MnterhalwngsSlatt des Horwiirts Nr. 113. Dienstag, den 23. Juni. 1908 (Nachdruck verboten.) w] Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto E r n st. Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze Gesicht des Leidenden das große, unerschöpf- lich gütige Lächeln, das über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne geleuchtet hatte, und dann schlössen sich die Augen wieder, und der Kranke war wieder entschlummert. Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf die Seite und fragte:„Was sagt denn der Arzt?" Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie:„Ach Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre viel- leicht Magenkrebs,— ich werd' ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!" Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen er- starren. Ueber all seine Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum Arzt. „Ja", sagte der,„alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom." „Herr Doktor," stammelte Asmus.„Sie dürfen mir nicht zürnen,— Sie sind ja auch nur ein Mensch,— Sie müssen sich in meine Lage versetzen,— es ist mein Vater,— würden Sie es mir übel nehmen, wenn ich noch einen zweiten Arzt befragte?" „Durchaus nicht." versetzte der Arzt,„Sie machen sich freilich unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt—" Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandele? Der Doktor Soundso. Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da solle. Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen. „Nun ja, ich kann ja hinkommen." Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird viel- jeicht zu einem anderen Ergebnis kommen. Als er anderen Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit größter Mühe im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins Kranken- haus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Kranken- hause, und wenn eine Operation nötig war, mußte er doch dorthin. Und dort waren die besten Aerzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. Als er den Vater endlich wohlgebettet sah. eilte er zum Arzt des Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm. mit großer Teilnahme an und entließ ihn mit neuer Hoff- nung. Nun kann noch alles gut werden, dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im Kranken- hause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer Erkrankten braucht. Anderen Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort: „Ist Nachricht vom Krankenhause da?" „Ja", sagte Hilde ernst,„der Bote war hier." „Und?" rief er begierig. „Du weißt es doch schon, nicht wahr?" sprach Hilde sanft. Er starrte sie an.„Ist er—?" Er brachte das Wort nicht heraus. Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke. Das also hatte er mit allen Mühen und Aengsten er- reicht, daß sein Vater nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war n,ch dem Bericht der Wärter nicht wieder zum Bewußtsein erwacht, und morgens um zwei Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte— mit diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die Straßen rannte und die Forma- litäten für die Bestattung erledigte. Dabei lief er oft stunden- lang durch Gegenden, in denen er nichts zu suchen hatte; er wußte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen sollte. Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren, tränenlosen Blick auf das weiße Haupt des Toten heftete, da mußte er unaufhörlich denken: König Lear— König Lear. Dieser Mann hatte nicht aus Torheit ein Kind verstoßen, war kein Tyrann gewesen— und war seine Liebe vergolten worden, wie sie's verdiente? Die Liebe ylnes Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte, daß ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter ist eine Niobe. Er riß sich gewaltsam aus seinem Brüten und sah sich um. Von seinen Freunden war nur einer erschienen: Dr. Rosenberg. Und das war die erste Freude in all diesem Leid. Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daß du am Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte, konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in Hildes Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saß, legte er den Kopf in den SLssel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Händ des Vaters verloren hat. 68. und letztes Kapitel. (Astnus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Welt- anschauung, und da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings.) Warum suchte Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner Hilde? Wer am Schlüsse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es, weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zu- nächst suchte er auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle Menschen rufen im Schmerze so- fort nach Linderung wie das Kind nach dem Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein An- recht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen litten. Dann aber, als er sich recht in Nuhe und Einsamkeit sattgeweint hatte, trat feine angeborene Philo- sophie wieder in ihr Recht: Mit unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch in- zwischen eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines Einzeldaseins hinausreichten. So oft er auch an den frühen Hingang seines VaterS mit Schmerzen gedenken mochte— er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren nur mit tiefer Wehmut gedenken — dieser Verlust gehörte, als er mit ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und seine Ent- Wickelung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu melancholischen Meditationen: er erfuhr wieder einmal den Fluch und den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß 1809 Mark und selbst 3000 Mark nicht ausreichten, we�ll man Eltern davon unterstützen unp ilNißcrdem drei Mensch n erhalten wollte, van denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten, die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen Jahren wie saures Bier an Dutzende'von Blättern vergeblich ausbieten. Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in zartester Weise seine Hilfe angeboten:„ich verdiene weit mehr, als ich brauche," hatte er gesagt,„und ich bin froh, wenn ich mein Geld so gut anwenden kann." Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung abgelehnt. Er wußte, daß dieser Manu ihn niemals drängen würde: aber er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen: sie waren das einzige gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. So griff er denn zu einer Häufung der Privatstundcn: er bereitete Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Tie Rachbarimien steckten die Köpfe zusammen und fragten:„Was tun denn die jungen Damen immer bei Herrn Semper?" Dann sagte der Hauswirt:«Sie lernen bei ihm das Dichten." Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, und an den Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge einen Wert, der ihnen nicht zukam: aber er war ein jovialer Gentleman, der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemcn erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen Grunde des gegen- seitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper. (Schluß folgt.) (Nachdruck vcrdolcn.) Die Gcfchichte der sieben Gehängten. Hinter ihm her trippelte mit kleinen Schritten die Mutter und lächelte ganz seltsam. Auch sie reichte ihm die Hand und wiederholte laut: „Guten Tag, Serjeschcnkal" Sie küßte ihn auf die Lippen und sehte sich schweigend. Sie stürzte nicht auf ihn zu, weinte nicht, schrie nicht, tat nichts von all dem Schrecklichen, was Sergej erwartet hatte— sondern küßte ihn nur und setzte sich schweigend. Und sie strich sich sogar mit den zitternden Händen das schwarze Seidenkleid zurecht. Sergej wußte nicht, daß der Oberst die ganze vorhergehende Nacht, in seinem Kabinett eingeschlossen, mit Anstrengung aller seiner Kräfte sich dieses Zeremoniell zurechtgelegt hatte.„Nicht er- schweren, sondern erleichtern müssen wir unserem Sohne die letzte Stunde"— so hatte der Oberst fest bei sich beschlossen und sorg- fältig jede mögliche Wendung des morgigen Gesprächs, jede Be- wegung berechnet. Bisweilen jedoch hatte er sich dabei verirrt, all die Einzelheiten vergessen, die er sich überlegt hatte und dann bitterlich weinend in der Ecke des mit Wachstuch überzogenen Sofas gesessen. Am Morgen instruierte er dann seine Frau, wie sie sich bei dem Wiedersehen zu verhalten habe. „Die Hauptsache also: küsse ihn— und schweig!" so belehrte «r sie.„Dann kannst Du auch sprechen, etwas später, aber wenn Du ihn küssest— dann schweig. Sprich kein Wort zu ihm nach dem Kusse, verstehst Du, sonst sagst Du nicht das, was zu sagen ist." „Ich verstehe, Nikolaj Scrgejewitsch", antwortete die Mutter Weinend. „Und weine auch nicht. Ja nicht weinen, Gott behüte! Das wäre der Tod für ihn, Alte, wenn Du weintest!" „Und warum weinst Du denn selbst?" „Ihr bringt einen eben zum Weinen. Also ja nicht weinen, Verstanden?" „Schön, Nikolaj Sergejewitsch." In der Droschke wollte er seine Instruktion noch einmal wieder- Ijolen, doch hatte er sie vergessen. Und so fuhren sie denn schweigend dahin, beide gebückt, grau und alt, und waren in dumpfes Sinnen versunken, während ringsum fröhliches Treiben herrschte: es war in der Buttcrwoche, und die Straßen wimmelten von lärmenden Menschen. Mutter und Sohn hatten Platz genommen, während der Oberst in genau erwogener Haltung: die rechte Hand auf der Brust, zwischen den Knöpfen des Ueberrocks hindurchgeschoben— dastand. Sergej saß einen Augenblick da, ganz nahe dem runzeligen Gesichte der Mutter und sprang plötzlich auf. „Bleib doch sitzen, Serjeschcnka", bat die Mutter „Setz Dich, Sergej", bekräftigte der Vater. Sie schwiegen alle still. Die Mutter lächelte ganz seltsam. „Wie hüben wir uns um Dich bemüht, Serjeschenka! Der Vater..." „ES war vergeblich, Mütterchen.. „Wir muhten es tun, Sergej", sagte der Oberst in bestimmtem Tone,„damit Du nicht denkst, daß Deine Eltern Dich im Stich lassen." Wiederum schwiegen sie. Jedes hatte Angst, ein Wort zu sagen, als ob jedes Wort auf der Zunge seine Bedeutung ver- lieren und nur die eine Bedeutung annehmen würde: Tod. Sergej betrachtete den sauberen, nach Benzin duftenden Uebcrrock des Vaters und dachte: Jetzt hat er keinen Burschen, er muß ihn also selbst in Ordnung halten. Wie kommts, daß ich es früher nicht bemerkt habe, wenn er den Uebcrrock reinigte? Er muß es wohl iurmer ganz zeitig früh gemacht haben. Und plötzlich fragte er: „Was macht die Schwester? Ist sie gesund?" „Ninotschka weiß von nichts", antwortete die Mutter hastig. Aber der Oberst wies sie streng zurecht. „Wozu lügen? Nina hat es in der Zeitung gelesen. Mag doch Sergej wissen, daß alle... seine Angehörigen... in diesem Augenblick... an ihn denken und..." Weiter kam er nicht in seiner Rede. Plötzlich lrampften die Lippen der Mutter sich zusammen, die angenommene Miene zer- schmolz, das ganze Gesicht kam in Bewegung und ward feucht. Die ausgeblichenen Augen starrten wie abwesend, der Atem ward immer rascher, immer kürzer und lauter. „Se... Ser... Se... Se..." wiederholte sie, ohne die Lippen zu bewegen.„Se.. „Mamachen l" Der Oberst machte einen Schritt vorwärts, und während er selbst am ganzen Leibe, in jeder Rockfalte, jeder kleinsten Gesichts- ruuzel bebte und nicht begriff, wie schrecklich er selbst in seiner Todcsblässe, seiner qualvoll erzwungenen, verzweifelten Festigkeit anzusehen war, sprach er verweisend zu seiner Frau: „Schweig! Ouäl ihn nicht! Nur nicht quälen, nicht quälen! Er muß sterben! Ouäl ihn nicht!" Sie schwieg schon ganz erschrocken, er aber hielt immer noch die geballten Fäuste, sie verhalten schüttelnd, vor der Brust und wiederholte: „Ouäl ihn nicht!" Dann trat er zurück, steckte die zitternde Hand wieder zwischen den Rockknöpfen hindurch und fragte mit dem Ausdruck gemachter Ruhe laut, doch mit bleichen Lippen: „Wann ists?" „Morgen früh", antwortete Sergej mit ebenso bleichen Lippen. Die Mutter blickte nach unten, kaute an den Lippen und schien nichts zu hören. Und immer noch an den Lippen kauend, warf sie die einfachen, jetzt so seltsam klingenden Worte hin: „Ninotschka schickt Dir einen Kuß, Serjeschenka." „Küsse sie von mir wieder", sagte Sergej. »Gut. Dann lassen Dich auch die Chwostows grüßen." „Welche Chwostows? Ach ja..." Der Oberst unterbrach ihr Gespräch: „Nun, jetzt müssen wir gehen. Steh auf, Mutter, es ist Zeit." Zu zweien hoben sie die erschöpfte Mutter vom Stuhl auf. „Verabschiede Dich von ihm", befahl der Oberst.„Und segne ihn." Sie tat alles, was ihr gesagt wurde. Als sie jedoch über dem Sohne das Kreuz geschlagen und ihm einen kurzen Kuß aufge- drückt hatte, schüttelte sie den Kopf und sprach wie unbewußt vor sich hin: „Nein, das ist nichts. Nein, nicht so. Nein. nein. Wie kann ich denn... Wie kann ich denn dann sagen...? Nein, das ist nichts." «Leb wohl, Sergej!" sprach de- Vater. Sie reichten sich die Hände und küßten sich kurz und herzhaft. „Du..." begann Sergej. „Nun?" fragte der Vater aufblickend. „Nein, das ist nichts. Nein, nein. Wie kann ich denn dann sagen...?" sprach die Mutter kopfschüttelnd vor sich hin. Sie hatte bereits wieder Platz genommen und rückte, wie von innerer Unruhe bewegt, hin und her. „Du..." begann Sergej von neuem. Plötzlich nahm sein Gesicht einen kläglichen Ausdruck an, ver» zog sich wie bei einem Kinde und die Augen standen mit einem Mal voll Tränen. Und im Reflex der Tränen sah er ganz nahe vor sich das weiße Gesicht des Vaters— gleichfalls in Tränen. «Du bist ein... edler Mensch, Vater." „Was denn? Was sagst Du da!" fuhr der Oberst erschrocken heraus. Und plötzlich sank er wie entzwei gebrochen mit dem Kopfe auf die Schulter des Sohnes. Er war ernst größer gewesen als Sergej, jetzt aber war er ganz klein geworden, und sein buschiger, hagerer Kopf lag wie ein weißer Knäuel auf der Schulter des Sohnes. Und beide verharrten schweigend in innigem Kuß: Sergej die Lippen auf des Vaters Haupt, und dieser die seinigen auf den Arrestantenkittel des Sohnes pressend. „Und ich?" rief plötzlich eine laute Stimme. Sie sahen sich um: die Mutter hatte sich erhoben und schaute, den Kopf zurückgeworfen, voll Zorn und Neid auf sie hin. »Was denn, Mutter?" rief der Oberst. „Und ich?" sagte sie und schüttelte mit unbewußter Energie den Kopf.„Ihr küßt Euch, und ich? Ihr seid Manner— und ich? Und ich?" „Mamachen!" rief Sergej laut und fiel ihr um den Hals. Und nun folgte etwas, das zu erzählen Entweihung wäre. Die letzten Worte des Obersten waren. „Ich segne Dich für Deinen Todesgang, Serjescha. Stirb tapfer, wie es einem Offizier geziemt." Und sie gingen. Mit einem Mal waren sie fort. Waren da- gewesen, hatten dagestanden, hatten gesprochen— und waren plötzlich fort. Hier hatte die Mutter gesessen, hier der Vater ge- standen— und nun waren sie auf einmal fort. Als Sergej in seine Zelle zurückgekehrt war, legte er sich auf seine Pritsche, mit dem Gesicht zur Wand, damit ihn der Soldat nicht sähe, und weinte lange. Dvnn ward er müde vom Weinen und schlief fest ein. (Fortsetzung folgt.) Die Große ßerlincr Kunftaueftcllyng 1908. Von Ernst Schur. m. Berliner Kunst. Die Plastik. Den weitaus größten Raum nehmen dicBerlinerKünstler ein, in deren Sälen auch auswärtige Maler mit ihren Werken bis- weilen Aufnahme gefunden, die sich den genannten Gruppen nicht einfügen. 32 Säle l Bei dieser Masse bleibt eS dem Publikum fieigestellt, fich seine Lieblinge nach eigenem Gefallen auszusuchen. Eine Ordnung nach kritischem Gestchtspunkt ist bei dieser verwirrenden Fülle nicht möglich und auch nicht erforderlich. Das Gute wird bei diesem Massenangebot durch daS Minderwertige nivelliert, und es kommt ein Gesamteindruck zustande, der der Frische der Austiahme nicht günstig ist. Doch sei auf einige Werke hingewiesen. Gleich beim Eintritt links im Saal 37 sind einige bemerkenswerte, dekorative Arbeiten vereinigt. Sie sind zwar als Ganzes mißlungen, sie stellen keine Resultate, wohl aber Versuche dar und zeigen Ansätze. B o s s a r o und Becke rath(1ö22 und 1619) heißen die Künstler, die sich so gewaltig erdreisten. Der eine denkt an Erlers dekorasive Farbigkeit, ohne desicn matte, ausgeglichene Freskenwirkung zu erreichen z der andere sieht auf Hodler und gibt steife Gebärde und ausgeklügelte Technik; da er aber nicht im Künstlerischen die primitive Herbigkeit des Schweizers befitzt, versagt er letzten Endes. Gegenüber liegt der Saal 4V, in dem man einige Porträts neben mancherlei Belanglosem findet. Dann beginnt die Serie der großen Mittelsäle 2—7; eS wechseln Landschaften und Porträts, manchmal besser, manchmal schlechter; Aufregendes begegnet nicht. Den Ehrensaal braucht man nicht zu betrachten. Marine und Militär geben sich da ein Rendezvous. Angriffe werden dort aus- gefochten und Uniformen gezeigt. In Eaal 4 mag man fich ein stimmungsvolles LandschastSbild von der Mark in weichem Mond- licht(72) betrachten. Politische Tön» schlägt Starbin aS .Wahlnacht"(82) an, eine talentlose, langweilige Arbeit. Intim und lustig wirkt das kleine Bild von H e r t i g.Im Winterhafen"(88). Der»Maiabend"(90) von Wendel ist farbig, frisch und eigen; eine blaue Holzlaube im Hellgrünen und weißblühende Büsche. Sandrocks.Werstarbeiter"(9S) gewinnen durch die graue, leichte Behandlung der Seeatmosphäre als Hintergrund malerischer Er- scheinung. Diese letztgenannten Landschaften kann man sich merken; sie repräsentieren ein gutes Mveau. In Saal 7 feffelt ein gutes Jnterieurbild von Brandis(359); bunte Möbel und Hausrat, malerisch gesehen. Saal 10 beherbergt mehrere Bilder von U t h(804—806), deren weiche Sonnigkeit angenehm auffällt, und auch Kolbe ist als Land- schafter(796) zu merken. Schlimm sind die Kabinette 13, 18, 19, in die man offenbar daS gehängt hat, was man in diesem äußersten Flügel verborgen halten will. Abseits hat man diese Ueberraschungen gestellt. Dort findet man eine Orgie deS Stofflichen. Religiöse, militärische Bilder, Salontiroler, Gefühlsanekdoten, sentimentale Tierbilder, all' die toten Gespenster der Erschlagenen stehen wieder auf. Aufgedonnerte Damen präsentieren fich in Sonntagötoilette und sehen triumphierend auf dich herab. Grelle Farben, glatte Töne. Auch in den folgenden Sälen 27, 29, 80 gibt eS nichts Ueber- raschendeS. Dagegen fällt in 39a die flimmernde Landschaft eines märkischen Waldes von Schinkel(1729) auf; hier ist etwas Neues Versucht. In Saal 39b wird man das.pommersche Haff"(1747) von Kolbe, das breit und tonig gemalt ist und im Grün feine, weiche Behandlung zeigt, betrachten. Weiter geht es durch Saal 40, 41, 43; in letzterem begegnet man einem breit und ficher und sehr geschmackvoll gemalten Bildnis eines.Orientalen" von Boschen(1900); das matte Rot und Grün geht famos und ruhig zusammen. Dann aber ist Schluß; die Kabinette 47, 48. 49, LI b, o und L2 bieten dem kritischen Blick nichts Bedeutsames mehr, womit nicht gesagt ist, daß sie unter Umständen nicht unterhaltend sein könnten. Ist ein Charakter in der Berlin, c Malerei? Nein. Woher konimt das? Die anderen Gruppen haben ihre besondere Note. Man müßte mehr auswählen und bester hängen. Wenn alles durch» einander hängt, verwischen sich da nicht alle Eindrücke? Ein Vorschlag! Versucht es einmal mit folgendem: arrangiert einen Saal Bildniste; dann einen Saal märkischer Landschaften; dann Seestücke; dann bringt eine gute Auswahl Stilleben zusammen usw. So wird von selbst eine bessere Wirkung durch diese ruhige Gliede- rung eintreten und das gut gemalte Bild, die sorgfältige Arbeit tvird sich in solchem Ensemble besser halten. » Die Plastik. Sie ist ein Schmerzenskind der Ausstellung. Immer wird man nur mit Ueberwindung die beiden großen Säle durchschreiten, die ihr vorbehalten sind, Saal 3 und 17. Da findet man wie in einer Schreckenskammer alles beisammen, was man als unkünstlerisch bezeichnen kann, sorgfältigst ausbewahrt. Und wie eine Krankheit erbe» fich diese Motive fort, die an sich schon, rein stofflich, unkünstlerisch sind. Das schlimmste hat diesmal Herter geleistet. Eine lebenS« große Gruppe