Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. III. Freitag, den 12. Juni. 1903 (Nachdruck verboten.) m Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Nun fand Asmus Gefallen an dieser Antithese, und Während der Achnee unter ihren Fußen knirschte, sang eri Wie herrlich leuchtet Mir die Natur, Wie glänzt die Sonne« Wie lacht die Flurl ES dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch! und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuf- Kein Schnee zwischen Hals und Kragen. Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn tnit einem langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen. Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte: denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf ergriff und ihm daS Gesicht mit Küssen bedeckte.-- Ich hört' ein Bächlein rauschen Wohl auS dem Felsenquell sang er. „Wo?" rief sie lachend. Da legte er wieder den Arm um sie und sagte.„Ueberall. JJefceraH hör' ich Quellen rauschen. Hörst Du sie nicht?" Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen.„Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort Deine Stimme hören und gar nicht wieder aufwachen." Er neigte sich zu ihrem! Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und her und sang mit leiser, leiser Stimme: Horch, horch, die Lerch' im Aetherblau! Und PhöbuS, neu erweckt, Tränkt seine Rosse mit dem Tau, Der Blumenkelche deckt, Der Ringelblume Knospe schleußt Die hellen Aeuglein auf: Mit allem, was da reizend ist, Du süße Maid, wach auf! Da machte sie langsam— weit— weit die Augen auf, Und ihre Augen waren tiefernst. „Du bist ein böser Mensch," sagte sie.„Weißt Du, daß Du ein böser Mensch bist? Ein Zauberer bist Du!"«nd sie riß sich fast ängstlich von ihm los und lief ein groß Stück Weges vorauf. Kurz vor dem Ouellcntal hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen kristallenen Dom von uralten Bäumen. Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus: denn die Ge- dichte wohnten ihm wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins Ohr: Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt Stummen FlugS durch die träge Luft, Und vom kaum gebognen Zweig der Schnee Lautlos fällt auf Schnee..... Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf geringer Erhöhung liegende Mooshütte und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig drinnen: sie mußten wieder hinaus. Und bei der ein- gefrorenen Quelle, die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen. Er mußte heu»� immerfort singen. Und während von den Zweigen ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang ex Der Reimer Thomas lag am Vach, Am Kieselbach bei Huntley-Schloß. Da sah er eine blonde Frau, Die saß auf einem weißen Roß. -„Eine braune Frau!" rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen. „Eine blonde Frau," versetzte ek. „Eine braune Frau." '„Eine blonde Frau." „Hast Du schon einmal eine blonde Frau geliebt?" fragte sie ängstlich forschend. „Ich habe keine Fwu geliebt vor Dir." Dann sah sie lange vor sich hin und sagte? -„Wie schrecklich dumm bin ich gewesen „Du?" „Ja. Weißt Du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?" „Eifersüchtig?" „Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem Du zusammen sangst, auf dem Fest in der„Treue"—* „Auf die kleine Lizzy?" „Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich Dir gleich» gültig sei: aber als ich Euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als Eure Stimmen so innig zusammen« klangen— das gab mir den Gnadenstoß. Bald darauf ver- lobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen fühlte— auS Trauer— aus Bangigkeit— aus Trotz— ich weiß es nicht mehr."> „Auch aus Trotz?" fragte er. „Ja, ja,— 0, Du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut halten, wie Du es tust— ich bin lange nicht so gut, wie Du glaubst—" „Du?" sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit schwärmenden Blicken umschrieb? Du bist die Himmelskönigin, Du bist von dieser Erde nicht. Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie: Ich bin die Himmelsjungfrau nicht, Ich bin die Elfenkönigin. Nimm deine Harf' und spiel und sing Und laß dein schönstes Lied erschall'nl Doch wenn du meine Lippe küßt, Bist du mir sieben Jahr verfall'n. Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie: Wohl sieben Jahr zu dienen dir. O Königin, das schreckt mich kaum! Er küßte sie— da küßte er sie sie küßte ihn»« da küßte sie ihn. „Kein Bogel singt im Eschcnbaum," rief Asmus,„aber das schadet nichts: wir können's ja selbst." Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel. daß die Flocken stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut: Sie ritten durch den grünen Wu».,, Wie glücklich da der Reimer war! Sie ritten durch den grünen Wald Bei Vogelsang und Sonnenschein— und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals schlang, da legte er den 5wpf zurück, daß Wange an Wange lag, und sang: Und wenn sie leis am Zügel zv�, Dann klangen hell die Glöckclein. 52. Kapitel. (Hilde verliebt sich in Semper den Aelteren, bekennt sich zU Chamisso und entpuppt sich als eine alte Bekannte.). Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie eS nicht im geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt' er's nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es aufnehmen wiirden. Eigentlich zweifelte er nux an dem Beifall seiner Mutter Ludwia Semper, das wußte er. so leer ihm das Haus ohne seinen Asmus iverden mochte, würde Asmussens Erwählte will- komnien heißen, bevor er sie gesehen; aber Rebekka—? Mütter sind eifersüchtig, und überdies war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte:„Junge, Junge, Du bist ja noch so jung!" „Aber Mutter!" rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern,„Du hast ja auch jung geheiratet!" «Ja. das war damals auch ganz anders!" rief sie. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Gefchichtc der fiebe« Gehängten. Von Lconid Andrej« lv.»— Autorisierte Uebersetzung. Es ward ihm so leicht und Wohl umS Herz, als wenn ihn» jemand gesagt hätte, daß er überhaupt unsterblich sei und nie aus dem Leben scheiden werde. Und da er sich nun wieder stark und »veise fühlte inmitten dieser Herde von Dummköpfen, die fick so töricht und vorwitzig in das Geheimnis der Zukunft hinein- dräirgten, überließ er sich, mit dem schwerfälligen Gedankengange eines alten, kranken, viel erfahrenen Mannes ganz dem Nachsinnen über das Glück des Nichtwissens. Keinem lebenden Wesen, sei es Mensch oder Tier, ist es gegeben, Tag und Stunde seines Todes zu wissen. Da war er neulich krank, und die Aerzte sagten ihm. daß er sterben werde, daß er sein Testament machen müsse— und er glaubte ihnen nicht, und blieb wirklich am Leben I Und wie war's denn damals, in seinen jungen Jahren: da war er einmal auf Irrwege geraten und hatte beschlösse!,, sich das Leben zu nehmen; den Revolver hatte er sich schon zurechtgelegt, und die Abschiedsbriefe geschrieben, und sogar die Stunde des Selbstmordes bestimint— und im letzten Augenblick, ganz kurz vor seinem Ende, hatte er sich plötzlich anders besonnen. Und so kann stets noch im allerletzten Augen- blick sich irgend etwas ändern, irgend ein unvorhergesehener Zufall eintreten, und darum kann niemand sagen, wann er sterben wird. „Um ein Uhr mittags, Ew. Exzellenz," sagten ihm diese licbens- würdigen Esel, und obschon sie es erst sagten, nachdem der Tod abgewendet war, so erftillte doch schon das Wissen der Stunde, in der er möglicherweise hätte eintteten können, sein Gemüt mit Entsetzen. Es war keineswegs ausgeschlossen, daß man ihn irgend einmal töten würde, allein morgen wird das nicht der Fall sein— nein, morgen nicht— und er kann ruhig schlafen, wie ein Unsterblicher. Sie wußten nickt, diese Duinniköpfe, welches große Gesetz sie von der Stelle gerückt, welches Loch sie geöffnet hatten, als sie in ihrer idiotischen Dienstfertigkeit ihm meldeten:„Um ein Uhr mittags, Ew. Exzellenz!" „Nein, nicht: um ein Uhr mittags, Ew. Exzellenz— sondern: kein Mensch weiß, wann. Kein Mensch weiß eS.-» WaS?" „Nichts," antwortete die Stille.„Nichts." „Nein, du sagst doch etwas.. „Nichts, Unsinn. Ich sage: morgen, um ein Uhr mittags." Und mit einem jähen, stechenden SchmerzenSgefühl im Herzen begriff er, daß er weder Schlaf, noch Ruhe, noch Freude empfinden würde, bevor nicht diese verfluchte, schwarze, aus dem Zifferblatt herausgegriffene Stunde vorüber wäre. Nur der Schatten des Wissens von dem, was kein lebendes Wesen wissen durfte, stand dort in der Ecke— und er genügte schon, um das Licht zu verdunkeln und die undlirchdring- liche Finsternis des Grauens auf den Menschen herabzusinken. Einmal erregt, verbreitete sich die Furcht bor dem Tode über den ganzen Körper, drang in die Knochen ein und steckte ihren bleiche!» Kops aus jeder Hauptpore heraus. Nicht mehr die Mörder von morgen fürchtete er— sie waren verschwunden, vergessen, verschmolzen mit der Menge all der feind- seligen- Menschen und Erscheinungen, die sein Erdensein umringten— sondern irgend etwas JäheS, Unvermeidliches: einen Schlaganfall, eine Zerreißung des Herzens oder irgend einer feinen, dummen Arterie, die den plötzlichen Blutandrang nicht aushält und platzt, wie ein prall gespannter Handschuh auf zu dicken Fingen». Und mit Schrecken dachte er an seinen kurzen, dicken Hals, und voll Entsetzen blickte er auf die geschwollenen kurzen Finger. und er fühlte, wie kurz sie waren, wie voll von dieser todbringenden, wäfferigen Flüssigkeit. Und wenn er vorher, im Dunkeln, das Bedürsms empfand, sich zu bewegen, un» nicht einem Toten zu gleichen, so schien es ihm jetzt, in diesem grellen, feindselig kalten, furchtbaren Licht: schrecklich, ja unniöglich, sich zu bewegen, um auch nur nach einer Zigarette zu langen oder nach jemand zu klingeln. Und jeder Nerv erschien ihm wie ein widerspenstiger, verbogener Draht, an dessen Ende ein kleines Köpfchen mit blöd starrenden, entsetzten Augen und im Krmnps aufgesperrtem, nach Atem jappendem, sprachlosem Munde steckte. Er bekam leinen Atem. Und plötzlich ward irgendwo im Dunkeln unter der Decke, mitten in Staub und Spinngewebe, eine elektrische Klingel lebendig. Der kleine metallene Hammer schlug krampfhäst, wie in Heller Angst, gegen den Rand der klingenden Schale; er schwieg— und schrillte voi» neuem, wie in höchsten» Entsetzen, durch die Nachtstille. Im Zimmer Seiner Exzellenz war die Klingel gezogen worden. Menschen begannen hin und her zu laufen. Da und dort, an den Kronleuchtern und an den Wänden, flammten vereinzelte Lämpchen aus— sie reichten nicht aus, um die Räume zu erhellen, genügten aber, um Schatten zu erzeugen. Ueberall tauchten Schatten auf: sie standen in den Ecken, dehnten sich an der Decke, streckten sich zitternd au jeder Erhöhung empor, glitten lautlos an den Wänden entlang und es war rätsel- hast, wo sie vorher gewesen— all diese zahllosen, gespenstischen, schweigsamen Schatten, diese stummen Seelen stummer Gegenstände. Irgend etwa? sprach laut die zitternde, tiefe Stimme. Dann wurde durchs Telephon der Doktor gerufen: der Herr Minister befinde sich nicht wohl. Auch die Gemahlin Seiner Exzellenz wurde herbei- geholt. 2. ZumTodedurchdenStrang, Es kam, wie die Polizei es vorausgesagt hatte. Vier Terro- listen, drei Männer und eine Frau, die mit Bomben, Höllen- Maschinen und Revolvern bewaffnet waren, wurden dicht an der Hauseinfahrt festgcnonimen; eine fünfte Person fand und arre- tierte man im Quartier der Verschwörer, es war die Wirtin. Man beschlagnahmte außerdem ein großes Quantum Dynamit, viele halbfertige Bomben und Waffen. Die Verhafteten waren alle noch sehr jung: der älteste der Männer zählte achtundzwanzig, die jüngere der beiden Frauenspersonen kaum neunzehn Jahre. In derselben Festung, die sie nach ihrer Verhaftung aufgenommen hatte, fand auch das Gericht über sie statt; man machte die Sache rasch ab, ohne viel Federlesen, wie es in dieser erbarmungslosen Zeit üblich geworden. Während der Gerichtssitzung waren alle fünf sehr ruhig, doch dabei sehr ernst und nachdenklich gewesen: so groß war ihre Ver- achtung gegen den Gerichtshof, daß sie nicht einmal Lust verspürten, durch ein überflüssiges Lächeln oder einen erzwungenen Heiter- keitsausbruch ihre Kühnheit zu unterstreichen. Sie bewahrten streng jenes Maß von Ruhe, das erforderlich war, um die eigene Seele und das große Dunkel, das sie vor deni Tode erfüllte, vor jedem fremden, bösen und feindseligen Blick zu bewahren. Bis- weilen verweigerten sie die Antwort auf die gestellten Fragen, bis- weilen antworteten sie— kurz, einfach und präzis, wie wenn sie nicht vor Richtern, sondern vor Statistikern ständen, denen sie zun» Zweck der Ausfüllung irgend welcher Tabellen Auskunft gaben. Drei von ihnen, eine Frau und zwei Männer, nannten ihre richti- gen Namen, zwei weigerten sich, sie zu nennen, so daß sie den Richtern unbekannt blieben. Und alle Vorgänge in der Gerichts- sitzung nahmen sie mit jener gleichsam durch einen Schleierflor gedämpften Neugier auf, wie sie sehr schwer kranken Menschen eigen ist, oder auch solchen, die von einer gewaltigen, alles absor- bierenden Idee erfüllt sind. Sie blickten scharf hin, suchten irgend ein Wort, das interessanter war als die anderen, im Fluge zu er- haschen— und verfielen dann wieder in Nachsinnen, ihren Ge, danken dort aufnehmend, wo sie ihn abgebrochen hatten. Den ersten Platz vom Richter aus hatte einer von jenen inne, die ihren Namen genannt hatten— Sergej Golowin, der Sohn eines verabschiedeten Obersten, selbst ein ehemaliger Offizier. Es war ein noch ganz jugendlicher, blonder, breitschultriger Mensch, von einer so kernigen Gesundheit, daß weder das Gefängnis, noch die Erwartung der unausbleiblichen Todesstrafe die Farbe von seinen Wangen und den Ausdruck jugendlicher, glücklicher Naivität aus seinen blauen Augen zu bannen vermocht hatte. Die ganze Zeit hindurch zupfte er energisch an seinem zottigen, hellen Bärtchen, an das er noch nicht gewöhnt war. und blickte dabei be- ständig blinzelnd und die Augen halb schließend zum Fenster hinaus. Die Verhandlung fand gegen Ende des Winters statt, als mitten durch die Schneestürme und düsteren Frosttage der nahe Frühling gelegentlich als Vorboten einen hellen, warmen, sonnigen Tag, oder auch nur eine solche Stunde entsandte— eine so frühlingsmäßige. so heißblütig jugendliche, strahlende Stunde, daß die Spatzen auf der Straße vor lauter Freude verrückt wurden und die Menschen wie trunken umhergingen. Auch jetzt sah man durch den verstaubten, seit vorigem Sommer nicht mehr gereinigten oberen Fensterflügel den Himmel in überaus seltsamer, anmuten- der Tönung: auf den ersten Blick erschien er milchig-grau, wie rauchfarbig, und sah man länger hin, so trat das Blau hindurch und wurde immer tiefer, immer heller, immer reiner. Und wie er so nicht mit einemmal sich enthüllte, sondern sich keusch im Schleier der durchsichtigen Wolken barg, erschien er ganz besonders hold und anmutig, lvie ein Mägdelein, das man liebte— und Sergej Golowin schaute auf diesen Himmel, zupfte an seinem Bärtchen. blinzelke bald mit dem einen, bald mit dem anderen seiner von langen, dichten Wimpern eingerahmten Augen und schien von irgend einer Vorstellung ganz besonders gefesselt. Einmal machte er sogar eine unwillkürliche, jähe Bewegung mit den Fingern und runzelte naiv, von irgend ettoas freudig erregt, die Brauen— aber er sah dann um sich und erlosch gleichsam wie ein Funken, den jemand mit dem Fuße ausgetreten hat. Und fast LüLenblicklich, ohne jeden vermittesiiden klehergang, trgt durch das Rot seiner Wangen eine erdfahle, totengleichc Färbung hervor, und der feine, helle Flaum sträubte sich wie in einem Schauer. Aber die Lebensfreude und der Frühling waren stärker— und schon nach wenigen Augenblicken war das jugendlich frische, naive Ge- ficht wieder dem Fiühlingshimmel zugewandt. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck J�ord- und Oftfce. Tin geologisch-geographischer Vergleich. Von Dr. I. Wiese. Die Nord- und Ostsee, diese beiden für Deutschland besonders wichtigen Meere, von der wissenschaftlichen Seite her näher ins Auge zu fassen, dürfte gerade in der Sommerszeit, da ihre Ufer und ihre Inseln von Tausenden aufgesucht werden, von besonderem Interesse sein. Den Anstrengungen der neueren Tiefseeforschung verdanken wir hauptsächlich die großartigen Ergebnisse, die uns gestatten, «inen Einblick in die verwitterten Urkunden der Erd- und Meeres- geschichte zu gewinnen und uns zu überzeugen, daß die Entstehung jener Meeresteile das Resultat eines gewaltigen geologischen Schau- � spiels bildet, dessen letzter Akt noch nicht beendet ist. Wenn wir den Schauplatz im allgemeinen betrachten, so ist daran festzuhalten, daß die wenig gegliederte und breit gegen das von ozeanischem Wasser erfüllte Nordmecrgebiet geöffnete Nordsee ein sogenanntes Randmcer, die abgeschlossenere und in sich reicher gegliederte Ostsee dagegen eines der kleineren interkontinentalen Mittelmeere, wie kein anderes Nebenmeer der Welt von allen ozca- nischen Einflüssen entlegen und unselbständig ist. Bei weitem größer als die Ostsee ist das Areal, das die Nordsee bedeckt: nämlich o48 000 Quadratkilometer gegen 431 000 Quadratkilometer. Wenden wir uns nun der Frage zu, wie Nordsee und Ostsee entstanden sind, so kann uns zwar die Wissenschaft, so tief sie auch in die Geheimnisse der Meeresbildungen eingedrungen ist, noch nicht mit absoluter Sicherheit über beide Fragen Auskunst geben, aber sie hat Hypothesen aufgestellt, die der Wahrheit sicher nahe kommen. Geologen behaupten nun, daß das Nordseebccken wahr- schcinlich einen versunkenen Teil unseres Kontinents darstelle, dessen frühere Küste von Norwegen über die Shctlandsinseln, dann außerhalb der Hebriden und westlich von Irland bis nach dem Golf von Biskaja sich erstreckt habe. Wahrscheinlich ist der südliche flachere Teil der Norsee der jüngste und die Senkung, die den Fluten von Norden her Zugang gewährte und die gegenwärtige Küste mit ihren Watten und Dünen schuf, erst an der Schwelle der geolo- gischcn Gegenwart eingetreten; denn die bekannte, an Größe der Provinz Schleswig-Holstein gleichkommende Toggerbank ist nur 15 Meter tief, sie scheidet die Nordsee in zwei Teile: nördlich von dieser, die halbe Breite der Nordsee einnehmenden Doggerbauk liegt um Norwegen herum ein 6 bis 8 deutsche Meilen breiter Streifen Waffer von 300 bis 400 Meter Tiefe, die norwegische Rinne. Zwischen dieser Rinne und den Shctlandsinseln beträgt die Tiefe etwa 150 Meter und nimmt dann nach Süden zu ab. So beträgt die Tiefe der großen Jischerbank, die wieder etwas südlicher liegt, etwa 60 bis 70 Meter, und der Fladengrund oder der Friedhof ist eine nach der britischen Seite vordringende Mulde von etwa 80 Meter Tiefe. Südlich der Toggerbank, die, wie bekannt, den Schiffen sehr gefährlich ist, finden wir Tiefen nirgends größer als 45 Meter,, auf sehr große» Strecken sogar nicht über 35 Meter, so daß, um Krümmel zu zitieren,„wirklich die meisten unserer Kirchen hierher versetzt, mit ihren Turmspitzen aus dem Wasser herausragen würden und wie die Erfahrung gezeigt hat. hier gesunkene See- schiffe mit den Stengen ihrer Masten über den Wellen bleiben und damit den Schiffbrüchigen eine letzte Zuflucht gewähren." Zahl- reiche Banken von 15 bis 20 Kilometer Länge und etwa 2000 Meter Breite sind für die Nordsee südlich der Doggcrbank charakteristisch. Nach der Küste zu haben wir noch weit geringere Tiefen, so daß die Tiefe von 35 Meter fast überall erst auf einer Entfernung von 12 bis 15 deutschen Meilen von der Strandlinie erreicht wird. Ueber die Entwickclungsgeschichte der Ostsee bestehen eine ganze Anzahl von Vermutungen. Im allgemeinen wird angenommen. daß in der Tcrtiärzeit die Ostsee Festland gewesen sei. Ueber die EntWickelung während der Diluvialzeit gehen die Ansichten weit auseinander Fregattenkapitän Walthcr führt in seinem vor kurzer Zeit erschienenen Werke„Land und See" eine über die einzelnen Ent- Wickelungsphasen aufgestellte Hypothese aus dem uns selbst nicht vorliegenden kleinen Werk von Bertouch„Die nordischen Fluten und ihre Folgen" an. die im großen und ganzen viel Äahrschcin- liches für sich hat. Danach war von der Ostsee zuerst nur der Bottnische Meerbusen vorhanden und zwar als ein Teil des Weißen Meeres, daS nach Süden durch eine Felsbarriere abgeschlossen wurde, der westliche Teil der jetzigen Ostsee gehörte zur Nordsee, die bis zur Linie Rügen-Moen reichte; der mittlere Teil war Land. Von der Zimbrischcn Halb- insel, also Schleswig-Holstein und Jütland, war nur eine Reihe von Sandbänken und Dünen vorhanden, die sich von Süden in die Nordsee hinein vorstreckten und an verschiedenen Stellen durch tiefere Durchbruche durchschnitten wurden. Ueberblcibsel davon sollen der Liimfjord, der durch die Sturmflut 1825 wiederum durch, krochen ist, und der Einschnitt zwischen Husum und Schleswig fein. Eine ungeheure Flut, die sogenannte erste baltische Flut, viel« leicht auch eine Reihe von Fluten, die vmu Weißen Meer her im Laufe von Jahrtausenden gen Süden vordrang, durchbrach die Felsenküste südlich des Bottnischen Meerbusens und riß den Riga- ischen Meerbusen aus dem Lande heraus. Ueberreste der erstcren sind die jetzigen Aalandsinseln, des Landes unter dem Rigaischcn Meerbusen, die Inseln Oesel und Dago. Spätere Fluten haben dann Rügen von der Halbinsel Moen getrennt, und hiermit wurden Nordsee und Weißes Meer mit einander verbunden, zugleich aber auch wieder der Grundstein gelegt zu ihrer Trennung, da die Sandmassen, die die Wogen der Ostsee infolge von nach Westen gerichteten Strömungen mit sich führten, die zwischen ihnen und dem tieferen Teil der Nordsee gelegcpen Sandbänke und Untiefen erhöhten, die Durchgänge verschlossen und so die Zimbrische Halb- insel erstehen ließen. Durch Versandung und vor allein durch Hebung des Bodens ist später.auch die Verbindung zwischen Weißem Meer und Ostsee verloren gegangen. Der frühere Meeresboden ist jetzt Sumpf. Ueberreste der ehemaligen Verbindung sind die beiden größten Binnenlandseen Europas, der L a d o g a- und der Onegasee. Weitere Hebungen und Senkungen des Landes haben dann die jetzige Formation der Ostsee hervorgerufen. Scheu wir vom Kattegat mit einer mittleren Tiefe von 28 Meter und dem Beltsee, wie man neuerdings richtigerweise einen bestimmten westlichen Teil der Ostsee mit charakteristischer geolo- gischer Vergangenheit nennt, voN etwa 16 Meter Tiefe ab, so ist die Ostsee im Mittel 71 Dieter tief. Ist demnach die Ostsee auch im Vergleich zu anderen Meeren ein flaches Meer, so hat sie doch zahlreiche tiefe Einsenkungen, Während sie auf dem ganzen Gebiete westlich von Bornholm noch nicht 55 Meter Tiefe hat und sogar vielfach Stellen mitten auf See von nur 10 bis 15 Meter Tiefe sich finden, treffen wir gleich östlich von Bornholm die erste größere Mulde von 60 bis 100 Meter; in der Tanziger Bucht sind 113 Meter Tiefe, östlich von Gothland bis 240 Meter Tiefe festgestellt. In der„Landsorter Tiefe", einer cngbcgrenzten steilen und kesselför» migcn Einscnkung südlich von Stockholm, westlich von Gothland, find sogar 400 Meier Tiefe festgestellt. Während ferner der Bott- nische Golf, die Nordseite des Finnischen Golfs und der größte Teil der schwedischen Küste der Ostsee eine Schärenlandschast mit unzähligen kleinen Riffen und Bänken und ungemein verwickeltem und gefährlichem Fahrwasser bildet, sind am deutschen Strande die Tiefenverhältnisse außergewöhnlich gleichmäßig: die 10 Meter» grenze cst meist nur 200 bis 500 Meter vom Ufer entfernt, so daß die größten Schiffe in dieser Entfernung von der Küste ankern können. Wie man weiß, haben die großen Ozeane einen durchschnitt- lichen Salzgehalt von 3,5 Prozent. Nach der Küste zu verringert sich dieser Wert wegen der dort mündenden Flüsse, nach dem zen- tralen Gebiete steigert er sich wegen der überwiegenden Ver» dunstung. Wie verhält es sich nun(nach dieser Richtung) mit dem Salzgehalt des Wassers der Nord- und der Ostsee? Gleich dem der großen Ozeane hat auch das Wasser in der Mitte der Nordsee im Jahresdurchschnitt einen Salzgehalt von 3,5 Prozent; an unserer Küste habe» wir ungefähr 3,2 Prozent, das Jahresmittel beträgt bei Sylt 3,09 Prozent, bei Helgoland 3,28 Prozent. Der Salz- gehalt schwankt je nach der Jahreszeit. So ist er im Juli bei Sylt und Helgoland gleich, dagegen ist im Januar das Wasser bei Helga- land salzhaltiger als im Sommer. Ueber den Salzgehalt der Ost- see ist folgendes zu bemerken. Geht man von der Nordsee mit ihren 3,5 Prozent durch die dänischen MccreSstraßen nach der Ostsee hinein, so findet man im Skagerak 3 Prozent, im nördlichen Katte- gat 2 Prozent, im südlichen Kattegat 1,75 Prozent, im Großen Belt 1,27 Prozent und im Sund bei Helsingör nur 0,92 Prozent. Im Bottnischen Busen findet man 0,75 Prozent. im Finnischen Busen 0,35 Prozent, und die niedrigste Dichte mit 0,26 Prozent hat man bei Niederkalix beobachtet. Wenn wir be» denken, daß eine große Anzahl bedeutender Flüsse in die Ostsee hineinströmen, so sehen wir in diesen Dichteverhältnissen ein Abbild der nach der Nordsee ausströmenden Süßwassermasse. In der Tat entwässert die Ostsee ein Landgebiet, das ungefähr viermal größer ist als sie selbst. Die großen Flüsse Oder, Weichsel, Düna, Newa und eine Anzahl kleinerer besonders aus Finnland und Schweden bringen ihr so viel Wasser zu, daß ein Abfluß nach der Nordsee stattfinden muß. Die Folge davon ist eine schwache Strömung von Osten nach Westen, die am stärksten im Frühjahr nach dem Auf» tauen der Flüsse in Rußland ist und am schwächsten im Winter, wenn alle Flüsse im Osten zu Eis erstarrt sind. Nun ist Süßwasser leichter als Salzwasser und schwimmt auf diesem. Das zu be- obachtcn, hat man im Sund und dem Belt, den Eingangstüren zur Ostsee, Gelegenheit. Von der Nordsee dringt das schwerere salz» haltige Nordseewasser in die Ostsee, während das leichtere weit weniger salzhaltige Ostseewasscr nach Norden abfließt.- Die Temperatur des Nordseewassers ist, wie sich auS dem Be« richt der„Kommission zur wissenschaftlichen Untersuchung der deut» scheu Meere in Kiel" ergibt, im allgemeinen immer wärmer als die Lust, während die Temperatur der Ostsee an unserer deutschen Küste immer der der Luft gleich ist. Besteht im Sommer kaum ein Unterschied in der Oberflächentemperatur deS Wassers der Nord- und Ostsee an der Küste, so ist dagegen die Nordsee im Win- tex wärmer als die Ostsee- WaZ nun schließlich die in ihren Ursachen alS bekannt boraus- gesetzte Ebbe und Flut angeht, so ist eS klar, daß diese erhabenste und großartigste Erscheinung des Meeres an der Ostsee, alS einem geschlossenen Meere, sich weniger bemerkbar macht als an der Nordsee. Ja, bor einen halben Jahrhundert hat man überhaupt erst das Vorhandensein von Ebbe und Flut in der Ostsee sestgestcllt, deren Gezeiten sich aus der eigenen unbedeutenden Flutwelle und den durch den Großen Belt und Sund vom Kattegat her eindrin- genden Gezeitenströmungen der Nordsee zusammensetzen. Wir be- gnügen uns hier damit, nach Walther einige Daten über die Höhe der Fluten anzuführen. In Helgoland ist der durchschnittliche Unterschied zwischen Hoch- und Nicdrigwasser 2,06 Meter. Auf den westlichen Inseln von Wsngeroog bis Borkum ist der Unterschied 2,4 bis 2,6 Meter, Bei Westerland..... 4,6 Meter. # Cuxhaven...... 2,8„ f Brunsbüttel..... 2,7# , Hamburg...... 1,9, „ Harburg...... 0,9, Daß die Gezeitenerscheinungen bei der Ostsee immer mehr abnehmen, je iveiter nmn nach Osten gelangt, beweist folgende Auf- stellung. ES beträgt die Flnthöhe in Kiel......... 7 Zentimeter. Travemünde...... 6, Thiessow....... 2,2, Slrkona........ 2, Swinemünde..... 1,1, Reufahrwasser..... 0,7, Pillau........ 0,6, Memel.,...... 0.5 v Kleines f euülcton* Literarisches. L e o n i d Andrejew. Reben Maxim Gorki ist Leonid Slndrejew unzweifelhaft der bedeutendste Dichter deS modernen Rußland. Im Jahre 1871 in Orel(Südrußland) geboren, verlebte er dort feine Kindheit und Jugend und besuchte daS dortige Gymnasium. Er lernte schlecht, so daß er in der Prima sogar der letzte Schüler war. Nach seinen Worten waren für ihn die Zwischenpausen die angenehmste Zeit, die er im Gymnasium verbrachte. Nach Absolvierung deS GymnafiumS studierte er erst an der Petersburger Univerfität ein Semester die Rechte, dann ging er nach Moskau, wo er sein Studium fortsetzte. Roch während seiner Schulzeit war seil, Vater gestorben, so daß ihm das Studieren nicht leicht wurde; in Petersburg führte er ein wahres Hungerleben; in Moskau ging es ihm etwas besser, weil er von seinen Kameraden und dem Hilfskomitee unterstützt wurde. Als Student schrieb er feine erste Erzählung— von einem hungernden Studenten. Sie wurde nicht angenommen, Andrejew wurde zudem auf der Redaktton noch ausgelacht. Run versuchte er es mit der Malerei: er fertigte Porträts an. die erst mit sechs bis zehn Mark bezahlt wurden, später stiegen die Preise bis auf fünfundzwanzig Mark. Sein Studium beendete Andrejew ,m Jahre 1897 und wurde RechtSanwaltSgehilfe, doch eine juridische Praxis zu erwerben glückte ihm nicht. Außer einigen Kriminalprozessen, in welchen er umsonst verteidigte, hat er nur einen Zivilprozeß geführt und den überdies in allen Instanzen verloren. So beschränkte er sich darauf, für eine neu entstandene Zeitung, , Kurier", Berichte über Gerichtsverhandlungen zu schreiben. AlS Schriftsteller ist Andrejew zehn Jahre tätig— im Jahre 1398 wurden im.Kurjer" seine ersten Novellen abgedruckt. Aber zuerst wurde von niemand sein Talent beachtet, und seine Kollegen hielten eS nicht einmal für notwendig, ihm— dem Reporter— beim Gruß die Hand zu reichen. Und erst als Maxim Gorki eine dieser Erzählungen zufällig zu Gesicht bekam, ging Andrejews Stern auf. Es war die Erzählung„Der große Schlein", die Gorki ver- anlaßte, bei der Redaktton telegraphisch anzufragen:„Wer steckt hinter dem Pseudonym Leonid Andrejew?" Man antwortete: „Leonid Slndrejew." Seit jene», Tage drückten die Kollegen jeden Morgen Andrejew ehrfurchtsvoll die Hand. Nach einiger Zeit wiederholte sich diese Begebenheit: Dimitri Merrschkowski. ein bekannter Dichter und Krittler, stürmte in die Redaktion und fragte mit erregter Stimme:„Wer schreibt unter dem Pseudonym Leonid Andrejew— Gorki oder Tschechow?" Run ging eS schnell vorwärts, und es dauerte nrcht mehr lange, bis der sogenannte„Gorki-Andrejew-KreiS" entstand. In vielen Werken behandelt Andrejew joziale Fragen und an den Schicksalen seine? Vaterlandes nimmt er den regsten Anteil. In seinem Werke„Das rote Lachen" schildert er die Schrecken und den Wahnsinn der Greuel wählend des letzten Krieges mit Japan. Zum Dank wurde er verhastet, doch nach einiger Ze,t wieder freigelassen. Sn der Novelle„Der Gouvernenr" erzählt er vom Seelenleben eine? ouverneurs, der aufs Volk schießen ließ, von der Stimmung de? Volkes, vom Tode des Gouverneurs. In„So war's" gibt er ein mit den Augen eines Modernen gesehenes Stimmungsbild der französischen Revolution. Sein Drama„Zu den Sternen" ist ein RevolutionSdrama; mit diesem Werke wurde die Freie Volksbühne in Wien eröffnet— unter endlosem Jubel und stürmischem Beifall der Zuschauer. Sein Drama„Iziüs sanat" behandelt die, Schicksale eines Anarchisten, und„König Hunger" die Revolution und Konter« Revolutton. Sein letztes Werk„Die Geschichte der sieben Gehängten" ist ein ergreifender Protest gegen die Todessttafe voll wunderbarer psycho» logischer Tiefe. Ein Teil bieser Novelle ist vor einigen Tagen in Nußland erschienen. Bollständig erscheint sie hier in der Ueber- setzung zum ersten Male. Erziehung und Unterricht. Die Wortblindheit. Die tiefere Kenntnis seltener Formen seelischer Störung trägt mit jedem neuen Fortschritt dazu bei, Fehler und Irrtümer aus der Erziehungskunst auszuschalten. Nur zu oft erscheint dem Lehrer als schlechter Wille und Trägheit, was in Wirklichkeit Krankheit ist. Eine gerade vom Standpunkt des Erziehungswesens sehr interessante Krankheit ist zum erstenmal bor etwa IVi Jahrzehnten von dem Engländer Morgan als«an- geborene Wortblindhcit" beschrieben worden. Es handelte sich bei dem ersten Fall um einen vierzehnjährigen Knaben, der, obfchon im übrigen normal, nicht fähig war, richtig zu lesen oder auch nur zu buchstabieren. Nur einsilbige Wörter vermochte er leicht aufzufassen, während er mehrsilbige nur mit Mühe oder falsch las. Geschriebenes und Gedrucktes war ihm völlig unverständlich, während er Ziffern vollkommen gut lesen konnte. Dieser auf« fallende Mangel hing nicht mit vorhergegangener Krankheit oder Verletzung zusammen, und Morgan verlegte seine Ursache in? Gehirn. Gleichzeitig wurden in England auch von anderer Seite analoge Fälle beschrieben und der Ansicht Morgans entsprechend als Entwicklungsstörungen gekennzeichnet. In den folgenden Jahren wurden immer neue Einzelfälle beschrieben, bis im Jahre 1902 unabhängig von einander zwei Forscher, Thomas und Fischer, auf das familiäre Vorkommen der angeborenen Wortblindheit hin» wiesen. Stephenson hat dann später daS Auftreten des Leidens sogar in sechs Fällen durch drei Generationen nachweisen können. Seltsamerweise stammte bisher alles Material aus dem Ausland, und jetzt erst hat Professor Peters-Rostock in einem in der Münchner Medizinischen Wochenfchrift abgedruckten Vortrage einen Fall aus Deutschland beschrieben. Er berichtet von einem zwölf- jährigen Knaben auS gesunder Familie, der wegen schlechter Fortschritte im Lesen vier Jahr lang in derselben Volksschulklass« geblieben war. Bei der Untersuchung stellte sich auch hier heraus, daß Schriftproben nur schwer und zögernd aufgefaßt wurden. während die arabischen Ziffern keine Schwierigkeit machten. Ab- schreiben aus einem Buche wurde fehlerlos ausgeführt, dagegen war bei Niederschrift eines kurzen Satzes nach Diktat fast jedes Wort falfch. Auch traten beim Lesen eines solchen Satzes, das nach etwa zwei Minuten geschah, erhebliche Störungen auf. ES bestand somit mangelhaftes Gedächtnis für geschriebene und gc- druckte Wortbilder. Da der Knabe Notenlesen nicht gelernt hat, konnten nach dieser Richtung keine Erfahrungen gesammelt werden. Er benahm sich sehr gedrückt und schüchtern; wohl infolge vieler Neckereien und Strafen und des peinlichen Druckes, unter viel jüngeren Schulkameraden sitzen zu müssen. Bei einer Uebersicht über alle Fälle ist es zunächst auffallend, daß die weitaus über» wiegende Mehrzahl der Fälle in England oder bei englischsprechen- den Amerikanern beobachtet worden sind, sowie daß zumeist Augen- ärzte auf die angeborene Wortblindheit aufmerksam wurden. Jener Umstand könnte sich daraus erklären lassen, daß die eigen. artige Aussprache des Englischen daS Lesen der Worte erschwert. Eine Bestätigung dafür ist eine spätere Beobachtung, daß lateinische Worte leichter gelesen wurden als englische. An sich dürfte die Häufigkeit des UebelS jedoch nicht an Ländergrenzen gebunden sein; auch ist das Leiden wahrscheinlich überhaupt gar nicht so selten, denn nach der englischen Statistik kommt auf je 2000 Schul» kinder ein derartiger Fall. Hinsichtlich des Geschlechtes handelt eS sich in 75 Proz. der Fälle um jknaben. Was die Ursache deS Leiden» anlangt, hat sich bisher nichts ergeben, was der ursprünglichen Erklärung Morgans, daß eS sich um einen örtlich begrenzten Hirndefekt handelt, widersprechen würde. Die Behandlung ver- mag gelegentlich recht gute Erfolge zu erzielen. So ist eS Wernicke gelungen, bei einem Patienten die Störung soweit zu meistern« daß dieser Advokat werden konnte, während in einem anderen Falle eine neunzehnjährige Dame besseren Stande? sehr unglücklich darüber sein mußte, daß sie bei ihrer Verheiratung noch nicht lesen konnte. Die englischen Autoren halten die Schulerziehung bei Kindern, die an der Wortblindheit leiden, nicht für angebracht. da sie besonderer, dort nicht zu erzielender Fürsorge beim Lese- Unterricht bedürfen. Andererseits gehören sie auch nicht in die Schulen für geistig Minderwertige, da ihr» Intelligenz im allgc« meinen mcht beeinträchtigt ist. Es könnte also durch die Gewährung privater Nachhilfe seitens der sozialen Hilfstätigkeit von Philan» thropen viel Gutes getan werden. Die Kinder leiben moralisch sehr unter ihrer Schwäche und dürfen dem Gespött ihrer Kameraden nicht preisgegeben bleiben. Daraus folgt, daß jeder Lehrer nach dieser Richtung scharf lxwbachten sollte, damit in verdächtigen Fällen ärztliche Begutachtung Platz greifen kann. Berantw. Redakteur: Georg Davidsobn. Berlin.— Druck u. Verlag-Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin SW«