Inlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 105. Mittwoch den 3 Juni. 1903 (Nachdruck verboten.) � Semper der IungUng. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. Das Blatt war seinen Händen entfallen. Er sah nach der Tür— sie war noch offen— schnell ging er hin und drückte sie ins Schloß. Nur allein sein. Dann ließ er sich auf einen Stuhl fallen. Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbst- verständlich, daß Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber da es sich so gefügt hatte, daß sie sich nur selten und flüchtig sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie zu- letzt gesehen, an einem Festabend der„Treue von 1880", als er mit einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein Chavonne war an jenem Abend sehr füll, sehr ernst, und obwohl freundlich, doch sehr zurück- haltend gewesen. Und jetzt— verlobt!— Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf und ab, dann hat man das Gefühl «der Bewegung, das Gefühl: Es geht vorUber— es geht vorüber. Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm daS antun! Haha — im selben Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie Venn die geringste Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf ihn? Hatte er ihr das geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit i>em Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute Weile habe. Seine Arbeit, sein Be- ruf hatten sein ganzes Interesse aufgesogen. Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er's: Nur an Hilde hatte er gedacht, wenn er überhaupt an eine Frau gedacht batte. Wenn er sich das Weib an sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib— nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er Liebes- gedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in weinenden Odenstrophen— hatte er an sie gedacht.- Jetzt wußte er's, daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde— und er begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht bewußt war. In ehrlicher Gedanken- arbeit war sein Hirn über seine Jahre gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und unreif war die Liebe in diesem Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen. So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen, Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und erkennt, daß es sein schön- stes Bäumchen gewesen; er empfand eine Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war. Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn— er war von Rumolt— mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber nur die ersten. „Mein lieber Freund! Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf besser bestehen, den gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und Niedrig» keit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie eS nicht in gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlatzt, will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler— ich glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen— einem Untersekundaner, der zum zweiten Male hoffungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen ich nicht mehr mit ansehen mochte, in un- erlaubter Weise geholfen, habe ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der Junge nachher selbst ausgeplaudart. So bracht' die Sonn' es an den Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, war' er aus der Welt gegangen: nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe. Rumolt." Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem ge» lesen; jetzt sprang er nach der Tür. „Wo willst du hin?" rief Frau Rebekka,„dein Essen ist fertig!" „Ich esse nichts— ich muß—" „Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los—?" Er entriß ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe:„Ich muß weg!" hinaus. Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung. Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des Kanals hatte man den Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht gefunden worden. Aber am nächsten Tage fand man auch sie.— Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren: denn von nun an war sie ihm Geliebte. 45. Kapitel. (Wenns kommt, dann kommts in Haufen.)' Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein heimatliches Sprichwort:„Wenn't kummt, denn kummt't in Hupen." Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von außen, sondern ganz heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes. Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Berus herangetreten. Jeder Jüngling, auch der be» scheidenste, hat, wenn auch kaum bewußt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es anders, wird es schneller vorwärtsgehen— wie ein ungestümer Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könnt' ich aus» steigen und nachschieben! „Hätt' ich tausend Arme zu rühren! Äonnt' ich brausend die Räder führen! Könnt' ich wehen durch die Haine! Könnt' ich drehen alle Steine!" und wenn er sich auch sagt, daß vor und mit ihm Bessere und Stärkere wirken und gewirkt haben— er glaubt nicht, daß einer so viel Lust und Mut gehabt wie er. vor allem nicht, daß einer so viel Glück gehabt, wie er haben wird! Und nun erreichte er nicht mehr als die anderen! Nun ja, er leistete vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und' seine Kollegen und Freunde rühmten zuweilen seine Leistun- gen; aber ganz etwas anderes hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wußte ja freilich von früher her, daß Unter» richten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber daS Wort ward nicht Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende de» Jahres etwas mehr als zu Anfang: aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigstens merkte er keine Aerrderung. Die Guten. Offenen, garten waren zwar offen, zart und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftioen waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daß die Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu iljnen kehrte er, wie magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daß die Klugen etwas begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel saßen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und Un- gerechtigkeit der Welt, daß die einen spielend und lachend erhaschten, was die andern mit Aengsten und Mühen nicht erringen konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daß er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe Stunden lang mit solch einem der- scklossenen Geiste einkapseln uid das verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer Ober- klasse den geographischen Unterricht, und er sehte sich vor, nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der Stellung der Erdachse zur Ekliptik begrifen hätten, und zuweilen sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie auseinem toten Stein, und dann kam aus As- mussens Augen ein Strahl, und Licht floß zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön— aber wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloß es sich dem andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammen- gebissenen Zähnen rang und bohrte— er mußte daran zwei- sein, allen seinen Schülern den auf. und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten verständlich zu machen. Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daß er über den Schwachen die Starken vernachlässige und sie durch den lang- samen Gang des Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müßte, wenn man ihm fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äußerlicher Bil- dungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daß überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles anders angefaßt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte sich, daß sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden For- malismus betreiben mußte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte— gab ihm das die Schule? dfan scholae sed vitae!(Nicht für die Schule, sondern fürs Leben!) hatte es im Seminar geheißen. Leerer Schall. Das Meiste, was er den Kindern geben mußte, war nicht Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte. So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt in Mißmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut„wie eine junge Weide bis an den Rand des Lebens". Jene unversiegliche Federkraft aus tiefstem Lebens- gründe— nun schien sie dennoch versiegt. Oester als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide. Goers und Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet aufblicken ließ. Manchmal ver- stummte er mitten in der tollsten Lustigkeit, mitten im eifrig. sten Diskurs und sprach dann den ganzen Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus. Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein mit einer Flasche in einein möglichst großen Saale sitzen und sinnen und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, be- handelte die Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche Trinkgelder, daß einige, allerdings wenige Von ihnen zuweilen eine abwehrende Gebärde machten und sagten: „Ooh— lassen Sie doch ich habe ja erst vorher bekommend Sie nahmen es aber immer. (Fortsetzung folgt.) Der Garten des LaubenkolonlCtem Juni. Als jüngst am späten Abend das furchtbare Hagelwetter hernieder- ging und der Himmel durch das unaufhörliche Wetterleuchten magisch beleuchtet war, hatte Herr Prietzke eine schlaflose Nacht, nicht nur, weil ihm die Schlössen die Fenster der Schlafstube zertrümmerten, was seine Frau zur schleunigen Flucht veranlagte, sondern auch, weil erHagelschaden im Garten fürchtete. Am nächsten Morgen ist er dann nicht zur Arbeit, sondern hinaus nach Neu-Vogelsdorf gefahren, um seinen neuen ParadieSgarlen einer peinlichen Beaugenfcheinigung zu unterziehen. Dabei hat sich denn herausgestellt, daß Prietzke wie immer, so auch diesmal einem gütigen Geschicke danken konnte, denn das Hagel-» weiter hatte zufällig gerade da aufgehört, wo sein Garten anfängt. nur einige zerschlagene Kohlblätter bezeichneten die Grenze. Nicht so günstig wie in Prietzkes Garten ist aber das Unwetter an anderen Orten verlaufen. An vielen Stellen hat der Hagel in Verbindung mit dem wolkenbruchartigen Regen namentlich in den Lauben-- kolonien fast alle Hoffnungen auf eine befriedigende Ernte ver- nichtet. Die größeren Pflanzen find zerschlagen, geknickt, die kleineren mit dem Gartenboden hinweggeschwemmt worden. Glimpflicher find die Obstkulturen hinweggekommen; die meisten Bäume hatten abgeblüht, aber erst winzigen Fruchtansatz, bei welchem Beschädigung durch Hagel fast ausgeschlossen ist'; aber bei den wenigen späten Sorten, die noch in der Blüte standen, hatte diese Not gelitten. Nach solchem Frühjahrshagel bleibt nichts anderes übrig, als die zerschlagenen und weggeschwemmten Kulturen schleunigst zu erneuern, das heißt, die Beete frisch zu graben und danach frisch zu besäen und zu bepflanzen. Wie allerdings, um mit dem Dichter zu reden, einen verlorenen Augenblick kein Jahrhundert mebr zurückbringt, so ist auch der Zeitverlust, der mit derartiger Nachsaat verbunden, selbst bei dauernd günstigem Wetter nicht wieder einzuholen. Die Ernte wird wesentlich verzögert, Ausnahmen machen die vielfach zerschlagenen Gurken, Kürbisse, Tomaten und die den Mistbeeten entnommenen und. deshalb weich- lichen Selleriepflanzen, zu deren Nachpflanzung es noch gerade Zeit ist. Man pflanzt dann aber von Gurken und Speise- kürbisse» nicht die späten, größten Sorten, sondern kleinfrüchtigcre frühere; ganz besonders aber von Tomaten nur allerfrüheste Sorten. wie die schöne, früher empfohlene Sorte»Johannisfeuer" und die gleichfrühe»Alice Roosevelt. Wenn der Himmel seine Schleusen so reichlich öffnet, wie es in diesem Frühling bisher der Fall gewesen ist, dann hat man, ab- gesehen von dem Angießen, das jeder jungen Anpflanzung folgen soll, die Gießkanne nur selten zu handhaben. Trotz allem würde aber vielen Kolonisten etwas mehr Sonne und etwas weniger Regen entschieden gelegener gewesen sein. Abgesehen davon, daß vorwiegend trübe Witterung die EntWickelung der Kulturen über- Haupt verlangsamt, schaden allzu reichliche Niederschläge nur in tiefen Lagen und n«me»tlich in Moorboden, der bei reichlicher Nässe sauer wird; im Sandboden der höheren trockenen Lagen dagegen nehmen die Kulturen keinen direkten Schaden, da unser Sand ähn- lich wie ein Sieb wirkt, das heißt die Niederschläge rasch durchläßt, wodurch freilich ber fottgesetztem Regen- Wetter viel Dungstoffe unwiderbringlich in die Tiefe geführt werden und dann für die meisten Gewächse verloren sind. Man sollte bei vorherrschendem trübem Wetter aus diesem Grunde, namentlich bei gesunden und wüchsigen Kulturen, durch gelegentliche Dunggüffe nachhelfen. Sie dürfen in trockenem Boden immer nur nach vorausgegangenem Gießen mit reinem Wasser gegeben werden. Es ist immer besser, öfter und in schwächeren Lösungen zu düngen. als seltener und in stärkeren, da durch letzteres manche Pflanzen Schaden leiden. Jauche muß so stark mit Waffer verdünnt werden, daß sie hell- und dünnflüssig ist. Wenn man in der Nachbarschaft stroh- freien Kuhmist zu deren Herstellung beschaffen kann, so ist diesem der Vorzug zu geben. Wo Hühner und Tauben gehalten werden, nehme man den sehr stickstoffreichen, aber auch scharfen und hitzigen und deshalb mit Vorsicht anzuwendenden Dung dieses Gesiügels, und wo man auf konzentrietten Kunstdünger angewiesen ist, da be« achte man, daß 2 Gramm auf je einen Liter Wasser in der Regel die Grenze nach oben bilden. In einer so feuchten Zeit wie der gegenwärtigen ist ferner zu beachten, daß durck fortgesetzte Niederschläge, namentlich durch wolkenbruchartigen Regen, der Boden festgcschlagen wird und in dieser festen Beschaffenheit zarten Pflanzenwurzeln Widerstand entgegensetzt, außerdem daS Eindringen von Luft und Wärme erschwert. Dem beugt man vor durch recht sorgfältiges Behacken der Beete, das immer und immer wieder bei Eintritt sonniger Witterung vorgenommen wird. Dabei findet dann auch eine regel- mäßige Vertilgung des Unkrautes statt. Mit diesem Behacken nimmt man zu gleicher Zeit das Behäufeln vor; es wird bei Bohnen. Erbsen und Gurken einmal, bei allen Kohl- gewachsen mehrmals vorgenommen; namentlich bei letzteren ist es von großer Wichtigkeit. Durch das Heranziehen der Erde an den Strunk der Pflanze gewinnt dieser bedeutend an Festigkeit, die Bewurzelung wird eine reichere und die Pflanze dadurch befähigt, die in vorgeschrittener EntWickelung sehr schweren Köpfe tadellos zu tragen. Bei allen diesen und hundert anderen Arbeiten, die setzt und überhaupt im Laufe des ganzen SomnierS vor- zunehmen find, kommt es aber nicht nur darauf an, daß man sie ausführt, sondern daß man sie richtig, d. h. sachgemäß und zur rechten Zeit ausführt. Nur dann find fie als ernste, dem Pflanzen- wuchs vorteilhafte gärtnerische Betätigungen auszufassen, während fie sich im anderen Falle als zwar zeitraubende und körperlich an- strengende, aber nutzlose, den Pflanzen mehr Schaden als Nutzen stiftende Vorkehrungen kennzeichnen. Um aber alle diese Arbeiten korrekt und zur rechten Zeit ausführen zu können, dazu bedarf der Parzellenbesitzer und Laubenkolonist unbedingt eines kleinen Lehrbuches, das ihn in leicht verständlicher, klarer Sprache und unter Berücksichtigung der beschränkten Mittel und der bescheidenen Verhältnisse, unter denen er zu wirtschaften hat, über alles Wichtige in klarer, zuverlässiger Weise aufklärt. Ein solches Büchlein, desien Fehlen, wie ich aus Erfahrung weiß, durch Jahre schmerzlich vermißt wurde, ist jetzt aus der Feder von MaxHeSdörfser unter dem Titel»Der Kleingarten, seine Anlage, Einteilung und Bcwirt- schaftung' im Verlage von Paul Paretz, Berlin, Hedemannstr. 1l>, er- schienen. Trotz seines reichhaltigen, in jeder Hinsicht brauchbaren und zuverlässigen Inhalts und der gediegenen hübschen Ausstattung kostet diese Schrift, und das ist wesentlich, im Einzelverkauf nur 60 Pf., das Hundert 45 Mark. Zahlreiche Kolonisten arbeiten bereits er- folgreich nach diesem Buche, und viele Vereine Groß-Bcrlins haben es für ihre Mitglieder in Hunderten von Exemplaren angekauft. Eine außerordentlich sorgfältige und korrette Pflege erfordern jetzt die Obstkulturen. Im Gcmüiegarten, wo uns der Spargel, dessen Stechen gewöhnlich bis Johanni(24. Juni) fortgesetzt wird, das erste delikate Gemüse des Jahres liefert, folgt ihm nun bald die köstlichste der Früchte, die in unseren Breiten reift, die Erdbeere. Wie alles, so läßt auch ste in diesem Jahre länger als sonst auf fich warten, da voraussichtltch die frühesten Sorten, die in normalen Jahren Ende Mai reifen, in diesem Jahre erst von Mitte Juni ab geerntet werden können. Die Erdbeeren, die wir jetzt überall in den Geschäften finden. find französischen Ursprungs, fie stammen auS der Provinz Vaucluse, wo sie in großem Umfange hinter Schutzwänden gezüchtet werden. Da die Erdbeeren aber eine außerordentlich weiche und beim Transport sehr empfindliche Frucht ist, so stehen diese ftan- zöfischen Erdbeeren in bezug auf Bekömmlichkeit und Wohlgeschmack weit hinter jenen zurück, die wir in wenigen Tagen unseren eigenen 5kulturcn entnehmen können. Lassen die eigenen Erdbeeren auch lange auf sich warten, so versprechen fie doch dies- mal einen ungewöhnlich reichen Ertrag. Will man Größe und Wohlgeschmack der Früchte erhöhen, und fich mft einer an Fruchtzahl Heineren, aber an Wert und Gewicht nicht eeringeren Ernte begnügen, so tut man gut daran, an den reich- eladcnen Pflanzen die am wenigsten entwickelten Beeren im grünen Zustande forlzuschneiden, was für dje verbleibenden von enormem Gewinn ist. In gleicher Weise verfährt man bei Aepseln und Birnen — aber erst vom Ausgang dieses Monats ab—, wenn die Früchte etwa Kirschengröße erreicht haben. Beide Fruchtgatlungen blühen bekanntlich in kleinen Dolden, und wenn die Blüte wie in diesem Jahre günstig verläuft, der Fruchtansatz ein beftiedigender ist, so setzt eine solche Dolde 4— S und mehr Früchte an. Bei fort- schreitender Entwickelung bedrängen sich diese Früchte gegenseitig, die Beste biegen sich unter der Last des Fruchtansatzes und brechen, wenn sie nicht sorgfältig gestützt werden, und schließlich fällt auch in halber Entwickelung ein großer Teil der überzähligen Früchte ab. während die Verbleibenden teilweise verkümmern. Um diesem Uebelstande vorzubeugen, nehme ich seit Jahren an meinen eigenen Obi'tbäumen ein Auslichten des Frucht- ansatzes vor, ganz besonders bei großftüchtigen Sorten, und zwar in der Weife, daß ich an jeder Fruchtdolde nur die stärkste und am gleichmäßigsten entwickelte Frucht belasse, die übrigen ab- schneide. Auch hierbei ist das Endresultat der Ernte in bezug auf Gewicht um nichts geringer als bei nicht ausgedünnten Bäumen, aber die Beschaffenheit der Früchte ist eine bedeutend besiere. Ich kann im Herbst in unserem geringen Sandboden gewachsene Aepsel aufweisen, die ein Gewicht von 500— 650 Gramm pro Stück haben, und großftüchtigere; sie bilden nicht die Ausnahme, sondern die Regel._ Hd. JMuttcr!... Die Fräuleins packen. Das heißt sie fitzen im Schaukelstuhl, kritisieren Lucieö Bräutigam, flüstern, lachen und essen Pralinss. Und Minna packt.... .Minna..." erinnert sich die Aeltere plötzlich.(Sie ist knapp sechzehn, aber fie kommt sich schrecklich alt vor.).Minna—? Ja, ja, es stimmt.... Erst das da. Bücher und Noten. DaS Schwere immer unten. Dann die leichteren Sachen. Und oben auf— ganz oben auf— die Kleider... Dann kehrt fie zu Pralinös und Bräutigam zurück. Minna packt. Ihre roten Finger nehmen vorsichtig Hefte und Mappen und schichten fie übereinander im Koffer auf. Daß keine Lücken entstehen.... DaS Schwere unten und die Kleider erst ganz zuletzt... oben auf... »Morgen abend sind wir zu Hause/ sagt das Fräulein.»End« lich I Manchmal habe ich gedacht, ich erleb's nicht mehr. Und nun — ja, also wieviel find's denn noch, Lotte? Wart' mal: also vier und zwei und dann sechzehn— Himmel!— zweiundzwanzig Stunden!" .Zweiundzwanzig../ sagt die jüngere. »Wenn Johann uns abholt, kann ich kutschieren I Und den ersten Feiertag kommen Hans und Kurt und Elly mit ihrem Bruder. Papa schreibt, wir können tanzen.. .Nachmittags machen wir nach dem Wolfsberg'rüber..* »Wenn Elly kommt.. Minna packt... Die Mappen und Bücher liegen geordnet im Koffer, nun bloß noch Kleider und Wäsche. Ihre Finger fahren streichelnd über das weiße Linnen. Ja. das ist Wäsche I Diese Stickereien, diese Monogramme darauf I Große und kleine— alle in Seide I So gewunden und verschnörkelt, daß niemand fie lesen kann. Eben ist's noch ein K, ein richtiges, greifbares K— hops I macht's einen Sprung und schon wird ein H, ein F, ein O, ein x-beliebiges Ding daraus! Die feinen Leute lieben das so. Die feinen Leute verstehen das... »Die Plaids lassen Sie draußen/ sagt das Fräulein,»die schnallen wir ein. Plaids kann man immer brauchen..." Minna nickt. Und feilt sind fie. Fein und reich.... Die Aelteste geht in schwarzseidenen Strümpfen und nimmt Klabierstunden bei einem Herrn Professor mit rasiertem Gesicht und langen Haaren. Zwanzig Mark pro Stunde hat die Pensionsvorsteherin gesagt. Zwanzig Mark!... Und zu Hause haben sie ein Gut oder gar ei» Schloß und Kutscher und Wagen und Pferde. Ja, reich find fie, sehr reicht... Der Koffer ist voll. Minna nimmt den anderen vor. Und nun fahren fie zu den Ferien nach Hause. Nicht auf lange— auf zwei Wochen bloß. Nur so... die Eltern zu sehen... Und Minna seufzt. Wer das kann I Sich in den Zug setzen und sagen:„Adieu I Schluß!... Jetzt fahre ich zu Muttern 1" Zu Muttern...! Die Fräuleins im Schaukelstuhl lachen. Minna packt und seufzt. Aber daS ist nicht leicht. Geld gehört dazu, viel Geld. Denn zu Muttern ist's weit. O, wie weit! Ganz hinunter— noch weit hinter Bromberg— nach Polen zu. Ein Brief geht zwei Tage. Oder waren es drei? Zwei oder drei— es ist schon lange her, daß der letzte gekommen... Wie lange wohl? Fast ein Jahr, sehr, sehr lange... Mutter fällt es schlier, zu schreiben. Mutter hat kranke Augen. Mutters Hände zittern oft. Mutter— ist alt... Ja, wer zu Muttern könnte!... Ein paar Tage bloß! Ein paar Tage fort von der spitznasigen Vorsteherin, die von früh bis spät antreibt und hetzt, treppauf, treppab, und nie, nie ein gutes Wort hat... Fort von den fremden, kalten Menschen, die nur schimpfen und schreien— nach Hause, zu Muttern... .Sind Sie fertig?" fragt das Fräulein. .Gleich../ .Nun, wir gehen hinunter— zum Kaffee../ Einen Augenblick stehen beide vorm Spiegel. Dann wirbeln fie hinaus und den Korridor entlang klingt ihr Kichern und Lachen. Minna liegt auf den Knien und packt... Zu Muttern... I Mutter schreibt nicht, schreibt nicht... Nicht mal zu den Feiertagen. Schon ein Jahr. Warum?— Wer weiß. Mutter» Hände zittern— Mutter ist längst alt. Vielleicht ist sie trank?... Und niemand ist bei ihr, niemand der sie pflegt... der sich kümmert... der... Minna sieht verstört auf. Vielleicht, ja vielleicht... ist sie gar... ist... fie... Minnas Kopf sinkt auf den Koffer. Ihre Hände pressen fich fest an die Schläfen. Ihr kleiner Körper zuckt und bebt. Und durch das Zimmer dringt ihr leises Schluchzen: »Mutter... Mutter... Mutter... Mutter I../ W. P. Larsen. Kleines feuilleton. Gleich und Ungleich. Wenn man sagen will, daß fich gwei Dinge so gut wie nicht unterscheiden, so drückt man sich gern so auS: sie sehen einander gleich wie ein Ei dem anderen. Daß nun häufig zwei Dinge in der Welt einander sehr gleich, genauer ge» nommen: sehr ähnlich, sehen, ist unstreitig richtig. Ob es aber wirklich zwei Dinge gibt, die einander tatsächlich ganz gleich find oder an denen wir wenigstens keine Verschiedenheit wahrnehmen können, ist eine andere Frage. Der Philosoph Leibniz hat fie grundsätzlich verneint. Als man ihm einwendete, daß doch zahl- reiche Baumblätter eittander ganz gleich fein müßten, wurde die Probe angestellt, nnd man fand nicht ein einziges Paar von {Blättern, an dem nicht irgend welche Verschiedenheiten bemerkbar Waren. Diese Erfahrung läßt sich fortsetzen, und mit höchster Wahrscheinlichkeit darf man behaupten, daß zwei wirkliche Dinge oder Erscheinungen in der Welt niemals ganz gleich sind. Es gibt nicht zwei gleiche Eier, es gibt nicht zwei gleiche Menschen, ja, es gibt auch nicht zwei gleiche Bewegungen. Wirft man einem Menschen vor, er sei sehr„mechanisch" und wiederhole von Tag zu Tag die gleichen einförmigen Bewegungen, so bedarf es nur eines genaueren Zusehens, und man wird finden, daß selbst derartiges niemals ganz gleich ist. Also wird es auch niemals zwei Menschen geben, die in der- selben Zeit gleichviel Schritte machen oder die gleichviel Haare ouf dem Kopfe haben? Schätzen wir einmal ab, um welche Zahlen es sich hier handeln mag! Suchen wir zuerst die größte Zahl von Schritten, die wir uns bei einem Menschen denken können! Wir nehmen an, ein Mensch mache in der Sekunde zwei Schritte; dann macht er in der Minute 120, in der Stunde 7200, und im Tage, wenn wir diesen zu IS Stunden rechnen, 108 000 Schritte, bei 16 Stunden IIS 266 Schritte. In den 365 Tagen des Jahres Mögen dies rund 46 Millionen Schritte sein, womit allerdings nur ein kaum jemals vorkommendes Höchstmaß gemeint sein kann. Wie viele Menschen gibt es nun gleichzeitig auf der Welt? Es mögen 1666—2666 Millionen, sagen wir: IV3 Milliarden sein. vicchnen wir für unseren Zweck, mit Ausschluß von Kranken und kleinsten Kindern, etwa eine Milliarde! Kann nun jeder von diesen 1666 Millionen Menschen eine von der Schrittezahl aller anderen Menschen verschiedene Anzahl von Schritten im Jahre machen? Offenbar nicht: denn dann müßte einer von ihnen mindestens 1666 Millionen Schritte machen. Ucber 46 Millionen aber wird es, wie wir sahen, kaum einer bringen; und selbst wenn unser Ansatz von zwei Schritten pro Sekunde zu niedrig ist, ändert sich doch nicht viel. Nun nehmen wir weiterhin an, der erste Mensch mache täglich einen, der zweite Mensch täglich zwei Schritte usw., der vorläufig letzte aber 46 Millionen. Dann müssen sich jene 1666 Millionen auf diese 46 Millionen verteilen, und jede Schrittezahl wird danach von 25 Menschen gemacht. Tat- «sächlich aber ist diese gleichmäßige Verteilung höchst unwahrschein- lich, und aller Voraussicht nach wird ein mittleres Schrittmaß von einem Vielfachen der Zahl 2S eingehalten werden. Wieviel Haare hat wohl ein Mensch auf dem Kopfe? Vor einiger Zeit gab es bei einem öffentlichen Schaufrisieren eine Perücke, deren Verfertigcr ihre Haare gezählt hatte: es sollen 86 857 gewesen sein. Anderswo hat man bei verschiedenen Menschen die Haare auf einem Ouadratzolle gezählt, den Durchschnitt davon auf 1676 berechnet und diese Zahl auf die töesaiinsiäche eines Kopfes übertragen. Da soll das Resultat von 127 926 heraus- gekommen sein. Wieder anderswo hat man sogar die Farbe der Haare unterschieden und dabei die Dichtigkeit des Haarwuchses nach der Farbe variierend gefunden. Rote Haare sollen 9266 sein, braune 11 866, schwarze 165 656, blonde 143 666. Ein« einigermaßen erträgliche Uebereinstimmung ist hier immerhin vorhanden. Nehmen wir wiederum, wie vorhin bei den Schritten, ein Höchstmatz an, also die Zahl von 143 666 bei den blonden Haaren! Der wievielte Teil von uns anderthalb Mil- liarden Menschen ist dies? Es ist etwa der l6 666ste. Wenn sich also die anderthalb Milliarden in genau gleichförmiger Weise auf die verschiedenen Möglichkeiten der Anzahl von Haaren verteilen, so gibt es 16666 Menschen, welche ein einziges Haar haben, 16 666, welche zwei haben, usw., dann immer wieder 16 666 bis hinauf zu jenem Höchstmaß. Daß die vollständige Kahlheit mancher Personen an dem Ergebnis nichts wesentliches ändert, leuchtet wohl ein. Aber «och mehr: aller Wahrscheinlichkeit nach gibt es bei den allermeisten Menschen ein Mittelmaß der Haarzahl, sagen wir etwa um die 86 666 herum. Also ist mit aller wünschenswerten Sicherheit bc- wiesen, daß mindestens zwei Menschen gleich viel Haare auf dem Kopfe haben. Wir erkennen wohl leicht den Gegensatz zu jener Erfahrung, daß es nicht zwei genau gleiche Dinge oder Erscheinungen in der Welt gibt. Die Zahlen sind eben ein« andere Welt als die deü wirklichen Dinge. Sie schaffen aus der Naturwelt eine künstliche Welt, mit unveränderlich festen Grundlagen, bei denen eS keine kleinen Nuancen des Mehr oder des Minder gibt. Hundert und Hundert sind einander so genau und so sicher gleich, wie sich sicher und genau sagen läßt, oaß unter hundert Aepfeln nicht zwei ein« ander völlig gleichen. H. L. Naturwissenschaftliches. Da? Zusammenleben von Tier und Pflanze. Die Hydra viridis, eine weitverbreitete Art der Sützwasserpolypen, ist ein kleine? unscheinbares Geschöpfchen von etwa fünf Millimeter Länge, da« häufig an den unteren Blattseiten der Wasserlinse haftet. Gleichwohl befitzt e» mancherlei sehr interessante Eigenschaften, die zum Teil immer noch nicht völlig aufgeklärt sind. Der Naturforscher Trembley hatte im 13. Jahrhundert zuerst die ungeheuere Lebens- Zähigkeit de? Tierchen», das eigentlich nur aus einer zylindrischen Walze mit sechs bl» acht Fangarmen von vierfacher Leibeslänge besteht, nachgewiesen und meinte e» sogar wie einen Handschuh umkehren zu können, so daß der Magen nach außen zu liegen känie, ohne daß eS zu Grunde ginge. Er hatte gezeigt, daß verstümmelte ! Teile überaus leicht nachwuchsen und daß beim Zerschneiden deS Tieres die Teilstücke ganz glatt zu zwei neuen lebenden Individuen auswuchsen. Aber die Möglichkeit des Umstülpens ist nachträglich doch Gegenstand eines förmlichen Gelehrtenstreites geworden, und ebenso hat die grüne Farbe des Tierchens zu widersprechenden An« sichton geführt. Während mancher Forscher in den grünen Zell« gebilden, die dem Tier Gesamtfärbung verleihen, Algen sahen, haben ihnen andere den Charakter der Chlorophyllkörper der Pflanzen zu« geschrieben. Man hat schließlich die Ansicht Sempers als richtig angenommen, wonach bei der Hydra ein Fall von sogenannter Symbiose, das heißt eines Zusammenlebens von Tier und Pflanze, vorliegt. Welche Rolle die Alge dabei spielt, ist allerdings stritttg. Man ist fich nicht einig darüber, ob sie die Atmung erleichtert, oder unter dem Einfluß des Lichts Nährstoffe liefert oder selbst als Nah- rung dient. Einen interessanten Beitrag zu dieser Symbiose hat nun der englische Gelehrte Whitney im„Biological Bulletin" der« öffentlicht. Es ist ihm nämlich gelungen, die Symbiose aufzuheben und die Hydra in farblosem Zustande am Leben zu erhalten. Er er« reichte dies, indem er sie in eine sehr schwache wässerige Glyzerinlösung bringt, die etwa 6,5 bis 1,S Proz. Glyzerin enthält. Die grünen Körperchen verlassen unter Umständen die LeibeSzellen. worin sie eingebettet sind, und wandern in das Innere des TierschlaucheS, von wo sie dann abgestoßen werden. Man findet sie anscheinend abgestorben auf dem Boden der Versuchsgefäße wieder. Wie lange die entfärbten Polypen weiterleben können, ist noch nicht fest- gestellt, doch wurde beobachtet, daß sie bis zu einem Monat aushielten. In der Glhzerinlösung bleiben sie völlig färb« los. Im Wasser vermögen sie die grüne Farbe wieder anzunehmen, doch ohne daß die Neigung dazu stark ist. Sofern sich Ausnahmen zeigen, scheint eS, daß die Algen vorher nicht vollständig abgetötet oder entfernt worden waren, so daß eine rasche Vermehrung der im Körper zurückgebliebenen Reste die Ursache bildet. Wenn dicS jedoch nicht der Fall ist, halten sich die farblosen Polypen unter gleichen Ernährungsbedingungen init gleichzeitig angesiedelten grünen sehr lange. Whitney hat sie nach sieben Wochen noch absolut unverändert gefunden. Es scheint also, daß, wenn die für gewöhnlich im Eizustand auftretende Infektion mit Algen überwunden ist, nur sehr schwer eine neuerliche Ansiedlung der Pflanzenzellen erfolgt. Anatomisches. DaS schiefe Gesicht und seine Ursachen. Schon der Anblick im täglichen Leben gestattet, bei einzelnen Menschen wahrzunehmen, daß die rechte und linke Hälfte des Gesichts nicht synnnetrisch sind. Cesare Lombroso hat derartige Verschiedenheiten oder wenigstens ihre erheblicheren Grade als Entartunasstigma, als Mißbildung angesprochen und sie dadurch auf eine Stufe mit ge« wissen Anomalien des äußeren Gehörgangs, des Gaumens usw. gestellt. Eine durchaus entgegengesetzte Ansicht vertritt auf Grund eines höchst reichhaltigen UnteriuchungSmaterials Richard Liebreich. Seine in den Sitzungsberichten der Pariser Akademie der Wissenschaften veröffentlichten Forschungsergebnisse laffen ihn annehmen, daß die unsymmetrische Entwickelung der beiden Gesichtshälften eine durch« aus normale und ganz allgemein austretende Erscheinnng sei, die als unmittelbare Folge deS aufrechten Ganges gedeutet werden müsse. Er gründet den ersten Teil seiner Behauptung auf Messungen an etwa 2666 Schädeln des Pariser Anthropologischen MuseumS, an 3666 des Colegio Romano in Rom und an 466 der Medizinschule in Cairo sowie auf eine Fülle von Ziffernmaterial aus Beobachtungen an Lebenden, so daß alle Rassen auch aus längstvergangenen, ja vorgeschichtlichen Zeiten be« rücksichtigt worden sind. Insgesamt lassen sich drei ver« schiedene■ Formen der Assymmetrie unterscheiden. Die erste und weitaus häufigste ist durch Verschiedenheiten der Backenknochen in beiden Gesichtshälften gekennzeichnet. Der rechte stellt in seinem am meisten hervorstehenden Teil nahezu einen rechten Winkel dar, während der linke sich in etwas offenerem Bogen nach rück- wärts und oben abbiegt. Dadurch nehmen die Ränder der Augenhöhlen rechts und links eine verschiedene Stellung ein, während sie rechts in der Ebene des Gesichts liegen, stehen sie links in einer nach rückwärts geneigten Fläche. Ebenso wird der Oberkiefer unsymmetrisch. Bei der zweiten sehr seltenen Form treten die gleichen Verschiedenheiten in umgekehrter Weise auf: was vorhin rechts zu beobachten war. erscheint hier links. Ebenso selten ist die dritte Form: die unregelmäßige«ssynimetrie. Die Ursache ist in dem letzten Stadium des Embryonallebens zu finden, wo bei normaler Lage das Becken der Mutter einen Druck auf die linke, in selteneren Fällen auf die rechte Wange des Kindes übt, wodurch die beiden elfteren Formen der Assymmetrie bedingt werden. Die dritte Form entsteht bei Hochlage deS Kopfes, wo gar kein Druck stattfindet, aber durch Vererbung eine undeutliche und unregelmäßige Assymmetrie erscheint. Da nun die Lage deS KindeS von den Maßen deS Beckens und diese wieder von der Krümmung des unteren Teils deS Rückgrats abhängen, die für den aufrechten Gang unerläßlich ist, erscheint die Assymmetrie als dessen unmittelbares Ergebnis. Msranstv. Redakteur: Georg Davidsohn» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin SW.