Zwterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 97. Mittwoch, den 20 Mai. 1908 (Nachdruck verboten.) 33] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen Extragenuß vergönnen. Heute war Dienstag, und am Frei- tag gab es„Lohengrin" im Theater. Diesmal wollte er wirklich hin. „Aber nun tu's auch!" riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde. „Ja, ja— natürlich!" beteuerte Ludwig. Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: „Geh nun aber auch wirklich hin!" „Gewiß, gewiß!" sagte Ludwig. Am Donnerstag sagten sie:„Wirst du nun auch nicht wieder sagen:„Ach, wozu soll ich hingehen?" „Nein, nein— wenn ich's doch sage!" Er war auch am Freitag mittag noch fest entschlossen und freute sich. Als er um sechs Uhr noch keine Miene zum Aufbruch machte, rief Frau Rebekka: „Du, du— du mußt jetzt gehen." „Ach, ich Hab mir's anders überlegt," sagte Ludwig. „Was soll ich da." Ja, was sollte er da. Erstens war sein Asmus nun am Ziel, und das war ein Glück, das eigentlich für den Nest seines Lebens allein artzs- reichte und das er jedesmal neu genoß, wenn Asmus den Blick wegwandte und er ihn ungestört betrachten konnte. Zweitens hatte er am Lohengrin schon so viel Vorfreude genossen, daß eine Steigerung nicht mehr denkbar war. Und drittens tauchten auf der grauen Wand vor seinem Zigarrentische, sobald er befahl, alle Sagen der Vorwclt auf, nicht die vom Schwanenrittcr allein, und belebte sich der stauberfüllte Raum mit Klängen, die an kein irdisches Jnslru- ment und keine menschliche Schrift gebunden waren. Frau Rebekka war gründlich böse und schalt.„Ich versteh den Mann nicht." rief sie. Asmus verstand ihn. Er dachte daran, daß er nun bald als Lehrer vor 6l) Kindern stehen werde: er blickte von der Seite her in des Vaters Auge, in dem die Abendsonne liebend verweilte, und er verstand, daß man selig sein kann im Glück seiner Träume. Drittes Buch. Kampf und Liebe. 36. Kapitel. (Was für ein Mann Herr Drögemüller war und was für Lieder deutsche Kinder singen.) Der erste Eindruck, den Asmus Semper von Herrn Drögemüller, seinem Houptlehrer und Vorgesetzten, empfing, war nicht übertrieben verlockend. Der Kopf des Mannes glich einer stark vergrößerten Billardkugel, der man einen Rettich- schwänz als Bart angeheftet und die man im übrigen noch mit einer blauen Brille geschmückt hat. Nase, Mund und Stirn wären in jedem Signalement als gewöhnlich bezeichnet worden. Herr Drögemüller kanzelte gerade einen kleinen, kümmerlich dreinschauenden Buben ab, weil er auf Holz- Pantoffeln zur Schule kam. Er behandelte das gleichsam wie einen moralischen Defekt, dessen man sich zu schämen habe. und erklärte dem verschüchtert dastehenden Kinde, wenn das noch einmal vorkomme, werde er ihm einen„Tadel in Ord- nung" geben. „Wenn man das hingehen läßt," sagte Herr Drögcmüllcr, „dann kommen immer mehr mit Holzpantoffeln, und man kann das Geklapper auf den Treppen nicht mehr aushalten." Asmus hatte auf der Zunge, zu sagen:„Aus Uebermut trägt wohl der Mensch keine Holzklötze an den Füßen; Stiefel sind ihm ohne Zweifel bequemer, wenn er sie hat": aber er wollte sich nicht gleich opponierend einführen und sagte des- halb nur: „Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?" „Gewiß!" versetzte der Hauptlehrer:„ich niöchte ihm ein Waar Stiefel anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen— getauft ist er nämlich auch nicht— da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was ihr Mann wolle, das wolle sie auch." „Hm," machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war schon festgestellt. Er unterschied sich insofern vorteilhast von dem„Schul- meister von Stanz", als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis ge- knoteten Bindcschlipsen, und als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete, da las er unaufhörlich 1X1X1X1X1X1... Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von „Lienhard und Gertrud" war dieser Mann gewiß nicht, „Abendstunden eines Einsiedlers" träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerste er sogar liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen Fähigkeiten gerade an der„ihm unterstellten" Schule angestellt zu sehen. Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht willkürlich zu verändern: diese Menge von Kindern aber war in ihren Be- wegungen l)vchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsie aufpassen, daß keine über den Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebe- voll vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der Aussicht droben:„Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer wird dich schon bläuen." Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß der„Herr Lerrer" kein Menschenfresser sei und sogar großartigen „Spaß" mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen Schrittes auf die Tür zu. „Wohin?" fragte Asmus. „Ich will'n büschen'raus!" versetzte das Bllrschchen un- befangen. „Was willst Du denn draußen?" „Och,'n büschen spielen." „Ja, Mensch, so allein spielen, das macht doch keinen Spaß. Wart' nur noch einen Augenblick, dann gehen wir alle hinaus und spielen„Jäger und Hund". Das leuchtete dem Flüchtling ein.„O djä!" rief er, senkte beide Fäustchen in die Hosentaschen und ging»vieder auf seinen Platz. „Du, ich Hab' Limburger Käse aufs Brot!" rief eine Stimme aus dem Hintergründe. Asmus ging hin und äußerte seine teilnehmende Begeisterung iiber den Limburger Käse. Natürlich mußte er jetzt den Inhalt zahlloser Früh» stücksdosen bewundern. „Ich Hab' Leberwurst auf'm Brot!"„Ich Hab' 'ne Apfelsine!'„Ich Hab' Schokolade!" schrie es durcheinander. „Ihr könnt wohl lachen!" sagte Asmus.„Meine Mutter hat mir keine Schokolade mitgegeben." „Da!" Ein Junge sprang aus der Bank und hielt ihm ein Stück Schokolade hin. Asmus dankte gerührt, löste das Papier von der Schoko- lade und wollte sie dem Geber in den Mund schieben; der aber lehnte entschieden ab. Da sah Asmus zwei brennende Augen in verzehrendem Verlangen auf sich gerichtet; waren die Augen eines düftig gekleideten, blassen Bürschchens. „Soll c r sie haben?" fragte Asmus den Spender. Der nickte eifrig ja, und begierig griff der Verlangende nach der köstlichen Leckerei. Um den Schwärm endlich zu beruhigen, sagte Asmus: »Soll ich Euch mal'ne Geschichte erzählen?" „O ja, man zu, man zu!" schrien sie durcheinander. Und er erzählte ihnen das Ur- und Anfangsmärchen vom Rot- käppchen, das sie alle verstehen und das sie beim hundertsten Male ebenso gern hören wie beim ersten Male. Als er mitten in? Erzählen war, kam ein Junge aus der Bank heraus, ging aus Asmussen zu, ergriff dessen Hand und sagte: „Tu, ich inag Dir gerne leiden." .,<£oo?" sagte Asmus;„Junge, das ist ja prachtvoll; ich Dich auch; aber dann mußt Du jetzt auch ganz still sitzen und zuhören!" „Ja," erklärte der Kleine überzeugt und ging ruhig wieder an seinen Platz. Für einen anderen aber hatte Asmussens Erzählung offenbar keinen Reiz. Er erhöh sich und steuerte geraden Wegs auf die Tür zu. „Was willst Tu denn?" fragte Asmus. „Ick will noh Hus," lautete die sehr entschiedene Ant- wort. „Jä, dat gciht ober nich; Tu muß noch'n bitten hier- blieben." Ter kleine dicke Bursche erplodierte in einem furchtbaren Geheul. „Ick will ober noh Huuus!" brüllte er. „Wat wullt Tu denn bor?" „Ick will bi min Mudder sin!" „Minsch, de Klüten(Klöße) sünd jo noch gornich fertig." Ter Kleine nahm die Fäuste von den Augen und starrte ihn sprachlos an. „Tu wullt wull gern Klüten un Plum'n(Pflaumen) ectcn, wat?" fragte Asmus. „Jo,;' versetzte der Kleine, von so viel Verständnis seiner Seele iihcrrascht. „Jä, Hein, de sünd jo noch gornich gor! Blieb man noch'n bitten sitten; ich segg Ti denn Bescheid, wenn Tin Mudder se fertig hett." Aus diesen Kontrakt ging Heinrich Lohmann ein und verfügte sich langsam wieder an seinen Platz. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Cm trauriger friikling. Von V. B. Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von A. Cronau. (Schluß.) Sie sagten eS wirklich. Sie hörte es, zwar nicht mit den Ohren, aber mit den Augen, und obwohl die Knochen ihr vor Ermüdung schmerzte», lief sie zum Wassergraben, uni die Gießkanne zn fülle», und taufte die kleinen Strolche, die unter der Dusche dankbar grüßten. Ihre Hände zitterten oft, wenn sie den Stengel der Blumen abschnitten. Wäre es nach ihr gegangen, so hätte man sie da ge- lasfen, bis sie vertrockneten, aber man niußtc Geld verdienen und gefüllte Korbe nach Madrid schicken. Sie beneidete die Blumen, wenn sie sie die Reise macheu sah. Madrid! Wie sah das wobl aus I Sie erblickte eine phan- tastijche Stadt mit präckzligen Palästen, wie die in den Märchen, glänzende Porzellansälc mit Spiegeln, die Tausende von Lichtern zurückstrahlten, schone Damen, die ivie Blumen schimmerten, und die Stärke des BildeS Ivar derart, daß sie glaubte, dies alles schon früher gesehen zn haben, vielleicht vor der Geburt. Dort in Madrid war der junge Herr, der Sohn der Herrschaft, mit dem sie als Kind oft gespielt hatte, und dessen Gegenwart sie im vergangenen Sammcr verschämt geflohen war, als er als stolzer Jüngling den Garten besuchte. Wie viel scherzhafte Erinnerungen I Sie errötete, wenn sie an die Stunden dachte, die sie als Kinder, auf einem kleinen Hügel sitzend, zusammen verbracht hatten, wenn sie dann die Geschichte vom Aschenbrödel hörte, dem verachteten Kind, das plötzlich eine stolze Prinzessin wurde. Die ewige Chimäre aller verlassenen Kinder berührte nun auch ihre Stirn mit den Goldflügeln. Sie sah einen prächtigen Wagen vor der Pforte des Gartens halten, eine schöne Frau rief sie heran. „O, meine Tochter, endlich finde ich Dich." Genau so wie in der Legende; hierauf kamen die sitächtigen Kleider, ein Schloß als Haus, und schließlich, da nicht immer gerade Prinzen zum Heiraten da sind, begnügte sie sich bescheiden dannt, ihren jungen Herrn zun, Gatten zu machen. Wer weiß?... Und wenn sie sich gerade die größten Hoff- nungen für die Zukunft machte, weckte die Wirklichkeit sie in Gestalt eines rohen Erdklumpens auf, während der Alte rauh sagte: „Hü! Es wird Zeit!" Nun ging es wieder an die Arbeit, die Erde zu quälen, die wehklagte, indem sie sich mit Blumen bedeckte. Die Sonne brannte auf den Garten, machte, daß die Rinde der Bäume platzte; beim lauen Tagesanbruch schwitzte man bei der Arbeit, als ob es Mittag wäre, und trotzdem wurde Borda immer dünner, hustete sie immer mehr. Es schien als ob die Farbe und das Leben, die ihrem Antlitz fehlten, von den Blumen an sich gerissen wären, die sie mit unaus- sprechlicher Traurigkeit küßte. Niemand dachte daran, den Arzt zu rufen. Wozu? Die Aerzte kosteten Geld, und Gevatter Tofol glaubte nicht an sie. Die Tiere wissen weniger als die Menschen, und es geht ihnen so gut ohne Aerzte und Apotheken. Eines Tages tuschelten ihre Kameradinnen auf dem Markt unter sich und sahen sie dabei mitleidig an. Ihr feines Gehör, wie es den Kranken eigen ist, vernahm alles. Sie würde sterben, wenn die Blätter fielen. Diese Worte verfolgten sie unaufhörlich.... Sterben!.... Schön, sie ergab sich darin, aber für den Alten, der ohne Hülfe blieb, tat es ihr leid! Wenn sie nur, wie ihre Mutter, in der Mitte des Frühlings sterben würde, wenn der ganze Garten fröhlich in sein tolles Farbengelächter ausbrach, nicht, wenn die Erde verödet ist, wenn die Bäume wie Beseu aussehen und die schwächlichen Winterblumen traurig auf den Beeten stehen. Wenn die Blätter fallen... Sie verabscheute die Bäume, deren Aeste sich im Herbst wie Skelette entblätterten, sie floh vor ihnen, als ob ihr Schatten Schaden brächte, und sie verehrte eine Palme, die die Mönche im vorigen Jahrhundert gepflanzt hatten; es war ein schlanker Riese, dessen Kopf von einer Fontäne von wogenden Federn ge- krönt war. Diese Blätter fielen nie ab. Sie ahnte wohl, daß es vielleicht eine Dummheit wäre, aber ihr Hang für das Wunderbare ließ sie Hoffnung hegen, und wie einer, der am Fuße eines wunder- tätigen Bildes Heilung sucht, so verbrachte die arme Borda die Augenblicke der Ruhe am Fuße der Palme, die sie mit dem Schatten ihrer spitzen Aeste beschützte. Hier verbrachte sie den Sommer, sah sie. wie die Sonne, die sie nicht wärmte, die Erde zum Dampfen brachte, als wolle aus ihren Eingeweide» ein Vulkan herauSkonnnen; hier wurde sie von den ersten Herbstwinden überrascht, die die dürren Blätter fortwehten. Sie wurde inimer dünner, immer trauriger, von einer solchen Feinheit�der Wahrnehnmng, daß sie die fernsten Töne hörte. Die weißen Schmetterlinge, die um ihren Kopf herumflattertcn. schlugen mit den Flügeln in ihren kalten Stirnschiveiß, als ob sie sie nach anderen Welten fortziehen wollten, wo die Blumen von selbst wachsen, ohne in ihrer Farbe und Duft etwas vom Leben dessen fortzutragen, der sie pflegt. Die Regenschauer des Winters fanden Borda nicht mehr. Sie fielen auf das gekrümmte Rückgrat des Alten, der wie immer den Spaten in den Händen hatte und das Gesicht auf die Furche gcbcngt bielt. Er erfüllte seine Pflicht mit der Gleichgültigkeit und dem Mute eines an Mannszucht gewöhnten Soldaten des Elends. Arbeiten. viel arbeiten, damit der Napf Reis und die Zahlung an den Herrn nicht fehlten. Er war allein, die Kleine war ihrer Mutter gefolgt. Das. einzige, was ihm verblieben war, war diese treulose Erde, die die Leute aussog und auch ihm den Garaus machen würde, sie, die iinmer mit Blumen bedeckt, duftend und fruchtbar war, als ob der Tod nicht über sie dahingegangen wäre. Nicht einnial ein Rosen- stock war verwelkt, um die arme Borda auf ihrer Reise zu be- gleiten. Mit seinen siebzig Jahren hatte er für zwei zu arbeiten; er schaufelte die Erde noch zäher als sonst um, ohne den Kopf dabei zu erheben, unberührt von der trügerischen Schönheit, die ihn um- gab, wußte er doch, daß sie das Produkt seiner Sklaverei war; ihn trieb allein der Wunsch, die Schönheit der Natur zu verkaufen, und er schnitt die Blumen mit demselben Eifer ab, als ob es Gras wäre. (Nachdruck verboten.) Die k>imme!skanone. Zur Erfindung des Fernrohrs vor 300 Jahren. Von Tr. Kurt Rudolf Kreuschncr(Berlin). Es war im Mai 1609, als der berühmte italieniscbc Physiker und Astronom Galileo Galilei, der damals an der Universität Padua Mathematik lehrte, aus Holland die Beschreibung eines optischen Instrumentes erhielt, mittels dessen man imstande sei, entfernte Gegenstände unter einem größeren Sehwinkel als mit freiem Auge, also gleichsam näher gerückt und vergrößert zu er- blicken. In mechanischen Arbeiten wohl erfahren, ging er sofort an die Konstruktion eines solchen Instrumentes, von dem er sich sagte, dah es bei der Beobachtung des Sternhimmels unschätzbare Dienste leisten müsse. Der Erfolg übertraf seine kühnsten Er- Wartungen. Schon in seinem Sidereus nuntius(Sternenboten) vom Jahre 1610 konnte er den zeitgenössischen Astronomen von einer Reihe bahnbrechender Entdeckungen am Himmelszelt Kunde geben, die ihm im Laufe nur weniger Monate gelungen waren und die Vorurteile aristotelischer Weisheit über den Haufen warfen, an denen das Mittelalter zum grösttcn Schaden der Wissen- schaftcn festgehalten hatte. Galilei erblickte damals als erster die Gebirge der Mondoberfläche, an denen er bald darauf auch Höhcnmessungen vorzunehmen begann, erkannte die sichelförmigen, wechselnden Phasen von Mars und Venus, er sah, wie der an- scheinend gleichmäßige Schimmer der�Milchstraße sich in ein un- zähliges Heer kleiner und kleinster Sterne auslöste. Am Abend des 7. Januar 1610 aber sah er zum ersten Male die vier helleren Monde des Jupiters, jenes Modell des ganzen Sonnensystems, das auch die� Gegner der von dem Frauenburgcr Domherrn Kopernikus mit mathematischer Schärfe nachgewiesenen helio- zentrischen Lehre(daß die Sonne und nicht die Erde den Mittel- Punkt unseres Systems bilde) durch den Augenschein zu der Erkenntnis bekehren mußte, daß die meisten Zcntralbewcgungen im Weltall keineswegs um die Erde als Mittelpunkt stattfinden, wie man es in unglücklicher Vcrquickung von Astronomie und Theologie bis dahin angenommen hatte. Die Erde war von ihrem Throne als Mittelpunkt der Welt gestoßen. Es war als ob die Menschheit bisher in einem vom Lichte des Tages geschiedenen Räume gelebt hätte, dessen Fensterläden plötzlich zertrümmert wurden und ihr den Ausblick in die Welt freigaben. Die Astro- nomie aber, die von nun an in engste Beziehung zur Mechanik trat, hatte das Werkzeug erhalten, mit dem der an der Erden- schölle klebende Mensch in die entlegensten Fernen des Weltalls drang, von denen das Licht Tausende von Jahren braucht, um bis zu uns zu gelangen. Auch an die Erfindung des Fernrohrs, die vor nunmehr 300 Jahren glückte, heftet sich der Treppenwitz der Weltgeschichte. Daß eine Entdeckung und Erfindung von überragendem Werte meistens unter sehr prosaischen Umständen gelingt, will der an komödienhaften Anekdoten hängenden Menge nicht in den Kopf. Man begnügt sich nicht mit Verschönerungen, sondern erfindet geradezu Pointen, die ihrer Wirkung aus naive Gemüter stets sicher sind. Aus diesem Grunde spukt auch noch heute selbst in Schulbüchern das Märchen, daß es Kinder gewesen wären, die beim Spielen mit Brillengläsern zufällig auf die richtige Zu- sammenstcllung der Glaslinsen geraten seien. Das artige Ge- scbichtchen ist, wenngleich seine Möglichkeit auch nicht positiv widerlegt werden kann, schon deswegen sehr unwahrscheinlich, weil seit der Erfindung des Mikroskops im Jahre lööO verschiedene hervorragende Optiker sich um die Konstruktion eines in die Fernen des Makrokosmos dringenden Instrumentes bemühten, das als Gegenstück zu dem die Welt des.Kleinen und Kleinsten auflösenden'Mikroskop sozusagen zu den Dingen gehört, die die nächste Zukunft erfinden mutzte. Richtig ist allerdings, daß über die ersten Anfänge der Er- sindung noch heute nicht völlige Klarheit geschaffen ist. Zwei Optiker, die im Anfange des 17. Jahrhunderts in Middelburg in Holland lebten, der Erfinder des Mikroskopes, Zacharias Jansen, und Hans Lippershcy, der mit dem Mathematiker Adrian Mctius in enger Verbindung stand, haben sich die Urheberschaft der Er- findung streitig gemacht, und ihre Nachkommen haben diesen Kampf mit Leidenschaftlichkeit fortgesetzt. Die neuere Forschung bat sich aber für Lippershcy entschieden; denn wenn dieser mög- licherwcise vielleicht auch nur Anregungen, die er von Adrian Mctius erhalten haben soll, die äußere Form der Ausführung ge- geben hat, so ist er ohne Zweifel derjenige, der das erste Fern- röhr anfertigte. Tie zur Lösung der Aufgabe führenden Versuche scheinen von ihm im Frühjahr oder Sommer 1608 vorgenommen zu sein; denn schon am 2. Oktober desselben Jahres konnte er das fertige Instrument dem damaligen Statthalter der Generalstaaten, Prinz Moritz von Nassau, vorlegen, der ihm durch Dekret vom 15. Dezember desselben Jahres eine Belohnung von 000 Gulden anwies. Das holländische Fernrohr, das, wie schon erwähnt, von Galilei sofort nachkonstruicrt und zu astronomischen Beobachtungen be- nutzt wurde, gestattet aus hier nicht näher zu erörternden Gründen der mathematischen Optik keine besonder? starken Vergrößerungen. Es fand aber namentlich deswegen eine überraschend schnelle Ver- brcitung, weil es sich wegen seiner geringen Länge bequem band- babcn läßt. Schon im April 1600 war es in Paris im offenen Handel und bald lieferte Lippcröhcy auch das Binokularfernrohr, das das gleichzeitige Sehen mit beiden Augen ermöglichte und noch heute in Gestalt der Operngucker mit zwei- bis dreimaliger Ver- größcrung und der Feldstecher in Gebrauch ist, bei denen sich die Vergrößerung nicht höher als bis auf das zwanzig- bis dreißig- fache treiben läßt.______ Die praktische Bcobachtunpstätigkeit der Astronomen verlangte nach leistungsfähigeren Fernrohren, die mit bedeutender Lichtstärke auch ein großes Vermögen der Raumdurchdringung und Auf- lösung verbinden. Tie Lösung dieser Aufgabe gelang dem unstcrb- liehen Kepler, der, damals als Nachfolger Tycho Brahes in Prag im Dienste des gespenstcrgläubigen kaiserlichen Astrologen Rudolf II. stehend, in seinem 1611 erschienenen Werke„Dioptrice", einer Ab- Handlung über Linscnthcorie, die Konstruktion des sogenannten astronomischen Fernrohrs angab. Er selbst hat allerdings kein derartiges Instrument erbaut, vielmehr wurde das erste 1613 durch Christian Schciner, einen gelehrten, 1650 in Neiße gestorbenen Jesuiten, ausgeführt, der als erster am 21. März 1611 einen Sonncnflcck gesehen hatte, auf Befehl seines Ordens aber darüber Stillschweigen beobachten mußte, weil Aristoteles von Sonnen, flecken nichts zu berichten weiß., Auch mit dem astronomischen Fernrohr, das die Gegenstände bekanntlich verkehrt, nämlich oben mit unten und links mit rechts vertauscht zeigt, war dem Bedürfnis des Laien selbstverständlich nicht Genüge geleistet, der mit einer auf dem Kopfe stehenden Landschaft nichts anzufangen weiß. Erst 1645 gelang es dem Kapuzinermönch Anton de Rheita dcks sogenannte terrestrische Fernrohr zu erfinden, indem er das Bild des astronomischen Fern- rohrs durch Einfügung von zwei weiteren Linsen nochmals um- kehrte. Während hieraus die bekannten Taschenauszugs- und Rcisefernrohre entstanden, begann man zu astronomischen Zlvccken wahre Goliathinstrumcnte zu bauen. Christian Huygens, dem ivir die geniale Wcllcnthcorie des Lichts verdanken, konstruierte 35 Fuß lange Fernrohre, die eine hundertfache Vergrößerung gestatteten, Campani trieb mit einem 17 Fuß langen Instrument die Ver- größerung bis auf 150 und Auzout schuf sogar ein Objektivglas von 300 Fuff Brennweite, mit dem eine OOOfache Vergrößerung zu erzielen gewesen wäre, wenn er die auch heute noch unlösbare Auf- gäbe hätte erfüllen können, eine von Durchknickungen freie und Deicht lenkbare Röhre von entsprechender Länge zu bauen. Aus diesem Grunde griff Newton die schon 1616 von Zucchius angeregte Idee auf, Fernrohre unter Benutzung von großen Hohl- spiegeln zu bauen und das von ihnen entworfene Bild durch eine stark wirkende Lupe zu betrachten. Das erste von Newton 1671 konstruierte Spiegelteleskop stellte die Vorteile dieser Instrumente, die Reinheit und Schärfe der lichtstarken Bilder und ihre Freiheit von störender Farbenzerstreuung in so helles Licht, daß man sehr bald auch Spiegelteleskope.von riesiger Größe baute. Ein von Lord Rosse konstruiertes Instrument, das 17 Meter lang war, einer« Durchmesser von 1,80 Meter hate und samt Spiegel über 10 000 Kilogramm wog, gestattete es, die lineare Vergrößerung bis auf 6000 zu treiben, so daß Gegenstände auf dem Monde so groß er- schienen, als ob sie sich nur in einer Entfernung von 70 Kilometer befänden. Man mußte dafür aber ein sehr langsames Arbeiten an den ungeschlachten Rohren, ihre Ilnbenutzbarkcit weit außerhalb des Meridians und die Gefahr mit in den Kauf nehmen, daß der kostbare Spiegel in einer einzigen Nacht bei eintretendem schlechten Wetter verdarb, und tat dies auch, weil man sich durch Newton zu dem Glauben verführen ließ, daß ein astronomisches Fernrohr tRc- frcrktor), das von Farbenzerstreuung frei sei. nicht konstruiert werden könne. Newton hat sich hier in einem verhängnisvollen Irrtum befunden, der die Vervollkommnung des Fernrohres durch mehr als 50 Jahre aufgehalten hat; denn erst im Jahre 1757, nach- dem Eulcr in der Verwendung von Gläsern, die das Licht verschieden stark brechen, das Mittel gefunden hatte, die Farbenzerstreuung aufzuheben, entstand unter den Händen Dollonds das erste achro- matische Fernrohr, das den Spiegelteleskopen das Zügcnglöcklein läutete. Von diesem Zeitpunkt an schreitet die Vervollkommnung des Fernrohrs mit Riesenschritten vorwärts. Seltsamerweise sind es aber nicht die Astronomen, denen die Glastcchnik und rein optische Fragen ja auch ziemlich fern liegen, oder die Professoren der Physik, die Praxis und Theorie in nutzbare Verbindung brachten, sondern Praktiker und Empiriker. Erst die allerncueste Zeit hat durch Begründung des Glastcchnischen Laboratoriums in Jena durch Abbe und Zeitz den Weg gezeigt, wie der theoretische Gelehrte ain sichersten an der Hand der Praxis vorwärts schreitet. Durch volle zwei Jahrhunderte aber bringt die Geschichte des Fernrohrs (wie diejenige des Mikroskopes) zahlreiche Beweise dafür, wie der wisscnsstolzc Gelehrte es zum Schaden der Sache verschmäht, mit dem Praktiker Hand in Hand zu arbeiten. Während die pralti- scheu Optiker deshalb mit den nach den Vorschriften der abstrakter« Theorie berechnete» Linsen zahllose Mißerfolge erzielt haben und noch heute nicht die theoretischen Anweisungen des Cartesius zur Korrektur der sphärischen Aberration sich als völlig durchführbar erwiesen haben, entwickelt sich Joseph von Fraunhofer in München au? seinen Anfängen als Lehrling bei einem Spiegclmacher und Glasschleifer zu einem optischen Genie, das die Pendelschleif- Maschine erfindet, Fernrohrlinsen von nahezu mathematischer Ge« nauigkcit herstellt, fast sämtliche Grui-dlagen für die vollkommensten Refraktoren der Gegenwart schafft und auch auf rein theoretischen Gebieten der Optik bahnbrechend wirkt. Tie Astronomie der Gegenwart, der reichliche Mittel zur Ver- fügung gestellt werden, verfügt selbstverständlich über noch viel leistungsfähigere Instrumente als sie Fraunhofer seinerzeit liefern tonnte. Nur ist das größte keineswegs immer das beste. So war das Ricsenscrnrohr der letzten Pariser Weltausstellung, das den Mond bis auf die Entfernung eines Meters heranrücken sollte, wenn man sich höflich ausdrückt, ein schmählicher, auf die Dumm» heit der Besucher berechneter Jahrmarktsschwindel. Abgesehen, daß es sich hier um ein Spiegelteleskop von sehr mangelhafter Bc- schaffenheit handelte, leisten kleinere Fernrohre, Instrumente von 3 bis 5 Meter Länge und 10 bis 12 Zoll Linsenöffnung, wie sie schon nm 10 000 bis 15 000 M. hergestcvt wenden, hinsichtlich der Definition, d. h. der Genauigkeit des Bildes, mehr als Riesen- fernrohre, die eine Million Mark und mehr kosten. Gleichwohl rechtfertigt sich der Bau von Riesenfernrohren aus anderen Gründen. Nur bei ihnen ist die Lichtstärke so groß, daß auch die entferntesten Sterne und Nebelslecke sichtbar werden. Es ergibt ich aber dabei die dem Laien als Widerspruch erscheinende Tat- ache, daß ein Riesenfernrohr, das die winzigen Marsmonde Deimos und Phobos zeigt, die wahrscheinlich nur einen Durchmesser von 10 Kilometer haben, gegenüber den in jedem besseren Zehnzöller sichtbaren Marskanälen völlig versagt. Der Astronomie der Gegenwart sind zwei voneinander ziemlich streng geschiedene Aufgaben gesetzt. Im engeren Sinne befaßt sie sich ausschließlich damit, die Bewegungen der Himmelskörper mit größter Genauigkeit zu bestimmen und aus tausendfach wieder- holten Beobachtungen die Gesetze abzuleiten, die das Weltganze be- herrschen. Sie kommt hierbei mit scharf pointierenden Fernrohren aus, die nicht riesengroß zu fein brauchen, aber doch genaueste Winkelmcssungen gestalten. Neben ihr aber steht die auf besonders dazu eingerichteten Warten gepflegte Astrophysik, die möglichst viel Einzelheiten auf den untersuchten Himmelskörpern unterscheiden will, um Aufschlüsse über die Beschaffenheit fremder Welten zu gc- Winnen. Sie ist eS, die vornehmlich mit jenen Rieseninstrumentcn arbeitet, wie wir sie auf dem müstergüliigcn Observatorium bei Potsdam und auf jenen Sternwarten finden, die von den Ameri- lanern hoch auf den Bergspitzen Kaliforniens und der südamcrikani- sehen Anden errichtet sind. d Kein Geringerer als Friedrich Schiller, der in seiner Denkungs- weise den mathematischen und überhaupt den streng logisch vor- gehenden Erkenntniswissenschaften nicht gewogen war, hat den Astronomen das feindliche Wort entgegcngeschlcudert: Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Räume, Aber, Freunde, im Räume wohnt das Erhabene nicht. Er hat damit einen grundlosen Tadel ausgesprochen, den man ihm verzeihen kann, der sich lieber in die Tiefen des Gemütes als in diejenigen der räumlichen Unendlichkeit versenkte. Weil sie den Geist des an seinem kleinen Sterne klebenden Menschen über die weitesten Fernen im Weltraum bis an die Grenzen der Unendlichkeit führt, weil sie ihn an seine eigene be- scheidcne Stellung im Weltganzen gemahnt und ewig waltende Ge° setze erkennen lehrt, ist sie die erhabenste aller Wissenschaften, die zu den Gipfeln des menschlichen Erkennens strebt. Aus diesem Grunde ist aber auch der Tag, an dem das Fernrohr erfunden wurde, ein hochragender Merkstein auf der Bahn des menschlichen Fortschrittes.— Kleines f eullleton* Kulturgeschichtliches. Antialkoholerlasse der Vergangenheit. Der Branntweingenuß der breiten Masse der Bevölkerung Deutschlands ist verhältnismäßig neueren Datums Denn erst im 14. Jahrhundert wurde der Branmwein von italienischen Kanflenten in den Konsum eingeführt, und sein Berkauf war obendrein Privileg der Apotheker. So beschränkt damit auch im Vergleich mit heute die Konsumtions- Möglichkeit war, so zeitigte dessen Genuß doch schon damals so be- denklictie Begleiterscheinungen nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das öffentliche Leben der Bevölkerung, daß sich die Be- Hörden gar bald zu einem Einschreiten und zu einer Einschränkung des Branntweingenusses veranlaßt sahen. So verbot der Rat von Nürn- berg 1450 Branntwein an Sonn- und anderen gebannten Feiertagen in den Straßen und vor den Häusern der Stadt auszuschenken. 1496 wiederholte er dieses Verbot und motivierte es wie folgt: »nachdem von vil Menschen dieser Statt mit Nießung geprandts weynS eyn merklicher Myßbrauch und Unordnung teglich und be- funderS an Sonntagen und annderen gepandten und Heyligen Feyr- tagen an den Straßen und vor den Heusern gepflogen und geübt wurdet; und aber, als sich eyn erler Rate an hochgelertcn erfarenen Doctoren der ertzney vleyssigelich und cygenntlich erkundigt und er- faren hat, der gepranndt weyn den Menschen und besonder schwann- geren Froven und jungen arbeytsamen leuten mer dann annderen fast schedlich ist und inen vil und manigerley schwerer, schedlicher und tödtlicher Krannckheyt und Seuchen brenge und gebere, darumb und auch angeschen, daß sollicher geprannder Wehn, der also hie verkaufft und verpraucht würdet, auß pöser und schedlicher materj und auch in annder weyse, dann er menschlicher Natur dienstlich sehn mag, gepranndt und gemachet würdet, so ist eyn Rate daran komen, ernstlich und vestigclich gepiettende. daß nun fürbaß an eynichem Sonntag oder andern gepannten Feyertagen gcprandter Wehn hie in dieser Statt von Nymandt weder in den Heusern, Kränien, Läden oder an dem Markt, Straßen oder sunst yndert nyt veyl gehabt oder verkaufft werden soll. Wollte aber an Werktagen jemant gepranndten Wehn veyl haben, das mag er thun, doch also, das sollichen ge- pranndten weyn Nhmant nießen oder auSdrinnken solle an den Ennden, do der veyl gehabt oder verkaufft würdet, sonndern wer den drynnken und geprauchen will, soll das thun in seyn selbS Haus oder gewönlicher Herberge, da er sein Anwesen hat und nynndert anderswo. Wer aber vor änderst dann wie vorsteet, hielt und sich des, so er darumb gerügt wurde, mit seinen Rechten nit benemen möcht, der soll gemeyner Statt zu eyner yden Fart darumb zu Büß verfallen seyn und geben eyn pfund newer haller.' Auch andere Städte gingen gegen das Schnapstrinken bor. Da der Schnaps im Volke als ein Heilmittel gegen die Pest galt, nahm der Konsum in jenen Zeiten immer wiederkehrender Pestepidemien natürlich unglaublich überhand. 1623 gab daher der Rat der Stadt Freyberg i. S. eine Brannlweinbrennverordnung heraus, in welcher es heißt»was für ein schädlich und schändlich Thun es sei, Branntwein zu saufen und denselben täglich zu sich zu nehmen, ist notorisch und sei umtötig, weit- läufig zu erzählen. Dieweil aber dennoch der Brannt- wein an sich wegen der Arzneien und anderer Notdurft nicht gänzlich zu entrathen ist. so soll mit demselben folgende Ord- nung gehalten werden. Erstlich sollen, wie bei den Höckern, in und außerhalb dieser Stadt Freyberg nicht mehr als 6 Personen gelitten werden, welche Branntwein brennen mit höchstens 2 Blasen und einem jährlichen Schutzgelde von 2 Thalern für jede Blase und das Verkaufen desselben treiben mögen. Welche nun solche unsere Er- laubniß erlangen, die sollen ihre mündliche Pflicht hierüber thuen, daß sie keinen Waizen, Korn, Malz. Gerste oder dergleichen Getraide brennen, sondern allein Wein und Bierhefen, Wachholderbeeren, Reis oder Fenchel dazu nehmen. Keine von den 6 Personen aber hat Macht, über solchen Branntwein, Wachbolder, Reis oder Fenchel« Wasser Gäste in Häusern zu halten, sie mögen da stehen oder sitzen, sondern so oft einer oder der andere betreten wird, soll der Gast ein gut Schock(Groschen) und der Wirt gleichfalls von jedem Gaste, soviel deren dort angetroffen werden, ein Schock zur Strafe ver« fallen sein.' A. A. Geologisches. Wachsende und versinkende Inseln. Im nörd- lichsten Teil des Stillen Ozeans liegt eine Inselgruppe, die zu den merkwürdigsten der Erde gehört. Wegen ihrer Lage abseits von den Linien des Weltverkehrs wird sie nur selten aufgesucht, obgleich sie aus Gründen der wissenschaftlichen Erforschung eine größere Auf- merksamkcit verdiente. Die Bogoslawinscln— so heißt diese Gruppe von Eilanden— sind nämlich während der letzten Jahre so auffälligen Veränderungen unterworfen gewesen, wie sie kaum an einer anderen Stelle des Weltmeeres festgestellt worden sind. Es kommt wohl hin und wieder vor, daß im Anschluß an ein vulkani. sches Ereignis, das vielleicht nur den Meeresboden betrifft und deshalb dem Auge des Menschen sonst verborgen bleibt, plötzlich eine neue Insel auftaucht, um dann in der Regel bald wieder zu verschwinden. Noch häufiger ist es, daß vulkanische Eilande durch Eruptionen Veränderungen erfahren, wenn sie auch nicht immer so gewaltiger Natur sind wie bei dem unvergeßlichen Ausbruch des Krakataua in der Sundastraße, wo am 26. August 1863 eine ganze Hälfte des Jnselberges in die Luft gesprengt wurde. Solche Ge- schehniffe scheinen nun in den Bogoslawinscln zum alljährlichen Lauf der Dinge zu gehören. Eine gründliche Beschreibung dieser Inseln und ihres damaligen Zustandes wurde im Jahre 1900 ge- geben, und jetzt hat Philipp Smith in einem Vortrag vor der Geologischen Gesellschaft in Washington die seitdem dort geschehenen Veränderungen zusammengestellt. In der Hauptsache sind seit jener Zeit zwei neue Vulkane dieser Inselgruppe entstanden, von denen einer bereits wieder verschwunden ist. Das Sonderbare liegt in der Schnelligkeit, mit der solche Unuvälzungen im Kampfe von Fels und Wasser auf den Bogoslawinscln vor sich gehen. Namentlich die Jahre 1906 und 1907 haben sich als eine kritische Zeit gezeigt, und es ist ein Verdienst der amerikanischen Forscher, daß sie gerade in diesen Jahren eine ganze Reihe von Reisen in jenen Meeres- teil veranstaltet haben, wobei jedesmal eine sorgfältige Aufnahme von den Inseln gemacht wurde. Zwischen dem September 1906 und Juli 1907 entstand der Mac Cullock Peak, ein neuer Vulkan von beträchtlicher Entwickelung. Im September 1907 aber verschwand er spurlos wieder im Meere. Rur einige Bruchstücke der Aus- würflinge sind erhalten geblieben. Ihre sorgsame Untersuchung hat gezeigt, daß die vulkanischen Massen aus wenigstens zwei ver« schiedenen Felsartcn bestanden. Die eine war ein Andcsit, die andere ein mehr körniges Gestein mit etwa denselben Mineralien, aber von wesentlich anderer Kristallbildung und einer Aehnlichkeit mit dem weitverbreiteten Dioritgestein. Dieser zweite Fund gibt der Wissenschaft ein Rätsel auf, das vorläufig unlösbar bleibt, weil eben der Vulkan bereits wieder versunken ist; man kann sich nämlich das Vorkommen dieser Gesteinsart kaum anders erklären, als daß die Stücke von den Wänden des vulkanischen Schlotes los- gebrochen und aus diese Weise an die Oberfläche gebracht worden sind, weil jungvulkanische Produkte dieser Art sonst nicht vor- kommen. Uebrigens sind mit den letzten Eruptionen auf den Bogoslawinscln Lavaströme nicht verbunden gewesen, sondern nur Ausbrüche von Bomben, Aschen und dergleichen.— Perantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlaasanstalt Vaul Singer Lc Co.. Berlin LW.