Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 137. Sonnabend, den 18� Juli. 1908 u) JMafia» �Nachdruck verboten.) Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Rasmussen. Angela brachte rasch ein Gespräch in Gang. Er war seit der Kinderzeit mit ihnen bekannt, und an Gesprächs- stoffen war kein Mangel. Mitten darin fiel es der Pedellfrau ein, sie wollte doch wohl lieber ihren Mann abholen. Rusiddas Mutter wollte sie absolut begleiten. Auch Rusidda erhob sich, sie nahm es als selbstverständlich an, daß sie mit einem jungen Manne nicht allein bleiben dürfe, selbst wenn sie ihr ganzes Leben Tür an Tür gewohnt und als Kinder miteinander gespielt hätten. Aber die Mutter sagte: Bleib Du nur hier! Wir sind gleich wieder dal" Rusidda begriff die Mutter nicht, die ihr sonst lange Strafpredigten hielt, wenn sie nur ein wenig freundlich mit einem der jungen Burschen sprach. Aber sie fürchtete sich nicht, mit Angelo allein zu sein. Ihre einzige Furcht war, daß die Mutter entdecken könne, wie glücklich sie sei. Gerade in dieser letzten Woche hatte Angelo ihre Phan- taste beherrscht. Am St. Johannestage hatte sie sich wie die anderen jungen Mädchen ihren künftigen Bräutigam weis- sagen lassen wollen. Sie hatte ein wenig geschmolzenen Schwefel in kaltes Wasser getropft, und er war zu einem kleinen Kuchen erstarrt, der nach der einen Seite zu unregel- mäßige Zweige schoß. Die jungen Weiber auf dem Platze hielten es für eine Hacke. Ihr Mann würde wohl ein Bauer oder vielleicht ein Minenarbeiter sein. Für Rusidda bedeutete dies Resultat eine Enttäuschung. Sie sagte nichts, aber während sie tagsüber bei ihren Eiern saß und auf Kunden wartend vor sich hinsah, dachte sie daran. ob es nicht auch ein Ingenieur sein könnte. Der gebrauchte ja auch eine Hacke— gewissermaßen. Diese Vermutung hielt sich jedoch nur bis zum nächsten Morgen, als Angelo bei ihr stehengeblieben war und ganze fünf Minuten freund- lich mit ihr sprach. Da wurde es ihr— nicht zur Ueber- zeugung, sondern zur fixen Idee, die sie nicht loswerden konnte noch wollte— daß der erstarrte Kuchen mit den sonder- baren Strahlen auch eine Grafcnkrone bedeuten konnte. Und nachts lag sie wach, Angelo in ihren Gedanken. Nun saß sie allein mit ihm beisammen bei dem schwachen Licht eines Oeldochtes. Sie merkte, wie ihr ganzer Körper leise bebte: aber es war ihr nicht unangenehm. In Angelos Benehmen war auch nichts, das Furcht ein- flößen konnte. Er sprach unaufhörlich, so daß man beinahe betäubt wurde von all dem Reden. Zuerst waren es die Vorbereitungen zum San Calogerofeste. Dann kam er aus die schmeichelhaften Aussprüche einiger Freunde über Rusiddas Schönheit zu sprechen— die sie als unrichtig abwehren mußte. Aber Angelo behauptete, seine Freunde hätten Recht. Er zog Vergleiche zwischen ihr und den anderen jungen Mädchen des Stadtviertels— und diese Beweisführung konnte Rusidda nicht widerlegen. Sie mußte einräumen, daß jede ohne Aus- nähme einen Fehler hatte— selbst im Vergleich mit ihr. Dichter und dichter hüllte seine einlullende Rede sich um sie, wie weiche Seide, wie ein warmer Lufthauch aus einem blühenden Fruchtgarten. Nur von ihr sprach er, pries ihre Augen, verfiel in Entzückung über ihren Mund, ihre weißen Zähne. Sie widersprach ihm erst, als er ihre braunen Arbeiter- Hände schön fand. Da aber legte er diese kleine Hand in die seine. War sie nicht schmäler als die seiner Schwester, die doch adelig war? Und ihr Handgelenk, ihr runder Mädchenarm... Seine Hand erkühnte sich, prüfend, be- wundernd den Arm hinaufzuschleichen. Sie fühlte mit einem Schauer, wie diese dreiste Hand behutsam ihre Schultern um- faßte, während er, halb vor ihr aufs Knie sinkend, ihr mit Händedrücken, Blicken und Stimme zujubelte:„Rusidda! Meine Rusidda!" Sie wußte nicht, wie es kam, daß er mit einem Male auf ihrem Schöße saß. so daß sie sich nicht rühren konnte. seine Arme sie umschlangen und sein Mund sich auf den ihren preßte. Ihr schwacher Widerstand war gelähmt— sie konnte nichts tun, als sich seinen erstickenden Küssen hingeben. Ohne ihre Lippen zu lassen oder seinen Griff zu lockern. erhob er sich langsam, und erst als er ihre eigene Sehnsucht an seiner Brust beben fühlte, so reif, so stark, daß sie selbst zugreifen mußte, da ließ er sie eine Sekunde fahren und warf den Nacken zurück:„Rusidda, küsse mich!" Das Feuer war entzündet. Eine zur Liebe gereifte Sizilianerin stand in Flammen. Wie im Krampf preßten sich ihre Arme um seinen Nacken. Ihr Mund sog sich an sein Antlitz, biß sich in seinen Lippen fest. Ihre spielende Zunge bohrte sich in seinen Mund— geschehe, was da wolle! Schritt für Schritt, an ihn geklammert, wich sie zurück, bis sie auf den Rücken über das breite Bett fiel. Dieser Fall löste eine plötzliche Angst aus. „Mutter kann kommen!" „Sie kommen nicht. Sie wissen es!" Sie erhob sich auf dem Ellbogen und starrte ihm mit entsetzten Augen ins Gesicht. „Mutter weiß es?!" „Ja! Du sollst ja mein Weib werden, Rusidda!" „Aber Lidda! Du bist ja verlobt!" „Ich habe es heute abend aufgehoben! Ich will nur Dir gehören! Dir! Dir!" Heiße Küsse mußten als Siegel des Gelöbnisses dienen. „So bekomme ich Dich also?" „Ich bin Dein, ganz, ganz Dein!" Ein herber Dunst schweitzgetränkter Kleider, ein heißek Geruch ihres Körpers füllte seine Nasenlöcher und machte seine Sehnsucht wild. Und ihr Begehren prallte zusammen wie gewaltsam mit- einander ringende Naturkräfte. Wie die Rosenknospe in tauschwangercr Nacht aufbricht und ihre Pracht der erwachenden Sonne öffnet, so geschah Rusiddas Einweihung in das Liebcsleben: ein bebender Rausch, der den Schmerz betäubte, ein Blick in eine Welt, in der alles neu geworden.— „Oh! Calogero! Guten Abend!" scholl PamfoS Stimm» laut vom Platz herauf. „Das ist der Vater!" flüsterte Rusidda, vor Schreck versteinert. Angelo fuhr auf und tappte nach seinen Kleidern. Zugleich hörten sie die Äußentllre gehen, und beide Weiber kamen hereingestürzt. „Verstecken Sie sich unter das Bett, Herr Graf! Sonst sind wir alle verloren. Calogero ist hier!" Aber Angelo war nicht der Mann, der sich auf Abenteuer einließ, ohne einen Rückzug ausfindig gemacht zu haben. In dem Glauben.daß Calogero schon auf der Treppe sei, öffnet« er das Fenster und ließ sich über das Halbdach hinabgleiten. Er fiel mit einem Plumps auf den Boden, ohne Schaden zu nehmen und setzte über den öden Platz, der fast im Dunkel lag. „Was war das?" rief Calogero, den Pamfo mit vielen Worten zurückgehalten und in die Stadt zu ziehen versucht hatte.-...-ij «Bleib hier!" sagte Pamfo.„Was man nicht gesehen. kann man nicht bezeugen. Wahrscheinlich war es einer, der in der Schule stehlen wollte." i „Möglich", murmelte Calogero.?,Aber ich will hinauf und nach den Weibern sehen." „Ich gehe mit!" Unterdessen hatten die beiden Weiber das Bett in Ordnung gebracht, während Rusidda sich ankleidete. Die Frau des Pedells warf noch einen Rock darüber. Aber es war doch besser, den Docht zu löschen. „Seid Ihr hier?" fragte Calogero. „Ja!" antworteten Mutter und Tochter. „Mein Mann ist heute zur Orchesterübung: darum bat ich sie, herzukommen und mir Gesellschaft zu leisten. Wir dachten nicht, daß Du heute abend von der Campagna heim- kämest." „Ihr sitzt im Dunkeln?" „Leider Gottes! Das Oel ist ausgebrannt, und ich habe keines mehr im Hause." l»Ist Angelo hier gewesen?" (Seine Frau erwiderte Nein im selben Augenblick, wo die Frau des Pedells Ja sagte. „Er war hier, ehe Ihr fuhr die letztere fort.„Die Gräfin wollte mit meinem Mann sprechen." „Ich hörte, daß er hereingegangen fei," sagte Calogero. Er strich ein Zündholz an und sah die Frauen einen Augenblick aufmerksam an. so daß es sie durchfuhr. Darauf setzte er sich auf das Bett und tastete mit den Händen vor sich hin. Es war noch warm. Keiner sah das schwache Zucken um seine Mundwinkel, das einzige äußere Anzeichen von dem, was in ihm vorging. Die Weiber saßen atemlos stumm, während Pamfo mit Anstrengung das Gespräch im Gang hielt. „Wollen wir heimgehen?" fragte Calogero mit feiner unerschütterlichen Ruhe. Nun wußte er, daß sein Weib Angela Rusiddas Ehre verkauft hatte. Die Ehre seiner ein- zigen Tochter. Es wurden nicht viele Worte mehr gewechselt. Ein unheilverkündendes Schweigen ging von dem hochgewachsenen Bauer aus. Pamfo begleitete die Familie bis nach Hause. Dann lief er im Trab über den Korso, um Angelo zu suchen. Dieser saß bereits bei Romeres und spielte mit einigen Kameraden Karten. Pamfo hielt sich in ehrerbietiger Ent- fernung. Kurz darauf kamen Belearo und der Assistent des Prä- sekten. �Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck DctBolcn.) 'Cbornas vom ßnichenhof. (Schluß.) Thomas lebte von jetzt an toll drauf los, er mar in einem fort unterwegs und soff. Und er fraß, er schlemmte gottvergessen. Bei dieser Lebensweise unterstützten ihn einige anoere Pferdehändler; es wurden kostspielige Orgien gehalten, wo der Wein floß und ellenlange Braten verzehrt wurden. Thomas veränderte sich,� seine Unbesonnenheit bekam einen Anflug von Humor, er sang und schlug die Karten auf den Tisch. „Man sagt, ich könnte nicht leben, aber ich will's Euch zeigen, wie ich leben kann! Trumps. Ich fresse meinen eigenen Leichen- schmautz, versteht Ihr? Tresskönig,- was wollt Ihr damit? Das geht so nicht. Treffdamc, stich mit ihr!" Die anderen Kerle lachten, daß sie fast umkamen. Bis zum hellichten Morgen fraßen und soffen sie wie die Zyklopen. Thomas, der ganz verrückt war, bezahlte alles. Als es so ein Jahr gegangen war, lebte er noch, feist und rotwangig war er geworden, die Kräfte hatte er wieder. „Lassen Sie sich mal ordentlich ansehen," sagte Doktor Ericksen, „wie ist denn das möglich, Mensch, Sie leben ja wie von Sinnen I" Und er untersuchte. Es zeigte sich, daß der Brückcnhofbauer gesund war wie ein Ochse, er hatte sich wirklich gründlich erholt. „Ein Radikalkcrl sind Sie!" meinte Doktor Ericksen. Aber ich will Ihnen was sagen, Brückenhofbauer, Sie haben eine Kur ge- macht, die ebenso schlimm ist wie die Krankheit.— Kein Jahr mehr und Sie haben Delirium!" Thomas schlug ein Gelächter auf:„So verrückt wäre er nicht, daß er sich züschanden tränke!" Wirklich hörte er auch etwas auf, obgleich es schwer war. aus der Gewohnheit zu kommen. Es kam— es war zum Lachen— genau so, wie der Doktor gesagt hatte. Es war schon zu weit gekommen. Ein Jahr verging, Thomas war beständig betrunken. Eines Tages kam er aus der Kammer, in Hemdsärmeln, den feisten Wanst umspannte die Weste. Sein Gesicht war voll un- schlüssiger Erregung, die Augen waren weniger hart als sonst. „Herr, du mein Gott, Thomas!" schrie die Frau und starrte ihn an. Thomas sagte nichts, nach einer Weile wich der Angstausdruck. Thomas holte eins der Pferdegeschirre und schleuderte es aufs Steinpflaster. „Anspannen!" schrie er dem Knecht zu. Thomas fuhr ins Dorf und kam betrunken wieder. Ein paar Tage später war Thomas wieder beim Schmause mit seinen Zechkumpanen. Er hielt Maß und trank nur so viel, daß er eben ein bißchen munter war. Auf dem Heimweg wurde er ganz nüchtern, er saß ärgerlich im Wagen und preßte die Hände um die Zügel. Als er einmal aufsah, sah er in Volstrup— das Dorf war anderthalb Meilen entfernt— einen ungeheuer großen Mann, der sich bückte und begann, die ganze Landschaft wie einen Teppich aufzurollen. Er hals mit den Füßen nach, rollte Felder, Häuser and Bäume hübsch zusammen. Die Sonne schien ihm auf den schwarzen Kopf. Thomas sah sich ein Weilchen die Geschichte an, dann lächelte er ungläubig. „Hör nun mal auf!" sagte er schließlich leise, halb lachend. Aber da war der Mann schon verschwunden. Thomas blieb ein Weilchen ruhig sitzen, es dämmerte in seincnr Gesicht, er verzog den Mund und dann schlug er auf die Pferde los. Während es im scharfen Trab heimwärts ging, war er unruhig; seine großen Hände zitterten. Als er den Hügel zum Brückcnhof hcruntcrsauste und ihm der scharfe Luftdruck ins Gesicht kam, sah er plötzlich etwas wie einen Schal ein Stückchen vor ihm auf dem Wege hochflattern und ihm entgegenkommen. Der Schal erreichte ihn im Nu und flog ihm gerade in den Mund, dieser Schal schlug wie eine Stahlstange gegen einen Steig, so singend scharf, daß Thomas Kopf zersprang wie ein Ei.,,, Rücklings schlug Thomas in den Wagen nieder. Die Pferde liefen in den Hof und machten sich gleich an den Wasscrtrog. Als der Knecht herankam, fand er seinen Herrn auf dem Wagen liegend. Die Leute höhnten:„Wer gehängt werden soll, den trifft keine Kugel!" Aber der Brückenhofbauer kam noch einmal wieder auf die Beine. Während des Deliriumanfalls mußten ihn freilich sechs Mann halten, leicht mar nicht mit ihm fertig zu werden. Als er sich erholt hatte, war er eine Zeitlang still und um- gänglich. Er zwang sich zur Enthaltsamkeit, dabei büßte er aber den Appetit ein und wurde schlotterig. Aber als ihm eines Tages die Geduld riß, ging es rasend bergab mit ihm. Er tobte wie ein wütender Ochse, der seinen Wagen zertrümmert hat, gerade durch einen Torfschuppen bricht und schließlich in einem Fliedcrbusch stecken bleibt, den man dann fällen muß, um noch das Ochsenfell zu retten.. i Eine Unmasse Geld verschwendete Thomas. Den letzten Tag. als er noch unterwegs war, schmiß er 1200 Kronen weg. Eine schändliche Geschichte war's. Er war mit einem Hengst im Salling gewesen und hatte Geld gekriegt. Auf dem Heimlveg in der Fähre wurde er verrückt. „Ich will rudern!" verlangte er plötzlich. Mit verdrehten Augen taumelte er über die Ruderbänke. Zehn Uhr Morgen war's, „Nee!" sagte Laust, der eine Fährknccht,„das gibt's nicht!" Thomas schritt über die letzte Ruderbank und packte ihn an der Kehle. Laust saß unter dem schweren Ruder und konnte sich nicht rühren, aber er schlug sich hintenüber und kam so los.„Du mußt rudern!" rief er dem Kameraden zu, dann sprang er über die Ruderbank und faßte Thomas um den Leib. Thomas schlug ihn, daß er aus den Boden des Prahms niederfiel und dieser hin und her schwankte. Laust war aber auch ein hartgesottener Kerl, er wich nicht und sie rangen heftig miteinander. Bei einem Griff am Rücken riß Thomas plötzlich Laust die isländische Jacke über den Kopf und wollte ihn über die Reeling in den Fjord hinunterbefördern— da ließ der andere Fährknccht, Christian, die Ruder los und kam zu Hilfe. Die Fähre trieb der- weil vom Ufer weg, im Sund war starke Strömung. Die beiden breitschultrigen Fährkncchte hatten ihre Not mit Thomas, ocr krakeclte und aus seine Kraft pochte; eine halbe Stunde dauerte die Boxerei, sie trieften von Schweiß. Inzwischen trieb die Fähre am Fischplatz vorbei, und es kam Hilfe. Wie ein Schwein mußte Thonias von vier Mann gehalten werden; er hatte Schaum vorm Munde und japste schwer. Dennoch kam er etwas zur Ruhe und ging artig ans Land. In der Fährschcnke aber forderte er zu trinken, und als man ihm nichts geben wollte, wurde er wieder wütend und wollte Unheil an- richten. Er saß an einem Tischende, und indem er sich erhob, schob er die Tischplatte weg, sie flog an die andere Wand. Dabei kriegte er aber einen derartigen Stoß gegen den Unterleib, daß er ohn- mächtig wurde. Großer Gott! Man benetzte ihm die Schläfen mit Essig und brachte ihn wieder zu sich. Aber sobald er die Augen auf hatte, fuhrwerkte er wieder los. Ehe man noch ihn halten konnte, räumte er gewaltig auf in der Stube. Alles zersplitterte er, kein Stück der Einrichtung blieb ganz. Ein Mann, der mit Schweinen vorbeigekommen war, hat es nachher erzählt. Er hatte gesehen, wie die große Bornholmer Uhr zum Fenster hinausgeflogen war— ein unvergeßlicher Anblick für ihn. Bis Thomas mit Lebens- gefahr übermannt war, war es zwei Uhr nachmittags geworden. Jetzt band man ihn und fuhr ihn nach Haufe. Als man ihn hineintrug, hob er seine zusammengeschnürten Füße und stemmte den Türrahmen ein. daß der Kalkstaub nur so herumflog. Bis zum Abend tobte er, dann fiel er in eine Betäubung, die mehrere Tage hindurch anhielt und seine letzten Lebenskräfte ver» zehrte. Aber vor dem Tode war er glücklich. Er war nicht er selbst mehr, kannte niemand und redete irre. Aber er war ver- gnügt. Aus dem Gesangbuch, welches man ihm gereicht hatte, riß er die Blätter und schlug sie aufs Deckbett in dem Glauben, daß es Kartcnblättcr seien. Er gewann alle Spiele und lachte herzlich. Die Ecke der Bettdecke mit der Quaste daran zog er durch die Hand, hielt sie vor den Mund wie eine Flasche und sagte: „Prost, prost!" Und während die ums Bett versammelten Weiber fast ohnmächtig wurden aus Sorge um seine Seele, schwatzte und lachte er voll Glückseligkeit, wie bei einem Fcstschmause. Er fühlte sich so wohl, daß man glauben konnte, er hätte sich erholt. ' Wer müfcft In bcr Freude wurde er müde. Er legte sich nieder, um ctwaS zu ruhen---. Fast im selben Augenblick war er schon tot. Jetzt liegt er begraben auf dem Friedhof von Grabolle, wo sich der eine Grabhügel so wenig von dem anderen unterscheidet. Die Krawhbeitcn des Obftes. Was weist die grohe Welt von den Kraulhciten des Obstes? Herzlich wenig, und dabei bringt der Genus; erlrankten Obstes mancherlei Gefahren mit sich, so daß eine gewisse Vorsicht wohl am Platze ist. Wie soll man jedoch Vorsicht üben, wenn die Symptome der Krankheiten unbekannt sind. Sehen wir darum einmal zu, was die Wissenschaft uns über erkranktes Obst zu berichten weis;. Die erste Rolle unter allen Obstarten fällt dem Apfel zu, ihin sollen unsere ersten Untersuchungen gelten. Die allcrgewöhn- lichste Apfelkrankheit, die bei der Ernte kaum eines Baunies fehlt, ist der N o st. Nahezu kreisrunde bräunliche Flecken bedecken die Frucht, manchmal auf der ganzen Ober- fläche. Diesen Flecken ist ein korkartiges Aussehen eigen. Daneben können häufig noch kleinere Flecke beobachtet werden, welche mit einem weiß umsäumten, schwarzen Gürtel umgeben sind, oder solche, welche nur einen weiß umgrenzten schwarzen Fleck zeigen oder auch nur eine weiße wollige Masse bilden. Alle diese ver- schiedenen Flecke zeigen die Entwickelungsstadicn der Krankheit. Die Ursache ist ein winziger Pilz, der seine Keimfäden in die Oberhaut der Frucht treibt, wodurch diese etwas gehoben wird; die Zellen der Haut füllen sich mit Luft. Die Farbe des Pilzes ist ursprünglich weiß; durch sein wütereS Wuchern platzt schließlich die Schale des Apfels und die Keimfäden des Pilzes werden sichtbar; sie nehmen bald eine schwarze Färbung an und bilden so das zweite Eni- wickelnngsstadium der Krankheit. Nun sucht sich die Frucht durch Selbsthilfe gegen das weitere Vordringen des Pilzes zu ver- teidigen. Die oberen Schichten des Apselfleisches ziehen sich zusammen, erhärten und färben sich braun, eS entsteht hier eine Korkschicht, die zu durchdringen dem Pilze unmöglich wird. Mit der Zeit wird die von dem Pilze befallene Stelle von der Frucht abgesprengt und es ist dann nur noch die Korkschicht sichtbar. Diese wird manchmal rissig, vernarbt dann aber auch leicht wieder. Die Bittersäule ist eine weitere, gleichfalls durch einen Pilz hervorgerufene Apfelkrankheit. Sie kennzeichnet sich durch einzelne runde Flecke von brauner Farbe, in dcnj*sich ein schwarzes Pünktchen erhaben abhebt. In den Pünktchen sitzen die Fort- Pflanzungsorgane des Pilzes, welche für weitere und schnelle Ver- breitung sorgen, da sie sehr leicht, jedoch stets nur auf beschädigten Früchten, keimen. Solcher Art erkranktes Obst fault sehr bald und hat zudem einen bitteren Geschmack. Die.Wurmstiche" der Aepfel werden durch Insekten ver- anlaßt. Da ist zunächst der Apfelwickler, ein kleiner grau ge- flügelter Schmetterling, der un Juli seine gelben Eier auf.der Frucht ablegt. AuS den Eiern schlüpfen als- bald' rötlich- weiße Öbstmaden aus, die sich in den Apfel, wie durch den Kuchenberg im Schlaraffenlande, hineinfressen und dann im Kerngehäuse ihr Prasscrleben führen, bis sie keine Lust mehr dazu haben, den Apfel verlassen und sich in der Erde ver- puppen. Ein ailderes Insekt, der Apfelstecher, ein Rüsselkäfer von grünlichrotcr Farbe, legt seine Eier gleich in die Frucht hinein und gewährt so seiner Nachkommenschaft von vornherein einen gewissen Schutz. Die Wunde, welche diese beiden Insekten hervorrufen, ver- narbt leicht; dqrum ist der Frucht selten von außen etwas anzu- merken, daß im Innern solch unheimliche Gäste hausen. Abgesehen von der Unannehmlichkeit, einen Wurm im Apfel zu haben, ist der Schaden, den diese Insekten anstiften, ein recht bedeutender. Erstens fällt die befallene Frucht zeitig ab und dann verliert auch das Fleisch dieser Frucht bedeutend an Gehalt, da die vor- handeue Stärke sich in Kork umbildet, der die Gänge der Maden umsäumt. Solche Früchte erreichen selten ihre volle Größe, da durch das Eintreten der Luft in die Gängedas Reifen beschleunigt wird, bevor die Frucht sich vollständig entwickeln konnte. Bei den Birnen treiben ähnliche Schädlinge ihr Wesen, so die Birnengallnmcke und die Birnentranermückc. Beide sind kleine schwarze Mücken, die ihre Eier bereits in die Blumcnknospen legen, von wo sich dann die auskriechenden Maden in den Fruchtknoten einbohren. Ein vollständiges Verkümmern und vorzeitiges Abfallen der Frucht ist hier in der Regel das Resultat. Wie bei den Aepfeln so sind auch bei den Birnen die Pilze die schlimmsten Schädlinge. Die größte Gefahr bringt der Gitter- r o st. Dieser Pilz zählt zu den interessantesten Arten der Pilz- familie, zu den sogen, wirtwechselnden Pilzen. Diese Schmarotzer be- gnügen sich nicht mit einem Wirte, sondern sie überfallen immer zwei, und zwarinderWcise, daß die Sporen(Fortpflanzungsorgane) des Pilzes von der ersten Wirtspflanze ans die andere Wirtspflanze übergehen und hier eine ganz andere Pilzform erzeugen, deren Sporen aber nur auf der ersten Wirtspflanze keimen können. Wir begegnen hier dem gleichen Vorgang wie bei den wirtwechselnden Schniarotzcrn im Tier- leben. Es sei nur an den Vandwnrm erinnert, der als Wirte den Menschen und das Schwein beansprucht. Der Gitterrost bildet auf den Birnen orairgefarbeite Flecken, die aus Sporenbehältern bestehen. Die Sporen des Gitterrostes rufen auf den Zweigen des SadebaumeS ganz anders gestaltete Frucht- körper hervor. Von diesen Fruchtköcpern gelangen Sporen auf Birnbäumen hinüber, woselbst sich zunächst kleine becherförmige Sporenbehälter bilden, deren Seiten einem Gitter ähneln. In größerer Anzahl haben diese Behälter das Aussehen erhabener rot- gelber Flecken, welche der Frucht ansehnliche Mengen von Nähr- stoff entziehen. Der Pilz befällt nicht nur Früchte, sondern auch Blätter und Zweige. Bei Aepfel und Birnen macht sich eine weitere Pilzkrankheit be- merkbar, die auch noch andere Obstarten überfällt. Das ist der Grind oder Schimmel des Obstes. In rundlichen Flecken bricht dieser weißliche oder gelbliche Schimmel von schmutziger Tönung im Sommer aus der Frucht hervor und gereicht nicht selten ganzen An- Pflanzungen zum Verderben. Die Fortpflanzuugsfähigkeit dieses kleinen Lebewesens ist eine erstaunlich schnelle. Bei den Kirschen treibt ein Schmarotzerpilz sein eigenartiges Zerstörnngswerk durch Hervorruftmg von Spalten und Rissen, die so oft bei Süßkirschen beobachtet werden. Bei anhaltender Feuchtig- keit vermehrt sich der Pilz unheimlich schnell. Bei den Sauerkirschen bilden sich infolge der Bräune— so hat man diese Krankheit getauft— sammetartige Flecken von hellbrauner Farbe, die später in einen graubraunen Ton übergeht. Diese Flecke bestehen aus den Sporenbehältern des Pilzes. Ein anderer Schädling der Kirsche ist die Kirsch fliege, ein Keines Insekt, dessen Weibchen ein oder zwei Eier in die rot werdenden unreifen Kirschen legt. Die gelbweiße» Maden tun sich am Fleisch der Frucht gütlich und machen die befallene Stelle faulig. Zur Reifezeit verläßt die Made die Frucht, sie überwintert im Erdboden. Auch die Pflaumen und Z w e t s ch e n haben unter eigen- tümlichen Pilzen zu leiden. Der absonderlichste von allen ist hier derjenige, welcher die im Volksmunde als Narren, Taschen oder Schoten bekannten Mißbildungen hervorruft. Die Sporen dieses Pilzes sprossen in das Fleisch hinein, die Pilzfäden durchspinncn es sehr bald vollständig und brechen dann durch die Oberhaut hervor. um der bisher grünen Tasche plötzlich ein Iveißes, mehliges Ansehen zu verleihen. An den Enden der hervorstehenden Pilzsäden bilden sich neue Sporen von schmutziggelber Farbe, womit die Tasche einen dritten Farbenton erhält. Das Innere der Tasche bleibt hohl, das übrig gebliebene Fruchtfleisch ist uuschmackhaft und wird zudem leicht von Schimmelpilzen angegriffen. Die Pflaumenmade hat als Erzeuger einen kleinen rötlichen Schmetterling, den Pflaumenwickler. Aber auch die Pflaumensäge- wespe und der ZPflaumenborhrer sorgen, daß ihr Nachwuchs im Fleische der Pflaumenfrüchte gute Nahrung findet.� All diele Insekten verhalten sich ähnlich und schaden genau so, wie der Apfelwickler mit seiner Made. Verhältnismäßig gering ist der Schaden, den Pilze bei den Früchten von Erdbeere und Himbeere verursachen. Größer ist dagegen die Zahl der Schädlinge aus dem Jnsektenreiche, die dieses Obst in Milleidenschaft ziehen. Da sind allerlei Käfer, dann Schnecken und der Tanscndfnß, die samt und soudcrS heraus- gefunden haben, daß diese Bcerenfrüchte eine gut bekömmliche Speise bilden. Auch den Stachelbeeren, Johannisbeeren und dem W e i n st o ck stellt allerlei Gelichter aus der Jnsektenwelt nach. Dazu treten noch mancherlei Pilze als Schädlinge dieser Früchte auf. Die Raupen des Heu- und Sauerwnrms und des Traubenwicklers laben sich an den Weinbeeren; sie veranlassen dadurch die Grün- fäule, wodurch die Beeren sauer werden. Ein kleiner Blattkäfer nagt die Beeren an, infolgedessen diese aufplatzen. Auf den un- reifen Früchten von Stachel- und Johannisbeeren schmarotzen Rost- Pilze. Diese sowie verschiedene andere Pilze verraten ihre Tätigkeit durch kleine Flecken auf der Beerenobcrfläche. Heidelbeeren und Preißelbeeren haben unter Pilz- angriffen manchmal sehr zu leiden. Die Krankheitserreger dringen mit ihren Fäden in das Innere der Frucht ein und verderben das Fleisch. Die Heidelbeeren(Bickbeeren) nehmen bei dieser Erkrankung eine weiße Farbe an, während die Preißelbeeren(Kronsbeeren) kastanienbraun werden. Wenn nun auch gerade nicht zu befürchten ist, daß die Krankheits- erregcr der Obstfrüchte für den Menschen schädlich find, so steht doch außer Zweifel, daß krankes Obst dem Menschen nicht zuträglich ist. Man tut deshalb gut, krankes Obst nach Möglichkeit zu meiden; zum mindesten entferne nian stets bei Verwendung nicht ganz gesunden Obstes sorgfältig alle schadhaften Stellen. Vorsicht hat noch nie geschadet. Herm. Krafft. (Nachdruck verdaten.); Das Sold und leine Gewinnung. Von Dr. FranzWolfson. Bei der hohen Bedeutung des Goldes als Wertfaktor ist es eine natürliche Erscheinung, daß immer raffiniertere Methoden zu seiner Gewinnung und zur ausgiebigen Ausbeutung seiner Erze ausge» arbeitet und verwendet werden. Wenngleich sich das Gold in seinem natürlichen Vorkommen niemals an Sauerstoff oder Schwefel gc- bunden, sondern stets in gediegenem Zustande vorfindet, so erheischt doch die kleinkörnige, oft in Flugsand eingebettete Art seines Vor- kommcns besondere Gewinnungsmabregeln, wie sie bei weniger Wertvollen Metallen weder üblich noch erforderlich sind. Die äußere Form derartigen gediegenen Goldes ist klein- kristallinisch und zeigt sich dem unbewaffneten Auge als Körner, Drähte, Klumpen oder auch Wohl Bleche. Die Gediegenheit des Goldes, mit anderen Worten seine Unabhängigkeit von anderen Beimengungen, erleidet jedoch eine Einschränkung allgemeiner Katur. Während man nämlich in der Natur das Gold niemals in Verbindung mit Metalloiden auffindet, hat jeder Goldfund Bei- rnengungcn von Silber und zwar in oft hohem Prozentsatze aufzu- weisen. Auch sollen gelegentlich geringe Spuren von Molybdän, Eisen und Wolfram nachiveisbar sein. Die größten Goldklumpen, die man je auffand, entstammen Australien und wogen bis zu 86 Kilogramm.—■ Als Lagerstätten des Goldes kommen quarzhaltige Gebirge und Eruptivgesteine in Frage, zu welchen die Lagerstätten von Transvaal und Witwatersrand gehören. Ferner aber auch sekundäre Lagerstätten, denen ein goldhaltiger Sand durch Herab- waschen des Goldes aus fündigen Gebirgen zugeführt ist. Der- artige„Goldseifcn" finden sich in Kalifornien, Brasilien, Neu-Süd- Wales, Canada, Alaska, im Ural und Kaukasus. Merkwürdiger- weise haben die Goldklümpchen, die sich in derartigen sekundären Lagerstätten finden, im allgemeinen ein weit größeres Volumen, als die Goldfunde im Gebirge, sodaß man der Ansicht zuneigt, daß sie erst allmählich durch chemische oder physikalische Prozesse sich zu größeren Konglomeraten zusammengeballt haben. Fragen wir uns nun nach den modernen technischem Ge- winnungsmcthoden für metallisches Gold, so unterscheidet man zwischen dem auf rein physikalischen Prinzipien beruhendem Schlämmverfahren, zwischen der Amalgamierungsmethode, dem Plattnerverfahren und dem Forrcstprozeß. Das Schlämmen des goldhaltigen Sandes ist die einfachste, primitivste, aber auch ver- lustreichste Methode. Sic besteht darin, daß man in einer rotieren- den Trommel die leichten Sandteilchen durch Wasser fortspülen läßt, während sich die spezifisch schwereren Goldkörner am Boden der Tronimel sammeln. Wie bereits erwähnt, ist ein derartiges Schlämmen des goldführenden Sandes außerordentlich unökono- wisch, da auf diese Weise fast die Hälfte des vorhandenen Edel- wctallcs infolge der Kleinheit seiner Körner und ihrer hierdurch bedingten geringen Schwere der Abscheidung entgeht. Man war daher schon seit langem bestrebt, dieses Verfahren zu vervoll- kommncn und hat in der Tat in Sibirien und in Brasilien durch ein System von Trommeln mit trichterförmigen Boden und andere Werbesserungen den Verlust an gewinnbarem Golde bis auf 20 Proz. �herabzusetzen vermocht. Aber auch dieser Verlust ist angesichts der Kostbarkeit dieses Metalles noch viel zu hoch und da war es ein wesentlicher Fortschritt, als in Kalifornien und in den La Plata- staaten das Amalgamierungsverfahren aufkam. Dasselbe macht von der Eigenschaft des Goldes Gebrauch, sich im Quecksilber leicht aufzulösen. Zu diesem Zwecke werden die goldhaltigen Erze zck- nächst in einer Erzmühle zerkleinert, sodann einem rotierenden Trommelsystem zugeführt und werden nun in diesem in Gemein- schaft mit Quecksilber, das sich auf dem Bodein der Trommel be- findet, geschlämmt. Das Quecksilber reichert sich auf diese Weise immer mehr mit Gold an und wird, sobald dieser Anreicherungs- Prozeß bis zu einem bestimmten Grade vorgeschritten ist, durch frisches Quecksilber ersetzt. Die Rückgewinnung des Goldes aus einem derartigen Amalgam ist leicht, da beim Erhitzen des Amal- gams lediglich das Quecksilber übcrdestilliert und nur das mit Silber verunreinigte Gold als Rückstand verbleibt. Das Plattnersche Verfahren arbeitet anders. Nach ihm unter» ßieht man die gepulverten Erz« einer starken Nöstung und läßt so- dann einen regelmäßigen Strom von Chlorgas über sie streichen, der alles vorhandene Gold in wasserlösliches Chlorgold verwandelt. Man ist daher in der Lage, das Gold mit Wasser zu extrahieren, mit Hilfe von Schwefelnatrium als Schwefelmetall zu fällen und durch einfaches Ausglühen unter Zusatz von Salpeter und Borax in metallisches Gold überzuführen. Oder aber man reduziert die Goldlösung mit Eisenvitriol und verschmilzt das ausfallende Gold- Pulver mit Hilfe von Borax zu metallischen Klümpchen. Der sogenannte Forrestprozeß oder das Cyankaliumverfahren Ist eine Erfindung des geistvollen Schotten Mac Arthur Forrest. (£8 besteht darin, daß man die goldhaltigen Erze mit einer ver- dünnten Lösung von Cyankalium auszieht, wobei sich unter Mit- Wirkung von Sauerstoff, der der Luft oder geeigneten Oxydations- Mitteln, wie Mangansuperoxyd oder Wasserstoffsuperoxyd, cnt- nommen sein kann, das in Wasser lösliche Kaliumaurocyanid bildet. AuS dieser Cycunidlauge läßt sich das Gold dann leicht durch Zusatz von Zinkspänen oder auf elektrolytischem Wege niederschlagen. Daß dieses Verfahren eine große Zukunft hat, beweist seine ausgedehnte Anwendung auf den gewaltigen Goldstätten Transvaals. Wie bereits oben erwähnt, besitzt das Gold stets sehr beträcht- liche Beimengungen von Silber. Um sie voneinander zu trennen, existieren eine ganze Anzahl Scheidungsmethoden, von denen die gebräuchlichsten die Behandlung mit Salpetersäure oder mit Königs- Wasser sind. Im ersteren Falle geht das Silber als Silbernitrat in Lösung, während das Gold unangegriffen zurückbleibt, in letzterem Falle geht das Gold als Goldchlorid in Lösung, während das Silber als Chlorsilber verbleibt. Das Gold wird aus der Goldchloridlösung durch Ferrosulfat wieder abgeschieden. ES ist nun nicht uninteressant, einen Blick auf die Goldpro» duktion der einzelnen Länder zu werfem wobei wir feststellen müssen, daß die Fundstätten des Goldes einem außerordentlichen Wechsel unterworfen sind. Während im Altertum und im Mittel- alter hauptsächlich Kleinasicn und Südamerika ernstlich in Frage kamqn, spielen neuerdings die reichen Goldlager Alaskas, Kali- forniens, Australiens, des Transvaals und Sibiriens die Hauptrolle. Neuerdings will es scheinen, als ob die Natur in den unwirtlichen Polargcgenden und ihren Nachbarländern besonders große Mengen deS kostbaren Metalls aufgespeichert hat und die weitere Er- schließung von Klondike und Grönland dürfte noch überraschende Funde auf diesem Gebiete bringen. Zurzeit dürften die Verhält- nisse so liegen, daß Amerika und Australien je 66 006 Kilogramm, Rußland und Transvaal je 30 000 Kilogramm produzieren, während die übrigen Länder erst in großem Abstände mit ihrer Gold- Produktion folgen. So kommen Deutschland mit 4000 Kilogramm und Ungarn-Siebenbürgen mit 3600 Kilogramm auf dem allge- meinen Geldmarkt der Goldproduktion kaum in Frage. kleines feiiilleton. Hygienisches. D i e Verhütung des Hitzschlages. Da man die Entstehungsursachen des Hitzschlages genau kennt, so dürfte es nicht allzuschwcr sein, ihn zu verhüten. Man weiß, daß intensive Ein- Wirkung der Sonnenstrahlen, große Hitze bei schwüler, feuchter Luft, andauernde Muskelanstrengungen bei ungenügender Flüssigkeitsaufnahme gerne zu Hitzschlag führen. Militärische Märsche in geschlossener Kolonne, forciertes Bergsteigen durch er- wärmte Felswände bieten besondere Gefahr für den Hitzschlag. Es wird daher ärztlicherseits angeraten, bei größeren Fuß- Wanderungen öfters an schattigen Plätzen Halt zu machen und als Getränk leichten Kaffee oder Tee. ohne Zucker, oder Wasser. vermischt mit Fruchtsäuren einzunehmen. Der Oberkleider soll man sich so weit wie möglich entledigen, auf alle Fälle eng an- liegende, warme Kleider, eng anliegende Hals- oder Blusekragen meiden, Exzesse aller Art, namentlich zu reichliche Nahrungsavf- nähme sind zu unterlassen. Während der heißesten Mittagszeit soll nicht marschiert werden, bei marschierenden Kolonnen sind die Reihen möglichst auseinanderzuziehen, um die Zirkulation der Luft und eine große Wärmeabgabe zu ermöglichen. Der vom Hitzschlag Betroffne ist an einen schattigen Platz zu bringen, man öffne vor allem alle beengenden Kleidungsstücke, führe ihm frische Luft zu und mache kalte Umschläge. Ist das Gesicht gerötet, so lege man den Kopf hoch, ist es blaß, dann muß er tief gelagert werden. Dann soll man den Kranken in ein nasses Leintuch ein- schlagen, reibe ihn mit einem feuchten Tuch ab oder begieße ihn mit kaltem Wasser. Schluckt der Kranke, dann gebe man ihm reich- lich Wasser, leichten Tee oder Kaffee. In leichteren Fällen tun Riechmittel, wie Salmiakgeist und Hoffmannstropfen gute Dienste. Lebensfähigkeit von krankheitserregenden Keimen in Kehricht und Müll. Aus Wohnzimmern zu- sammengefegter Kehricht wurde in Reagenzgläschen in einer Höhe von etwa 7 Zentimetern aufgeschichtet und mit 24stündigen Agar- kulturen von Typhus-, Paratyphus-, Dysenterie-, Cholera- und Milzbrandbazillen geimpft. Diese Reagenzgläser hob Dr. H i l- g e r m a n n(Archiv für Hygiene) bei Zimmertemperatur und zerstreutem Tageslicht auf. Außerdem fand nach bestimmten Zeit- räumen die Herstellung einer Emulsion des Kehrichtes in Bouillon und Verimpfung auf verschiedene Nährböden statt. Ferner wurden zirka 1 Zentimeter große, sterile, in Bouillonkulturen der er- wähnten Bakterien getränkte und wieder getrocknete Leinwand- läppchen in das Innere des Kehrichtes gebracht, leicht mit diesem durchgeschüttelt und nach verschieden langem Verweilen in dem Kehricht untersucht. Die Versuchsanordnung gestattete außer- dem eine Prüfung der Proben bei Sonnenbestrahlung, Keller- tempcratur und bei Einwirkung von Witterungseinflüssen im Freien. Entsprechende Versuche wurden mit Müll(Asche und Küchenabfälle) vorgenommen, hier jedoch unter Benutzung der üblichen Mülleimer. Als Ergebnis der gesamten Versuche ist be- merkenswert, daß in Stubenkehricht Typhusbazillcn über 40, Paratyphusbazillcn und Milzbrandbazillen sogar über 30 Tage lebensfähig waren, während Tysentcriebazillen schon nach 19 Tagen abstarben und Choleravibrionen sich überhaupt schon nach 24 Stunden nicht mehr nachweisen ließen. In dem aus Kohlen- asche bestehenden Mülle hielten sich Typhus-, Paratyphus- und Dysenteriebazillen besonders lange lebensfähig(Typhus IIS. Paratyphus 136 Tage). In Küchenabfällen währte die Lebens- fähigkeit, wahrscheinlich wegen der auftretenden Fäulnis, bei Typhus- und Tysentcriebazillen nur 4 bezw. 3 Tage und bei Paratyphusbazillcn 24 bezw. 20 Tage. Auch der Staub in der Uiugebung der init Typhusbazillen infizierten Stoffstückchen er- wies sich als infektiös.— Diese Untersuchungen sind für das tag- liche Leben sehr wichtig und zeigen uns, wie notwendig die Rein- lichkeii im Haushalte ist. lverantw. Redakteur: Georg Dnvidsohn, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin ZW.