Anterhaltungsblatt des Worivärts Nr. 127. Sonnabend� den 4=. Juli. 1908 (Nachdruck verboten.) « JVIafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Rasmussen. Autorisierte Uebersetzung von E. Stine. Dann gehen der Marchese und sein Pächter in das Haus Und besteigen das klafterhohe Ehebett. Indessen geht Lidda hinaus, um das Maultier und den kleinen Esel zu versorgen, versieht sich dann im Lusthaus mit einem Feldstecher und rückt einen Stuhl in den Schatten hinter dem Hause. Von diesem hohen Punkte aus kann sie die ganze Stadt überblicken: sogar die Domkirche liegt tiefer. Es macht ihr Vergnügen, das Elternhaus aufzusuchen. Nun hat sie die Gartenterrasse im Glas. Richtig, da steht ja die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Sie sieht heraus. Lidda winkt mit dem Taschentuch in der einen Hand, während sie mit der anderen den Feldstecher hält. Die Mutter rührt sich nicht. Natürlich! Ohne Glas kann sie ja in dieser Ent- fernung nichts unterscheiden. Als Nedda mit dem Aufwaschen fertig ist, kommt sie lächelnd zu Ljdda hinaus, die die Alte durch das Glas sehen läßt. Plötzlich sagt Lidda: „Glaubst Du, daß Angela mir treu ist. Nedda?. Hast Du etwas iiber ihn gehört?" Nedda ist nahe daran, das Glas fallen zu lassen. Sie muß sich den Magen halten, so sehr fühlt sie die Last dieser Frage, denn sie hat ja eine ganze Menge gehört. „Beste kleine Marchesina..." Liddas Augen ruhen forschend auf ihr. Nedda windet sich wie eine Schuldige, eine Hexe, die von einem Henkers- knecht gekniffen wird. „Was wollt Ihr verlangen, Marchesina... die Männer ... wenn sie jung sind... alle mitsammen.,. aber- wenn sie erst verheiratet sind..." Das Tröstende dieses letzten Gedankens gab ihr ein wenig Luft. Sie konnte wieder atmen: aber das Herz klopfte. Lidda schwieg ein wenig: dann fragte sie wieder: „Kennst Du Zia Teresa?" „Gott sei Dank, daß das Gespräch sich nach einer anderen Seite wendet," dachte Nedda. „Zia Teresa! Pfui!" „Ist es wahr, daß nachts Weiber zu ihr kommen?" Nedda schnürte den Mund zusammen und nickte. „Die sich verkaufen?" „Die sich verkaufen!" wiederholte sie verächtlich. „Hast Du gehört, daß Angela zu ihr kommt?" „Du Barmherziger! Sind wir nun wieder da!" dachte die Alte. Aber diesmal war das Glück ihr hold. Sie konnte wahrheitsgemäß beteuern, daß sie davon nichts gehört. „Wir sind ihm heute Morgen begegnet. Ich bin über- zeugt, daß er von Zia Teresa kam!" „Hier kann man einander nicht ausweichen!" dachte Nedda. ihre Daumen unter der Schürze drehend. „Wenn er erst verheiratet ist, Marchesina"— versuchte sie wieder einzulenken—„Ihr, die Ihr so schön und saftig seid wie ein Pfirsich... so rund und lebendig..." Sie begann Grund unter den Füßen zu spüren. Die Zunge wurde wieder frei. Es wurde eine ganze Rede, voll von Trostgründen. Und Lidda glaubte ihr— aus Barmherzigkeit. Nach dem Mittagsschlafe nahmen die beiden Gräber die Arbeit mit erneuten Kräften auf, während Lidda abwechselnd zusah und sich mit Nedda unterhielt. Im Laufe des Nachmittags kam ein Besuch, der für sie tzstvas wie ein Ereignis war.... Der junge Belladonna war erst achtzehn Jahre, so alt wie Lidda. Er war der Sohn eines Mannes, der als reich galt und jedenfalls bedeutenden Einfluß besaß, eines Barons aus der Nachbarstadt Favara. Der junge Mensch ging noch in das Gymnasium und galt altz sehr begabt. Von Wesen still und zurückgezogen, fast von Kindesbeinen auf zum Spezialisten vorausbestimmt, hatte er sich auf die Botanik geworfen, in der er bedeutende Kenntnisse besaß. Oft war er auf seinen botanischen AnSflügen auf den alten Marchese gestoßen, wenn dieser das Terrain absuchte, um seine archäologischen Studien zu machen. La Greca fühlte sich geistes» verwandt mit diesem jungen Manne, der schon jetzt seine Zeit einem so ernsten Interesse opferte, und es schmeichelte seinem nationalen Stolze, wenn er von den ausländischen Gelehrten hörte, mit denen der junge Mann bereits in Korrespondenz stand. Es führte ihn dies auf ein Gesprächsthema, das ihm stets gleichen Genuß bot. eine Aufzählung all der Gelehrten� die ihm in vergangenen Zeiten ihre Auswartung gemacht hatten: nicht bloß Koryphäen der Insel wie der alte Amart, sondern auch Fremde wie Holm und Frecmann und Boloch, ja sogar der große Mommsen selbst. Belladonna war stets ein teilnehmender Zuhörer, ein Jüngling, mit dem man auch die Probleme der Archäologie erörtern und von dem man Verständnis erwarten konnte. Ja, der Marchese mochte ihn besonders gut leiden. Lidda war ihm nie begegnet, obwohl sie das letzte Jahr sozusagen unter seinen Augen gelebt hatte. Er wohnte in einem der hochgelegenen Gäßchen in einem Hause, dessen Rückseite den niederen Vierteln und dem Meere zugewandt war. Von seinem Fenster aus konnte er auch La GrecaS Terrasse überblicken, und so oft Lidda sich draußen aufhielt, wußte sie, daß die bleiche, ernsthafte Schildwache da obe.n stand und jede ihrer Bewegungen verschlang. Die Gefühle, die sie ihm gegenüber empfand, hatten viele Phasen durchlaufen: zu- erst war sie geschmeichelt, dann ärgerlich, zuletzt ganz wütend: necklustig und boshaft in den ersten Tagen nach ihrer Ver- lobung mit Angelo. Aber als sie sah und hörte, wie dieser Schlag ihn mitgenommen, und da er klug genug war, ihr nicht mit seinen verzweifelten Blicken lästig zu fallen, stieg ein anderes Gefühl in ihr auf, wohl auch beeinflußt von den b'c- ständigen Lobreden ihres Vaters. Es war nichts weniger als Erotik, sondern ein fast mütterliches Wohlwollen, eine Art Dankbarkeit gegenüber einem Gefühl, das Charakter besaß, ihr schmeichelte, Angelo anfeuerte— und ihr nicht zu nahe trat. Seit dem Morgen schon war das Gerücht von dem auf dem Athenefelsen gefundenen Schatze das Tagesgespräch im Gymnasium gewesen, unter den Schülern sowohl wie den Lehrern. Und als nun Belladonna zu seiner Warte heim- kehrte und Lidda auf der Terrasse vermißte, wußte er sogleich, wo sie sei. Hier bot sich eine Gelegenheit, die vielleicht nie wiederkam, mit dem Weibe beisammen zu sein, das sein Schicksal geworden: denn Lidda verließ sonst die sicheren Mauern des Elternhauses nur, wenn sie zur Messe in.die Domkirche oder zum Abendgottesdienst ins Kloster zu den „Schwestern des teueren Blutes" ging. Und so faßte er sich ein Herz. Dennoch fühlte er, wie das schlechte Gewissen ihm in den Rücken fiel und sein Benehmen linkisch machte, als er Lidda begegnete lind den Ueberraschten spielen wollte. Es genjerte ihn. daß Nedda dabei war. wachsam und niederschmetternd kühl, und er fand Lidda ängstlich zurückhaltend und ein wenig gezwungen in ihrer Liebenswürdigkeit. Das peinliche Empfinden, überflüssig zu sein, verlor sich jedoch, als er mit dem Marchese ins Gespräch kam, der viel zu sehr mit seinen Angelegenheiten beschäftigt war, um für junge Herzen und deren Wege Gedanken übrig zu haben. Er zeigte Belladonna einige Münzen, die sie eben auS« gegraben hatten. Es waren ein paar Vierdrachmen aus Akra« gas mit der Krabbe auf der einen und den Adlern auf bey anderen Seite. Und hier war eine Münze aus Selinus mit Herakles und dem Sitier auf der Vorder- und der vor- gespannten Biga(Zweigespann) auf der Rückseite. Sie stammte aus einer Zeit, wo die geringste Münze das Gepräge von Kunst trug und dem Auge eine Lust war— und SelinuS schlug die schönsten Münzen auf der Insel. Vor allem anderen aber mußte der Marchese seinen jungen Schützling in die Bedeutung dieser ganzen Ans» grabung einweihen. Er benutzte den Feierabend, um seine Gedanken über den Fund zu popularisieren. „Hier unter dem Tempel befand sich ein Hohlraum," sagte er,„entweder eine Schatzkammer oder, wie ich zu glauben beginne, ein unterildischer Gang, der weiter unten mündet. vielleicht zur Sicherheit der Priester— wer weiß es?— Nun öFet kommen Wie in mein Lusthans; bort wollen wir weiterplaudern." Es war spät am Nachmittag, und in der hohen Luft war bie Temperatur im Pavillon, besonders wenn dre T/ire offen stand, schon angenehm. Die spartanische Zimmereinrichtung umfaßte über das Notwendigste hinaus nur ein Regal mit archäologischen Büchern. „Welch bezaubernde Aussicht! Welch ein Arbcitsgemach!" sagte Belladonna mit echter Begeisterung.—„Hier sollte ein großer Dichter wohnen— oder ein Gelehrter mit künstle- rischem und dichterischem Empfinden, wie Sie, Herr Marchese! Ich habe gehört, daß Puccini sich solch ein Haus oben auf dem Gipfel eines Berges erbaut hat, wo niemand ohne starke Anstrengung hinaufgelangt und er ungestört bleibt. Da sitzt er allein mit seinem Flügel, mit großen Fenstern nach allen vier WelteSen, und läßt sich von den streichenden Winden inspirieren." „Das hört man„Tosca" an! Sie ist in hoher reiner Luft empfangen!" sagte Lidda. Sie saß beim Fenster, das auf das Meer hinausging, und folgte dem Gespräch mit Interesse. „Sehen Sie," sagte der Marchese,„als ich den Gipfel des Athenefelsens kaufte— ich gab wirklich nur ein paar hundert Lire dafür, so gering schätzte man ihn ein— lag unter anderem auch etwas Symbolisches darin. Er ist der höchste Punkt der Stadt, hat die reinste Luft, den weitesten Ausblick. Hier lag Athcnes Heiligtum. Die Ehre unserer Mutterstadt, hier hat sie ihr Haupt und Herz. Und ich dachte, so sollte es bleiben. Solange eines der alten Geschlechter hier sitzt und die Fahne des Geistes und der Schönheit und Gerechtigkeit hochhält, solange hat die Stadt ein sichtbares Ziel, nach dem sie steuern kann, solange wird das Gezücht nicht Herr und werden nicht alle alten Tugenden in Ketten gelegt." „Sie denken edel, Marchese," sagte Belladonna. Seine Augen streiften Lidda, deren Brust sich unter dem strammen Korsett stärker hob und senkte. Auch der Marchese bemerkte, daß etwas in ihr vorgehe, wie sie so halb abgewandt dasaß und mit den Fingern auf dem Fensterpfosten trommelte, während der Blick über das Meer hinausglitt. Wie weit es auch seiner Absicht fern lag, seine Tochter zu verletzen, be- griff er doch, daß sie seine Hindeutung auf das„Gezücht" als eine gegen Angelos Eltern und deren ganzen Anhang ge- richtete Spitze empfinde— und er beeilte sich, von dem Thema abzuweichen,, .(Fortsetzung folgt.)! .(Jloflitötf verkoten.; Die Gcfcbichtc der sieben Gehängten. Von Seonib Slnbrejctö.— Autorisierte Uebersetzung. Nach der Stimme schien es, als ob Jansson einschlief«. In der Dunkelheit fand Werner seine welke Hand und drückte sie. Janjson tntzog ihm müde und trag die Hand. „Hast Du Angst?" fragte Werner. „Ich will nicht." Sic schwiegen. Werner nahm wieder die Hand deö EstheN vnd drückte sie kräftig zwischen seinen heißen, trockenen Hand- Sachen. Unbeweglich, wie ein Brettchen, lag sie zwischen den ändcn des anderen, und Janfson versuchte nicht wieder, sie ihm izu entziehen. Im Wagen war es eng und stickig, eS roch nach muffigem Soldatentuch, nach Dünger und feuchtem Sticfclleder. Der junge Gendarm, der Werner gegenübersaß, hauchte ihm seinen warmen Atem entgegen, der nach Zwiebeln und billigem Tabak roch. Jr- gendwo, durch eine geheim« Spalte drang ein frischer, scharfer Luft- «ug ein, der in dem kleinen, dumpfen, rollenden Kasten den Frühling noch ganz besonders fühlbar machte. Der Wagen schwankte bald nach rechts, bald nach links, bald schien er gar rückwärts zu gehen; bisweilen war es Werner, als ob sie aus irgend einem Grunde schon stundenlang an einer Stelle kreisten. Anfangs drang durch die herabgelassenen dichten Vorhänge ein Schimmer des bläulichen elektrischen LichtcS in den Wagen; dann machte der Wagen plötzlich eine Wendung, und es wurde dunkel darin. Daran nur konnten sie merken, daß sie in die menschenleeren Straßen der Vorstadt eingelenkt waren und sich dem S... er Bahnhofe näherten. Bisweilen, bei einer jähen Wendung des Wagens, stieß das lebendige, vorgebeugte Knie WernerS in aller Freundschaft gegen das ebenso lebendige, vorgebeugte Knie deS Gendarmen, und es schien ganz unwahrscheinlich, daß die Fahrt t ach dem Richtplatz ging. »Wohin fahren wir?" fragte plötzlich Jansson. Er hatte von dem ewigen Schleudern in dem dunklen Wagen einen leichten Schwindel bekommen, und es war ihm übel. Werner gab ihm Bescheid und drückt« die Hand deS Esthen noch fester. Er wollte diesem kleinen, verschlafenen Menschen irgend etvxiS recht Herzliches, Freundliches sagen, und er liebte ihn bereits wie niemand sonst in seinem ganzen Leben. „Du sitzt vielleicht unbequem, mein Lieber? Nücke hierher, zu mir." Jansson schwieg ein Weilchen und sagte dann: „Tanke Dir schön. Ich sitze gut. Werden sie Dich auch hängen?" „Gewiß!" antwortete Werner mit ungewöhnlicher Lustigkeit, fast lachend, und machte eine leichte, verächtliche Handbewegung, als wenn es sich um einen albernen, harmlosen Scherz handelte. den sich irgend welche lieben, doch dabei höchst lächerlichen Leutchen mit ihm erlauben wollten. „Hast Du'ne Frau?" fragte Jansson. „Nein. Wie käme ich zu einer Frau? Ich stehe allein da.� „Ich bin auch allein... alleinig," sagte Jansson, sich nach-, träglich verbessernd. Auch Werner bekam einen Schwindelanfall. Es war ihm bis» weilen, als wäre er zu irgend einem Feste unterwegs; es mag seltsam scheine»— und doch ist es eine Tatsache, daß fast alle, die zum Richtplatz fahren, die gleiche Empfindung haben: neben Qual und Entsetzen ein unbestimmtes Gefühl der Freude über das Ungewöhnliche, das gleich vorsichgchen wird. Es war wie ein Rausch, gemischt auS Wirklichkeit und Wahnsinn, wie eine wilde Hochzeit, die der Tod mit dem Leben hielt, und die Gespenstern daS Dasein gab. Kein Wunder wäre es, wenn draußen auf den Hänsern Flaggen« schmuck wehte. „Da wären wir ja!" sagte Werner neugierig und vergnügt, als der Wagen hielt, und sprang leicht heraus. Mit Jansson indeS ging die Sache nicht so leicht voustatten: er sträubte sich schweigend» gleichsam am ganzen Körper erschlafft, und wollte nicht aus dem Wagen. Er hielt sich am Wagcngriff fest— mit Gewalt mußta der Gendarm seine kraftlosen Finger entfernen und seinen Arm fortziehen; er griff nach der ersten besten Kante, nach der Tür, nach dem hohen Rad— und lieh sogleich, bei der geringsten Kraft- anstrengung von feiten des Gendarmen, wieder los. Und nicht einmal ein Greifen war es, sondern mehr ein schläfriges, stummes Kleben an jedem Gegenstand, sofort nachgebend, wenn man ihn wegzuschieben suchte. Endlich war er aufgerichtet und stand da. Flaggenschmuck war allerdings nicht zu sehen. Dunkel, öde und unbelebt lag der Bahnhof da, wie stets zur Nachtzeit; die Personenzüge gingen nicht mehr, und für die Abfertigung deS Zuges, der schweigend auf den Schienen die eben angekommenen Passagiere erwartete, bedurfte eS keines großen Aufwandes an Licht, keiner besonderen Umstände. Und plötzlich empfand Werner etwas wie Langeweile. Nicht Furcht, nicht Gram— sondern eine große, lästige, drückende Langeweile, die den Wunsch erweckte, irgend wohin zu. entfliehen, sich hinzulegen und die Augen fest zu schließen. Werner reckte sich und gähnte gedehnt. Und auch Jansson reckte sich und gähnte einige Male hintereinander. „Wenn es nur recht schnell gehen wollte!" sagte Werner. Jansson schwieg, in sich selbst gekehrt. Als die Verurteilten auf dem menschenleeren, von einer Reihe Soldaten besetzten Perron nach den trüb erleuchteten Waggons schritten, kam Werner in Sergej Golowins Nähe; dieser zeigte mit der Hand irgend wohin seitwärts und sagte irgend etwas, doch war nur das eine Wort„Laterne" zu vernehmen, das übrige der- klang in einem langen, müden Gähnen. „Was meinst Du?" fragte Werner, gleichfalls mit einem Gähnen antwortend. „Die Laterne. Die Lampe in der Laterne schwelt," sagte; Sergej. Werner sah sich um: die Lampe schwelte in der Tat und hattg bereits die oberen Scheiben der Laterne geschwärzt. „Ja, sie schwelt." Und plötzlich dachte er: was geht es mich schließlich an, daß die Lampe schwelt, da ich doch... Denselben Gedanken hatte offenbar auch Sergej: er blickte rasch! auf Werner und wandte sich ab. Doch hörten sie beide auf zrr gähnen. Alle gingen selbst nach den Waggons, nur Jansson mußte ge- führt werden. Anfangs stemmte er sich mit den Füßen gegen den Boden, daß die Sohlen an dem Holzwerk des Perrons festzukleben schienen, dann bog er die Knie ein und hing in den Armen der Gendarmen, während feine Beine nachschleiften wie bei einem stark Betrunkenen und die Stiefelspitzen auf dem Holze schurrten. Es dauerte lang«, bis sie ihn durch die Waggontür geschoben hatten, kein Wort wurde dabei laut. Auch Wassili Kaschirin ging von selbst, halb unbewußt, die Bewegungen der Genossen nachahmend— alles machte er so wie sie. Als er die Stufen zum Waggon emporstieg, trat er fehl, und ein Gendarm faßte ihn am Arme, um ihn zu stützen. Da zuckte Wassili jäh zusammen und schrie durchdringend, während er den Arm fortschob: „A— oh!" „Was ist Dir, Waßja?" rief Werner, auf ihn zustürzend. Wassili schwieg und zitterte nur heftig. Der Gendarm erklärte in betroffenem Tone, ja sogar gekränkt: „Ich wollte den Herrn nur stützen, und er.. „Komm, Waßjs, ich werde Dich stützen," sagke Wernes vnd Kollte seinen Arm nehmen. Aber Wassili schob auch seinen Arm «ur Seite und schrie noch lauter: „A— oh!" „Ich bin es doch, Wahja— ich, Werner?" „Ich weist es. Rühre mich nicht an. Ich gehe selbst." Und immer noch heftig zitternd, betrat er selbst den Waggon und nahm in einem Winkel Platz. Werner neigte sich zu Mustja hin und fragte sie leise, mit den Augen nach Wassili weisend; „Wie steht's um ihn?" „Schlecht," antwortete Mustja ebenso leise.„Er ist schon tot. Sage mir, Werner, gibt es einen Tod?" „Ich weist es nicht, Miuhja, doch glaube ich es nicht," vnt- tvortete Werner ernst und nachdenklich. „Ich bin derselben Meinung. Aber er? Ich hatte meine Lual mit ihm in dem Wagen, es war mir, als wenn ich mit einem Toten gefahren wäre." „Ich weist nicht, Mustja... vielleicht gibt es einen Tod für manche Menschen. Vielleicht nur vorübergehend— und später dann nicht. Auch für mich gab es früher einen Tod, und jetzt nicht mehr." Muhjas Wangen, die ein wenig bleicher geworden waren, röteten sich jäh. „Wirklich, Werner? Gab es wirklich für Dich einen Tod?" (fragte sie. „Ja. Jetzt gibt es keinen. So wenig wie für Dich." Von der Waggontür her ivernahm man ein Lärmen. Schwer mit den Absätzen aufstampfend, laut ächzend und ausspuckend, trat Mischka Zigeunerchen ein. Er warf einen Blick in den Raum, blieb stehen und schrie trotzig den müden, wütend dreinschauenden Gendarmen an: „Hier ist kein Platz, Gendarm! Bringe mich in ein Coupe, wo ich mich frei bewegen kann, sonst fahre ich nicht mit, hänge mich meinetwegen gleich da an die Laterne! Und'nen Wagen haben sie mir gegeben, die Hunde— ist denn das ein Wagen? Eine wtiftfuhre ist es, und kein Wagen!" Plötzlich aber neigte er den Kopf zur Seite, streckte den Hals aus und ging in dieser Haltung auf die anderen zu. Aus dem schwarzen Rahmen seines zerzausten Haares und Bartes blitzten die Augen jäh und wild hervor, fast wie bei einem Wahnsinnigen. „Ahl Noch mehr Herrschaften!" sprach er gedehnt.„So, so! Guten Morgen, mein Herr!" Er hielt Werner die Hand hin und nahm ihm gegenüber Platz. Dann neigte er sich ganz nahe zu ihm hinüber, blinzelte mit einem Auge und fuhr rasch mit der Hand über den Hals. „Auch...? Hm?" „Ja, auch," sagte Werner lächelnd« „Doch nicht alle?" «Doch, alle." „Ohol" rief Zigeunerchen zähnefletschenb Und betastete gleichsam olle mit seinen scharfblickenden Augen, die er ein wenig länger auf Mustja und Jansson ruhen liest. Und wiederum blinzelte er dann Werner zu: „Einen Minister wohl...?" „Ja, einen Minister. Und Du?" „Ich wegen'ner anderen Sache. Wie käme unsereins zu 'nem Minister, lieber Herr! Ich bin ein Räuber— nu totsten Sie's. Herr. Ein Seelenverderber. Macht nichts, lieber Herr. Sie müssen mich schon hier aufnehmen. Habe mich nicht von selbst in Ihre Gesellschaft gedrängt. Es ist ja Platz genug für alle in der Welt." Ein durchdringender, misttrauischcr Blick, der unter seinem zottigen Haar hervorschost, fuhr prüfend über die Gefangenen hin. Alle schauten ihn ernst und schweigend und mit offenbarer Teil- nähme an. Mit höhnischer Miene klopfte er Werner ein paar Male auf das Knie: „Ja, lieber Herr, so geht eSl Wie es im Licde heißt:„Rausche nicht, du grünes Laub im Wald..." „Warum sagst Du immer„Herr" zu mir, da wir doch alle..." „Stimmt!" pflichtete Zigeunerchen ihm selbstzufrieden bei. „Was bist Du für ein Herr, wenn Du neben mir hängen wirst! Der da ist der wahre Herr!" sagte er, mit dem Finger nach dem schweigsamen Gendarmen weisend.„Ah— und der da," fuhr er, Nach Wassili hinblickend, fort,„der scheint mir auch nicht recht... Heda, Du, Herr, sage mal: Du fürchtest Dich wohl? Hm?" „Tut nichts," antwortet ihm eine schlverfällige, gleichsam steife Zunge. „Was heißt da„tut nichts"! Brauchst Dich doch nicht zu schämen, da gibt es nichts zu schämen. Der Hund mag wohl mit dem Schweife wedeln und sich freuen, wenn man ihn aufhängen will, aber Du bist doch'n Mensch! Und wer ist denn der Tölpel da? Ter gehört doch nicht zu Euch?" Während sein Blick beständig von einem zum anderen über- sprang, spuckte er zischend den zusammengeflossenen, süßlichen Speichel aus. Jansson, den er jetzt ansah, hatte sich wie ein regungsloses Bündel in die Ecke gedrückt und bewegte nur leicht, ohne«in Wort zu reden, die Lhrklappen seiner verschossenen Pelzmütze. „Der hat seinen Wirt erschlagen," antwortete Werner statt seiner. (Fortsetzung folgt.) r' sr Metropolis.*) In seinem neuesten Roman„Metropolis" entrollt uns Upton Sinclair ein Bild der New Uorker Gesellschaft in den Kreisen der „oberen Vierhundert". Beim Millionär sängt in diesen Kreisen erst der Mensch an; die vierhundert Millionäre von New Dock bilden eine eigene„auserlesene" Gesellschaft, die wieder ihre engeren und engsten Kreise hat, je nach dem Millionenreichtum ihrer Mitglieder. In der Entfaltung eines unerhörten Luxus wird ein toller Wett- eifer geübt, man praßt und schlemmt bis zum Erbrechen und sucht sich in den Verschwendtingskünsten gegenseitig zu übertreffen. Sinclair wird nicht müde, die Pracht und den Glanz in den Palästen der Millionäre, den Aufwand in den Toiletten der Damen, die gefeierten Feste mit den großen Schmausereien eingehend zu beschreiben. Für den Leser freilich wirkt diese schier endlose und immer wiederkehrende Aufzählung und detaillierte Schilderung eines raffi- niertcn Luxus doch etwas ermüdend. Unaufhörlich wird an jedeö Toilettenstück, an jeden Braten, jedes Juwel uud jede Blume die Preismarke geheftet. Etwas wemger wäre auch hier mehr gewesen. Man wird oft an Artikel aus New Dorker Zeitungen erinnert, die ihre Leser damit unterhalten, daß sie die Feste der Neichen mit be- soliderer Berücksichtigung der Toiletten der Damen aufs genaueste beschreiben. Auch einige Skandalprozesse der letzten Jahre, welche die Ver» Hältnisse in den Kreisen der Millionäre in New Jork aufdeckten, scheint Sinclair mit Nutzen für seinen Roman studiert zu haben. Hier und da zeigt sich ein bekanntes Gesicht, wenn auch natürlich uistcr anderem Nameit, aus der hohen Finanzwelt aus New Jork. Mag manche Schilderung im einzelnen auch übertrieben und märchenhaft klingen, im allgemeinen haben wir ein Bild der Wirk» lichkeit vor uns, die„Creme der Gesellschaft" aus dem Lande der Trusts als ekelhaste Gistblase, die der moderne Kapitalismus treibt. Der Inhalt des Romans ist in kurzen Zügen der folgende: Allan Montague, der Sohn begüterter Leute, konrmt aus einem Südstaate der Union, aus Missisippi, nach New Dork. Seine Cousine Alice tind seine Mutter begleiten ihn. Montague bringt sein Geld. 30 000 Dollar, mit und will sich in New Dork als Rechtsanwalt niederlassen. Sein Bruder Ollie befindet sich schon längere Zeit dort, ist in der„Gesellschaft" beliebt und angesehen und gilt für reich, obgleich er nur als Anhängsel einiger Millionäre verschiedene gute Gelegenheiten, Geld zu machen, wahrzunehmen weiß und ein verschwenderisches Leben führt. Allan kommt mit den veralteten Ideen eines Gentleman nach der Metropole am Hudson und sieht hier in eine neue, ihm bisher unbekannt gebliebene Welt. Sein Bruder Ollie, obgleich jünger, aber weit wclterfahrener. bemüht sich, ihn und Alice in dte„Gesellschaft" einzuführen. Das gelingt ihm sehr schnell. Die beiden werden wegen ihrer Unbefangenheit und natür- lichen Frische als neu und originell gern aufgenommen. Ollie sorgt ängstlich dafür, daß sie standesgemäß austreten, er hat ungeheuer viel Geld und beruhigt seinen Bruder fortwährend, daß er alles bezahlen werde. Als Sohn eines berühmten Generals aus dem Burgerkriege gewinnt Allan die Zuneigung manchen einflußreichen Mannes und bald wird er mit Einladungen aus den Kreisen der „Gesellschaft" von New Dork überschüttet. Zuerst kommt er aus dem Staunen und der Verwunderung über den fabelhaften Aufwand in allen Häusern, wo er verkehrt, gar nicht heraus. Und dabei wird er von einem Fest zum andern geschleppt. Die präch» tigsten Schlösser lernt er kennen, den raffiniertesten Luxus, eine Schlemmerei und Verschwendung, die er früher nie für möglich ge- halten hätte. Jedermann befitzt ein eigenes Prachtautomobil, einen eigenen Luxuszug oder wenigstens Luxuswagen bei der Eisenbahn. Dte Weiber treten auf in diamantübersäeten Kleidern, in Toiletten. die große Vermögen kosten. Die Männer können nicht genug Geld hingeben für Maitressen, Rennpferde, Jachten. Die Sumnien werden nicht gezählt, es wird bezahlt, was es kostet. Man zermartert sich das Hirn, um täglich neue Genüsse ausfindig zu machen, zum Bei» spiel mit Ueberraschungen bei Gastmählern aufzuwarten. Bon einem Diner wird erzählt, daß es Lammbraten gab, trotzdem November war.„Zartgebräunte Kalbsmilch", auf goldener Schüssel serviert, zeigt— das Wappen der Gastgeberin, denn sie hat sich halt ein Wappen zugelegt und sorgt dafür, daß die Gäste mit der Nase draufstoßen. Pfirsiche aus Südaftika, zehn Dollar pro Stück, Weintrauben aus Treibhäusern, Nektarinen. Granatäpfel und Dattelpflaumen aus Japan, Wachteln, die aus Aegypten bezogen waren, Salat, der bei elektrischem Licht gewachsen war. und ähnltche kostbare Sachen stehen auf dem Tisch. Unter den Weinen wird Rheinwein genannt, 100 M. pro Flasche, aus dem Keller des deutschen Kaisers. Die Räume des gastlichen HauseS sind natürlich mit ver« schwenderischcr Pracht ausgestattet. Die Gastgeberin erzählt Allan Montague, daß ihre Badewanne auS grünem Marmor 50 000 Dollar kostet und daß eine Orchidee, die über seiner Schulter hängt, als er fich im Wintergarten niederläßt, von ihrem Manne mit 25 000 Dollar bezahlt worden sei. Die Bildergalerie enthält von jedem berühmten Maler der Welt ein Bild. Das ganze HauS ist aus weißem Marmor gebaut und kostete zwei Millionen Dollar. Es gibt noch andere Häuser von größerer Pracht und Herrlichkeit. *) Upton Sinclair, Metropolis, ein Weltstadtroman, aus dem Amerikanischcit übersetzt von ffi. v. Kraatz. Geh. 4 M., geb. 5 M.(Adolf Spouholtz Veflag, G m. b. H., Hannover 1903.) aber die Menschen darin sind fast immer dieselben, kapriziöse Weiber, halb idiotische, oft in Lastern versunkene Männer oder brutale, rücksichtslose Naturen auf wilder Jagd nach Beute in Wall Street, der Börse von New Uork. Auch hier gewinnt Allan einen tiefen Einblick und gewinnt durch eine Information, die sein Bruder ihm Verschaffte, etwa 200 000 Dollar an einem Vormittag. Allan bewahrt sich trotz alledem in diesem Höllenpfuhl sein ruhiges Urteil und seine Eigenart. Er widersteht sogar einer ver- führerisch schönen reichen Frau, die ihn ganz allein zu einem Souper einladet und ihm ihre Liebe erklärt. Der Ehemann kommt hinzu, erkennt die Situation und bemerkt dazu, dah es ihm nicht einfiele, seiner Frau etwas in den Weg legen zu wollen. Das merkwürdigste in dieser Szene ist nun aber, daß Allan, trotzdem die Frau seine Zuneigung besitzt, als keuscher Joseph entflieht. Sinclair fürchtete wahrscheinlich als Amerikaner, daß sein Held im anderen Falle eine starke moralische Einbuße erlitte. Allan erlebt die Genugtuung, daß ihm ein Anerbieten zuteil wird, einen Rechtsfall zu übernehmen, durch den die Korruption in den Versicherungsgesellschaften von New Aork ans Tageslicht gebracht werden soll. Damit zieht er sich den Haß und die Feindschaft einer mächtigen Clique von Millionären zu, aber er trotzt ihnen und geht mit Feuereifer ans Werk. Zu spät wird er gewahr, daß er nur das Opfer einer anderen Clique in den Versicherungsgesellschaften ist, die ihn als Drohung vorschiebt, um selbst größere Macht zu ge» Winnen. Die Cliquen verständigen sich wieder und der Prozeß wird rückgängig gemacht.— Allan zieht sich angeekelt zurück von der Ge- sellschast und will versuchen, allein„als ehrlicher Mensch sein Brot in New Dork zu verdienen". Damit schließt der Roman aus der Weltstadt New Dork, von der Allan Montague fast nur das Leben der Millionäre kennen gelernt hat. Flüchtig hat er einige Blicke auch auf das arbeitende New Dork, auf das darbende Volk als schärfsten Gegensatz zu den Prassern und Schlemmern geworfen. Einmal hörte er an einer Straßenecke einen Volksredner von der sozialistischen Partei, über dessen Rede er sehr empört war, weil er nichts davon verstand. Als er seinen Begleiter fragte, was das zu bedeuten habe, zuckte dieser die Achseln und meinte:„Vielleicht einen neuen Bürgerkrieg". Artur Baar. kleines femlleton. Aus dem Gebiete der Chemie. Der künstliche Kampfer. Der Kampfer ist chemisch eine der ätherischen Oelen nahestehende Substanz, die durch Destil- lation mit Wafserdämpfen aus dem Holze deS in Ostasien heimischen Kampferbaumes gewonnen wird. Die große Wichtigkeit dieses Produktes für eine Reihe von Industrien, besonders für die Zellu- lofefabrikation, verleiht einer technisch brauchbaren Methode der künstlichen Kampfercrzeugung aus geeignetem Rohmaterial durch die damit gegebene Möglichkeit, von den spekulativen Schwan- kungcn des Marktes unabhängig zu werden, eine hervorragende wirtschaftliche Bedeutung. Die Lösung dieses Problems ist in letzter Zeit gelungen, und eine Reihe von Patenten ist nach dieser Richtung verteilt worden. Der Laie kann sich keine annähernde Gorstellung von der Fülle der wissenschaftlichen Arbeit machen, die als Voraussetzung eines technifchen Fortschrittes dieser Art notwendig ist, so wenig ihre Urheber die technische Bedeutung ihrer Erfolge im Auge zu haben pflegen. Die Erforschung der Konsti- tution, d. h. der Art der Atomgruppierung des Kampfers, zählt zu den frühesten und am häufigsten aufgenommenen Problemen der organischen Chemie. In zahlreichen Laboratorien ist unablässig daran gearbeitet worden, und doch ist die Kampferformcl Jahre lang ein Gegenstand eingehender und bisweilen sogar recht heftiger Llontroverscn getvesen. Es blieb aber der deutschen Wissenschaft vorbehalten, die führende Rolle zu übernehmen und nicht Ulm wenigsten auf Grund der klassischen Kampferarbeiten von Julius Wredt in Aachen Klarheit in daS Labyrinth der Terpen- und Kampferchemie zu bringen. Vor fast anderthalb Jahrzehnten gelang die Aufstellung der„richtigen Kampferformel. Die nur um ihrer selbst willen geübte Forschung hat dann auch hier die Wege zur Erreichung praktischer Ziele geebnet. Allerdings ist cS erst im vergangenen Jahre gelungen, ein für die fabrikmäßige Gewinnung von Kampfer wirklich geeignete» Verfahren zu finden, aber auch in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit haben sich be- merkenswerte und tiefgreifende Wirkungen auf den Markt gezeigt. Wie„Jndian Trade" ausführt, ist dieser Einfluß ganz plötzlich eingetreten. Man kann sagen, daß selbst im Sommer des Jahres Ivv? künstlicher Kampfer immer noch lediglich ein Laboratoriums- erzeugnis war. Aber wenige Monate später setzte der Umschwung ein. Vor allem wurden die Japaner betroffen. Unter den Er- Zeugnissen der Insel Formosa, um die sie sich im Jahre 1539 erfolg- reich bemüht hatten, spielt der Kampferbaum die größte Rolle. Seine Ausnutzung wurde nunmehr japanisches Staatsmonopol, und dies Staatsmonopol bedeutet ein Wcltmonopol. Japan war in der Lage, den KampfcrpreiS auf dem Weltmarkt zu diktieren. Die Japaner warfen den Preis auf das V i e r z e h n f a ch e des ursprünglichen Betrages empor, zunächst mit dem Hrnweis auf ge» Wisse Schwierigkeiten in Formosa. Aber auch nach dem Ver- schwinden diese» Momentes gingen ste mit den Preisen nicht herunter. Anscheinend wollten sie durch das Kampfcrmonopol eine große heimische Zelluloidindustrie ermöglichen, und es wurden tatsächlich Anfänge dazu gemacht. Der künstliche Kampfer hat nun die schwere wirtschaftliche Gefahr einer absolutistischen Vorherr- schaft Japans auf dem Kampfermarkt un der aus ihm erzeugten Jndustrieprodukte beseitigt. Der Preis des künstlichen Kampfers, der im wesentlichen vom Marktwerte des als Ausgangsmatcrial dienenden Terpentinöls abhängt, ist nämlich bereits geringer ge- worden als der des natürlichen. Unter normalen Umständen dürfte der künstliche Kampfer stets das billigere Produkt bleiben. Er bedeutet gegenüber Japan ganz Aehnliches, wie der künstliche Indigo gegenüber der pflanzlichen Jndigoerzeugung Indiens. A lsbald nach der Patentierung eines befriedigenden Verfahrens zur Fabri- kation von Kampfer hat sich die Marktlage gründlich geändert. Binnen ganz weniger Monate ist der Preis des natürlichen Kampfers um die Hälfte gefallen, ohne dadurch etlva schon mit dem künstlichen konkurrieren zu können. Allerdings fehlt es auch nicht an skeptischen Stimmen, die namentlich in letzter Zeit infolge des immer noch anhaltenden Sinkens des natürlichen Kampfers laut werden. Die englische Zeitschrift„Tropical Agriculturist" hat jetzt Zweifel geäußert, ob angesichts dieser Tendenz die industrielle Kampfererzeugung in der Lage wäre. Schritt zu halten. Jeden- falls aber hat sie ein für allemal der diktatorischen Stellung Japans den Boden abgegraben, für die allerdings auch die stets wachsende Bedeutung Chinas für die Kampferversorgung eine Drohung wäre. Es scheint entgegen den Behauptungen in japanischen Quellen, daß Südchina eine sehr ernsthafte Konkurrenz bedeutet. Von beträcht- lichem Einfluß dürfte der künstliche Kampfer auch auf die Kultur des Kampferbaumes sein, die man in den letzten Jahren an vielen Orten zu fördern versucht hat. Technisches. Selb st tätige Eisenbahnzug- Sicherung. Die größte Zahl der Eifenbahnunfälle wird durch daS Nichtbeachten der Haltesignale hervorgerufen. DaS Bestreben, eine wirksame Zug« sicherung zu konstruieren, muß also dahin gehen, die Bremsung deS Zuges bei geschlossenem Haltesignal selbsttätig hervorzubringen. Auf den französischen Staatsbahnen hat sich nun bereits im Probebetriebe eine Vorrichtung bewährt, die bei den mit durchgehender Luftbremse versehenen Züzen beim Vorbeifahren an einem geschlossenen Vorsignal die Betriebsbremsung, an einem Hauptsignal die Schnellbremsung aus- löst. Da hierbei gleichzeitig eine besondere Dampfpfeife ertönt, ist die Vorrichtung ohne weiteres auch für Güterzüge brauchbar. Um diese Sicherung zu bewirken, sind beiderseits der in der Fahrtrichtung rechts liegenden Schiene Anschläge angebracht, die um eine Achse drehbar sind. Diese Anschläge überragen den Schienenkopf und können von an der Lokomotive befestigten fingerartigen Schleif« hebeln, die durch Hebel- und Zugstangennbersetzungen auf den Bremshahn und den Pfeifenhahn wirken, gestreist werden. Die An- schlage stehen mit den Signalen in Verbindung und zwar so, daß sie nur bei geschlossenen Signalen gestreist werden können. Beim Vorbeifahren an einem geschlossenen Vorsignal ertönt die Pfeife und am Führerstand erscheint eine Scheibe mit der Be- zeichnung„Vorsignal". Patzt der Lokomottvführer auf, so kam« er nun noch die Bremsen lösen und nach Freigabe der Strecke sofort weiterfahren. Fährt er aber an dem Haupffignal vorüber, so wird selbsttättg bewirkt, daß er die eingeschnappte Sicherung nur mittelst eines von dem Zugführer aufbewahrten Schlüssels entriegeln kann. Dadurch wird der Lokomottvführer in seinem Dienste überwacht. Zudem tritt aber eine selbständige Schreibvorrichtung auf der Loko- mottve jedesmal dann in Tätigkeit, wenn ein geschlossenes Signal überfahren wird. Will der Lokomotivführer nachweisen, daß er auf» gepaßt hat. so vermerkt er da» sogleich durch ein Zeichen auf dem ablaufenden Papierstteifen. Damit nun nicht zufällige Hindernisse wie Steine oder liegen gebliebenes Werkzeug u. dal. die Signalvorrichtungen auslösen, sind immer zwei Anschläge zu beiden Seiten der Schiene angeordnet, so daß zufällig auf beiden Seiten zugleich Hindernisse vorhanden sein müßten, wenn die Auslösung erfolgen sollte. Die Betriebsfähigkeit der ganzen Vorrichtung kann von dem Lokomottvführer leicht durch Anheben der Hebel geprüft werden. Die Stteckenanschläge sind mit den Signalen so verbunden, daß sie beim Bruch eines Drahtzuge» die Haltestellung einnehmen. Damit sind alle Vorkehrungen ge- troffen, die Fehler und Mängel verhüten. In Deutschland ist die Vorrichtung auf der Militäreisenbahn und aus der Strecke Halle-Bitterfeld erprobt worden und hat sich bei allen Geschwindigkeiten— die bis zu 110 Kilometer in der Stunde getrieben wurden— selbst bei Vereisung der Schleifhebel gut be- währt. Da schon die Auslösung der Dampfpfeife ein gutes War- nungssignal ist, so hat man in Aussicht genommen, auf der Strecke Halle-Wittenberg Dauerversuche damit anzustellen, wobei die Brems- Wirkung vorläufig fortfallen soll. Dadurch ist natürlich eine große Vereinfachung gegeben. Zur wirksamen Deckung von Zügen, die aus irgend cineni Grunde auf der Strecke liegen bleiben, werden im Packwagen Anschlagpaare mitgeführt, die am Gleise durch ein- fache» Ueberschieben befesttgt werden. Verantw. Redakteur: Georg Tavibsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VcrlagSanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin LW,