Ilnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 128. Donnerstag� den 2 Juli. 1903 2) Mfia. �Nachdruck verboten�) Vioman aus dem modernen Sizilien von Emil Ras müssen. Autorisierte Uebcrsetzung von E. Stine. 2. Es ist Juni. Die Nacht ist finster, aber lau und still. Noch schläft Mrgenti: es ist mehrere Stunden vor Morgen. Längs der Hausmauern des Korsos und auf all den kleinen Plätzen oben in der Stadt schnarchen die Schnitter, die auf dem nackten Pflaster ruhen, einige mit einem Wams über dem Kops, andere mit einem Schal über der Brust, die wenigsten mit einem Sack oder einem Lumpen als Kopfkissen. Es sind Bergbewohner aus dem Innern der Insel, die den weiten Weg hierhergewandert sind, um, ehe ihr eigenes Korn der Krummsichel verfällt, für eine Lire(80 Pf.) Tageslohn den Weizen auf dem Flachlande zu schneiden. In den Bauern- stuben ist kein Platz für sie. Das Bett ist von den Eltern und den kleinsten Würmchen eingenommen, und der Raum, den Hühner, Esel und Maultiere auf dem gestampften Lehmboden st�eilassen, bleibt den älteren Kindern und den übrigen Familienmitgliedern vorbehalten. Hoch oben von dem Domkirchenviertel kommen zwei ver- mummte Weiber, ein junges und ein altes, durch die Finster- nis dahergeschlichen. Wie vorsichtig sie auch gehen, man hört das Klappern der Holzpantoffeln auf den Stufen der steilen Gassen, und auf den Piazettas, wo sie achtgeben müssen, um nicht auf die Schlafenden zu treten, hört es als einen Lärm, der Verwunderung erweckt, ja fast als ein Ereignis. Sie verschwinden in einem der kleinen Gäßchen unterhalb des Korsos, sehen sich um und gehen zu Zia Teresa hinein. Eine halbe Stunde später beginnen die Gassen zu er- wachen. Das Dunkel wird lebendig. Die krummen Gestalten erheben sich stumm und werfen das Wams über die Schulter. Ohne sich zu waschen, ohne etwas anderes zu sich zu nehmen als eine Krume Brot, ziehen sie hinaus zu des Tages Sonnen- brand und Schweiß. Dann kommen die einheimischen Bauern an die Reihe. Es klappert laut in all den steilen Gäßchen, die sich zwischen den armseligen Bauernhäusern wie Sturzbäche über den Bergabhang hinabschlängeln, sich in Stufen und Absätzen in den Felsen beißen oder dort, wo das schwierige Terrain irgendeinen reichen Signore gezwungen hat, sein Haus quer über den Weg anzulegen, unter Wölbungen hindurchschlüpfen. Aber alle münden im Corso Empedocle aus, der Hauptstraße, die wie ein schmaler Fluß an der Mitte des Südabhangs en�- längläuft, welcher das moderne Girgenti trägt und den Sockel der Stadt gegen die Ebene und das nahe Mittelmeer zu bildet. Da es Montag ist, sind mehr Bauern zu sehen als ge- wohnlich. Selbst die, deren Arbeitsplatz mehrere Meilen draußen in der Eampagna(Ebene) liegt, sind über Sonntag daheim gewesen, um den Tag mit ihrer Familie zu ver- bringen, während sie die Woche iiber draußen auf freiem Felde schlafen, wo Unsicherheit und Wassermangel es unmöglich machen, sich ansässig zu machen oder die Frauen mitzu- nehmen. Unten rnis deni Korso besteigen sie ihre Esel und Maul- tiere. Sie reiten seitlings wie Weiber. Der Oberkörper ist in den kurzen blauen Mantel gehüllt, dessen tief über die spähenden Augen gezogene Kapuze dem ernsten Gesicht einen dücheren Ausdruck verleiht. Und doch sind es lauter fried- liebende Leute. Nur zur Selbstwehr hängt die scharfgeladene Büchse, die den Besitzer nie verläßt, quer über dem Sattelknopf. Mit dem Traben der Maultiere und Esel mischt sich bald das Trippeln der Ziegen, die, mutwillig und vorsichtig zu- gleich, die Treppen in langen, eleganten Sprüngen nehmen, einander stoßen oder auf den Nucken springen. Und darein tönt das Blöken der Schafe mit ihren in die Augen baumeln- den langen Hängeohren und die lauten Rufe barfüßiger Hirten, die ein buntes Taschentuch um den Kopf geknüpft tragen. Kor Morgen ist diese ganze Auswanderung vorbei, ohntz andere Spuren zu hinterlassen als einen Korso, der im Dünger der verschiedenartigsten Tiere schwimmt. Endlich finden die Weiber und die friedlichen Bürger Ruhe zu einem letzten Morgenschlummer, ehe der Tag beginnt. In dieser Dämmerstunde widerhallt der Korso abermals von Hufschlägen. Ein ältlicher, aber noch stattlicher Mann kommt auf einem Maultier durch die Stadt geritten. Wie die Bauern trägt er eine spitzköpfige Kapuze, die das Haupt verbirgt, aber der blaue Mantel ist länger und fällt wie ein Burnus über die Flanken des Tieres. Ihm aber gibt selbst diese Vernuimmung kein brigantisches Aussehen. Denn seine Augen sind sanft und melancholisch, der lange weiße Bart, der über die Brust hcrabströint, verleiht ihm eine besondere patriarchalische oder apostolische Verläßlichkeit, und seine Miene und Haltung zeigen eine Mischung von einem Scheik und spanischen Ritter. An seiner Seite trabt ein kleiner ägyptischer Esel, von einem jungen Mädchen gelenkt. Marchese La Greca reitet mit seiner Tochter, der acht- zehnjährigen Lidda, aus der Stadt. Während sie an dem Gäßchen vorbeireiten, das zu dem in einem aufgelassenen Kloster untergebrachten Gymnasium führt, kommt ein eleganter junger Mann, fast ein Knabe an Wuchs, ihnen in langen Sätzen entgegen. Plötzlich hält er ein und drückt sich dicht an die Hausmauern, als wollte er nicht erkannt werden. Die beiden Reiter haben ihn gesehen. Ohnq. zu erwägen, was sie sagt, bricht Lidda aus: „Das war Angela!" „Ich glaube nicht! Ich habe ihn zumindest nicht erkannt!" erwidert der Vater. Wohl weiß er, daß es Angela war— und hat durchschaut, daß er von einem Besuch bei der alten Kupplerin Zia Teresa kam. Dort hat er wohl irgendein junges Blut umarmt, da? seinen Beschützer verloren hat oder ihn um irgendeines Mordes oder sonstigen Fehltrittes willen auf den Galeeren gut aufgehoben weiß. Aber er hat die angstvolle Ahnung in Liddas Tonfall gekört, und er ist zu ritterlich, um einen so leicht errungenen Sieg über den Mann davonzutragen, deis ihn von dem Tage an, da sein einziges Kind ihn zum künf» tigen Gatten wählte und ihren Willen durchsetzte, bittere Tränen gekostet hat. Aber auch Lidda ist stolz. Selbst wenn Angelo, jung wie er ist, gefehlt hat, selbst wenn er sie demütigt, daß es ihr das Herz zerschneidet— sie hat ihn ja gekannt; den anderen gegenüber steht sie auf seiner Seite. Hat er Mängel, sollen sie nicht mit dem Mantel der Liebe bedeckt oder entschuldigt werden. Sie will ihn so nehmen, wie er ist— mit seinen Fehlern. Lidda empfängt keine Gnaden! „Ich bin sicher, daß er es war. Vater!" Der Marchefe nickt in Gedanken; er hat ihre Worte mit halb gehört. Stumm reiten sie durch Porta di Ponte hinaus über den Präfekturplatz. Nun sind sie außerhalb der Stadt. Sie schlagen einen Pfad ein, der an dem großen Gefängnis vor- bei auf den Athenefelsen führt, der ehemals das höchstgelegene Viertel des alten Akragas bildete, nun aber, zumindest der Stadt zu, von fruchtbaren Feldern und Gärten bedeckt ist. Der Pfad schlängelt sich durch gelbe Weizenfelder, die durch Hecken von Feigenkaktus getrennt sind. Mitten in dem Getreide stehen ehrwürdige, windvcrwehte Oliven- und aller- Hand Obstbäume: Feigen, Pfirsiche und Mandeln. Selbst wenn der Weizen unter der Sichel gefallen und der nackte Fels mit seinem gelben, durchgebrannten Rücken und den tiefen Erd- spalten hervortritt, wird der Gipfel dadurch nicht kahl, son- dern prangt in einer einzigen verschwenderischen Fruchtfülle. Der Marchese ist in tiefe Gedanken verfallen. Er gedenkt der alten Akragantiner, die im Dunkel der Nacht mit ihren Weibern und Kindern aus der belagerten Stadt zu flüchten pflegten. Weichliche Feiglinge! Und er selbst, der sich aus der Stadt schlich, ehe sie erwacht war, um seine Sorge und Scham unter den Ausgrabungen dort oben am Gipfel deS Felsens zu verbergen? Aber nein, seine Lungen vertrugen bloß nicht die schwere Lust da unten, die von giftigem Mcnschenatem stinkt. Er ist für die reine hohe Luft geboren, die reinigend vom Meere hereinstreicht und das � Felsens umfächelt. Und er mutz der Forschung leben, der Untersuchung, der Gedankenarbeit, die allein eines Signore würdig ist. Unwillkürlich strafft er die Schultern und schlägt die Kapuze vom Gesicht zurück. Sie sind schon hoch oben, und die Sonne ist hervorgekoininen. Unten leuchtet der Konkordia- tempel aus einem Rahnien von Oelgärteii. Kleine Villen mit weißen flachen Dächern liegen da und dort in Mandel- Hainen zerstreut. Und da draußen wogt das frische Mittel- meer. Es strömt warm zu seinem Herzen: und er will eben dieser Wallung Luft inachen, als er bemerkt, wie stumm und niedergeschlagen Lidda an seiner Seite reitet. (Fortsetzung folgt. � (Nacht ruck verbotene Die Gclcbichte der lieben Gehängten» Von L eo nid A n d r e j e w.— Autorisierte Uebersetzung. Werner öegriff, dah die Hinrichtung nicht gleichbedeutend mit dem Tode, sondern etwas anderes war— auf jeden Fall indes war er entschlossen, sie völlig ruhig, als etwas Nebensächliches, hinzu- nehmen und bis ans Ende so zu leben, als ob gar nichts geschehen wäre noch geschehen würde. Nur so konnte er seine völlige Gering- schätzung gegenüber der Todesstrafe an den Tag legen und bis zu- letzt unangetastet seine geistige Freiheit bewahren. Auch in der Ge- richtssitzung dachte er— was selbst die Genossen, die doch seine kalte Furchtlosigkeit und seinen Hochmut sehr wohl kannten, nicht ge- glaubt hatten-- weder an den Tod noch ans Leben: er saß ,n sich gekehrt da und hatte seine ganze Aufmerksamkeit einer schwierigen Schachpartie zugewandt, die er im Geiste mit irgend jemand spielte. Er war ein ausgezeichneter Schachspieler, hatte vom ersten Tage feiner Haft an sich an diese Partie gemacht und spielte ohne Unter. brechung daran weiter. Und auch das Urteil, das den Tod durch den Strang über ihn verhängte, verrückte nicht eine Figur auf seinem Unsichtbaren Schachbrett. Selbst der Umstand, daß er voraussichtlich die Partie überhaupt nicht beenden würde, machte auf ihn keinen Eindruck; den Morgen des letzten Tages, der ihm auf Erden noch übrig blieb, begann er damit, daß er einen nicht ganz gelungenen Zug vom Tage vorher verbesserte. Die herabgesunkenen Hände zwischen den Knieen hak- tend, sah er lange unbeweglich da; dann erhob er sich und begann umherzugehen und nachzudenken. Er hatte einen eigenartigen Gang: den oberen Teil des Rumpfes Zeigte er ein wenig vor und fetzte die Absätze fest und bestimmt auf die Erde auf— selbst in trockener Erde hinterließen seine Schritte ein« tiefe, deutlich wahr- nebmbare Spur. Leise, nur mit dem Atem, pfiff er eine einfache italienische Arie— das half ihm beim Denken. Die Sache ging indes diesmal nicht recht von statten. In der unangenehmen Empfindung, daß er irgend einen groben, ja viel» leicht sogar recht groben Fehler gemacht habe, ging er mehrmals in den Zügen weit zurück und prüfte das Spiel fast von Anfang an nach. Er konnte den Fehler nicht finden, aber das Gefühl, daß er einen Fehler begangen, verließ ihn nicht nur nicht, sondern ward vielmehr immer stärker und peinlicher. Und plötzlich tauchte ein unerwarteter, für ihn sogar beleidigender Gedanke in ihm auf: liegt der Fehler vielleicht gar darin, daß er durch das Schachspiel seine Aufmerksamkeit von der Hinrichtung ablenken, sich dadurch gegen die Todesfurcht feien will, die angeblich jeden zum Tode Ver- urteilten befällt? „Nicht doch, weshalb?" beantwortete er kühl die gestellte Frage und klappte ruhig das unsichtbare Schachbrett zu. Und mit der- selben konzentrierten Aufmerksamkeit, mit der er das Spiel ver- folgt hatte, suchte er, als wenn er in einem strengen Examen die Fragen der Examinatoren beantwortete, sich von der ganzen furcht- baren Trostlosigkeit seiner Lage Rechnung zu geben: er unterwarf seine Zelle einer eingehenden Besichtigung, suchte dabei möglichst keinen Gegenstand außer acht zu lassen, zählte die Stunden, die ihm noch bis zur Hinrichtung blieben, malte sich ein annähernd zutreffendes Bild vor» der Hinrichtung selbst aus und zuckte die Achseln. „Nun?" antwortete er gleichsam irgend jemandem mit einer Halbfrage,„das ist also alles? Wo bleibt da die Furcht?" Von Furcht war in der Tat bei ibm nicht die Rede. Ja, er empfand nicht nur kein« Furcht, sondern sogar etwas, das der Furcht entgegengesetzt war— dämlich eine wenn auch unbestimmte, so doch große, kühne Freude, lind der Fehler, den er noch immer nicht herausgefunden hatte, rief nicht mehr Aerger oder Reizbar« ieit in ihm hervor, sondern sprach gleichfalls laut von etwas Un- erwartetem. Gutem: als wenn ein naher, teurer Freund, den er für tot gehalten, plötzlich frisch und gesund vor ihn hingetreten wäre und ihn angelacht hätte. Wieder zuckte Werner die Achseln und befühlte seinen PulS: sein Herz schlug zwar schneller als sonst, doch war der Puls von ""er ganz besonderen, klangvollen Stärke. Noch einmal betrach« -xhend, wie«in Keuling, d«r zum erstenmal im Ge» ängnis sitzt, die Wände, di« Riegel, den am Fußboden fepge» chraubten Stuhl und dachte: „Wie kommt es nur, daß mir so leicht, so freudig und frei zumute ist? Ja, buchstäblich: frei. Wenn ich an die morgige Hin- richtung denke, so ist mir, als ob sie gar nicht stattfinden würde. Ich sehe die Wände an— und es ist mir, als wären sie gar nicht da. Und so frei fühle ich mich, als wäre ich nicht im Gefängnis, sondern hätte eben erst irgend ein Gefängnis verlassen, in dem ich mein Leben lang gesessen. Was ist das nur?" Seine Hände begannen zu zittern— eine Erscheinung, die Werner noch nie an sich beobachtet hatte. Immer ungestümer arbeitete sein Hirn. Als wenn feurige Zungen in seinem Kopfe aufflammten und die Flamme einen Durchbruch nach außen suchte, um weithin die nächtliche, dunkle Ferne zu erleuchten. Und' nun war sie durchgebrochen, und weithin erstrahlte die erglühende Ferne. Geschwunden war die dumpfe Müdigkeit, die Werner während der beiden letzten Jahre bedrückt hatte, und vom Herzen fiel ihm die tote, kalte, schwere Schlange mit den todesstarren Augen und dem fest geschlossenen Munde— und im Angesicht des Todes kehrte seine spielfrohe, köstliche Jugend zurück. Ja, das war noch mehr als die köstliche Jugend. Mit jener wunderbaren Erleuchtung deS Geistes, die in seltenen Augenblicken dem Menschen zuteil wird und ihn hoch emporhebt zu den erhabensten Gipfeln der Erkennt» nis, sah Werner plötzlich das Leben und den Too und war bestürzt durch die Pracht und Schönheit deS nie gesehenen Schauspiels. Es war ihm, als schritte er auf dem hohen Kamme eines Gebirges dahin, der so schma' war. wie ein Messerrücken, und als sähe er auf der einen Seite das Leben und auf der anderen den Tod— wie zwei schimmernde, tiefe, herrliche Meere, die am Horizont in eine einzige grenzenlose Weite zusammenflössen. „Was ist das? Welch ein göttlicher Anblick!" sprach er lang- sam, während er sich unwillkürlich erhob und emporrichtete, wie in ver Gegenwart eines höchsten Wesens. Und während die Mauern, der Raum und die Zeit vor seinem alldurchdringenden Blicke ver» schwanden, schaute er weithin, irgendwo in die Tiefe des Lebens, das er zu verlassen im Begriff stand. Und in ganz neuer Gestalt stand das Leben vor ihm. Er ver» suchte nicht, wie früher, das, was er gesehen, in Worte umzu- prägen, und es gab auch kein« solchen Worte in der immer noch armen, immer noch dürftigen menschlichen Sprache. All das Klein» liche, Schmutzige und Böse, das ihn zum Menschenverächter ge- macht und bisweilen sogar einen Widerwillen gegen den Anblick deS Menschen in ihm hervorgebracht hatte, war gänzlich verschwu.r- den: so schwindet aus dem Gesichtskreis eines Menschen, der in einem Luftballon emporschwebt, der Schmutz und Unrat in den engen Gassen des Städtchens, von dem er aufstieg, und das Häß- liche wird ihm zur Schönheit. Unbewußt schritt Werner an den Tisch heran und stützte«ruf ihn seine Rechte. Stolz und herrisch von Natur, hatte er noch nie eine so stolze, freie und gebieterische Haltung angenommen, noch nie den Hals so gewendet, noch nie so kühn geblickt— denn noch nie war er so frei, so souverän gewesen wie hier, im Gefängnis, wo nur wenige Stunden ihn trennten von Galgen und Tod. Und auch die Menschen stellten sich ihm in neuem Lichte dar, erschienen seinem erleuchteten Blick aus neue Art, lieb und schön. Hinschwebend über der Zeit, sah er deutlich, wie jung noch die Menschheit war. die noch gestern unter tierischem Heulen die Wäl» der durchstreift hatte; und was ihm bisher an den Menschen so abscheulich, so unverzeihlich und häßlich erschienen war, das war ihm plötzlich lieb geworden— wie die ersten Gehversuche eines Kindes, das noch nicht gehen kam., wie die Erwachsenen, und sein zusammenhangloses, von genialen Funken sprühendes Lallen, und seine drolligen Fehler und Mißgriffe, und die Beulen, die es sich stößt, uns lieb und rührend erscheinen. „O meine Teuren!" rief Werner plötzlich und lächelte gang unerwartet. Und mit einem Male schwand das Gemachte,� Ge- zwungene seiner Haltung, und er stand wieder als schlichter Arrestant da, der sich beengt und unbehaglich fühlt in seiner Ge- fangenschaft und den zudringlich-spähenden Blick, der von der Tür» fläche her ihn anstarrt, ein wenig lästig empfindet. Und wie seit- sam: fast plötzlich vergaß er das, was er eben so plastisch greisbar und klar gesehen hatte; und noch seltsamer, daß er nicht einmal den Versuch machte, sich daran zu erinnern. Er setzte sich einfach so bequem wie möglich zurecht, ohne die sonstige trockene Gleich- gültigkeit in seiner Haltung, und musterte mit einem schwachen, sanften Lächeln, das dem Werner von ehedem ganz fremd war, die Mauern und Gitter. Und noch etwas geschah, was einem Werner bisher nie begegnen konnte: er begann plötzlich zu weinen. „Meine lieben, teuren Genossen!" flüsterte er und weinte bitterlich.„Meine lieben, teuren Genossen!" Auf welchen geheimen Wegen war er von dem Vollgefühl des Stolzes und der schrankenlosen Freiheit zu diesem sanften, leiden- schaftlich tiefen Mitleid gelangt? Er wußte es nicht, dachte nicht darüber nach. Und ob es Mitleid mit seinen lieben Genossen war', was er empfand, oder ob noch ein anderes, noch höheres, leiden- schaftlicheres Gefühl in seinen Tränen sich barg— sein plötzlich zum Leben erwachtes, in frischem Trieb ergrünendes Herz wußte es nicht. Er weinte nur und flüsterte: „Meine lieben, teuren Genossen! O meine lieben, meine teure« Genossen'" In diesem bitterlich weinenden und durch Tränen lächelnden Menschen hatte niemand den kalten und hochmütigen, müden und verwegenen Werner wiedererkannt— weder die Richter, noch die Genossen, noch er fsUsst. sgortsetzung folgt.) Sin Kapitel Kindcrcrziebung/) „Soll man Kinder zum Essen zwinge n?" Die Entscheidung ist nicht immer leicht. Ein gesundes Kind ißt von selbst das, was auf den Tisch kommt. Das gute Beispiel der Eltern und sonstiger Tischgenossen und die Nichtbeachtung einer angedeuteten Abneigung, ein leichter Spott und eine Berufung an die Verständigkeit des Kindes tun in dieser Richtung sehr viel. Sind einmal Fehler gemacht worden, so muß man sich die Mühe nicht verdrießen lassen, dem Kinde immer wieder mit Geduld vor. zustellen, daß es keinen Grund hat, sich zu sträuben, man muß »hm von der gefürchteten Speise selbst voressen und dadurch seine Voreingenommenheit zu zerstreuen suchen. Strafen sind am wenigsten angezeigt, weil dadurch oft erst recht der Widerspruch ge- reizt und ein Trotz hervorgerufen wird. Manchmal essen Kinder bei Fremden, vor denen sie sich genieren, ganz ruhig die Gerichte, die sie zu Hause verweigern. Oft gelingt es durch vorsichtige Nach- fragen, den Grund der Abneigung herauszubekommen; manchmal »st ein mißverstandenes Wort eines Erwachsenen an der ganzen Sache schuld, und dann kann eine einfache Aufklärung genügen, die Schwierigkeit hinwegzuräumen. Am ungünstigsten wirkt man- gelnde Gleichmäßigkeit in der Behandlung des Widerstrebens. Genügen die angegebenen Mittel nicht, um das Kind zum Essen zu bewegen, und wird vielleicht überhaupt gegen das Essen oder gegen «ine größere Anzahl verschiedener Speisen Widerwille geäußert, so ist eS besser, einen Arzt zu befragen, als etwa mit Gewalt vor- zugehen. Auch'die Geräuschempfindlichkeit der Kinder soll man nicht allzusehr berücksichtigen. Es gibt Kinder, die bei einem Gewehrschuß zusammenschrecken, als seien sie selbst getroffen, die den Donner nicht anhören können usw. Zureden zum vernünftigen Ertragen ist auch hier am Platze. Eine anerzogene Wehleidigkeit ist eine üble Mitgift für das Leben. Die damit Behafteten glauben gern, sie hätten ein besonders weiches Herz und sind oft stolz darauf, aber man kommt von dieser Auffassung zurück, wenn man sieht, daß sie meistens nur mit sich selbst so zart empfinden, oder daß sie einen gleich- gültigen Verlust ebenso bitter beklagen wie ein verlorenes Menschenleben, oder daß sich ihre Teilnahme ganz in den Klagen erschöpft, daß sie aber niemals tätig eintreten, um vorhandenes Leid zu lindern. Wer schon früh dazu erzogen wird, das Leid anderer mitzufühlen und es nach Kräften zu lindern, kommt nicht so leicht dazu, sein eigenes zu übertreiben! Aber immer wieder muß betont werden, daß das Vorbild der Eltern entscheidend wirkt. Der Erzieher mutz sich vor allem selbst in der Gewalt haben und seine Stimmung oder wenigstens die Aeußerungen seiner Stimmung in einer mittleren Gleichgewichtslage zu halten verstehen. Wenn die Kinder sehen und hören, daß die Eltern sich bei jeder Aufregung nicht zu halten wissen in Kummer, Aerger, Zorn usw., so Jfönnen sie sich schwer vorstellen, weshalb denn sie selbst es anders machen sollen. Man darf das nicht so verstehen, als müßten den Kindern nun sorglich alle Aufregungen fern- gehalten werden. Das ist durchaus nicht richtig. Man soll aber die Erregungen auf das beschränken, was das Kind selbst angeht, und soll darauf halten, daß das Kind auch selbst damit fertig wird. Es soll lernen, unangenehme Eindrücke und Gemütsbewegungen selbständig zu überwinden. Weder ein langes Weinen und Schluchzen nach Enttäuschungen, Schmerzen, Strafen, er- zwungencn Gehorsam usw., noch das beliebte«Maulen", Ber- drießlichsein und„Nachtragen" soll erlaubt sein. Am besten ver- treibt man beides den Kindern durch den bewährten Grundsatz der Nichtbeachtung. Wenn das Kind mit seinen Affektäußcrungen keinen Eindruck auf die Umgebung macht, wird es ihm bald lang- weilig, und eS hört gewöhnlich schneller damit auf, als wenn man mit Strenge dagegen vorgeht und dadurch zunächst den Affekt ver- grötzert. Eine erziehliche Einwirkung auf solche Unarten ist erst dann richtig, wenn da? Kind wieder zur Ruhe gekommen war. am besten erst an einem anderen Tage und in irgendeiner ver- trauteren oder anschmiegsameren Stimniung des Kindes. Dann wirken liebevolle Vorstellungen und Ermahnungen am besten. Am wenigsten wird erreicht, wenn die Eltern selbst aufgeregt sind und dadurch ein Beispiel geben, daß auch sie ihre Aufregung und Ver- stimmung nicht bcmeistern können. Dafür haben Kinder ein sehr feines Gefühl, auch wenn sie es aus Vorsicht nicht aussprechen! Am allerwenigsten nützen Strenge und gewaltsames Borgehen bei den schwer erziehbaren cholerischen, aufgeregten und zornmütigen Kindern. Und doch wird hier immer wieder versucht, ihr Temperament durch Gewalt zu bändigen, es zu brechen, weil es sich anscheinend nicht biegen läßt. Gewiß ver- *) Mit Erlaubnis des Verlages entnehmen wir diesen Abschnitt » dem weiter unten besprochenen Buche: Hygiene der geistigen Arbeit von Dr. med. D o r n b l ü t h. sVerlag des Deutschen Vereins für Volkswahlfahrt.j.. tragen solche Kinder eS nicht, wenn sie nur Schwäche bei den Cr« zichern sehen, aber man kann sagen, daß sie einen Wechsel zwischen Schwäche und Gewaltsamkeit noch weniger bertragen. Und doch ist das gerade leider das Wesen der verbreiteten Erziehung im Eltcrnhause. Der Mutter vleibt es überlassen, die tägliche und stündliche Erziehung auszuüben, der Vater, der durch seinen Beruf und anderes in Anspruch genommen ist, wird mit diesen kleinen Sorgen verschont und mir herangerufen, wenn„mit dem Jungen nicht mehr auszukommen ist" und ein großes Strafgericht ab- gehalten werden soll. Oft wird das willig oder mit eigenem Zorn ausgeführt, oft aber, wenn dem Vater gerade nicht danach zu Mut ist, oder wenn er den Anlaß nicht für wichtig genug hält, heißt eS auch nur:„Laß doch den Jungen in Ruhe" und dergleichen, und so wird vielleicht eine grundsätzlich wichtige Erziehungsfrage gleich- gültig oder zum Triumph des Jungen übergangen. Auf diese Weise wird bei unserer Jugenderziehung ungeheuer viel verdorben, Bei schwer erziehbaren Kindern ist ein ständiges Gleichmaß durch- aus notwendig, sie müssen lernen, daß es eine unbedingte Autorität der Erzieher gibt, der man niemals entgegenhandeln oder ent» rinnen kann. Der Wille des Erziehers muß in jedem Falle durch- geführt werden, mit gerechter Strenge, aber ohne Nachsicht. Aber auch der Wille des Kindes soll geachtet werden; will man ihn unter allen Umständen niederdrücken, so kann man nicht erwarten, daß sich dabei in dem Heranwachsen ein gesunder Wille bilde. Im Gegenteil, der Wille mutz schon früh, von den ersten Kinderjahren an, gebildet und gestärkt werden, man muß ihn nur in seiner Richtung so beeinflussen, daß etwas Gutes dahei herauskommt, daß nicht Leidenschaften und Gemütsstimmungen, sondern di« Ueberlegung ihn bestimmt I So wenig es dem Kinde frommt, wenn man es mit beständigen Strafpredigten und Moralpredigten füttert, so unumgänglich ist eS andererseits, daß man ihln von klein auf keine Verkehrtheiten durchgehen läßt, daß man nicht über seine Unarten lacht und sie gar als originell bewundert. Ein Blick, ein Wort, ein leichter Spott genügen sehr oft, um dem Kinde die Meinung des Erziehers deutlich zu machen und fester einzu» prägen, als wenn eine lange Auseinandersetzung daran geknüpft wird, die vielleicht seinen Trotz herausfordert. Man muß Kleinig- keiten nicht zu wichtig nehmen. Wo solch ein Wink nicht nützt, muß man freilich mit ernsteren Mahnungen vorgehen. Noch mehr' hilft es gewöhnlich, wenn man das Kind gelegentlich durch Schaden klug werden läßt, wenn z. B. das wiederholt zur Vorsicht auf, geforderte Kind mit seinem hellen Anzug in den Schmutz gefallen ist und nun von einem Vergnügen zu Hause bleiben oder wegen des befleckten Anzuges den Spott anderer ertragen muß. Bestän» diges Verbieten, Nörgeln, Drohung mit üblen Folgen ode» Strafen, die dann doch nicht eintreten, verdirbt die Kinder nur, dagegen muß man auf der pünktlichen und genauen Ausführung vor» kleinen Aufträgen, auf der regelmäßigen Wiederherstellung der Ordnung im Kinderzimmer bestehen, sobald man den Kindern durch das eigene Beispiel und durch gemeinsames Aufräumen usw. gezeigt hat, wie eS zu machen ist. Wer zu viel verlangt, wird keinen Erfolg haben und für das nächste Mal abschrecken, wer aber dem Kinde etwas aufgibt, was es leisten kann, und es für die Leistung belobt, der kann darauf rechnen, daß auch schwerere Auf, gaben gern erfüllt werden. M u t und Ausdauer werden dem Kinde besonders durch körperliche Uebungen beigebracht, die die Geschicklichkeit und die Kraft ausbilden. Sie dürfen aber nicht über die Leistungs» fähigkeit hinausgehen, weil jeder Mißerfolg entmutigt, und dürfen nicht bis zu voller Ermüdung betrieben werden, weil dann Lange, weile und Ueberdruß eintreten. Sehr viel kann in dieser Be- ziehung durch richtige Auswahl der Genossen bei der Uebung er- reicht werden. Sehr überlegene Gefährten verleiden oft den An- fängern die ganze Sache, weil es unmöglich erscheint, sie zu er- reichen, und weil man ihren Spott fürchtet. Der Gehorsam gilt vielen als der Inbegriff aller Er» ziehung, und sie'glauben ihre Kinder gut erzogen zu haben, wenn sie ihnen mit aller Gewalt den unbedingten Gehorsam beigebracht haben. Es ist noch nicht lange her, daß dieser blinde Gehorsam als erste Pflicht des Kindes gegen die Eltern angesehen wurde. Man verlangte, daß das Kind auch den unsinnigsten, nur einer Laune oder einem Mutwillen entsprungenen Befehl der Eltern ohne Besinnen ausführe. Gewiß läßt sich das erreichen, aber es tut dem wahren Wesen des Gehorsams und der Ehrfurcht vor dem Erzieher Eintrag. DaS Kind soll von Anfang an die Ueber- zeugung bekommen, daß jeder einzelne Befehl gerecht und billig und ein Ausfluß des größeren Verstandes, der geistigen Ueber- legenheit des Erziehers ist. Ungerechte Befehle erwecken mit der wachsenden Reife des Kindes immer mehr Widerspruch. Es nützt auch nichts, wenn man die mangelnde Begründung des Befehls durch lautes Sprechen oder gar durch Schreien ersetzen will; ruhiger und wohlwollender Ton macht viel mehr Eindruck. Bei dem Zög- ling soll die Auffassung erweckt werden, daß der Befehl wohl er- wogen und seine Ausführung möglich und selbstverständlich sei. Daraus ergibt sich auch, daß man nichts von dem Kinde verlangen soll, was es nicht nach seinen Kräften ausführen kann. Das gilt ganz besonders für schwache oder vorübergehend kranke Kinder. Man kann wirklich sagen, an dem Ungehorsam der Kinder sind meistens die Erzieher selbst schuld! Der Eigensinn wird ganz vor« wiegend durch launische, übermäßig gehäufte und nicht folge cichtig 1 durchgeführte Anordnungen hervorgerufen. Man muß sich ent» (chieden bemühen, auch dem Kinde das Gefühl berechtigter, nur mrch notwendige Beschränkungen eingeengter Freiheit zu er» halten. Nichts erweckt so sehr den Trotz wie unnützes Gebieten und Verbieten. Je mehr man Kindern vorredet, um so größer tvird der Prozentsatz des'n den Wind Gesprochenen. Ein sehr wichtiger Abschnitt der Hygiene deZ KindeSalterS ist die Lehre von den Strafen. Die Unvolltommenheit des Kindes, seine Fehler und Schwächen bringen es mit sich, daß der Erzieher nicht selten Geduld und Gerechtigkeit vergißt und nach seiner augenblicklichen Stimmung tadelt und straft. Eine Strafe ist aber nur gerechtfertigt, wenn sie auch bei ruhiger Uebcrlegung für richtig und notwendig gehalten werden muß. Die tägliche Bcob- achtung der Kindererziehung in der Familie ergibt leider, daß diese Richtschnur nur selten maßgebend ist, daß vielmehr die große Mehrzahl der Strafen nur nach der Eingebung des Augenblicks verhängt wird. Die meisten Kinder werden bestraft, wenn sie einen Fehler in dem Augenblick begehen, wo der Vater oder die Mutter gerade gereizt oder schlecht gelaunt sind. Eine Strafe soll nur nach der Erwägung eintreten, ob doS Kind nach seiner ganzen geistigen Ausbildung das Verkehrte feiner Handlung erkennen und ob es nach seinem Temperament die als verkehrt erkannte Handlung Unterlasten konnte, d. h. ob es mit Ucberlegung, mit Uebclwollen gesündigt hat oder nicht. DaS Temperament läßt sich nicht mit Strafen ändern, Wohl aber durch Belehrung und andere Beeinflustung verbessern. Geht man mit Strafen dagegen vor, so schafft man eine Kette von Strafen, und diese macht das Kind in jedem Falle verstockt und unzugänglich. Es unterläßt dann schließlich die verkehrten Handlungen nur, wenn es glaubt, der Strafe nicht entgehen zu können, während die Absicht der Erziehung doch dahin gehen muß, die Einsicht vom rechten Handeln herrschend zu machen. Dieselbe verkehrte und schädliche Wirkung tritt ein, wenn die Strafe der Uebeltat nicht angemessen, sondern zu hart war. Die Strafe wirkt am besten, wenn das Kind das Gefühl hat, daß der Erzieher in seinem Recht ist. Auch die Art der Strafe ist sehr wichtig. Je weniger Lärm, um so eindringlicher die Wirkung. Ein Blick, ein Kopfschütteln macht gewöhnlich viel mehr Eindruck als eine lange Strafrede, ein ruhiges Wort mehr als ein poltern- deS Schelten. Die Einsicht in das Verkehrte seine? Handelns hat das Kind entweder schon in dem Augenblick nach der Tat, also vor der Strafe, erlangt, oder eS bekommt sie erst später; im Augenblick der Angst und Erwartung ist es am wenigsten dazu disponiert. Je mehr das Kind die Folgen seines Fehlers— z. B. einer Un- Pünktlichkeit, eincS Verlierens usw.— selbst empfindet, um so Nachhaltiger wirkt diese Belehrung der Tatsachen. Genügt daS nicht, so läßt man den Sünder nicht an einem Vergnügen teil- nehmen, das hilft auch mehr als Reden. Eine zweischneidige Strafe ist das Einsperren, es verführt fast immer zu eigensinnigen oder noch übleren Torheiten. Ganz verwerflich ist aus hygienischen Gründen das Einsperren in ein dunkles Zimmer. Nicht selten sind kranlhafte Angstzustände usw. die bleibende Folge davon. Die umstrittenste Frage auf dem Gebiete der Strafen ist die der körperlichen Züchtigung. Ich bin durch meine Er- fahrungen ein entschiedener Gegner jeder körperlichen Züchtigung geworden. Ich habe niemals gesehen, daß dadurch etwas genützt Wttrdx, aber sehr oft, daß die Zöglinge verstockt und trotzig wurden, oder feige und verlogen, moralisch schlechter als vorher. Ich habe auch immer gefunden, daß die Verteidiger des PrügclnS mit ihren angeblich guten Erfahrungen nur ihre eigene Erregbarkeit und ihre erzieherische Kurzsichtigkeit bemänteln wollten. Der Stock ist ein gefährliches Mittel, weil er dem Erzieher das Denken ab- gewöhnt, weil er an die Stelle der Belehrung die körperliche Gc- Walt setzt und an Stelle der guten Ucberzcugung und des guten Willens die Angst und Furcht einpflanzt. Wie kann man hoffen, moralische Veredelung durch körperliche Schmerzen und Furcht zu beivirken! Um so schlimmer wirken die Prügel, je älter der Zögling ist, je mehr er in das Alter des Ehrgefühls hineinkommt. Für das gesunde Kind ist neben verständiger Liebe geduldiger Eltern ein gutes Maß von Freiheit und Selbständigkeit das beste! kleines f cuületoii. Hygienisches. Hygiene der geistigen Arbeit. Von Dr. med. Dorn» blüth(Deutscher Verein für Voltöwohlfahrt, Berlin, 2ö3 Seiten, broschiert 3,60 M.. gebunden 4 M.) Dieses Buch hat einen großen Borzug vor anderen populärmedizinischen: es geberdet sich nicht Wissenschaftlich und gelehrt, will nicht verblllssen, sondent wendet sich an den gesunden Laienverstand. DaS Werk enthält aber anderer- feits durchaus keine banalen Redensarten, keine gemeinverständlichen „Theorien". AllcS Gute. waS der Verfasser zu lagen hat. wird in volkstümlicher Form gesagt. Selbst die Amvendung der Fremd- Wörter ist auf ein Mindestmaß beschränkt. Jedes einzelne der drei- zehn Kapitel ist lesenswert, und jeder Leser wird darin etwa? für feinen Gebrauch finden. Der arbeitenden Klasse können wir das Buch besonders deshalb empfehlen, weil gezeigt wird, daß geistige und körperliche Arbeit nicht nur in ihren Elementen nahe ver- wandt sind. Fast alle Formen körperlicher Arbeit, selhst die gleichförmigste Ihbrikarbeit schließt ein gute? Teil geistiger Anstrengung in sich. Und ebenso enthält die geistige Arbeit reichlich Elemente der körperlichen Betätigung. Der Arbeiter jedoch, je mehr er körperlich arbeitet, neigt dazu, die geistige Arbeit bei sich und anderen als Erholung anzusehen. Denn für ihn fällt sie in die Ery.«ungszeit, für ihn bedeutet sie oft tat» sächlich eine Erholung von körperlicher Anstrengung. Das Ver» hältnis ist ungefähr das gleiche, ats wenn ein Beamter mit fitzender Lebensweise in seinen Freistunden an der Drechselbank arbeitet. Die flüchtige Betätigung in einer gewohnheitsfremden Arbeit wird eben stets als Erholung empfunden. So kann eS geschehen, daß geistige Beschäftigung mitunter nicht als„Arbeit", sondern als Spielerei aufgefaßt wird. Daraus entspringt eine un« verhohlene Mißachtung nicht der geistigen Arbeit, wohl aber deS geistig Arbeitenden. Die schwerwiegendsten Folgen hat eine solche Mißachtung da, wo eS sich um daS Schicksal der Kinder handelt, die mit wenigen Ausnahmen vom ersten bis zum letzten Tage ihres Schulbesuches geistige Arbeiter in deS Wortes strengster Bedeutung sind. Wer fich niemals darüber den Kopf zerbrochen hat. der ahnt nicht, welch große Anforderungen unser modernes Schulwesen an Körper und Geist der Kinder stellt. Denn die Schule in ihrer heutigen Gestalt verlangt die Unter» drückung aller selbständigen Bewegungstriebe des Körpers und deS Geistes. Es sollte nicht so sein, aber eS ist leider so und eine Aenderung in absehbarer Zeit wohl nur für die oberen Zehntausend möglich, während daS„Volk" noch auf Jahre hinaus zur Folter» batst unserer„höheren geistigen Kultur" verdammt ist. Die geistige Anstrengung der Schularbeit wird aber in der Regel so sehr unterschätzt, daß man die Schüler hätkfig noch in« Joch körperlicher Arbeit spannt. Darum verdienen die Ausführungen deS Verfassers über die Hygiene der geistigen Arbeit im KindeSalter besondere Beachtung. Die Physiologie der Erdbeere. So kurz die Zeit de» ErdbeergenusseS ist, macht die allgemeine Beliebtheit, deren sich die würzige Frucht erfreut, die alljährlich wiederkehrenden Erörterungen über ihre Tugenden und Fehler doch stets wieder aufs neue an« ziehend. Die englisch« Wochenschrist„Lancet" widmet ihr eine medizinische Besprechung. In erster Linie lenkt sich die Aufmerksam« keit hierbei auf die bei Erwachsenen und Kindern gar nicht seltene Idiosynkrasie, den natürlichen Widerwillen, der sich oft schon nach Genuß einer einzigen Beere in einem heftigen Resselausschlag äußert. Andererseits hört man oft sagen, daß die Erdbeere für die Haut und für die Verdauung zu- träglich sei. Buch die Aerzte haben diesem Problem ihre Ausmerk- samkeit zugewendet und tatsächlich als richtig festgestellt, daß der Erdbeersast eine entschiedene verdauungbekördernde Wirkung hat. Hart gesottenes Eiweiß verflüssigt fich, wenn dem Ei Erdbeersaft zugesetzt wird infolge der hydrolysiercnden Wirkung de§ EnzymS, das im Saft enthalten ist. Es ist wahrscheinlich, daß auch der rohe Saft anderer Früchte eine verdauungbefördcrnde Wirkung hat und daß auch sie vergleichbare Substanzen enthalten. Wer darauf an- gewiesen ist, eine zuckerfreie Diät zu beobachten, kann un- bedenklich Erdbeeren genießen, da die geringe Zuckermenge, die darin enthalten ist. nicht schädlich wirkt. Allerding» darf natürlich lein gewöhnlicher Zucker zur Versüßung zugesetzt werden. Es ist nicht ganz klargestellt, ob der Erdbeergcuuß bei Gicht tat- sächlich etwas Hilst, aber zweifellos ist er ein Mittel, das Blut alkalisch zu halten, da die Früchte reich an Alkalisalzen sind. Aber auch diese Wirkung hat die Erdbeere mit vielen anderen Früchten gemein, die aus dem gleichen Grunde antiskorbulwirksam sind. Nun bat aber die Erdbeere nicht nur Tugenden, sondern vermag unter Umständen dem Organismus auch schädlich zu werden. Namentlich wenn sie nicht sorgfältig gereinigt wird, kann sie ansteckungsfähige Keime übertragen. Der berühmte Ge» lehrte Meti'chnikoff hat ausgerechnet, daß in dem BerdannngS- traft des Menschen täglich nicht weniger als 123 Billionen Batterien gebildet werden, von denen ein Teil nutzbringend ist, während ein anderer Gefahren bringt. Er vertritt die Ansicht, daß es zur Erzielung langer Lebensdauer nötig ist, soweit nur irgendmöglich fremde Bakterien den genannten Organen fern- zuhalten, und zählt unter den Rabrungsmitteln, die aus diesem Grunde vermieden werden sollen, auch Salate und Früchte, insbesondere Erdbeeren auf. ES ist vollkommen richtig, baß die Erdbeere besonders leicht Ansteckung hervorrufen kann, und es scheint nötig, in diesem Punkt einmal ein warnendes Wort auszusprechen. ES ist dabei festzuhalten, daß eine der Haupt- quellen der Verunreinigung der Boden ist, auf dem die Früchte wachsen, und daß es fich empfiehlt, durch eine Strohdecke ihre Be- rührung mit der Erde zu verhindern. Daß die Plätze, auf denen die Beete angelegt sind, mit Bakterien, die dem mensch- lichen Organismus feind sind, verunreinigt sein können, ist unzweifelhaft. Dazu kommt noch, daß die Art und Weise, wie die Erdbeere gecnitet wird, häufig nicht einwandfrei sauber ist. Jedenfalls ist es nötig, die Erdbeeren sorg- fällig zu waschen, bevor sie gegessen ivcrdcn. Die Vernachlässigung dieser Vorsichtsmaßregel bewirkt in sehr vielen Fällen Bi- wetdm und Krankheiten. Abgesehen von diesen äußeren Schädlichkeiten liegt jedoch nicht der geringste Grund vor, dem Erdbecrgenuß in gemnobeitlicher Hinsicht übles nachzusagen. Verantw. Redakteur: Georg Davidsohn. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,