Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 110. Donnerstag, den 11. Juni. 1903 lNachdruck verboten.) � Semper der jfUngUng. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. :,Wenn ich ehrlich sein soll." sagte Asmus,„ich freue mich noch heute auf die Wolfsschlucht, und jeden Tag mächt' ich mir wieder ein Puppentheater bauen und damit spielen. Frei- lich: auf die Musik freu' ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde ginge und nur der„Frei- schütz" erhalten bliebe, könnte nian aus dieser Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen." Sie hatte den„Freischütz" noch nicht gehört, war über- Haupt noch nicht oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik, Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer sein zu dürfen. Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte gewünscht, dasi sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen ließe. Während er ihr von Oberon, Eurianthe und Preziosa erzählte, dachte er un- unterbrochen: Soll ich ihr's sagen? Nein, nein, lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerre, beleidigte? In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen; in welcher Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und ans möglichst angenehme Weise nach Hause komme— es wäre ein unzarter Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du's ihr sagen. Und beim Abschied sagte er: „Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunder- schönen Abend!" „Ich habe Ihnen zu danken!" rief sie.„Der Abend wird mir unvergeßlich sein." Sie zögerte einen Augenblick.— „Gute Nacht." „Gute Nacht." Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegen- heit! Sie ist unwiederbringlich verpaßt. Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der„Vampyr" von Marschncr gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das Düstere, Grausenvolle wie das Sonnig-Bchagliche, das starrend Erhabene wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die flachköpfigen Aesthetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines der- gaßen, entweder den Dante oder den Reuter. Frau Mansfeld mochte es im stillen unpassend finden, daß ein junges Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Aengste kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portenionnaie und zahlte Asmussen eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum dritten Rang. Aber der„Vampyr" hatte genau dieselbe Wirkung wie der„Freischütz", insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem(zwar bewegten Herzens ge- sprochencn) Danke verabschiedete und sich dann auf dem ein- samen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade schonenden Titulaturen überhäufte. Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Ent- setzen aller Literaturaufseher„die Kunstform zu durchbrechen" und der Leserin zu versichern, daß er ihre Entrüstung iiber diesen Herrn Semper vollkommen teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht anders machen als er ist. Endlich brachte ein trüber, wolkenschwercr November- abend die Entscheidung 61. Kapitel (Von rauschenden Bächen im Winter.) „Heute soll es sich entscheiden." hatte sich Asmus ge« sagt. Er hatte sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners „Martin Luther oder die Weihe der Kraft" zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es schwülstig, verworren und langweilig: aber jetzt war ihm schon jedes Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte: «Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?" „Warum sollte ich Ihnen böse sein?" fragte sie ebenso leise, mit starren Augen geradeaus blickend. Und alles, was sie noch sprachen, klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den sie keinen Schutz begehrten. „Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt," begann Asmus wieder.„Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten." „Wie wäre das möglich?" sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme. Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile. Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augen- blick ließ er seinen Arm sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand. Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende. Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich will, daß ihr euch findet. Das gab Asmus Sempcrn einen heiligen Mut, und zitternd sprach er: „Fräulein Chavonne— haben Sie mich lieb? Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen. Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch leiser: „Hilde, hast Du mich lieb?' Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: Ja." Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse aus ihren edlen, frischen, roten Mund. Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt: aber sie brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens; er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein stilles, seliges ewiges Wandern. Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer dasselbe: „Hast Du mich lieb, hast Du mich wirklich, wirk- lich lieb?" „Ja. ich Hab' Dich lieb— so lange schon, ach, wie lange schon." Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee waren hereingebrochen mit Macht, und As.nus schlug ihr einen Ausflug„ins Grüne" vor. Nach dem„Oucllcntal" wollten sie wandern und die Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug„bei dieser Kälte" lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwande- rungen, die liebte er vor allen anderen; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er dann durch- gekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als Lenz- und Sommcrglut. Es war eigenes, i'elbstcntzündetes Feuerl Und wie beilia lckön die Winter« tveltl Seltsam: die ersten Lieder, die der Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber er sang sie nicht in Wehmut und Trauer: der Winter war ihm Andacht und Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinfchritten und sein schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu singen anhob: Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht; Sie schaffen an allen Enden. und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach. „Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!" rief sie: da verstand er sie und lachte nun auch aus vollem Halse: weil fie aber so ganz besonders schön lachte, küßte er sie siebenmal auf den Winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Gcfchlcbte der Heben Gehängten. Von Leonid A n d r e j e w. Autorisierte Uebersetzung von Aug. Scholz. t. Um ein Uhr mittags, Ew. Exzellenz. Da der Herr Minister ein sehr korpulenter Herr war, der zu Schlagflüssen neigte, so wurde er unter Beobachtung aller Vorsichts- mastregeln, damit nur ja jede gefährliche Erregung vermieden würde, davon in Kenntnis geseht, daß ein sehr ernsthafter Anschlag auf sein Leben im Werke sei. Als man sah, daß der Minister die Mitteilung völlig ruhig und sogar mit einem Lächeln aufnahm, mackite man ihn auch mit den näheren Einzelheiten bekannt: Der Anschlag sollte am nächsten Tage zur Ausführung kommen, des Morgens, wenn er zum Vortrag fahren würde; ein paar Terroristen, die bereits durch einen ■ÄKsiit provocateur verraten waren und gegenwärtig durch die Geheimpolizei aufs sorgfältigste überwacht wurden, sollten sich um 1 Uhr mittags mit Bomben und Revolvern an der Hauseinfahrt versammeln und seine Abfahrt erwarten. Und hier sollten sie dann abgefaßt werden. „Halt mal," sagte der Minister verwundert,„woher wissen Sie denn, daß ich ausfahren werde, um ein Uhr mittags, zum Vortrag, da ich doch selbst erst vorgestern davon erfahren habe?" Der Kommandant der Schutzwache meinte mit einer unbestimmten Handbewegung: «Gerade um ein Uhr mittags, Ew. Exzellenz." Halb verwundert und halb einverstanden mit den Maßregeln der Polizei, die alles so geschickt angeordnet hatte, schüttelte der Minister den Kopf, und ein müdcS Lächeln spielte um seine feisten, dunklen Lippen: und mit demselben Lächeln, voll Ergebung, in dem Wunsche, die Polizei auch weiterhin selbständig handeln zu lassen, machte er sich alsbald auf den Weg, nach dem gastlichen Schlosse einer ihm befreundeten Familie, um daselbst zu übernachten. Auch seine Frau und seine beiden Kinder wurden aus dem gefährlichen Hause fortgebracht, vor dem sich morgen die Boinbenwerfer ver- sammeln sollten. So lange in dem fremden Schlosse die Lichter brannten, zuvor- kommende, bekannte Gesichter sich lächelnd vor ihm verneigten und die Entrüstung über den geplanten Anschlag zum Ausdruck brachten, empfand unser Würdenträger ein Gefühl angenehmer Erregung— wie wenn er soeben eine große, unerwartete Belohnung erhalten hätte oder sogleich erhalten würde. Aber die Gäste des Hauses fuhren heim, die Lichter erloschen, und durch die Spiegelscheiben fiel aus den Plafond und die Wände das zittrige, gespenstische Licht der elektrischen Laternen; es schien ein Eindringling in diesem Hause mit seinen Gemälden, seinen Statuen und seiner Stille, wie eS so, selbst still und unbestimmt, von der Straße einfiel und den be- unruhigenden Gedanken an die Nutzlosigkeit aller Riegel, Schutz- wachen und Mauern erweckte. Und da, mitten in der Nacht, in der Stille und Einsamkeit des fremden Schlafzimmers, packte den Würden- träger ein unerträgliches Angstgefühl. Er hatte etwas an der Leber, und bei jeder heftigen Erregung sammelte sich in seinem Gesicht, seinen Armen und Beinen Wasier an, daß fie anschwollen und er noch voller, noch dicker und massiver erschien. Auch jetzt, als er so wie ein Berg gedunsenen Fleisches sich über den niedergepreßten Sprungfedern des Bettes erhob, fühlte er in der bangen Furcht eines tranken Menschen sein geschwollenes, gleichsam fremdes Gesicht und konnte feine Gedanken nicht ablenken von dem grausamen Geschick, das ihm die Menschen zugedacht hatten. Er gedachte nach einander all der firrchtbaren Fälle aus der jüngsten ?ieit. in denen gegen Peffonen von ähnlich hoher oder selbst noch öhcrer Stellung, wie seine eigene war, Bomben geschleudert und durch die Bomben Leiber zerfetzt, Gehirne gegen schmutzige Zicaelmaucrn gespritzt und Zähne aus den Kiefern gerissen worden waren. Und unter dem Eindruck dieser Erinnerungen erschien ihm sein eigener, feister, kranker Körper, der da auf dem Bette hingestreckt lag, selbst schon fremd und von der flammenden Gewalt der Explosion gepackt; und es lvar ihm, als ob seine Arme sich im Schultergelenk vom Rumpfe lösten, die Zähne ihm ausfielen, das Hirn fich in kleine Partikeln zer- teilte, die Beine abstarben und widerstandslos dalägen, mit den Zehen nach oben wie bei einem Toten. Er bewegte sich abfichtlich, atmete laut, hustete, um nur ja in nichts einem Toten zu gleichen, umgab sich mit dem lebendigen Geräusch der klingenden Sprung- federn, der raschelnden Bettdecke; und um zu zeigen, daß er noch vollkommen lebendig, daß er noch nicht ein bißchen tot und vom Tode noch ebensoweit entfernt sei wie jeder andere Mensch, rief er mit lauter, dröhnender Baßstimme jäh in die Stille und Einsamkeit des Schlafzimmers hinein: „Brave Jungen I Brave Jungen! Brave Jungen ff ES sollte ein Lob sein für die Geheimagenten, für die Polizei und die Soldaten, kurz für alle, die fich um den Schutz seines Lebens bemüht und so zur rechten Zeit, so geschickt den Mordanschlag ver- eitelt hatten. Aber trotz des Hinundherrückens auf dem Bett, trotz des laut erteilten Lobes, trotz des gezwungenen Lächelns, das seinen Spott über die dummen, ungeschickten Terroristen zum Ausdruck bringen sollte, glaubte er doch noch immer nicht an leine Rettung, an die Möglichkeit, sein Leben vor einem jähen, plötzlichen Ende zu bewahren. Es schien, als ob der Tod. den ihm die Menschen zu- gedacht hatten, der erst noch in ihren Gedanken, in ihren Absichten existierte, schon da stände und nicht eher von der Stelle weichen wolle, bevor man jene nicht abgefaßt, ihnen nicht die Bomben ab- genommen und fie selbst hinter festen Kerkermauern in Sicherheit gebracht hätte. Dort in jener Ecke stand er und wich nicht von der Stelle— und konnte nicht weichen, wie ein gehorsamer Soldat, der durch irgend jemandes Willen und Befehl auf seinen Posten ge- stellt ward. «Um 1 Uhr mittags, Ew. Exzellenz!"— so klang die Phrase. die man ihm zur Antwort gegeben, in allen möglichen Tonarten: bald heiter-ironisch, bald ärgerlich, bald trotzig und stumpf. Als wenn man in dem Schlafzimmer ein ganzes Hundert von auf» gezogenen Grammophonen aufgestellt hätte und sie alle, eins nach dem anderen, mit der idiotischen Genauigkeit der Maschine die ihnen anbefohlenen Worte hinaussckrien: «Um ein Uhr mittags. Elv. Exzellenz ff Und dieses morgige„ein Uhr mittags", das sich noch vor kurzem in nichts von anderen Tagesstunden unterschieden hatte und nichts weiter gewesen war als eine ruhige, regelmäßige Bewegung deS Zeigers auf dem Zifferblatt seiner goldenen Uhr, hatte plötzlich eine so unheimliche Bedeutung erlangt, war gleichsam aus dem Zifferblatt herausgesprungen, hatte ein Sonderleben begonnen, fich hoch empor- gerichtet wie eine mächtige schivarze Säule, die sein ganzes Leben in zwei Abschnitte schied. Als wenn weder vorher noch nachher irgendwelche andere Stunden existiert hätten, sondern nur dieser einen kecken, dünkelhasten Stunde das Recht zu einer Sonderexistenz zukäme. „Run? Was willst du von mir?" fragte der Minister ärgerlich, die Worte durch die Zähne pressend. Die Grammophone brüllten: «Um ein Uhr mittags, Ew. Exzellenz!"— und die schwarze Säule grinste und verneigte sich. Zähneknirschend erhob sich der Minister aus dem Bett und saß da, das Gesicht auf die Hände ge- stützt— er konnte wirklich nicht einschlafen in dieser abscheulichen Rächt. Und während er die geschwollenen, parfümierten Hände vor sein Gesicht hielt, stellte er sich mit erschreckender Deutlichkeit vor, wie er morgen früh nichtsahnend aufgestanden wäre, nichtsahnend seinen Kaffee gewunken und sich dann im Vorzimmer angekleidet hätte. Und weder er noch der Schweizer, der ihm den Pelz reichte, noch der Lakai, der ihm den Kaffee brachte, hätten gewußt, daß eS gar keinen Sinn hatte, Kaffee zu trinken und den Pelz anzuziehen, wenn schon wenige Augenblicke später alles dies, der Pelz und der Körper und der Kaffee in dem Körper, durch de» Bomben- wurf vernichtet, vom Tode hingerafft sein würde. Da öffnet er eben die Tür— er, der liebenswürdige, gutmütige, freundliche Schweizer mit den treuen blauen Soldatenaugen und der ganzen Brust voll Orden, öffnet selbst mit eigener Hand diese schreckliche Tür, öffnet sie, weil er von nichts weiß. Alle lächeln, weil sie von nichts wissen. „Oho I" sagte er plötzlich laut und nahm langsam seine Hände vom Gesicht fort. Und während er ins Dunkel hineinspähte, weithin vor sich, mit gespanntem, starrendem Blick, streckte er ebenso langsam den Arm aus, tastete nach dem Hahn und mackite Licht. Dann stand er auf, umschritt ohne Pantoffel, mit bloßen Füßen, auf dem Teppich das fremde, unbekannte Schlafzimmer, fand auch noch den Hahn der Wandlampe und zündete auch diese an. Es wurde hell und freundlich im Zimmer, und nur das in Unordnung geratene Bett mit der auf den Boden geglittenen Bettdecke sprach von' irgend etwas Schreck- lichem, das noch nicht ganz vorüber war. Im Nachtgewand, mit dem von den unruhigen Bewegungen zerzausten Barte und den bösen Augen sah unser Würdenträger aus wie jeder andere verärgerte Greis, der au Schlaflosigkeit und Atem- beschiverden leidet. Es war. als ob der Tod, den die Menschen ihm zugedacht hatten, ihn entblößt, ihn von der Pracht, dem effektvollen Pomp, der ihn umgab, losgerissen hätte— und es schien kaum glaubliH, daß et eS war, der so viel Macht und Emsluß besaß, und daß sein Körper, dieser gewöhnliche, einfache menschliche Körper auf so entsetzliche Weise, unter Blitz und Knall, durch eine ungeheuerliche Explosion vernichtet werden sollte. Unangelleidet, ohne die Kälte zu spüren, ließ er sich auf den ersten besten Stuhl niedersinken, stützte das Kinn mit dem zerzausten Barte auf die Hand und richtete auf- merksam. in tiefem, stillen Sinnen die Augen auf die stuckverzierte Decke des fremden Zimmers. DaS also war es I Darum hatte er solche Angst gehabt und sich so aufgeregt. Darum steht«er" dort im Winkel und geht nicht fort, und kann überhaupt nicht fortgehen. »Dummköpfe I" sagte er geringschätzig und mit Nachdruck. „Dummköpfe I" wiederHolle er laut und wandte den Kopf leicht nach der Tür hin, damit die ihn hören konnten, denen das Wort galt. Und es galt jenen, die er noch vor einem Weilchen„brave Jungen" genannt hatte und die in ihrem Uebereifer ihm alle Einzel- heiten des gegen ihn geplanten Anschlages berichtet hatten. „Jetzt allerdings", ging's ihm in plötzlich anschwellendem, leicht hingleitendem Gedankenfluste durch den Sinn—„jetzt, da sie mir Bericht erstattet haben, weiß ich es und fürchte mich; hätten sie nichts gesagt, dann hätte ich nichts gewußt und ruhig meinen Kaffee ge- trunken. Nun, und dann natürlich, hätte dieser Tod— aber fürchte ich mich denn so sehr vor dem Tode? Ich bin doch leberkrank, und ich werde bestimmt irgend einmal sterben— und dennoch fürchte ich mich nicht, weil ich eben nichts weiß. Und diese Dummköpfe sagen mir: „Um eiu Uhr mittags, Ew. Exzellenz!" Und sie dachten, ich würde mich darüber freuen, diese Dummkopfe— und statt dessen kommt „er" und steht da in der Ecke und will nicht fort. Will nicht fort, weil er eben nur ein Produkt meines Denkens ist. Aber nicht der Tod ist schrecklich, sondern das Wissen von« Tode; und eS wäre dem Menschen ganz unmöglich zu leben, wenn er genau Tag und Stunde seines Todes voraus wüßte. Und diese Dummköpfe kündigen eS mir noch an:»Um ein Uhr mittags. Ew. Exzellenz!" �(Fortsetzung folgt.)) (Nachdruck verboten.), Geber das eiwdß. Von Dr. A. F. M a n. In der Betrachtung des Lebens geht die moderne Biologie bon der Vorstellung aus, daß die Lebcnserscheinungen chemische Vorgänge sind, die fich von den in der leblosen Natur nur da- durch unterscheiden, daß sie vielgestaltiger, verwickelter sind. Diese wissenschaftliche Vorstellung hat sich als erfolgreich erwiesen im Er- kennen all' dessen, was lebt: sei es die Aussendung von Schein- füßchen einer einzelligen Amöbe oder der Flug der Gedanken eines Darwin und Marx. Das Gespenst des„göttlichen Odems", der nach der Bibel dem aus Lehm gekneteten Menschen eingehaucht ward, ist aus einer wissenschaftlichen Betrachtung vollends der- bannt. Auch die Theorien, die fich an diese alte Vorstellung von einer besonderen von auswärts stammenden„Lebenskraft", die der lebenden Materie innewohnt und sie zu ihren Lebensäußerungen befähige, anschlössen und ihr sogar noch neuerdings ein wissen- schaftliches Mäntelchen umzuhängen bestrebt waren— sie finden in wahrer Wissenschast keinen Eingang mehr. Wenn wir nun sagen, daß die Auffassung der Lcbcnserschei- nungen als chemische Vorgänge die einzig wissenschaftliche Bc- trachtung sei. so ist damit noch nicht behauptet, daß es uns heute selber gelungen sei, die Lebenserscheinungen im einzelnen bis auf ihre chemische Grundlage zu verfolgen. Das ist erst die große Aufgabe der Lehre vom Leben, der Biologie. Aber wir haben doch selber heute eine ganze Reih« von Lebensvorgängen— so die Atmung, Verdauung, Muskelarbeit— auf eine Kette von chemi- scheu Vorgängen, zwar auch mit den allergrößten Lücken, zurück- führen können. Alle Zweige der biologischen Wissenschaft sind an diesen Erkenntnissen mit beteiligt; aber im Laufe der letzten Jahr- zehnte hat sich aus der Biologie heraus eine selbständige Wissen- schaft entwickelt, die physiologische Chemie(man dürfte auch bioko- gische Chemie sagen), die die chemischen Stoffe studieren will, welche den lebendigen Körper zusammensetzen und sich bei der Tätigkeit der Organe verändern; die die Veränderungen verfolgen will, welche die aufgenommenen Naturstoffe erfahren, um an Stelle der verbrannten Körperstubstanz treten zu können. Wollen wir nun daran gehen, die einzelnen Lebensäußerungen der lebendigen Substanz zu studieren, so müssen wir uns vorerst mit jenen Tat- sachen vertraut machen, die die physiologische Chemie über die Zu- sammensetzung der lebendigen Substanz festgestellt hat. Drei Gruppen von Stoffen sind eS, die die lebendige Substanz zusammensetzen: die Kohlehydrate, Fette und Eiweißstoffe. Aber an erster Stelle stehen die Eiweißstoffe, sie bilden die eigentliche stoffliche Grundlage des Lebens. Die Fette und Kohlehydrate sind viel einfachere chemische Stoffe als das Eiweiß; sie sind in allen ihren chemischen Eigenschaften erforscht, die meisten von ihnen können wir auch künstlich darstellen. Sie bilden heute nur ein Kapitel der Chemie, trotzdem auch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts auch diese Stoffe als Erzeugnisse einer besonderen„Lebenskraft" galten. Vor den Eiweißstoffen aber hat unser Wissen und Scharffinn einstweilen bis zu einem ge- wissen Grade Halt machen müssen. Tie physiologisch-chemische Forschung, die sich unablässig mit den Eiweißstofen beschäftigt, hak es aber doch fertig gebracht, so manches über ihr Wesen ans Licht zu bringen. Das Eiweiß besteht aus denselben Elementen*), wie dis chemischen Stoffe der leblosen Natur. Vor allem aus Wasserstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Schwefel. In dieser Be- zichung gibt es also keinen durchgreifenden Unterschied zwischen lebendiger mid lebloser Natur. Aber, wie schon oben erwähnt, sind die chemischen Vorgänge, die das Leben ausmachen, viel verwickelt ter, komplizierter, als die in der leblosen Natur. Wir müssen so vermuten, daß auch die stoffliche Grundlage dieser chemischen Vor- gänge, die Eiweißverbindungen, von vielgestaltigerem, komplizier- terem Bau sein wird, als die leblosen Verbindungen. Und es ist in der Tat so. Während z. B. ein Molkül Wasser aus drei Atomen (zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom) besteht, sind in einem Eiweißmolckül— wie der bekannte Forscher Bunge es wahrscheinlich macht— vielleicht mehr als zweitausend Atome vorhanden. Natürlich ist das nur eine ungefähre Schätzung, die nicht ganz zu stimmen braucht. Wenn es auch gelungen ist, sich darüber zu vergewissern, welche Elemente im Eiweiß vorhanden sind, um sich eine Vorstellung über die ungefähre Zahl der Atome in einem Eiweißmolckül zu machen, so wissen wir doch nicht, wie diese Atome im Eiweißmolekül gruppiert sind— denn zwei chemische Verbindungen können gleiche Elemente in genau gleicher Anzahl von Atomen von jedem Element besitzen, ohne sich in ihren Eigenschaften zu gleichen, was eben von der verschiedenen Gruppierung der Atome abhängt. Doch hierüber ist einiges bekannt. Lassen wir auf Ei- weiß eine schwache Säure einwirken, so zerfällt das Eiweiß in eine Reihe von anderen weniger komplizierten Verbindungen, die selbst keine Eiweißstoffe find. Man nennt sie Aminosäuren. Da das Eiweiß auch bei Einwirkung von anderen chemischen Stoffen, nicht nur Säuren, in Aminosäuren zerfällt, so dürfen wir annehmen, daß die Atome im Eiweißmolekül zum Teil so gruppiert sind, wie ir. einem Aminosäurenmolekül. 1— Wir wissen ferner, daß ganze Kohlehydratmoleküle zu den Bestandteilen eines Eiweißmoleküls gehören. Wir kennen eine weitere Eigenschaft der Eiwcißstoffe, die dar- auf schließen läßt, daß das Eiweißmolekül sehr groß ist, aus sehr vielen Atomen besteht. Bringen wir z. B. eine Salzlösung in ein Gefäß, das durch eine tierische Membran(wie z. B. eine Ochsen- blase) abgeschlossen ist, und tauchen das ganze Gefäß in reines Wasser, so wird»ach einiger Zeit das reine Wasser salzhaltig ge- worden sein: durch die Membran ist ein Teil des gelösten Salzes hindurchgetreten. Bringen wir aber eine Eiwcißlösung in ein durch eine tierische Membran abgeschlossenes Gefäß, das wir in Wasser tauchen, so wird sich das Wasser nicht verändern: das Ei- weiß kann durch die Membran nicht hindurch. Man erklärt fich diesen Unterschied so, daß die kleinen Salzmoleküle durch die Poren der Membran hindurchtreten, während die großen Eiwcißmoleküle das nicht können. Eine weitere Eigenschaft der Eiwcißstoffe ist die Fähigkeit zu gerinnen. In einem frischen Hühnerei ist das Eiweiß klar und stellt eine dickliche Lösung dar. Beim Kochen wird das Eiweiß des Hühnereis weiß, fest und undurchsichtig:„es ist geronnen". Das Eiweiß des Blutes gerinnt schon bei gewöhnlicher Temperatur, sobald es die Blutgefäße verläßt. Darauf beruht der Wundver- schluß bei Verletzungen. Ganz derselbe Vorgang ist die Gerinnung der Milch, ebenso die Totenstarre der Muskeln: aber hier ist es nicht die Wärme, die die Gerinnung veranlaßt, sondern gewisse Stoffe(Säuren), die in der sauren Milch und im toten Muskel vorhanden sind. Wenn wir zu frischer Milch einige Tropfen Säure hinzufügen, so gerinnt sie. Ebenso können wir durch Säure» einwirkung einen Muskel zur Erstarrung bringen. Auch die Fähigkeit der Gerinnung wird wohl mit der Größe des Eiweiß- moleküls in Zusammenhang stehen. Wir kennen nämlich eine Reihe chemischer Stoffe der lebenloscn Natur, die aus ihren Lö- sungen— ganz wie die Eiwcißstoffe durch tierische Membranen nicht hindurchtreten können. Mau nennt diese Lösungen kol- l o i d a l e Lösungen oder Kolloide. Die Kolloide kann man wie die Eiwcißstoffe auch zur Gerinnung bringen. Da nun die Fähig- keit zu gerinnen immer zusammen mit dem eigenartigen Verhalten gegenüber tierischen Membranen vorkommt und da toir nun in der Größe des Moleküls die einzige Erklärungsmäglichkeit für dieses Verhalten haben, so nimmt man an, daß wohl die Größe de? Moleküls«uch bei der Gerinnung mit im Spiele ist. Wir erwähnten oben die Aminosäuren. Fast alle diese Ver- bindungcn können wir künstlich darstellen, aus ihren Elementen aufbauen. Das berechtigt uns zur Hoffnung, daß es auch gelingen werde, das Eiweiß selbst künstlich darzustellen. In seinem Bc- *) Unter„Elementen" verstehen wir eine Anzahl von solche» chemischen Stoffen, die fich durch unsere heutige Wissenschaft- lichen Methoden nicht in andere, einfachere Stoffe mehr haben zer. legen lassen— im Gegensatz zu den chemischen„V e r b i n- dünge n", die aus diesen gewissermaßen einheitlichen Elementen (deren es 70 gibt) bestehen, aufgebaut sind. Tie Elemente ver- einigen sich zu Verbindungen in ganz bestimmten Gewichtsverhält- nissen. Ein denkbar kleinstes Teilchen eines Elementes nennen wir Atom; ein denkbar kleinstes Teilchen einer Verbindung—> Molekül, streben, die Zusammensetzung der Eiweißverbindungen zu erkennen. ist der Forscher Emil Fischer von den Aminosäuren ausgegangen. Wir haben ja in diesen, wie wir oben auseinandergesetzt, gewisser- maßen schon ganze Pfeiler, nicht nur mehr Bausteine; von diesen Pfeilern ausgehend, wird es wohl leichter werden, den ganzen Bau— das Eiwcißmolekül•— zu ergründen und aufzu- richten. Damit wäre aber noch in keinem Falle die Möglichkeit gegeben, künstlich Leben zu erzeugen. Denn wir hätten damit nur totes Eiweiß in seinem wahren Wesen erkannt und künstlich dar- gestellt. Das Eiweiß besitzt nämlich die Eigenschaft, sich ausgiebig zu verändern, ja zum Teil in seine einzelnen Bestandteile zu zer- fallen, sobald es im Laboratorium des Forschers mit anderen chemischen Stoffen gemischt wird— und letzteres ist ia gerade der Weg, auf dem allein man die Natur, die Zusammensetzung einer chemischen Verbindung erforschen kann. So arbeitet der Chemiker immer mit totem, nie mit lebendigem Eiweiß, denn letz- teres ist unter seiner Hand zu toten geworden. Diese Eigenschaft, sich schnell und ausgiebig unter äußeren Einflüssen zu verändern, haben die Eiweißverbindungen ihrem lockeren, sehr gefügigen Bau zu verdanken, auf dem ihre Fähigkeit zu„leben" beruht. Nach Vereinigung mit dem Sauerstoff der Luft kommt es zu einem„Abbau", zu einem teilwcisen Zerfall des lebendigen Eiweiß, was eine Reihe von chemischen Vorgängen be- deutet. Chemische Vorgänge sind die Quelle von Kraft, Energie — sei es Wärme, Elektrizität oder mechanische Arbeit. Die Energie Produktion, die durch den Zerfall, den Abbau des lebendigen Ei- Tveiß hervorgerufen wird, nennen wir eben„Leben". Wäre nun diese Fähigkeit, zu zerfallen, die einzige charakteristische Eigenart des lebendigen Eiweiß, so gäbe es kein dauerndes Leben, denn ein Lebewesen müßte dann gewissermaßen mit dem ersten Lebenshauch seine Lebensfähigkeit erschöpfen. Die Eiweißverbindungen haben aber die Fähigkeit, nach dem teilweisen Zerfall ihr Molekül wieder aufzubauen, zu ersetzen; sie werden aus sich heraus wieder zu ganzen lebendigen Eiweißmolekülen, indem sich der nach dem Zer- fall übriggebliebene Rest mit den Nährstoffen vereinigt; sie werden von selbst zu ihrer früheren Form wieder aufgebaut. Abbau und Aufbau— Dissimilation und Assimilation>— der Eiweißverbindungen sind Leben. Aber damit ist noch nicht alles gesagt; denn wir kennen Leben nur als Leben von Zellen, vom einzelligen Amöbentierchen bis zu den vielzelligen Tieren und Pflanzen hinauf. Außer- halb der Zelle gibt es kein Leben. Die Zelle ist aber kein bloßes wirres Gemisch von Eiweißstofsen; die verschieden- artigen Eiweißverbindungen, die wir in der Zelle antreffen, sind nach strengen Gesetzen im Zelleib verteilt, in ganz bestimmten Mengen vorhanden. Diese Verteilung der Stoffe kommt darin zum Ausdruck, daß der Zelleib in Kern und Protoplasma gesondert ist, deren Eiweißarten voneinander verschieden sind. Und jede Störung in dieser Verteilung der Stoffe setzt die ganze Lebens- fähigkeit der Zelle aufs Spiel. So kompliziert sich die große Frage nach den chemischen Grundlagen der Lebcnserscheinungen. Wir können heute nur so viel sagen, daß der Abbau und Aufbau der Eiweißverbindungen, die das Leben ausmachen, nur in dem Rahmen der Zelle möglich sind; die Zelle ist das chemische Lab» ratorium, das hierzu die nötige Einrichtung und Ausrüstung befitzt. kleines Feuilleton. Völkerkunde. Die Buschmänner als Maler. Aus London wird berichtet: Im Londoner Anthropologischen Institut ist jetzt eine außerordentlich interesiante Sammlung von Nachbildungen nach Malereien und Bildhauerwerkcn der Buschmänner ausgestellt, die einen fesselnden Einblick gewähren in die Kunstübung dieser süd« afrikanischen Raste. In dielen Teilen Südafrikas findet man noch heute diese seltsamen Gemälde und Skulpturen, und die großen Malereien, die an den Felswänden oder auf riesigen Steinblöcken angebracht sind, bieten dem Forscher mancherlei Anhaltspunkte dafür, auf welchem Wege die Buschmänner in die Gebiete gezogen sind, die sie heute bevölkern. Die großen in die Felsen gegrabenen Reliefdarstellungen waren ursprünglich koloriert, allein unter dem Einfluß der Witternngsunbilden ist die dünne Farbschicht vielfach abgewaschen und vernichtet und, nur die mühsam mit dem Steinmeißel gezogenen Umrißlinien sind erhalten geblieben. Die Primitivität der Werkzeuge hat die Folge gehabt, daß die Meitzelarbeit an Frische der Darstellung und an Lebendigkeit hinter den Malereien zurücksteht; die schwarzen Künstler sind hier niemals zu einer endgültigen Ueberwindung des spröden Materials gekommen, aber immerhin kann man auch hier die Spuren von einem lebhasten Natursinn beobachten, der einer peinvoll genauen Nach- bildung von allerlei Details zustrebt. Interessanter sind die Malereien. die auch weitaus häufiger vorkommen. Die Farbenskala, die bei diesen Arbeiten zur Anwendung kam, ist beschränkt und unentwickelt; rot, schivarz, gelb und weiß bedeutet in der Regel den ganzen Reichtum der Buschmänner-Palette. Als Farbn'ittel scheinen in erster Linie Ocker und rotes Eisenoxyd zur Anwendung gekommen zu sein; sie wurden dann mit Fett vermischt und anscheinend auch mit Pflanzenklebstoff, lieber die Art des Farbenauftrages fehlt es bis» lang an genaueren Forschungen, doch scheint der Umstand, daß die Buschmänner, denen man Pinsel in die Hand gab, diese ohne weiteres und sogar mit einer gewisten Gewandtheit anzuwenden wußten, dafür zu sprechen, daß der Gebrauch des Malpinsels schon von altersher bekannt gewesen ist. Nur auf einigen wenigen Malereien ließ sich die Verwendung von Blau nachweisen, seltene Ausnahmefälle, die sich nicht oft wiederholen. Auf einem Bilde gewahrt>nan eine Anzahl von blaugekleideten Männern: offenbar Buschmänner oder Hottentotten, die damit beschäftigt sind, eine Schafherde vor sich her zu treiben. Anscheinend handelt es sich dabei um eine Darstellung von Soldaten des Hottentottenregiments, das in den ersten Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts in der Kapkolonie bestand. Im allgemeinen zeigt die Darstellung des Menschen ein starkes Streben zur Naturwahrheit, wenn auch die schwarzen Mnstler hierin über eine gewisse steife Befangenheit nicht fortkommen. Tagegen verrät die Wiedergabe der Tiere verblüffende Sicherheit und bisweilen eine Fähigkeit, mit dem primitivsten Mittel starke Bewegnngsnrotive zu bewältigen, die staunen macht. In einigen Malereien tritt unverkennbar einStreben zum anatomischen Detailzutage, das zu Eindrücken führt, die bereits im Gebiete der Groteske liegen. Die Buschmänner zeichnen sich dabei durch Übertriebene Herausarbeitung der Hüsten aus. Auch in der Darstellung der Waden gefallen sich die Künstler in Uebertreibungen, die über die Vorbilder im Leben kühn hinwegschreiten. An Motiven hat es den Busch- männer-Malern nicht gefehlt; die häufigen Kämpfe und Ueberfälle, der Raub von Herden, die Verteidigung des Geraubten, Ver- folgungen und Ueberfälle, das sind die Themen, die immer von neuem wieder abgehandelt werden und denen eine un- erschöpfliche Künstlerfteude immer wieder neue Reize abgewinnt. Bisweilen tauchen auch in diesen Schlachtenbildern Gestalten europäischer Soldaten auf, einige Details der Uniform, die Epauletten usw. sind genau und scharf beobachtet, wenn auch übertrieben wiedergegeben, andere wesentliche Teile fand das Auge des schwarzen Künstlers nicht beachtenswert. Merkwürdig ist, daß bei allen diesen Darstellungen landschaftliche Motive konsequent vennieden werden; die Malereien beschränken sich ans Menschen und Tiere, die gewöhnlich im Profil abgebildet werden. Aber es fehlt nickit an Ausnahmen, in mehreren Fällen gewahrt man Frontal- ansichten, ja einige Male sogar regelrecht durchgeführte Verkürzungen, die auf ein treffliches Auge und stark entwickelten zeichnerischen Sinn schließen lassen. Im allgemeinen verraten die Malereien eine Vorliebe für starke Bewegungsakzente, die in der Regel auch scharf und prägnant, mit einer verblüffenden Unmittelbarkeit des Ausdrucks herausgeholt werden. Meist sind es Ochsen, Schafe, Ziegen und Pferde, die dar- gestellt werden; seltener tauchen Vögel aus, unter denen natürlich der Strauß dann eine hervorragende Rolle spielt. Wie das „Athenaeum" mitteilt, wird das Ergebnis dieser interessanten Aus- stellung vermutlich in kurzer Zeit in einem Buch zusammengefaßt werden, in dem Reproduktionen dieser seltsamen südafrikanischen Er- zeugniste des Kunstsinnes ein anschauliches Bild geben werden von dem Wesen dieser eigenartigen Negerkunst. Physiologisches. Gift und Gegengift. Die Bekämpfung der Giftwirkung durch Arzneien reicht bis in die ersten Zeiten der menschlichen Kulturentwickelung zurück. Heilende Kräuter gegen Schlangen- bisse oder vergiftete Pfeilwunden sind wohl die ersten rohen em- pirischen Versuche gewesen, den zerstörenden Wirkungen der Gifte auf den Organismus oder seine einzelnen Teile Einhalt zu ge» bieten. In der modernen Wissenschaft ist anstelle der bloßen Empirie bei einer großen Reihe von Giften, die zum Teil ja auch gleichzeitig als Arzneistoffe in Betracht kommen, die Wissenschaft- liche Kenntnis ihrer speziellen physiologischen Wirkungsweise ge- treten. Dadurch ist die Möglichkeit geboten, durch Verabreichung eines entgegengesetzt wirkenden Stoffes im Bedarfsfalle das Gleich» gewicht des Organismus wieder herzustellen. Ueber diese gegen- sächliche Wirkung der Giftstoffe hat Professor Horst-Meyer in der Sitzung der Wiener medizinischen Gesellschaft in zusammenfassender Weise berichtet. Er unterscheidet zunächst eine solche chemischer und physiologischer Art, deren Natur durch das Tiercxperiment be- stimmt werden kann. Im ersteren Fall neutralisieren sich Gift und Gegengift zu einem ungiftigen Körper, während im zweiten ihre Einzelwirkungen auf ein bestimmtes Organ entgegengesetzter Natur sind und sich aufheben, ohne daß die Stoffe selbst sich gegen- seitig beeinflussen. So wirkt Atropin auf die ungestreisten Muskeln und das Herz lähmend, während Pilocarpin sie anregt. Manche Gifte wie Morphium, Blausäure, Coffein und Pikrotoxin wirken wiederum auf das Zentralnervensystem. Einige erhöhen die Körpertemperatur, während andere sie herabmindern. Eine dritte Gruppe von Giften wirkt auf Organe, die in physiologischer Be- zichung entgegengesetzte Bedeutung haben wie z. B. der Sym- pathicuS gegenüber den Rückenmarksnervcn. Der Sympathicus wird von Adrenalin und Cocain gereizt, während Codein ihn lähmt. Ein Organ, das von beiden Nervcngruppen abhängt, wird also durch verschiedene Gifte antagonistisch beeinflußt werden können. So werden die Blutgefäße durch Pilocarpin zusammen- gezogen und durch Adrenalin oder Cocain ausgedehnt. Aus solchen Erfahrungen ergibt sich denn die BehandlungSweise der verschiedenen Arten von Vergiftung. «erantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck n. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, Verlagsanstalt Paul Sinaer& Co.. Berlin SW,