Ilntethattimgsblatl des Vorwärts Nr. 102. Mittwochs den 27. Mai. 1908 (Nachdruck verboten.) 881 Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten, dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: ..Seht den Hanswurst, er spielt sich aufl" Und dann zog Asmus das Seitengewehr und rief:„Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von der Waffe Gebrauch machen!" und nahm Aufstellung zum Brudermord. Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienst zeit machte Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, und er machte das so fein, so frisch und so klar, daß Asmussens Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte.„Wenn das kein Schulmeister ist, so will ich Erzbischof sein," dachte Asmus, und als die Entlassung aus dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, kam Asmus in die Nachbarschaft des- selben Leutnants, der sich bald als Gymnasiallehrer Dr. Rumolt zu erkennen gab. Man sang das gefühl- und weihevolle Lied: „Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! Ertvartcn euch die himmlichen Freuden, jal" „Ja. ja, die himmlischen Freuden!" sagte Rumolt.„Jetzt geht's wieder in die Schulstube." „Ja!" versetzte Asmus mit Fröhlichkeit. „Freuen Sie sich darauf?" „O jal" „Dann sind Sie ein glücklicher Mensch." „Sind Sie nicht gern Lehrer?" „O," machte Rumolt,„ich wüßte nichts Schöneres als Lehrer sein— wenn man es nur sein könnte." „Wie meinen Sie das?" fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System Drögemüller ein Lab- sal werden sollte. 41. Kapitel. (Die Schule am Wiesenhaug.) Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren frisch-fröhlichcn Anfang, und in Asmussen stiegen leb- haste Zweifel darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten erträg- lich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buch- staben zu sondern wußte: er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daß der Lehrer ein Künstler sei, der zu feinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune und einer schaffens- fröhlichen Stimniung bedürfe, den man deshalb mit Libera- lität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln miisse, dann zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber über- legenes Lächeln, als spräche man Chinesisch zu ihm und als verstiinde er das Chinesische besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es Drögemüllcr nicht, daß der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung und treu- stem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit fort- geschritten war wie irgendeine— er kannte keine Scham vor dem Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Ge- fchaffcne zu würdigen und zu mehren, sondern auf Ueber- tretungen zu fahnden— darin erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er überall mit seinem Notiz- buch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, als dieser eines Tages eine Türe, hinter der er Herrn Dröge- müller ahnte, mit großer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des Vorgesetzten traf. 1 „Pardon," sagte Asmus,„ich konnte nicht ahnen, daß Sie hinter der Tür ständen." Wenn sich nun auch Asmus bewußt war, daß er alles leistete, was eine menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute wie dem Reisenden. der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichet sieht: eine große, freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn Trost und Erquickung, mit Dr. Rumolt, seinem neuen Freunde, in freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu können. Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste Land- straße der Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum Flußufer hinabführenden Engpaß eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man den großen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel. „Sehen Sie", sagte Rumolt,„das war' eine Schulstube, gelt? Was meinen Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und Seefahrt. von den Flotten der Hansa und von. Störtebekers Räuber- fahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunter- rudern oder-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem Wulpensande kämpften und wo Heitel von Hegelingen gewohnt. Meinen sie nicht, daß ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen zwischen vier Mauern als„Welt" vorgetäuscht wird?" „Das meine ich allerdings." „Hinaus ins Freie! � Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen vor- zeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens.— Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir hin sehen, dieser Himmel, sie umschließen nahezu alles menschliche Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles erlernen, was der Mensch wissen und brauchen kann." „Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern lang- weilig werden." ».Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur zeigen, daß die Natur überall Millionen An- knüpfilngspunkte bietet, die in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können: nur was man kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind, wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten meine Schüler ohne Ausnahme Acker- bau treiben. Nicht, daß sie alle Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben— aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch die Tat!" „Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken," sagte Asmus, „würde allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl vor- aussetzen." „Gewiß," fuhr Rumolt fort.„Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und zwölf, die ehrwürdige Patri- archenzahl, erscheint mir da als das äußerste Maß." „Da brauchen wie viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich vielseitiger Bildung." „Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste Kraft in einem öden Datenwisscn verzehren und verzetteln müssen, das wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen Lehrer nicht wie einen allwissenden Mcwister von heute vorstellen. Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen:„Das weih ich nicht, ich werde mich zu unterrichten suchen," oder„Forscht selber nach, und wer es gefunden hat, der sag es uns"." „Der banalste Einwand ist der wichtigste," meinte As- mus,„das Geld. Der Staat mühte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den heutigen." „Ja— hahaha— das mühte er," lachte Rumolt.„Er mühte sich an den eigentlich doch recht naheliegenden Ge- danken gewöhnen, dah er keine höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, dah er gar nicht besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung seiner Bürger, und dah er darum kein gröheres Budget haben sollte als sein Erziehungsbudget." „Statt dessen macht er das Einjährigenzeugnis zum Er- ziehungsideal," bemerkte Asmus. „Ja!" Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie.„Ist eigentlich eine ärgere Posse denkbar? Eine militärische Ver- günstigung als Speck in der Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne Unterschied streben— die das Geld dazu haben, natürlich— und alle, die im Leben „etwas Besseres" werden wollen, müssen dasselbe famose Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der Kommunisten und Sozialdemokraten— aber gibt es eigentlich eine schlimmere Gleichmacherei als unsere Prü- fnngsvorschriften? Da Hab ich einen Burschen in der Unter- sekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich begabt in der Mathe- matik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem Ge- schick in allem Technischen— was er ansaht, gelingt ihm, und obendrein noch musikalisch. Aber auf dem Kriegsfuh mit allem, was fremde Sprachen heiht. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse, und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden— und dazu ist keine Hoffnung — dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr Wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und sich erschieht. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch nicht auf die Universität gehen und Natur- wissensthaften studieren, warum soll er nicht aufs Polytech- nikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht denkbar, dah er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Zlenophoir, Ovid und Victor Hugo? Doch—" Rumolt zeigte nach Westen— „Doch Iah uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern?— Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!" Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusamnienfetzung und ihrem Kubikinhalt— das würd' ich am Tage tun—, aber von den Ländern, denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und Symbol, von Karl Moors Wehmut:„So stirbt ein Held" und von Faustens Sehnsucht, ihr zu folgen? Mühten da nicht in den Seelen der Kinder und Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?" lFortsetzung folgt.) I�onvegifcbe Briefe. n. Ich glaube: nur drei wunderbar echte und lebenswahre norwegische Mädchengestalten hat Ibsen geschaffen: im„Bau- meister Solneh" die H i l d a W a n g e l, die als Touristin in das Haus kommt und rücksichtslos die Erfüllung dessen verlangt, was ihr— als Kind— von dem Baumeister versprochen wurde: in de» „Gespenstern" die Regina, die in die Well hinauszieht, um „etwas vom Leben zu geniehen"(das Mädchen, das bei der kern- frischen Gesundheit, die es von der Mutter ererbt, die Lasterhaftig- keit des Vaters— des alkoholisierten Kammerherrn Alvings— im Leibe hat): und im„Volksfeind" die Tochter Dr. Stockmanns, die Lehrerin Petra, dieses energische, kluge, umsichlige, kaltblütige Mädchen, dem vor dem Leben nicht bange ist. Diese Lehrerin Petra ist auch der Typus der norwegischen Frauenrechtlerin. und das Charakteristische der norwegischen Franenbeivegnng ist, dah sie einen still wirkenden sozialpädagogischen Ziern hat.(Auch in Björnsons Roman:„Flaggen über Stadt und Hasen" ist eS eine ehr lebenswahr gezeichnete Jnstitutsvorfteheriii, die sich zur Aufgabe etzt, freie Mädchen z u e r z i e h e n! Zu erziehen— das heiht: sie zur Reife zu bringen.) Welcher gewaltige Gegensatz ist das z.» der„dritten Geschlechts"- Schwärmerei in Deutschland, dem ,.Snffrageten"-Rninmel in England und der feministischen Damen» bcwcgung in Frankreich, die für das Recht der Frauen, in die Frei» maurerlogen einzlitreten, leidenschaftlicher kämpft, als für die Auf» Hebung der Bestimmungen des Cods Napoläon, die die unehelichen Mütter wehrlos machen. Weil die norwegische Frauenbewegung seit je in den Händen der Lehrerinnen lag und noch liegt, weil sie somit eine pädagogische Erziehungsarbeit darstellt, ist ihre Wirkung auch eine so tiefgehende, und drastischer als alles andere beweist das Beispiel der Norwegerinnen, dah die Frau dem Manne gleichwertig werden kann, iveiin sie gleichwertig erzogen wird. Ein eigenartiges Schauspiel bereitet sich hier vor: die Frau wird das dominierende Element in der inneren Entwickelung des Landes werden. Instinktiv widersetzen sich auch die bäuerlichen und bürger- lichen Radikalen dem Vordringen deS Fraueneinflusses. Die Sozial- dcmokraten fördern ihn ans Prinzip, die Konservativen ans kluger Berechnung, nur die bürgerlichen Radikalen versuchen ihn einzudämmen. Das ist übrigens eine Erscheinung, die sich in ganz Europa zeigt, aber nirgends so scharf umrissen kenntlich ist, wie hier, wo die bürgerlichen Radikalen wirklich radikal sind und auch nicht mehr mit dem Schlagworte der weiblichen Minderwertigkeit operieren können. Es scheint also tief im Wesen der bürgerlichen Demokratie zu liegen, dah sie der männlichen Herrschaft in Staat und Familie nicht ent- sagen will. Für Norwegen dürste allerdings auch der Brotneid mit in Be- tracht kommen, denn gerade jene Berufe, die gewöhnlich dem bürger- lichen Nachwüchse reserviert sind— Kontor und Handel— wurden von der Frau vollkommen erobert. Der KommiS und der Kontorist und der Buchhalter sind Gestalten, die vollkommen zu verschwinden beginnen. Das Laden- und das Kontor- sränlein beherrscht das Feld und das geht so weit, dah der Kassendienst in grohen Etablisseinents und der Stenographen- dienst im S t o r t h i n g ebenfalls von Mädchen besorgt wird. So sehr dies— abgesehen von dein numerischen Ueber- gewicht der weiblichen Bevölkerung— die Stellung der Frau stärkt, ebenso sehr wirkt das auf die städtische männliche Jugend zurück, die in dem eben erst sicki eine Industrie schaffenden Norwegen keine Existenz findet und auswandern muh. Die beträchtlich angewachsene Zahl der emigrierenden männlichen Jligend enthält zum grohen Teile Städter. Eine iveitere Folge dieser Erscheinung ist. dah Norwegen keinen bnrgerlich-radikalen Nachwuchs besitzt. Drastisch wird dies dadurch bewiesen, dah konservative, sozialistische und bäuerlich- radikale Fugcndvcreine hier schon lange bestehen, während erst vor vier Monaten die erste städtische radikale Jugend- Vereinigung gegründet wurde. Ans den Städten ist der bürgerliche Radikalismus fast vollständig entschwunden und findet nur noch ans den, Lande RückHall, allerdings da im ganzen Land- gebiete; ein Unikum: die Städter find, soweit sie nicht sozialistisch sind, konservativ und die Bauern polltisch radikal. Sonst ist es um- gekehrt. Daher sucht die städtische Jugend auch Anschluh an die Landbevölkerung, und ein nationaler Verein hat hierfür ein, übrigens sehr zweckmähiges, Mittel gefunden: er organisiert die Sommer- arbeit der Gymnasial- u nsd II n i v e r s i t ä t s st u d e n t e n auf den Bauernhöfe». Dadurch werden zwei Dinge erreicht, erstens die Fühlungnahme zwischen der Stadt- und Landbevölkerung und zlveitens für mittellose Studenten ein gesunder Landaufenthalt bei physischer Tätigkeit im sportleeren Sonnner. Freilich hat diese Erscheinung— Studenten als Land- arbeiler— nichts besonders Auffallendes in einem Lande, dessen Universitätsstudente», die sogenannten„Bauernstudenten", zur guten Hälfte der Landbevölkerung entstamme». So kommt es, dah der „Studcntensamfund", der akademische Verein, stark unter ihrem Ein» flusse steht und auf die politische Note gestimmt ist, auch politische Einwirkung besitzt. Das städtische radikale Element unter der Studentenschaft ist verschwindend gering, und so sah man z. B. bei dem Festzuge am I. Mai nur drei Universitätsstudenten. Dafür ist aber in Kristiania eine auhergcwöhnlich grohe Studenten b o h e m e vorhanden, und man kann hier wieder eine Reinkultur dieses Typus finden, und zur Gewihheit wird hier, IvaS man in anderen Ländern auch schon beobachten konnte: der Boheme i st d e r e n t- wurzelte bürgerliche Radikale, e r i st d e r P h i l i st e r unter den Revolutionären. Geistig schon über die bürgerliche Gesellschaft hinausgewachsen, hat er, als Deka- deiner, nicht mehr die Kraft, den Kampf mit ihr auf- zunehmen, stellt sich daher bei Seite und begnügt sich, init ihren änderen Formen zu brechen, anherhalb der Bönrgoisie zu leben. Klarer als überall tritt das hier zutage, Ivo fast.die ganze städtische akademische Jugeno, Boheme ist— weil der politische mid kulturelle Kampf in diesem Lande Energien erfordert, die diese Menschen nicht mehr besitzen. So werden sie— als Dekadente— Fahnenflüchtlinge des Radikalismus, dem sie geistig zngchörcn. Da die Universität hicrznlandc zugleich Lehrer- und Lehrerinnen- scminar ist, erklärt es sich, dah sie auch einen grohen Teil Weib- licher Hörer aufiveist. Für die geistliche Beschaffenheit dieser Mädchen ist ein Bcschluh, der kürzlich gcsaht wurde, sehr charakteristisch. Die„S t u d e n t i n n c n v e r e i n i g u n g", die sehr rührig ist, veranstaltet von Zeit zu Zeit für ihre Mitglieder Theater- Vorstellungen. Nun wurde beschlossen, dah diese Theatervorstellungen von den Studentinnen währeird des Sommer» in den Städte» im Landesinneren gegeben werden sollen. Dabei ist zu bedenken, dah nur zwei norwegische Städte— Kristiania und Bergen— feste Theater besitzen, die einzigen zwei Theatergruppen mir t>a? Küstengebiet bereisen(weil nur hier billige Kommunikationsmittel sind), Dilettantenvereine aber im ganzen Lande fast gar nicht existieren, da der Norweger nichl agil genug ist. um schauspielerische Kräfte aufzuweisein Im Landesinneren ist daher eine Theatervorstellung ein Ereignis, und da die Studentinnen literarisch- wertvolle Stücke auf- führen, sind diese Tournee zugleich eine kulturelle Arbeit(nebenbei; die Studentinnen sind eben die angehenden L e h r e r i n n e n I). Wenn nun bei den Landarbeiten der Studenten oft das Motiv, einen billigen Landaufenthalt zu erhalten, bei den Studentinnen vielleicht der Wunsch, eine billige Sommerreise zu unternehmen, in Betracht kommt, so ist es doch bezeichnend, das} die Studentinnen kulturelle Arbeit leisten wollen, bei den Studenten aber politische Motive mitwirken. Allerdings mutz da immer wieder der starke Einflutz der .Bauernstudenten" Hervorgehoben werden. der es vielleicht bewirkt hat, datz die Bauernschaft und die Studenten heute allein die Träger der radikal-nationalen Bewegung sind. Diese radikal- nationale Bewegung, die in dem Wunsche nach „Selbständigkeit" die Union mit Schweden sprengte, hat nun auch andere Gebiete erfatzt. Ungemein charakteristisch ist dafür die„ L an d s m a a l"-Bewegung. Wie in den meislcn Ländern Europas ist die Bauernsprache auch hier von der Sprache der Städter verschieden. Aber der Unterschied ist hier wesentlicher. Die — erst im Jahre 1814 beendete— Herrschaft Dänemarks über Norwegen, die 400 Jahre andauerte, hat auch eine Vorherrschaft der dänischen Sprache mit sich gebracht. Zwar wurde das Dänische nicht allgemein üblich, aber das Altnorwegische wurde in- soweit dänisiert, als neue dänische Worte aufgenommen Ivurden. Dabei aber wurden und werden die dänischen Worte nach der alt- norwegischen Mundart ausgesprochen. So kam es. datz die Dänen und Norweger eine gemeinsame Schriftsprache besaßen und noch besitzen,' die ganze Literatur von beiden Völkern mühelos gelesen werden kann, aber ini Ge- spräche— eben durch die stark differierende Aussprache der gleichen Worte— sich nur mühselig oder gar nicht verständigen. Dieses däuisierte Norwegisch ist das„Rigsmaal"(Neichssprache), das im Verkehr und in der Literatur vorherrscht. Diesem steht nun das „Landsmaal"(Landsprache) gegenüber, das alte Norwegisch, das von den Bauern gesprochen wird. Da es aber ganz andere Worte als das— mit dänischen Worten vermengte— Nigsmaal besitzt, so verstehen sich Städter und Bauern überhaupt nicht, trotz der gleichen Anssprachegesetze der beiden Idiome. Die Bauern, die im Lande und im Storthing die Mehrheit besitzen, erklären nun das„Rigsmaal" für eine frenide Sprache und haben das Landsmaal als das eigentliche Norwegisch, vorerst für gleichberechtigt erklärt. Nach den Gesetzen von 1906 müssen alle offiziellen SchriWücke in beiden Sprachen verfaßt und diese bei allen Aemtern gleichberechtigt sein, das Landsmaal m u tz in den städtischen Schulen gelehrt werden(auf dem Lande stand es den Gemeinden seit langem frei, den Schulunterricht im Lands- inaal oder im Rigsmaal durchzuführen) und die Univcrsitäts- hvrer müssen einen Teil der Examen im Landsmaal- Idiom sprechend und schreibend ablegen. Nun aber dringen die „Maalbevegelscr"(„Sprachbcwcgnngssrcunde") daranf, datz die eigentliche„norwegische Sprache" bevorrechtet, das Rigsmaal zurück- gedrängt wird. Einer der eifrigsten und tätigsten„Maalbevegelscr" ist der bekannte Dichter Arne Gaborg, dessen sämtliche Werke in diesem Idiom geschrieben sind, der die erste Tageszeitung in der Baucrnsprnche herausgab und redigierte und der auch vor zwei Jahren— im Auftrage des Storthings— mit zwei Mitarbeitern die c r st e G r a m'm a t i k für Landsmaal veröffentlichte. Die erste Grammatik— das bezeugt schon, datz das Landsmaal, das durch vierhundert Jahre sich entlvickclndc Rigsmaal nicht so rasch wird verdrängen können, denn das Landsmaal ist nicht bloß unentwickelt, sondern auch ver- schiedenartig. Der Bauer im Gebirge spricht ein ganz anderes Maal als der Bauer an den Fjorden. So wird diese Bewegung nicht so rasch an das Ziel gelangen können, aber sie ist charakte- ristisch für den Drang nach„nationaler Selbständigkeit", für den Wunsch, die— nur halb bestehende— Sprachunion mit Dänemark ebenfalls zu lösen. Und gleichfalls bezeichnend ist, datz in dieser Frage nur die Landbevölkerung und die Studentenschaft gemeinsam vorgehen._ Das Brchnagnctifchc Observatorium in Potsdam. Vor einiger Zeit ging durch die Zeitungen die Meldung, es habe sich als wünschenswert erwiesen, das Potsdamer Straßenbahn- netz nach Süden hin zu erweitern, die Leitung des dort auf dem Telcgraphenberge gelegenen Erdmagnctischen Observatoriums habe gegen diesen Plan Einspruch erhoben, weil seine Durchführung die Arbeiten des Observatoriums stören würde. Dies war vielleicht das einzige, was weiten Kreisen überhaupt Kenntnis davon ver- schaffte, daß dort ein solches Institut besteht. Jeder Besucher Pols- dams weitz, das östlich von der Havel dort wissenschaftliche Anlagen errichtet sind, aber nur die wenigsten wissen, datz sie bestehen ans dem Astrophysikalischeu Institut, das der Untersuchung der Physik der Sonne und der anderen Gestirne gewidmet ist, aus dem Geodätischen Institut, das der ge- nauesten Bestimmung der Größe, der Gestalt und des Gewichtes der Erde dient. aus dem Meteorologischen Observatorium, in dem die Verhältnisse unserer Atmosphäre studiert werden, und endlich aus dem Erdmagnetischen Observatorium. Und selbst diejenigen, welche von diesem letzteren etwas gehört hatten, nehmen gewöhnlich an, es habe die Aufgabe, die praktische Verwertung des ErdningnetismuS dadurch zu fördern, datz es Kompatzmagnete für die großen See- schiffe recht sorgfältig herstelle; aber das ist durchaus nickt die Auf- gäbe dieses Instituts, sondern das gehört zum Arbcitsgebie? der Hamburger Seewarte.— Das Potsdamer Erdmagnetische Observatorium ist vielmehr für rein wissenschaftliche und theoretische Untersuchungen da, wobei allerdings nicht außer Betracht gelassen werden soll, daß solche rein theoretische Arbeiten sich auch praktisch in irgendeiner Weise nützlich erweisen; die Resultate der Erdmagnetischen Untersuchungen kommen zum Beispiel bei der Anlage von Telegraphen- und Telephonleitungen zur Geltung. Im besonderen handelt es sich beim Erdmagnetismus um die sorg- fällige und genaue Festlegung der erdmagnetischen Horizontnlinten- sität, der magnetischen Deklination, und der magnetischen Inklination, sowie der Veränderungen, die diese Größen mit der Zeit erfahren. T ie Hoorizontalintensilät ist diejenige Kraft, mit der der Erdmagne- tismus eine schwebend aufgehängte Magnetnadel in die ihm zu- kommende Richtung zwingt, bekanntlich annähernd die nord- südliche; die Deklination ist der Winkel, den diese Richtung mit der wirklich geographischen Nord- Südrichtung bildet, und die Inklination ist der Winkel, den die Magnetnadel mit der wagerechten Richtung einschließt. Es gibt im äutzerstm Nordosten von Amerika bei 70 Grad nördlicher Breite und 96 Grad westlicher Länge von Greenwich, einen Punkt, den ma» den magnetischen Nordpol nennt, in dem sich die nördliche Kraft des Erdmagnetismus am kräftigsten äußert. Wenn man ein> Magnetnadel hierhin bringt, wird ihr einer Pol so kräftig von d« Erde angezogen, datz die ganze Nadel sich senkrecht zur Erdober« fläche von oben nach unten zu einstellt, also gar keine Direktion nach irgendwelcher geographischen Richtung hat, wie sie sonst de« Magnetnadel zukommt. Der voni erdmagnetischen Nordpol an- gezogene Pol der Magnetnadel müßte eigentlich als Südpol be- zeichnet werden, denn das wichtigste Gesetz des Magnetismus ist, datz entgegengesetzte Pole sich anziehen, aber weil dieser Pol doch nun einmal nach Norden weist, nennt man ihn, eigentlich ungenau, den Südpol der Nadel. Je weiter man mit der Nadel vom magnetischen Nordpol weggeht, um so flacher stellt sie sich, um so mehr nähert sich ihre Richtung derjenigen der Erdoberfläche; aber in unseren Gegenden liegt doch noch zwischen beide» illichtnngcn ein Winkel von etwa 60 Grad, d. h. gleich dem Winkel, den man erhält, wenn man auf dem Zifferblatt einer llhr vom Mittelpunkt gerade Linien nach den Punkten der 12 und der 2 zieht. Wenn man nun die Horizontalintensität, die Deklination und die Inklination noch so genau bestimmt hat, so ist die Aufgabe des Erdmagnetischen Observatoriums damit noch nicht gelöst. Denn die drei Grötzen erleiden dauernd Veränderungen, zunächst solche periodischer Nawr, bei denen fie eine Zeitlang zunehmen, um dann abzunehmen. Man kennt eine säkulare Periode, bei der sich eine Zunahme und eine Abnahme aller drei erdmagnetischen Grötzen im Laufe vieler Jahre vollzieht, eine JaHresperiode, bei der jede Zu- und Abnahme zusammen ein Jahr dauert(sie ist ver- anlaßt durch die Einwirkungen der verschiedenen Stellungen, die die Erde in ihrem Laufe zur Sonne einnimmt), und eine tägliche Periode, bei der sich die Zu- und die Abnahme in einem Tage vollendet, und bei der die Wirkung der Achsendrehung der Erde zu- tage tritt. Dazu kommen noch ganz unregelmäßige, plötzlich auf« tretende Veränderungen, jähe Störungen, die man als magnetische Stürme bezeichnet, und die sich dadurch sehr unangenehm bemerklich machen, datz sie die tclegraphischen Verbindungen stören. Denn be- kanutlich bestehen zwischen Magnetismus und Elektrizität lebhafte Wechselwirkungen. Vor wenigen Jahren erst kam ein magnetischer Sturm von solcher Kraft vor, datz durch ihn für einen Tag das Telegraphieren in ganz Europa und Amerika unmöglich gemacht wurde. Die Deklination und die Inklination werden in Potsdam studiert, indem man mittels guter Fernrohre direkt die Richtung der Magnetnadel beobachtet und fo den Winkel feststellt, den sie mit der genau bekannten Nord-Südrichtung macht, sowie den, um den sie von der Horizontalcbcne abweicht. Die Horizontalintensität wird dadurch bestimurt, datz man eine gute Magnetnadel schweben läßt, so daß sie nur unter der Einwirkung des Erdmagnetismus steht; dann bringt man einen Magnet von genau bestimmter niagnctischcr Richtkraft und Größe in genau abgemessene Entfernung von jener schwebend aufgehängten Nadel, und wenn man dann mit dem Fernrohr be- stimmt hat, wie stark sie durch den Magneten von der früheren Lage abgelenkt ist, kann man daraus berechnen, welche Kraft sie in jener urspünglichen Richtung festhielt, und das ist eben die Horizontal- intensität. Die Grötzen, die man dabei bestimmen mutz, sind nicht gerade erheblich; um so mehr war es nötig, äußerst fein und sorgfältig ge- arbeitete Magnetnadeln und Magnetstäbe und recht cxakie Fernrohre in dem Observatorium anzubringen. Erst die in der Neuzeit gan» außerordentlich entwickelte PräzisionSmechauik hat überhaupt die aus dem Telegraphenbcrg vorgenommenen feinen Studien ermöglich� Man hat festgestellt, daß die tüglicBe Variation der Deklination ettva neun Bogemninuten umfaßt. Wenn wir von unserem Auge nach den beiden einander entgegengesetzten Rändern der Sonne itfvei gerade Linien gezogen denten. so schließen diese einen Winkel von 32 Bogeuminuten ein; die tägliche Bei- ünderung der Deklination beträgt also nur den dritten bis vierten Teil dieser Größe. Die Veränderung der Inklination ist noch ge- ringer: Hier beträgt die jährliche Veränderung nur etwa 3 Bogen- Minuten, also den zehnten Teil des Winkels, den die beiden nach den Soitnenrändern gezogen gedachten Linien bilden. Die Horizontal- inteßsität mißt man mit der Größe, die die Physiker überhaupt als Krafteinheit gebrauchen. Es ist das die Kraft, die imstande ist, 1 Gramm in 1 Sekunde um 1 Zentimeter fortzubewegen; diese Kraft nennt man eine Dhne, und die Horizontalintensilät beträgt durchschnittlich eine halbe Dyne. Bei den Veränderungen, die die Horizontalintensität erleidet, handelt es sich um Hunderttausendstel und Milliontel einer Dyne. Im Erdmagnetischen Observatorium begnügt man sich aber nicht damit, daß zu gewissen Tageszeiten die' erdmagnetischen Größen mit dem Fernrohr bestimmt werden, man wünscht über ihren Zu- stand in jedem Moment unterrichtet zu sehr Dazu wäre nötig, daß man an der Magnetnadel eine Feder anbrächte, die auf einem gleich- mäßig sich abrollenden Papierstreifen die Bewegungen der Nadel so aufzeichnet, lvie in den Instrumenten der Wettersäulen Teurperatur, Druck und Feuchtigkeit der Luft aufgezeichnet werden. Aber die Magnetnadel verändert ihre Lage nur so wenig, daß eine Schreib- fever von der gewöhnlich angewandten Länge nichts anderes erkennen ließe als eine gerade Linie, also gar keine Lagenveränderung der Rädel. Um die feinen Veränderungen in der aufgezeichneten Kurve erkennbar zu machen, müßte man eine sehr große Schreibfeder anbringen. Denn man erkennt leicht, daß die Schrcibfeder um so größere Ausschläge macht, um so deutlichere Zeichmnigen liefert, je größer sie selbst ist. Eine Feder von der nötigen Länge wäre aber so schwer, daß infolge ihrer Last die Magnetnadel nun wirklich keine Bewegungen mehr machte, daß sie nicht mehr freischwebend nur unter dem Einfluß des Erdmagnetismus stände, sondern von der langen und schweren Feder gebremst würde. In dieser Verlegenheit entschloß man sich, eine Feder fiir die magnetischen Aufzeichnungen zu verwenden, die überhaupt keine Schwere besitzt, wen» sie auch noch so groß ist— nämlich den Licht- strahl. Man brachte an den betreffenden Potsdamer Instrumenten auf der Magnetnadel einen leichten Spiegel an. auf dem ein kräftiger Lichtstrahl so fällt, daß er von ihm auf einen genügend weit entfernten Streifen lichtempfindlichen Papiers reflektiert wird; auf diesem werden also die Bewegungen der Nadel als nunmehr völlig erkennbare Kurve einfach abphotographiert. Natürlich muß jedes fremde, störende Licht ferngehalten werden, und so ist es in den Rämncn, in denen diese Apparate aufgestellt sind und automatisch malen, so dunkel, wie in der Dunkelkammer eines Photographen. Aber aus dieser Dunkel- heit kommt das Licht der erdmagnetischen Erkenntnis. Man kann sich denken, daß bei der lebhasten Wechselwirkung zwischen Magnetismus und Elektrizität und andererseits bei der Feinheit der Arbeiten im Erdmagizetischen Observatorium diese durch die Einwirkung der elektrischen Straßenbahnen wirklich aufs empfindlichste gestört werden müßte», und daß es völlig gerechtfertigt erscheint, wenn die Straßenbahnen in einem gewiffen Umkreis vom Telegraphenberg nicht zugelasien werden. Aber schließlich machten sich die Forderungen des Verkehrs unabweislich geltend, man konnte die Straßenbahnen nicht dauernd ausschließen. Da gab man den Unternehmern denn auf, gewisse Sicherung-Zvorkchrungen an den Straßenbahnleitungen anzubringen. die die störende Einwirkung der Elektrizität auf die Beobachtung des Erdmagnetismus aufheben, und sie haben sich für die Potsdamer Straßenbahnen denn auch genügend bewährt; diese schaden jetzt nicht mehr. Aber Störungen machen sich noch auf so große Ent- feniungcu hin bemerklich, daß man bei den so entfernten Straßenbahnen die Anbringung der Sicherheitseinrichtungen nicht mehr fordern konnte: Die Spandauer Straßenbahn ist 10 Kilometer vom Telegraphenberge entfernt» hindert aber dort die Anstellung genauer Beobachtungen. Da mußte man sich denn ent- schließen, nachzugeben, und zwar in der Form, daß man aus- wanderte. Man errichtete eine Filiale des Erdmagnetischcn Observa- toriumS in dem 15 Kilometer südlich vom Telcgrapheuberg gelegenen Ort Seddin, und hier iverdcn die Arbeiten gemacht, die in Potsdam unter der Spandauer Straßenbahn leiden. Zu Seddin ist man vor- läufig und wohl noch auf Jahre hinaus vor solchen Störungen sicher, sollten sie aber mit der Ausdehnung des Verkehrs auch dort- hin kommen, so wird man eben noch weiter lvandern müsse»— aber irgendwo muffen die sorgfältigen Untersuchungen des Erb- magnetischen Observatoriums dauernd festgesetzt werden. kleines Feuilleton. Aus dem Tierlebeu. Weiße Ameisen. Eine merkwürdige Landplage, die den Ansiedler in Australien ständig in seiner Existenz bedroht, sind die weißen Ameisen. Seit den ersten Tagen, da sich Weiße an den Ufern der Botany Bay niederließen, führen diese kleinen Geschöpfs einen ständigen Krieg gegen sie, greisen ihre Häuser an und machen sie in vielen Fällen unbrauchbar. Ucberall findet man Spuren ihrer Tätigkeit; selbst in den Städten mußten oft ganze Gebäude niedergerissen werden, und auf dem Lande war jedes Haus unver- käuflich, von dem bekannt wurde, daß es von weißen Ameisen be- droht war. Dabei verrichtet dieser verderbliche Feind seine Arbeit ganz im Verborgenen. Seit Jahren kann sich die weiße Ameise in einem Hause eingenistet haben, mehrere Geschlechter haben nach« einander darin gelebt und gearbeitet, ohne daß ihre Spur zu merken gewesen wäre, und erst wenn alles Holz unter der Schale verzehrt ist und die Balken zusammenbrechen, wird das Unglück bemerkt. Die Regierung hat bereits, wie in„Chamber's Journal" erzählt wird. Hunderttausende ausgegeben, um ein sicheres Mittel gegen diese Landplage zu finden; aber die weiße Ameise ist nach wie vor Herrin der Lage geblieben. Das Insekt, das unter diesem Namen bekannt ist, gehört zur Gruppe der Termitidae; es ist etwa einen Viertelzoll lang und von so leichtem Körper, daß eine sanfte Berührung mit dem Finger genügt, es zu zerdrücken. Auch die weißen Ameisen bilden einen Staat, der sich aus der Königin, den Arbeitern und den Soldaten zusammensetzt. Das ganze Leben im Neste gruppiert sich um die Königin, die größer ist als die Arbeiter und Soldaten, und die mehrere Zellen allein bewohnt. In diesen Zellen legt sie ihre Eier nieder, und das ganze Bestreben dieses kleinen Staates richtet sich nur auf ihre Erhaltung und auf die Hütung der Eier. In den Gängen und Oeffnungen stehen Soldaten gleichsam Wache; sie beobachten genau alles, was vorgeht, aber sie verrichten keinerlei Arbeit. Schlägt man aber mit einem Stock auf das Nest, so stürzen sie kampfbereit zur Oeffnung, und ist die Störung vorüber, so überwachen sie die Ausbesserung des angerich- teten Schadens. An den allcrverschiedensten Plätzen bauen sich diese Ameisen ihre Nester; an der Wurzel eines Baumes und in den Zweigen, unter einem Steinhaufen wie auf der kahlen Ebene, auf dem Dache oder im Kamin einer Wohnung. Sie bauen unterirdische Tunnel, so daß nichts ihr Dasein verrät, oder sie führen bis zu 13 Fuß hohe Wälle auf, die weithin die Blicke auf sich ziehen; immer aber sind sie dem Menschen gleich schädlich. Früher glaubte man, sie lebten von zerfallenem Holze, aber die Erfahrung hat ge- lehrt, daß sie gesundes, besonders weiches Tannenholz vorziehen und selbst die harte Eiche völlig aushöhlen. Die großen Erdwälle, die für die australische Landschaft so charakteristisch sind, sind neuerdings besonders untersucht worden. Diese Nester der weißen Ameisen gehören zu den Wundern der Jnsektcnbaukunst. In ver- schiedenen Teilen von Neu-Südwales, in Queensland» in Süd- Australien findet man Wälle von zwölf Fuß Umfang und 20 Fuß Höhe; man hat durchaus den Eindruck, hier Werke von Menschen- Hand bor sich zu sehen, und so hielt man diese Wälle denn auch zunächst für Eingeborenengräber oder für Denkmäler. Weshalb sie so hoch ausgeführt werden, dafür ist bisher kein plausibler Grund zu erkennen; gerade der stattliche Bau setzt die Einwohner der Nester feindlichen Angriffen aus. Der Weiße, der in das Land kommt, sucht sie zu beseitigen. Man hat gefunden, daß die Nester einen guten Ersatz für Zement für den Boden der Hütte im Busch bilden. Es kostet zwar einige Mühe, sie abzubrechen, aber fest- gestampft ist die Masse fast wasserdicht und gegen die Zähne von Ratten und Mäusen gefeit. Dem Schwarzen boten die weithin sichtbaren Nester sogar eine willkommene Nahrung; sie essen die weißen Ameisen gern, und sie würden sich noch häufiger des leckeren Mahles erfreuen, wenn die Wälle leichter einzureißen wären. Aber die Bauten mancher Arten weisen auch sonst noch überraschende Eigentümlichkeiten auf. Die Längsachse verläuft stets von Norden nach Süden, die Seiten sind also gen Osten und Westen ausgesetzt; man kann sich diese Bauweise nur so erklären, daß da- durch die Seiten der tropischen Sonne am meisten ausgesetzt sind und in den Zeiten der schweren Regenfälle so in der kürzesten Zeit austrocknen. Es ist bereits der Traum vieler Erfinder gewesen, ein wirklich brauchbares Mittel zur Ausrottung der weißen Ameisen zu finden. Liegt das Nest an einer zugänglichen Stelle, so gräbt man es auf, wirft die Erde rings herum in einem Umkreis von 60� Fuß auf, durchzieht den Boden mit Gräben und gießt eine Flüssigkeit aus Sodawasser und Arsenik darüber. Gewöhnlich kommt diese drastische Behandlung jedoch bereits zu spät, wenn man die Ameisen entdeckt. Sie sind vielleicht schon in dem Ge- bäude, mit dem Holz zur Feuerung oder auf einem Spazicrstock hineingetragen. In vielen Teilen des Landes sucht man die Häuser dadurch zu schützen, daß sie auf mit Zink beschlagenen Blöcken ge- baut werden; auch Salz, Teer und andere den Tieren unangenehme Mittel werden versucht. Da, wo man Ziegel und Steine als Bau- Material verwenden kann und nur ganz wenig Holz braucht, ist man natürlich am besten geschützt; aber für große Teile Australiens ist dies bisher unmöglich. Auch in den Städten stehen noch genug alte Holzhäuser, von denen aus die Plage sich verbreitet. In den steinernen Häusern werden vor allem die Möbel zerfressen; mancher Bücherschrank ist zerfallen, mancher Stuhl zusammen» gebrochen, ehe man wußte, daß die Ameisen im Hause waren. Kürzlich hat man auch gefunden, daß öins der größten öffentlichen Gebäude in Sidney von der Ameiseiiplage befallen ist. Ein hol» zcrnes Zierstück auf einer Marmorsäule war ganz von den Insekten durchzogen. Percmtw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Vcrlag:Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin LW.