Antcrhaltmigsvlatt des Horwärts Nr. 130. Donnerstag, den 9. Jull. 1903 ikZZachdruS verbotey-Z v jviafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil RaSmussen. Autorisierte Uebersetzung von E. Stine. Die Gräfin war zu Beginn in reizbarer Stimmung. Die Sciroccoluft brannte ihr in Kopf und Nerven. Sie fächelte unaufhörlich, atz eine Feige mit ein wenig Schinken, ließ aber die Suppe und die Muränen Vorbeigehen. Selbst das rote Roastbeef, das dem Ingenieur zu Ehren— er hatte lange Zeit in England gelebt— gebraten war, lieb sie stehen. Dann aber wurde mitten zwischen den Gerichten Frucht- eis serviert. Die Gräfin atz eine grotze Portion und leerte ein ganzes Glas milden Woodhouse Marsala dazu. Das regte sie an. Unter der gedrückten Stimmung zu Beginn der Tafel hatten die Herren das übliche Jdiotenthema: Wein erörtert und einander zum Hundertstenmale versichert, daß Sizilien an Tischweinen weit hinter Nord- und Mittelitalien zurückstehe, datz selbst Bosco sich nicht mit Barolo und Barbera oder einem echten Castellina, mit einem Lambrusco oder Valpolicella messen könne, datz aber ein milder Woodhouse dennoch ein un- vergleichlicher Trunk sei und bleibe— allerdings wesentlich unter dem Gesichtspunkte: Likör, Damengetränk betrachtet. Der Wein im Verein mit der beruhigenden Unterhaltung versetzte die Gräfin in ein gewisses Behagen, und als das Mädchen die gebratenen Hühner abgeräumt, griff sie in das Gespräch ein. „Sie sind ja in Paris gewesen, Ingenieurs Das soll ja eine sündhaft schöne Stadt sein?" „Ich für mein Teil verstehe sie wohl kaum richtig. Auf- richtig gesagt... mich langweilt sie." „Paris langweilt Siel?" fielen beide Herren über ihn her. Hätte er doch gesagt, datz er nicht an Gott glaube! Aber dies war fast ein Vergehen gegen die Wohlanständigkeit. „Ist es wahr, Ingenieur, daß es in Paris Lokale gibt, wo man von nackten Weibern bedient wird?" Sie sah, datz er ein wenig verlegen wurde, und das reizte sie. Sie betrachtete ihn als eine Unschuld. Beide Herren unterhielten sich köstlich. Sie kannten die Routine, mit der die Gräfin eine Unschuld einzuseifen verstand. „Man kann nie wissen, was sich in Paris verbirgt," sagte der Ingenieur.„Ich aber habe jedenfalls diese Art Lokale nie gesehen." „Sie haben wohl überhaupt nie ein nacktes Weib ge- sehen, Ingenieur?" Vom Wein angeheitert, lachten die beiden Herren, als sollten sie bersten, und der Ingenieur entschied sich, mitzu- lachen. „Ich muß um Erlaubnis bitten, mit der Antwort zu warten, bis ich die Frau Gräfin besser kenne," erwiderte er. „Meine Frau hat mitunter die lächerlichsten Einfälle," warf der Graf entschuldigend ein. „Ich glaube nun doch, daß es diese Art Lokale gibt. Man hat es mir wirklich erzählt. Ich hätte Lust, nach Paris zu fahren."...- „Ja, wir würden diese Lokale schon finden," meinte der Graf. „W i r Einen Äugenblick fand sie keine anderen Worte. Pfeil- schnell schoß das Blut ihr zu Kopfe, so daß die Wangen ins Violette spielten. „Also solche Interessen erlaubt sich ein Deputierter zu haben! Während die Bevölkerung erwartet, daß er in Rom für ihre Sache wirkt, und auf seinen Einfluß hofft, hat er kein anderes Interesse als gewisse Kabinette aufzustöbern und nackte Weiber anzuglotzen! Was meinen Sie, Ingenieur?" „Sie dürfen mich nicht in einen ehelichen Zwist ver- wickeln. Gräfin! Ucbrigens glaube ich, datz Sie sich erhitzen." Sie ließ den Fächer fallen und zog den Lehnstrchl näher zum Tische. Nervös zitternd schenkte sie sich ein Glas Eis- Wasser ein. Man hörte das Glas an ihre Zähne klirren, während sie trank. Darauf schob sie den Stuhl wieder vom Tische fort, warf sich stöhnend zurück und fächelte sich heftig Luft zu. Der Graf und der Kapitän, mit diesen plötzlichen Zornes- äußerungcn bekannt, verhielten sich stumm. Der Ingenieur aber geriet mehr und mehr außer Stimmung. Erst beim Dessert versuchte der Kapitän die drückend? Spannung abzuleiten, indem er das Gespräch auf ganz neu- trale Themen, wie Birnen, Bohnen und was die Obstschüssel sonst bot, zu lenken sich bemühte. Und er bewunderte zum zwanzigsten Male die Obstschüssel selbst, eine natürliche Schals aus Salz- und Schwefelkristallen, die man in den Minen der Gräfin gefunden hatte. Mitten im Gespräch verfiel der Ingenieur darauf, nach den Ausgrabungen des Marchcse zu fragen, von denen er hatte erzählen hören. Der Kapitän trat ihm auf den Fuß, aber es war zu spät. „Er meinte einen Schatz gefunden zu haben, aber es waren nur alte Topfscherben," sagte der Graf lächelnd. „Der Besitz, den er da oben angelegt hat, ist jedenfalls ein gefundener Schatz." sagte die Gräfin.„Dank dem Stadt- rat, den wir haben! Der Fleck da oben ist Goldes wert. Man hätte ihn an einen Engländer oder für ein Hotel teuer ver- kaufen können. Statt dessen wirft man ihn für ein paar hundert Lire bin! Und warum? Weil keiner vom Stadt- rate so hoch hinaufsteigen wollte, um ihn zu taxieren. Keiner von den Idioten hat ein wenig Vorausblick!" „Uebrigens," fuhr sie etwas ruhiger fort,„ist der Mar- chese ein Sonderling, der seine Zeit auf Ausgrabungen und dergleichen Schwindel mehr vergeudet. Keiner aus seiner Familie zeigt sich bei hellichtem Tage unter Menschen, weil sie nicht mehr die Mittel haben, so aufzutreten, wie in den Tagen ihres Wohlstandes. Er ist ein echter Sizilianer, legt ungeheures Gewicht auf äußeres Auftreten und Vornehmheit. Ja, so vornehm ist er, daß er, obwohl seine Tochter mit meinem Sohne verlobt ist, noch keinen Fuß in mein Haus gesetzt hat, Lidda aber ist eine Perle. Und sie betet Angelo an." Kurz darauf erhob man sich vom Tische, und die Grafin fragte den Ingenieur, ob er sie zur Kirche begleiten wolle. Sie versäumte keinen Abend nach Tische, in einer nahegelegenen kleinen Kapelle ihre Andacht zu verrichten. In diesen Tagen vor dem Feste des San Calogero, des Schutzheiligen der Stadt, wurde in der nahen Pfarrkirche auf dem Korso zu dessen Ehren eine Novene(neuntägige Andacht) abgehalten, und sie folgte mit Interesse diesen in ihrer Art ganz inter-. essanten und prächtigen Gottesdiensten. Während sie verschwand, um Toilette zu machen, tranken die Herren Kaffee. Der Ingenieur hatte nun Zeit, das Kabinett genauer zu betrachten. Es war weder vornehm noch raffiniert. Auf den jungen Ingenieur machte es fast den Eindruck einer Kinderstube oder eines Zimmers für ein ganz junges Pensionsfräulein. Die Möbel waren an und für sich tadellos, aber ganz nichtssagend. Man sah sie nicht. Es waren bloß die Wände, die die Auf» merksamkeit fesselten. Zwei Türen waren mit illustrierten Postkarten und Geburtstagsversen auf blumigem Papier über- klebt. Unter den Unterschriften fand, sich ein großer Name, der der Literatur angehörte. Auf dem kleinen auftcchtstehenden Klavier und an der Wand darüber war ein buntes Gemisch von japanischen Fächern und Porträts mit eigenhändigen Unterschriften an- gebracht. Da gab es gefeierte Tenöre, die während der ersten Ehe der Gräfin ihr Haus besucht haben. Und auch eine komplette Sammlung ihrer Liebhaber fehlte nicht— wie im Boudoir einer unverheirateten Lebedame.« Den Graf schien diese genaue Musterung der Bilder- galerie ein wenig nervös zu machen. Er trat hinzu und gab dem jungen Ingenieur detaillierte Auskünfte über die be» rühmtesten der Sänger. � Lo Forte hörte nur halb zu. Sein Blick war auf ein Jugendporträt der Gräfin gefallen, und unter dem frischen Eindruck ihres merkwürdigen Wesens konnte er die Blicke nicht von diesem Antlitz losreißen— so sehr fesselte es ihn. Es war ein Antlitz, das wie eine Spinx zugleich anzog und Entsetzen einflößte, Das Haupt war rund und erschien noch runder durch die schwere Haarfülle, die dichtgetämmt in einem vollen Knoten mitten ini Nacken lose gesammelt war. Am Gesicht war namentlich der untere Teil mit seinem kurzen kräftigen Katzengebiß stark entwickelt. Die Lippen spannten sich wie zwei reife Trauben, und die Scheidelinie zwischen ihrer Korallenfarbe und dem Kolorit des Gesichts war mit un- gewöhnlicher Schärfe gezogen. Die kurze, schwachgebogene Nase hatte rokokoartig geschwungene Flügel. Nur die Brauen waren scharf gemeißelt, fest wie die Linien des Mundes, und beschatteten die langbewimperten Augen mit den tiefen, fieber- glänzenden Pupillen. Es war in diesem Ausdruck etwas, was an die Weiber gewisser Beduinenstämme weit unten am Wüstenrande er- innerte, Weiber, die den Griechen vielleicht ihre Vor- stellungen von Amazonen inspiriert hatten. Alles in diesem Antlitz war ein Fordern— ein Begehr nach Liebe. Nicht raffiniert, nein urfrisch, nur ungestüm. Diese Lippen redeten die Sprache des Blutes, aber bewußt und mit der ungescheuten Offenheit der Natur, wie die Brunst der Hirsche und das Spiel der Schinetterlinge. Dieser Blick konnte nicht bitten, sich nicht in bebender Unterwerfung senken: er forderte auf Männerart und nahm selbst, was ihn reizte. Diese Augen konnten unwiderstehlich locken, ganz hinaus in das Weite und Wilde, aber wie eine Drohung lauerte in ihnen ein tödlicher Ernst. Wehe dem, der betrog, oder gar der Forderung nicht nachkam, sich dem Begehren zu schwach er- wiesl Dies Weib konnte töten, konnte morden durch ihre bloße Begier. Sie konnte einen Mann in ihren Armen tot- pressen. � ä-.. .(Fortsetzung folgt.)] Das Jubiläum des deutfeben Porzellans* Zur Erfindung des Porzellans vor 200 Jahren(Juli 1708)].■- Von Hermann W iegand- Berlin. In den ersten Tagen des Oktobermonats 1701 befand sich in der Haupt- und Residenzstadt Berlin des neugebackenen Königs Friedrich l. von Preußen Hoch und Niedrig in nicht geringer Auf. regung. Ein erst sechzehnjähriger Apothekerlehrling namens Böttger, der im Jahre 1096 in die Zornsche Apotheke an der Ecke des Molkenmarktes und der Spandauerstratze eingetreten war, sollte — so munkelte man— das von tausend Adepten und Alchemisten heiß umworbene Problem gelöst haben, Blei und Silber in Gold zu verwandeln. Wie ein Lauffeuer ging die Kunde durch die Stadt. In den Trinkstuben sprach man von nichts anderem und auch am luxuriösen Hofe des Königs, an dem man Ströme von Gold recht gut hätte brauchen können, begann man sich so gewaltig für den jungen Hexenmeister zu interessieren, daß dieser es auf Anraten guter Freunde schon toenige Wochen darauf für geraten fand, bei Nacht und Nebel aus Berlin zu verschwinden und nach kurzem Aufenthalt in Schöneberg über die sächsische Grenze zu flüchten. Schon am nächsten Morgen nach dem Bekanntwerden seiner Flucht klebten an den Berliner Straßenecken amtliche Bekannt- machungen, die demjenigen, der Böttger zurückbringe, eine Be- lohnung von 1000 Taler versprachen. Böttger hingegen stellte sich unter den Schutz König Augusts des Starken, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als den seltenen Vogel bei guter Atzung in den Käfig zu stecken, und das oft wiederholte Auslieferungsbcgehren König Friedrichs mit dem Einwände abwies, daß Böttger sein Unter- tan sei. Der Jüngling, der der Welt das ergötzliche Schauspiel der» schaffte, daß seinetwegen sich zwei Könige mehrere Jahre lang stritten, hat dadurch, daß er 1708 das bis dahin nur den Chinesen und Japanern bekannte Geheimnis der Porzellanfabrikation ent- schleierte, der Menschheit etwas Besseres gegeben als oie Kunst, Gold zu machen. Sein Berliner Debüt als Alchemist ist jedoch für seine spätere Erfinderiätigkeit von so großer Bedeutung, daß es in einer Skizze über die Erfindung des Porzellans nicht gänzlich übergangen werden darf. Seine vom Vater ererbte chemische Veranlagung machte ihn schon als Knaben zu einem geschickten Experimentator und brachte ihn in Berührung mit bekannten Alchemisten wie Struve und EberS, besonders aber mit einem griechischen Mönch, namens Lascaris, der ihm in einem Fläschchen so viel des„roten Leu" gegeben haben soll, um damit 80 000 Speziestaler in Gold zu verwandeln. Eines Tages erklärte er seinem Prinzipal, daß er vor einwandsfreien Zeugen eine Probe seiner Goldmacherkunst ablegen wolle. Der in Gegenwart des Zornfchen Ehepaares, des Predigers Johann Porst igus Malchow und des Konsiftorialrats Winkler aus Magdeburg am Abend des 1. Oktober 1701 vorgenommene Versuch verlief nach der Schilderung Karl August Engelhardts, der die handschriftlichen Auf» Zeichnungen von Porst und Schräder benutzt hat. wie folgt:„Böttger läßt sofort in den großen Saal des mittleren Stockwerks einen Windofen bringen, setzt den Schmelztiegel darauf und verlangt Metall zum Einwerfen. Der Konsistorialrat Winkler wirft 18 Zwei- groschenstücke, vier Lot an Silber selbst in den Tiegel und schürt und bläst auch selbst das Feuer an, welches heftig sein mußte, wenn die Münzen schmelzen sollten. Böttger darf aber letztere nicht an» rühren, auch dem Kamine und Windofen nicht nahe kommen. Als die Zweigroschenstücke flüssig find, zieht Böttger ein rotes durch. sichtiges Glas aus der Tasche, nimmt von dem Pulver darin eine Prise, nicht größer als zwei Senfkörner und bittet den Pastor Porst, sie in ein Papier zu wickeln, dann in den Schmelztiegel zu werfen und diesen zuzudecken. Gesagt, getan I Nachdem die Masse gehörig fließt, wird der Tiegel geöffnet und— das feinste Gold heraus- gegossen. Eingedenk des Spruches, daß, die da reich werden wollen, in Versuchung und Stricke fallen, vermahnten nun die durch„Er- blickung dieses erstaunlichen Experiments" nicht wenig überraschten Zeugen den jungen Menschen, sich wohl vorzusehen, daß ihm die Sache nicht gereichen möchte zu einem Strick, der ihn in großes Verderben ziehe." Böttger ist nach seiner Flucht aus Berlin seines Lebens nie mehr recht froh geworden. Sein Ruf, das große Geheimnis zu wissen, wurde ihm zum Fluche, der sich wie ein Bleigewicht an seine Füße hing und ihm die Freiheit raubte. Da man der Ansicht war, daß der prachtliebcnde, durch seinen Kinderreichtum sprichwörtlich gewordene, starke August einen Goldmacher sehr gut brauchen könne, wurde er von Wittenberg nach Dresden gebracht, wo ihm Fürst Egon von Fürstenberg ein Laboratorium einrichtete. Nachdem er 1704 einen vergeblichen Fluchtversuch nach Wien unternommen, wußte er durch eine mit großem Geschick abgefaßte Schrift voll alchemistischer Narrheiten den König so zu betören, daß dieser ihm zur Fortsetzung seiner Versuche erhebliche Summen überwies, wobei er ihn aber unter die Kontrolle des um die sächsische Glasindustrie verdienten Naturforschers Walter von Tschirnhausen stellte, der sich seit Jahren darum bemühte, hinter das Geheimnis der chinc- fischen Porzellanfabrikation zu kommen. Drei Jahre lang wartete der König vergeblich mit steigendem Ingrimm auf das erste künstliche Gold, das ihm sein gerissener Adept vorlegen würde, und sandte ihm im Oktober 1707 die nicht mißzuverstehende Drohung:„Tu mir zu Recht, Böttger, sonst lasse ich Dich hängen." Das heiß ersehnte gelbe Metall konnte nun zwar der unselige Erfinder nicht liefern, er warf sich dafür aber mit allem Eifer auf die technischen Verfahren der Tonwaren- industrie, in denen sein Gefangenenaufteher Tschirnhausen ihm manche Winke geben konnte, und versuchte sich in der Fabrikation Deister Kacheln, mit denen der König sein Schloß und den Schloß- türm in Dresden auslegen lassen wollte. Bei diesen Versuchen, die er(wie seit Jahren) in strengster Klausur, immer von Wachen um. geben, auf der Venusbastei in Dresden, der heutigen Brühlschen Terrasse, ausführte, kam er schrittweise auf die richtigen Spuren, die ihn zur Fabrikation des echten weißen Porzellans führten. Schon im November 1707 konnte der mit Hängen Bedrohte, der Tag und Nacht mit zahlreichen Gesellen im Laboratorium tätig war, dem König Porzellangefchirre von roter Farbe überreichen, die aus einem in der Gegend von Meißen gefundenen roten Ton angefertigt waren. Zur Herstellung des weißen Porzellans gelangte Böttger erst im Sommer, wie es scheint im Juli 1708, als ihm die weiße Ton. erde von Aue bei Schneeberg in die Hände gekommen war. Auch hier scheint wie bei den Experimenten mit den Deister Kacheln ein Zufall dem Erfinder zu Hilfe gekommen zu sein. Wie alle Leute von Stand aus der Zeit des Rokoko trug auch Böttger eine weiß gepuderte Perücke. Eines Tages fiel ihm die Schwere des von ihm benutzten Puders auf, der, wie er feststellte, kein Mehl, sondern fein geschlämmte Tonerde war, die ein findiger Hammer- fchmied namens Johann Schnorr in Aue an den Hufen seiner Zugpferde entdeckt hatte und mit großem Nutzen statt Weizenmehl- Puders nach Dresden verkaufte. Sein Versuch, diese Tonerde auf Porzellan zu verarbeiten, glückte über alle Erwartung und schon nach einigen Monaten(der mit Kalkbrei versetzte Tonbrei mutz, nachdem er die erforderlichen Zusätze von fein gemahlenem Quarz und Feldspat erhalten hat und abgepreßt ist, in Ballen mehrere Monate rotten oder gären] konnte Böttger dem Hofe die ersten weißen Porzellangefäße abliefern. Aus einem Goldmacher war der erste Porzellanfabrikant Europas geworden, wie Böttger selber mit grimmigem Humor be- merkte, als er über der Pforte zu seiner Versuchsanstalt die In- schrift anbringen ließ: Es machte Gott, der große Schöpfer, Aus einem Goldmacher einen Töpfer. Das rotbraune Porzellan, das man zu Täßchen geformt in Dresdner Kreisen damals als„Kapuzinerchen" bezeichnete, war überholt; denn schon auf der Leipziger Ostermcsser von 1709 er- fchien, wenn auch in geringen Mengen, weißes Porzellan. Auch König August war zufrieden, weil er, so lange er den Meister in seinen Händen hatte, hoffen konnte, aus der Porzcllanfabrikation namhafte Gewinne zu ziehen. Gerade.er war auch wie kaum ein Anderer darauf erpicht, schöne chinesische Porzellane selbst mit den Höchsten Preisen zu bezahlen und hat keinen Augenblick gezögert, den seltsamen Handel abzuschließen, als ihm König Friedrich I. don Preußen für ein ganzes Regiment sächsische Soldaten als Kaufpreis 43 chinesische Gefäße anbot, von denen noch heute ein großer Teil in der Gefäßsanimlung des Dresdner Johanneums steht. Die Chinesen, denen die Erfindung des Porzellans schon um das Jahr 600 nach Christus zur Zeit der Dynastie Sui geglückt War, haben keineswegs, wie fälschlich immer wieder behauptet wird, aus der Porzellanbereitung ein Geheimnis gemacht, sondern ihr Wissen darüber schon vor Jahrhunderten in ihren vielbändigen Enzyklopädien, besonders in einem vor wenigen Jahrzehnten von Julien übersetzien Lehrbuch niedergelegt, aus dem hervorgeht, daß ihnen auch die Fabrikation des Seladonporzellans(Porzellan mit graugrünem Schmelz) schon um das Jahr 1000 zur Zeit der Dynastie Lung wohlbekannt war. Der erste Porzellanofen stand in dem Dorfe Chan-Nan und soll auch jene in Siam gefundenen Gefäße geliefert haben, die man irrtümlich lange für hinterindisches Produkt gehalten hat. Im Jahre 1298 gelangten durch Marco Polo die ersten Nachrichten über diese Industrie nach Europa, es vergingen aber noch weitere 200 Jahre, bis die ersten Porzellan- gefäße durch die Portugiesen nach Europa gebracht wurden, wo sie den lebhaftesten Beifall fanden. Auch der Name„Porzellan" stammt von den Portugiesen, die es so tauften, weil der Glanz der Gefäße an die Schalen der tropischen Schnecke erinnert, die in der Zoologie den Namen C�praea moneta trägt, als Muschelgeld (Kuri) benutzt wird und im Portugiesischen porcella(d. h. Schweinchen) heißt. Schuld daran, daß die Erfindung erst 1100 Jahre später in Europa aufs neue gemacht werden mußte, ist lediglich die Tatsache, daß die mit dem fernen Osten Handel treibenden europäischen Völker sich nicht bemühten, die Technik an Ort und Stelle zu stu- dieren und lieber die ungeheuren Handelsgewinne einstrichen. Böttger muß deshalb, so wenig man ihn als Wechselbalg von Fälscher und Alchcmist achten mag, zu den großen Erfindern ge- rechnet werden, denen die Menschheit zu wirklichem Danke ver- pflichtet ist, auch wenn man von der Bedeutung des Porzellans als Luxusartikel gänzlich absieht. Auch König August II. bewies sich in seiner Weise dankbar. Er erhob ihn in den Freiherrnstand und machte ihn zum Direktor der 1710 in Meißen gegründeten sächsischen Porzellanmanufaktur, die bis zum Herbst 1863 in der dortigen Albrechtsburg etabliert war und dann in das Triebischtal verlegt wurde. Eingedenk der alten Sarastroweisheit, hielt er ihn aber auch dann noch unter strenger Aufsicht, weil er sein Entweichen nach Wien oder Berlin befürchtete. Böttger ist tatsächlich auch im Jahre 1716 mit Ber- liner Persönlichkeiten in Verbindung getreten, um das Geheimnis teuer zu verkaufen. Als man 1719 am sächsischen Hofe hinter diese Korrespondenz kam und ihn ins Gefängnis warf, war er bereits ein Sterbender. Während seiner Gefangenhaltung hatte sich der Erfinder dem Trünke ergeben. Er starb als unverbesserlicher Alko- holiker am 13. März 1719 und wurde seltsamerweise— aus noch heute nicht bekannt gewordenen Gründen— erst zehn Tage(nach anderen Quellen sogar erst sechzehn Tage) später auf dem neuen Johanniskirchhof begraben. Zu Böttgers Lebzeiten hat die Meißener Porzellanmanufaktur keinen erheblichen Gewinn abgeworfen. Die zielbewußte, geregelte Leitung eines großen technischen Betriebes war eine Sache, die dem liederlichen und unordentlichen Sinne des Erfinders meilen- fern lag und so wurde die Möglichkeit, den ganzen europäischen Markt zu erobern, nicht ausgenutzt. Erst als nach Böttgers Tode der Maler Herold die Leitung übernahm, kam für die Meißener Fabrik die Glanzzeit, aus der die Porzellanfiguren und kunstvoll ornamentierten und bemalten Vasen und Geschirre stammen, die heute als Vieux Saxe auf den Kunstauktionen mit märchenhaften Preisen bezahlt werden. Wie aber nach Horaz„der eherne Turm die gefangene Danae nicht vor nächtigen Buhlen sichern" konnte, so war auch das Geheimnis der Porzellanfabrikation bald nach Böttgers Tode durch die Mauern der Albrechtsburg durchgesickert. Ein in alle Einzelheiten der Bereitungsmethode eingeweihter Ar- beiter brachte das Geheimnis 1720 nach Wien, wo sofort mit der Errichtung einer Fabrik begonnen wurde. Weitere Fabriken ent- standen in Höchst am Main(1740), in Berlin 17S0), in Franken- thal(1764), in Nymphenburg, Ludwigshafen und an anderen Orten Deutschlands, das während eines reichlichen Menschenalters die Monopolstellung behauptete. In Frankreich, wo man um das Fabrikationsgeheimnis zwar wußte, kam die Fabrikation zunächst deshalb nicht in Gang, weil man keine Fundstätten der unumgäng» lich notwendigen Kaolin-Tonerde kannte. Auch hier spielte ein glücklicher Zufall die Rolle der Vorsehung. Die Frau eines armen Barbiers suchte eines Tages bei Limoges an einem Bergrücken Ton, um ihre Wäsche weiß zu machen. Sie fand eine weiße speckige Masse, die von dem Chemiker Macquer als Kaolin erkannt wurde. Man ging nun an den Bau der nachmals so berühmt gewordenen Fabrik zu Sevres zwischen dem Park von Saint-Cloud und dem Walde von Meudon, wo 1765 das erste französische Hgrtporzellan hergestellt wurde. 50 Millionen Mark für Schund- literatur. DBK Sollte man es für möglich halten, daß die Pest der Hintertreppenromane(und der schlechten Literatur überhaupt) trotz ihrer Scheußlichkeit, trotz unserer steigenden Volksbildung, trotz der Anstrengungen aller einsichtigen Leute nicht abnimmt, sondern zu- nimmt? Nicht weniger als 8000 selbständige Kolportagebuchhand» lungen geben sich allein im Deutschen Reiche mit dem Vertrieb von Kolportageliteratur ab, deren überwiegender Teil aus schund- romanen oder Hintertreppenromanen, oder wie man sie sonst be> zeichnen mag, besteht; der guten Bücher, die durch Kolportage ver. trieben werden, sind im Verhältnis dazu leider nur wenige. Und diesen 8000 selbständigen Geschäftsleuten stehen 30 000 Kolporteure zur Seite, die den Vertrieb dieser literarischen Schundwaren in wohlorganisierter Weise in jede großstädtische Mietskaserne, in jede? Mietshaus in der Kleinstadt, in jedes Bauernhaus zu tragen suchen. Die Summen, die von diesen Kolporteuren umgesetzt werden, sind ganz ungeheuer. Sicher schätzen lassen sie sich nicht, aber wahrschein» lich ist es eher zu niedrig als zu hoch gegriffen, wenn man annimmt». daß in Deutschland Jahr für Jahr etwa 50 Millionen Mark in der« übelsten Arten der schlechten Literatur angelegt werden! Diese riesenhafte Summe wird jedem, der mit den Verhält- nissen nicht näher vertraut ist, als übertrieben erscheinen. Aber er wird anderer Ansicht werden, wenn er hört, daß zum Beispiel ein einziger Berliner Verlag, der sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Hintertreppenromanen, ägyptischen Traumbücher� Geister- und Gespensterbüchern und ähnlichen Dingen befaßt, offen angibt, daß er in einem einzigen Jahre 25 Millionen Kolportage- hefte verbreitet Halte. Das macht also, da jedes Heft mit 10 Pf. bezahlt wird, allein für die Erzeugnisse eines einzigen Hinter- treppenromanverlages 2� Millionen Mark in einem Jahre aus! Und solcher Verlagsbuchhandlungen gibt es nicht nur eine, sondern eine ganze Anzahl. Millionen unserer ärmsten Volksgenossen kaufen und verschlingen diese Schundware. In jeder großen Fabrik, in Tausenden von Handwerker- und Bauernfamilien, in den Reise» körben unserer Dienstmädchen ist sie zu finden. Ja in den Kranken» Häusern wandert sie heimlich von Bett zu Bett, um unter den Kopf- kissen zu verschwinden, sobald der Arzt oder die Krankenschwester in die Nähe kommen. Und selbst Leute, die von der öffentlichen Armenunterstützung erhalten werden, erübrigen Woche für Woche einen Groschen, um sich ihr Kolportageheft zu kaufen. Welche gefährlichen Wirkungen diese Schundromane ausüben» das läßt sich kaum überschätzen. Man hat der Frage in Deutschland bisher wohl noch nicht die genügende Beachtung geschenkt, und erst in letzter Zeit nimmt die Oeffentlichkeit ein tieferes Interesse daran. Dann und wann wirst eine Gerichtsverhandlung ein blitzartige» Licht auf die Frage, welches Unheil die Hintertreppenromane in den Seelen junger Leute, aber auch bejahrter Männer und Frauen anrichten. Erst vor wenigen Tagen gingen zwei solcher Fälle durch die Zeitungen. Der fünfzehnjährige Kochlehrling Wilhelm Rütting in Berlin erschoß seinen Koch, auf den er seinen Zorn geworfen hatte; die beständige Lektüre der Verbrecher- und Detektivhefte und ähnlicher Erzeugnisse der schlechten Literatur hatten seine Phantasie so mit der Vorstellung erfüllt, daß er zum Revolver greifen mußte. daß er es schließlich tat. Und.die siebzehnjährige Plätterin Fanny Schneider aus Wilhelmshaven nahm sich durch Aufdrehen des Gas» Hahnes das Leben, weil sie fortgesetzt Schundromane gelesen hatte» die in ihr die Leidenschaft erweckt hatten, wie sie zu Bekanntet» äußerte, auch einmal„so schön" zu sterben, wie eS m diesen Ro, manen beschrieben wäre I In der rechten Hand hielt sie, als man fi» als Leiche auffand, das Heft eines Kolportageromans. Am gefährlichsten wirken solche Hintertreppenromane, die gleich- zeitig in Blut und Wollust getaucht sind. Zloar beschästigen sich fast alle Schundromane mit dem Verbrechen in irgendwelcher Form. und die Sinnlichkeit spielt bei ihnen allen eine große Rolle. Einig« Schundromane aber verbinden diese beiden Kennzeichen in be» sonders wirksamer Art und werden daher in ungeheuren Massen! abgesetzt. Augenblicklich gilt dies zum Beispiel von dem Schundroman eines Dresdener Kolportageverlegers. Der Titel lautet: Der Un» bekannte, sensationelle Enthüllungen eines Mädchenmörders. De» Titel ist also nicht einmal so zugkräftig wie die doppelten und drei, fachen Titel mancher anderen Hintertreppenromane. Das wird aber ersetzt durch das Titelbild oder vielmehr die Titelbilder, die eine,» Mädchenmörder, dessen Gesicht durch eine schwarze Maske verborgen wird, bei verschiedenen Ausführungen seiner Leidenschaft darstellen. Schon im ersten Hefte dieses auf die gröbsten Wirkungen angelegten Schundwerkes werden nicht weniger als drei Ermordungen von selbstverständlich immer berückend schönen Weibern geschildert, und der Roman versucht, seinen Lesern eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken hinunterzujagen. Nach alterprobter Erfahrung arbeitet der literarische Galgenvogel, der den Roman verfaßt hat. mit den gröbsten Mitteln, indem er Geheimnisse aller Art aufein«. ander häuft. Schon die ersten Absätze des ersten Heftes zeigen die?. Es beginnt nämlich: „1. Kapitel Der Bund der Dreizehn! Was war das für ein schauerliches Tasten und Schleichen in dt» Totengruft des verfallenen und verödeten Schlosses Rufenitefsi� Hatten die Dorfbewohner doch recht, tvenn sie sich fürchteten, zu nächtlicher Stunde in die Nähe des alten Schlosses zu kommen, da dort Gespenster ihr Unwesen treiben sollten?— Verdächtige, düstere Gestalten schlichen in dem Dunkel der Nacht um das Schloß herum und oerschwanden, als ob der Erdboden sie verschlungen, durch die geheimnisvolle Pforte, die zur Totengruft führte. Zwölf dumpfe Schläge erklangen jetzt, und kaum waren sie verhallt, als wie durch Zauberspuk drei bläuliche Flammen den unheimlichen Raum erhellten. Auf einem Katafalk brannten die Lichter, und um'oenselben versammelt sah man dreizehn Männer, in schwarze Mäntel gehüllt. Die Gesichter konnte man nicht erkennen, denn ein jeder trug eine schwarze Halbmaske. In der Mitte der unheimlichen Gruppe saß ein schlanker, hoch- gewachsener Mann, unter dessen großem Schlapphut schwarze Locken hervorquollen. Von seinem Gesicht war nichts weiter zu sehen als der rote, feingeschnittene Mund und das energische Kinn. Er erhob sich jetzt und seine Stimme klang düster als er sagte: »Männer, ich habe Euch hierher berufen, um von Euch zu erfahren, ob Ihr meinen Befehlen gefolgt scio— ob Ihr neue Schandtaten treuloser Weiber und Dirnen ausspioniert habt?t" Einer der Männer erhob sich und wies auf den Katafalk. »Wir haben Eure Befehle ausgeführt, Meister— dort, jene zwölf Briefe werden Euch Kunde geben von unserer Arbeit!"--" Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß»Der Unbekannte" sehr hohen Absatz finden wird. Die Gelegenheit, Wirkungen der schlimmsten Art auszuüben, wird er also haben, und dieser Schaden wird nicht ausbleiben. Zu manchem Sitienverbrechen, zu manchem scheußlichen Morde werden durch ihn die ersten Keime gelegt. Die Leidenschast des Volkes für aufregende Handlungen wird von den kapitalkräftigen Verlegern der Schundromane so schändlich aus- genutzt, daß sie selbst dabei innerhalb loeniger Jahre die größten Reichtümer sammeln, während der Seele Tausender unserer Mit- menschen der schwerste Schaden getan wird. Und was von den Kolportageromanen gilt, ist in kaum geringerem Maße auch von den Nick Carter-, Buffalo Bill-, Weltdetektiv-Heften usw. zu sagen. Von diesen Einzelheften, von denen in jeder Woche von jeder Sammlung ein Heft erscheint, geht eine magische Wirkung auf den Geist unserer Jugend und unserer jungen Leute, ja, auch eines großen Teils der Erwachsenen aus. Die letztgenannten neuen, bis vor wenigen Jahren unbekannten Formen der schlechten Literatur haben es verstanden, sich mit einer Schnelligkeit und Gründlichkeit durchzusetzen, daß heute in jeder kleinen Stadt Dutzende von Zigarren- und Papierhandlungen zu finden sind, die diese literarische Schundware führen und die größten Geschäfte in ihr machen, und daß die Zahl dieser Geschäfte in jeder Großstadt nicht mehr nach Dutzenden, sondern nach Hunderten zu bemessen ist. Ja, in offenen Zeitungsvcrkaufsständen, die noch vor kurzem einen Kolportagervman entrüstet zurückgewiesen hätten, in der Berliner Untergrundbahn ebensowohl wie auf dem Theater- Platz in Hannover, überhaupt in jeder deutschen Großstadt ohne Unterschied, finden wir heute ganze Reihen dieser verderblichen Literatur ausgelegt. Wie kann diesen pestartigen Erscheinungen abgeholfen werden? Durch gesetzgeberische Maßnahmen schwer. Das beste Mistel zur Zurückdrängung der schlechten Literatur ist aber, wie die Erfahrung zeigt, die Verbreitung guter Bücher. Wo eine gut geleitete und mit einigen Mitteln versehene Volksbibliothck feste Wurzeln gefaßt hat, haben in ihrer Nachbarschaft Läden mit Kolportageheften keine Möglichkeit guter Geschäfte mehr. Wer erst einmal einige Wochen in einer Volksbibliothck gelesen hat, denkt nicht mehr daran, die äußerlich und innerlich widerlvärtigen Hefte eines Hintertreppen- lromans zur Hand zu nehmen. Was der guten Literatur, die stoff- lich dafür natürlich geschickt ausgewählt werden, also vor allem ebenfalls eine starke und kräftig fortschreitende Handlung aufweisen muß, ihren Kampf gegen die Schundliteratur aber so besonders schwer macht, ist ihr Kapitalmangel. Unsere Volksbibliothcken müßten noch reicher gespeist werden und der Druck guter und billiger Bücher müßte mit ganz anderen Mitteln rechnen können. Was bedeutet es denn, wenn eine gemeinnützige Einrichtung wie die Deutsche Dichtergedächtnisstiftung in einem Jahre für die Her- stellung von Büchern einschließlich neuer Auflagen etwa 50 000 M. ausgibt, während der Umsatz eines einzigen Kolportageromans, wie wir wissen, im Durchschnitt LSOOOV M. beträgt? Hamburg-Großborstel. Dr, Ernst Schultz e. kleines feuilleton. Paläontologifches. Die untergegangene Pflanzenwelt der Süd- Polarländer. Im Gegensatz zu einem verhältnismäßig reichen Tierleben treften Ivir in der Umgebung der Pole keine oder nur eine überaus dürftige Flora. Kümmerliche Moose und Flechten überziehen die aus Schnee und Eis hervorragenden Felsen, aber nur leiten vermag ein anderes Pslänzchen so viel Raum und wärmende Sonne zu gewinnen, daß es einige Tage sein Dasein stiften kann. Und doch wissen wir auS verschiedenen Funden, die von den zahlreichen Nordpolexpeditionen zurückgebracht wurden, daß noch in der Miocänperiode, also verhältnismäßig kurz vor der Eiszeit, auf Grönland große Wälder von Sumpfzypressen, Mammutbäumen lwie die kalifornische Wellingtonia), Platanen, Pappeln, Weiden und ahn« lichen Bäumen den Boden bedeckten, auf dem heute Hunderte von Metern hoch Schnee und Eis sich auftürmen. Bei der bekannten Vernachlässigung der Südpolarländer waren ähnliche Tatsachen von der Antarktis bisher nicht bekannt geworden. schwedischen Südpolarexpedition, die unter O. Nordenskjöld ISVI bis 1903 von Südamerika aus einen Vorstoß nach Süden unternahm, war es vorbehalten, durch eine Menge geologischer Funde Licht in die bis dahin dunklen Fragen nach dem stüheren Zu» stände dieses Teils der Erde zu tragen. Nordenskjöld selbst schreibt über die Bedeutung dieser Funde in seinem Reisetagebuch: „Es wird mir schwer, die Freude zu schildern, die ich in diesem Augenblick(bei der Auffindung der versteinerten Reste) empfand. So sind denn auch diese Gegenden deS äußersten Südens, die jetzt in Eis begraben liegen, von ewigen Stürmen umbraust und m ewige Kälte gehüllt, einstmals mit üppigen Wäldern bedeckt gewesen, in denen wahrscheinlich große Säugetiere umhergestreift sind." Soweit die Funde die Tertiärzeit betreffen, liegen sie jetzt von einem Teilnehmer der Expedition bearbeitet im Druck vor: „P. Dusün, Ueber die Tertiärflora der Sehmour» i n s e l". Aus der Seymourinsel fanden sich eine Menge versteinerter Reste und Abdrücke hauptsächlich von Pflanzen in einem braunen, groben, ziemlich harten, tuffartigen Gestein. Die Reste, deren Be» stimmung infolge ihrer schlechten Erhaltung nicht ganz leicht war, erwiesen sich als von Laub- und Nadelbäumen und Farnen her« rührend. Und zwar stimmten diese in ihrem Charakter durchaus mit den Floren Südamerikas überein. Die Schwierigkeit lag aber darin, daß die Reste aus zwei Florenreichen gemischt schienen, einem ge« mäßigten, wie es der Süden Chiles etwa zeigt, und einem sub« tropischen, wie es in Südbrasilien das herrschende ist. Abdrücke von Araukarien und ähnlichen Nadelhölzern finden sich mit solchen immer« grünen Laubgewächsen vereint, wie sie wohl zu gleicher Zeit und am selben Ort nicht existiert haben können. Auf einen Ausweg leitet uns hier die Entstehungsweise des Ge- steins, in dem die Reste gefunden ivurden. Dieses Ge- stein stellt eine Ablagerung der verschiedensten Stoffe dar, die von den Gewässern hoch oben aus den Bergen mitgcführt, bei nihigem Laufe in der Ebene später sich absetzten. In Hochwasser« zeiten mögen wohl viele Pflanzen und Bäume oben auf den Bergen losgerissen und mit solchen unten aus der Ebene zugleich unter dem S statt begraben worden sein. Auf den Bergen war aber gewiß— denken wir nur einmal an die Alpen und die Ebenen an ihrem Fuße— ein anderer Klima- und Pflanzengnrtel herrschend als in der Ebene, während die Höhen von düsteren Nadelholzwäldern umsäumt waren, bedeckten unter der heißen Sonne eines fast tropischen Klimas sumpfige Urwälder mit Lianen und riefigen Farnen die Ebene. Daß diese Wärmeperiode mit der am Nordpol nachgewiesenen zeitlich übereinstimme, ist nicht wohl anzunehmen. Wahrscheinlich wurden innerhalb der Tertiärzeit, vielleicht der revolutionärsten in der ganzen Erdgeschichte, infolge mannigfacher, sehr bedeutender Polschwankungen, die bisherigen Polargcgenden abwechselnd gegen den Acquator hin verschoben, so daß sie bald unter Schnee mid Eis begraben, bald von üppigem Pflanzenwuchs überwuchert wurden. es- Medizinisches. Künstliche Sehnen aus Seide. Der künstliche Ersatz für die durch Verletzung zerstörten Sehnen erfolgt entweder durch die Sehnenüberpflanzung oder durch die von Lange angegebene Seidensehneichlastik. Es scheint, daß jene? Verfahren häufiger an« gebracht ist, doch gibt es Fälle, wo der Seidenersatz den Vorzug finden wird. Die„Münchener Medizinische Wochenschrift" beschreibt einen besonders durch den Umfang des Ersatzes merkwürdigen Fall, bei dem anfänglich die Ueberpflanzung beabsichtigt war, der jedoch schließ« lich nur durch Verwendung der Seidensehne zum Erfolg geführt werden konnte. Die Kranke war ein vierzehnjähriges Mädchen, das sich im Alter von vier Jahren bei einem Fall in eine Scheibe die beiden linksseitigen Peroneussehnen(in der Wade) durchschnitten hatte. Ver« schiedene Behandlung durch Apparate vermochte einer dauernden Schiefstellung des Fußes nicht abzuhelfen, und auch eine acht Jahre nach der Verletzung versuchte Vereinigung der getrennten Sehnen- enden führte zu keinem Resultat. Nachdem operativ eine Korrettur der Fußstellung erzielt worden war, wurde zur Wiederherstellung der Peroneussehnen geschritten. Bei der Freilegung zeigten sie sich ihrer ganzen Länge nach fast vollständig zerstört. Unter diesen Umständen griff der Chirurg zur Seidenplastik, wobei der Abstand der beiden Nahtstellen 25 Zentimeter betrug, so daß die eingeheilte Sehne eine der längsten sein dürfte, die bisher je zur Verwendung gekommen find. Nach längerer Appararo'ehaudlung, die zur Schonung vorgezeichnet war, besserte sich die Gestalt des Fuße? und der Gang so iveit, daß man von vollständiger Heilung spöcchen kann. Es ist somit die völlige Wiederherstellung einer zehn Jahre lang zerstört gewesenen Funktion zu verzeichnen. lverantw, Redakteur: Georg Davidsohn. Berlin.— Druck u. Verla«: Vorwärts Buchdr. u, Vcrlagsanstalt Paul Singer L- Co., Berlin SW,