Nnterhalümgsblatt des Horwäris Nr. 100. Sonnabend, den 23. Mai. 1903 (Nachdruck eerBotcn.) 863 Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n fl._ Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit der Naivität der Kindesseele zusammenfiel: und in solchen Augenblicken atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen anderen Stunden. Nur stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunter- richt hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise erteilen würden, und zwar auf eben- dieselbe Weise, die er vor 25 Jahren auf dem Seminar er- lernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld zahlen, alle denselben Glauben haben und aus dieselbe Weise„ge- bildet" werden. Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen: Asmus aber und der andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit Mißfallen. „Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich ge- zeigt habe, Herr Semper?" fragte er. „Nein," lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort. „Warum denn nicht?� „Weil ich meine Weise für richtiger haltet „Aber Herr Semper— Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung habe als Sie— „Das mag sein: aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach der Mechode, die meiner Ueberzeugung entspringt, kann ich unterrichten. Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie und ich überhaupt noch nicht lesen." „Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren." „Mit Recht sagen Sie„Wünsche", Herr Drögemüller, und nicht„Befehle". Denn„Befehle" gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein meine Sache." Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber nur für ein:„Na, wenn Sie meinen—" und ging mit rachsüchtig geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte Drögemüller, darin hat er recht: aber ich werde schon andere Pfeifen schnitzen, nach denen er tanzen soll. Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des Exerzierplatzes tanzen. Bei der General- Musterung im Sommer war er endgültig„gezogen" worden, und nun war die Order gekommen, daß er sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe. 39. Kapitel. (Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die Güte des Herrn Schieß-Unterofsiziers, was für ein Mensch dieser Asmus Semper eigentlich ist.) Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war, das war die Äengstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt zurückzutreiben. Ueberhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als„Schulamtskandidat" unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen Gefühlen. Ludwig Semper frellich sprach noch immer von seinen Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit; aber „beim Preußen" war's anders, und die vielen und abscheu- lichcn Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten AZmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte zwischen Stolz und Bangem Sie war stolz, daß man ihren Sohn für tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß mau ihn mißhandeln und über-. anstrengen könne. Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung aber keine böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller Herr unter ihnen schrie:„Denken Sie, der Seckendorfs läßt sich wegen Krankheit beurlauben und verzehrt ein großen Beefsteak mit Spiegeleiern." Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es nicht Unter- Haltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die Gedankenmühle von selber geht wie ein perpetuumi nivdils. Aber so auf einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen, noch Gedanken- spiele treiben; erlitt Höllenqualen der Langenweile. Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamts- kandidaten durften zu Hause schlafen und essen. Am anderen Morgen ging es endlich los. Der Sergeank Greifenberg trat vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede. „Meine Herren," sagte er,„ick hoffe, dat Sie als jebildele Herren mir meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer'n. Ick werde Se nun mal ausbild'n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch wat zulernen. Sie sind Lehrers: aber ick bin der Lehrer von die Lehrers. Schtill- jeschtandenl" „Un denn merken Se sich jleich," sagte Herr Greifenberg, indem er auf einen der Kandidaten losging,„jelacht wird nich im Jliede. Wat ick sage, is nich zum Lachen: de Sache is sehr ernst." Und nun begannen die Uebungen; aber Herr Greifen- berg stellte keine unmenschlichen Anforderungen, und Herv von Birkenfeld, der ausbildende Leutnant, noch weniger« Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von Birkenfeld zu- nächst abschrecken: denn er markierte den rauhen Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und„Sauerei" und „Schweinekram" für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen Tone beginnend: „Ei. ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig l Detz rechte Flügelmann, nehmen Sie den Bauch herein, ins dreii Deubels Namen I Der Kerl taugt zum Flügelmann wie der; Igel zum Schnupftuch!" Er sagte aber nicht„Schnupftuch", sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den untere» menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine Be- Zeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte ev mit dem Flügelmann nicht unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste von allen; aber als ep ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin abdrücken sollte, da versagte er. „Warum drücken Sie nicht ab�," rief Herr von Birken« seid. Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wangs und setzte wieder ab.< „Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, abzudrücken?" schrie der Leutnant. Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es aber« mals sinken. Jetzt trat Birkenfcld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig: „Sagen Sie, fürchten Sie sich?,� „Ja," versetzte Plambeck ehrlich. „Na, Sie sehen doch, die anderen haben auch geschossen und sind auch ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Stzö werden schießen. Legt an!— Feuer!" I, keine Spur von Feuer. „Heiliges Astloch!" schrie Birkenfeld.„So was ist Miti denn doch noch nicht vorgekommen! Sagen Sie mal. wis denken Sie sich das eigentlich,'n Soldat, der nich schicsit! 'n Soldat, der sich vor seiner Knarre fürchtet! Was wollen So denn eigentlich machen, wenn—" „Bums!" Plancheck hatte abgedrückt und lächelte stolz. „Himmel, Schnaps und Wollenbruch I Jetzt schießt mir der Herr gleich in die Visage!" schrie Birkenseld.„Herrrr, ich werde Sie ins Loch stecken, Herrrr!" Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung zu viel„Ziclwasser" ge- trunken: die Kneipe lag in allzu verlockender Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine Verständnis- volle Leber besaß, hatte gesagt:„Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus." Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine stunde zu spät zum Dienst gc- kommen war. Büsing war das aber noch immer nicht des Frevels genug gewesen: er hatte sich lächelnden Mundes bei dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten: „Vom Ausschlafen zurück!" Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt: aber er hatte sie ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter, blonder Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte„gutes, kameradschaftliches Verhalten" nicht nur auf dem Papier standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und Waffengcnosscn sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig geschimpft. Als der sSchulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu machen imstande war, da schrie Virkenfeld: „Herrrr, sei'n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch'n knall Kerl hat natürlich die ganze Nacht bei Wachtniann 'rumgeh— tl" lFortsetzung folgt.) Das)VIünchcncr Künftkrtbcatcr. München, die Stadt dc-Z Wagner-AmphitkjcatcrS. besitzt nun auch die„SchanbiiHiie der Zukunft". Oder wenigstens den Anfang dazu, denn der scheint mir tatsächlich in der neuen Biihnenform des Miinchcncr Knnstlertheatcrs auf der Ausstellung 1903 gegeben zu sein. Die Zwecke, die das Künstlertheatcr verfolgt, beruhen vor allem in einer Klärung des Verhältnisses zwischen der dramatischen und der bildenden Kunst. Der bildende Künstler soll als unter- tviirfiger Helfer neben den Dichter treten und mit den Mitteln seiner Kunst nur dazu beitragen, daß das innere dramatische Erleben klar und stark in unS zum Bewußtsein komme. Der Maler, der Architekt, der Masken- und Kostiimzeichner, der Licht- und Farben- künstler auf der Bühne: sie sollen am besten in einer Persönlichkeit vereinigt daS richtige Mast finden für den Augencindrnck, der den dramatischen Vorgang, die Situation bildinätzig stützt, nicht aber die Aufmerksamkeit durch zu große Realität der Szene, durch Bühnen- Protzerei mit ihrem selbstsüchtigen Zuviel der Ansstatterei auf sich lenkt und abzieht. Insofern kann die neue Münchener Bühne eine Phantasiebühne mit Recht genannt werden, als sie mit ein paar knappen Strichen und stilisierenden Andeutungen die Szene räumlich und in Licht, Farbe, Stimmung, Land- schaft und Milieit bestimmt. Sie gibt nur daS Not- wendige durch Vereinfachung und Beschränkung der szenischen und dekorativen Ausstattung und regt so die Phantasie an, statt wie bisher die bildenden Künstler auf der Bühne zu tun liebten, das Auge zu beschäftigen und ein fesselndes Bild, ein Schaustück zu geben. ES ist aber nicht die Aufgabe des Bühnenmalers, dem Zuschauer wirkliche Nawr vorznzaubern, wenn allerhand Zufällig- leiten die mühsam hcrbeigezwnngene Illusion zum Teufel jagen, wenn Felsen wackeln und die marmorne Wand eines Palastes im Luftzug flattert, wenn Blechstücke als Meeres- wogen schaukeln oder wenn der Maschinist vergißt, die wirklichen Baumkronen ans die unten stehenden Stämme herab- zulassen. Von diesen zweifellos eine höhere Gcfchmackskultur zeigenden Ideen ausgehend, tat sich eine Anzahl führender Münchener Lkünstler, Schriftsteller, Architekten und Maler zusammen— ich nenne hier nur Adolf v. Hildebrand. Nich. Riemerschmied, Benno Becker, Stuck. Paul Marsop, Georg Fuchs, Fritz Erler, Max Littmann— und beschloß, eine Reform-Schaubühne zu bauen, wofür die Stadt- gemeinde München zirka eine Million zur Verfügung stellte. Einige Worte über da? Haus und die Bühneneinrichtung. Architekt'Littmann, heute wohl der bedeutendste deutsche Theater- baumeister, hat in dem kleinen, aus Fachwcrk, Rabitzputz vnd Holz errichteten, für 690 Personen bestimmten«inphi- theater die Erfahrungen der Festspielhäuser und Reform- bühnen von Bayreuth, WormS, München, Charlottenburg und Weimar zusammengetragen. Dabei ist zunr ersten Male eine grundlegende Neuerung verwirklicht worden: der Architekt deZ Hauses und der Ingenieur der Bühne sind eine Person. Littmann hat die technisch- künstlerische Reform von Auditorium und Szene zusammen durch- geführt, tvährcnd bisher stets auch der kühnste, struktive Entwickelungs- iville des Architekten am Proszeniuin, dem Grenzgebiet des Bühnen- ingeuieurs und„Maschinenmeisters", Halt machen mußte. Das in 22 Reihen steil ansteigende Amphitheater vermeidet Stuck, Rot und Gold, die barbarische Fanfare des alten Rang- und Logentheates voll- kommen und bietet dafür dem Auge durch das Gran der gebeizten mit Intarsien belebten Eichcnholzwände, das kräftige Gelb des Fichtenholzplafonds, das Mattgrün der Sessel und das Dunkel- blau des köstlichen, von Margarete Brauchitfch auf Seide gestickten Portalvorhangs eine wohltuend schöne und einfache Farbenharmonie. Die Bühne ist als R e l i e f b ü h n e flach und nur zirka 8 Meter tief. Sie führt keine Kulissen, Gassen, Soffitten, keine falsche Perspek- tiven, kein falsches Oberlicht. Sie ist ein lediglich Stimmung gebender Wechselrahmen, den für den in Aussicht genommenen Zyklus von acht Stücken jedesmal ein anderer Maler„um das jeweilige Stück hängt" und hierbei seiner Persönlichkeit nur soweit die Zügel schießen lassen darf, als er dadurch den rein dramalilchcn Gesichtspunkt des Dichters nicht stört. Die alte tiefe der iw.Iienischen Oper entstammende Guckkastenbühne ist also zu einem schmalen Rabmcn zusammengedrängt und damit der räumliche Naturalismus stilisiert worden zu einer Reliefwirkung. Alles er- scheint von der Seite und geht seitlich ab, an Stelle der Front- aufzüge bei Mafien- und VolkSszencn ist die Profilanordnung ge- treten. Die Bühne ist in drei Felder gegliedert: Proszenium, Mittel- und Hinterbühne. Die als Spielszene in der Regel benutzte Mittel- bühne ist seitlich und oben durch ein schweres architektonisches Portal eingefaßt. wodurch die künstlerische Optik des Bühnenbildes sehr erhöht wird. Da» feste Portal hat links und rechts eine Tür. Der Wechsel der Szene wird hier durch „stimmunggebende Requisiten" angedeutet. Z. B. in„Marthes Garten" hängen zwei Kränzlein dort, in der„Walpurgisnacht" Pferdeschädel u. s. f. Bei Benutzung der Hinterbühne, die nach Fritz Erlers Ideen zur Erzielung eines plastischen Hintergrund- Prospekts vertieft wurde, wird als Prospekt ein mit vier verschiedenen neutralen Hintergründen(Stimmungen der Natur und der Tages- zeiten) bemaltes Wandelpanorama benutzt. Die Beleuchtungsanlage weist zum ersten Male das Fünffarbensystem— rot, weiß, grün, gelb und blau— auf und ermöglicht die vollkommensten Farben- Wirkungen. Die ganze Anordnung des Bühnenbildes ist auf malerische Farbwirkung gerichtet, was kein Wunder nimmt, wenn die Regisseure Maler sind. Das Orchester ist versenkt und wird völlig überdeckt, wenn Dramen ohne begleitende Musik aufgeführt werden. Mit G o e t h e S„F a u st" l. T e i l ist das Künstlertheater er- folgreich eröffnet worden. Goethes Faustgedicht, das eine ganze Welt umfaßt, eingespannt in den winzigen Rahmen der Relief- bühne I Und doch ist die Belastungsprobe geglückt. Daß sich die neue Raumkunst selbst an Goethe bewährte, daß die Entstofflichung der Szene das Gewicht Goelhescheu Geistes vertrug und künstlerische Eindrücke von zwingender, unmittelbarer Gewalt vermittelte, zeigt, daß hier der rechte Weg beschritten wurde, auf dem die Zukunft der Thcatcrkunst liegenstuird. Fritz Erler, der Hohenzollcrnungünstling, hat die neue gotische Fausteinrichtung in Architektur, Szene, Dekoration, Maske und Kostüm geschaffen, und Mar Schillings hat eine kurze ftiminungschaffende, dem Geist der Rcliefbühne merkwürdig feinfühlig angepaßte Bühnenmusik komponiert. In Erlers Hand erscheint der Faust von aller konventionellen romantisch-barockcn Bühncuprotzcrei befreit. Auch daS Salon-Gretchen mit dem„Grctchenkostüm" ist verschwunden, so gut wie der rote Opern-Mephisto mit dem Pferdefuß. Gretchen sah in ihren» grauen schlichten Kleid, mit der offenen Stirn ans wie ein munteres Bürgermädchen aus den Tagen der Gotik. Die Liebhaber des sentimentalen Gretchens in Goldschnitteinband lvaren ziatürlich baff. Von den architektonisch-Iandschafllichcn Szenen war der Prolog in» Hinimel am großartigsten gelungen. Ein echt Erlersches Bild. Im leeren hellen Himmelsraum standen überlebensgroß in eherner Ruhe die drei Erzengel. Gigantisch init den schweren bronzenen Flügeln, den ehernen Locken, den Brünnen, den Nicscnschwcrtern. Sie sprachen die ewigen Worte. Vor ihnen kauerte in dunklen Umrissen, wie ein Häufchen verlohcnder Flammen, ein Nichts vor dein unendlichen Licht, Mephisto. Alles ohne bengalisches Licht, ohne Ballettengel, ohne Wolkcnbänke, ohne Dampf! Diese eine Szene offenbarte init einem Schlage den gesunden inneren Kern der neuen malerischen Bühnenform. Noch ein paar Beispiele, wie Erler die Szene in Stimmung anflöst, ohne Schailstücke zu geben. Osterspaziergaug: auf einer gangbaren Stadtmauer mit dem Blick zur Rechten in die Tiefe auf eine vom Eise befreite hügelige VorfrühliugSlandschaft init Schnee- streifen' Walpurgisnacht: gegen fcurigroten Himmel die schwarzen Silhouetten eines bockähnlichcu Fclsensteins und einer alten Wcltcrtaune. Domszene: füns Kerzen bei völlig verfinsterter Hinterbühne vor dem schwarzen Hintergrund- Prospekt, ein Dutzend dem Zuschauer den Rücken drehender, staffcl- förmig ausgestellter Gestalten. Die vollkommene Illusion einer großen im Dunkel eines tiefen DomS sich verlierenden Menschenmasse ist da. Hoffentlich holen sich die fortschrittlich gesinnten Theaterleiter von Erlers Faust einige dekorativ-kostümliche Anregungen, die auch austerhalb des Münchener Künstlertheaters leicht zu verwirklichen sind. m. (Nachdruck tzervolsn) f>eimgezablt» Eine lustige Geschichte von W. W. Jacobs. (Schluß.) Während der nächsten drei oder vier Tage wurden die beiden Unglücklichen andauernd zur Arbeit angehalten. Herr Thomson be- klagte sich bitter, aber der Koch trug ein sphinxgleiches Lächeln zur Schau und versuchte, ihn zu trösten. „Es wird nicht mehr lange dauern, Harry," sagte er zu seiner Beruhigung. Der Rechtsanwalt schnob.„Ich könnte seine �Abhandlung über Abstinenz nach der anderen schreiben," bemerkte er bitter. „Soll mich wundern was unsere Frauen denken? Ich denke mir, sie halten uns für tot." „Weinen sich die Augen aus," sagte der Doktor schelmisch; „aber sie werden sie sich schnell genug trocknen, wenn wir wieder da sind, und werden alle möglichen Fragen stellen. Was wirst Du sagen, Harry?" „Die Wahrheit." entgegnete der Rechtsanwalt tugendhaft. Ich ebenfalls," meinte sein Freund.„Aber pah auf, wir müssen beide dieselbe Geschichte erzählen, wie sie auch lautet. Hallo! Was ist los?" „Der Käppen." sagte der Junge, der eben herbeigelaufen kam. „Er verlangt Sie sofort zu sprechen. Er liegt im Sterben." Er fastte den Doktor beim Aermel, aber Carson lehnte es in höchst berufsmästiger Weise ab, sich antreiben zu lassen. Er stieg gemächlich die Kajütstreppe hinab und begegnete den betroffenen Gesichtern des Steuermannes und des zweiten Offiziers mit sorg- loser Miene. „Kommen Sie sofort zum Kapitän," sagte der Steuermann. „Wünscht er mich zusehen?" fragte der Doktor langsam, während er die Kabine betrat. Der Kapitän lag ganz krumm in seiner Koje, das Gesicht bor Schmerz.verzerrt.„Doktor," keuchte er,„geben Sie mir schnell etwas. Da steht die Medizinkiste." „Wünschen Sie etwas zu essen, Herr Kapitän?" erkundigte sich der andere in respektvollem Tone. „Zum Henker mit dem Essen!" entgegnete der Leidende.„Ich wünsche Medizin. Da steht die Medizinkiste." Der Doktor nahm sie ans und hielt sie ihm hin. „Ich will doch nicht das ganze." stöhnte der Kapitän.„Ich wünsche, dast Sie mir etwas gegen glühende Korkenzieher im Magen geben." „Ich bitte um Entschuldigung," sagte der Doktor bescheiden! ich bin nur der Koch." „Wenn Sie— mir nicht— sofort etwas verschreiben," versetzte der Kapitän,„laste ich Sie in Eisen legen." Der Doktor schüttelte den Kopf.„Ich habe als Koch angeheuert," sagte er langsam. „Geben Sie mir etwas, um Himmelswillen," sprach der Kapitän demütig.„Ich sterbe I" Der Doktor überlegte. „Wenn Sie ihn nicht sofort behandeln, werde ich Ihnen den Schädel einschlagen," sagte der Steuermann eindringlich. Der Doktor warf ihm einen spöttischen Blick zu und wandte sich dann an den sich krümmenden Kapitän. „Meine Gebühr ist eine halbe Guinea für den Besuch," sagte er höflich i„fünf Schilling, wenn Sie zu mir kommen." „Ich will für'ne halbe Guinea haben," versetzte der Kapitän in seiner Todesangst. Der Doktor fastte nach seiitcm Puls und zog in aller Ruhe die Uhr des zweiten Offiziers ans der Tasche ihres Eigentümers. Dann untersuchte er die Zunge des Krauken und wählte kopfschüttelnd ein Pulver aus der Kiste aus. „Sie müssen sich nichts daraus machen, dast es schlecht schmeckt," sagte er.„Wo ist ein Löffel?" Er sah sich nach einem solchen um, aber der Kapitän nahm ihm daS Pulver aus der Hand und leckte es vom Papier ab, als wenn es Sorbet gewesen wäre. „Um Hintmelswillen, sagen Sie nur nicht, dast es Cholera ist," stöhnte er.. „Ich sage überhaupt nichts," entgegnete der Doktor.„Wo, sagten Sie, wäre das Geld?" Der Kapitän wieg auf sein Beinkleid, und Herr Mackcnzie, den als sparsamen Schotten die Wut packle, entnahm ihm den vereinbarten Betrag und überreichte ihn dem Arzte. „Bin ich in Gefahr?" fragte der Kapitän. „Gefahr ist stets vorhanden," entgegnete der Doktor in seiner besten Krankcnzimmermanier.„Haben Sie Ihr Testament gemacht?" Der andere wurde blast und schüttelte das Haupt. „Vielleicht würden Sie gern einen Rechtsanwalt sehen?" sagte Carson in gewinnendem Tone. „Dazu fühle ich mich noch nicht schlecht genug," entgegnete der Kapitän trotzig. „Sie muffen hier bleiben und den Kapitän pflegen, Herr Mackenzie," wandte Carson sich an den Steuermann,„und seien Sie so liebenswürdig, dies schnaubende Geräusch zu unterlassen, es be» lästigt den Kranken." „Schnaubendes Geräusch?" wiederholte der verblüffte Steuer» mann. „Ja! Sie haben die uitangenchme Angelvohnheit zu schnauben," erwiderte der Doktor;„es belästigt mich manchmal. Ich wollte schon immer mal mit Ihnen darüber reden. Sie müssen es hier unterlassen. Wenn Sie das Verlangen haben zu schnauben, gehen Sie an Deck und tun Sie es da." Der Wutausbruch des Steuermanns wurde durch den Kapitän tinterbrochen.„Machen Sie nicht solchen Spektakel in meiner Kabine, Herr Mackenzie," sagte er streng. Beide Steuerleute zogen sich erzürnt zurück und auch Carson verliest, nachdem er dem Leidenden die Decke zurccht gezogen hatte, die Kabine und suchte seinen Freund auf. Thomson nahm die Ge- schichte zuerst etwas ungläubig auf, aber seine Augen glitzerten beim Anblick des halben Sovcreign. „Versteck ihn lieber," rief er besorgt!„der Kapitän wird ihn zurück haben wollen, wenn er wieder gesund ist; eS ist das einzige Geldstück, das wir besitzen." „Er wird nicht wieder gesund werden," entgegnete Dr. Carson leichthin,„wenigstens nicht, bis wir in Hongkong ankommen." „Was fehlt ihm denn," flüsterte der Rechtsnnwalt. Der Doktor machte, indem er seinen Blick vermied, ein lange? Gesicht und schüttelte den Kopf.„Es ist am Ende die Kost," sagte er langsam.„Ich bin kein guter Koch, must ich zugeben. Vielleicht ist etwas aus der Medizinkiste in die Speisen gekommen. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn die Steuerlelite auch krank werden würden." Und tatsächlich kam der Schiffsjunge in diesem selben Augen- blick abermals in die Kombüse gerannt und schrie, dast Herr Mackenzie in seiner Koje platt auf dem Bauch liege, mit den Fäusten in die Luft stoste und sie mit schaurigen NedenSartcu erfülle. Der zweite Offizier erschien an Deck, als er seine Erzählung eben be- endet hatte, warf einen Blick nach vorn und rief laut nach dem Koch. „Du wirst gewünscht, Frank," sagte der Rechtsanwalt. „Wenn er mich Doktor nennt, werde ich hingehen," entgegnete der andere steif. „Koch," brüllte der zweite Offizier.„Koch! K o ch I" Er kam nach vorn gerannt, das Gesicht rot vor Wut und die Faust geballt.„Haben Sie nicht gehört, dast ich Sie rief?" fragte er wütend. „Ich bin befördert worden," versetzte Carson liebenswürdig. „Ich bin jetzt Schiffsarzt." „Kommen Sie sofort nach unten, oder ich kriege Sie beim Kragen und bringe Sie hin," ereiferte sich der andere. „Dazu sind Sie nicht groh genug. Kleiner," sagte der Doktor, noch immer lächelnd.„Aber gut, zeigen Sie mir den Weg und wir wollen sehen, tvaS sich tun lästt. Er folgte dem sprachlosen zweiten Offizier nach unten und fand die Beschreibung des Jungen vom Zustande des ersten Offiziers wie Mondschein im Vergleich zum Sonnenschein, wie Wasser gegen Wein. Selbst der zweite Offizier war über das Schauspiel entsetzt und wagte einen Protest. „Geben Sie mir sofort ctwaS", schrie Herr Mackenzie. „Wünschen Sie sich von mir behandeln zu lassen?" fragte der Doktor sehr liebenswürdig. Herr Mackenzie sagte, daß es der Fall sei, in sieben langen, beleidigenden und lästerlichen Sätzen. „Meine Gebühr beträgt eine halbe Guinea," bemerkte der Doktor höflich,„arme Leute, die nicht so viel zahlen können, Steuer- lcute und dergleichen, behandle ich manchmal für weniger". „Ich sterb' lieber", heulte der Steuermann,„aus mir drücken Sie lein Geld'raus." „Sehr gut", sagte der Doktor und erhob sich zum Gehen. „Bringen Sie ihn zurück, Rogers", schrie der Steuermann „lassen Sie ihn nicht gehen."' Aber der zweite Offizier lehnte mit einem eigenartigen furcht- samcn Blick im Auge auf seinem Sitze zurück und packte die Tisch» kante fest mit beiden Händen. „Komm, komm," sagte der Doktor heiter,„waZ ist denn das? Sie dürfen nicht krank werden, Rogers. Ich brauche Sie zur Pflege der beiden anderen." Der andere stellte sich auf die Füste und blickte ihn mit glänz- losen Augen an.„Sagen Sie dem dritten Offizier, dast er daS Kommando übernimmt," sprach er langsam:„und wenn er auch noch pflegen soll, hat er alle Hände voll zu tun." Der Doktor schickte den Jungen hin, um den dritten Offizier von seiner Verantwortung in Kenntnis zu setzen, und beobachtete dann das seltsame, schlangenartige Zusammenrollen des Herrn Mackenzie. „Wieviel— sagten— Sie?" zischte der letztere. „Arme Leute." wiederholte der Doktor mit Behagen,„zahlen für den Besuch fünf Schilling: ganz arme Leute eine halbe Krone." „Ich will für'ue halbe Krone haben," stöhnte der unglückliche Steuermann. „Herr Mackcnzie," kam eine leise Stimme von der Kapitäns» kabine her. »Herr Kapitän?" brüllte der Steuermann m semer Oual. „Antworten Sie mir nicht in solcher Weise/ bemerkte der Kapilän scharf.„Denken Sie gefälligst daran, daß ich krank bin und den scheußlichen Lärm, den Sie machen, nicht vertragen kann.' »Ich bin— ebenfalls— krank', ächzte der Steuermann. „Krank? Blödsinn I' sagte der Kapitän streng.»Wir können Nicht beide krank sein. Und das Schiff?' Es folgte keine Antwort, aber aus einer anderen Kabine ließ sich Herrn Rogers Stimme hören, die wild nach ärztlicher Hilfe schrie und die unmöglichsten Summen dafür bot. Der Doktor ging von Kabine zu Kabine und verabreichte den Leidenden, nachdem er r ot seine Gebühren einkassiert hatte, niancherlei Tränke, worauf er seiner Eigenschaft als Koch nach vorn ging und ein unschmack- Haftes Gericht herstellte, das er Haferschleim nannte, und auf dessen Vertilgung er bestand. Dank seiner Geschicklichkeit wurden die Kranken von den heftigen Schmerzen befreit, aber dieser Befreiung folgte eine solche de- ängstigende Schwäche, daß fie kaum den Kopf von den Kiffen erheben konnten— ein Zustand, der den gröbten Neid des dritten Offiziers erweckte, der infolge seiner Verantwortlichkeit ein Kissen sehr gut entbehren konnte. In diesem Schwächezustand, und seine bevorstehende Auflösung vor Augen, schickte der Kapitän zu Harry Thomson, und nach einigen Vergleichen zwischen Advokaten und Haifischen, die im allgemeinen fuguusten der letzteren ausfielen, zahlte er eine Guinea und machte ein Testament. Der Steuermann folgte, abgesehen von der Höhe der Gebühren, feinem Beispiel, aber Herr Rogers, dem der Doktor die Sache im Jntereffe seines Freundes nahe legte, schüttelte den Kopf und dankte seinem Stern, daß er nichts zu hinterlaffen habe. Er habe sich für fein Geld amüfiert, sagte er. Es trat allmählich eme Befferung ein, als fie fich Hongkong näherten, wenngleich ein TemperamentLausbruch des Herrn Mackenzie, wobei er dunkle Andeutungen machte, daß er sein Geld zurück haben wolle, bei ihm zu einem bedauernswerten Rückfall führte. Er lag noch zu Bett, als fie im Hafen vor Anker gingen; aber der Kapitän und der zweite Offizier waren imstande, an Deck zu gehen und sich von nebeneinander stehenden Deckstühlen auS gegenseitig zu beglück- wünschen. „Sie find gewiß, daß eS keine Cholera war?' fragte der Hafen- meister, der in feiner Barkasse an Bord gekornmen war, nachdem er di« Geschichte gehört hatte. »Positiv,' erwiderte Carson. „Es war ein großes Glück, daß fie Sie an Bord hatten,' meinte der Hafenmeister,»ein großes Glück.' Der Doktor verbeugte sich. „Es macht allerdings einen seltsamen Eindruck, daß drei daran «krankt sind,' fuhr der andere fort,„das sieht aus, als wenn es ansteckend wäre, nicht wahr?' »Ich denke nicht," versetzte der Doktor und nahm eifrigst daS Angebot, in der Barkasse an Land zu setzen und sich mit einem anständigen Anzug zu versehen, an.„Ich glaube, ich weiß, WaS es war." Der Kapitän der„Stella" spitzte die Ohren, und der zweite Offizier lehnte mit offenem Munde vorwärts. Carson schritt in Begleitung des Hafennieisters und des Rechtsanwalts auf die Bar- fßffg zu. »Was war es denn?' schrie der Kapitän gespannt. „Ich glaube, daß Sie etivas aßen, was Ihnen nicht bekommen ist," antwortete der Doktor, indem er bedeutungsvoll grinste. »Adieu, Käppen." Der Kapitän der„Stella" antwortete nicht, erhob fich aber mühsam, stolperte an die Reeling und drohte der auf das Ufer zu- haltenden Barkasse mit der Faust. Doktor Carson, der eine gute Erziehung genossen hatte, warf ihm als Erwiderung eine Kußhand zu.__ Kleines feuiUeton* Literarisches. Dr. Albert Volbert:„Ferdinand Freiligrath .als politischer Dichter'(Münster i. W. Heinrich Schöningh). Diese Differtationsschrift zur Erlangung des Doktorgrades bei der neugebackenen Universität Münster war vielleicht erwünscht, um die von Professor Dr. Schwering daselbst herausgegebenen»Münster- schen Beiträge zur neueren Literaturgeschichte' weiters um eine unter Umständen verdienstliche Publikation zu bereichern. Der Ver- fasset nimmt aber von Anfang auS einen dem Dichter nur teilweise gerechtwerdenden Standpunkt ein. Er begrenzt nämlich sein Thema auf Freiligraths Gedichtsammlung„Ein Glaubensbekenntnis" ganz allein. Diese Abgrenzung muß naturgeniäß zu einseitiger Beurteilung führen. Nicht etwa, daß Volbert zu einer Verketzerung Freiligraths gelangte. Ganz im Gegenteil: er steht diesem durchaus sympathisch gegenüber, wenn er auch an manche poetische Schwächen, fie vom ästhetischen Gesichtswinkel her betrachtend, den Maßstab der Rüge legt. Was nun Volberts Untersuchungen angeht, so erstrecken sie fich über Freiligraths Entwickelung zum politischen Dichter insoweit, als die politischen Zustände in Preußen zwischen 1836 bis 1844 für diese seine EntWickelung die Maßstäbe bilden können. Volbert unterscheidet da bei Freiligrath drei Momente. Erstens weist« die»politischen Momente' in Freiligraths Jugenddichtung nach. Es gelingt ihm hier an der Hand erstmals den nachgelassenen Papieren ent- nommener, also nicht bekannter Frühzeitgedichte einige neue Licht- lein aufzustecken. Für das politische Moment, meint Volbert, sei ausschlaggebend, daß Freiligrath„in einer Zeit der Opposition auf- wuchs". Dies Argument ist gewiß nicht zu bestreiten. An dem jugendlichen Freiligrath, nämlich als dieser noch Gymnasiast war, scheint jedoch die Zeit der Opposition noch ziemlich spurlos vorübergegangen zu sein, wie fem Panegyrikus auf den erzreaktionäreir Friedrich Wilhelm III. beweist. Die Amsterdamer Lehr- jähre find aber für Freiligrath auch poetische Lehrjahre geworden. Aus Soest, dem öden westfälischen Provinznest, ist er in die Welt der Kontraste hinausgekommen. Da weitet fich mit einS der Horizont seiner Anschauungen. Unter dem Einfluß Victor Hugos. des großen französischen Romantikers, mußte fich in Freiligraths Seele manches ändern. Zweifellos wird er von großen Humanitätsideen befruchtet, wofür viele seiner exotischen Gedichte aus jener Epoche Zeugnis geben. Das Menschliche zieht ihn noch mehr an wie das Politische. Nachdem er in die Heimat zurückgekehrt war, mußten fich seinem nunmehr alle Poren öffnenden Geiste auch die erbärmlichen Zustände im Preußenlande aufdrängen und seine Oppofitionslust schärfen. Er tritt in die Periode des„gemäßigten Liberalismus". Er nimmt regen Anteil an allen politischen Tages- fragen. Diese Periode wird von Volbert treffend grschildert. Wir sehen Freiligrath politisch und als Poet wachsen und reifen. ES kommt dann das Beckersche Rheinlied(„Sie sollen ihn nicht haben" usw.), wodurch— wenn ihm auch sonst keine Verdienstlichkeit zuzu- sprechen ist— denkende Geister auf eine Vergleichung der preußenländischen Zustände mit den freieren, besseren in außerdeutschen Nachbarstaaten hingedrängt wurden. Selbstverständ- lich auch Freiligrath. Da wirft Herloegh seme„Gedichte eines Lebendigen" in die„Stickluft jener Tage' hinein. Freiligrath gerät mit ihm in eine dichterische Fehde gleich Geibel u. a. Unterdessen ist er auch„Pensionär" von Friedrich Wilhelms IV. Gnaden ge- worden. Das bringt ihn bei Herwegh, Heine u. a. in den Verdacht, ein Royalist zu sein. Er ist's aber nicht, war es nie in diesem Sinne geioesen. Im eifrigen Studium und Nachsinnen hatte sich seine demokratische Anschauung geklärt und befestigt. Und wenn er dann im Januar 1844 freiwillig auf den ferneren Bezug der Pension Verzicht leistet, so tut er's wie ein rechter Mann, der seine ehrliche Ueberzeugung offenbaren muß. Er tut es mit der Gedichtsamm- lung:„Ein Glaubensbekenntnis". Aus diesem Opus versucht nun Volbert Stück für Stück den Uebergang Freiligraths vom Liberalismus zum Radikalismus zu erklären, indem er die geschichtlichen Vorgänge jener Jahre, insoweit fie in Freiligraths Gedichten ihren Niederschlag gefunden haben, zur Vergleichung heranzieht. Er kommt dabei nach Recht und Billigkeit zu dem folgenden Ergebnis: .Freiligraths politische Lyrik ist nicht eine Konzession an die Tagesmode, sondern... der Abschluß einer langen EntWickelung. Die treibende Kraft ist seine Erbitterung über die vielen Mißgriffe der Regierung, über das gestörte Vertrauen zwischen Volk und Königtum, über seine scheinbaren liberalen Gc- Währungen, die bald reaktionären Maßregeln Platz machten, eine Erbitterung, gepaart mit war», herziger Teilnahme für die Leiden und Sorgen der Unglücklichen und Armen.... Jetzt verwob sein hoher Idealismus die Gedanken einer staatlichen und sozialen Re» formation miteinander; mit keckem Mute deckte er nebe» den poli- tischen auch Gesellschastsschäden in ihrem innersten Kerne auf." Volbert anerkennt die ehrliche Ueberzeugüng des Dichters, den Ewigkeitsgehalt mancher seiner poetischen Erzeugnisse, die„in jener Epoche wildbegehrender Parteilcidenschaft seiner vulkanischen Natur entströmten' und sagt, daß wir Freiligrath„auch in seiner politischen Poesie schätzen und bewundern" können,„wenn wir auch mit seinen politischen Ansichten nicht mehr einverstanden sind". In diesem letzteren Bekenntnis scheint mir aber der Grund zu liegen, warum Volbert die Offenbarungen deS soziali st i schen Revolutionärs Freiligraih in seinen Zyklen„ y a i r a" und„Neuere politische und soziale G c d i ch t e' von seiner Betrachtung ausschloß. Es ist für den bürgerlichen Literaturhistoriker ja leickuer. einen Dichter nach seinen rein politischen Zeitbekenntnisicn zu analysieren, weil diese ohne viel Studium erreichbar find. Er kann sich da auf eine vergleichende Betrachtungs- weise beschränken, die zwar von mcthodistischer Literatur» geschichtsschreibuug nach üblichem Schema, nicht aber von tciner Bekanntschast mit der Geschichte des Sozialismus Zeugnis gibt. Gerade bei„