Nnterhaltungsblatt des HorwSrts Nr. 120. Donnerstag, den 25. Junr. 1908 (Nachdruck UctOolen.) 11„Gräff!" (Trauermahlzeit.)' Von Timm Kröger. s,Wat magst du am lewsten?"— Wenn man so fragt, dann handelt es sich nicht um Spiel und Sport, nicht ein- mal um Trinken, sondern,— das weiß jeder im Dorf,— nur um Essen, genau ausgedrückt: um das, was man mit Löffel,— der Löffel gehört mit dazu,— mit Löffel, Messer und Gabel dem Magen zuführt. „Wat magst du am lewsten?"— Das ist die direkte Frage nach dem Leibgericht. Es war ein zeitiges, mildes Frühjahr, junges Grün schoß auf wie Salat, gelbe Hundsblumen wuchsen auf Krischan Suhrs„Kopteinslage", Brunnenkresse im Wallschatten, und die Vögel waren lustig.< Im Sonnenschein räkelten sich Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun. Dreizehn bis vierzehn Jahre waren sie alt und barfuß; Jörn und Hans hatten kurze. Peter etwas längere Beine. Drei lange Peitschen lagen im Gras, denn alle drei hatten Kühe nach den Weiden getrieben. „Wat magst du am lewsten?" fragten sie sich. Ueber ihnen im Knick wuchs ein Eichbaum. Der West- wind hatte ihn gezaust, nun streckte er die Arme nach Osten jiber Nachbar Thuns„Hans Kamp". Als die Knechte den Knick abgeholzt hatten, war er ein junger Sproß gewesen, dem sie das Leben geschenkt. Nun wuchs er schon eine Reihe von Jahren und schlug sich tapfer mit dem Westwind. Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun kümmerten sich nicht um die Eiche und nicht um den Westwind. » ♦ * Viele Leute können nicht gleich Antwort geben, wenn man sie nach ihrem Namen fragt. Den drei Knaben ging es ebenso bei der Frage:„wat magst du am lewsten?" Es ging ihnen wie den Kardinälen bei der Papstwahl. Eine Reihe Papabiles, es gab viele Gerichte, die in Frage kamen. Aber bei jedem fühlte man, daß ihnen zum Aller- besten etwas fehle. Erbsensuppe, Bohnensuppe. Pfannkuchen, sogenannte fette Mahlzeit, Schinken und Schinkengerichte, allerlei Fische, Schwarzsauer. Es sind gute Gerichte, namentlich Schwarzsauer, wenn tüchtig Speck darin ist und Buchweizen- klöße, groß wie eine Baucrnfaust und hart, Löcher in den Kopf zu schmeißen.— Und dann„Förtchen":— wer nennt all die Herrlichkeiten? Grütze mit Sirup,— Grütze mit Sirup vor allen Dingen. „Ihr habt Aalsuppe vergessen," sagte Hans Thun. Er stand auf dem linken Bein und scheuerte sich die Wade mit der rechten großen Zeh.—„Die Suppe ganz fett, Aalstiicke dick wie mein Handgelenk. Mutter hat da Erbsen mit ein- gekocht. Ich darf langher auf den Tisch kriechen. Augen über den Topfrand, den Grund mit dem Löffel aufwühlen. Was alles in die Höhe kommt: grüne Erbsen, Wurzeln, Klöße, Petersilie. Die Suppe ist ganz„lummerig". Vater sagt: Jung friß, heut is Aalsupptag! Und ich fresse." Der Vater von Peter Heesch hatte die Fischerei. Peter kriegte dreimal in der Woche Aal oder Fisch: er war nicht für Aal, er war fiir bunten Mehlbeutel, Reis voran,„das gibt's zu Weihnachtsabend, und das ist das Best." „Moer streut braunen Kancel und Zucker und gräbt ein Loch in der Mitte und steckt Butter hinein, und wenn der Reis all ist, dann kommt der Mehlbeutel, weißgelb von Mehl und Eiern und rund Wien Backofen und voller Koriisihen und Rosinen." „Ich glaube." sagte Jörn Suhr,„so eine Suppe, wie man sie auf Gräffs ißt, schmeckt besser als Aalsupp und auch besser als Mehlbeutel." Hans Thun und Peter Heesch waren noch nicht auf Gräffs gewesen, aber Jörn Suhr(sein Mars Ohm von Balkenhof war Dienstag begraben) konnte davon erzählen. Auf drei Löffel zwei Pfund Fleisch. Reis in der Suppe ge- kocht, eine Kumme voll für jeden. Wenn er aufgefüllt wird, läuft das gelbe Fett heraus. Klöße aus Eiern. Fett und ein bißchen Weizenmehl, so viel, daß der Löffel in der Terrine steif steht. Man drückt sie mit der Zunge an den Gaumen, und sie zergehen. Am Grund der Terrine liegt es ganz schwarz voll von Klößen aus Fleisch. Der alte Jörn Decker ini Moor wird von allen drei Knaben„Ohm" genannt, denn er ist mit allen verwandt. Er ist alt und krank und bettlägerig, lange kann es nicht mehr währen bis zu Jörn Decker Ohms Gräff. Dann wollen sie alle drei hin und sehen, ob so eine Gräff besser schmeckt als Aalsupp und bunter Mehlbeutel. s»* « Im Himmel dreht man eine Kurbel, woran die Zeit auf- gerollt ist. Es fielen viele Jahre aus der Ewigkeit hinab in die Zeit. Sechzig Jahre sind dahin. Nun wollen wir sehen, wie es auf der Kopteinslage steht lind was Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun machen. Wie wurde es mit Jörn Decker Ohm? Bei Jörn Deckers Grabmahlzeit haben sie alle drei ge- schwelgt, da war es außer Frage: über Gräff ging nicht?. Aber es ist lange her. Sechzig Jahre. *«* Lebt Jörn Suhr noch? Ja, er lebt noch und ißt sein Leibgericht, so oft er kann. Er ist Junggeselle geblieben, seines Vaters Stelle hat er verkauft, er sitzt bei fremden Leuten in der Käthe auf dem Altenteil, zusammen mit einer alten Haushälterin, die eine erträgliche Suppe kocht.* Die Vorliebe für Trauermahlzeiten hat sich bei ihm ver- tieft, die Freuden einer Gräff genießt er mit großer Kunst. Wenn irgendwo Gräff ist, dann läßt er seine Wirtschafterin Maleen und Maleens Suppe im Stich. Daun rasiert er sich das Kinn(es hängt inzwischen schwer an faltigen Backen, er ist überhaupt ein altes, graues Männchen geworden), er rasiert sich also das Kinn, kriegt seinen schwarzen Anzug her und seinen alten Topfhut, macht sich fertig, entnimmt einem auf dem„Gericht" im Wandbett liegenden Futteral Messer, Gabel und Löffel, alles in echtem Silber, mit roten Funkel- steinen am Griff, wickelt sie in das„Jtzehoer Wochenblatt", holt seinen braunen Handstock mit Krücke aus dem llhr- gehäuse, ruft der Alten, die irgendwo in Küche, Kammer oder Keller steckt, zu:„Ick ga no weg", worauf prompt aus dem Hintergrund die Antwort kommt:„Dat is good," und gleich darauf hört man die„Blangdör" und hört jemand mit dem Stock über die Steine tappen. Hochzeiten sind ihm zu geräuschvoll, die hat er auf- gegeben, Totenmahlzeiten sind seine einzige Freude. Dabei fehlt er aber auch im Dorf und eine halbe Stunde rund herum nie. Man weiß das, man ladet ihn gleich ein. Wes- halb soll man dem Alten nicht den Gefallen tun? Gräffs und Jörn Suhr gehören zusammen. Sobald er in dem schwarzen Beiderwand mit altem. glattrasiertem Gesicht(das Handwerkszeug in der Brusttasche) erscheint, heißt es:„Jörn komm her, sett di dal." Wenn er sich niedergelassen hat, geht ein verhaltenes Zucken vom Kinn aufwärts nach dem Mund und weiter nach den Augen. DaS blitzende Handwerkszeug entrollt er und legt es neben seinen Teller, er faltet die Hände, betet und— erwartet die Suppe. Wir sagen, eine Gräff macht ihm Freude, wir dürfen es sagen, ohne seinem Herzen zu nahe zu treten. Es kommen Todesfälle vor, die ihn betrüben,— aber ist das ein Grund, sich die Suppe nicht schmecken zu lassen? Weihevoll ist seine Seele bis zum letzten Fleischkloß: Reis und Mehlklöße und Fleisch,— alles verzehrt er, erfüllt von dem Bewußtsein, daß wir alle in Gottes Hand beschlossen sind. Die Sachen mit den Rubinen sind für ihn feierliche Opfergeräte. Er wacht sorgfältig über ihre Verwahrung, ei legt sie selbst auf das Gericht seines Bettes. So wurde ihm der Tod vertraut.—„Der Tod ist kein schlechter Mann," pflegte er zu sagen,„dem Seligen schenkt er Ruhe und den anderen gibt er Suppe. Den Tod fürchte — 4' ich nicht. Aber, hjrnn er lange Vorbereitungen macht, das und die Quälereien, die damit verbunden sind, davor habe ich Bange." Einmal,— es war bei der Gräff des alten, reichen Ott, da brachte Jörn Suhr einen mit,— einen neuen Gast und alten Mann, einen Greis mit langen Beinen und guter Haltung. Man aß auf der Hausdiele, der neue stand, so lange er noch nicht bekannt gegeben war, so bißchen verloren herum und lehnte au den aufrecht an die Wand gestülpten Backtrog. Jörn Suhr aber ging stracks zur Frau Ott und sagte:„Guten Tag, Gleichen! Ich Hab einen guten Freund mitgebracht,— du kennst ihn, er ist ein hiesiger,— Peter Heesch heißt er. Er mag auch so gern Gräffs. Darf er ein bißchen mitessen?"— Und Gleichen Ott antwortete:„Ja, Jörn, das darf er gern." Sie wendete sich an den Neuen. ihm die Hand gebend:„Wir kennen uns ja, Peter.— Nun komm hier man her und setz' dich nieder!" Und Peter Heesch erhielt einen Stuhl neben Jörn. Messer, Löffel und Gabel hatte er mitgebracht, sie sahen ein- fach aus und waren von Zinn. Vierzig Jahre vielleicht wohnte Peter Heesch nicht mehr im Dorf. Er hatte auf der ditmarscher Geest eine kleine Stelle gehabt. Es war ihm die Frau gestorben, die Stelle hatte er verkauft. Nun zog er nach seinem Heimatsdorf zu einer dort verheirateten Tochter. Nach seiner Einführung bei Frau Ott war Peter Heesch bei Trauermahlzeiten ebenso gut ständiger Gast, wie Jörn Suhr. Voll Spöttern wurden Jörn Suhr und Peter Heesch„de Aaaskreien" genannt. Wenn gutes Wetter war, sah man die Krcien im Ge- folge, in der Regel aber kamen sie erst, wenn die, die vor Gott im Staub gelegen hatten, sich anschickten, bei Fleisch- klößen und Reis wieder aufrecht zu sitzen. Erst beschatteten ihre hohen, rauhaarigeil Hüte die Diclenfenster, dann öffnete sich die Blangdör und die beiden Kreicn waren da. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Die Gcfcbicbtc der Neben Gehängten» In dieser feierlichen, nur von den traurigen Klagen der fliehenden Stunden unterbrochenen Stille, erwarteten, getrennt von allem Lebendigen, fünf Menschen, zwei Frauen und drei Männer, den Eintritt der Nacht, der Dämmerung und der Hin- richtung, und jeder von ihnen bereitete sich in seiner Art auf diese vor. Wie ihr ganzes Leben lang dachte Tanja Kowaltschuk auch jetzt nur an die andern, niemals an sich und härmte und grämte sich um jener willen. Der Tod hatte für ihre Vorstellung nur in- soweit Bedeutung, als Sercscha Golowin, und Mußja, und die andern von ihm Qual und Pein zu erwarten hatten— sie selbst ging er gleichsam gar nichts an. Um sich für ihre erzwungene Standhaftigkeit vor den Richtern schadlos zu halten, weinte sie ganze Stunden lang— wie nur alte Frauen, die viel Schmerzliches kennen gelernt haben, oder junge, sehr weichmütige, gutherzige Menschen weinen können. Die Vorstellung, das; Sejescha vielleicht keinen Tabak hatte, daß Werner möglicherweise seinen gewohnten starken Tee entbehren mußte, und daß sie beide obendrein sterben mußten, quälte sie vielleicht nicht weniger als der Gedanke an die Hinrichtung selbst. Die Hin- richtung war für sie etwas Unvermeidliches, ja sogar Nebensäch- liches, an das zu denken nicht lohnte— wenn aber jemand im Gefängnis, noch dazu vor seiner Hinrichtung, keinen Tabak hat: das ist ganz unerträglich. Sie rief sich alle die traurigen Einzel- heiten ihres genieinsamcn Lebens ins Gedächtnis zurück und starb fast vor Angst, wenn sie sich das Wiedersehen Sereschas mit feinen Eltern vorstellte. Eine ganz besondere Art von Traurigkeit ergriff sie, wenn sie an Mußja dachte. Lange schon vermutete sie, daß Mußja Werner liebte, und wenn dies auch keineswegs der Fall tvar, so beschäf- tigte sich doch ihre Phantasie gern damit, für die beiden etwas recht Schönes, Herrliches zu ersinnen. Da sie noch frei waren, trug Mußja einen silbernen Ring, auf dem ein Schädel nebst Ge- deinen, umgeben von einem Dornenkranz, abgebildet war; mit schmerzlicher Empfindung sah Tanja Kowaltschuk oft auf diesen Ring als auf ein Symbol der Todesweihe, und halb scherzend, halb im Ernst hatte sie Mußja gebeten, ihn vom Finger zu nehmen. „Schenk mir den Ring", bat sie. „Rein, Tanetschka, ich schenk' ihn Dir nicht. Du wirst bald einen anderen Ring am Finger tragen." Merkwürdigerweise nämlich nahm man an, daß auch Tanja 8— sich bestimmt in nächster Zeit verheiraten würde, worüber fie sehr aufgebracht war, da sie von einem Manne nichts wissen wollte. Jetzt fielen ihr diese halb scherzhaften Gespräche mit Mußja wieder ein, und wenn sie sich vorstellte, daß Mußja nun wirklich verlobt war, so erstickte sie förmlich in Tränen, vor lauter mütterlichem Kummer. Jedesmal wenn die Uhr schlug, hob sie ihr verweintes Gesicht empor und horchte— wie wohl die anderen dort in ihren Zellen diesen langgedehnten, zudringlichen Todesruf aufnehmen würden. Mußja aber war glücklich. Die Hände auf dem Rücken, schritt sie in ihrem Arrestanten- kittel, der für sie zu groß war und ihr das Aussehen eines Jungen gab, den man in die Kleider eines Erwachsenen gesteckt, gleich- förmig und unermüdlich in ihrer Zelle auf und ab. Die Aermel des Kittels waren ihr zu lang, und sie hatte sie aufgestreift, daß die fast kindlich schlanken, mageren Arme aus den weiten Oeff» nungen hervorragten wie Blumenstengel aus der Oeffnung eines plumpen, schmutzigen Kruges. Der grobe Stoff hatte den schlanken weißen Hals wund gerieben, und von Zeit zu Zeit machte Mußja, mit einer Bewegung beider Arme, ihren Hals frei und befühlte vorsichtig mit dem Finger die Stelle, an der ihre Haut gerötet und wund war. Mußja schritt auf und ab, ganz rot vor Erregung, und suchte eine Rechtfertigung vor den Menschen. Sie suchte eine Recht- fcrtigung dafür, daß sie, die so jung und unbedeutend war, die noch so wenig geleistet hatte und überhaupt nichts von einer Heldin besaß, denselben ehrenvollen und schönen Tod sterben sollte, den vor ihr nur wirkliche Helden und Märtyrer gegangen waren. Mit unerschütterlichem Glauben an menschliche Güte, menschliche Mit- empfindung und Liebe suchte sie sich vorzustellen, wie jetzt die Menschen sich ihretwegen erregten, sie beklagten und bedauerten, und sie errötete über so viel unverdiente Ehre. Es war ihr, als ob sie durch ihren Tod am Galgen eine große Ungehörigkeit beginge. Bei der letzten Unterredung mit ihrem Verteidiger hatte fie diesen gebeten, er möchte ihr doch Gift verschaffen, dann aber sagte sie sich wie in plötzlicher Eingebung: wenn er nun samt den andern glaubt, daß fie das aus Prahlerei tut, oder aus Feigheit und. statt still und unbemerkt zu sterben, nur Aufsehen machen will? Und sogleich hatte sie ihre Bitte widerrufen: ..Nein, lassen Sie es lieber, es ist nicht nötig." Auch jetzt hatte sie nur den einen Wunsch: den Menschen klar zu beweisen, daß sie keine Heldin sei, daß der Tod gar nichts Schreckliches an sich habe, und daß man sich überhaupt nicht um sie zu bekümmern und sie zu bemitleiden brauche. Ihnen klar zu beweisen, daß sie nichts dafür konnte, wenn man sie, ein junges, unbedeutendes Mädchen, durch einen solchen Tod auszeichnete und ihretwegen so viel hermachte. Da sie aber einmal mit angeklagt war, so suchte fie doch wenigstens nach irgend einer Rechtfertigung, nach Argumenten, die ihr Opfer wenigstens seinem wahren Wert nach bestimmten. „Gewiß, ich bin jung," sagte fie sich,„und könnte noch lange leben. Aber?.. Und wie eine Kerze im Glänze der aufgehenden Sonne ver- blaßt, so erschien ihre Jugend und ihr Leben ihr dunkel und trüb im Vergleich mit dem herrlichen, strahlenden Lichte, das ihr bescheidenes Haupt umleuchten sollte. Nein, es gab dafür keine Rechtfertigung. Aber vielleicht lag eine solche in jenem ganz besonderen Etwa?, das sie in der Seele trug, jener grenzenlosen Liebe, Tatbereitschaft und Selbsthingebung? Traf sie denn eine Schuld, weil man sie nicht alles das hatte verrichten lassen, was sie verrichten konnte und wollte, weil sie an der Schwelle des Tempels, am Fuße des Altars erschlagen worden war? Wenn also der Mensch nicht nach dem zu werten ist. was er vollbracht hat, sondern nach dem, was er vollbringen wollte,,, dann war sie doch wohl der Märthrerkrone wert?I „Bin ich es wirklich?" fragte Mußja sich verschämt.„Verdiene ich fie wirklich? Verdiene ich es, daß die Menschen um mich weinen, sich um mich beunruhigen— um mich, die ich so klein und so unbedeutend bin?" Und eine unsagbare Freude erfüllte fie. Nein, eS gab keinen. Zweifel und kein Schwanken: sie war aufgenommen in den Kreis der Erwählten, sie tritt gleichberechtigt in die Reihen jener Licht- gestalten, die von alters her durch Scheiterhaufen, Folter und Tod zum hohen Himmel emporschreiten. O Ruhe und Friede, so hehr. o uferloses, still leuchtendes Glück I Es war ihr, als hätte sie die Erde schon verlassen, als weilte fie in der Nähe der unbekannten Sonne der Wahrheit und des Lebens und schwebte körperlos dahin in ihrem Lichte. „Und das nennen sie den Tod! Was ist das für ein Tod?" dachte Mußja selig. Und wenn die Gelehrten, Philosophen und Henker der ganzen Welt sich in ihrer Zelle versammelten, ihre Bücher, Seziermeffer, Beile und Stricke vor ih- ausbreiteten und ihr bewiesen, daß der Tod existiert, daß der Mensch stirbt und getötet werden kann, daß es keine Unsterblichkeit gibt— so würden sie sie alle nur in Er- staunen setzen. Wie kann es keine Unsterblichkeit geben, wenn fie schon jetzt unsterblich ist? Von welcher Unsterblichkeit, von welchem Tode kann noch gesprochen werden, wenn sie schon jetzt tot und un» sterblich ist, lebendig im Tode, wie sie lebendig war im Leben? Und wenn man in ihre Zelle einen Sarg hineinbrächte, in Kem ihr eigener verwesender, die Luft verpestender Körper läge und man sagte ihr: „Sieh! Das bist Du!" Tann würde sie hinschauen und antworten: «Nein. Das bin ich nicht." Und wenn man sie durch diesen abscheulichen Anblick der Ver- wesung erschrecken und ihr einreden wollte, daß sie es dennoch sei, sie und keine andere— dann würde Mußsa lächelnd antworten: »Nein. Ihr meint, daß ich das da sei, aber das bin ich nicht. Ich bin die, mit der Ihr jetzt redet, wie kann ich dann das da sein?" „Aber Du wirst sterben und wirst das werden.' „Nein, ich werde nicht sterben." „Man wird Dich hinrichten. Dort liegt schon der Strick." „Man wird mich hinrichten, aber ich werde nicht sterben. Wie kann ich sterben, wenn ich schon jetzt unsterblich bin?" Und die Gelehrten, Philosophen und Henker würden von ihr ablassen und zitternd sprechen: „Rühret nicht an diesen Ort! Dieser Ort ist heilig." Worüber dachte Mußja sonst noch nach? Ueber gar vieles dachte sie nach— denn der Lebensfaden war für sie mit dem Tode nicht abgerissen, sondern spann sich ruhig und gleichmäßig weiter. Sie dachte an die Genossen— an die in der Ferne, die unter Kummer und Schmerz ihre Hinrichtung mit durchlebten, und an die in der Nähe, die mit ihr gemeinsam das Schafott besteigen würden. Sie wunderte sich über Wassili— was ihn wohl so eingeschüchtert haben mochte? Er war immer sehr tapfer gewesen und konnte sogar scherzen mit dem Tode. So hatte er noch an jenem Diens- tagmorgen, als sie beide die Höllenmaschinen an ihrem Gürtel befestigten, die wenige Stunden später sie selbst zerreißen mutzten, gescherzt und seine Spaße gemacht, während Tanja Kowaltschuk vor Aufregung so gezittert hatte, daß man sie beiseite führen mußte. So unvorsichtig hatte Wassili sich benommen, daß Werner ihm streng zurufen mußte: „Man darf mit dem Tode nicht familiär werden." Wlas hatte ihm jetzt wohl diese Furcht eingejagt? So fremd trar Mutzjas Seele diese unbegreifliche Furcht, daß sie es bald aufgab, darüber nachzudenken und ihre Ursache zu ergründen. Da- für wandelte sie plötzlich das leidenschaftliche Verlangen an, Sere- scha Golowin zu sehen und mit ihm gemeinsam über irgend etwas zu lachen. Und noch leidenschaftlicher verlangte sie danach, Werner zu sehen und ihn von irgend etwas zu überzeugen. Und wie sie sich so vorstellte, daß Werner in seiner bestimmten, abgemessenen Gangart, immer die Absätze fest gegen den Boden stemmend, neben ihr hergehe, da sprach Mußja im Geiste zu ihm: „Rein, Werner, mein Lieber, das ist alles Unsinn, das ist durchaus gleichgültig, ob Du den N. N. getötet hast oder nicht. Du bist ein kluger Mensch, aber Du spielst sozusagen immer Schach: erst eine Figur nehmen, dann die zweite— und dann hat man gewonnen. Die Hauptsache, Werner, ist, daß wir selbst bereit sind zu sterben. Verstehst Du? Was denken denn diese Herren? Daß es nichts Schrecklicheres gibt als den Tod. Sie haben ihn selbst ausgeklügelt, diesen Tod, haben selbst Angst vor ihm und schrecken uns damit. Ich hätte sogar Lust zu folgendem Wagnis: ganz allein möchte ich mich vor ein ganzes Regiment Soldaten stellen und aus meinem Browning auf sie schießen. Ganz allein will ich dastehen, und ihrer mögen ruhig Tausende sein, und auch töten will ich keinen. Das eben ist die Hauptsache, daß ihrer Tausende sind. Wenn Tausende einen Einzelnen töten, so heißt das, daß dieser Einzelne gesiegt hat. Das ist die Wahrheit, lieber Werner." (Fortsetzung folgt.) HcdlHerfdbftrnorcle und Scbuliiinden. Von Otto Rühle. I. In der Psychologischen Gesellschaft in Berlin hat kürzlich Dr. Gremzow in einem Vortrage über die Psychologie des Selbst« mordes erklärt,„daß die modernen Schülerselb st morde weit weniger auf pädagogische Mißgriffe, deren Be« streben allerdings nicht hinweggeleugnet werden kann, als auf das ganze gegenwärtige soziale Milieu zurück- zuführen seien". Die Behauptung ist in dieser Form entschieden falsch. Richtiger dürste es sein zu sagen, daß die außerordentliche Häufigkeit der Schülerselbstmorde zu erklären ist aus dem Lebens- milieu deS Kindes, in dem die Schule eine große und infolge ihrer natur- und vernunftwidrigen Erziehungsmethode verhängnisvolle Rolle spielt. Denn darüber kann bei unvoreingenommener Prüfting der Sachlage gar kein Zweifel mehr bestehen, daß die Schule in der ziemlich abwechsclungsvollen Reihe der Motive, die in dem Kinde den furchtbaren Entschluß zu gewaltsamer Vernichtung des Lebens reifen lassen, eine Hauptrolle spielt. Welch ein unbegreifliches, in seiner widerspruchsvollen Tragik erschütterndes Bild: die Schule, die alles Edle, Große, Reine in den Geist und das Gemüt des Kindes senken, den noch leitsamen Willen zu Festigkeit und Tatkraft für den Daseinskampf erziehen, überhaupt den werdenden Menschen durch harmonische Entwickelung aller seiner physischen wie psychischen An- lagen zu entschiedenster, kräftigster und freudigster Lebensbejahung befähigen soll— dieselbe Schule als Ursache verzweifelter Daseins- Verneinung, als unerbittliches- Motiv bedingungsloser Lebens- Vernichtung! Man begreift, daß die Pädagogen sich entrüstet und erbittert gegen ein Eingeständnis ihrer Schuld wehre» und Argumente aus den Wänden kratzen, um der Wucht dieser Anklage nicht zu erliegen. Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts kannte man Kinder» selbstmorde kaum; aus fast allen Ländern— Preußen, Frankreich, England. Italien usw.— wird dies bezeugt. Nur ganz ver- ein zelte Fälle, die als etwas Unerhörtes galten, kamen vor; so in Berlin von 1783 bis 1787 ein einziger Fall. Im nächsten Jahrzehnt waren es schon drei. Ouetelet. einer der Begründer der Moral- und Sozialstatistik, war der erste, der auf die allmähliche Zunahme der Ki n d'ers e l b stm o r d e hinwies, und schon um das Jahr 1825 klagte Dr. Casper in seinen„Bei- trägen zur mediz. Stat.": Nirgends zeigt sich die Schattenseite der Kultur wohl greller, als wenn wir die fast unglaublich scheinende Zunahme der Kinderselbstmorde in der neuesten Zeit betrachten. Und 1346 schrieb er in seinen„Denkwürdigketten": Die Kinderselbstmorde sind überall in der Monarchie in der neueren Zeit in so steigender Häufigkeit vorgekommen, daß es ermüdend wäre, auch nur einen Teil solcher Fälle hier bekannt zu machen. Auch anders Statistiker heben bis in die neueste Zeit herauf die Zunahme der Kinderselbst- mordziffern hervor, so Heyselder, Griesinger, Prinzing, Siegerl u. a., während Guttstadt. Rehfisch und Baer nicht ohne weiteres diesen Standpunkt teilen, sondern mehr oder weniger der Anficht zuneigen, daß die Selbstmordhäufigkeit gewiß bedeutend zugenommen habe, der Anteil der Kinderfelbstmorde hingeben im allgemeinen der gleiche geblieben sei. Dieser Auffassung steht allerdings die offizielle Statistik entgegen, ganz zu schweigen davon, daß schon die regel- mäßige Verfolgung der Tagespreffe ohne weiteres eine unzweifelhafte Steigerung der Selbstmordhäufigkeit bei Jugend- lichen erkennen läßt. Nach der Statistik kamen in den Jahren 1869—73 im jährlichen Durchschnitt auf 666 623 Kinder ein Selbstmord, während bis zur Periode 1894 bis 1898 diese Ziffer auf 497 815 zurückgegangen ist. Dies bedeutet offenkundig eine Zunahme der Kinderselbstmorde. In den drei Jahrzehnten 1869—93 sind allein in Preußen insgesamt 1763 Kinder(1346 Knaben und 362 Mädchen) durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Eine ganz ungewöhnlich hohe Ziffer in dieser trüben Statistik weist das Königreich Sachsen auf. Nach Dr. Krell kamen hier in, Jahre 1966 schon auf 166 Selbstmorde ein Kinder- selbstmovd, 1962 sogar schon auf 42 Selbstmorde. Dabei gilt für die Statistik der Kinderselbstmorde, wie Dr. Baer betont, ganz be- sonders,„daß ihre Zahl in Wirklichkeit größer ist, als die osfiziell ermittelte". Ungleich interessanter als die Ermittelung der Selbstmord- Häufigkeit ist die Ergründung der Motive, die zum Selbst- mord führen. Besonders die Kinderselbstmord« stellen ein der wissenschaftlichen Erschließung und Durchforschung noch dringend be- dürstiges Gebiet dar; der Psychiatrie und Psychologie, Soziologie und Pädagogik eröffnen sich hier weite Felder zur Betätigung. Ein gesundes, widerstandsfähiges, wohlerzogenes Kind dürfte wohl nur in den allerscliensten Fällen den Gedanken des Selbstmords fassen, „aber nach Hunderttausenden zählen die geschwächten Schößlinge. die mit vernnnderter Lebensenergie zur Welt kommen, in denen Alkoholismus, Ausschweifung. Krankheit, Art und Ueberorbeitung der Eltern eine geringere Widerstandskraft fiir den Lebenskampf erzeugten. Oftmals können sorgfältige, liebevolle Erziehung, gute äußere Um« stände einen Ausgleich herbeiftihren, oft auch bleibt wenigstens der Anstoß zu einem tragischen Abschluß fern. Treten aber an solche Kinder mit den reizbaren Nerven, dem ausgeglichenen, oft über- empfindlichen Gemütsleben weitere Schädigungen und Kümmernisse heran, so ist der Weg zur Tragödie vorgezeichnet." Es liegt in der Natur des Selbstmordes im allgen, einen wie in seiner gesellschaftlichen Beurteilung im besonderen begründet, daß an ihm mancherlei Momente dunkel zu bleiben pflegen, nicht zum letzten die Ursachen, die sich der nachträglichen Erforschung am leich- testen zu entziehen vermögen. In allen Statistiken über Selbstmord- Ursachen findet sich denn auch die Rubrik:„Unbekannte Motive" und zwar durchgängig mit hohen Ziffern. So waren zum Bei- spiel unter 936 in den Jahren 1884 bis 1898 im Alter von 16 bis 15 Jahren ausgeführten Selbstmorden 337(37,4 Proz.) mit unbekannten Ursachen, und Morselli berechnete auf je 1666 Selbstmörder im Alter von unter 15 Jahren in Preußen für die Jahre 1869— 72 nicht weniger als 434 Knaben und 319 Mädchen, bei denen die Motive des Selbstmordes nicht zu ermitteln waren. Nun meint Baer, der zwar nicht wie Esquirol eine spezifische Jrrsinnsform als Selbstmordmotiv annimmt, aber leicht geneigt ist, Geistesstörung, psychopathische Minderwertigkeit und krankhafte Affekte als Hauptursachen der Kinderselbstmorde gelten zu lassen, auch„von den Fällen aus„unbekannten Uriachen" dürfe ohne jedes Bedenken ein großer Teil als solche angeschen werden, welche den minderwertigen, zweifelhaften, psychopathischen Motiven zugerechnet werden, deren wahrhafter Geisteszustand während des Lebens nicht erkannt worden ist." Dem entgegen ist Durand-Fardel der Meinung, daß Mißhandlung die häufigste Ursache der Kinderselbstmorde bilde: in idealer Konkurrenz hierzu sieht Ferriani, der als bedeutender Kinderpsycholog �bekannte italienische Staatsanwalt,.die Furcht vor der Schule" als das in den meisten Kinderselbstmordfällen ausschlaggebende Motiv an. Die Furcht vor der Schule! Eine kleine, aber doch so große und leidensvolle Welt tut sich da vor uns auf. eine Welt voll ungezählter Momente der Sorge und Angst, des Kummers und der Mühsal, des Ab- scheues und Grauens, des Schmerzes und der Verzweiflung, die in un- gezählten Schattierungen die Herzen und Hirne der Kinder durch- zucken und durchzittern. Da sind kleine bejammernswerte Lohn- Proletarier, von früh bis spät ins Arbeitsjoch gespannt, die,«vcnn sie abgehetzt und mit knurrendem Magen in der Schule das einzige Ruheplätzchen einnehmen, das der Tag ihnen bietet, dem Unterricht nicht zu folgen vermögen. Das Lernen wird ihnen zur Qual, der Lehrer, der sie allen Hemmnissen zum Trotz vorwärts bringen will, erscheint ihnen als Peiniger, die ganze Schule mit all ihrer Kälte, ihren Schroffheiten und Martern löst bei ihnen nur Enipfindungen der Angst, des Widerstrebens und Schreckens aus, die sich bis zu Lebensüberdruß und Verzweiflung steigern können. Da sind weiter die Kranken, die Abnormen, die Krüppel, deren geistige Schwäche und Minderwertigkeit oft genug nicht erkannt wird, die als„Faul- pelze" und„Faselhänse" mit Prügeln traktiert werden und denen der Unterricht zur Hölle gemacht wird. Die Enterbten, Heimat- und Elternlosen, die früh ins Leben Gestoßenen, die Hungrigen und Entkräfteten, die vielfach Mißhandelten, erblich Belastete, Degene- rierten und Demoralisierten, Verwahrlosten und frühen Opfer der Zwangserziehung und der Gefängnisse— schier endlos ist der Elendszug. Dazu die feinfühligen Naturen, die Sensiblen und krankhaft Empfindsamen, die von übertriebenem Ehrgeiz Beherrschten und in falschen Vorurteilen Befangenen. Sie alle stellen das Kon- tingeirt der jugendlichen Selbstmörder. kleines femlleton* DaS Genesen. Wohl ist in den Krankenhäusern dem Menschen eine Bürde auferlegt; denn Beschwerden aller Art und Schmerzen sind ihre Begleiter, und oft setzen sie dem Leben selbst ein mehr oder weniger plötzliches Ende. Aber ihnen verdanken wir auch «ins der schönsten und wohltuendsten Gefühle: das Genesen. Ver- gessen sind die schweren, bangen Tage; stiller, ruhiger Friede lagert auf dem Antlitz, und der verlorene Glanz kehrt dem matten Auge wieder, während die neuerwachendc Freude am Leben die Brust immer weiter spannt und neue Hoffnungen das Herz � erfüllen. Der Genesende geht einem neuen, sonnigen Leben entgegen. Mit dem seelischen Wiederaufleben geht die körperliche Erholung Hand tn Hand; die gesteigerte Eßlust des Hungrigen und ruhiger, tiefer Schlaf tun das ihrige dazu. Wie die meisten unserer besonderen Empfindungen, Gefühle und Stimmungen in besonderen körper- lichen Veränderungen und Vorgängen ihre Grundlage und An- regung haben, so auch das Wohlbehagen des Genesenden. Durch die zehrende Krankheit ist der Körper abgemagert, zusammen- geschrumpft, also an Masse weniger geworden, und zwar in allen feinen Teilen ziemlich gleichmäßig. Hat die Krankheit aber den Körper endgültig verlassen und arbeiten die Organe' wieder in Harmonischer Eintracht, dann nimmt auch die Masse des Körpers, das Gewicht, wieder zu, d. h. der Körper wächst, und zwar wächst er in seine frühere volle Form hinein. Und gerade dies Wachsen und Dehnen des Körpers ruft das wohlige Gefühl und Behagen hervor, das der Genesende empfindet. Am stärksten ausgeprägt ist das herrliche Gefühl des Gencsens nach den fieberhaften Er- trankungen. Diese lassen den Körper verhältnismäßig schnell und stark abmagern, und so folgt ihnen naturgemäß auch ein ver- hältniSmäßig schnelles und energisches Wachsen des Körpers. Aber auch da wieder mit Unterschied. Am kräftigsten setzt das Wachsen dort ein, wo das Fieber ziemlich plötzlich den Körper verläßt, wo die Krankheit krisenhaft endet. Das ist z. B. immer der Fall bei einer Lungenentzündung, in gewissem Grade auch bei Scharlach, Masern und anderen Krankheiten. Schon weniger beim Typhus, wo das Fieber meist ganz allmählich heruntergeht, das Wachsen verhältnismäßig langsam einsetzt und ebenso langsam fortschreitet, hier wird daher das Genesen weniger deutlich empfunden. Das Wachsen des Körpers nach einer überstandenen fieberhaften Krank- heit laiin aber auch noch durch besondere Umstände verzögert, die iEmpfindung deS Gencsens damit herabgestimmt werden. Es kommt nämlich gerade bei fieberhaften Erkrankungen nicht selten vor, daß «m Verlaus der Krankheit das eine oder andere Organ geschädigt wird und durch eine Funktionsstörung dauernder Schaden zurück- bleibt. So wird bei dem akuten Gelenkrheumatismus, einer mit Recht sehr gesürchtcten Krankheitz häufig das Herz in Mit. feidenschaft gezogen. Es bleibt dann als Funktionsstörung ein »Herzfehler" zurück, wenn auch mit der Zeit ein gewisser Aus- gleich durch erhöhte Arbeitsleistung dieses Organs eintritt. Auch oaS Alter ist von Einfluß auf ein schnelles oder langsames Wachsen deS Körpers nach einer Krankheit, denn der jugendliche Leib erholt sich schneller als der alternde. Ganz besonders aber spricht auch die allgemeine Körpcrbcschaffcnheit deS Genesenden, die Festigkeit seines Organismus, mit; der von Natur auS Schwächliche genest langsamer als der Kräftige. Das Wachsen und Dehnen de? Körpers wird überhaupt nur dann als ein wohliges Gefühl empfunden, wenn der Körper in all seinen Teilen wächst. Es gibt nämlich sogar eine Art von Krank- heiten, die gerade auf dem Wachsen des Körpers beruht; das sind die sogenannten Neubildungen, von denen der Krebs am meisten bekannt und gefürchtet ist. Bei diesen Krankheiten handelt es sich aber um ein beschränktes Wachsen des Körpers an irgend einer besonderen Stelle(Magen-, Brust-, Lippenkrebs usw.). Das sind also Auswüchse, die ein ungezügeltes, wildes Wachstum des Körpers darstellen. Durch dies auf eine oder mehrere besondere Stellen des Körpers beschränkte naturwidrige Wachsen werden den übrigen Körperteilen die Lebenssäfte entzogen, so daß der Körper immer mehr abmagert. Solche Kranken stehen daher in ihrem Allgemein- befinden nicht unter dem Zeichen des Wachsens und Tehnens, sondern unter dem der Schrumpfung und Zusammcnziehung, und infolgedessen ist gerade dabei das Krankheitsgefühl sehr ausgeprägt. Denn wie jedes Wachsen und Ausdehnen des Körpers mit einem angenehmen, so ist umgekehrt jedes Schrumpfen und Zusammen- ziehen mit einem unangenehmen Gefühl verbunden. Leider gibt es noch zahlreiche andere Krankheiten, die der Körper nicht über» winden kann. ES sind dies die meisten der chronischen Krankheiten, die vielfach durch vorzeitige» Schrumpfen besonderer Organe, wie der Nieren, der Leber usw. bedingt sind. Solchen und noch manchen anderen Krankheiten winkt nicht der Glücksstern der Genesung.--- Dr. E. K o e n i g, Technisches. Da» Höhen st euer Zeppelins. Die neuerlichen Auf- stiege des Zeppelinschen Luftschiffes, bei dem ein neues Seitcnsteucr ausprobiert wurde, lenken die Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf die Manövriervorrichtun(jen des Riesenballons, über die zum Teil immer noch keine vollständige Klarheit herrscht. Namentlich das Prinzip der Höhensteuerung ist vielfach unrichtig dargestellt worden. Aus diesem Grunde übernimmt es O. de Quervain, einer der fachmännischen Beiräte Zeppelins, in der„Deutschen Zeitschrift für Luftschiffahrt" das Wesen und die Wirkungsweise der gc- nannten Vorrichtung auseinanderzusetzen. Im Prinzip ist ihre Rolle die gleiche, wie die jener Tragflächen, die bei den eigentlichen Drachenfliegern durch Schrägstellung gegen eine Luftströmung die Hebewirkung hervorrufen. Bei einem Ballon dient eine solche Fläche dazu, ohne Ballaswerlust Verschiebungen in vertikaler Rich- tung erzeugen zu können. Je größer solche Flächen, deren das Zcppelinsche Luftschiff je ein Paar vorn und hinten trägt, angelegt werden, je größer die Eigengeschwindigkeit des Ballons ist und je stärker die Neigung der Höhensteucr sich dem Maximum von 4ö Grad annähert, desto mehr wird der Auftrieb sich verstärken, so daß eine entsprechende Geschwindigkeit bei genügend großen Trag» flächen schließlich den hebenden Ballon vollkommen überflüssig machen würde. Bloße Vergrößerung der Steuerflächen kann jedoch den Hub nicht fortlaufend steigern, da der Luftwiderstand eine Grenze setzt. Bei prall gefülltem Ballon wird die Schrägstellung des Höhensteuers ein Emporsteigen bewirken, bis der Abtrieb, der durch die geringere Luftdichte in der Höhe erfolgt, einen Gleich- gcwichtsznstand schafft. Bei einem solchen Aufftieg bleibt das Luft- schiff horizontal, wenn beide Steucrpaare gleichstehen, nimmt jedoch eine geneigte Lage an, wenn nur ein Steuer schräg gestellt wird. Graf Zeppelin gab im Jahre 1SV6 die Hubkraft seiner Höhensteucr auf etwa 700 Kilogramm an, woraus sich berechnen läßt, daß durch die Steucrwirkung allein eine Höhendifferenz von SM Meter über- wunden werden kann, waS mit den bisherigen Ergebnissen auch übereinstimmt. Sehr wesentlich ist nun für die Wirkung der Höhen- stcuerung, ob der Ballon prall gefüllt oder schlaff ist, da sich je nachdem ein ganz anderer Wert ergibt. Es erscheint sogar vorteil- Haft, unter gewissen Umständen von vornherein mit schlaffem Ballon abzufahren, da der Gasverlust, der beim ersten Aufstieg niit prallem Ballon eintritt, vermieden werden kann. Ehe man der Motoren und der Höhenstcuerung ganz sicher war, mußte aller- dings auf pralle Füllung Gewicht gelegt werden, um nicht uuver- sehens in große Höhen aufzusteigen. Da diese Schwierigkeit jetzt aber fortfällt, ist es bei Höhen von 1S00 Meter, wie sie praktisch in Betracht kommen, nicht ohne Belang, den Ballon schlaff zu lassen. Allerdings ist dagegen einzuwenden, daß sich bei nicht praller Füllung das Gas zwischen den einzelnen Fahrten rasch verschlech- tcrt. Beim halbstarren System läßt sich durch Eichmmpen von Luft ins Ballonct leicht Abhilfe schaffen. Aber auch beim starren System dürfte sich dieser Uebelstand vermeiden lassen. Zum Schlüsse be- merkt de Quervain:„Wir können nicht umhin, mit Genugtuung zu konstatieren, daß die Ueberzeugung vom endlichen Erfolg des Zeppelinschen Unternehmens, welche wir an dieser Stelle vor drei Jahren unter weniger günstigen Auspizien zum Ausdruck brachten. sich seitdem schon so weit bestätigt hat, daß man von der gespannten Erwägung der Frage: Sein oder Nichtsein? jetzt ruhig zu einer solchen Detailerörterung übergehen kann." verantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.