zum Export verschlossen sein sollen, doch blieb der Marli durch dieses uilkoutroliierbare Gerücht unbeeiiifluizt. Weizen und Roggen waren 0,75 M. billtger angeboten. Hafer lag still, eher schwach, Rüböl auf hohe Saalenprcise 0,20 M. anziehend. Spiritus wurde in einigen kleineren Posten gehandelt, und zwar 50er loco mit 66,50, 70«r mit 47,30 M.(- 0,20). Städttscher S ch l a ch t v t e h m a r k t. Berlin, 20. Dezemder 1899. Amtlicher Bericht der Direktton. Zum Verkauf standen: 440 Rinder, 2736 Kälber, 648 Schafe, II 319 Schweine. Bezahlt wurden für 100 Pfund oder 50 Kilograiiiui Schlachtacloicht in Marl(beziehungsweise für 1 Pfund in Pf.): Für Riii der: Ochsci:: a) vollflcischlge, ausgemästete, höchsten Schtachtwcrtes, höchstcus 7 Jahre alt 00-00, b) junge fleischige, nicht ausgemäücte und ältere ausgemästete 00-00; c) mästig genährte junge und gut genährte ältere 00— 00; 6) gering genährte irden Alters 00—00.— Bullen: a) vollfleischige höchste» Schlachtwertes 00—00; d) mästig genährte jüngere lind gut genährte altere 00—00; 0) gering genährte 48—53.— Färsen und stiUie: n) vollfleischige, auögrmästeie Färse» höchsten SchlachNvcrt» 00—00; b) vollfleischige, ausgemästete Rühe höchsten Schlachlwertes bis zu 7 Jahren 00—00,; c> ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen 00—00; d)»'.ästig genährte Kühe und Färsen 50—52; e) gering genährte Kühe und Färsen 45—48.— Kälber: a) feinste Mastkälber(Vollmilchmast) und beste Saugkälber 75—78, d) mittlere Mastkälber und gute Saugkälber 67—73, c) geringe Saugkälber 55—60, d) ältere, gering genährte Frener 44—47.— Schafe: a) Mastlämmer und jüngere Mast- hauimcl 60—63, b) ältere Masthammel 52—54, v) mästig genährt« Hammel tiiid Schafe(Mcrzschase) 44— 50. d) Holsteiner NiederungS- jchase(Lebendgewicht) 00- 00.— Schweine: a) vollfleischige der feineren Rassen und deren Kieiizungen im Alter bis zu 1>/« Jahren 49— 50, b) Käser 00— 00, e) fleischige 48—49. d) gering entwickelte 45—47 e) Sauen 41—43, Berlauf und Tendenz. Vom Rinder�eschäst blieben nur wenige Stücke nicht passende Ware unverkauft. Der»älberhandel gestaltete sich ruhig. Bon den Schafen fanden nur zwei Drittel des AuftttebS Absatz. Der Schweinemarkt verlief ruhig und wird voraussichtlich geräumt. De» MittwochS-Marlt am 27. d. M. fällt aus. Briefkasten der Redaktion. Die furisttsche Sprechstunde findet Montag. Dienstag und Freitag vo» 6-8 llhr abends statt. I. 100. Wenden Sie sich vertrauensvoll an einen tüchtigen Friseur. Zlvei Wettende, Darmstadt. Gelegentlich der Krönung des Zaren hielt bei einem Festmahl der deutschen Kolonie in Moskau Herr Camesasca, am 6, Juni 1896, eine Ansrache, in der er auf den anwesenden Prinzen Hein- rtch von Preußen und auf„die Fürsten, die i nt Gefolge des Vertreters des Kaisers erschienen", einen Trinkspruch ausbrachte. Unmittelbar darauf erhob sich Prinz Ludwig von Bayern, der künftige König, und sagte: „Hier wurde ein Wort gebraucht, gegen da« ich Verwahrung einlege. W i r sind nicht Vasallen, sondern Verbündete des deutschen Kaisers." Die Rede klang in die Mahnung aus, neben dem großen deutschen Vater- lande auch der engere» Heimat nicht zu vergessen und stetS die An- hänglichleit an die angestammte heimische Dyllasti« zu pflegen. T. F.!. S.Mehring, Deutsche BerSlehre, in Reclams Universal- Bibliothek(«0 Ps.). P. H. 104. Erkundigen Sie sich darüber bei H. Lamms, Hasen- Heide 17, II(Arbeiter-Bildungsschule). VstklerungSübersicht vom 20. Dezember 1800, morgen» 8 llhr. Stationen «2 |f If Ü4S !--* Welter I a. II !£» «3. Stationen S6 s- Swinemdc. 776 OSO 5, wolkig—6 Haparanda 734 NO 4 bedeckt—2 Hamburg 771 OSO iW.'M 2 Pelcrsburg 790 WSW I bedeckt-11 Berit» 773 OSO 4 bedeckt-3 Cork 761 SSW 3 bedeckt 10 Wiesbaden 769 O 2 bedeckt—0«derdeen 768, SSO 4bedeckt 6 München 776 Still- Nebel-7 Paris 76691910 1,Reg«n-0 Wie» 7751330 3, wolkig-7|| Wetter Prognose für Donnerstag, den 21. Dezember 1899. Zeitweise nebelig, vorwiegend heiter und trocken bei etwas prciigercnt Frost und ziemlich srischen östlichen Winden. Berliner Wetkerbilreau. K Z Wetter dz ia ws, Verantwortlicher Rcdacteur: Paul John in Berlin. Für den Jnserptenteti verantwortlich: Tb.«locke In Berlin. Druck und Verla» von Max Babing in Berlin.