Ilnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 93. Donnerstag den 21. Mai. 1903 (Nachdruck verboten.) 841 Semper der Jüngling. Ein MIdungsroman von Otto Ernst. Als die Geschichte zu Ende war und die Geisterchen wieder nach allen Himmelsrichtungen auseinanderfielen, sprach er: „Nun paßt aber mal auf, was jetzt kommt!" Sie waren plötzlich still. Mit geheimnisvollen Mienen ging Asmus an einen Schrank. „Was ich wohl hier im Schrank habe!" sagte er. „Frühstück!" ..Nein." „Schokolade!" „Nein." ».'n Bilderbuch!" -„Nein. In diesem Schrank Hab' ich einen Vogel: wenn man den streichelt, dann singt er." „Oooh— laß ihn mal'raus!" riefen einige. �,Ja, ich will ihn mal herauslassen." Er öffnete den Schrank und nahm einen Geigenkasten heraus. „O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!" riefen ein paar Ge- scheite. „Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er nicht herausfliegt," sagt er zu den Nächsten, und sie spreizten die Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit Mund und Händen auf- fangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und Bogen heraus. „Hurra— hallo," schrien sie alle: aber dann wurden sie noch stiller als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen. Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen g bis zum dreigestrichenen. Da waren sie plötzlich wie„voll süßen Weins", sie gingen über Tisch und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten. „Was soll ich nun'mal spielen," fragte Asmus. Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten: die meisten aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer: denn das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr ge- sungen. Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen wollte, und dann sang er: Als der Mond schien helle, Kam ein Häslein schnelle, Suchte sich sein Abendbrot. Hu, ein Jäger schoß mit Schrot. Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und wie es dem Jäger entkam. Häslein ging zur Ruhe. Zog aus Rock und Schuhe, Legte sich ins weiche Moos, Schlief wie auf der Mutter Schoß.. und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage, da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei Meister Bruhn gehört und gegeigt. und die saugende Andacht all dieser reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht wurden. „Nun will ich's einmal spielen," sprach er und spielte das Lied. „Wollt Ihr jetzt'mal mitsingen?" Jubelnd ergriffen sie diesen Vorschlag. Und alle sangen sie mit. Ei, ei, ei, war das eine Musik! Es klang noch ganz furchtbar. Aber sie fanden es schön, und am eifrigsten sang Peter Brandenburg, dessen Gehör und Stimme nur einen einzigen Ton hatten, und der klang wir das Surren einer Hummel, die man in eine Schachtel eingesperrt hat „Wer will mir nun'mal was vorsingen?" fragte Asmus. Manche getrauten sich nicht; aber die meisten hielten mit ihrem Talent nicht zurück und sangen frisch von der Leber weg. „Denke Dir, mev-i Liebchen, Was ich im Traume gesehU" oder „Dat Scheunste, wat man hett, Dat is so'n Zigarett'" oder ,Ach, mein Schreck, ach, mein Schreck! Meine teure Hulda ist wegl" nein, so viel Asmus auch horchte und forschte und hoffte, er hörte nichts Gutes, Schönes, Gesundes. Wohl aber begann ein Bllrschlein frisch und frei ein ausgesprochenes Zotenlied zu singen. „Genug, genug!" rief Asmus und hieß das Kind schweigen. Dies Lied, von frischen Kinderlippen ahnungslos gesungen, hatte ihm einen furchtbaren Eindruck gemacht. Di« Schule lag in der Hafengegend: unter ihrem Publikum gab es mancherlei Armut und Verwahrlosung, und unter den Schülern waren auch Kinder„anrüchiger" Straßen. 37. Kapitel. (Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.)' So groß sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je schwieriger sie war. Die wohl- gepflegten Kinder reicher und„guter" Familien erziehen, das war keine Kunst— so dachte er wenigstens damals: er sollte noch anders darüber denken lernen— aber hier galt es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach wenigen Tagen sollte ihn ein„Riesenerfolg" in seinem Glauben an sein Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte:„Ist Heinrich Loh- mann hier?" Jawohl, Heinrich Lohmann war da: es war derselbe, den am ersten Tage die Sehnsucht nach den Klößen seiner Mutter ergriffen hatte und der dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers Klasse gekommen. „Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn." sagt« Herr Drögemüller.„Pack' Deine Sachen und komm mit." „Nee," sagte Heinrich Lohmann munter,„ick will hier blieben." Selbst Herr Drögemüller mußte lachen. „Ja, mein Junge, das geht nicht," sagte er,„komm nur schnell." „Ick will ober leever hier blieben," wandte Lohmann mit schwächerem Widerstande ein. „Na, nu' mach flink. Junge, mach flink!" drängte der Hauptlehrer. Lohmann packte widerstrebend seine Sachen und folgte Herrn Drögemllller: aber als er nun Sempern die Hand zum Abschied geben sollte, warf er alles, was er trug, auf den Boden, umklammerte Asmussens Bein und schrie:„Ick will bi Di blieben! Ick will bi Di blieben!" Asmussen wurde es wunderlich ums Herz. „Kann er denn nicht hier bleiben?" fragte er den Haupt» lchrer.„Vielleicht kann ja ein anderer--?" „Nein, das geht nicht!" versetzte Drögemüller kurz.„Er wohnt ja nicht in unserm Bezirk.— Jetz komm. Junge. sonst--" Asmus klopfte dem-Kleinen die Wangen und sagte: „Na, Heinrich, dann geh nur mit. Wenn die Schule aus ist, besuchst Du mich mal, was? Und ich besuch' Dich auch mal, ja?" Da gab sich Heinrich Lohmann zufrieden, sammelte unter Tränen seine Bibliothek zusammen und schlich davon. Asmus Semper war glücklich. Also schien ihm die Kraft gegeben zu sein, die Herzen der Kinder zu gewinnen, und darüber war er unsägltch froh. Ueberhaupt lebte er , wie in einem Ra,'che. Diese tausendfältigen, rückhaltlosen > Offenbarungen de. Kindesseele überwältigten seine Beob- l achtungskraft: er wußte nicht, wie er diesen Reichtum in dl« Scheuern bringen und verwerten sollte. Und viel zu früh schloß er den Kindern den Mund durch regelrechten Unter- richt; seine Taten hinkten noch weit hinter seinen Ideen her. Er hätte noch länger die Eigenart jedes einzelnen Kindes hervorlocken sollen, wenn er den Wegen Pestalozzis folgen wollte; aber er fürchtete, die Kinder würden nicht lernen, was sie nach dem„Pensum der Klasse" lernen sollten, wenn er nicht den stundenplanmäßigen Unterricht beginne. Herr Drögemüller hatte sich ohnedies schon bemerkbar gemacht. Als Asmus eines Tages einen Knaben ein Märchen erzählen ließ, war Herr Drögemiiller, der es nicht für ein Gebot der Höflichkeit hielt, anzuklopfen, in die Klasse getreten, hatte durch seine blaue Brille auf den an der Wand hängenden Stundenplan geblickt und gesagt: „Sie haben jetzt eigentlich Rechnen, nicht wahr?" „Jawohl," hatte Asmus gesagt. „Hm," hatte dann Herr Drögemüller gesagt, und war wieder hinausgegangen. Ja, Asmus war glücklich: aber wie es das Schicksal ge- wöhnlich mit ihm gehalten hatte, so tat es auch diesmal: von dem vollen, hundertprozentigen Glück, das es ihm ge- geben, zog es neunzig Prozent Wucherzinsen ab, und der Exekutor, der die neunzig Prozent einkassierte, war diesmal Herr Drögemüller. fFortsetzung folgt.) Sezeffion 1908. Von Ernst Schur. m. Die Jungen. Die Werke der Jugend geben der Nusstellung diesmal das Ge- präge. Das spricht sich darin aus, daß der Laie des öfteren sich über gewisse Extravaganzen, die ihn beleidigen, entrüstet. Doch wozu diese Entrüstung? Jeder Anfang setzt mit einer Ueber- trewung ein. Die allgemeine Rote dieser Jugend ist: daS Hinstreben zum Dekorativen. Die einen haben sich Cszannes und van Goghs breite. kräftige Manier auserkoren; andere wählen Münch, der den Eindruck so lapidar hinschreibt: die ruhige Farbenschönheit eines Manet ver- führt andere. Mancher mag in all dem eine Jnipotenz erblicken und eine Ausländerei. Er wird das alles abtun mit dem Wort: Plakatstil. Damit ist aber kein Urteil gegeben. Gewiß, das ist ja gerade das Kennzeichen der neuen Generation, daß sie wegstrebt von dem bloß naturalistischen Abbild der Natur und hinstrcbt zu einem markanter geprägten Bilde. Es spricht sich darin ein neues Form- und Kam« Positionsgefühl aus und wo das sich meldet, bleibe es auch noch in Versuchen und Anfängen stecken, sind wir auf der richtigen Bahn. Die Jungen schießen vielleicht in dieser Beziehung über das Ziel hinaus und vergewaltigen für daS einfache Gefühl die Natur. Der Einsichtige sieht aber dann gerade das Künstlerische. Es ist vielleicht ein Extrem noch, wie daS allzu genaue, tiftelige Nachgehen des Naturalismus ein Extrem war. Jedenfalls aber bedeutet es «ine neue Etappe und die Zukunft wird zwischen diesen beiden Extremen vernntteln und die Aussöhnung bringen. Die Weiß, Hofer, Freyhold, die Orlik, Hettner, Herniann, Baum, Brockhusen, Beckmann sind doch nicht nur alberne Trottel, die ihre Impotenz Verstecken unter einer Großmannspose. Wenn jetzt die alt gewordenen Kritiker, die einst die Liebermann, Korinth usw. hoch- gebracht haben, vor diesem Nachwuchs Angst bekommen, so ist das ihr ganz persönliches Gefühl. Und ihr Fehler war vielleicht, daß sie diese Vorgänger zu einseitig lobten. Sie haben nun. da sie alt werden, Angst vor den Geistern, die sie beschworen. Entwickelung ist aber EntWickelung, und der wirklich kritisch Betrachtende wird weder in den einseitigen Enthusiasmus noch in den einseitigen Ent- fetzensausbruch verfallen, sondern versuchen, den Gang der Zeit zu begreifen. Uebertreibuugen schleifen sich von selbst ab. Wie konsequent diese Entwickelung vor sich geht, das ermißt man, wenn man sich klar macht, daß diese Tendenz genau überein- stimmt mit dem Hinstreben unserer Zeit zum Kunstgewerbe, zum Dekorativen in Architektur, Malerei und Graphik. Ein Wille, heraus- «»kommen aus der bloßen Bildermalerei. Das Raumgefühl steckt dieser Generation schon im Blut. Sie wollen in diesem neuen Geist schaffen. Eine Disziplinierung des Talentes spürt man bei ihnen. Sie alle sehen im Geiste Räume, für die sie schaffen, Bauwerke, denen ihre Schöpfungen sich einfügen. Ein Formgefllhl, das in« Material denkt, ein Sichbeugen unter Gesetze der Konwosition, des EtilS, der Einheit. Gewiß bedeutet das ein Steigen zu höheren Zielen. Wenn auch jnoch keine vollgültigen Werke da sind. Man macht diesen Talenten oft den Vorlourf, der Intellekt herrsche bei diesen Künstlern vor. Ist das ein Nachteil? Kann der Künstler ihn nicht gerade brauchen? Und muß der Künstler der Zukunft ihn nicht notwendig besitzen? Er ist tätiger im Leben, er wird mit den Dingen des Lebens resoluter fertig. Wenn eine leidige Kritiksucht, die das Alte bevorzugt, das einmal modern war, diesen Mangel anführt, so wird ihn keiner leugnen. Aber jede Zeit entwickelt sich aus scheinbaren Mängeln zu einem Neuen, und dies wird dann realisiert werden, wenn das Temperament, das Gefühl, die Ursprüng- lichkeit lvieder einsetzt, so daß die gegenwärtige Epoche als Ueber- gang erscheint. Als typische Gruppe können für die Gegenwart drei Künstler bezeichnet werden: Weiß, Hofer, Freyhold. Alle drei stimmen im Grunde überein und entnehmen sich gegenseitig ihre Anregungen. Das Stilleben von Freyhold, das so beloußt die Farben- schönheit betont(Nr. 62), wird man für einen Weiß ansprechen können. Bei den Akten von Weiß spürt man die Anlehnung an Hofer. Hofer(Nr. 17—79) hat eine große Anschauung. Das Wand« bild des großen Stils ist sein Ziel. Seine Frauen, selbst sein Porträt haben jenes Absehen vom Inhalt, jenes Hinstreben zur Form. In der Art, wie er die Farben abtönte, ist er ganz eigen; matt, so daß die Erscheinung als Masse heraustritt. Jedes Detail, jedes zu markante Charakterisieren geht unter. Diese Eigenart besitzt Weiß nicht. Er ist betriebsamer, rühriger. Man merkt all seinen Bildern an, daß er von der Graphik kommt. Wenn er auch seine Grenzen sehr energisch und intelligent zu er- weitern bestrebt ist, es gelingt ihm nicht, mit seinem Temperament nachzukommen. Unter seinen Stilleben gefällt am besten das mit den Orangen(Nr. 266). Die Hyazinthen sind etwas zu roh und erinnern an Mache. Und die Lepfel wirken mit dem Hintergrund künstlich. Neu sind seine Akte, in denen er auf Hofers Spuren wandelt, ohne dessen Größe zu erreichen. Das Gestellte wird nicht überwunden. Wären diese drei Akte(Nr. 264) zugleich gesehen, sie hätten verschiedene Töne haben müssen. Und bei dem anderen, auf dem Sofa sitzenden Akt(der aussieht, als rodelte er) ist bezeichnenderweise der Stoff das beste.(Das gleiche ist der Fall bei einem anderen, ebenfalls von der Graphik herkommenden Künstler, Emil Orlik, dessen liegender weiblicher Akt— natürlich nur für kurze Zeit— blutleer zu machen, d. h. die zu- und abführenden Gefäße für einige Sekunden mit dem Finger zusammenzudrücken, um innerhalb dieser Momente die Wunde durch die Naht zu schließen und somit Blut zu sparen. Ebenso wie die Kunst des Chirurgen vor dem Herzen nicht Halt gemacht hat, ebensowenig vor einem anderen Organ, das gleichfalls vor noch nicht langer Zeit als ein Rührmichnichtan galt, vor der Schilddrüse. Dies ist jener drüsenartige Körper, der auf beiden Seiten von Kehlkopf und Luftröhre gelegen ist. Seine Funktion war bis vor kurzem völlig rätselhaft. Und erst ganz all- mählich dringen wir in seine geheimnisvolle Tätigkeit immer mehr ein. Tie Chirurgen hatten zuerst Veranlassung, sich mit der Schilddrüse zu beschäftigen, wenn infolge einer starken Wucherung der Drüse, also eines Kropfes, die Atmung eines Kranken so erschwert wurde, daß man an ihre Entfernung gehen mußte. Das stellte sich besonders oft als notwendig heraus bei jener Summe von Er- scheinungen, die man als Basedowsche Kranikheit be- zeichnet hat. Bei diesem nicht seltenen Leiden besteht außer einer starken Vergrößerung der Schilddrüse eine außerordentliche Be- schleunigung der Herztätigkeit, die sich in starkem Herzklopfen äußert und Atembeschwerden; die Augen treten aus den Höhlen hervor, im Urin kann man manchmal Eiweiß und Zucker nach- weisen. Alle diese Zeichen deuten auf eine bedenkliche Veränderung im Blutdruck und in der Blutversorgung hin. Im Anfang schnitt man die Schilddrüse einfach ganz heraus. Aber statt der erwarteten Heilung entstand eine andere schwere Erkrankung, die man sonst schon bei solchen Individuen beobachtet hatte, denen die Schilddrüse von der Geburt an gefehlt hatte. Es trat eine vollkommene Degeneration der körperlichen und geistigen Funktionen auf. Das Gesicht wurde wachsbleich, gedunsen und bekam einen idiotischen Ausdruck, der ganze Körper schwoll durch Anhäufung von Schleimstofsen an(daher der Name Myxödem, Schleinmnschwellung). Handelte es sich um jugendliche Individuen, so blieben sie in ihrem' Wachstum zurück. Die Fortpflanzungsfähig- keit ging verloren, bei Frauen hörte die monatliche Blutung und die Milchabscheidung nach der Entbindung auf. Um daher diesen Gefahren vorzubeugen, hat man darauf ver- zichtet, das Organ im ganzen herauszunehmen; es wird daher bei Kropfoperationen stets ein möglichst gesundes Stück der Schild- drüse zurückgelassen. Damit bleibt ihre Funktion, wenn auch in geringcrem Umfange, erhalten. Sie sondert nämlich einen Saft ab, der auf die chemische Zusammensetzung des Blutes und auf die Re- gulierung des Blutumlaufs von unentbehrlichem Einfluß ist. Diese Operation, die an die Technik und Sicherheit des Operateurs sehr hohe Anforderungen stellt, ist ig den letzten Jahren außerordentlich verfeinert und ausgebildet worden, und eine ganze Reihe von Kranken verdankt ihr ihre Wiedergenesung. Trotz aller bewundernswerten Fortschritte aber werden der Chirurgie gewisse Grenzen gesteckt bleiben, die sie nie überschreiten kann; besonders wenn es sich um Verluste von Organen oder Organ- stücken handelt, oder wenn durch irgend ein Unglück größere Partien des Körpers zerstört worden sind. Tann versagt auch die Hand des geschicktesten Chirurgen. In solchen Fällen muß man eben auf andere Weise für den Kranken sorgen. Man nimmt dann zu künstlichen Ersatzstücken seine Zuflucht, die man für die verschieden- sten in Verlust geratenen Tcrle des Körpers heutzutage in raffi- nierter Vollendung anzufertigen weiß und denen man durch ge- schickte mechanische Anordnung sogar gewisse Funktionen zu ver- leihen vermag. Es werden z. B. sehr gut bewegliche künstliche Arme und Beine hergestellt. Und solche„Prothesen" gibt es nicht nur für die Bewegungsorgane. Ein besonderes Kunstwerk war es, das vor kurzem ein fran- zösischer Arzt in der Akademie für Medizin demonstrierte. Man sah einen Mann, dessen Gesicht auf einige Entfernung hin kein« auffallenden Veränderungen aufwies. Der Patient konnte sprechen und auch seine Nahrung scheinbar ohne Beschwerden kauen. In Wahrheit toar ihm der ganze untere Teil des Gesichts— das Kinn, Ober- und Unterkiefer mit den Zähnen, die Lippen und die Nase— durch einen Schrotschuh zerschmettert, und der Defekt war durch einen außerordentlich kunstvollen Mechanismus, der aus vier vor- schiedenen Teilen bestand, ersetzt worden. Abends nimmt er sich die einzelnen Stücke selbst ab und reinigt sie mit Wasser und Seife. Und wenn er jetzt morgens das etwas umständliche, aber unentbehr» liche Toilettcstück wohlgemut anlegt, so mag ihn wohl das Bewußt- sein erheben, daß er vielleicht der einzige Mensch ist, der sich selbst in den Mund schauen kann, ohne gleichzeitig in den Spiegel zu blicken.. Solche Verunstaltungen, wenn auch meist geringeren Umfangcs, die aber gleichfalls zu erheblichen Entstellungen des Gesichts führen können, beobachtet man nicht selten nach schlecht verheilter Syphilis. Das Auftreten dieser„Spätformen" hat vor allem darin seine Ursache, daß man bisher keinen sicheren Maßstab dafür hatte, ob die Syphilis geheilt sei oder nicht. Denn wenn wir in dem Quecksilber offenbar ein sicheres Heilmittel besitzen, so ist es doch sehr schwer, zu sagen, ob schon nach einer Kur eine definitive Heilung eingetreten ist oder ob nur die Erscheinungen geschwunden sind, während die Krankheit selbst noch im Körper verborgen ist und bei irgend einer Gelegenheit wieder zum Ausbruch kommt. Um- gekehrt ist es aber auch im allerersten Stadium der Syphilis sehr schwer zu entscheiden, ob eS sich wirklich um eine syphilitische An- steckung handelt oder nur um ein ungefährliches Geschwür oder eine Verletzung, die etwa eine äußere Aehnlichkeit besitzt. So passiert es nicht selten Aerztcn und Hebammen, daß sie sich an einem syphi- Mischen Kranken eine Infektion holen, ohne davon eine Ahnung zu haben. Sie glauben, es handelt sich um ein Furunkel, um einen Ausschlag. Das Anfangsgeschwür der Syphilis verheilt ja nun sehr schnell und erst nach mehreren Wochen treten die Allgemeinerschei- mingen auf, die davon zeugen, daß das Gift den ganzen Körper verseucht hat. Bei allen diesen Fällen bedeutet nun die neue Wasser- Mannsche Serumdiagnose einen wichtigen Fortschritt unserer ärztlichen Kenntnisse. ES ist dem berühmten Berliner Forscher gelungen, durch eine neue, wenn auch komplizierte, so doch sichere Methode jene Antikörper nachzuweisen, die sich im Blutserum eines Syphilitischen unter Einfluß des Syphiliserregers bilden, als eine Schutz, und Abwehrmaßregel des Körpers gegen das eindringliche Gift. Durch diese Untersuchung hat man die Möglichkeit gewonnen, die Syphilis in jedem Stadium nachzu- weisen. Man vermag sowohl rechtzeitig und ausgiebig für die Be- kämpfung des Leidens zu sorgen, als auch unglückliche Ueber- tragungen, wie sie z. B. durch Heiraten noch nicht völlig geheilter Syphilitischer oft genug stattgefunden haben, zu verhüten.— Aehn- liche Versuche werden auch für die Erkennung der Tuberkulose in weitem Umfange angestellt. Jedoch sind hier die Resultate noch nicht pls endgültige zu bezeichnen. Ebensowenig erfolgreich war bisher das Bestreben, ein Hei l- mittel gegen die Schwindsucht zu finden. Und es wird wohl noch einige Zeit vergehen, ehe das immer wieder angekündigte Tuberkuloseheilserum endgültig entdeckt sein wird. Vorläufig vcr- geht kaum ein Jahr, in dem nicht mehrere unfehlbare Mittel und Methoden angepriesen werden. Neuerdings erregte eine von Rene Ouinton angegebene BeHandlungsweise ziemliches Aufsehen. Er behauptete nämlich, daß man Tuberkulose durch Meerwasser heilen könnte. Er ging von dem Gedanken aus, daß das Meerwasser das erhaltende Element für die einfachste Form des tierischen und pslanzlichen LebcnS sei, und daß in allen lebenden Geschöpfen Säfte vorhanden seien, die ganz ähnlich wie verdünntes Meerwasser zu- sammengesetzt sind. So konnte er Tiere, die dem Verblutungstode nahe waren, dadurch retten, daß er ihnen verdünntes Meerwasser in die Aderr spritzte; und zwar wurden die Tiere viel eher wieder- hergestellt, als wenn sie, wie bisher, mit gewöhnlichen Kochsalz- lösungen behandelt worden wären. Weiter ergab sich, daß Ein- spritzungen von abgekochtem, verdünntem Meerwasser auch bei Menschen außerordentlich günstig wirkten: der Appetit wurde reger, die Kräfte hoben sich, das Aussehen wurde frischer, und speziell tuberkulöse und skrofulöse Kinder wiesen eine bedeutende Verbcsse- rung ihres Allgemeinbesindens auf. Auf QuintonS Veranlassung wird zurzeit in Paris in mehreren Polikliniken die„Meerwasser- behandlung" kostenfrei eingeführt. Wir müssen abcharten, ob diese Wasserheilmethode daS halten wird, was ihr Entdecker von ihr verspricht. Jedenfalls ist ja schon da? Seeklima ein wichtiger Heilfaktor für die Tuberkulose und andere Schwächezustände. Zumal für alle diejenigen, deren Kon- stitution von Geburt an wenig widerstandsfähig ist, die an Skrofu- lose leiden und infolgedessen leicht an echter Tuberkulose erkranken, ist der Aufenthalt am Meer oft von überraschendem Nutzen. Aller- dingS müsser solche Patienten recht lange dem wohltätigen Ein- fluß des Seeklimas ausgesetzt werden. Man ist deshalb jetzt vielfach dazu übergegangen, bedrohte Kinder auf Jahre hinaus bis zu ihrer bollständigen Heilung in Heilstätten am Meere aufzuziehen. Und eine beträchtliche Zahl kleiner Wesen hat hier dauernde und feste Gesundheit gewonnen. Darum sollten auch alle diejenigen Vereini- gungen, die unsere bleichen und skrophulösen Großstadtkinder an das heilbringende Meer, wenn auch nur während der Ferien, bringen, ausgiebigst unterstützt werden. I« länger und je öfter solche armen Kinder hinauskommen, um so mehr wird man ihnen zu ihrer Gesundung an Leib und Seele verhelfen!— Kleines Feuilleton. Ein Meisterwerk der Kleinschrift. Vor der mikroskopischen Gesellschaft in London wurden in der letzten Sitzung Gegenstände vorgezeigt, die zwar nicht von besonderem wissenschaftlichen Inhalt waren, aber die Aufmerksamkeit der anwesenden Gelehrten doch in hohem Maße in Anspruch nahmen. Es handelte sich um die Leistungen einer von Webb erfundenen Schreibmaschine für mikro- skopische Schrift. Was diese Maschine zuwege gebracht hat, grenzt wirklich ans Unglaubliche. Der stärkste Beleg dafür war eine Wiedergabe des Vaterunser, das mit 227 Buchstaben auf einem Raum von einem 237tausendstel eines englischen Quadratzolls untergebracht worden war. Zur Ucbertragung in das metrische Maß sei gesagt, daß ein Ouadratzoll gleich 6� Quadratzentimetern ist. Noch deutlicher wird die Kleinheit des von der Schrift ein- genommenen Raumes werden, wenn man bedenkt, daß dieser danach ein Rechteck war, dessen eine Seite nur den 173., der andere den 212. Teil eines Zentimeters einnahm. Auf einem Quadratzoll würden mit dieser Schrift gegen b4 Millionen Buchstaben unter- zubringen sein, waS etwa den Umfang von 15 vollständigen Bibeln gleichkommen würde. Selbstverständlich ist eine solche Schrift, die mit einer Diamantspitze hergestellt wird, nur noch unter einem Mikroskop lesbar, und zwar ist zu ihrer Entzifferung ein ziemlich kräftiges Objektiv von'/» Zoll notwendig. Der Erfinder der sonderbaren Schreibmaschine, die diese ungeheueren Kunststücke zuwege gebracht hat, ist übrigen? bereits verstorben und scheint sein Geheimnis mit ins Grab genommen zu haben, wenigstens wurde auf eine Anfrage des Vorsitzenden der Mikroskopischen Ge- sellschaft mitgeteilt, daß Webb seine Maschine kurz vor seinem Tode zerbrochen hätte. Man mutz wohl auch sagen, daß die Welt durch diesen Verlust keinen allzu großen Schaden erlitten hat. Archäologisches. Neue Ausgrabungen in Afrika. In den letzten zwei Jahren ist in verschiedenen Teilen Afrikas eine größere Zahl von englischen und amerikanischen Gelehrten mit Ausgrabungen beschäftigt gewesen, die außerordentliche Ergebnisse für die Auf» klärung der frühen Geschichte des schwarzen Erdteils gebracht haben. Seit dem Frühjahr ISOö ist in dieser Weise Prof. Garstang von der Universität in Liverpool in Nubien tätig gewesen, und zwar in dem Gebiet zwischen dem ersten und zweiten Nilkatarakt oder zwischen Assuan und Wadihalfa. Die ausgegrabenen Gegenstände haben neue Beweise dafür geliefert, daß in dieser Gegend zur Zeit des Altertums eine eingeborene Bevölkerung von hoher und selb« ständiger Zivilisation bestand, die ihre Blütezeit im ersten Jahr- hundert vor Christi erreichte, als Aegypten zu einer römischen Provinz wurde. Noch größeres Aufsehen werden die Ausgra. bungen erregen, die von den Amerikanern Prof. Vreadstedt und dem Archäologen Mac Jver ausgeführt worden sind. Namentlich Mac Jver hat eine Reihe großartiger Entdeckungen zu verzeichnen, die einen Zeitraum von zwei Jahrtausenden umfassen. In der Nähe von Amada gelang es ihm, eine altägyptische Stadt bloßzulegen, die aus der Saite-Zeit um das Jahr 300 vor Christi zu stammen scheint. Die meisten Funde gehören jedoch den frühen Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung an und umfassen ganze Totenstädte, Tempel und Paläste, merkwürdige Skulpturen, In- schriften in der noch nicht entzifferten meroitischen Schriftart, Glasarbeiten und Töpfereien, die zahlreiche Verzierungen in ganz neuen Mustern aufweisen. Aus der Pflanzenwelt. Fritz Reuter?„flitige Lise" ist eine jener Zimmer. pflanzen, die von Zeit zu Zeit der Empfehlung bedürfen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Den Beinamen„flitigc" (fleißige) trägt die Pflanze nicht umsonst, denn sie blüht ununtcr- brachen das ganze Jahr hindurch. Sie gedeiht im Zimmer ebenso leicht wie Fuchsten und Geranien, und weil ihre lebhaft rosa ge- färbten Blumen, die kleinen einfachen Stockrosen gleichen, oft zu Hunderten den Busch decken, so sollte die Blumcnliebhabcrin sich dieser Pflanze mehr annehmen. Die Pflanze, sie heißt auch die immer blühende Zimmer- oder Baummalve(lUalva capensis;, kann das ganze Jahr über im Zimmer bleiben, sie kann aber auch über Sommer in den Garten kommen. Auch hier wächst sie, wenn sie auch ausgepflanzt wird, äußerst üppig und blüht fleißig. Kalte Witterung und Regen tun ihr leinen Schaden. Im Herbst wird die Pflanze wieder ins Zimmer geholt. Ueber Winter muß die Pflanz» in einem ungeheizten, aber frostfreicn Zimmer stehen. Keineswegs soll die Temperatur um diese Zeit-i- 10 Grad Reaumur übersteigen, denn große Wärme kann die Pflanze nicht vertragen. Die Hauptblütczeit fällt in die Monate Mai bis Juli. Die einzelnen Blumen halten sich 14 Tage bis drei Wochen, sie haben etwa 2— 3 Zentimeter im Durchmesser. Die Vermehrung kann die Blumcnliebhabcrin selbst vor- nehmen. Sie verfährt dabei gerade so wie mit den Fuchsien. Die Stecklinge wachsen leicht und rasch. Später ist häufiges Stutzen anzuraten, um recht buschige Pflanzen zu erhalten. Man kann die Pflanze in Buschsorm, wie auch als Pyramide und als Kronenbaum großziehen. Berantw. Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.