Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 112. Sonnabend� den 13� Juni� 1903 (Nachdruck verboten�) 481 Semper cler Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten: er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine Braut am Sonntag nur mit- bringen. Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er nicht: er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines Weißes Tuch umgelegt— denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an den Hals kommen— und ging munter und aufgeräumt im Haufe umher, und Wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne und summte vor sich hin:„Tränen, vom Freunde getrocknet." Und als es hieß:„Sie kommen I" und die Tür aufging und Asmus rief:„Da ist meine Braut!" da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger Nordlands- könig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt: er streckte seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als: „Seien Sie uns herzlich willkommen I" Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegen- lächeln wie sein eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier, wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses. Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen Nordpol- fahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen: aber schon beim dritten Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst: „Du bist ein süßes Geschöpf!" Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu Asmus: „Du, ich will Dich nicht mehr; ich will Deinen Vater heiraten." „Nun ja," sagte Asmus trocken,„sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm der- heiratet und ist mit ihm nie auf einen grünen Zweig ge- kommen: aber ich glaube nicht, daß sie ihn losläßt." „Da hat sie recht," sprach Hilde,„den gäbe ich auch nicht her." Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis,„Vater" und „Mutter" sagen zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib ge- nommen. Das hatte die Alten gefreut: aber Rebekka hatte dazu geweint und gesagt:„Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen." Asmussen schnitt es durchs Herz, als er das hörte. Bald, darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast noch mehr nach einem Vater sehnte. Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche: und wenn sie nicht spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle. Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit: hier soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet. In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, das er ihr mitgebracht. Selten kam-er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein empfäiiglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er. daß das eine vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen„ seine Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett, bis es von einem anderen abgelöst ward. Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die Begleitstimme: so klang es besser als um- gekehrt. Und einmal, als sie allein sang, sang sie: Er, der Herrlichste von allen, Wie so milde, wie so gut... Als sie geendet hatte, fragte er:„Liebst Du das Lied?" „Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich." „Die Verse oder die Musik?" „Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann." „Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe: es ist von klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik. Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen Franzosen. Da fällt mix ein: ich wollte Dich immer schon fragen, woher Dein fran- zösischer Name stammt." „Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß." „Ah— daher Dein französisches Aussehen." „Hast Du's nicht gern?" „Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück fertig, pikant und deutsch zu sein." Und dann rezitierte er leise: Wandle, wandle deine Bahnen; Nur betrachten deinen Schein, Nur in Demut ihn betrachten, Selig nur und traurig sein! Höre nicht mein stilles Beten, Deinem Glücke nur geweiht; Darfst mich niedre Magd nicht kennen, Hoher Stern der Herrlichkeit. Nur die Würdigste von allen Soll beglücken deine Wahl, Und ich will die Hohe segnen, Segnen viele tausendmal. „Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen," sprach er. „Kann man anders empfinden, wenn man liebt?" fragte sie.„Ich wenigstens kann mir keine andere Liebe denken." „Und eine Frau, die so empfindet," fuhr er fort,„wird im Hause des Mannes die stolzeste der Frauen sein, sie wird der„Stern der Herrlichkeit" sein, zu dem Mann nnd Kinder in der Stille ihres Herzens beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt verloren haben und wiederfinden möchten." „Muß sie dann nicht eine Heilige sein?" „Nein, so werntf wie je ein Mann die Verehrung Der- dienen kann, die aus den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir sind,— du lieber Gott, wo bliebe ich!—, sondern wie sehr wir geliebt werden, das ent- scheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß unS Liebe erlöste." „Asmus," rief sie ängstlich,„ich zittere und bange, wenn Du mich über Dich erhebst. Wenn Du wüßtest, tvie wenig ich das verdiene—" „Zittere und bange nur," rief er,„ich habe Mut, wenn ich Dich ansehe, einen Mut, einen Mut—" Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie auf- schrie. Und einmal, als er so bei ihr saß. in ihrem Nähkästchen kramte und mit allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand, holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel, in der man eine ge- fliigelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien, erblickte. »Sieh da," sagte er.«genau solch einen Marmel Hab' ich auch einmal besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte. Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit... .»Ich weiß eigentlich selbst nicht," sagte sie lächelnd, ».warum ich ihn immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt hat, ist es gerade, als Hütt' es ein Recht an uns erworben, und wenn man es wegwerfen will, ist es, als sah es einen vorwurfsvoll an, und man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich Hab' ihn vor vielen Jahren von einem kleinen Jungen bekommen." Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte: aber es war ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie aufblickte— wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der aus der Ferne einer längst der- gangenen Zeit zu kommen schien. „Von einem kleinen Jungen hast Du ihn bekommen?" sprach er langsam.„Wann? Wo?" „Ja, wenn ich das noch wüßte!— Was hast Du? Warum bist Du—" „Bitte, frag' mich jetzt nicht— sag', wann es war Und wo?" „Ja— zwölf Jahre ist es zum mindesten her— ich weiß nur noch: ich saß auf der steinernen Treppe vor einer Gast- Wirtschaft und wartete auf meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine Junge und schenkte mir den Marmel." „Hilde," rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, -»sah der Junge aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?" Hilde starrte ihn sprachlos an. „Hilde," rief er,„Du hast einen Onkel in Griechen- !and—" „Ich hatte ihn— er ist tot—" „Den nannte man den«König der Mainotten"!" ..Ja?!" „Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet." Er war so bewegt, daß er auf- springen und auf und ab gehen mußte. Und erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem lieb- lichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund gelaufen sei, um die„Königin der Mainotten" wiederzufinden— denn sie hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner„Königin" machen—, wie er sie niemals wieder- gesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe. „Hilde! Hilde!"-- Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen: sie erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was er früher von ihr und von anderen gehört. Und immer wieder fühlte Asmus mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon dadurch, daß er bis heute zwei liebende und ge- liebte Eltern besessen, und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, her Liebe das Leben von ihr gefordert hatte als von ihm! lFortsetzung folgt.) (Nachdruck dcrboten.) Die Gefdriebte der Heben Gebängten. Von Leonid Andrejew.— Autorisierte Uebersetzung. Eben dahin, nach demselben Himmel, blickte daS bleiche junge Mädchen neben ihm, die Unbekannte, die den Beinamen Mutzja trug. Sie war jünger als Golowin, erschien jedoch in ihrer Strenge, in der Schwärze ihrer aufrichtigen, stolzen Augen älter als er. Nur der sehr schlanke, zarte Hals und die ebenso schlanken Mädchenhände verrieten ihre Jugend— und dann noch jenes un- nennbare Etwas, welches das Wesen der Jugend selbst ist und so hell auS ihrer Stimme hervorklang, die in jedem Worte, jedem Ausruf ihren musikalischen Reichtum verriet. Sie war sehr blast, doch war es keine Todcsblässe, sondern jenes ganz besondere Weist, das gleichsam zu glühen scheint wie von einem im Innern des Menschen flammenden, machtvollen Feuer und das den Wrper durchsichtig «scheinen lästt wie feines Sevreporzellan. Sie fast fast regungs- los da und tastete nur bisweilen mit einer unmerklichen Bewe- gung der Finger uach einer kreisrunden Vertiefung an vem Mittelfinger der rechten Hand— dem Abdruck eines Ringes, den man ihr vor kurzem abgenommen. Ohne Zärtlichkeit, ohne freudi» ges Erinnern blickte sie nach dem Himmel, den sie nur darum an- sah, weil in dem ganzen schmutzigen Gerichtssaal dieses blaue Stückchen Himmel das einzig Schöne, Reine und Echte war, das ihr Auge nicht beleidigte. Sergej Golowin wurde von den Richtern bedauert, sie aber Wurde von ihnen gehatzt. Ebenso unbeweglich, in etwas gezwungener Haltung, die Hände zwischen den Knieen, fast ihr Nachbar, ein Unbekannter mit dem Beinamen Werner. Wenn man das Gesicht verschließen kann wie eine Tür, so hatte der Unbekannte sein Gesicht wie eine eisarne Tür verschlossen und obendrein mit einem eisernen Riegel ver- wahrt. Er blickte regungslos auf die Dielen des schmutzigen Fuß- bodens, und man wußte nicht: war er völlig ruhig oder aufs tiesite erregt?— dachte er über irgend etwas nach, oder hörte er auf das, was die Polizeiagenten vor den Richtern aussagten? Er war von kleinem Wüchse, und seine Gesichtszüge hatten etwas Feines und Edles. Sanft und schön wie eine südliche Mondnacht irgendwo am zhpressenbestandenen Meeresufer, erweckte er zugleich den Eindruck einer ungewöhnlichen, ruhigen Kraft, die sich mit un- beugsamer Standhaftigkeit und kalter, kecker Tapferkeit paarte. Selbst die Höflichkeit, mit der er seine kurzen, präzisen Antworten gab, schien in seinem Munde, in seinen halben Verbeugungen ver- fänglich; und wenn der Arrestantenkittel, den sie alle trugen, bei den anderen als eine geschmacklose Verhöhnung erschien, so sah man ihn an ihm überhaupt nicht— so fremd schienen Mensch und Gewandung sich zu sein. Und obschon bei den anderen Terra- ristcn Bomben und Höllenmaschinen gefunden worden waren, bei Werner dagegen nur ein schwarzer Revolver, so hielten die Richter ihn doch für das Haupt der Gruppe und behandelten ihn mit einem gewissen Respekt— kurz und geschäftsmäßig. Sein Nebenmann, Wassili Kaschirin, war gleichsam die ver- körperte Todesfurcht in ihrer krassesten Form, gepaart mit dem leidenschaftlichen Wunsche, nicht erkannt, nicht von den Richtern durchschaut zu werden. Vom frühen Morgen an, so wie man sie nur in den Saal geführt hatte, litt er an Atembeklcmmungen und starkem Herzklopfen; auf seiner Stirn stand während der ganzen Zeit der Schweiß in großen Tropfen, ebenso schloeißig und kalt waren seine Hände, und seine Bewegungen hemmte das kalte, durchschwitzte Hemd, das an seinem Körper klebte. Mit über- natürlicher Willensanstrengung zwang er seine Finger, nicht zu zittern, seine Stimme, fest und klar zu sein, und seine Augen, ruhig zu blicken. Rings um sich herum sah er nichts, die Stimmen klangen an sein Ohr wie aus einem Nebel— und gegen denselben Nebel hin richtete er seine verzweifelten Bemühungen, laut und bestimmt zu antworten. Kaum aber hatte er geantwortet, so ver- gast er gleich wieder die Frage samt der Antwort, die er gegeben, und fiel in das schweigsame, furchtbare Ringen mit sich selbst zurück. Und so deutlich sprach aus ihm der Tod, daß die Richter es vermieden, ihn anzuschauen; und auch sein Alter zu bestimmen war schwer, wie bei einem Leichimm, der schon in Verwesung übergegangen. Nach seinem Paß zählte er erst drciundzwanzig Jahre. Än- oder zweimal berührte Werner leise mit der Hand sein Knie, und jedesmal beantwortete er die Berührung garu» kurz mit den Worten: „Tut nichts". Am schrecklichsten war ihm zumute, wenn er plötzlich den un» widerstehlichen Drang fühlte, zu schreien— ohne Worte, laut, ver- zweifelt aufzuschreien, wie ein Tier. Dann schmiegte er sich leicht an Werner an, und dieser antwortete ihm leise, ohne aufzu- blicken: „Tut nichts, Waßja. Es ist bald zu Ende." Die Fünfte in der Gruppe der Angeklagten, die Terroristin Tanja Kowaltschuk, umfing die übrigen mit mütterlich forgendem Blick und verging dabei selbst vor Gram und Kummer. Sie hatte nie Kinder gehabt, war noch sehr jung und hatte rot�e Wangen, gleich Sergej Golowin, doch erschien sie wie die Mutter aller dieser Leute: so besorgt, so unendlich liebevoll waren ihre Blicke, ihr Lächeln, ihre Furcht. Dem Gerichtshofe schenkte sie gar keine Auf» merksamkeit, er war für sie etwas vollkommen Gleichgültiges; nur darauf horchte sie, wie die anderen antworteten: ob die Stimme nicht zitterte, ob sie nicht Angst hatten, ob man ihnen nstht Wasser reichen sollte. Ten armen Waßja konnte sie gar nicht ansehen vor lauter Kummer, sie rang nur im Stillen die weichen kleinen Hände; auf Mutzja und Werner blickte sie mit Stolz und Hochachtung und nahm selbst, wenn sie nach ihnen hinschaute, einen ernsten, entschiedenen Gesichtsausdruck an; Sergej Golowin aber suchte sie ihr eigenes Lächeln mitzuteilen. „Der gute Junge— er schaut den Himmel an!" dachte sie, wenn sie zu Golowin hinsah.„Immer schau Du, schaue, mein Lieber!" „Und Waßja? Was ist denn das, mein Gott, mein Gott... Was soll ich mit ihm anfangen? Sag ich ihm etwas— dun., wirds noch schlimmer: er fängt am Ende plötzlich an zu weinen?!" Und wie ein stiller Teich in der Dämmerung, der jede dahin- eilende Wolke widerspiegelt, so spiegelte sie auf ihrem runden, lieben, guten Gesichte jedes aufflackernde Gefühl, jeden Gedanken der anderen, der vier, wieder. Daran, daß man auch sie verurteilen, auch sie aufhängen würde, dachte sie überhaupt nicht— es war ihr Völlig gleichgültig. In ihrem Quartier hatte man das Bomben- und Dhnamitlager gefunden; und so seltsam es scheinen mag: sie hatte die Polizei mit Schüssen empfangen und einen Geheim- agenten am Kopfe verwundet. Die Gerichtssitzung war um acht Uhr beendet, als es bereits dunkel war. Vor den Augen Mußjas und Sergejs Golowins war das schimmernde Blau des Himmels allmählich verschwunden, doch tvar er nicht rosig geworden, lächelte nicht still wie an Sommer- vbenden, sondern erschien trüb und grau und winterlich-kalt. Eolowin seufzte, dehnte sich, blickte noch zweimal durchs Fenster— dort aber starrte bereits das kalte nächtliche Dunkel; und während er fortfuhr, an seinem Bärtchen zu zupfen, begann er mit kind- licher Neugier die Richter und die Soldaten mit ihren Gewehren zu betrachten und lächelte zu Tanja Kowaltschuk hinüber. Mutzja wiederum lenkte, als der Himmel sich verdunkelt hatte, ihre Augen ruhig, ohne sie zu Boden zu senken, nach dem Winkel oben an der Saaldecke, in dem, von dem durch die Luftheizung erzeugten un- sichtbaren Windhauch bewegt, ein Spinngewebe still hin und her schwankte; und so verharrte sie bis zur Verkündigung des Urteils. Nach dxr Urteilsverkündigung verabschiedeten sich die Ange- klagten voif ihren befrackten Verteidigern, wobei sie deren hilflos verlegenen, schuldbewußt dreinblickenden Augen auszuweichen suchten; sie trafen dann für einen Augenblick in der Tür zusammen und tauschten ein paar kurze Bemerkungen aus. „Tut nichts, Waßja. Alles ist bald zu Ende," sagte Werner. „Ich mach mir ja nichts draus, Bruder," versetzte Kaschirin laut, ja beinahe vergnügt. Und in der Tat hatte sein Gesicht sich wieder ein wenig gerötet und hatte nichts mehr gemein mit jenem Gesicht einer verwesenden Leiche. „Der Teufel soll sie holen— nun hängen sie uns doch," schalt Golowin naiv. «Es war zu erwarten," erwiderte Werner ruhig. „Morgen wird das Urteil in endgültiger Form verkündet, und man wird uns alle in eine Zelle bringen," sagte die Kowaltschuk, um die anderen zu trösten.„Bis zur Hinrichtung bleiben wir dann zusammen." Mußja schwieg. Dann schritt sie entschlossen weiter. (Fortsetzung folgt.) VeMfcke 8cdiffbau-)Zusstellung. i. Seitdem die Ausstellungshallen am Zoologischen Garten bestehen, löst dort eine Ausstellung die andere ab. Man muß sich oft wirklich fragen, ob die Hallen wegen der Ausstellungen gebaut sind, oder ob die Ausstellungen inszeniert iverden, um die Hallen zu füllen. Augenblicklich befindet sich in diesen Hallen eine nominell von den deuschen Schiffswersten veranstaltete Schiffbau- Ausstellung, die zwar ausgesprochen propagandistischen Cha- rakter trägt, aber dennoch, waS gleich vorweggenommen werden soll, im Gegensatz zur famosen„Damuka" des vorigen Sommers manches wirklich Interessante und Sehenswerte bietet und vor allem von dem sonst bei Ausstellungen üblichen Jahrmarktstreiben frei ist. Der deutsche Schiffbau hat sich in den letzten Jahren in über- laschender Weise entwickelt und es wäre eine sehr dankbare Aufgabe gewesen, zu zeigen, was der deutsche Ingenieur und Arbeiter in den letzten öv Jahren auf diesem Gebiete geleinet haben. Leider hat sich die Mehrzahl der Werften darauf beschränkt, eine Menge, wenn auch tadellos ausgeführter, so doch durch ihre Anzahl er- müdender Modelle von ausgeführten Schiffen zu zeigen. Der mehr oder weniger offen betonte Zweck der Ausstellung ist, Flottenschwärmerei in weiten Kreisen zu erwecken und zu befestigen. Diesem Zweck entsprechend ist dem Kriegsschiff und allem, waS mit diesem zusammenhängt, ein großes Feld eingeräumt. Diesem Ziel der Ausstellung hat man es auch zu verdanken, wenn nicht nur ver- schiedene Fürsten sondern auch daS Reichsmarineamt als Aussteller austreten. Daß als Hauptattaktion der Ausstellung silberne Modelle aus dem Besitze des Kaisers, die die EntWickelung der Segelschiffe darstellen, sowie silberne Pokale und Preise, gewonnen von Segeljachten bei Wettfahrten gelten, mag als Kuriosität nur nebenbei erwähnt werden. Das deutsche Handels- schiff, das kulturell wohl ungleich wichtiger als das Kriegsschiff sein dürfte, ist bei der Ausstellung etwas schlechter weggekommen. Wenn auch, wie oben erwähnt, ein großer Teil der Hallen wenig mit instruktiven Modellen gefüllt ist, so gibt es in der Aus- stellung viele intereffante Einzelheiten. Wer z. B. technische Details der maschinellen Ausrüstungen der Schiffe kennen lernen will, kann in der Ausstellung des Museums für Meereskunde, die in Nebenräumen des Obergcschoffes untergebracht ist, sehr viel Lehr- reiches finden. Diese Ausstellung besteht aus vorzüglich ausgeführten größeren Modellen von Schiffsmaschinen, Kesseln, Steuerungen, Kondensatoren, Pumpen und Hilfsmaschinen. Die Modelle können zum Teil in Betrieb gesetzt werden, so daß man an Hand der bei jedem Modell befindlichen Beschreibung einen tatsächlichen Einblick in das Wesen des betreffenden Mechanismus erhält. Besonders gut sind in der Zusammenstellung die Schiffsdnnipfmaschineu von der alten Raddampfinaschine bis zur modernen Dampfturbine vertreten. Welche Bedeutung die Dampfmaschine für den Schiffbau hat, kann daraus erkannt werden, daß die Leistung der Dampfmaschine eines großen moderne« Doppelschrauben-Schnelldampfers 45 000 Pferde« kräfte beträgt. Sonst ist von Kolbendampfmaschinen und Schiffskesseln auf der Ausstellung nur wenig zu sehen. Es wären höchstens die Modelle der Aktiengesellschaft Weser in Bremen zu erwähnen. Vielmehr ist von den in den letzten Jahren für Schiffszwecke immer mehr ver- wendeten Dampfturbinen zu' finden. Etwas Näheres wird über diesen Teil der Ausstellung bei Besprechung der Ausstellung der Elektrizitäts« firmen, von denen die Turbinen in erster Linie hergestellt werden, zu sagen sein. Ein großer Teil der AnSstellung ist der Ausstattung der Schiffe gewidmet. Die Hamburg-Amerika-Linie zeigt die über- mäßige Eleganz der Einrichtung der Kajüten ihrer Passagierdampfer. Das Reichsmarineamt bringt in natura die Wohnräume für Kom» Mandanten und Seeoffiziere eines Kreuzers. Diese Räume sind wirklich behaglich und geschmackvoll eingerichtet. Auch wie Pferde auf ihren Seereisen wohnen, zeigen Pferdeställe an Bord eines Transportdampfers. Wie eS aber in den Mannschaftsräumen der Kriegsschiffe und auf dem Zwischendeck eines Auswandererschiffessder Hapag aussieht, bekommt man leiser nicht zu sehen. Auch das Reichspostamt hat sich an diesem Teil der Ausstellung beteiligt. Die Schiffe des Norddeutschen Lloyd und der Hapag führen nicht nur die deutsche, sondern einen noch viel größeren Teil der europäischen Post überhaupt nach Amerika. Das Reichspostamt führt daher eine voll- kommen eingerichtete deutsch- amerikanische S e e p o st mit sämtlichen Ausrüstungsgegenständen, Beuteln, Regalen usw., wie sie in Wirklichkeit z..B. auf dem Dampfer„Kronprinzessin Cecilie" be- nutzt wird, vor. Wenn man vor so einem Drucksachenverteilungs- schrank für New Dork steht, bekommt man eine Ahnung und Achtung vor der Arbeit, die während der Ueberfahrt in diesen kleinen Räumen geleistet werden muß. Ein großer Teil der Ausstellung ist, wie wir bereits erwähnten, den, Kriegsschiff und seiner Ausrüstung gewidmet. Man kann ganz deutlich die bekannte Wechselwirkung zwischen Geschoß und Panzer sehen. Je stärker die Waffe wird, desto stärker muß der Panzer werden; je stärker der Panzer, um so vollkommener das neue Ge- schoß: ein ewiger Kreislauf I Zu den furchtbarsten dieser modernen Waffen in der Seeschlacht gehört das Torpedo. Das Reichsmarineamt bringt eine Sammlung, die die Ent- Wickelung des deutschen Torpedowesens vom ältesten Wurf« torpedo an bis zu den neuesten Ausführungen zeigt. Krupp und seine Konkurrenz, die Rheinische Metallwaren- und Maschinen- fabrik, fehlen natürlich nicht mit reichhaltigen Zusammenstellungen Von Geschützen und Geschaffen. Auf der anderen Seite stellen aber Borsig und Krupp ihre Panzerplatten aus, die gerade gegen diese Geschosse schützen sollen. Auch die modernste Waffe im Seekamps, das Unterseeboot, wird von Krupp in einem naturgroßen Modell gezeigt. Von der inneren Einrichtung ist aber mit Aus- nähme des Sehrohres, Periskop genannt, aus gleicht begreiflichen Gründen nicht viel zu sehen. Das moderne Schiff und zwar sowohl das Handelsschiff, als auch das Kriegsschiff ist in erster Linie ein Eisenschiff. Ungeheure Mengen von hochwertigem Eisen und Stahl sind in einem solchen Koloß in allen möglichen Formen eingebaut. In der Sammel« ausstellung für Berg- und Hüttenwesen sind in dieser Hinsicht sehr instruktive statistische Tabellen und ein origineller Stammbaum zu sehen, der die verschiedenen Prozesse, die das Eisen durchmacht, symbolisch veranschaulicht. Man kann auch an einigen kleinen sehr sauber ausgeführten Modellen von Hochöfen. Koksöfen, Bessemerbirnen etwas vom Eisenhüttenwesen praktisch lernen. In der gleichen Sammelaussiellung ist auch die Kohlen- industrie neben bildlichen Darstellungen mit einem aus entsprechend farbig angelegten Glasplatten bestehenden Modell des niederrheinisch« westfälischen Kohlenbeckens und dem Modell der Tagesanlagen einer großen Kohlenzeche vertreten. Es ist nur natürlich, daß im Nahmen einer Schiffbau-Ausstellung das Eisenhüttenwesen in seinem Fabrikationsbetrieb nicht so aus- führlich behandelt werden kann. Viel mehr Gelegenheit bietet aber die Ausstellung, um Materialproben sowie fertige Waren der Hüttenindustrie zu zeige». Interessante Materialproben, wie z. B. in flüssigem Zustande gepreßter Schiffbaustahl, sind in einer Sammelausstellung zu sehen. Besonders leistungsfähig ist die deutsche Hüttenindustrie auch in der Fabrikation von geschweißten und nahtlos bergestellten Röhren aus Stahl und Kupfer, die auf den Schiffen zu den verschiedensten Zwecken Verwendung finden. Die bekannten Mannesmann-Röhrenwerke, das Preß- und Walzwerk A.-G. Düsseldorf geben reichhaltige Zusammenstellungen ihrer Produkte, wobei in erfteulicher Weise weniger darauf Gewicht gelegt wird, durch einzelne Paradestücke von Riesengcwicht und Riesenabmessungen zu verblüffen, als eine Reihe von normalen Fabrikationsprodukten vorzuführen. Für den Laien sind besonders solche Zusammenstellungen interessant, die den Werdegang eines Produktes zeigen, wie z. B. Borsig die verschiedenen Stadien der abrikation einer nahtlos gewalzten Ankerkette ohne Ouerschtveiß- elle zeigt. Von den Hilfsindustrien für den Schiffbau und für den Werst« betrieb ist nach der Elektrotechnik besonders der Bau von Hebe» zeugen zu nennen. Während Deutschland heute noch so manches Schiff in England bauen läßt, ist der Kranbau bei uns auf einer solchen Stufe, daß englische Wersten ihre größten Krane oft auS Deutschland beziehen. Die großen deutschen Hebezeugfirmen haben anscheinend die Gelegenheit benutzt, um im Rahmen der Schiffbau- Ausstellung eine Hebezeug-Ausstcllung im Kleinen zu veranstalten. Es kommt noch dazu, daß die Kranfirmen in der Regel auch Hellinge, das sind eiserne Gerüste für den Bau der Schiffe liefern. Alle auf diesem Gebiete bedeutendere Fabriken Deutschlands haben sorgfältig hergestellte Modelle ausgeführter Hellinggerüste sowie größerer und kleinerer Werft und Hafealrane ausgestellt. Man sieht den Riesen unter den feststehenden Kränen, den Hammer- kran der„Germania"-Werft, der 150 000 Kilogramm fast 36 Meter hoch heben kann und der sogar eine Probelast von 200 000 Kilo- firamm gehoben hat. Solche Kräne werden aber heute nicht nur eststehend, sondern was für Schiffsbauzwecke besonders wichtig ist, auch auf Pontons schwimmend ausgeführt. Auf dem gleichen Ponton wird dann eine Dampfdynamo montiert, die den Strom für die Motore liefert, da sämtliche Kräne selbstverständlich elektrisch an- getrieben werden. Zu den sehenswerten Teilen der Ausstellung gehören auch die Objekte, die von den freien Hansastädten Lübeck, Hamburg und Bremen ausgestellt werden, wenn sie auch nicht den eigent- lichen Schiffsbau, sondern mehr die Schiffahrt betreffen. Ham- bürg und Bremen bringen Bilder ihrer ausgedehnten Hafenanlagen in großen plastischen, gut ausgeführten Modellen und Querschnitten durch die Ouaianlagen. Man gewinnt durch diese Modelle, die von Plänen und Tabellen unterstützt werden, einen guten Ueberblick über diese umfangreichen und interessanten Brennpunkte deutschen See- lebens. In dasselbe Gebiet gehören auch verschiedene Schleusen- Modelle und ein Wandbild des Kaiser- Wilhslm-ftanals. Der bremische Staat gibt ferner Gelegenheit, an Modellen und graphischen Dar- stellungen die von ihm durchgeführten großzügigen Arbeiten an der Weserkorrektion leimen zu lernen. Zu den wichtigsten und bedeutendsten Hilfsindustrien des Schiff- baues gehört die Elektrotechnik. Die großen Elektrizitäts- firmen, die schon früher die Notwendigkeit erkannt haben, auf diesem Gebiete Spezialkonftruktionen zu schaffen, beteiligen sich in stärkerem Matze an der Ausstellung. Da sich diese Firmen jedoch nicht nur auf ihre Spezialitäten beschränken, sondern auch eine Reihe anderer Modelle und Maschinen ausstellen, soll dieser Teil der Ausstellung, der bielleicht zum ernstesten zählt, gesondert besprochen werden. Ebenso wird noch einiges über die Ausstellung der Deutschen Ge- sellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zu sagen fem, obwohl sonst das Rettungswesen auf der Ausstellung leider so gut wie gar nicht der- treten ist. Heute wollen wir noch daS„Wissenschaftliche Theater", das gewissermaßen eine Ergänzung zur Ausstellung bildet und natürlich nur gegen Extraentree zu sehen ist, erwähnen. Augenblicklich wird dort eine Serie von farbigen, festen Projektions- bildern und einigen kinematographischen Aufnahmen vorgeführt, die in wirklich anschaulicher Weise den Lebenslauf eines Paffagierdampfers sowie eines Kriegsschiffes von der„Wiege bis zum Grabe" schildern. Was für wisienschaftliches oder schiffbautechnisches Interesse der Aufmarsch einer Ehren- kompagnie beim Stapellauf eines Dampfer? ha», ist uns allerdings etwas rätselhast geblieben. Der begleitende Text, der mit einen, Zitat von Goethe beginnt und auch mit einem solchen endet, ist leider nicht auf der Höhe der Bilder. Unter den Bildern ist neben einigen historischen Bildern von alten Ruderschiffen und Segelschiffen besonders der kinematographisch vorgeführte Stapellaus eines Riesendampfers interessant. Langsam setzt sich der Koloß in Bewegung, er erzeugt trotz der 3000 Kilogramm Fette und Schmiermittel auf den hölzernen Gleitbahnen solche Wärme- menge, daß das Holz in Brand gerät, Daß bei dem ganzen Charakter der Ausstellung zahlreiche Bilder unserer Hochseekriegsflotte nicht kehlen, ist selbsiverständlich. Auch Episoden aus Seekriegen(dem spanisch- amerikanischen Kriege) werden vorgeführt, die bei der sarbigen Ausführung ein wenig den Charakter der bekannten Neu- Ruppiner Bilderbogen angenommen haben. Besonders lehrreich find die Bilder der bei Port Arthur von den Japanern in den Grund geschossenen russischen Kriegsschiffe. Man sieht, wie schnell und wie gründlich feindliche Kanonen diese Unsumme von Kapital(36 Millionen Mark ein Schiff) und geistiger Arbeit vernichten können, und wie hinfällig im Grunde genommen alle diese schwimmenden Festungen und Dread-noughts sind. Ltd. kleines feuilleton. WcShalb stirbt die Diphtherie nicht aus? Obgleich gegen die Diphtherie energische Schutzmaßregeln ergriffen werden, haben wir doch in Deutschland eine Zunahme zu verzeichnen; die Sterblichkeit allerdings scheint durch das Diphtherieheilserum günstig beeinflußt zu sein. Man mutz sich die Frage vorlegen, woher diese merkwürdige Erscheinung kommt und sie wird, da trotzdem die Diphtherietodesfälle immer noch groß sind, wie z. B. in Stettin im Jahre 1903 19 403 Personen daran starben, nach Gründen dafür suchen muffen. Diese liegen, wie uns Oberarzt Gabriel in der„Berliner klinischen Wochenschrift" mitteilt, in der Gefahr der Weiterverbreitung durch die Rekonvaleszenten und genesenden Bazillenträger. So tritt oft eine Rerwickelung auf, die zu dem Herztode nach scheinbarer Beendigung der Diphtherie führen kann. Nicht weniger als 20 Proz. aller Verstorbenen fallen nach Gabriel dem letzteren zur Last, und zwar find solche Kinder erheblich später mit dem Heilserum eingespritzt worden als die anderen, wenngleich man ja in solchen Fällen das Mißtrauen großer Kreise gegen das Serum verstehen mutz. Wichlig ist die Bestimmung, wie lange noch nach der Heilung die Hastezeit der Diphthericbazillen bei den Rekonvaleszenten und Genesenden dauert. Danach soll man als Regel ansehen, eine Isolierung jedenfalls bis zur 4. Woche, möglichst aber bis zur 5. bis 6. Woche hinaus durch- zuführen. Man braucht aber nicht sehr beunruhigt zu sein, denn diese unangenehme längere Lebenskrast der Divhlheriebazillen über Wochen und Monate hinaus— es handelt sich um Beobachtungs- zeiten von 56. 57, 58, 67, 93, 97, 96 Tagen bis zu 6 Monaten— kommt doch nur bei einem geringen Prozentsatz vor. Auf der Suche nach den Riese» der Vorwelt. Aus New Jork wird berichtet: Demnächst werden zwei große wissenschaftliche Ex- pedistonen von New Jork ausgehen, die eine nach dem Polargebiet, die andere, die in vier Abteilungen getrennt ist, nach dem Süden und Westen des Landes, um nach Ueberresten der Riesentiere zu suchen, die in ferner Vorzeit die Erde bevölkerten. D� Hauptzweck der Expedition, die unter Führung deS Herzogs von Westminster ins Dukongebiet geht, wird die Auffuchung eines besonders großen Keratosaurus sein, der 70 Fuß lang sein soll und von dem man Spuren gefunden hat. Die vier anderen Expeditionen find vom amerikanischen Museum für Naturgeschichte mit gleichen Zielen ausgesandt worden. Die erste Abteilung wird direkt nach Nebraska gehen, um dort in den Ouellgebieren der Ströme und im Hügel- lande nach Fossilien aus der Miocän-Periode zu suchen und be- sonders die EntwickelungSgeschichte des Pferdes, die sich gerade in dieser Zeit vollzog, zu erhellen. Die zweite Forschergesellschaft geht nach Wyoming, um nach Fossilien aus der Eocän-Zeit zu suchen, die dritte will in Montana Fossilien auS der Kreidezeit finden. Man nimmt an, daß hier in Amerika die ursprüngliche Heimat deS Kamels und des Rhinozeros, deren spätere Entwickelung ausschließ» lich in der alten Welt vor sich ging, zu suchen ist, und die Ex« peditionen sollen sich gerade mit diesen Problemen näher be« schästigen. Weniger bestimmt ist die Aufgabe der vierten Abteilung, die nach TexaS geht, um gleichfalls Fossilien zu suchen. Professor Mathew, der Führer der ersten Abteilung, sprach sicki sehr hoffnungsvoll über die Aussichten der Expeditionen aus. „Die Resultate der vier Expeditionen werden— so erklärte er— auch wenn sie nur einen Teil deS erhofften Erfolges haben, außer- ordentlich groß sein. Noch ist die vollständige EntwickelungSgeschichte des Pferdes nicht nachgewiesen; wir haben fossile Reste von einer Reihe von Vorfahren des PferdeS, aber es fehlen verschiedene Zwischenglieder, und diese hoffen wir zu finden. In den Felsen im Hügellande und in den Ouellgebieten unserer Ströme ruhen in unseren Weststaaten die fossilen Ueberreste von allen Typen deS TierlebenS. die je auf unserem Kontinent gelebt haben. Kein anderer Teil der Erde bietet den Forschern so viele günstige Aussichten als diese Gebiete der Vereinigten Staaten, vielleicht mit einziger Aus- nähme deS inneren Chinas, das aber den europäischen Forschern nicht zugänglich ist. ES ist allerdings wenig wahrscheinlich, daß die Expeditionen eine Entdeckung machen, die die EntwickelungSgeschichte des Menschen in fernere Zeiten zurückführt. Die frühesten Vorfahren deS Menschen lebten auf der anderen Erdhälfte und kamen erst nach Amerika, als die Entwickelung weiter fortgeschritten war. Jndeffen erschien der primitive Mensch zuerst auf der Erde gerade in der- selben Periode, in der die Tiere lebten, nach deren fossilen Resten wir suchen. Viele der wichttgsten wiffenschaftlichen Entdeckungen sind schon gemacht worden, wenn man eS am wenigsten erwartete, und es ist wohl möglich, daß wir Funde machen, die bedeutender sind, als wir jetzt vermuten können." Eine eintadrige Uhr. Die Uhrkonstruktion hat von altcrSher zu allerlei künstlichen Werken Anstoß gegeben, deren Eigenart aber fast durchgehendS in der Richtung der Kompliziertheit lag. Die künst» lichen Werke mancher Kirchen und Profanbauten sind weltberühmt. Auch haben sich Phantasie und Laune häufig die Herstellung von Miniawrührchen oder von Taschenuhren, die Kalenderangabcn machen, und ähnliches zur Aufgabe gesetzt. Jetzt aber weiß„English Mechanic" von einem Prodult deS UhrmachcrgenieS zu berichten, das gerade nach der Richtnng der Vereinfachung eine Merkwürdigkeit darstellt. ES ist eine Uhr mit nur einem Rade, die von dem Uhr- macher C. H. Bridgen in Los Angeles in Kalifornien verfertigt worden ist. Es handelt sich eigentlich überhaupt nicht um ein Rad, sondern eher um eine durchbohrte Scheibe, die als Unruhe funktioniert. Sie wird in ähnlicher Weise wie die Unruhe einer großen Uhr durch zwei Gewichte in Spannung gehalten. Das Pendel ist durch 31 Stahlbällchcn von etwa einem Viertel Zentimeter Durchmesser ersetzt, die der Reihe nach in Wirksamkeit treten. Sie rollen über eine zickzackförmige Bahn derart ab, daß sie in Abständen von je einer Minute in eins der 60 Löcher der Scheibe treffen und sie dadurch bewegen. Da 30 Bälle den halben Umfang der Scheibe füllen, wird der 31. Ball den ersten zum Ablauf von der Scheibe zwingen. Dieser gelangt wieder auf die Höhe des Zickzackwcges, mid das Spiel beginnt von neuem. Lerantw. Redakteur: Georg Tavidsoh«, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Vcrlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin SW.