Anlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 117. Sonnabend, den 20� Juni. 1903 (Nachdruck verboten) 681 Semper der Jüngling. Ein BildungSroman von Otto Ernst. 1 In den folgenden Wochen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch die Tabakstube, wo er unter un- ablässigen Gesprächen und Geräuschen die subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die Stimme Jsoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Um- kreis Asphaltpflaster und Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang: denn es war ihm wie ein fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen: wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Tcppichen und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag, verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand eS so gut, daß Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen Stuhl und eine Schütte Kartoffeln ent- hielt, die„Louise Millerin" schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln konnte?! Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen: was die inneren Hemmnisie anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn. Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die liebende Seele beschrieb:„himmelhoch jauchzend— zum Tode betrübt". Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrektoren überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da über- mannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut wieder empor: Nosenberg war begeistert von diesen Versen.„Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden", prophezeite er. Und wirklich fanden die„Gedichte" von Asmus Semper, als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme: denn da Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende Beurteilung. 87. Kapitel. (Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen Zoll.) Zu allen diesen Freuden schenkte da? Schicksal, das ihn verziehen zu wollen schien, unserem Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur vorigen Weihnacht hatte er die bis- berige Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt: diesmal, da er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und Weißwein sollte dazu getrunken werden, ja Weißwein! Unmittelbar vor der allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite, zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr:„Wenn Du lieb bist. Hab' ich noch ein besonderes Geschenk für Dich— freilich noch nickt heute." Er sah ihr mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht. „Ja??!" Sie nickte eifrig „Wann denn?" „Ich denke, im Juli oder August." Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weih- nachtszimmer und war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die Lichter des Tannenbaums nicht doppelt, nein siedenfach, nein hundertfach sah. Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand über- Haupt, daß Hilde eine„gebor'ne Köchin" sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes und innigstes Lächeln, als �abs er den Weg zurückgefunden zu den strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von dessen Ge» dichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten, und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer Lorbeer gedeihen könne, als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln. Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen. Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht: er erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über die Wiese getrippelt sei und gerufen habe:„O Vater, hier ist es gerade so wie Dein Geburtstag!" wie der Kleine unzählige Male an seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem „Freischütz", aus der„Nachtwandlerin" und wohl aus zwanzig anderen Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem Kaufmann Carsten Semper, aus dessen Diele jeder Besucher Schinken essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater zugelaufen kam und rief:„Wissen Sie schon. Herr Semper, Goethe ist tot!" Es war wie Sammlung und Rück- blick in diesen Reden Ludwig Sempers: aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen, daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht: aber da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn„natürlich" nicht zum Arzt kriegen könne. Als Asmus seine Eltern am Silvestertage besuchte, Hörle er, daß sein Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause geschleppt habe.„Ich werde den Weg nicht wieder machen können," sagte Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln.„Ei was!" rief Asmus,„dann holen wir Euch einfach in der Droschke: wir haben's ja!" Und er dachte sich, welch eine Lust es sein werde, die„Alten" im Triumph einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaär! Und noch einmal ging er beruhigt heim. Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages. Sein Appetit war nicht zurückgekehrt. Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal—? Nein, einen so harten Zoll könnt' es nicht fordern: so grausam könnt' es sein Glück nicht ver- kürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte daS Schicksal diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus vor nicht langer Zeit im Lehrcrverein geredet und die Kunst als Erzieherin pro- klamicrt hatte und auch sein Vater als Gast zugegen ge- Wesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende er- hoben und gesprochen:„Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der unserem Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute." Und dann hatte er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Ver- sammlung ihm zugestimmt. Asmus hat« heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte gesehen, w»! er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes reiches Pfund in Welt, 'obgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen. Und sollte das die letzte große Freude im Sieben Ludwig Sempers gewesen sein? Nein, nicht die letzte. Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde lind die kleine Isolde mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend im Lchnstuhl: er er- wachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu be- wegen und verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, öffnete der Kranke die Augen: immer weiter öffnete er sie, bis sie so groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen. ..Wenl gehört das allerliebste Kind?" fragte er leise, Mit frohem Staunen. Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sej, Asmussens und Hildens Kind und seine eigene Enkelin. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Gefdnehte der lieben Gehängten. Gegen Ende jedoch, je näher die Hinrichtung heranrückte, ward die jähe Heftigkeit der zerrissenen Vorstellungen, die auf ihn eindrangen, ihm ganz unerträglich. Er hätte sich breit hinstellen und mit Gewalt dagegen antrotzen mögen— aber die wirbelnde Strömung riß ihn mit, und es gab nichts ringsum, das ihm Halt geboten hatte: alles war im Fluß, alles jagte. Und schon begann auch sein Schlaf unruhig zu werben; neue Traumbilder erschienen, rcliefartig, schwer, wie bunt bemalte hölzerne Klötze und noch un- gcstümer als seine Gedanken. Das war kein bloher Strom mehr, sondern ein endloser Fall von einem endlos hohen Berge, ein kreisender Flug durch die ganze sichtbar bunte Welt. Als Zi- gcunerchen noch frei umherging, hatte er einen ziemlich stutzer- haften Schnurrbart getragen, im Gefängnis aber war ihm ein kurzer, schwarzer, stacheliger Bart gewachsen, und das gab ihm ein schreckliches Aussehen— einem Wahnsinnigen glich er. Bis- weilen war Zigeunerchen in der Tat wie geistesabwesend und rannte wie unsinnig in der Zelle umher, immer wieder die rauhen, kalkgetünchten Wände betastend. Und Wasser trank«r dabei wie ein Pferd. Eines Abends, als eben Licht gemacht worden war, begann Zigcunerchen auf allen Vieren umherzutraben, machte mitten in der Zelle Halt und heulte mit zitternder Stimme wie ein Wolf. Er verhielt sich dabei ganz auffällig ernst und heulte auf eine ganz seltsame Weise, als wenn er ein ungemein wichtiges und notwendiges Werk verrichtete. Er schöpfte die Brust voll Luft— und stieß sie dann langsam, in einem gedehnten, zitternden Heulen aus; und voll Aufmerksamkeit, mit geschlossenen Augen, horchte er, was dabei herauskam. Selbst das Zittern in seiner Stimme schien ein wenig beabsichtigt, und es war überhaupt kein sinnloses Schreien, sondern jede Note in diesem tierischen Wehklagen, das voll unendlichen, schaurigen Leids war, schien sorgfältig abgemessen und erwogen. Tann brach er mit einem Mal das Heulen jäh ab und schwieg, Immer noch auf allen Vieren dastehend, ein paar Augenblicke. Und plötzlich begann er leise, wie zur Erde gewandt, zu murmeln: »Meine Lieben, Teuren... Meine Lieben, Teuren, habt Mitleid mit mir... Meine Lieben!... Meine Teuren!.. Und auch jetzt horchte er hin, wie seine Worte sich ausnahmen. Sprach ein Wort und horchte dann hin. Dann sprang er auf— und schimpfte eine ganze Stunde lang, ohne Unterbrechung, auf mordsmäßige Weise. ..£), Ihr so und so, Ihr Bande dort— ta— ta!" brüllte er und rollte dabei die blutunterlaufenen Augen.„Wollt Ihr mich hängen, dann hängt mich, aber mich so... O. Ihr, so und so..." Ganz kreidebleich, weinend vor Bangigkeit und Entsetzen. hörte der Soldat auf dem Korridor ihm zu, stieß mit der Gewehr- mündung gegen die Tür und schrie hilflos: „Ich schieß Dich tot! Bei Gott, ich schieß Dich tot! Hörst Du?" Doch er wagte nicht zu schießen: auf zum Tode verurteilte wird nie geschossen, wenn eS sich nicht gerade um offenen Aufruhr handelt. Zigeunerchcn aber knirschte mit den Zähnen, schimpfte und spuckte— sein menschliches Hirn stand auf der unheimlich schmalen Grcnzscheide zwischen Leben und Tod und zerbröckelte wie ein Klumpen trockenen, verwitterten Lehms. Als man in der Nacht seine Zelle öffnete, um ihn zum Nicht- platz abzuführen, geriet Zigeunerchen in lebhafteste Bewegung. Im Munde wars ihm noch süßer, und der Speichel floß unauf- hörliw, aber die Wangen hatten sich ein wenig gerötet, und auS den Augen sprühte die frühere, urwüchsige Verschlagenheit. Während er sich anzog, fragte er den Beamten' „Wer wird mich denn hängen? Der Neue? Ob der'S wohl schon so richtig weg hat?" „Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen", der- setzte trocken der Beamte. „Wieso keine Sorgen machen, Ew. Wohlgeboren? Ich bin's doch, der gehängt wird, und nicht Sie. Sparen Sie wenigstens nicht an der Seife für'n Strick, damit die Sache glatt geht." „Schon gut, schon gut, ich bitte Sie zu schweigen.' „Ich glaube gar, der da"— Zigeunerchen wies nach dem Aufseher—„hat alle Seife aufgefressen! Sehen Sie nur, wie sein Gesicht glänzt!" „Still endlich!" „Also bitte, keine Seife sparen!" Zigeunerchcn stieß ein Lachen aus— im Munde aber ward's ihm immer süßer, und plötzlich begannen ihm seine Beine den Dienst zu versagen. Als er jedoch mit den andern auf den Hof trat, hatte er doch Laune genug, zu rufen: .Den Wagen für den Grafen von Bengalen!" V. Küß ihn— und schweig I Das Urteil in Sachen der fünf Terroristen war in endgültiger Form verkündet und noch an demselben Tage bestätigt worden. Man hatte den Verurteilten nicht gesagt, wann die Hinrichtung stattfinden würde, aber nach dem üblichen Gange des Verfahrens wußten sie, daß man sie noch in dieser Nacht, oder spätestens in der darauffolgenden hängen würde. Und als man ihnen gestattete, am nächsten Tage, das heißt am Donnerstag, den Besuch ihrer An- gehörigen zu empfangen, da begriffen sie, daß die Hinrichtung am Freitag bei Tagesanbruch stattfinden würde. Tanja Kowaltschuk hatte keine nahen Verwandten, und die sie hatte, sie wohnten irgendwo in der Provinz, in Klemrußland, und wußten kaum etwas von ihrer Verurteilung und der bevor» stehenden Hinrichtung; bei Mußja und Werner, den beiden Unbe- kannten, hatte man überhaupt nicht angenommen, daß Verwandte sie besuchen würden, und so stand denn nur zweien, nämlich Sergej Golowin und Wassili Kaschirin, ein Wiedersehen mit den Eltern bevor. Mit bangem Schrecken dachten beide an dieses Wiedersehen, doch hatten sie nicht den Mut, den alten Leuten hie letzte Unterredung, den letzten Kuß zu verweigern. Ganz besonders qualvoll war die Erwartung des Wiedersehens für Sergej Golowin. Er liebte seinen Vater und seine Mutter fehr, hatte sie erst ganz kürzlich gesehen und malte sich jetzt mit Entsetzen aus, was nun wohl kommen würde. Die Hinrichtung selbst in ihrer ganzen ungeheuerlichen Ungewöhnlichkeit, ihrem das Hirn zum Erstarren bringenden Wahnwitz, stellte sich ihm nicht so entsetzlich schwer und furchtbar dar wie diese wenigen kurzen, unbegreiflichen Minuten, die gleichsam außerhalb der Zeit, außer- halb des Lebens selbst standen. Wie er dreinschauen, was er denken, was er sprechen sollte— alles das zu begreifen sträubte sich einfach sein menschliches Hirn. Was sonst so einfach und ge- wohnlich war: die Hand des Vaters zu ergreifen, sie zu küssen» „Guten Tag, Vater", zu sagen— daS kam ihm jetzt in seiner absurden, unmenschlichen, wahnwitzigen Verlogenheit unbegreiflich grausam vor. Man hatte die Verurteilten nach der Verkündigung des Gerichtsspruchs nicht, wie die Kowaltschuk vermutet hatte, zu- sammen eingesperrt, sonhern jeden in seiner Einzelzelle gelassen; und den ganzen Morgen, bis um ll Uhr, da die Eltern kommen sollten, war Sergej Golowin wie toll in feiner Zelle umhergerannt, hatte an seinem Bärtchen gezupft, klägliche Gesichter geschnitten und irgend etwas vor sich hingemurmelt. Bisweilen hielt er in seinem Aufundniederhasten ein, schöpfte tief Atem und keuchte schwer wie ein Mensch, der zu lange unter Wasser gewesen ist. Aber ha er gesund war, saß das junge Leben so fest in ihm, daß selbst in diesen Augenblicken schrecklichster Qual das Blut unter seiner Haut pulsierte und seine Wangen färbte und die blauen Augen klar und naiv in die Welt schauten. Es ging indes alles weit leichter von statten, als Sergej er- wartet hatte.- In das Zimmer, in dem das Wiedersehen stattfand, trat zu- erst Sergejs Vater— Nikokaj Sergejewitsch, Oberst a. D. Er war ganz gleichmäßig weiß, Gesicht, Bart, Haar und Hände— alles weiß, als wenn man eine aus Schnee geformte Statue in menschliche Kleider gesteckt hätte, und er trug immer noch den- selben alten, wohlgebürstetcn nach Benzin duftenden Uebcrrock mit den neuen, querliegenden Achselstücken; stramm, parademäßig, mit festen, bestimmten Schritten trat er ein. Er reichte Sergej die weiße, magere Hand und sagte laut: .Guten Tag, Sergej!" (Fortsetzung folgt.)' I�eue GrzählungsUteratur. Karl Hauptmann: Einhart der Lächle», Roman in 2 Bänden.(Verlag von Marquart u. Co., Berlin.) Wir sind in der Literatur wieder da angekommen, wo die Zeit- bücher geschrieben werden. DaS sind nicht die Bücher, die von der Zeit handeln, sondern für die man Zeit braucht. Zwei- und dreibändige Romane liegen schon vor, nicht lange mehr, und wir haben wieder die Zwölfbändcr des jungen Deutschland. Ganz auf« fallend tragen diese dickleibigen Geschichten— wie die vielbändigen Bücher aus der Zeit der Romantiker— auch durchgehends roman- tischen Charakter. Karl Hauptmanns Buch hat ganz das Gepräge der träumerischen Unklarheit eines verworrenen Romantizismus. Daneben freilich auch eine irrige Originalitätssucht, die nach einer Besonderheit des Stoffes girrt und dabei fich ins Konfuse verliert. Einhart, die Frucht eines gestreng-bürgerlichen Geheimrats und einer Zigeunerin, starrt mit lächelnden Augen in die wunderliche Welt. Er läuft von Hause fort, um das Leben einzu- saugen, oder die ferne Prinzessin zu finden. Jedoch in Hauptmanns Behandlung ist dieser lächelnde Einhart durchaus kein sonniges Sonntagskind, im Gegenteil, manch- mal sogar ein ganz unleidlicher Geselle. Wo Hauptmann ihm Tiefe geben will, gibt er ihm Schrullen. Kein Wunder, daß er fich wund reibt auf seiner Lebensfahrt. Trotz alledem kommt immer neu das Glück zu ihm geflogen in Gestalt von süßen Mädchen und leiden- schastlichen Frauen. Aber Einhart ist auch in der Liebe ein Träumer und Lächler, d. h. ein Sonderling. So bleibt er am Ende der ein- same Greis, Hieronymus im Gehäuse. Aber ein Meister wurde er, ein Maler von GotteS Gnaden.... Ja, in den Romanen geht das so leicht I In diesem Lebenslaufbuche offenbart sich die literarische Physiognomie Karl Hauptmanns am prägnantesten. Seitenlang läßt er den Leser versinken in eine poetische Gedanken- und Empfindungs- Welt, und alles strömt über im impulsiven Rausch. Dann wieder schrumpft das natürliche Gefühl zusammen, und er zermartert sein Hirn nach Tieffinnigkeiten, die, in eine einfache Sprache aufgelöst, platt oder verrenkt wirken. So taumelt er auch im Sprachlichen, in der Sucht, originell zu sein, hin und her. Dichterisches steht neben Wortschwulst, manchmal glaubt man, es spreche die feminine Dekadenz. Wie schade, daß Karl Haupt- mann, den ich für eine innerlich viel reichere Natur halte, als Gerhart Hauptmann, fich immer wieder in Geschraubtheiten, in eine ungesunde Psychologie und verschnörkelte Linie verliert. Er spricht von Männern„gattungSgebunden, unpersönlich in verfrühten Süchten*, von einer Frau sagt er,„sie hing an ihm und an dem Erdigwahr- haftigen seiner ganzen Erschauung*. So fließen immerfort barocke Gewaltsamkeiten in die lyrischen Schönheiten vieler Seiten hinein. Die Geschichte von den Lehr- und Wanderjahren Einharts ist eigentlich nur ein Wandelpanorama von Bildern, jedes Kapitel eine Fabel für fich. Der große einheitliche Zug fehlt, wenn auch tausend kleine Züge Karl Hauptmanns„saugende*(um ein Lieblingswort von ihn: zu gebrauchen) Dichterseele zeigen. Man könnte von einer dichterischen Hysterie sprechen. Oft entzückt ein feines Schauen, eine innerliche, stille Fabulierkunst, dann wieder kommt die Vergeistigungs- sucht, und wie Frost legt fich die kalte Unnatur der Worte über die Geschichte. Mit einem nassen, einem heiteren Auge legt man darum das Buch aus der Hand. BaleriuS Brjussoff: Die Republik des Süd- kreuz es. Novellen.(Verlegt bei HanS v. Weber, München.) Hat die Geschichte Hauptmanns ein wächsernes Angesicht, so zeigen die Skizzen dieses Russen so etwas wie hektische Flecke. Auch hier überwiegt die Genialitätssucht. Man sagt, in Rußland, da unter der jüngeren genialischen Dichtergeneration Balmont an der Spitze stand, sei Brjuffoff jetzt auf den Thron gestiegen. Anomale Welt- und Seelenzustände zu schildern mit einer Wollust der Grausamkeit, mit einer zerfleischenden und entblößenden Ekstase, ist seine Spezialität. Alle diese Novellen lesen sich wie mit der Morphium- spritze inspiriert. In einer Art Vernichtungswut singt er der Welt ihren Untergang. Die Republik des Südkrcuzes ist eine grausig- lebendige Schilderung einer utopischen Republik, deren Bewohner an dem„Bazillus des Widerspruchs' erkrankten, der sie irrsinnig und tobsüchtig machte. Die Kultur fällt von ihnen ab und das Tierische bleibt. Eine grandiose Menschen- und Kulturverachtung geht durch alle diese Skizzen. Mit überhitzter Sensationslust betäubt er den Leser mit Ungeheuerlichkeiten. Ver- ruchtheiten, romanhaften Auswüchsen einer unglaublich hektischen Phantasie. Dabei erzählt er das Scheußliche, wie im„Unter- irdischen Kerker*, die wahnsinnstolle Sinnesgier, wie in den„drei Schwestern', die grausigen Verzückungen, wie in den„letzten Märtyrern' mit einer verblüffenden kühlen Sachlichkeit, um gerade durch diesen künstlerischen Grad der Wahrscheinlichkeit die Nerven des Lehrers um so mehr zu packen. Dem nüchternen Leser allerdings wird trotz der künstlerischen Beherrschung des Stoffs das Jnteressantscinwollen des Autors um jeden Preis nicht entgehen. Noch mehr als in den Greuel-Novellen tritt das in den Traum- Novellen zutage. Hier schildert Brjuffoff das Jneinanderrinnen von Traum und Leben, bewunderungswürdig in der Analyse solcher halbwacher Seelenzustände, aber auch durchtränkt von einem gewissen Kokettieren mit jener Spürsamkeit, die für die einen geheimnisvolle Seelenkunde, für die anderen nur experimentierende Spielerei bedeutet. Die Signatur des Brjusioffschcn Geistes ist gleichfalls Hysterie und ein Zug zum Mystischen hin. Er ist ein geistiger Flagellant. Ein großer Unzufriedener, der sein Fieber in Rutenstreichen austobt, die er der Kultur und dem traditionellen Sinn des Lebens erteilt.. So verzerrt er die Gesichte in krankhafter Ekstase. Vielleicht ist dies die nächste Etappe unserer Literatur— ein Bacchanal von tollwütiger Nervenfolter I George Meredith: Die tragischenKomödianten- Roman.(Verlag von S. Fischer, Berlin.) MeredithS Romane haben alle die Kühle der Schriftsteller» Poesie. Er ist ein Beobachter und Zergliederer, er umwebt Ding« und Menschen, Natur und Leben nicht mit dem goldenen Gespinst der Dichtkunst, er hüllt fie in den grauen Mantel der Wiffenschast ein. Sein Stil hat etwas Dozierendes und für den ersten Blick auch etwas Aeltliches. Der Leser hat gewiffermaßen einen Kamps zu bestehen mit dieser altmodischen Starrheit, dieser breiten Umständ» lichkcit, diesem bedächtigen Ausschöpfen einer Situation, eines Ge- dankens, einer philosophischen Folgerung. Und diese Langsamkeit und Monotonie der Schreibart Merediths ist es wohl auch gewesen, die ihn in seinem englischen Vaterlande und auch bei uns in Deuffchland bis ins hohe Alter hinein so gut wie unbekannt bleiben ließ. Er mußte fast 80 Jahre alt werden, ehe die Welt auf ihn aufmerksam wurde und hinter seiner zähen Gründlichkeit den scharfen Analytiker erkannte. Auch hinter den altväterischen Aus- führungen, Weisheitsschlüssen und Abstraktionen entpuppt sich, sofern man nur das Geduldspiel aufnimmt und mit Energie zu Ende führt, ein junger Geist. Ein lebendiger Zuschauer deS Lebens und seiner Ereignisse. In den„tragischen Komödianten* behandelt er Ferdinand Laffalles Verhältnis zu Helene v. Dönniges in beinahe allzu großer Gebundenheit an historische Daten von seinem Entstehen an bis zu seinem tragischen Ende. Schon der Titel verrät— an sich eine geistvolle Etikette—, wie er den Liebeskampf dieser beiden Opfer einer unsinnigen Welt» ordnung ansieht. Er dröselt das Handeln und die Gefühle der beiden auf wie einen Strickstrumpf und wickelt in den Knäuel seine eigenen kommentierenden Betrachtungen ein. Aus dieser trockenen, oft auch wieder mit phaniastischem Aufputz geschmückten Analyse gehen die Charakterbilder Laffalles und der Dönniges in ziemlich schiefer Psychologie hervor. Die Charaktere der großen Masse gehören nach Meredith der einfachen Ordnung des Komischan an. Die Charaktere Lassalles und Helene v. Dönniges verlangen für ihn«ine'Verbindung beider Musen, der tragischen und der komischen. Denn Laffalle war zwar ein„eifriger Arbeiter*, aber seine„letzte Unmäßigkeit trieb ihn ins Verderben*,„er war kein Wahnfinniger, aber auch kein Mann zum Anbeten', sondern„eine überidialisierte Gestalt". Noch schlechter kommt Helene weg, am besten die Gräfin Hatzfeld. Trotz» alledem flicht sich durch die Geschichte ein Gerank bedeuffamer nach- denklicher Sätze, wenn sie auch den Geist dieses Bundes verzerrt widerspiegelt. Ellen Key: Drei Frauenschicksale.(Verlag von S.. Fischer. Berlin.) Für Meredith find die Personen, von denen sein Buch handelt, in erster Linie ein Disknssionsthema. Ihr Schicksal ein„inter- essanter Fall*. Wie ein Anatom stellt er Untersuchungen an. Ellen Key läßt fich von ihrem flammenden Herzen vom Boden der nüchternen Tatsachen forttragen und wird Dichterin. Die„drei Frauenschicksale' find ihr ein dramatischer Stoff. Biographisches ist geschmückt mit der jugendlich glühenden Poesie ihrer begeisterungS- fähigen Seele. Aus Aufsätzen frühester literarischer Arbeit ist daS Buch zusammengestellt, aber eS liest sich wie aus einem Guß. Vor Jahren hat schon einmal die schwedische Schriftstellerin Laura Marholm in ihrem„Buch der Frauen* die Lebensumrisse der drei hier geschilderten Frauen gegeben. Die Mathematikerin Sonja Kowalewska, die Dichterin Anna Charlotte Edgren-Leffler und Ernst Ahlgren(Viktoria Benedicts on) waren für sie ein lebendiger Beweis für ihre These, daß des WeibeS letzte und höchste Bestimmung die Liebe ist. Und sie sezierte diese drei Intelligenzen als Geschlechtswesen und bewunderte vor allem ihre leidenschaftliche Erotik. Sie suchte zu beweisen, daß im Kampfe um das Glück nicht die Wissenschaft und nicht die Kunst, sondern der Mann die Tragik ihres Lehens be» deutete. Ellen Key bestreitet zwar nicht, daß die Liebe die Zentrale des Lebens dieser Frauen gewesen, die alle drei im Mittag ihre? Lebens von, Tode zerbrochen wurden. Aber sie versucht auch zu zeigen, daß sie nicht nur das Genie zur Liebe allein hatten, und zeichnet ein Bild von ihrer geistigen Individualität. Sonja Kowa- lewska, die Russin, die es bis zu einem Lehrstuhl an der Universität brachte, ist wohl die Bedeutendste unter ihnen und an ihrem Schicksal hat die Kulturmenschheit ein Interesse. Laura Marholm gab gewisser- maßen einen seelischen Extrakt, Ellen Key mehr Anekdotisches. So lesen sich die Essays wie eine Novelle. Agot Gjems-Selmer: Damals.(Verlag von Etzold u. Co., München.) Mit gutem Grunde kann man diese Aufzeichnungen der nordischen Jugcndschriftstellerin den beiden vorherbesprochenen Schicksalsbüchern anreihen. Auch hier ist ein inhaltreiches Leben biographisch gefaßt und ein Frauenschicksal aufgezeichnet. Frau Gjems-Selmer, die mit ihren prächtigen Kinderbüchern:„Die Doktorsfamilie im hohen Norden* und„Als Mutter klein war* sich eine große Anhängerschar erworben, bringt diesmal eine Gabe für die Großen. Für die Mütter und solche, die es werden wollen. Sie erzählt von ihrem Leben als junge Doktorsfrau hoch oben in der Einsamkeit der Nord- landswelt, wie sie oft verzweifeln wollte in dieser Ocde von Eis und Meer. Und wie sie sich doch stets wieder aufrichtete an der Natur, die so schrecklich, aber auch so unendlich groß sich offenbaren konnte, daß sie überwältigt von Glück und Freude vor ihrer Herr- lichkeit die Arme ausbreitete. Humorvoll sind die Szenen in Küche und Haus geschildert, die Unerfahrenheit der jungen Frau, die fich tn der ersten Zeit ihrer Ehe mit den Objekten - 468- en muh, ergreifend die Schmerzen und das lück der Mutterfchast. Ein Stück grandiose Natur und ein innerliches Leben tut ftch auf. eine Schenckende ist die Berfafferin auch hier. Viele junge Frauen, die in ihrer Ehe aus irgendeinem Grunde verzagen wollen, können bei dieser unverzagten grau Gjems-Selmer Leoenskunst lernen. Denn ihr Buch ist ein orn echter Menschlichkeit, Lebensstärke kann man daraus trinken. Sie lehrt das geduldige Ertragen in Liebe und ist doch so ganz frei von aller Klösterlichkeit. Im Gegenteil, frisch und munter geht jene schöne Heiterkeit von ihr aus, die eigentlich gesunder Mcnschenver- stand ist. Ein Ehestandsbuch möchte ich„Damals" nennen. Wir haben ihrer wenige, die so gut, so belehrend und so gar nicht lang- weilig sind. Ernst gahn: LukaSHochstraherSHauS.(Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Leipzig.) Fast ein halbes Leben währte eS, bis Emst Zahn, ein Sohn des Schweizer Hochlandes, seine Kunst und seine Heimat fand. Bis er über den Kellner, Hotelsekretär, Gastwirt hinweg ein Dichter wurde und sein geliebtes Schweizerland entdeckte. Hoch oben am Gotthardt, wo der Firnwind weht und ein wetterfestes Geschlecht in harter Arbeit mit dem Boden ringt, steht der Gasthof und die Dichterklause von Ernst Zahn.«Vor meinem Blick dehnt sich die Ausschau auf Land und Volk" schreibt er. So schafft er aus intimster Lebensnähe heraus, und weil er mit klarem, ruhigem Auge zu schauen, und klaren, schlichten Sinne? zu schildem versteht, ist eine echte, warmblütige Heimatskunst daraus geworden. In feinen Büchem, durchglüht von einer heißen Liebe zu Natur und Leuten, dampft die Scholle und der Erdgetuch steigt auf. Die Wiesen blühen, scharf und rein weht die Lust, die Wälder rauschen, strahlend und dräuend stehen die ewigen Berge und durch diese ganze lebendige Natur schreiten lebendige Menschen. Jenes trutzige Bauerngeschlecht, gesund und geraden Sinnes, das eher bricht, als daß es sich biegen läßt. Lukas Hochstraßer, von dem das Buch handelt, ist solch ein Aufrechter kemigen Schlages. Wie eine Wettertanne mit schützendem Geäst, so breitet er schützend seine Hände über sein Haus. Aber seine Kinder wandem jedes ihre eigene Straße in das Leben und lösen sich ab von des Vaters arbeitsamen Weg, auf dem er e« in Rechtschaffenheit und Treue zu Wohlstand und Glück brachte. So ziehen dunkle Schatten über da? Haus und das Glück Hochstraßers, doch in allen Wirrnissen steht er wie eine starke Säule. Sein kluger Kopf weiß Rat in aller Gefahr, und seine Güte lenkt alles zum besten. Ganz prächtig, ist dieser patriarchalische Bauersmann geschildert, eine Verkörperung von Biederkeit, Sitte und strenger Selbstzucht. Und neben diesem fast- strotzenden Manne stehen die fünf Kinder, jedes ein fcharfumrissener Charakter, mit eigenem Pulsschlage, anschaulich vor dem Leser. Eine Welt für sich blüht auf in dichterischer Schöne, und über alles geht eine leise Welle von Lebenswärme und Güte hin. Für seine Kinder hat Zahn das Buch geschrieben. Man merkt das an jeder Zeile. Freilich, der pädagogische Zweck im Hintergrund drängt fich stellen- weise vor. Aber bei diesem von Liebe überquellenden Buche, einem echten Vaterbuche, darf man sich wirklich nicht an den.Standpunkt" halten. Mag sein, daß manche Leser sich an eine heimliche Senti- Mentalität und noch mehr an ein« da? Buch beherrschende allzu einseitige Moral stoßen. Man tut selbst nicht mit, wenn Lukas Hochstraßer die Sozialdemokratie verdächtigt oder seinem Sohn die Offiziersachselstücke abreißt und ihn aus dem Hause stößt, weil er bei einem Mädchen, das in Bälde seine Frau werden soll, seinem drängenden Blute folgte und der Bater des Mädchens sich ob der .Schande" ertränkt. Doch wa» bedeuten schließlich solche und andere moralische Anschauungen bei den vielen poetischen Vorzügen des Buches? Man darf Ernst Zahn in der Reihe unserer besten Erzähler nennen, und ich möchte nur wünschen, daß er sich aus einer gewissen Eng« der frömmelnden Ethik noch herausschriebe. » Wilhelm Schüssen: Meine Steinauer.(Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart und Leipzig). Roch eine unverfälschte Heimatsgeschichte. Schien uns im letzten Schelmenroman dieses jungen Lehrers aus dem Schwaben- lande manches Talmi, hier ist alles Gold..Meine Steinauer", ja das sind die wunderlichen, putzigen Leutchen aus der Heimat des Dichters da oben im Schwabenwmkel zwischen Donau und Bodensee, und Wilhelm Schüssen ist ihr Maler. Ein Freilichtmaler, denn sie stehen da, von Licht, Lust und Sonne umspielt, und hinter ihnen grüßt das tausendhügelige Wiesenland. Schüssen hat nicht das Körperlose der Neuromantiker, die im mästen Spinstsieren mit med- lichen Diminutiven eine alwäterische Stilhuberei treiben. Ich möchte ihn mit Spitzweg vergleichen. Eine prachtvolle Sicherheit der Ge- ftaltung hat er gewonnen. Eine feine Beobachtung der simpelsten Vorgänge. Das Kleine wird groß im Ausdruck und in der Un- mittelbarkeit des Geschehens. Diese halbverrückten Exemplare des kleinen Landstädtchens, die in verschämter Armut lebende DoktorS- familie, der träumend-schüchterne Volksschullehrer, alle diese schnurrigen Käuze und braven DurchschiiittSscelchen. sie atmen und leben und amüsieren uns. Fast jede Seite ein Bild für Spitzweg I Beseelte Genrekunst aus Gemütstiese geboren und mit dem Schalk im Nacken. Rud Harb Kipling: Kim, Roman.(Vita, Deutsches B«r« lagShauS, Berlin.) Es ist nicht leicht, sich in einen Kiplingschen Roman hineinzu» lesen. In dem Dschungelbuch zaubert er eine neu« Welt plasstsch vor den Leser hin, dieser neue Roman auS dem gegenwärttgen Indien verwirrt in seiner fremdartigen Abenteuerlichkeit. Er bietet nicht die klaren Bilder deS Dschungelbuches mit ihrer Stimmungs« gewalt und dichterischen Konzentraston. Hier ist nicht der natürliche Reiz der Tinge gefaßt, sondem der Autor scheint phantastische Reiz« konstruiert zu haben, und ein forcierter Wild-West-Stil muß krampfhaft Jnteressantheit herstellen. Kim ist weißer Abkunft, der sich Vortreff- lich den Eingeborenen akklimattsiert. Im Grunde ist er ein Sternen- gucker mit einer Landstreicherseele. Er gerät in die Hände de? Lama, eine? verrückten Heiligen, und durchzieht mit ihm im Sektterer« Wahn Indien. Der Schwerpunkt des Buches liegt in der Schilde« rung dieser Bettelpriesterschaft, und daneben zieht kaleidoskopisch da? rätselhaste Land vorüber mit seinen Bewohnern von heute, die an die Grenze zwischen Morgenland und Abendland borgerückt sind. Aber man hat daZ Gefühl, daß nicht hauptsächlich Kultur- oder Länderschilderung beabsichtigt, sondern baS Abenteuerliche Selbst- zweck war. J. V. Kleines feuilleton. Geographisches. Ein Allerweltswald. Als ein? der schönsten und merk- würdigsten Gebiete der Erde gilt seit langem die Doppelinsel Ncu-Seeland. Nirgend finden sich sonst so verschiedene großartige Naturerscheinungen auf verhältnismäßig kleinem Räume vereinigt wie dort. Die Nordinsel ist der Schauplatz großartiger vulkanischer Vorgänge in ihrer wundersamsten Offenbarung mit ungeheuren Springbrunnen von heißem Wasser, den Gehsern, mächtigen Ter- raffen von strahlendem Kieselsinter usw. Die Südinsel wiederum hat eine Bodengestaltung, die in ihren höchsten Erhebungen fast alpinen Charakter zeigt und mit großartigen Fjordtälern ins Meer eintaucht, zu denen Gletscherströme hinabfließen— und das in einem Klima, das den Breiten von Spanien und Italien ent- spricht Dadurch ergeben sich auch für die Entwickelung der mensch- lichen Kultur Verhältnisse von seltener Begünstigung, und darauf beruht eine interressante Maßnahme, die jetzt zur Hebung der Forstwirtschast in Neu-Seeland unternommen worden ist. ES werden jetzt Bäume nicht nur auS dem übrigen Australien, sondern auch aus den Vereinigten Staaten von Amerika und gar aus Europa eingeführt, um in den heimischen Wäldern Neu-SeelandS angepflanzt zu werden. DaS Klima gestattet das Gedeihen fast jedes Baumes, und dieser Umstand soll dazu ausgenutzt werden, die Wälder so nutzbringend wie möglich zu machen. Bis jetzt sind 11 Millionen Lärchen, Eichen, Fichten, Douglas-Tannen und Eucalypten angepflanzt worden, und eine ungeheure Zahl von Sämlingen wird noch in besonderen Schonungen gezogen. Es sind durchweg Arten ausgewählt worden, die schnell wachsen und ein treffliches Bauholz liefern. Der Grund zu dieser umwälzenden Neuerung liegt darin, daß die einheimischen Bäume von Neu- Seeland zu langsam wachsen. Einige von ihnen, z. B. die Kauri- Fichte, erreicht zwar einen riesenhaften Wuchs und liefert ein ausgezeichnetes Bauholz, aber sie braucht mindestens zweihundert Jahre, bis sie eine ansehnliche Größe erreicht. Eine tüchtige Forst- Wirtschaft erfordert zum Erfolg schnellere Ergebnisse. Ueberhaupt erfährt Neu-Seeland nicht nur im pflanzlichen, sondern auch im tierischen und sogar im menschlichen Leben nach und nach eine vollkommene Umwandluna die wiederum größer sein dürfte als in irgendeinem anderen Lande der Erde. Die eingeborene polh- nesische Rasse schwindet rasch vor dem Eindringen der Europäer, die eine große Reihe von Tieren und Pflanzen einführen, die ihrerseits als siegreiche Konkurrenten gegen die eingeborene Lebe. Welt auftreten, allmählich festen Fuß fassen und verwildern. Die Ströme wimmeln jetzt bereits von europäischen und amerikanischen Forellen, die zu einer enormen Größe wachsen. Die Wälder aber insbesondere werden Baum für Baum durch die Anpflanzung fremder Arten revolutioniert. Neu-Seeland besitzt etwa 600 000 Hektar Wald mit 200 Baumarten, aber die ursprünglichen Wälder werden wahrscheinlich in etwa 70 Jahren verschwunden sein und eingeführten Wäldern Platz gemacht haben. Es ist ungefähr 30 Jahre her. seit die Regierung von Neu-Seeland überhaupt eine Forstwirtschaft einleitete; sie gab den Betrieb aber schon nach wenigen Jahren wieder auf, weil er mehr kostete als einbrachte. Dann setzte aber ein so starker Raubbau in den Wäldern ein, daß die Regierung bekennen mußte, mit der Aufgabe der Forstwirtschaft einen schweren Irrtum begangen zu haben, den sie nun durch doppelte Emsigkeit wieder gutzumachen sucht. Schon jetzt beläuft sich der jährliche Betrag an Nutzholz in Neu-Seeland auf etwa eine balbe Billion Fuß, d. b. auf fast ebenso viel wie der Jahrcsertrag im waldreichen Canada, das einen 35mal größeren Flächcnraunr besitzt Berantw. Redakteur: Georg Tavidsoha. Berlin.— Druck u. Verlag:VorwärtS Buchdr. u. VcrlagSanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin 81V.