Nnterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 91. Dienstag, den 12. Mai. 1903 (Nachdruck verdaten.) LT, Semper cler Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n sk. 'Ob Asmus Lust hatte! Er wußte gar nicht, was er lagen sollte, und stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte. Am Abend saß er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das war's, was er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther, wo sie er- zeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium ■— über einem Baumwipfel des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und— nie Erlebtes, fühlte er ein Leben— ach, das man in solchen Stunden erleben kann, das man nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt ist und das aus dem Traume sprach?.... Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengcsang, der ging über alle Winkel und Lichter der Kirchenhalle hin- aus, das war ein Strom, für den die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete, daß er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung schaffen wolle, deren Held ein König des Per- standes sein solle. Vor der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen, verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern würden nicht wissen, nicht ahnen, daß er ein Mensch war, der beim Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daß seine Brust ein Dom war, der von tausend Orgel und Engelstimmen klang und hinter dessen bunten Fenstern alle süßen Farben und alle heiligen Dämmerungen des Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daß er das zarteste Herz von allen besaß. Als Asmus unter einem klaren, sternenrcichen Winter- ihimmel nach Hause ging, war er sich klar darüber, daß es nichts sei mit Meister Bruhns Anschauungen über Ver- stand und Gcmiit. Aber trob dieser und noch weit größerer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens Geige die Begleitung spielte ioder— die strenge Pflicht auf eine Weile vergessend— ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging. Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte, paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihin die Juden in Festtagskleidnng begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den Sabbat erkennen ließen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu beginnen mit dem Blick in ein heiliges„Morgen"; auch sein Sonntag begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde. wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten, den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht zurück- finden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich Gekleideten Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit. da er mitten im verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten, Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderstng vom bitteren Master zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho fiel unterm HaR der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden Babylons. Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute Nachrichten. Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und daruni war der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und Gedichte- machen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln aus Aus- druck und meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere. Ich Hab' da neulich in so'n Buch von Kant hinein- geguckt,— das ist ja'n fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug." „Ja, mitunter ist es sehr schwer," sagte Asmus. „Ja, ist denn das notwendig, daß Du das lernst?" „Ja. Mutter, das ist sehr notwendig." „Wenigstens solltest Du das Dichten aufschieben, chis Du mehr Zeit hast, das strengt Dich doch auch an." „Na ja, wenn es mich anstrengt, werd' ich es aufgeben," versicherte Asmus und lächelte nach innen. 30. Kapitel (Das unlesbarste Kapitel des ganzen Buches: Asmus prügelt sich -nit Kant und Spinoza und verrenkt sich mehrere Hüften.) „Jung, Du verschmierst ja all die schönen Bücher!" rief Frau Rebekka eines anderen Tages erschrocken, als sie ihm über die Schulter in die„skritik der reinen Vernunft" hin». einblickte. Ja, das tat er freilich. Wenn er ein Buch wirklich las, so durchackerte er es mit dem Bleistift und warf jede Scholle herum und erquickte sich an dem frischen Ackerduft, der dann emporstieg; alle Bedenken, alle Zweifel, alh Widersprüche, die ihm austtiegen. schrieb er an den Rand, und das gab einen wunderlichen Buchschmuck. Gar oft ging es ihm wie seinem geliebten Faust: „vier stock ich schon und kann nicht weiter fort; Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen. Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bn>., und das war immer der schlimmste Zweifel: ob er vom Geiste recht erleuchtet war. Er balgte sich mit dem dürren Königsberger Männchen wie wahnsinnig: aber er wußte wohl, daß er mit einem Gottessöhne rang wie Jakob an der Stätte Pniel, und daß man sich dabei die Hüfte ver- renken konnte. Er verrenkte sie sich mehr als einmal und mußte manchmal einsehen, daß er nur deshalb widersprochen hatte, weil er nicht richtig verstanden hatte; das beschämte ihn wohl, aber hielt ihn von immer erneutem Ringen nicht ab. Nichts lag ihm ferner als Ueberhebung; seine Pietät gegen das Genie war eher zu groß als zu klein, und selbst solche Sätze wie: „Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegen, probe der Wahrheit des Resultats jener ersten Wiirdigung unserer Vernunfterkcnntnis u priori" konnten in ihm nicht den Verdacht erwecken, daß es dem„AlleS, zermalmer" denn doch wohl hin und wieder recht sebr an der Fähigkeit gemangelt habe, seine Gedanken gut und klar zum Ausdruck zu bringen. Es war einige Jahre später. daß er bei Schopenhauer an den Rand schrieb: Ach. hätte doch der Kant so schreiben können wie der Schopenhauer! Selbst, wo er für den Augenblick das sichere Gefühl hatte. gegen Kant oder Spinoza im Recht zu seim zweifelte er nicht, daß ein späterer Tag ihm die Einsicht seines Irrtums bringen werde. Einstweilen war er überzeugt— und er blieb es auch später— daß der Monismus Spinozas kein Monismus sei; der Parallelismus von Bewegungs- und Bewußtseinsvorgängen war nur ein umschriebener Dualis- mus. Denn warum und wozu war diese Maschine„Mensch" so gebaut, daß ihr derselbe Vorgang als„Ausdehnung" und „Denken" erschien? Der Dualismus war in den Menschen verlegt— das war alles. Und Körper und Seele aus der Welt schaffen, indem man sie einfach als Attribute einer Substanz auffaßte— was war damit getan? Das Verfahren konnte man bei jedem unbequemen Gegensatze anwenden, und die„Substanz" war wie„das Ding an sich" ein Nichts, aus dem man alles machen konnte. sFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) �ZltagyptifcKe Porträts. KeinS der altorientalischen Völker, deren hohe Kultur wir be- wundern, kann sich in seiner Kunst mit den Aegyptern messen. Sie find, bis zum Auftreten der Griechen, die einzigen Künstler des Altertums gewesen. Wohl ist uns von der Kunst der anderen Völker nirgend auch nur annähernd soviel erhalten, wie in dem wunderbar konservierenden Land des fast rcgenlosen oberen Niltals, ober wir kennen doch genug von bablstonisch-assijrischer und kleinasiatischer Kunst, um den Unterschied mit Händen zu greifen: was diese geschasten, mutet uns an wie ein Stammeln gegenüber der klaren, kraftvollen Sprache der ägyptischen Kunst. Die Funde der in den letzten Jahrzehnten unter- nommenen Ausgrabungen am Nil haben unser Bild von dem künstlerischen Schaffen der alten Aeghptcr sehr bereichert. Auf fast allen Gebieten der Kunst finden wir Großes vollbracht, in einer Zeit, die um vier bis fünf Jahrtausende hinter uns zurückliegt: wir bewundern die Lebendigkeit des Reliefs, vor allem in der Meister- haften Darstellung der Tierwelt, wir staunen über die majestätisch- harmonischen Verhältnisse der Tempel und Grabbauten, wir sind entzückt von den gcschniyen Schminlschalen und von den wunder- baren Arbeiten'der Goldschmiede— aber nichts von alledem hinterläßt uns einen so nachhaltigen Eindruck wie die altägyptischen Porträtstatuen. Mit Ausnahme von zahlreichen, größtenteils modellierten Figuren heiliger Tiere enthält die ägvptische Rundplastik fast ausschließlich Darstellungen von Menschen. Und bei diesen Menschenbildern finden wir schon sehr früh das Streben nach Porträtähnlichkeit. Die Ver- aulassung hierzu ist eine eigentümliche und interessante. Wie überall auf der Erde, so ist auch in Aegypten die große Plastik auf religiösem Boden gewachsen,— in Aegypten aber speziell auf dem des Toten- kultus. Als man begonnen hatte, die ursprünglich einheitlichen Grab- anlagen in zivei Teile zu scheiden— einen unterirdischen Raum, wo im Sarge der Leichnam ruhte, und eine Steinkammer über der Erde, in der man dem Vorstorbenen die Totengebete sprach und die Toten- opfer niederlegte— da wurde der Gedanke lebendig, man könne der Seele den Genuß der Spenden erleichtern, wenn man ihren Leib. in Holz oder Stein nachgebildet, an einem geschützten Platze der „Opferkammer" aufstelle. Damit war zugleich die Bedingung der Porträtähnlichkeit gegeben: die Seele, die beweglich von Ort zu Ort zu eilen vermochte, sollte, wenn sie an den Totenfesttagcn ihre Grab- stätte aufsuchte, die Züge wiedererkennen, die sie einst im Leben ge- tragen hatte. Und so finden wir nun eine lancse Entwickelungsreihe von den ersten tastenden Versuchen, das Individuelle anzudeuten, bis zum künstlerisch vollendeten Porträt. Aber so sehr die ägyptische Kunst auf ihren Höhen sich von der übrigen Kunst des alten Orients unterscheidet, sie trägt doch den Stempel ihrer Zeit, und es ist uns Menschen des 20. Jahrhunderts zunächst nicht ganz leicht, zu einem vollen Genuß ihrer Weihe durch- zudringen. Unser Schönheitsgeff'ihl hat sich an den Idealen der griechischen Antike gebildet— wir wissen kaum, wie stark dadurch unser Verhalten zu andersarfiger Kunst beeinflußt ist. Im alten Aegypten lebten aber Mnstler Jahrtausende vor der Zeit, wo der griechische Genius Freiheit und Leben auch den Werken der Kunst einhauchte. Noch herrschen engumgrenzte Regeln und Gesetze, und so können wir zunächst über den Eindruck des Steifen, fremdartig Unlebendigen nicht hinwegkommen. Ds. Mangel an Mannigfaltig- keit fällt uns besonders auf. In einer Zeit, die noch mühsam mit dem Material zu ringen hatte, sind die Grundtypen der äghpti/chen Statuen geschaffen worden, und der Ernst der religiösen Stätte, für welche sie bestimmt waren, ließ nur eine enge Auswahl von Stellungsmöglichkeiten zu. Eine würdige, gemessene Haltung zeigen fie darum alle, mögen sie nun stehend, sitzend, hockend oder lniccnd dargestellt sein. Wirkliche Bewegungsmotive fehlen ganz, bis auf ein einziges— die mit vorgesetzten» linken Fuße schreitende Figur— und auch die? eine scheint wie erstarrt in der Bewegung. Ehepaare, die der Aegypter gern plastisch dargestellt hat, legen wohl eins den Arm um den anderen, aber als wäre keinerlei innere Be» ziehung vorbanden, sitzen oder stehen sie kerzengerade neben» einander mit erhobenem Haupt, und jedes blickt vor sich in die Weite. Neben dieser traditionellen Bewegungslosigkeit stört unsere erste Betrachtung aber noch ein zweites: die ungleichmäßige Behandlung der Statue als eines Ganzen. Wir wissen heule, daß auch in der Gestaltung der Arme und Beine, auch in der Form einer Hand oder eines Fußes individuelles Leben zum Ausdruck koinmt. Davon haben die Aegypter nichts geahnt. Selbst bei be» deutenden Kunstwerken finden wir Hände und Füße, ja den ganzen übrigen Körper mit einziger Ausnahme des Kopfes, konventionell, oft sogar nachlässig gearbeitet. Die Kopfform und die Züge des Gesichts gelten dem Aegypter als das allein Charakteristische an der Gestalt des Menschen. In ihrer Wiedergabe haben sie aber auch eine Vollkommenheit erreicht, die ihre Porträtstatuen den größten Meisterwerken aller Kunst auf der Erde an die Seite stellt. Die ägyptische Plastik zeigt sich nun bei genauerer Be» trachtung nicht etwa als eine fest geschlossene Einheit. Jede der großen geschichtlichen Epochen des Landes hat bis zu einem gewiffen Grade ihren eigenen Kunststil entwickelt, und man wird in den seltensten Fällen zweifeln, welcher Zeit eine Statue angehört. Die erste hohe Kunstblüte Aegyptens, im alten Reich(etwa 2800—2500 v. Chr.), zeigt eine unbewußte rücksichtslose Schönheit. Ihre Menschen scheinen ewig jung zu sein. Mit offenen lebens- frohen Augen schauen sie uns an, und so ungetrübt ihr Blick ist, so harmonisch groß und gerade sind die Linien ihrer Gesichter. Ihre Königsstatuen— besonders die des gewaltigen von dein heiligen Falken beschützten Pyramidenerbauers Chephren im Museum zu Kairo — haben etwas Unnahbares in ihrer Majestät und Größe. Die schreilende Holzfigur des wohlgenährten„Dorfschulzen" in Kairo und die Kalkstemstaiue des mit untergeschlagenen Beinen sitzenden„Schreibers" im Pariser Louvremuseum sind zwei allgemein bekannte Beispiele der zahlreichen Meisterwerke aus dieser Zeit. Ihnen allen ist eine Richtung auf das Typische eigentümlich. Die Statuen des„mittleren Reiches"(etwa 2000— 1800 v. Chr.) haben ein völlig anderes Gesicht. Wie im politischen Leben an die Stelle einer absolnlen Monarchie ein Feudalstaat gelreten ist, in dem Männer des alteingesessenen Adels als einflußreiche und oft ge- fürchtete Berater der Krone eine wichtige Rolle spielen— so ist ein persönliches Element auch in die Kunst eingedrungen. Die Porträt- statuen der Könige dieser Zeit blicken uns zum erstenmal an wie Menschen, die gerungen und gekämpft— nicht nur wie Könige, die über ein Volk geherrscht haben. Von einem dieser Könige besitzen wir ein Weisheitsgedicht, das voll Ernst und Bitterkeit die Erfahrung ausspricht, die der Herrscher mit ungetreuen Untergebenen gemacht hat, und es ist, als ob wir in den Gesichtern dieser Statuen mit den streng geschlossenen Lippen, mit den Furchen unter dem Auge und auf der Wange, mit den leicht nach unten gezogenen Mundwinkeln etwas läsen von diesem schtveren Sinn des mit dem Leben und seinen Aufgaben kämpfenden Menschen. Auf die Zeit dieser zweiten Blüte folgt ein jäher Sturz, und als nach einer langen Fremdherrschaft das„neue Reich"(etwa 1600 bis 1100 v. Chr.) beginnt, da ist mit dem Volk auch seine Kunst eine ganz andere geworden. Aegypten ist nun da« Weltreich, dessen Grenzen vom Sudan bis an den Euphrat gehen, und aus Nubien und vom Roten Meer, aus Babylonien und Palästina, aus Klein- asien und von den Inseln strömt ein unerhörter Reichtum an den Ufern des Nils zusammen. Wie die Bauten, so werden nun auch die Statuen ins Monumentale gesteigert, die Entfaltung von Pracht und Glanz fordert ein vorher ungekannles Eingehen auf das Detail der Darstellung, und das rein Künstlerische gerät in Gefahr, unter solchen Aeußerlichkeiten zu ersticken. Da bringt die religiöse Revo» lution des.Ketzerkönigs" Amenhotep IV., der eine monotheistische Sonnenverehrung einzuführen versucht, auch in die Kunst einen unerhörten Umschwung. Leben und Natürlichkeit find die Parole, und es ist, als ob eine lange, unter priesterlichem Druck seufzende Künstlerschaft jetzt wie erlöst ihre Fesseln abwirft, um dem tieferen Gesetze zu gehorchen. Noch kennen wir nicht viele Statuen aus dieser Zeit, aber was wir besitzen, vor allem die wunderbare Büste des königlichen Dichters und Philosophen selbst mit den Zügen des krankhasten Fanatikers. und der lebendige Kopf einer Holzstatue der Königin-Mutter, voll Klugheit und Energie, gehört zuin Bedeutendsten und Ergreifendsten in der ägyptischen Kunst. Diese stark realistische Epoche hatte aber wie die religiöse Revolution nur ein kurzes Leben. Die Kunst deS späteren„neuen Reiches" ist feiner und zierlicher geworden, aber wie in den Geschicken deS Landes, so macht sich auch hier der Ein- fluß der mächtigen Priesterherrschaft geltend. Und in der Kunst be» deutet er eine stetige Hemmung im Sinne der religiösen Tradition, die schließlich zn einem völlig konventionellen Schema führt. Stur einmal noch hat mit der politischen Stellung auch die Kunst Aegyptens eine Art Renaissance erlebt. Das war unter den saitischen Königen(660—525 v. Chr.), denen die klassischen Zeiten des alten und mittleren Reiches auf allen Gebieten als das Ideal vorschwebten. Die alte Kraft ist nicht mehr vorhanden, und vielfach fehlt der Geist, der dem Steinkörper die Seele gibt, aber einige Porträttöpfe find in dieser Zeit noch geschaffen worden. die neben das Größte der früheren Epoche gestellt werden müssen. Wohl der schönste unter ihnen ist ein Kopf von der Statue eines alten Mannes im Berliner Museum. Da ist keine Stelle an diesem kahl geschorenen Priesterschädel, die nicht gleichsam quillt von ver- haltenem Leben. Alles ist straff, lebendig, eigenartig, und alles zeugt von genauestem Porträtstudium. Die Einverleibung Aegyptens in daS Perserreich hat dann dem Volke seine nationale Selbständig- keit genoinmen, und mit ihr ist seine Kunst für immer dahin ge- Wesen. Dr. Hermann Ranke. IlNachdrult verboten.) Die KeKerrfcKer dca Lebena. Von Maxim G o r k i. „Geh' mit mir an die Quellen der Wahrheit," sagte lachend der Teufel zu mir und führte mich aus den Friedhof. Als wir uns langsam durch die engen Pfade zwischen alten Grabsteinen und eisernen Grabplatten hindurchwanden, sprach er mit der ermatteten Stimnie eines alten Professors, der der frucht- losen Predigt seiner Weisheit überdrüssig geworden: „Unter Deinen Füßen liegen die Urheber der Gesetze, die Dir die Richtschnur geben, Du trittst mit der Sohle Deines Schuhes auf die Asche der Zimmerleute und Schmiede, die einen Käfig für das wilde Tier in Dir erbaut haben." Dabei lachte er mit dem beißenden Lächeln der Menschenver- achtung und begoß das Gras der Gräber und die verschimmelten Denkmäler mit dem grünlichen Schein eines kalten Blickes aus wehmutsvollen Augen. Die fette Totenerde blieb in schweren Klumpen an meinen Füßen hängen und es war mühsam, auf den Pfaden zwischen den Grabdenkmälern der Lebensweisheit zu wandeln. „Warum, Mensch, verehrst Du nicht dankbar die Asche derer, die Deine Seele geschaffen haben?" fragte der Teufel mit einer Stimme, die dem feuchten Hauch des Herbstwindes glich und in meinem Körper wie in nieinenr von wehmutsvoller Erregung vollen Herzen Schaudern erweckte. Still schaukelten die traurigen Zweige der Bäunie über den alten Menschengräbern und streifen, kalt und feucht, mein Angesicht. „Gib den Falschmünzern, was ihnen gebührt I Sie haben reich- lich die Scharen kleiner, grauer Gedanken verbreitet,— die kleine Münze Deines Verstandes,— sie haben Deine Gewohnheiten er- schaffen. Deine Vorteile und alles, wovon Du lebst. Danke ihnen,— eine ungeheure Erbschaft ward Dir nach ihrem Tode I" Langsam fielen gelbe Blätter auf mein Haupt und aus die Erde. Gierig schniatzend verschlang die Friedhoferde ihre frische Speise— die welken Blätter der Herbsttage. „Hier liegt ein Schneider, der die Seelen der Menschen in die schweren, grauen Gewänder vorgefaßter Meinungen kleidete,— willst Du ihn sehen?" Ich senkte schweigend den Kopf, der Teufel versetzte mit seinem Fuß einen Schlag aus die alte, vom Rost zerfressene Platte über einem der Gräber und sagte: „He, Schriftgelehrterl Steh' auf...." Die Platte hob sich und mit einem schweren Seufzer der durch- näßten Erde öffnete sich das untiefe Grab wie ein verfaultes Portemonnaie. Aus seinem feuchten Dunkel ertönte eine mürrische Stimme: „Wer weckt die Toten nach zwölf?" „Siehst Du l"— meinte lachend der Teufel—„die Schöpfer der Gesetze des Lebens sind sich treu, selbst wenn sie schon verfault find." „Ah, Ihr seid's, Herr" sagte das Skelett, indem es sich auf den Rand des Grabes setzte, und nickte untertänig mit seinem hohlen Schädel den, Teufel zu. „Ja, ich bin's l" antwortete der Teufel.„Hier habe ich Dir einen meiner Freunde gebracht.... Er verdummte unter den Menschen, die Du die Weisheit gelehrt hast und ist jetzt zu ihrer Urquelle gekommen, um sich von der Ansteckung zu heilen..." Ich schaute mit gebührender Ehrfurcht auf den Weisen. An den Knochen seines Schädels hing schon kein Fleisch mehr, aber der Aus- druck der Selbstzufriedenheit war noch nicht aus seinem Gesicht ge- wichen. Jeder Knochen schimmerte trübe im Bewußtsein seiner Zu- geHörigkeit zu einem Knochensystem, einem ausschließlich voll- kommenen, in seiner Art einzigen... Was hast Du auf Erden getrieben, erzähle uns?" proponierte der Teufel.— Der Tote legte mit seinen Handknochcn gewichtig und stolz die dunklen Fetzen seines Gewandes und Fleisches zurecht, die nach Bettlerart an seinen Rippen hingen. Dann hob er stolz die Knochen seiner rechten Hand in gleiche Höhe mit der Schulter, zeigte mit dem nackten Fingergelenk in die Finsternis des Friedhofes und fing leidenschaftslos und gleichmäßig an zu sprechen: „Ich habe zehn dicke Bücher geschrieben, die den Menschen die große Idee des Vorranges der weißen Rasse über die farbige ein- geflößt haben...." «In die Sprache der Wahrheit übertragen", sagte der Teufel, „kautet das so: ich unfruchtbare alte Jungfer habe mein ganzes Leben mit der stumpfen Nadel meines Verstandes aus den alten Wollhaaren abgenutzter Ideen Narrenkappen gestrickt für alle die, welche ihren Schädel in Ruhe und Wärme zu halten lieben...." „Sie fürchten nicht, ihn zu beleidigen?" fragte ich den Teufel leise. „Ol" rief er aus.„Die Weisen verstehen auch im Leben die Wahrheit schlecht I" „Nur die weiße Rasse," fuhr der Weise fort,„konnte eine solche komplizierte Zivilisation schaffen und solche strenge Prinzipien der Sittlichkeit aussinnen, daS verdankt sie der Farbe ihrer Haut, der chemischen Zusammensetzung des Blutes, was ich bewiesen habe.. „Das hat er bewiesen I" wiederholte der Teufel, zur Bekräf» tignng mit dem Kopfe nickend.„Es gibt keinen Barbaren, der von seinem Recht, grausam zu sein, mehr überzeugt ist, als der Europäer..." „Christentum und Humanismus sind von den Weißen geschaffen worden," fuhr der Tote fort. „Von der Rasse der Engel, denen die ganze Erde gehören muß," unterbrach ihn der Teufel.„Das ist der Grund, warum sie die Erde so eifrig in ihrer Lieblingsfarbe anstreichen— der roten Farbe des Blutes..." „Sie haben die reichste Literatur geschaffen, eine Staunen er- regende Technik," zählte der Tote mit seinen Fingerknochen.... „Dreimal zehn gute Bücher und eine unzählige Menge von Instrumenten zur Vertilgung der Menschen..." erklärte der Teufel lachend.„Wo ist das Leben inehr zerstückelt, als unter dieser Rasse, und wo der Mensch tiefer herabgesetzt als unter den Weißen?" „Vielleicht hat aber der Teufel nicht immer Recht?" fragte ich. „Die Kunst der Europäer erreichte eine unermeßliche Höhe." murmelte das Skelett trocken und langweilig. „Vielleicht möchte sich der Teufel ganz gern irren!" rief mein Be- gleiter.„Es ist doch langweilig, immer Recht zu haben. Aber die Menschen leben nur dazu, meine Verachtnng zu nähren.... Die Saaten der Körner Gemeinheit und Lüge bringen auf Erden die reichste Ernte hervor. Da steht der Säemanu vor Dir. Wie sie alle... hat er nichts Neues hervorgebracht, er hat nur die Leich» name alter Vorurteile auferweckt und sie in die Gewänder neuer Worte gekleidet... Was ist auf Erden geschehen? Paläste sind erbaut worden für die Wenigen, Kirchen und Fabriken für die Vielen. In den Kirchen werden die Seelen getötet, in den Fabriken — die Körper, und das alles, damit die Paläste uncrschüttert fest stehen... Die Menschen werden tief in die Erde nach Kohle und Gold geschickt— und die schändliche Arbeit wird mit einem Stück Brot bezahlt, mit Zutat von Blei und Eisen." «Sie sind— Sozialist?"— fragte ich den Teufel. „Ich will Harmonie I"— antwortete er.—„Mir widerstrebt eS, wenn man den Menschen, ein Wesen, das seiner Natur nach etwas Ganzes, Ungeteiltes ist, in nichtige Stücke zerteilt, wenn man aus ihm ein Werkzeug für die gierige Hand des anderen macht. Ich will keine Knechte, Knechtschaft ist meinem Geist zuwider... Und dafür hat man mich aus dem Himmel geworfen. Wo Autoritäten sind, da herrscht unvermeidlich geistige Knechtschaft, da wird der Schimmel der Lüge immer prächtig blühen... Es lebe die ganze Erde I Möge sie ganz den ganzen Tag brennen und wenn zur Nacht nur ihre Asche übrig bliebe. Einmal müssen sich notwendig alle Menschen verlieben.... Die Liebe, ein wunderbarer Traum, träumt nur einmal, aber in diesem Einmal— liegt der ganze Sinn des Daseins..." Das Skelett stand auf, lehnte sich an den schwarzen Grabstein und leise stöhnte der Wind in der leeren Zelle seiner Rippen. „Ihm muß es kalt und unbequem sein l" sagte ich zum Teufel. „Ich sehe mit Behagen auf den Gelehrten, der sich von allem Ueberflüssigen befteit hat. Sein Skelett— ist das Skelett seiner Idee... Ich sehe, wie originell sie war.... In einer Reihe mit ihm liegen die Reste eines anderen Wahrheitssäers. Wollen wir ihn auch aufwecken. Im Leben lieben sie alle die Ruhe und mühen sich ab, eine Norm für die Gedanken, für das Gefühl, für das Leben zu schaffen— verstümmeln sie neugeborene Ideen und fertigen bequeme Särge für sie an. Und sterbend wünschen sie noch, daß man ihrer nicht vergesfe.... Kompratschikos, stehen Sie auf l Da habe ich Ihnen einen Menschen gebracht, der einen Sarg für seine Gedanken braucht." Und wieder erhob sich vor mir auS der Erde ein hohler und nackter Schädel, zahnlos und gelb, aber immerhin mit einem Schimmer von Selbstzufriedenheit. Er lag wohl lange schon in der Erde, denn seine Knochen waren frei von Fleisch. Er stellte sich an seinen Grabstein und seine Rippen projizierten fich auf dem schwarzen Steine wie die Tressen auf der Uniform eines Kammerherrn. „Wo bewahrt er seine Ideen auf?" fragte ich. „In den Knochen, mein Freund, in den Knochen I Bei ihres- gleichen sitzen die Ideen tief in den Rippen— wie Rheumatismus und Podagra." „Wie stehts mit meinem Buch, Herr?" fragte hohl das Skelett. „Es liegt immer noch, Professor I" antwortete der Teufel. „Wie, haben die Menschen etwa das Lesen verlernt?" sagte der Professor nach einigem Nachdenken. „Nein, Dummheiten lesen sie noch wie früher außerordentlich gern... aber die langweilige Dummheit mutz oft lange warten, bis man auf sie aufmerksam wird... Der Professor", wandte fich der Teufel zu mir,„hat sein ganzes Leben lang hie Schädel der Frauen ausgemessen, um zu beweisen, daß das Weid kein Mensch ist. Er maß Hunderte von Schädeln, zählte die Zähne, maß die Ohren, fvofl tote Gehirne. Die Beschäftigung mit toten Gehirnen war die Lieblingsarbeit des Professors, davon legen alle seine Bücher Zeugnis ab. Haben Sie sie gelesen?" „Ich gehe nicht in die Tempel durch die Wirtshäuser", ant- wortete ich.„Und ich kann den Menschen nicht auS Büchern studieren— denn die Menschen find darin immer nur Brüche, und ich verstehe wenig Arithmetik. Wer ich glaube, der Mensch ohne Bart und im Rock— ist nicht besser und nicht schlechter als der Mensch mit Bart, in Beinkleidern und mit Schnurrbart.___* „Fa". sagte der Teufel.„Gemeinheit und Dummheit dringen ohne Nückficht auf Tracht und Menge des KopshaarS inS Gehirn ein. Aber immerhin ist die Frage über das Weib interessant." Der Teufel lachte wieder wie gewöhnlich hell aus. Er lacht immer— und deshalb ist es angenehm, mit ihm zu plaudern. ..Wer es versteht und fertig bringt, auf dem Friedhofe zu lachen, der— glauben Sie mir's!— liebt das Leben und die Renschen... (Fortsetzung folgt.) Kleines Feuilleton. Hygieuisches. Die Verunreinigung der Luft. Es gibt Fragen der Kolksgesundheitspflege, die gar nicht häufig genug erörtert werden können, damit die sich daraus ergebenden Forderungen mit dem größten Nachdruck und in immer wiederkehrender Wiederholung erhoben werden. Dazu gehört die Frage der Verunreinigung der Lust durch die Industrie und die Bekämpfung ihrer Folgen. Man kann den Kreis der Betrachtung auch noch weiter ausdehnen und die ganze An- gelegenheit in zwei Gruppen von Aufgaben trennen, deren eine die Verhütung des AnStrelenS giftiger Gase in die Atmosphäre um- fasten würde, während die andere die Technik der Ventilation in sich begreift. Welcher von diesen beiden Teilen der wichtigere ist, läßt sich kaum sagen, aber die Mängel der bisher gebräuchlichen Mittel zur Lnftverbefierung sind unter allen Umständen als ein unserer sonst so hoch gestiegenen Technik unwürdiger Zustand zu bezeichnen. Es sollte nur erst einmal dafür gesorgt werden, daß jeder weiß, was für Luft er m öffentlichen und anderen Gebäuden atmet, und dann wird sich wohl auch die Einsicht in die Notwendigkeit der Abhülfe finden. Zum Vorbilde lasten sich die Untersuchungen des englischen ProfesiorS William Thomson an der Lust der Fabrikstadt Manchester nehmen. Er hat dazu ein Verfahren benutzt, das an Einfachheit nichts zu wünschen läßt. Die zu prüfende Luft wird mit einem gewöhnlichen BlaSbalg in eine Flasche gepreßt und dann einem simplen chemischen Verfahren unterworfen. Die Ergebnisse der Analysen der Luft aus verschiedenen Gebäuden in leerem und in gefülltem Znstande, die der„Lancet" zusammenfastend bespricht, sind höchst lehrreich ausgefallen und ganz dazu geeignet, die bis- herigen Anschauungen umzuwälzen. Im allgemein wird ein Gehalt von 6 Teilen Kohlensäure m 10 lXZO Teilen Luft für geschlostene Räume als zulässig erachtet, und daS mag ungefähr zutreffen. In Industrie- städten oder auch in schlecht ventilierten und stark benutzten Räumen überhaupt wird die Grenze jedenfalls nur selten eingehalten. In Manchester ergab die Luft der Zimmer zweier Knabenschulen 11,2 und 11,7 Teile Kohlensäure, die einer Mädchenschule sogar 14.9. In einer anderen Knabenschule wurde der Gehalt zu 18,2 gefunden. In einer Kapelle bei Manchester wies die Luft am Schluß deS Gottesdienstes sogar den ungeheueren Gehalt von 44 Teilen Kohlensäure auf 10 000 Teile Luf auf. In einer Konzerthalle betrug er vor einer Aufführung 5,2 und illt Stunden später schon 11,2. Wenn mm durch Ventilation eine Verbesterung dieses Uebelstandes herbei- geführt werden soll, so sind die dazu verftägbaren Mittel auch nicht »mnrer einwandSfrei. In einer neuerbauten technischen Schule, die mit einer besonders sorgfältig hergestellten Ventilation ausgestattet ist. betrug der Kohlensäuregehalt in der Tat nur ßVi auf 10000, und dennoch beklagten sich dort die beschäftigten Leute dauernd über schlechte Lust. Thomson führt diese Tatsache auf daS hei dieser Ventilation benutzte Verfahren zurück, die Luft zu „waschen". Zu feuchte Luft wirkt nämlich weniger kräftig auf das Blut ein und verursacht aus diesem Grunde das bekannte Unbehagen. Das Waschen der Lust, das auch bei den großartigen VentilationS- anlagen im Londoner Parlament eingeführt worden ist, wird also wohl wieder aufgegeben werden oder man wird dafür sorgen müffen, daß die Luft nachher wieder getrocknet wird. Meteorologisches. Ein Kugelblitz im Hause. Unter den verschiedenen Formen, in denen der Ausgleich der atmosphärischen Elektrizitäten stattfindet, ist der Kugelblitz eine der seltensten. Im allgemeinen erinnert das Auftreten und Verschwinden der elektrischen Feuer- kugeln an einen Meteorsteinfall, der ja in ähnlicher Weise häufig mit einem unter Detonation erfolgenden Zerspringen des Himmclsgeschosses endet. Eine genaue Beschreibung dieses Kugel- blitzes, der durch die besondere» Berhältniffe unter gewöhnlich guten Bedingungen beobachtet melden konnte, hat Isidor Bay der Wariser Akademie der Wiffenschaften vorgelegt. Er schildert die eigentümlichs Erscheinung in nachstehender Weise: Genau V« elf Uhr abends erdröhnten drei heftige Donnerschläge in Zwischen- pausen von etwa einer Sekunde. Wir sahen dann eine weiß- glühende, etwas rötliche Kugel von etwa 15 Zentimeter Diurch- messer, die unbeweglich an der Zinrmerwand schwebte und am Draht der elektrischen Hausklingel in einer Höhe von einem halben Meter über dem Druckknops gewissermaßen zu haften schien. DaS Phänomen hielt etwa fünf Minuten unverändert an. Dann der« schwand der Fouerball durch die Wand, in die er ein Loch von etwa 1 Zentimeter lichter Weite schlug. Gleichzeitig erfolgte eine Dero- nation in einem anderen Zimmer des Hauses, das mit dem ersten durch die Leitung der elektrischen Klingel in Verbindung steht. Eine dort besindliche Petroleumlampe erlosch. Der Blitz nahm seinen Weg weiter durch die Wand nach den Toilettenräumen und von dort durch das Wasserleiwngsrohr zur Erde. Das Zimmer selbst war von starkem Ozongeruch erfüllt. Der Blitz war durch die Stange der Wetterfahne in das Haus eingetreten und von dort, nachdem er eine Mauer durchschlagen hatte, auf die Drahtleitung der Klingel übergesprungen. Die Detonation im zweiten Zimmer war von keinem außerhalb hörbaren Donner begleitet. Ans dem Tierleben. Ein stoisches Tier. Der Philosoph unter Seti Tieren wird gewöhnlich der Esel genannt, aber wenn man große Gemüts- ruhe in diesem Fall als das Hauptmerkmal des philosophischen Charakters bewertet hat, so ließen sich noch andere Tiere finden, die denselben rühmlichen Beinamen verdienten. Ein in dieser Hinsicht ebenso außerordentlich begabtes Geschöpf ist der W o m» bat, der in der Rangstufe des Säugetierreiches freilich vom Esel sehr weit entfernt ist. Dabei ist der Wmnbat gar kein unansehw- liches Tier, aber er hat das Unglück, zur Ordnung der Beuteltiere zu gehören, die ganz am Anfang der EntWickelung der Säugetiere stehen und daher zu den niedrigsten Vertretern der ganzer» Klasse gerechnet werden müssen. Nach seiner äußeren Erscheinung aber könnte man den Wombat ganz wohl mit einem kleinen Bären oder mit einem besonders großen Nagetier vergleichen und würde keinesfalls auf den Gedanken kommen, daß er ein so rückständiges Mitglied der Säugetierklasse ist. Ueberhaupt zeichnen sich ja die Beuteltiere dadurch aus,'daß sis eine große Mannigfaltigkeit von Formen umfassen, die für sich allein verschiedenen Gruppen höherer Säugetiere mehr oder weniger ähnlich sehen, aber durch den Besitz eines Beutels und die dadurch bedingte primitive Art der Geburt und Pflege ihrer Nachkommenschaft genieinsam auf die unterste Stufe verwiesen werden. So ungleich ein Känguruh und ein Wombat nebeneinander aussehen mögen, sind sie doch nahe Ber- wandte dadurch, daß die Muttertiere beider Arten die Jungen in einem Beutel mit sich herumtragen, bis sie nach langer Zeit zu einem Leben auf eigene Faust freigelassen werden. Wenn man einen Wombat in seinem Verhalten beobachtet, wozu viele Samm- lungen und neuerdings auch wieder der Berliner Zoolo- g i s ch e Garten Gelegenheit geben, so wird man verstehen, das vor sich zu haben, was man einen tüchtigen Kerl nennt. Die feste gedrungen« Gestalt, die mächtigen Waffen im Gebiß und an den Füßen, die ruhig sichere Art der Bewegungen, geben den Ein- druck eines Geschöpfes, das sein Leben zu gestalten und sich seiner Haut zu wehren weiß. Vor allem aber ist die philosophische Ruhe imposant, die der Wombat in jeder selbst gewählten oder im Leben ihm aufgezwungenen Lage beobachtet. Rur wenn er sehr geärgert wird, stoßt er ein drohendes Brummen aus, das dem Urheber der Störung zum Anlaß dienen sollte, ihn lieber in Ruhe zu lassen. Das Tier, das wie die meisten Beutler in Australien und den be- nachbarten Inseln heimisch ist, ergibt sich auch in die Gefangen- schaft des Menschen mit stoischem Gleichmut, aber niemand darf von ihm erwarten, daß er auch nur das geringste Entgegenkommen oder gar irgendwelche Dankbarkeit für Pflege, gute Behandlung oder dergleichen äußern sollte. Der Vorschlag, der m Frankreich einmal gemacht worden ist, den Wombat in Europa als HauStier anzusiedeln, dürfte bei seiner Verwirklichung nur zu einer recht minderwertigen Bereicherung führen, zumal auch fein Fleisch, das von den australischen Eingeborenen als Delikatesse geschätzt wird. für den europäischen Gaumen kaum verführerisch sein würde. Für den Freund der Tierpsychologie aber hat der Wombat besonders fesselnde Eigenschaften, eben wegen seiner im höchsten Grade cnt« wickelten Gleichgültigkeit und wegen seines Eigensinns. Von Reisenden in Australien ist berichtet worden, daß der Wombat. wenn er sich einmal auf die Wanderschaft begeben hat, nur durch gewaltsame Einflüsse von seinem geraden Wege abzubringen ist. Kommt er beispielsweise an ein trockenes Flußbett mit steilen Ab- hängen, so läßt er sich lieber wie ein Stein hcrunterkugeln, als daß er dem Hindernis auswiche. Von gefangenen Wombats hat unser„Brehm" berichtet, daß sie ein van ihnen gegrabenes Loch, wenn es ihnen hundertmal hintereinander wieder verstopft wird, hundertmal wieder ausgraben. In der Ausbildung des Gebisse» gleicht der Wombat den weit hichcrstehenden Nagetieren und ist vielleicht auch als dessen Urahn in der Entwickelungsreihe zu be- trachten. Er niimmt in der Gefangenschaft auch Milch zu sich, die er aber zuweilen mit Badewasser verwechselt und als solches be- nutzt Mietmixo. Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.